Gliederung
Einleitung
1. Historischer Abriss
2. Begriffserklärungen
2.1 Definition geistige Behinderung
2.2 Definition Sexualität
3. Menschliche Entwicklung
3.1 Allgemeine Entwicklungsphasen
3.1.1 Orale Phase: Vertrauen çè Misstrauen
3.1.2 Anale Phase: Autonomie çè Zweifel
3.1.3 Phallische Phase: Iniative çè Schuldgefühl
3.1.4 Latenzphase: Leistung çè Minderwertigkeit
3.1.5 Pubertät: Identität çè Rollenverwechslung
3.2 Sexualentwicklung geistig behinderter Menschen
4. Bedeutung von Sexualität und Partnerschaft für geistig
behinderte Menschen
4.1 Bedeutung von Sexualität
4.2 Bedeutung von Partnerschaft
5. Verhaltensweisen der Sexualität
5.1 Sexueller und genitaler Infantilismus
5.2 Selbstbefriedigung
5.3 Heterosexualität
5.4 Homosexualität
5.5 Abnormes Sexualverhalten
6. Sexueller Missbrauch bei Menschen mit geistiger Behinderung
7. Empfängnisverhütung
7.1 Antibabypille
7.2 Implantat
7.3 Intra-Uterin-Pessar (Spirale)
7.4 Diaphragma
7.5 Spermicide
7.6 Kondom
7.7 Sterilisation
8. Sexualpädagogische Grundlagen
8.1 Sexualerziehung
8.2 Auswahl und Beurteilung von Materialien
9. Konzepte und Materialien
10. Schlussbemerkung
11. Anmerkungen
12. Literaturverzeichnis
Einleitung
Zu diesem Diplomthema habe ich mich durch mehr oder weniger regelmäßige Kontakte mit geistig behinderten Menschen anregen lassen. In den meisten Praktika, die ich im Laufe meiner Schulausbildung absolvierte, kam das Thema „Sexualität und geistige Behinderung“ kaum bis gar nicht zur Sprache. Als ich in der dritten Klasse der Fachschule für Sozialberufe I ein Praktikum im de La Tour Treffen -Lindenschlössel hatte, lernte ich eine junge Frau mit geistiger Behinderung und Epilepsie kennen. Sie erzä hlte mir von ihrem Freund, der damals noch im gleichen Umfeld, in der Meierei, lebte, und ihrem gemeinsamen Liebesleben. Einmal pro Woche durfte er sie im Speisesaal des Lindenschlössels besuchen und einmal pro Woche besuchte sie ihn in seinem Zimmer in der Meierei. Von Betreuerinnen der Einrichtung erfuhr ich nur, dass sie vom Frauenarzt die Spirale eingesetzt bekommen hatte. Auf weitere Fragen wurde leider nicht eingegangen. Zu meinem Bedauern musste ich während meines Sommerpraktikums, welches ich im Rahmen der Lehranstalt für Heilpädagogische Berufe absolvierte, erfahren, dass diese Partnerschaft nicht mehr bestand. Der junge Mann wurde in einer anderen Institution untergebracht.
Weiteres erfuhr ich in der zweiten Klasse der Fachschule für Sozialberufe II im Unterricht - Methodik und Didaktik der Behindertenarbeit - mehr zu diesem Thema. Seit dieser Zeit, begann ich mich mehr mit der Sexualität geistig behinderter Menschen zu beschäftigen. Also lag kein Thema näher für meine Diplomarbeit als dieses.
In Gesprächen mit Freunden und Bekannten stieß ich immer wieder auf die gleichen Vorurteile, die auch in der einschlägigen Literatur behandelt wurden. Eines der größten Vorurteile ist wohl, dass Behinderte - egal ob körperlich oder geistig behindert - keine Sexualität brauchen bzw. dass diese Menschen gar nicht wissen, was Sexualität, Gefühle oder Zärtlichkeiten sind.
Meine Meinung wird jedoch durch die Bedürfnispyramide von Abraham H. Maslow gestärkt: Sexualität, Liebe und Zärtlichkeit ist genauso ein Grundbedürfnis wie Nahrung, Kleidung, Schlaf und das Gefühl der Sicherheit und der Selbstverwirklichung.
Mit meiner Arbeit möchte ich die Schwierigkeiten und Probleme geistig behinderter Menschen und deren Sexualität, die zum größten Teil durch ihr soziales Umfeld
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entstehen, ansprechen. Mein Ziel ist es auch, die Leser meiner Diplomarbeit zum Nach- und vielleicht zum Umdenken zu bewegen.
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1. Historischer Abriss
Da es aus der Vergangenheit nur vage Angaben über das Leben behinderter Menschen gibt, und noch weniger über geistige Behinderung und Sexualität, beschreibt der historische Abriss eher die allgemeinen Lebensumstände behinderter Menschen.
Im Mittelalter wurde Krankheit und Behinderung als Strafe Gottes für das sündenreiche Leben der Eltern gesehen. Die Behinderten endeten als Bettler, Hexen oder Besessene auf Folterwerkzeugen oder am Scheiterhaufen. Zwischen 1560 und 1630 glaubte man, dass die Kinder vom Teufel gegen einen Wechselbalg, ein Stück Fleisch ohne Seele, ausgetauscht wurden. Die sofortige Taufe, Heiligenbilder und Bibeltexte galten als Schutz. Um den Tausch rückgängig zu machen, gab man den Kindern kein Essen, schlug sie mit geweihten Ruten oder setzte sie aus bzw. wurden sie getötet.
Die äußerlich Missgestalteten, die geistig Zurückgebliebenen, die die Folter oder den Scheiterhaufen überlebten, wurden auf sog. „Narrenschiffe“ gebracht. So setzte man sie an irgendeinem anderen Ort aus.
In anderen Gebieten kamen die fresssüchtigen Wasserköpfe, die der Sprache nicht mächtig waren und nur wunderliche Gebärden und Verrenkungen machten, in „Narrentürme“ und konnten so die Neugier der Bevölkerung befriedigen. 1)
„In einigen der Narrentürme Deutschland sind Gitterfenster eingebaut worden, die den Außenstehenden erla ubten, die darin angeketteten Irren zu beobachten.
Sie boten auf diese Weise ein Schauspiel an den Toren der Stadt.“ 2)
Ende des Mittelalters begann die Armenfürsorge und es wurden hospitalähnliche Einrichtungen gebaut. Dort bekamen die Insassen ein Minimum an Verpflegung, die sie gerade so am Leben erhielt.
Gläubige Sünder konnten sich durch Almosen von ihrer Schuld „freikaufen“. So wurde die Grundlage der gesamten Armen- und Krankenfürsorge gelegt. Die Aufklärung war das Zeitalter des Rationalismus. Behinderungen wurden nicht mehr auf die Religion zurückgeführt, sondern naturwissenschaftlich erforscht. Der besessene oder animalisch angesehene Irre rückte immer mehr ins Blickfeld der medizinisch-psychiatrischen Wissenschaften. 3)
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„Die Welt der Vernunft wurde seither vor irrationalen Lebensentwürfen bewahrt, und die sog. „Normalität“ als alleinige Daseinsberechtigung etabliert. Dies ist sicherlich einer der Hauptgründe dafür, dass die „Ver-rückten“, deren Hauptvergehen im wesentlichen darin besteht, der Erwartungs-Norm „ent-rückt“ zu sein, bis in unsere Zeit am Rande der Metropolen in eigens dafür errichteten Bewahrungsanstalten ihr Dasein fristen.“ 4)
Im Zeitalter der Vernunft entstand auch die Idee der allgemeinen Volksbildung. Daraufhin wurde auch die Möglichkeit einer sozial bedingten Entwicklungsverzögerung diskutiert.
Beispiel dafür, ist die Istard-Pinel-Kontroverse. Sie fanden ein ca. elf jähriges „Wildkind“, welches ohne menschliche Gesellschaft aufwuchs. Pinel diagnostizierte bei dem Jungen eine „irreversible Idiotie“. Istard hingegen versuchte mit (heil-) pädagogisch-therapeutischen Methoden die Sozialdefizite zu revidieren. Diese Kontroverse führte schließlich zum Versuch Seguins, geistig behinderte Kinder zu fördern. 5)
Die in Europa beginnende Industrialisierung verlangte Pünktlichkeit und Enthaltsamkeit. Es wurde zu einer bürgerlichen Tugend, dass Sexualität nur innerhalb der Ehe vollzogen werden dufte. Diese sexualfeindliche Erziehung führte dazu, dass Behinderte nachts Fesseln und Glocken angelegt bekamen oder gar sterilisiert wurden. 6)
Von den Arbeitern wurde intellektuelle/technische Fertigkeiten, um Maschinen bedienen zu können, gefordert. Nur Gebildete waren qualifiziert. So versuchte man auch im Schulsystem einen Standard zu schaffen und sonderte die Schwachen in Hilfsklassen aus. Dies führte zur Auslastung der Regelschulen, die ihrem Bildungsauftrag wieder nachkamen.
Der Taubstummenlehrer Stötzner gründete 1864 die erste Schule für Schwachbefähigte. Er versuchte aus den „Schwachsinnigen“ noch einen Nutzen für die Gesellschaft zu machen. Diese kamen dann als Hilfspersonal in die Industrie. Gleichzeitig entwickelte sich auch die Anstaltsfürsorge. Die Träger waren meist kirchliche, private Orden mit karitativen, religiösen und humanitären Absichten. Die „Warm-Satt-Sauber“ Pflege konnten nur Bewohner aus reichem Hause in Anspruch nehmen, da die teure Pflege selbst bezahlt werden musste. Letztendlich setzten sich die kostengünstigeren Hilfsschulen durch und schwerst behinderte Menschen wurden an Idiotenanstalten überwiesen.
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Mit den Anfängen der Psychiatrie stieg das Interesse an geistig Behinderten, später auch am „Irresein“.
Die Idiotenanstalten unterlagen einer ärztlichen Führung, um Behandlungsmöglichkeiten zu erforschen. Wobei geistige Be hinderung und psychische Erkrankung unterschieden wurden. Im Gegensatz zu geistiger Behinderung brauchten psychisch erkrankte Menschen ärztliche Betreuung. Das Interesse der Ideologie und Wissenschaft lag an endogenen krankhaften Prozessen und die Patienten wurden nur auf ihre Defizite reduziert. Johann Christian Reil, Grundforscher der Psychiatrie, entwickelte eine dreistufige Klassifikation des Blödsinns. Von der „Demarkationslinie zwischen gesunden Menschenverstand und anfangenden Blödsinns“ bis zum „äuß ersten Grade des Blödsinns“. Der Kranke gleicht einem Tier; vegetiert ohne Begriffe, Urteile, Leidenschaften und Gefühlen vor sich hin.
Durch die Klassifikation wurde den Behinderten Entwicklung und Gefühle abgesprochen. Reil forderte auch eine Trennung zwischen Heil- und Unheilbaren. Heilbare wurden in Irrenheilanstalten und Unheilbare in Irrenbewahrungsanstalten untergebracht.
Ca. 100 Jahre später entwickelte Emil Kreaplin ein anderes dreistufiges Klassifizierungssystem. Von sog. Schwachsinnsformen, welches sich bis heute erhalten hat. Er unterscheidet „Debilität“ (IQ 67-52), „Imbezillität“ (IQ 51-20) und „Idiotie“ (unter 20). Kraeplin forderte auch wieder die Zusammenlegung in „Heil-und Pflegeanstalten“. Jedoch wurden Unheilbare in konfessionelle Einrichtungen abgeschoben, die von Theologen und Pädagogen geleitet wurden. 7) Um 1930 setzten sich die Faschisten mit einer Vielzahl von Gesetzen und Terrorakten durch und schafften es, den unbrauchbaren, bildungsunfähigen Kindern das Schulrecht zu entziehen. Auch ein eugenisches Zwangssterilisationsgesetz, unter das auch geistig Behinderte fielen, wurde beschlossen. Ca. 350.000 Personen wurden sterilisiert.
Ab 1947 durften die gesetzlichen Vertreter der geistig Behinderten über die Sterilisation entscheiden. Zwar gab es Gegner dieses Gesetzes, doch diese konnten nichts an dem Entwurf ändern. 8)
„Dies führte zu einer jahrzehntelangen Zwangsterilisation an Menschen mit geistiger Behinderung...Neben der Lebenserwartung der Träger schwerster
Erleiden...brauche ein Kulturvolk eine Eugenetik.“ 9)
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Arbeit zitieren:
Solvejg Brennig, 2001, Sexualität und Sexualerziehung von geistig behinderten Menschen, München, GRIN Verlag GmbH
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