Inhalt
1 EINLEITUNG 5
2 DIE MÖGLICHKEIT DER IDENTITÄT 6
2.1 Die Replica-Theorie 6
2.2 Die Replica-Debatte 7
2.2.1 Körperliche Kontinuität oder Entscheidung 7
2.2.2 Mehrere Kopien 9
2.2.2.1 Die Bedeutung der Möglichkeit 9
2.2.2.2 Alle sind identisch 10
2.2.2.3 Keine ist identisch 11
2.3 Beurteilung 12
2.3.1 Vorüberlegungen 12
2.3.2 Die Argumentation der Verteidiger der Theorie 14
2.3.3 Die Argumentation der Gegner der Theorie 17
2.3.4 Identität ist möglich 17
3 IDENTITÄT DURCH DIE SEELE (J. HICK) 19
3.1 Grundzüge der Eschatologie Hicks 19
3.1.1 Die Vollendung des Menschen im Endzustand 19
3.1.2 Entwicklung durch viele Leben 21
3.1.3 Der Übergang ins nächste Leben 24
3.2 Hicks Lösung des Identitätsproblems 25
3.3 Beurteilung 26
3.3.1 Würdigung 26
3.3.2 Einwände 28
3.3.2.1 Körperunabhängige Seele 28
3.3.2.2 Identität ohne Leib 29
3.3.2.3 Mehrere Leben 30
3.3.3 Fazit 31
3
4 IDENTITÄT DURCH GOTT (W. PANNENBERG) 32
4.1 Grundzüge der Eschatologie Pannenbergs 32
4.1.1 Die Vollendung in der Zukunft des Reiches Gottes 32
4.1.2 Verwandlung in Auferstehung und Gericht 34
4.2 Pannenbergs Lösung des Identitätsproblems 37
4.3 Beurteilung 40
4.3.1 Einwände 40
4.3.2 Die Leiblichkeit der Auferstehung 42
4.3.3 Veränderung des Lebensinhaltes 43
4.3.4 Der Massstab des Gerichts 44
4.3.5 Die interne Instanz 45
4.3.6 Individuelle Bestimmung 46
4.3.7 Zwei unterschiedliche Identitätsbegründungen 49
4.3.8 Fazit 51
5 DIE WIRKLICHKEIT DER IDENTITÄT 51
5.1 Die eschatologische Wirklichkeit 51
5.1.1 Die Erfüllung der Bestimmung 51
5.1.2 Eschatologische Existenz 52
5.1.3 Eschatologische Identität 53
5.2 Konsequenzen 54
5.2.1 Konsequenzen für das gegenwärtige Leben 54
5.2.2 Konsequenzen für Tod und Auferstehung 54
4
1 Einleitung
„Was tröstet dich der Artikel vom ewigen Leben?“ heisst die 58. Frage im Heidelberger Katechismus. Die Antwort darauf lautet: „Dass, nachdem ich jetzt den Anfang der ewigen Freude in meinem Herzen empfinde, ich nach diesem Leben vollkommene Seligkeit besitzen werde […]“. 1
In der vorliegenden Untersuchung geht es um das Wort, das in der Antwort zweimal vorkommt: „ich“. Das erste Ich ist das gegenwärtige Ich einer glaubenden Person, das zweite das künftige Ich einer Person, die jenseits der Grenzen dieses Lebens im ewigen Leben existieren wird. Wer den Satz nachspricht oder liest, setzt selbstverständlich voraus, dass es sich bei beiden Nennungen um dasselbe Ich handelt. Wer jedoch genauer darüber nachdenkt, erkennt, dass dies keineswegs ein selbstverständlicher Sachverhalt ist. Stellt er sich den Übergang ins ewige Leben so vor, dass nur die Seele der jetzigen Person den physischen Tod überleben und ins ewige Leben gelangen wird, muss er sich die Frage gefallen lassen, ob die künftige Person, die nur noch aus einem Teil der jetzigen bestehen wird, noch dieselbe wie die jetzige genannt werden kann. Wenn er aber davon ausgeht, dass die jetzige Person ganz sterben und ganz zu neuem Leben erweckt werden wird, sieht er sich mit dem Verdacht konfrontiert, dass die künftige Person eine blosse Kopie der jetzigen sein könnte. Diese und zahlreiche weitere Probleme stellen sich, wenn man nach der Identität im ewigen Leben, dem Gegenstand dieser Untersuchung, fragt.
Ob und wie die Person des jetzigen Lebens und die des ewigen Lebens miteinander identisch sein können, sind die Leitfragen, an denen sich die Untersuchung orientieren wird. Entsprechend soll zuerst anhand der Replica-Debatte erörtert werden, ob persönliche Identität über den physischen Tod hinweg überhaupt logisch möglich ist. Danach ist der Frage nach dem Wie der Identitätserhaltung am Beispiel zweier profilierter Vo rschläge, demjenigen von John Hick und demjenigen von Wolfhart Pannenberg, nachzugehen, und schliesslich werden die im Verlauf der Untersuchung gewonnenen Erkenntnisse in Form einer kurzen Skizze zu einem eigenen Vorschlag zusammengetragen werden.
1 Der Heidelberger Katechismus, 35.
2 Die Möglichkeit der Identität
2.1 Die Replica-Theorie
Weil es nicht möglich sei anzugeben, unter welchen Bedingungen der Satz „Gott existiert“ falsifiziert werde, sei er keine empirische Feststellung, 2 war die Quintessenz eines kurzen Aufsatzes von A. Flew in den Fünfzigerjahren. 3 John Hick entgegnete, 4 es gebe Aussagen, die zwar nicht falsifiziert, aber dennoch verifiziert werden können, und erläuterte dies am Beispiel der Behauptung, in der dezimalen Bestimmung der Zahl π käme dreimal hintereinander die Ziffer 7 vor. 5 Der Satz „Gott existiert“ gehöre zu dieser Gruppe von Aussagen, denn die Erfahrung der Herrschaft Jesu Christi nach der Auferweckung würde die Autorität Jesu bestätigen und somit indirekt auch seine Lehre über Gott. 6 Um die Möglichkeit solcher Verifikation aufzuweisen, sah Hick sich genötigt, die logische Möglichkeit der Auferweckung einsichtig zu machen und also darzulegen, dass tatsächlich dieselbe Person in einer Welt sterben und in einer andern auferweckt werden könne. Dazu entwickelte er seine Replica-Theorie, die er anhand von drei imaginären Fällen darstellte und die folgendermassen skizziert werden kann: 7
1. Die Person X 1 verschwindet am irdischen Ort A (z.B. London), und im nächsten Moment erscheint die Person X 2 , eine genaue Kopie („an exact replica“; 8 inkl. Körper, Charakter, Erinnerung usw.) von X 1 , am irdischen Ort B (z.B. New York). Da X 2 sich selber für X 1 halten würde und auch von den Bekannten und Verwandten für X 1 gehalten würde, stellt Hick fest, dass die Faktoren, die für eine Identifizierung von X 2 mit X 1 sprechen, diejenigen, die dagegen sprechen, weit überwiegen. Deshalb kommt er zum Schluss, dass es sinnvoller sei, die beiden für identisch zu halten, als nicht und dass der Begriff „dieselbe Person“ („the same person“) entsprechend ausgeweitet werden müsse. 9
2 Vgl. Flew, 98f.
3 „Theology and Falsification“ (zuerst abgedruckt in der Zeitschrift University von 1950-51; Tooley, 177).
4 Zuerst in „Faith and Knowledge“ (Ithaca 1957; Tooley, 177), dann auch im Aufsatz „Theology and Verification“ (1960).
5 Hick, Theology, 16.
6 Hick, Theology, 29. Zum Augangsproblem der Verifizierbarkeit bzw. Falsifizierbarkeit der Existenz Gottes, das in dieser
Arbeit nicht weiter zu verfolgen ist, vgl. Dalferth, Existenz Gottes, 183f., wo beides aufgrund der nichtontischen Ge-
genständlichkeit Gottes prinzipiell bestritten wird.
7 Die Skizze gründet v.a. auf der Version der Replica-Theorie, wie sie in „Death and Eternal Life“ zu finden ist.
8 Hick, Theology, 22.
9 Hick, Death, 280f.
6
2. X 1 stirbt (plötzlich) am irdischen Ort A, und im nächsten Moment erscheint X 2 , eine genaue Kopie von X 1 kurz vor ihrem Tod, am irdischen Ort B. Auch in diesem Beispiel müssen die beiden aus den gleichen Gründen wie im ersten für identisch gehalten werden. 10
3. X 1 stirbt am irdischen Ort A, und im nächsten Moment erscheint X 2 in einer anderen Welt in einem andern Weltraum, der zu dem, in dem wir uns jetzt befinden, in keiner räumlichen Relation steht. 11 X 2 erkennt an ihrer Erinnerung an ihr Liegen auf dem Totenbett, an der neuen Umgebung und an den Leuten, die ihr als bereits Gestorbene bekannt sind, dass sie gestorben und nun wieder auferweckt worden sein muss, und hegt keinen Zweifel, identisch mit X 1 zu sein. 12 Hick findet deshalb, dass auch hier die Entscheidung zugunsten der Identität fallen müsse.
Vorausgesetzt wird in diesen drei Beispielen, die die Möglichkeit der Auferweckung nachweisen sollen, dass der Mensch eine unauflösbare psychophysische Einheit ist, dass die Auferweckung die (göttliche) Schaffung einer exakten psychophysischen Kopie der Original-Person bedeutet, dass es mehrere Welträume gibt (wobei innerhalb desselben Raumes alle Objekte in einer Relation zueinander, aber nicht zu Objekten eines andern Raumes stehen) und dass eine Person, die im Raum 1 stirbt, entweder sofort danach oder etwas später im Raum 2 erscheint. 13
2.2 Die Replica-Debatte
Im Anschluss an diese Theorie entwickelte sich eine jahrzehntelange Debatte, deren wesentliche Argumente im Folgenden dargestellt werden sollen.
2.2.1 Körperliche Kontinuität oder Entscheidung
Ein Argumentationsgang der Diskussion entzündete sich daran, dass Identität in Hicks Theorie eine Sache der Entscheidung sei. T. Penelhum stellte fest, dass es durchaus möglich sei, sich für die Identität von X 1 und X 2
10 Ebd., 284.
11 Sowohl bei der Replica-Theorie als auch bei seiner Vorstellung einer sich über mehrere Leben hinweg entwickelnden Seele
(die in 3 zu besprechen ist) setzt Hick die Existenz von räumlich nicht aufeinander bezogenen Welten voraus. Daraus
folgt für Hick jedoch nicht, dass die Welten auch zeitlich in keiner Bezogenheit stehen. Obwohl den Bewohnern einer
Welt nur jeweils die Zeit in ihrer Welt bewusst sein kann, so könnte doch ein göttlicher Geist die zeitlichen Relationen
zwischen den Welten kennen (ebd., 290), d.h. alle Wiederverkörperungen finden letztlich vor dem Hintergrund einer ab-
soluten, linearen Zeit statt. Es ist für Hick deshalb kein Problem, von einem Nacheinander, von Erinnerung, von Gleich-
zeitigkeit usw. in bezug auf Wiederverkörperungen zu sprechen.
12 Ebd., 284f.
13 Vgl. ebd., 278-280. Aufgrund von Unklarheiten in „Theology and Verification“ kam es zu Missverständnissen bezüglich
dieser Voraussetzungen (vgl. z.B. Audi, 395-400), die von Hick in „Death and Eternal Life“ jedoch klargemacht bzw.
korrigiert wurden und auf die einzugehen im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen würde.
7
zu entscheiden, dass es aber ebenso gut möglich sei, die betreffende Entscheidung zugunsten von „very close similarity“ zu fällen; 14 denn eine eindeutige Identifizierung sei nur möglich, wenn körperliche Kontinuität festgestellt werden könne. 15 Aus der Uneindeutigkeit der Identifizierung folgerte er, dass auch eine Beschreibung des Auferstehungslebens zweideutig bleiben müsse, 16 womit er wohl vor allem die Ungewissheit, ob Gott wirklich uns auferwecken wird, meinte. Gestand Penelhum auf diese Weise Hick immerhin die Möglichkeit zu, dass eine Entscheidung zugunsten der Identität gefällt werden könnte, schlossen andere diese Möglichkeit überhaupt aus: 17 Eine Person, die später als X 1 zur Existenz kommt, könne nicht X 1 sein, behauptete R. Audi unter Voraussetzung numerischer Identität und fügte hinzu, 18 eine Ausweitung des Begriffs „dieselbe Person“ in der von Hick vorgeschlagenen Weise helfe da gar nichts. „This would simply collapse the distinction between numerical identity and exact similarity.“ 19
Hick entgegnete, dass Identität nicht nur in seiner Replica-Theorie eine Sache der Entscheidung sei, sondern auch in Fällen, wo körperliche Kontinuität vorhanden sei, eine solche sein könne und illustrierte dies an J. Lockes Beispiel vom Prinzen, dessen Bewusstsein, Erinnerung und Persönlichkeit in den Körper eines Flickschusters versetzt wurden (und umgekehrt). 20 Auch körperliche Kontinuität würde also die Frage der Identität nicht von ihrem Entscheidungscharakter befreien. Unterstützt wurde Hick in bezug auf die Frage, ob körperliche Kontinuität für die Feststellung der Identität notwendig sei, durch Argumente von R. Purtill, 21 die davon augehen, dass ein Körper nicht ununterbrochen beobachtet und seine Kontinuität deshalb gar nicht zweifelsfrei erwiesen werden könne. 22
Weiter wurde der Forderung körperlicher Kontinuität entgegengehalten, dass Personen anderes als blosse Materie seien und durch strukturelle oder psychologische Kontinuität bzw. Erinnerung Lücken in der materiel-
14 T.Penelhum, Survival and Disembodied Existence, New York 1970, 100f. (Zitat bei Hick, a.a.O., 288).
15 Hick, a.a.O., 288. Unter Berücksichtigung der vorausgesetzten psychophysischen Einheit des Menschen bezeichnet G.
Loughlin dieses Kriterium als „the requirement that one be able to give, at least in principle, a unique continuous de-scriptive history of the person in question“ (Loughlin, 307).
16 Hick, a.a.O., 288.
17 Vgl. Loughlin, 307: „Identity is a matter of fact, not convention.“
18
Vgl. Audi, 398. Ähnlich auch Tooley, 181: „
not say that the resurrection world person was identical with A. So why should we say this if God chooses the time of A’s
death as the time at which to create the replica?“
19 Audi, 398.
20 Hick, a.a.O., 288
21 Dargestellt hat Purtill diese Argumente in seinem Aufsatz „Disembodied Survival Again“ (Canadian Journal of Philoso-
phy 7 [1977], 125-132; Craighead, 52, Anm. 8).
22 Craighead, 52f.
8
len Kontinuität überleben können, ohne ihre Identität zu verlieren. 23 Die psychophysische Individualität sei nicht von numerischer Identität abhängig, sondern vom Muster oder Code, dessen Exemplifikation die betreffende Person sei, 24 also nur von qualitativer Identität.
2.2.2 Mehrere Kopien
Um die Absurdität der Behauptung der Identität von X 2 mit X 1 aufgrund blosser qualitativer Identität aufzuweisen, wurde der Fall in die Diskussion eingeführt, dass Gott mehr als eine Kopie von X 1 (neben X 2 also auch X 3 , X 4 usw.) in der Auferstehungswelt herstellen könnte. Diese Möglichkeit sollte zeigen, dass die Replica- Vorstellung,die diese Möglichkeit in sich trägt, dem Konzept der Einzigkeit der Person widerspreche, 25 wobei vorausgesetzt wurde, dass es nur in der Auferstehungssituation Verhältnisse geben kann, in denen auf eine Ursprungsperson mehrere Fortsetzungen dieser Person folgen (sog. One-many-Beziehungen). 26 Dennoch wurde als bald gefragt, wie es sich in diesem Fall mit der Identität verhalte: Ist keine der Kopien mit X 1 identisch, nur eine oder alle? Wenn nur eine mit X 1 identisch sein soll, bleiben die Fragen, welche von beiden und warum nicht die andere. Werden hingegen alle Kopien als mit X 1 identisch bezeichnet, sind sie auch unterein-ander identisch. 27
2.2.2.1 Die Bedeutung der Möglichkeit
Hick gab zu, dass, falls dieser Fall auftreten würde, keine der Kopien mit dem Original identisch wäre: „
23 Vgl. Dilley, 465f.; Loughlin, 308.
24 Vgl. Hick, Death, 283.
25 Loughlin, 310; vgl. 2.3.3.
26 Vgl. Abbildung 2.
27 Vgl. Hick, a.a.O., 290.
28 Ebd.
29 In seinem Aufsatz „John Hicks Resurrection“ (Sophia 10 [1971]; Hick, a.a.O., 296, Anm. 15).
30 Ebd.; vgl. Loughlin, 310.
9
Suppose that last week I was in New York and now I am in London. It would be absurd for someone to argue that since there cannot now be two JH’s in London who are the same person as JH in New York last week, therefore there cannot be one JH in London now who is the same Person as JH in New York last week! 31
Mit dieser Illustration versuchte Hick, das Argument, das gerade den Unterschied der Auferweckungssituation, wo One-many-Beziehungen möglich sind, zur kontinuierlichen Situation, wo es nur One-one-Beziehungen geben kann, 32 aufzeigen wollte, von der einen in die andere Situation zu übertragen, um so seine Stichhaltigkeit zu widerlegen. Er anerkannte den Unterschied zwischen den beiden Situationen, den das Argument postulierte, nicht, sondern stützte sich auf die logische Möglichkeit, dass wir in einem Universum leben, in dem „one-for-one re-creations“ vorkommen können, 33 was aber eine wenig nützliche Ad-hoc-Hypothese war, 34 da sie das Problem der Möglichkeit lediglich auf eine andere Stufe verlagerte. 35
2.2.2.2 Alle sind identisch
Einen anderen Weg zur Verteidigung der
Replica-Theorie
beschritt F. Dilley, indem er die Identität aller mit allen behauptete: „
Sie scheiterte jedoch unter anderem am Gegenargument, dass die Kopien sich aufgrund verschiedener Erfahrungen in der Auferstehungswelt schon nach kurzer Zeit voneinander unterscheiden würden und mitnichten mehr als dieselbe Person bezeichnet werden könnten. 37
31 Hick, a.a.O., 292.
32 Die Begriffe finden sich z.B. bei Loughlin, 312.
33 Hick, a.a.O., 293.
34
Vgl. Loughlin, 310f.: „
be in the sort of universe in which only one replica of each person will in fact occur […] is an arbitrary and woeful ‘rep-
lica ex machina’.“
35 Da auch die (von Hick nicht bestrittene) Möglichkeit besteht, dass das Universum, in dem wir leben, many-for-one re-
creations zulässt, besteht nach wie vor ebenfalls die Möglichkeit der Existenz mehrerer Kopien.
36 Dilley, 469.
37 Vgl. Loughlin, 311; siehe auch 2.3.1.
10
2.2.2.3 Keine ist identisch
Für die der von Dilley gewählten entgegengesetzte Möglichkeit, die Identität bei Mehrfachreplikationen zu bestimmen, optierte D. Parfit. Auch ihm lag daran, die Möglichkeit der von Hick dargestellten Auferweckung zu verteidigen, doch versuchte er dies, indem er die Meinung der meisten Gegner der Replica-Theorie, keine der Kopien sei mit dem Original identisch, übernahm. Was ihn nun aber von den Gegnern unterschied, war seine Überzeugung, dass es gar nicht auf die Identität ankomme, sondern auf die „psychological connectedness“. 38 Eine Kopie in der Auferstehungswelt zu haben sei deshalb so gut wie normales Überleben, meinte er. 39
Die Vorteile dieses Kriteriums gegenüber demjenigen der persönlichen Identität bestehen darin, dass es auf One-many-Beziehungen anwendbar ist und auch unterschiedliche Grade zulässt. Dass bereits in diesem Leben nicht nur One-one-, sondern auch One-many-Beziehungen vorkommen und dass es deshalb jetzt schon die psychologische Verbundenheit sei, auf die es ankäme, demonstrierte er an konstruierten Beispielen wie (1) der Aufteilung des Hirns eines Menschen auf zwei Körper 40 oder (2) der kontinuierlichen Ersetzung von identitätsrelevanten Bestandteilen eines Menschen. 41 In beiden Fällen bleibt Parfit zufolge die Frage nach der persönlichen Identität leer, während die Frage nach der psychologischen Verbundenheit beantwortet werden kann.
Gegen Parfits Kriterium der psychologischen Verbundenheit wurde einerseits von T. Penelhum eingewandt, eine Kopie zu haben sei nur von einem utilitaristischen Standpunkt aus gesehen so gut wie normales Überleben, während die Gottheit der jüdisch-christlichen Tradition jedoch nicht utilitaristisch sei, was sich zum Beispiel an der sittlichen Verantwortung zeige: „ccording punishment (or, for that matter, forgiveness) to someone who resembles me and is willing to assume responsibility for my actions is not morally equivalent to according it to me“. 42 Für die Verantwortlichkeit des Menschen vor Gott spielt es Penelhum zufolge also sehr wohl eine Rolle, ob es sich um das Original oder um eine Kopie handelt. Andererseits argumentierte G. Loughlin, dass es illusionär sei, psychologische Zustände von der zugrundeliegenden Person zu abstrahieren und dass die psychologische Verbundenheit deshalb nur dort eine Rolle spiele, wo persönliche Identität ge-
38 Parfit,206; vgl. ebd., 215-217.
39 Ebd., 201.
40 Ebd., 253-266.
41 Ebd., 231-243.
42 Penelhum, 48. Ähnlich argumentiert Loughlin, wenn er fragt, was es einer Person ausmachen würde, wenn jemand anders
ihre Erinnerungen hätte oder ihre Absichten ausführen würde (Loughlin, 312f.). Zum Versuch, die Bestrafung einer Ko-
pie als pädagogische Massnahme zu rechtfertigen vgl. Loughlin, 306.
11
Arbeit zitieren:
Peter Schafflützel, 1996, Identität im ewigen Leben, München, GRIN Verlag GmbH
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