Danke, Frau Prof. Dr. Seiffge-Krenke, für die Bereitstellung der Daten für diese
Forschungsarbeit, sowie für die erstklassige Betreuung zur Diplomarbeit und ihre
Unterstützung, die weit darüber hinaus geht.
Danke an meine Eltern, die mich so lange finanziell unterstützt haben und auch in
in meinem Weg bestärkt haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 5
2. Theoretischer Hintergrund 8
2.1. Junge Erwachsene und deren Beziehung zu ihren Eltern 8
2.2. Soziologische Betrachtung des Auszugsverhaltens 11
2.3. Wann sind Jugendliche erwachsen 14
2.4. Wer sind die Spätauszieher 18
2.5. Auszugsverhalten aus der Sicht der Eltern 22
2.6. Der Einfluss des Auszugs auf die Familienbeziehungen 26
2.7. Auszugsverhalten als Identitätsbildungsprozess 29
2.8. Auszugsverhalten als Entwicklungsaufgabe 32
2.9. Auszugsverhalten als Aspekt des Bindungsverhaltens 36
2.10. Empirische Befunde zum Auszugsverhalten 42
2.11. Ableitung der Hypothesen 51
3. Methode 53
3.1. Stichprobe 53
3.2. Erhebungsinstrumente 54
3.2.1. Fragebögen und Erhebungen zu familiären
Beziehungen 56
3.2.2. Entwicklungsprogression und Symptombelastung 64
3.3. Statistische Verfahren 70
4. Ergebnisse 82
4.1. Deskriptive Beschreibung der Stichprobe 82
4.2. Bildung und Beschreibung der Gruppen mit unterschiedlichem
Leaving Home Pattern 84
4.3. Familienbeziehungen aus der Sicht von Personen mit
unterschiedlichem Leaving Home Pattern 92
4.3.1. Familienbeziehungen während der Adoleszenz 92
4.3.2. Die retrospektive Sicht von Familienbeziehungen in
der Adoleszenz 111
4.3.3. Die Beziehung der Eltern zueinander 114
4.3.4. Früheres und gegenwärtiges Bindungsverhalten in
Bezug auf die Eltern 114
5
4.3.5. Gegenwärtige Beziehung zu den Eltern 116
4.4. Allgemeine Adaptation: Entwicklungsprogression
und Symptombelastung 117
4.4.1. Realisierung von Entwicklungsaufgaben im Jugend-
und Erwachsenenalter 117
4.4.2. Symptombelastung während der Adoleszenz 120
4.4.3. Symptombelastung nach der Adoleszenz 124
5. Diskussion 125
5.1. Die Gruppe der Anderen 125
5.2. Demografische Daten 125
5.3. Familienbeziehungen aus der Sicht von Personen mit
unterschiedlichem Leaving Home Pattern 129
5.3.1. Einfluss des Familienklimas 129
5.3.2. Die Beziehung der Eltern zueinander 138
5.3.3. Früheres und gegenwärtiges Bindungsverhalten in
Bezug auf die Eltern 138
5.3.4. Die gegenwärtige Beziehung zu den Eltern 139
5.4. Allgemeine Adaptation: Entwicklungsprogression
und Symptombelastung 140
5.4.1. Die Realisierung von Entwicklungsaufgeben im
Jugend- und Erwachsenenalter 140
5.4.2. Symptombelastung während der Adoleszenz 142
5.4.3. Symptombelastung im jungen Erwachsenenalter 144
5.5. Kritik an der Studie 144
5.6. Forschungsausblick 146
6. Zusammenfassung 148
7. Literaturverzeichnis 149
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1. Einleitung
Der Auszug aus dem Elternhaus ist eines der zentralen Ereignisse im jungen Erwachsenenalter. Ein Jugendlicher entscheidet sich mit einem Auszug nicht nur für ein Leben mit mehr Freiheiten, außerhalb der Kontrolle der Eltern, sondern auch für ein Leben, in dem eine Menge Verpflichtungen auf ihn zukommen, mit denen er zuvor noch niemals konfrontiert wurde. Somit ist es verständlich, dass viele Jugendliche diesem Ereignis, sobald es einmal wieder Stress im Elternhaus gibt, entgegenfiebern, aber wenn es dann soweit kommt, dieser Schritt doch häufig mit gemischten Gefühlen verbunden ist. Auch die Entscheidung, erst spät auszuziehen und es sich noch etwas im „Hotel Mama“ bequem zu machen, ist auf dem Hintergrund der massiven neuen Pflichten verständlich. Insbesondere weil die momentane wirtschaftliche Lage sowohl von privaten als auch von öffentlichen Haushalten und unsichere Berufsaussichten es fraglich erscheinen lassen, ob ein junger Mensch, der noch niemals nur auf sich selbst angewiesen war, diesen Absprung auch aus eigener Kraft schafft. Seit einigen Jahren schon beobachten Soziologen das anwachsende Durchschnittsalter beim Auszug aus dem Elternhaus, besonders bei jungen Männern. Diese Tendenz brachte der heutigen Generation von jungen Erwachsenen schon den Namen „Nesthockergeneration“ ein. Soziologen beschäftigen sich mit der Frage nach dem Warum. Es wurden einige wichtige Einflussfaktoren identifiziert, die einen Auszug sowohl positiv als auch negativ beeinflussen können. Dabei finden sich in der Literatur oder einer Internetrecherche mit dem Stichwort „Nesthocker“ Hinweise darauf, dass der typische Nesthocker unter anderem die folgenden Merkmale aufweist: „männlich, Student, aus der Mittelschicht stammend.“ Dies überraschte mich dann doch sehr, da ich genau zu dieser „Hochrisikopopulation für Nesthockertum“ gehöre, es aber dennoch geschafft habe, trotz guter familiärer Verhältnisse früher als alle mir bekannten Geschlechts- und Altersgenossen auszuziehen. Soziologisch ist dies nicht zu erklären.
In den Focus der Psychologie rückte dieses Phänomen jedoch erst in den letzten Jahren, weswegen aus psychologischer Sicht noch viele Lücken im theoretischen Netzwerk zu schließen sind, um einen genaueren Einblick zu bekommen, welche Bedingungen letztendlich dazu führen, dass junge Erwachsene diesen Schritt wagen, bzw. dies nicht tun.
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Insbesondere längsschnittliche Untersuchungen, welche die Ursachen des späteren Auszugsverhaltens schon in der Adoleszenz identifizieren, fehlen in der bisherigen Literatur völlig. Die vorliegende Arbeit sollte beginnen, diese Lücke zu füllen. Im Rahmen meiner Tätigkeit als studentische Hilfskraft bei Frau Prof. Seiffge- Krenke bekam ich die Gelegenheit, im Rahmen ihres Projektes, das eine Stichprobe im Längsschnitt mittlerweile über 13 Jahre hinweg regelmäßig beobachtet, Daten zum Auszugsverhalten zu analysieren und zu dieser Arbeit zusammenzustellen.
Im theoretischen Hintergrund wird nach einer kurzen Einführung die Beziehung zwischen jungen Erwachsenen und deren Eltern aus heutiger entwicklungs- psychologischer Sicht betrachtet und einige wichtige Aspekte des Auszugs- verhaltens dargestellt. Hierzu wird erst einmal der soziologischen Sichtweise Rechnung getragen. Dabei spielen insbesondere äußere Bedingungen wie Geschlecht oder Schicht-zugehörigkeit eine Rolle, die auf den jungen Erwachsenen einwirken. Danach wird der Frage nachgegangen, ab wann ein junger Mensch aus psychologischer Sicht als „erwachsen“ angesehen werden kann, da der Verdacht nahe liegt, dass der Auszug und das Erwachsensein eng miteinander verwoben sind. Auf der Basis dieser theoretischen Vorüberlegungen wird ein erster Ausblick gewagt, welche Personen sich hinter dem Phänomen der Spätauszieher verbergen. Anschließend werden die Konsequenzen, die das Auszugsverhalten der Jugendlichen auf das Familiensystem hat, diskutiert.
Bevor einzelne interessante Forschungsergebnisse aus diesem Bereich dargestellt werden, werden zunächst noch einzelne entwicklungspsychologische Konstrukte eingeführt, denen in der vorliegenden Arbeit besondere Beachtung geschenkt wurde: Identitätsbildung, Entwicklungsaufgaben und Bindungsverhalten. Zuletzt werden die untersuchten Hypothesen aus den theoretischen Überlegungen abgeleitet.
Im Methodenteil wird die Stichprobe, die erhoben wurde, vorgestellt und die Erhebungsinstrumente eingehend beschrieben. Dabei werden die Instrumente in zwei unterschiedlichen Kapiteln zusammengefasst: Instrumente, die Rückschlüsse auf die familiäre Beziehung zum entsprechenden Erhebungszeitpunkt zulassen und Instrumente, die die psychologische Konstitution der Probanden untersuchen. Dazu gehören sowohl Skalen für psychische Symptombelastung als auch Fragebögen zur Entwicklungsprogression. Auch die dem Ergebnisteil zugrundeliegenden statistischen Verfahren werden am Ende des Methodenteils ausführlich dargestellt.
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Der Ergebnisteil beinhaltet die ausführlich dargestellten Ergebnisse, die über einen Zeitraum von insgesamt 13 Jahren kontinuierlicher Messungen, berechnet wurden. Diese werden im Diskussionsteil genauer beschrieben und interpretiert. An den Stellen, an denen dies möglich war, wurden Bezüge zu schon vorhandenen Ergebnissen hergestellt.
Eine Kurzzusammenfassung findet sich am Ende kurz vor dem Literaturverzeichnis.
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2. Theoretischer Hintergrund
Es existieren viele Studien zum Auszugsverhalten aus dem angloamerikanischen Sprachraum. In der vorliegenden Arbeit wird jedoch in besonderem Maße auf europäische Studien zurückgegriffen, da das Auszugsverhalten durch die unterschiedlichen gesellschaftlichen Anforderungen in den Vereinigten Staaten anderen Regeln folgt als hierzulande. So ziehen viele junge Amerikaner das erste mal von zu Hause aus, wenn sie das College besuchen. Die meisten amerikanischen Studien beziehen sich auf diese Population. Dies hat einerseits den Nachteil, dass das Auszugsverhalten der jungen Erwachsenen, die nicht das College besuchen, nicht erfasst wird und andererseits auch, dass diese jungen Erwachsenen selten in einer eigenen Wohnung leben, sondern in Studentenwohnheimen untergebracht sind. Außerdem wird in diesen Studien eher auf die Auswirkungen eingegangen, welche die erste Trennung von den Eltern auf das Leben der jungen Erwachsenen hat und fokussieren nicht auf den Ursachen, die dem Auszug vorausgegangen sind. Dies hätte auch wenig Sinn, da der Auszug weniger eine eigene, freie Entscheidung ist, sondern eher gesellschaftlichen Regeln folgt (u. A. Papastefanou 1997). Nach dem College ziehen viele junge Amerikaner auch wieder zurück ins eigene Elternhaus, weswegen das Phänomen der Returner dort sehr viel weiter verbreitet ist als hierzulande. In Deutschland ist es eher üblich, eine Universität zu besuchen, die nahe am eigenen Wohnort liegt, wenn dies möglich ist. Dies könnte sich mit der Einführung von Studiengebühren jedoch ändern, da wohl viele junge Erwachsene versuchen werden, sich in einer Universität einzuschreiben, die kostengünstiger ist, unabhängig davon, wie weit sie vom jeweiligen Wohnort entfernt liegt. Somit könnte die Wahl des Studienplatzes bald ein wichtiger Auszugsgrund werden. Dies wird sich mit der Zeit zeigen.
2.1 Junge Erwachsene und deren Beziehung zu ihren Eltern
Alte Ansätze der Entwicklungspsychologie berichteten Veränderungen in den Beziehungen Eltern und deren Kindern nur noch während der Adoleszenz. Es wurde sogar davon gesprochen, dass die Beziehung zwischen beiden Parteien beendet würde, sobald die jungen Erwachsenen in ein Alter kommen, in dem sie beginnen für sich selbst zu sorgen, finanziell und emotional von den Eltern unabhängig werden.
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Diese Sichtweise ist mit neueren entwicklungspsychologischen Erkenntnissen nicht mehr haltbar und wird hier auch nicht weiter diskutiert.
Im Gegensatz dazu ist davon auszugehen, dass beide Seiten der Familie im Normalfall ein starkes Interesse daran haben, die Beziehung auch über eine räumliche Trennung oder sonstige Hindernisse hinaus aufrechtzuerhalten, was meist eine Neudefinition der Beziehung notwendig macht. Im Fokus dieses Prozesses, der schließlich zu einer Restrukturierung der Beziehungen in der Familie führt, steht der Begriff der Individuation. Sie ist eines der zentralen Merkmale des jungen Erwachsenenalters (Buhl, Wittmann & Noack, 2003). Sie beschreibt die Dynamik zwischen Abgrenzung und Verbundenheit. Auf der einen Seite zeigen einige Arbeiten deutlich, dass die Beziehungen zwischen jungen Erwachsenen und deren Eltern oft durch eine hohe emotionale Nähe und gegenseitigem Interesse gekennzeichnet ist, was zu befriedigender und sogar intimer Kommunikation führen kann. Auch tiefgreifende Konflikte sind relativ selten, so dass die Beziehung für alle Beteiligten als wichtig und befriedigend erlebt wird (Papastefanou 1997).
Auf der anderen Seite wird auch eine Abgrenzung der jungen Erwachsenen den Eltern gegenüber realisiert, da sie eine Persönlichkeit entwickeln, die von den Eltern getrennt besteht und sich nicht unbedingt mit deren Werten und Interessen deckt. Somit vollzieht sich in der Beziehung ein Wandel, der weg von einem unilateralen, komplementären Eltern-Kind-Verhältnis, hin zu einer mehr und mehr symmetrischen, partnerschaftlichen Beziehung führt (Buhl, Wittmann & Noack, 2003), in der beide Seiten gleichberechtigt nebeneinander stehen. Dieser Wandel vollzieht sich dynamisch über einen langen Prozess. In Tabelle 2.1 wird das Konzept der Individuation nach Buhl, Wittmann und Noack (2003) schematisch dargestellt. (s. nächste Seite) Wie aus der Tabelle hervorgeht, ordnen die Autoren jedem der beiden Konstrukte Abgrenzung und Verbundenheit drei Ebenen zu. Beide Konstrukte sollten sich sowohl auf emotionaler, kognitiver und auf einer Verhaltensebene etablieren, um so zu Individuation zu führen.
Als Antrieb für diesen Prozess werden biografische Übergänge im Leben der jungen Erwachsenen diskutiert. Hierbei wurde besonders dem Auszug aus dem Elternhaus und dem Übergang zur Elternschaft eine große Bedeutung zugeschrieben. Aber auch der Eintritt in das Berufsleben wurde in dieser Hinsicht untersucht.
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Tabelle 2.1: Schematische Darstellung der Individuation, nach Buhl, Wittmann und Noack (2003)
Die Ergebnisse sprechen im Großen und Ganzen für die Richtigkeit der Theorie. So wurde beispielsweise gefunden, dass sowohl die Abgrenzung als auch die Verbundenheit zwischen Eltern und deren Kindern durch einen Auszug verstärkt werden (Papastefanou, 1997) als auch, dass die Bedeutung der Beziehung zu den Eltern für das Selbstkonzept von jungen Erwachsenen mit deren Eintritt in das Berufsleben abnimmt (Roberts & Bengtson 1993). Zum Übergang in die Elternschaft fanden sich inkonsistente Ergebnisse (Buhl, Wittmann & Noack, 2003). Es wird jedoch deutlich, dass auch dieses Ereignis die Beziehung zwischen Eltern und jungen Erwachsenen beeinflusst, wenn auch nicht immer in dieselbe Richtung. Außerdem weisen Buhl und ihre Mitarbeiter (2003) darauf hin, dass in Untersuchungen fast immer zwei differenzielle Effekte gefunden werden. Erstens weisen Frauen meist engere und unterstützendere Beziehungen auf, als dies bei Männern der Fall ist. Dies
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gilt sowohl für die Rolle als Mutter als auch für die Rolle als Tochter. Zweitens beschreiben Eltern fast in jeder Hinsicht die Beziehung zu deren Kindern als besser, als dies ihre Kinder selbst tun. Dieses Individuationskonzept wurde durch die Arbeit von Buhl und ihren Mitarbeitern (2003) in weiten Teilen sowohl aus der Perspektive der Eltern als auch aus der der jungen Erwachsenen selbst bestätigt.
2.2 Soziologische Betrachtung des Auszugsverhaltens
Das Auszugsverhalten junger Menschen ist traditionell der Forschungs- gegenstand von Soziologen, wohingegen die Psychologen erst in der jüngsten Zeit beginnen sich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Bisher ist dieser Bereich jedoch von den Entwicklungspsychologen vernachlässigt worden (Papastefanou, 2000).
Soziologen fanden, dass in der Zeit zwischen den 20er und den 70er Jahren das Auszugsalter stetig sank (Goldschneider und LeBourdais 1986). Hierfür werden insbesondere der gravierende Wertewandel hin zu mehr Individualismus und weg von alten traditionellen und religiösen Autoritäten verantwortlich gemacht (Papastefanou 1997). Dieses Streben nach Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung veranlasste viele junge Menschen, frühzeitig das Elternhaus zu verlassen. Seit den 80er Jahren jedoch steigt das Alter des Auszugs wieder stetig an. Dieser Umstand brachte der heutigen Generation auch den Beinamen einer „Nesthockergeneration“ ein (Papastefanou 1997). Aus soziologischer Sicht wurden besonders Geschlecht, Bildung, der sozioökonomische Status, das Eingehen fester Partnerschaften und in diesem Kontext besonders von Heirat, als Einflussfaktoren auf das Auszugsalter diskutiert. Dabei ist zu beachten, dass diese Faktoren miteinander interagieren. Insbesondere das Heiratsverhalten hat sich in den letzten Jahrzehnten maßgeblich verändert. Während früher der Auszug, Aufnahme einer Erwerbstätigkeit und die Hochzeit weitgehend gekoppelt waren, ist dies heute nicht mehr der Fall. Das durchschnittliche Hochzeitsalter steigt und nichteheliche Lebensgemeinschaften sind sehr weit verbreitet. Wenn ein Paar heiratet, geschieht dies oft erst dann, wenn beide Partner schon voll erwerbstätig sind. Die Hochzeit hat als Basis für eine Partnerschaft an Bedeutung verloren und die steigenden Scheidungsraten scheinen auf junge Paare entmutigend zu wirken. White und Peterson (1995) fanden, dass unter den Spätausziehern der Anteil der Nie-Verheirateten Personen mit 30% überrepräsentiert
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war, was sie darauf zurückführen, dass die Beziehung zu den Eltern alle stützenden Vorteile einer Ehe mit sich bringe, ohne jedoch so große Risiken mitzubringen. Es könnte aber auch damit zusammenhängen, dass durch das Wohnen bei den Eltern die Aufnahme fester Partnerschaften erschwert wird. Das Geschlecht spielt im Auszugsverhalten dahingehend eine Rolle, dass Frauen durchschnittlich 2 Jahre früher ausziehen als Männer. Das durchschnittliche Auszugsalter bei Frauen liegt bei ca. 21 Jahren, wohingegen es bei Männern bei 23 Jahren liegt (Weick, 1990). Eine Erklärung für diesen Umstand könnte sein, dass Frauen auch früher heiraten und früher eine Familie gründen möchten, als dies bei
den Männern der Fall ist.
Den Trend, dass seit den 70er Jahren das Auszugsalter stetig zunimmt und gleichzeitig die Männer länger brauchen, um sich vom Elternhaus zu trennen, verdeutlicht die folgende Abbildung 2.1:
26
25
24
Median
23
22
21
20
19
1 9 2 9 - 3 1
Abb. 2.1: Altersmedian des ersten Auszugs bei drei unterschiedlichen Studien nach Geburtsjahrgang. Daten aus Wagner und Huinink (1991)
Es ist deutlich zu erkennen, dass in allen Studien die Männer ca. zwei bis drei Jahre später ausziehen als ihre weiblichen Altersgenossen. Außerdem befindet sich bei den Geburtsjahrgängen um die 50er Jahre ein Tief. Bis zu diesem Zeitpunkt, in etwa Mitte der 70er Jahre, sank das Alter beim Auszug aus dem Elternhaus kontinuierlich ab. Danach steigt es wieder an.
Dieser Befund ist keinesfalls auf die Bundesrepublik beschränkt. Auch in anderen europäische Staaten und den USA ist dieses Phänomen zu beobachten. In Abbildung 2.2 ist dies für europäische Staaten verdeutlicht.
12
70
60
50
40
f%
30
20
10
0
Abb. 2.2: Anteil der jungen Erwachsenen, die Im Alter von 25 bis 29 Jahren noch bei den Eltern leben, zu zwei Messzeitpunkten für Männer (links) und Frauen (rechts) getrennt nach Süd- (Rottöne) und Zentraleuropa (Blautöne). Daten aus Fernandez-Cordon (1997).
Es ist auch in dieser Abbildung zu erkennen, dass immer mehr Personen auch noch gegen Ende des dritten Lebensjahrzehnts bei den Eltern leben, und dass es insbesondere die Männer sind, die noch häufig zu Hause wohnen bleiben. Hierbei unterscheiden sich die unterschiedlichen europäischen Länder nicht. Es ist aber auch zu erkennen, dass in den südeuropäischen Ländern überhaupt mehr junge Erwachsene dieses Alters noch bei den Eltern wohnhaft sind. Der Anstieg ist in Südeuropa steiler als in Zentraleuropa. Damit wird deutlich, dass der Auszug auch kulturabhängig ist.
Auch das Bildungsniveau beeinflusst das Auszugsalter maßgeblich. Studenten sind allgemein unter den Spätausziehern überrepräsentiert besonders dann, wenn sie aus finanziell schwachen Familienverhältnissen stammen. In diesem Fall ist ein Auszug für die Familie oft nicht finanzierbar. Somit bleiben viele Studenten bis zum Ende ihrer Ausbildung zu Hause bei den Eltern wohnen. Außerdem wird das Anwachsen des Auszugsalters durch die in vielen Familien schwierige sozioökonomische Lage erklärt. In Zeiten, in denen Arbeitsplätze unsicher und rar sind, scheint es schwieriger zu sein, das Elternhaus zu verlassen und einen eigenen Hausstand zu gründen. Dies trifft insbesondere auf diejenigen sozialen Schichten zu, die ein geringes Bildungsniveau und ein geringes Einkommen besitzen.
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So plausibel diese Befunde auch sind, weist Papastefanou (1997) darauf hin, dass das Auszugsverhalten in vielerlei Hinsicht erheblich an Komplexität hinzugewonnen hat. So ist der Auszug nicht als eindeutiges Ablösen von den Eltern zu verstehen und Auszug bedeutet nicht gleich Auszug, da Mischformen weit verbreitet sind. Viele junge Erwachsene wohnen z. B. in einer Einliegerwohnung im Elternhaus, oder wohnen nur unter der Woche in Studentenwohnheimen. Außerdem sind die wenigsten jungen Erwachsenen von den Eltern völlig ökonomisch unabhängig. Zuletzt steigt auch die Zahl derer, die besonders nach einer gescheiterten Beziehung wieder ins Elternhaus zurückziehen. Hinzu kommt, dass jungen Erwachsenen, die noch lange im Elternhaus verweilen, von ihren Eltern sehr viele Freiräume gelassen werden und somit der Druck auszuziehen, um mehr Privatsphäre zu erlangen, in vielen Familien nicht vorhanden ist. In diesem Falle wäre ein Auszug mit einem Wegfall von Annehmlichkeiten, Bequemlichkeit und Luxus einerseits und einem Hinzukommen von Eigenverantwortung und Verpflichtungen andererseits verbunden. Es ist in diesem Falle gut verständlich, dass junge Erwachsene noch so lange wie möglich bei ihren Eltern wohnen bleiben. Insgesamt betrachtet ist somit das Auszugsverhalten im Zuge fortschreitender Individualisierung und schwierigen ökonomischen Verhältnissen in vielen Familien ein sehr heterogenes Geschehen mit sehr vielen Freiheitsgraden für individuelle Lebensläufe.
Dennoch beschreibt Papastefanou (1997) die folgenden Faktoren als „Risikofaktoren“ für den Aufschub des Auszugs:
- männliches Geschlecht
- Studentenstatus
- Mittelschichtzugehörigkeit
- ledig
- vollständige Herkunftsfamilie
- liberales Familienklima
2.3 Wann sind Jugendliche „erwachsen“?
Im Gegensatz zum Gesetzgeber, der eine klare Vorstellung davon hat und eine klare gesetzliche Regelung haben muss, wann ein Individuum erwachsen ist und damit die Rechte und damit verbundenen Pflichten auszufüllen imstande ist, ist dies
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aus psychologischer Sicht lange nicht so einfach zu beantworten. So wird mit der Erreichung des 18. Lebensjahres jedem Bürger in Deutschland die vollen Staatsbürgerrechte übertragen. Ab diesem Alter dürfen alle Deutschen zur Wahl gehen, Auto und Motorräder führen und sind vor Gericht meist voll verantwortlich für ihre illegalen Taten. Dennoch können junge Erwachsene noch bis ins Alter von 21 Jahren nach dem Jugendstrafrecht bestraft werden, falls ein Gutachter zu dem Schluss kommt, dass die betreffende Person noch nicht die Reife mitbringt, die der Gesetzgeber bei einem 18jährigen erwartet. Aber auch schon vor der sogenannten Volljährigkeit mit 18 Jahren bekommen Jugendliche in bestimmten Bereichen mehr und mehr Rechte zugesprochen, was im Jugendschutzgesetz geregelt wird. So dürfen Jugendliche ab 14 Jahren im Rahmen von Praktika Einblicke in den Berufsalltag zu gewinnen, sie dürfen, im Beisein eines Erziehungsberechtigten, Alkohol in Maßen (keine Spirituosen) genießen und ein Mofa führen. Auch die Aufnahme sexueller Beziehungen wird in diesem Alter durch den Gesetzgeber insofern ermöglicht, als dass der Sexualpartner, sofern dieser noch nicht volljährig ist nicht mehr strafrechtlich verfolgt wird. Im Alter von 16 Jahren dürfen Jugendliche selbst Alkohol (keine Spirituosen) und Tabakwaren kaufen und konsumieren. Sie dürfen ein Moppet führen und einer geregelten, bezahlten Arbeit nachkommen.
In vielen Naturvölkern unterziehen sich junge Menschen einem Initiationsritual, sobald sie als „reif“ genug angesehen werden, weil sie gewisse Aufgaben erfüllen können und die nötige körperliche Reife mitbringen. Zu den bekanntesten Ritualen gehört hier der Sonnentanz, der besonders bei den Lakota in Nordamerika weit verbreitet ist. Tatsächlich kenne aber sehr viele Nord- und Mittelamerikanische Völker diese Tradition, bei denen die Männer ihre Kriegerkraft steigern und unter Beweis stellen. Junge Krieger, die am Sonnentanz teilnehmen sind ab diesem Tag vollständige Mitglieder der Gemeinschaft und werden als erwachsen angesehen. An dieser Zeremonie nehmen viele Männer des Stammes teil. Wie bei vielen Initiationsritualen üblich, ist auch in dieser Zeremonie Schmerz und die Kontrolle des Schmerzes ein wichtiger Bestandteil. So werden beim Sonnentanz Holzpflöcke durch eine Hautfalte an jeder Brust oder an zwei stellen des Rückens gesteckt und anschließend wird der Betreffende beispielsweise an einem Baum so lange aufgehängt, bis die Hautfalte ausreißt. Dies Dauert im Gegensatz zu manchen Filmischen Darstellungen, wie beispielsweise in „Der mit dem Wolf tanzt“ häufig nur wenige Sekunden. Eine Andere Tradition von Initiationsritualen wird im
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Amazonasbecken von dortigen Ureinwohnern zelebriert. Dort existieren Riesenameisen, die mit 2,5cm Körperlänge nicht nur die größte Art darstellen, sondern auch einen sehr schmerzhaften Biss zufügen können. Ein einzelner Biss wird mit einem Peitschenhieb verglichen. Dort ansässige Völker weben ca. 300 dieser Tiere in ein Handschuhförmiges Geflecht aus Gras, so dass die Hinterleibe nach innen zeigen. Junge Männer an der Schwelle zum Erwachsenwerden tragen diese Handschuhe während einer Zeremonie mehrere Stunden lang über dem gesamten Unterarm. Sie dürfen sich dabei keinerlei Schmerzen ansehen lassen. Die Arme sind danach über Wochen geschwollen und gelähmt.
Nach einer dieser Initiationen in die Erwachsenenwelt bekommen junge Erwachsene in einem Naturvolk auf einen Schlag alle Rechte und Pflichten eines erwachsenen Mitglieds dieser Gesellschaft. Häufig wird als äußeres Zeichen für den neuen Stand eine Namensänderung vorgenommen oder ein besonderer Körperschmuck angelegt.
In den Industrieländern fehlen solche Rituale fast vollständig. Zwar finden sich in den christlichen Traditionen mit der Erstkommunion und Firmung, bzw. der Konfirmation ebenso Rituale, mit denen junge Christen sich dafür entscheiden, erwachsene Pflichten in der christlichen Gemeinschaft zu übernehmen. Damit ist jedoch auch aufgrund des jungen Alters kein Rollenwechsel außerhalb der christlichen Gemeinschaft verbunden. Wegen des Bedeutungsverlustes, den die Kirchen im Zuge der Aufklärung und Industrialisierung erlitten haben, sind somit die Konsequenzen für Jugendliche nach diesen Zeremonien fast gleich Null.
Das Erwachsenwerden in der heutigen Gesellschaft vollzieht sich viel eher als ein Prozess. Dieser Prozess beginnt mit der Adoleszenz, wobei das Ende des Prozesses individuell starken Schwankungen unterworfen ist. Letztendlich sind auch für die jungen Erwachsenen selbst keine klaren Indikatoren definiert, an denen sie sich orientieren können, um sich selbst als erwachsen wahrzunehmen. Im Zuge der fortschreitenden Individualisierung der Lebensläufe verstehen viele junge Erwachsene ganz unterschiedliche Dinge unter dem Erwachsenwerden und was damit über die sozial definierten Rollen hinaus verbunden ist, da Erwachsenwerden und Erwachsensein vielmehr vom subjektiven Erleben abhängt.
Arnett und Taber (1994) definierten drei Ebenen, auf denen sich Erwachsenwerden manifestieren sollte:
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1. auf kognitiver Ebene (erworbenes Wissen wird in der Verfolgung „erwachsener“
Ziele angewandt)
2. auf emotionaler Ebene (emotional unabhängig von den Eltern werden)
3. auf Verhaltensebene (lernen, Impulse zu kontrollieren)
(nach Papastefanou, 1997)
Zum Erreichen dieser Ziele werden vielen jungen Erwachsenen große Spielräume gelassen. Auch der Zeitraum, in dem sich ein junger Mensch als Erwachsener sozialisiert, ist mit vielen Freiheitsgraden belegt, womit die Einführung eines neuen Begriffes notwendig wurde. Junge Erwachsene, die die Phase der Adoleszenz schon durchlaufen haben und dennoch noch von den Eltern ökonomisch abhängig sind, werden als „postadoleszent“ bezeichnet. Sie haben verschiedene Erwachsenenrollen noch nicht vollständig selbst übernommen, auch wenn sie ansonsten von der Gesellschaft schon als weitgehend erwachsen akzeptiert werden. Hauptsächlich Studierende sind in der Gruppe der Postadoleszenten anzutreffen, da diese meist noch stark von ihren Eltern ökonomisch abhängig sind. Dagegen sind junge Arbeiter sehr viel schneller ökonomisch unabhängig, da sie früher in einen Beruf und dem damit verbundenen Einkommen hineingeführt werden.
Mit diesem Faktor der ökonomischen Abhängigkeit von Postadoleszenten hängen weitere wesentliche Faktoren einer Erwachsenensozialisation zusammen. Häufig heiraten Männer erst, wenn sie über ein eigenes Einkommen verfügen, und somit können diese erst nach Abschluss einer langen Ausbildung, oft erst Ende zwanzig oder schon in den Dreißigern ihre Erwachsenenrolle vollständig übernehmen. Im Gegensatz zu der immer länger werdenden ökonomischen Abhängigkeit junger Erwachsener ihren Eltern gegenüber, entwickelt die heutige Generation schon sehr viel früher eine Unabhängigkeit in der Gestaltung des eigenen Lebens. Sie findet früh einen eigenen Lebensstil mit eigenen Werten und Idealen. Damit wird deutlich, dass sich der Prozess des Erwachsenwerdens innerhalb einer Generation stark gewandelt hat und zusätzlich sich auch interindividuell erheblich unterscheidet, da die Triebfeder dieser Veränderungen die Tendenz hin zur Individualisierung ist.
Weiterhin wird klar, dass der Auszug aus dem Elternhaus ein wichtiger Schritt im Erwachsenwerden eines jungen Erwachsenen darstellt, da eine räumliche Trennung und eine emotionale Unabhängigkeit von den Eltern hierfür wichtig erscheint. Außerdem bietet eine eigene Wohnung die Möglichkeit zur freien Entfaltung des
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Individuums in der Gestaltung der Umgebung und der Organisation des eigenen Lebens mit allen dazugehörigen Rechten und Pflichten. Dennoch ist der Auszug alleine nicht mit Erwachsensein an sich gleichzusetzen. Das eine bedingt nicht unbedingt das andere. Es gibt Beispiele, wo junge Erwachsene noch zu Hause wohnen und dennoch die Rolle eines Erwachsenen tragen und ausfüllen, aber auch solche, die schon ausgezogen sind und dennoch nach wie vor in weiten Bereichen sowohl emotional als auch ökonomisch noch von den Eltern abhängig sind.
2.4 Wer sind die Spätauszieher?
Seit den 80ern steigt in fast allen westeuropäischen Ländern und in den USA das Auszugsalter an. Besonders stark ist dieses Phänomen in Italien zu beobachten, wo besonders viele junge Männer sehr lange im Elternhaus wohnhaft bleiben. Auch wenn dieses Ergebnis aus den Daten verschiedener Studien eindeutig hervorgeht, bleibt doch das Alter eines „normalen“ oder auch nur „durchschnittlichen“ Auszugs weitgehend ungeklärt. Dies geht besonders auf die unterschiedlichen Definitionen von Auszug in den verschiedenen Arbeiten zurück. Der Auszug vollzieht sich mittlerweile bei vielen jungen Erwachsenen als ein komplexer Prozess, der irgendwann mit der Gründung eines eigenen Hausstandes endet. Bis es aber so weit ist, sind beispielsweise Mischformen des Wohnens sehr weit verbreitet. Silbereisen, Vascovics und Zinnecker (1997) fanden, dass in etwa ein Fünftel der jungen Erwachsenen zwischen dem Elternhaus und einer zweiten Wohnmöglichkeit, wie einem Studentenwohnheim, hin- und herpendelten.
Außerdem finden sich uneinheitliche Definitionen darüber, ab wann bei einem jungen Menschen von einem Spätauszieher gesprochen werden kann. Nave-Herz (1997) spricht von ca. 23 oder 25 Jahren.
Über diese Definitionsschwierigkeiten hinaus fand sich immer wieder, dass der typische Nesthocker ledig, männlich und mit guter Bildung und Einkommen zu charakterisieren ist. Dennoch ist ein Nesthocker nicht gleich einem Nesthocker, wie die Medien beispielsweise mit dem Film „Tanguy“ beschreiben. Die Muttersöhnchen, die sich im Hotel Mama von vorne bis hinten bedienen lassen und keine Fähigkeiten besitzen, die ihnen Eigenständigkeit ermöglichen würden, stehen nur am Ende eines weit gestreuten Spektrums. Vaskovics, et al. (1990) nennen diesen Typus von Nesthockern „Umsorgte“, während sie das andere Ende des Spektrums mit den
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„Wohnraumnutzern“ besetzen, die lediglich mit ihren Eltern unter einem Dach leben, sonst aber völlig unabhängig von ihnen ihr eigenes Leben führen. Zwischen diesen beiden Polen sind noch einige weitere Graustufen möglich.
Macht man eine Internetrecherche über das Thema Nesthocker, finden sich sehr viele Websites, die dieses Phänomen lediglich auf gesellschaftliche Einflussfaktoren zurückführen. Diese sind sehr gut belegt, zeichnen aber nur einen Teil dieses Bereiches menschlichen Lebens und Entwickelns ab.
Als die Hauptursachen wird einerseits die Bildungsexpansion beschrieben, die jungen Erwachsenen durch immer länger werdende Ausbildungszeiten immer später erlaubt wirtschaftlich unabhängig zu sein und somit sich einen eigenen Hausstand und eine eigene Wohnung unabhängig von den Eltern leisten zu können. Hinzu kommt andererseits die wachsende ökonomische Unsicherheit, mit unsicheren Zukunftsperspektiven, schlechter Wirtschaftslage in Staat, Wirtschaft und den privaten Haushalten, sowie eine hohe Arbeitslosigkeit. All diese Faktoren führen bei jungen Erwachsenen eher dazu, im sicheren Elternhaus zu bleiben und nicht das wirtschaftliche und letzten Endes damit auch persönliche Risiko eines Scheiterns in dieser unsicheren Welt einzugehen.
Die Ergebnisse zum Bildungsstand sind uneinheitlich, da junge Erwachsene mit niedriger Bildung früher über ein Einkommen verfügen und somit aufgrund ökonomischer Unabhängigkeit früher ausziehen könnten. Andererseits werden häufig die jungen Erwachsenen in einer höheren Bildungsschicht von den Eltern sowohl finanziell als auch emotional darin bestärkt, Unabhängigkeit zu entwickeln (z. B. Wagner & Huinink, 1991).
Außerdem hat, wie gezeigt, auch das Geschlecht einen großen Einfluss, da Frauen ohne das Leisten von Wehrdienst, Zievieldienst odes einse freiwilligen sozialen oder ökologischen Jahres, einerseits einen schnelleren Ausbildungsweg beschreiten und somit schneller ökonomisch unabhängig sind. Andererseits gehen Frauen sehr viel früher als ihre männlichen Altersgenossen feste Bindungen ein und wollen auch früher eine Familie gründen. Dieser unterschiedliche Umgang mit Beziehungen hat einen entscheidenden Einfluss auf das Auszugsverhalten, da die wenigsten Spätauszieher liiert und schon gar nicht verheiratet sind (Zinnecker et al. 1996).
Zuletzt gibt es parallel zum Auszugsverhalten auch noch andere Faktoren, die sich in der Gesellschaft bezüglich des Erwachsenwerdens sehr verändern. So
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verzögert sich beispielsweise das Alter bei Heirat und Familiengründung immer mehr und die Übergänge von Auszug, Hochzeit und Erstgeburt geschehen nicht mehr annährend gleichzeitig, wie es in den 50er und 60er Jahren der Fall war, sondern vollziehen sich eher sequenzartig über einen längeren Zeitraum. (Lauterbach & Lüscher, 1999) Berücksichtigt man gleichfalls den Umstand, dass sich die psychosexuelle Reife bei Jugendlichen immer früher entwickelt, entsteht eine große Kluft zwischen körperlichem und soziokulturellem Erwachsensein. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass sich für diese Zwischenphase der Begriff „Post-Adoleszenz“ geprägt hat. Typisch ist in dieser Zeit, dass für individuelle Lebensläufe große Freiheitsgrade bestehen und sie nicht den normativen Mustern der Gesellschaft unterworfen sind, wie es in früheren Generationen der Fall war (Arnett, 2000).
Betrachtet man hingegen nicht nur die gesellschaftlichen Strukturen, die das Auszugsverhalten beeinflussen, sondern auch die Motive, die zu einem Verbleiben im Elternhaus führen, vervollständigt sich das Bild schon eher.
Wagner und Huinink (1991) weisen darauf hin, dass die traditionellen Gründe für einen Auszug, wie sie noch vor ca. 30 Jahren bestanden, einen Bedeutungswandel erfahren haben. Der häufigste Grund war zu dieser Zeit die Heirat, wohingegen im westlichen Kulturkreis das Erstreben von Autonomie und einem individuellen Lebensstil den Hauptgrund für einen Auszug darstellt. Weitere Motive sind durch äußere Faktoren beeinflusst, wie beispielsweise die Wahl eines Studienplatzes, der weit vom Elternhaus entfernt liegt (Papastefanou, 1997). Das stereotype Bild vom Jugendlichen, der sich durch Konflikte aus dem Elternhaus getrieben fühlt, bestätigt sich nur selten. Konflikte in der Familie sind nur selten ein Motiv für einen Auszug. Die Motive für das Verbleiben im Elternhaus basieren oft auf einer Kosten- Nutzen-Rechnung, wie Papastefanou (2004) beschreibt: „Der erwartete Gewinn des eigenständigen Wohnens ist nicht hoch genug, um diesen Schritt in die Ungewissheit zu vollziehen“.
Papastefanou (2004) arbeitete drei Motive für das Verbleiben im Elternhaus heraus. Das Hauptmotiv besteht aus ökonomischen Faktoren. Diese können bei Familien mit niedrigem Einkommen dazu führen, dass die jungen Erwachsenen noch länger zu Hause wohnhaft bleiben, damit die Eltern in der Lage sind, die Ausbildung der jungen Erwachsenen zu finanzieren. Sie können aber auch in Familien mit hohem Einkommen eine Rolle spielen, da viele junge Erwachsene und besonders männliche
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junge Erwachsene sehr hohe Ansprüche an Freizeit- und Konsumverhalten stellen. Diesen Ansprüchen könnten sie nicht gerecht werden, wenn sie für ihren Unterhalt und ihre eigene Wohnung selbst aufkommen müssten und zusätzlich noch ihre kostbare Freizeit mit kochen, putzen und waschen ausfüllen müssten. Außerdem ist in einkommensstarken Familien oft genügend Wohnraum vorhanden, dass sich ein junger Erwachsener trotz seiner Wohnsituation bei seinen Eltern fast völlig frei entfalten kann.
Der zweithäufigste Grund für den Nicht-Auszug ist die Zufriedenheit im Zusammenleben mit den Eltern. Der Erziehungsstil der Eltern wurde mit der Zeit immer liberaler und antiautoritärer. Mit einem geringen Maß an Regeln und mit dem Grundsatz gegenseitigen Verständnisses kann ein Zusammenleben von Eltern und Kindern durchaus WG-Charakter entwickeln. Es bleibt jedoch fraglich, inwieweit auch die Eltern mit diesem Zusammenleben so zufrieden sind und ob der WG-Charakter nicht doch durch die Übernahme von Eltern-Kind-Rollen zumindest streckenweise leidet. Hierzu aber später.
Zuletzt sind in der neueren Zeit Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens aufgetreten, wie sie vorher nie bestanden. Die Zeit der Postadoleszenz ist durch ein sehr hohes Komplexitätsniveau gekennzeichnet. Die gesellschaftlichen Normen, wie man sich als junger Erwachsener zu verhalten hat und welche Dinge, die zum Erwachsen Sein dazugehören, wann entwickelt sein sollten, fehlen mittlerweile fast vollständig. Die Gesellschaft gibt nur noch wenige Wegweiser auf einem langen und mit Hindernissen gesäumten Weg, der Erwachsene zu werden, den man sich selbst wünscht, mit eigenem Charakter, Werten und Überzeugungen. In Zeiten mit hoher Arbeitslosigkeit und drohendem Perspektivenverlust muss dies zu Ängsten führen, auf die die Gesellschaft keine Antwort hat. Die Familie aber schon. Von dieser sicheren Basis aus können junge Erwachsene auch diesen Schwierigkeiten ins Gesicht sehen oder ihnen den Rücken lange Zeit kehren.
Zusätzlich geben auch psychologische Mechanismen Hinweise darauf, welche jungen Erwachsenen dazu neigen, Spätauszieher zu werden. Sowohl Zinnecker (1996) als auch Papastefanou (1997) fanden, dass Spätauszieher bezüglich altersgerechter Entwicklungsschritte in einigen Bereichen ihren Altersgenossen gegenüber einen Rückstand aufweisen. So verliebten sie sich später das erste Mal in eine Person des anderen Geschlechts und wiesen geringere Fähigkeiten im Umgang
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mit dem Haushalt (z. B. Malzeiten zubereiten) auf, oder verreisten länger mit den Eltern zusammen, anstatt mit einer Jugendgruppe.
Aber nicht nur die Jugendlichen selbst sind für ihren verspäteten Auszug verantwortlich. Die Interaktion mit den Eltern kann einen zeitgerechten Auszug ebenso negativ wie positiv beeinflussen. So fand Papastefanou (1997) beispielsweise, dass Eltern von Spätausziehern vor deren Auszug eher überbehütend auf die jungen Erwachsenen eingehen und ihnen Hindernisse aus dem Weg räumen. Dies kann als Hinweis dafür gelten, dass Eltern die Unabhängigkeitsentwicklung ihrer Kinder in dieser kritischen Zeit untergraben, was von den Müttern dieser Spätauszieher oft auch eingeräumt wird.
Außerdem berichten die Mütter von Spätausziehern mehr Ängste bezüglich der räumlichen Trennung von ihren Kindern, was die Jugendlichen zusätzlich dazu bewegen könnte zu Hause wohnen zu bleiben. Überspitzt könnte man diesen Umstand so beschreiben: Warum sollte man die ganzen Unannehmlichkeiten des selbstständigen Lebens auf sich nehmen, wenn die Eltern doch noch so gut, und offensichtlich sogar gerne, für einen sorgen und man der Mutter darüber hinaus, als Dank für diese Unterstützung, auch noch Kummer bereiten würde?
2.5 Auszugsverhalten aus der Sicht der Eltern
Der Auszug der Kinder aus einem Haushalt hat schwerwiegende Folgen für die Eltern. Zunächst müssen sie die räumliche Trennung zu ihren Kindern bewältigen. Das ist umso schwieriger, wenn nur ein Kind im Haushalt aufgewachsen ist. Dies ist aber in vielen Familien in Industrieländern schon lange der Fall. Die Beziehung zum Kind muss neu definiert werden, und Kind und Eltern müssen lernen, sich auf einer neuen Ebene zu treffen, auf der beide Parteien sich als erwachsene und eigenständige Menschen begegnen (Papastefanou, 1997).
Aber auch für die Partnerschaft der Eltern selbst zieht der Auszug einige Folgen nach sich. Auch sie muss neu definiert werden. Die (Ehe)-Partner begegnen sich nicht mehr primär auf der Ebene von Mutter und Vater, sondern müssen die Lücke, die durch den Auszug der Kinder entstanden ist, durch eine neue Sinnfindung in der Beziehung füllen.
Dies ist bei der allgemein wachsenden Lebenserwartung einerseits und mit immer weniger Kindern in einer Familie, mit immer geringer werdendem Altersabstand
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andererseits von besonderer Wichtigkeit. Denn anders als in den Generationen vorher verbleiben den Eltern heute nach dem Auszug der Kinder noch durchschnittlich 20 bis
30 Jahre, die sie ohne Kinder noch zusammen bleiben können. Der Fortbestand der
Ehe ist oft daran gekoppelt, wie gut es dem Paar gemeinsam gelingt, sich diesen Veränderungen zu stellen und die Beziehung neu zu definieren.
Dabei sind die Eltern bei der Bewältigung dieser schwerwiegenden Umstrukturierungen meist auf sich allein gestellt. Orientierungshilfen in Form von Büchern, Forschung etc. fehlen, wie es beispielsweise in der schwierigen Phase des Elternwerdens, dem Umgang mit Kleinkindern oder der Bewältigung einer Scheidung der Fall ist.
Ältere Ansätze in der Entwicklungspsychologie des mittleren Erwachsenenalters sprechen darum auch von einer „Krise der Lebensmitte“, die besonders durch den Begriff der „mid-life crisis“, die für Männer häufig untersucht wurde, bekannt ist. Neuere entwicklungspsychologische Ansätze gehen jedoch davon aus, dass die Entwicklungsaufgaben, die im mittleren Erwachsenenalter auf die Personen zukommen, zwar große Veränderungen mit sich bringen, die das Potential besitzen, krisenhafte Reaktionen hervorzurufen, aber im gleichen Maße bieten sie dem Individuum die Chance auf Weiterentwicklung. Darum wird in diesem Kontext auch von einer „normativen Entwicklungskrise“ gesprochen. Da diese nicht unverhofft in das Leben eines Erwachsenen hineinplatzt, sondern schon lange vorher antizipiert werden kann, hat das Individuum die Möglichkeit entsprechende Ressourcen zur Bewältigung zu entwickeln. Da sich die Veränderungen dann erst nach und nach ergeben, ist trotz der starken Veränderungen „diese Lebensphase in ihrem Kern durch Stabilität und Konstanz gekennzeichnet [...]“ (Papastefanou, 1997) Es wird davon ausgegangen, dass je besser die Anpassung an die sich verändernden Lebensumstände gelingt, desto positiver werden diese auch wahrgenommen. Damit ist die Perspektive der Lebensmitte als ein krisengerüttelter Lebensabschnitt zu relativieren.
Die Reaktionen von Vätern und Müttern auf den Auszug der Kinder sind sehr unterschiedlich, was wohl auch auf die unterschiedlichen Rollen, die sie den Kindern gegenüber einnahmen, während sie noch zu Hause wohnten, zurückzuführen ist. In Bezug auf die Mütter fanden Herlyn und Vogel (1994) drei unterschiedliche Typen von Familienfrauen.
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Der erste Typ verändert seine Lebensgewohnheiten kaum. Sie suchen sich höchstens noch wenige weitere Hobbys.
Der zweite Typ wünscht sich keinerlei Veränderungen der Familiensituation selbst. Dennoch besuchen sie beispielsweise Weiterbildungskurse, um später einer Teilzeitarbeit nachgehen zu können.
Der dritte Typ verändert seine Lebenssituation tiefgreifend. Sie betrachten den Auszug der Kinder als eine Befreiung von ihrer Mutterrolle und nutzen dies dazu aus, sich neuen Aufgaben zu widmen. Sie streben Vollzeitbeschäftigungen an und erwarten eine Unterstützung von ihren Partnern in Haushalt.
Der letzte Typ berichtet auch die größere Lebenszufriedenheit.
In Bezug auf die Väter sind nur wenige Arbeiten verfasst worden, so dass das Bild der Väter mit ausziehenden Kindern eher als lückenhaft zu beschreiben ist. Generell wurde aber häufig gefunden, so berichtet Papastefanou (1997), dass Männer in dieser Lebensphase ein stärkeres Bedürfnis nach Nähe und Zugehörigkeit entwickeln. Dies kann sich einerseits so äußern, dass sie ihre Kinder schlechter loslassen, weil sie dieses Bedürfnis in einer vollständigen Familie befriedigen wollen oder aber eher loslassen können, weil sie nun ihre Partnerin wieder für sich alleine haben wollen. Es wurde auch beobachtet, dass Männer einen intensiveren Kontakt zu ihren Enkelkindern pflegen. Eventuell sind gewisse Konflikte vorprogrammiert, wenn ein solcher Vater mit einer Familienmutter des dritten Typs verheiratet ist.
Allgemein besteht die stereotype Auffassung, dass Väter ihre Kinder sehr viel leichter loslassen können, als dies bei Müttern der Fall ist. Schließlich verbringen sie auch weniger Zeit mit ihnen und haben häufig nicht so tiefe Beziehungen zu den Kindern. Dieses Bild konnte jedoch nicht bestätigt werden. Beiden Elternteilen fällt der Auszug der Kinder oft relativ leicht. Der Anteil derer, die darunter leiden oder zumindest beunruhigt sind, ist bei Vätern und Müttern ähnlich. Meist wird jedoch die Trauer über den Abschied relativ schnell überwunden.
Die Ursachen für einen schmerzhaften Abschied sind jedoch bei Vätern und Müttern unterschiedlich. Wenn Mütter unter dem Auszug leiden, liegt dies häufig daran, dass sie zu sehr auf ihre Mutterrolle fixiert sind und sich hauptsächlich über diese Rolle definieren. Bei Vätern liegen die Ursachen häufig in Problemen in der Partnerschaft, da sie nach dem Auszug der Kinder mit der Mutter alleine leben müssen (Papastefanou, 1997).
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Auch die Beziehungen der Eltern zu den Kindern nach dem Auszug unterscheiden sich nach dem Geschlecht. Häufig werden in Studien die Frauen als die Eckpfeiler der Familienbeziehungen dargestellt. Dies zeigt sich besonders darin, dass Mütter auch nach dem Auszug der Kinder häufiger und intensiveren Kontakt zu ihren Kindern haben. Insbesondere gilt dies für die Mutter-Tochter Dyade. Mütter betrachten ihre Töchter sogar als wichtige Ansprechpartner in persönlichen Dingen.
Bei Vätern ist die Qualität der Beziehungen anders geartet. Sie haben einen besseren Kontakt zu ihren Söhnen, persönliche Dinge und die Privatsphäre werden jedoch nicht besprochen. Die Beziehung ist besonders durch ein hohes Maß beiderseitigen Respekts gekennzeichnet. Sie führen eher freundschaftliche Beziehungen zu ihren erwachsenen Kindern, die dann, wenn sie wirklich Freundschaftscharakter entwickelt haben, auch als befriedigend erlebt werden.
Falls der Auszug der Kinder nicht zu gegebener Zeit realisiert wird, scheinen die Belastungen für die Eltern jedoch noch gravierender. Während der Auszug, wie schon diskutiert, eine normative Kiese darstellt und lediglich eine antizipierbare, weitere aber normale Entwicklungsaufgabe für die Eltern darstellt, ist der Umgang mit einem Nesthocker ein relativ neues Phänomen und entspricht meist nicht den Erwartungen der Eltern.
Die Problematik liegt besonders in drei Punkten. Erstens können sich Eltern von Nesthockern den Vorwurf machen, ihre Kinder nicht angemessen auf das Erwachsenenleben vorbereitet zu haben und insofern in ihrer Rolle versagt zu haben. Zweitens widerspricht ein noch lange verbleibendes Kind in der Familie der Realisierung eigener Ziele, wie sie für Eltern in dieser Lebensphase typisch sind, z.B. das Erleben eines „zweiten Frühlings“. Das Zurückkehren in ein eigenes, eigenständiges Leben ohne dass noch ein Kind von ihnen abhängig ist, wird durch einen Nesthocker erschwert. Drittens schließlich sind die Eltern gezwungen, länger als erwartet, Ressourcen für ihr Kind aufzubringen, die sie auf sich selbst verwenden würden. Dies sind materielle aber auch emotionale Ressourcen, was besonders deswegen ins Gewicht fällt, da in diesem Zeitraum auch häufig noch pflegerische Verantwortungen für die Großelterngeneration dazukommen. Diese Doppelbelastung der Eltern, sowohl der jüngeren als auch der älteren Generation gegenüber, brachte der Elterngeneration in dieser Lage auch den Namen „Sandwich-Generation“ ein. Zusätzlich wird diese Situation dann erschwert, wenn alte Rollenmuster auf Seiten der
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Eltern und ihrer Kinder beibehalten werden. Dies kann bedeuten, dass die Eltern sowohl für den gemeinsamen Haushalt mit kochen, putzen und Einkauf zuständig sind und gleichzeitig noch dabei sind die eigenen Eltern zu pflegen. Das Risiko für eine Weiterführung alter Rollen auch mit einem erwachsenen Kind ist relativ hoch. Wenn jedoch die Familie trotz der Wohnsituation eine Neudefinition ihrer Rollen realisiert und der Nesthocker dadurch relativ autonom im Elternhaus lebt, werden auch Beispiele berichtet, bei denen das Zusammenleben als befriedigend erlebt wird.
2.6 Der Einfluss des Auszugs auf die Familienbeziehungen
Der Auszug der Kinder aus dem Elternhaus ist eine große Veränderung, die es nötig macht, dass sich alle Personen in dem Familiensystem daran anpassen. Es sollte klar geworden sein, dass sich das Leben sowohl der Eltern als auch ihrer Kinder stark verändert, sobald die Kinder im jungen Erwachsenenalter sind und sich somit auf ihre künftige Rolle als Erwachsene vorbereiten. Dabei müssen alle Personen des Familiensystems Kompetenzen entwickeln, die es ermöglichen, dass die jungen Erwachsenen diese Rolle auch ausfüllen können.
Mit dem Auszug aus dem Elternhaus ist die Ablösung von den Eltern augenscheinlich eng assoziiert. Diese Ablösung und die damit erreichte Unabhängigkeit kann schon vor dem Auszug geschehen oder während und nach dem Auszug. Bestimmte Aspekte der Ablösung können jedoch auch realisiert werden, wenn der junge Erwachsene die Entscheidung trifft, noch länger bei den Eltern wohnen zu bleiben.
Damit wird deutlich, dass die Ablösung und Unabhängigkeit an sich einer genaueren Betrachtung bedarf. Allgemein können vier verschiedene Aspekte der Unabhängigkeit unterschieden werden: (nach Papastefanou, 1997)
1. Emotionale Unabhängigkeit: Das Bedürfnis nach elterlicher Anerkennung und
Unterstützung und Nähe zu den Eltern verringert sich.
2. Funktionelle Unabhängigkeit: Praktische Dinge des Alltags werden mit nur
minimaler elterlicher Hilfe bewältigt
3. Einstellungsmäßige Unabhängigkeit: Ein von den Eltern unabhängiges
Selbstbild und eigene Wertvorstellungen werden ausgebildet.
4. Konfliktmäßige Unabhängigkeit: Es bestehen keine übermäßigen Schuld-,
Angst-, Verantwortungs- oder Wutgefühle mehr gegenüber den Eltern.
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Sicherlich ist diese Perspektive jedoch zu eindimensional, da sie nur auf den Jugendlichen und dessen Erreichen von Unabhängigkeit fokussiert ist. Es könnte somit der Eindruck entstehen, dass mit dem Erreichen von Unabhängigkeit im Verlauf des Ablösungsprozesses der jungen Erwachsenen von den Eltern, die Beziehung komplett beendet wird. Doch im Gegensatz dazu brechen normalerweise die Beziehungen dennoch nicht ab. Häufig wird sogar von einer Verbesserung in mehreren Ebenen der Beziehung berichtet. Dies bedeutet, dass die gesamte Familie vor die Aufgabe gestellt ist, einen Spagat zwischen Autonomiewerdung des Jugendlichen einerseits und gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Bindung zu den Eltern andererseits zu realisieren. Diese etwas paradox anmutende künstlerische Beziehungsakrobatik ist jedoch normalerweise kein neues Kunststück für die Familie, da die Pole Exploration und Bindung schon in früher Kindheit eine wichtige Rolle in der Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern darstellen (vgl. Kap 2.1 und 2.9). Somit wird deutlich, dass unter dem Begriff der Ablösung nicht der Abbruch von Beziehungen zu verstehen ist, sondern vielmehr eine Neudefinition der Eltern-Kind- Beziehung auf die Weise, dass sich beide Parteien gleichberechtigt als Erwachsene begegnen.
Natürlich geht diese Entwicklung der Beziehung nicht völlig reibungslos vonstatten, was in älteren entwicklungspsychologischen Theorien zum Begriff der „Sturm- und Drang-Zeit“ geführt hat, die als krisengerüttelter und besonders konfliktbehafteter Lebensabschnitt beschrieben wurde. Die Jugendlichen in diesem Lebensabschnitt sollten sich immer mehr von den Eltern distanzieren und mehr und mehr ihre Bindungsbedürfnisse durch die Aufnahme von Peerbeziehungen befriedigen. Demgegenüber steht jedoch der Befund, dass die offene Austragung von Konflikten in der Familie eher für die Beziehungsqualität spricht, und dass das persönliche, emotionale Wohlbefinden von Jugendlichen viel mehr mit guten Beziehungen zu den Eltern zusammenhängt, als mit guten Beziehungen zu Peers. Die Beziehung zu den Eltern ist demnach nach wie vor besonders bedeutsam für die Psychohygiene der Jugendlichen, was durch die Austragung von Konflikten nicht negativ beeinflusst wird (Papastefanou, 1997).
Dennoch verbessert sich bei den meisten Jugendlichen die Beziehung zu den Eltern maßgeblich, wenn sie in das Alter junger Erwachsener eintreten. Sie bringen den Eltern mehr Verbundenheit und Empathie entgegen, wenn die Ablösung im Sinne der Neudefinition fortgeschritten ist. Als eine Erklärung für diese Verbesserung wurde
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die Perspektivenübernahme diskutiert. Durch das Eintreten in einen Lebensabschnitt, in dem die jungen Erwachsenen auf Probleme und Aufgaben stoßen, wie sie ihre Eltern wohl auch hatten und haben, können diese jungen Erwachsenen sehr viel besser die Handlungsweisen der Eltern nachvollziehen. Ganz besonders wurde dies in den Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern gefunden, wenn diese selbst Kinder bekommen. Häufig wird von Müttern und Töchtern dieser Zeitpunkt als ein Wendepunkt in ihrer Beziehungsentwicklung beschrieben.
Die Neudefinition auf beiden Seiten ist jedoch eine notwendige Bedingung dafür. Sollte es den Eltern nicht gelingen, ihre Elternrolle zu verlassen und ihre Kinder nach wie vor nicht als erwachsene, eigenständige Wesen zu betrachten, kommt es unweigerlich zu Konflikten; unabhängig davon, ob der Auszug erst bevorsteht, oder ob er schon lange vollzogen ist.
Besonders deutlich wird der Effekt der Beziehungsverbesserung in vielen Familien nach dem Auszug der jungen Erwachsenen. Flanagan et. Al. (1991) untersuchten im Querschnitt eine Stichprobe von jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 26 Jahren. Sie fanden, dass allein lebende Jugendliche berichteten, dass sich mit dem Auszug ihre Beziehung zu den Eltern positiv verändert habe. Demgegenüber beschrieben die noch zu Hause lebenden jungen Erwachsenen viel mehr negative Seiten der Beziehung, wie Restriktivität, Feindseligkeit und Zurückweisung, was ihnen das Gefühl gebe, von ihren Eltern noch als Kinder behandelt zu werden. Dies bedeutet, dass durch das Verbleiben des jungen Erwachsenen im Elternhaus diese Beziehungsneudefinition erschwert wird, da die alten Rollen weitergeführt werden. Ist dies der Fall, führt dies zu Konflikten innerhalb der Familie. Wahrscheinlich ist dies nicht kausal mit dem Auszug selbst verbunden, sondern vielmehr dadurch, dass ein Auszug die alten Rollenschemata unterbricht und die Beziehungsneudefinition somit erleichtert wird.
Die Beziehungsverbesserung zeigt sich typischerweise dadurch, dass auch nach dem Auszug eine hohe Interaktionsdichte zwischen den Eltern und ihren Kindern bestehen bleibt. Meist wohnen die Kinder nicht sehr weit vom Elternhaus entfernt und sie besuchen ihre Eltern relativ regelmäßig. Dagegen sind elterliche Besuche in der Wohnung der Kinder eher selten. Ist die Entfernung größer, so telefonieren sie doch wenigstens häufig. Zu besonderen Gelegenheiten, wie Familienfesten, werden meistens Treffen organisiert. Diese hohe Interaktionsdichte ist jedoch nicht mit starker emotionaler Nähe zu verwechseln. Die Treffen der Generationen haben eine neue
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Qualität entwickelt und zeichnen sich durch einen freundlich-distanzierten Umgang aus.
Typischerweise beschreiben Eltern und ihre nun erwachsenen Kinder die gemeinsame Beziehung sehr unterschiedlich. Während Eltern dazu neigen, mehr Nähe herstellen zu wollen und die Beziehung als positiv darzustellen, ist bei ihrem Nachwuchs das Gegenteil der Fall. Außerdem beschreiben die Eltern bestehende wie vergangene Konflikte eher als trivial, während dies für die Kinder keineswegs der Fall ist. Konflikte werden sehr ernst genommen und vergangene Konflikte in der Erinnerung unterstrichen. Letzten Endes sitzen die Kinder in der Beziehungsarbeit am längeren Hebel, da sie das geringere Interesse an der Beziehung haben. Papastefanou (1997) stellt dazu fest: „Die jungen Erwachsenen streben danach, den status quo durch Trennung und Neudefinition zu verändern, um sich ihrer neu gewonnenen Identität zu versichern. Die Eltern dagegen haben nur den ‚Trostpreis’, ihren ‚Job’ gut gemacht zu haben.“
2.7 Auszugsverhalten als Identitätsbildungsprozess
Die Ausbildung einer eigenen Identität wird oft als eines der herausragendsten Charakteristiken für die späte Adoleszenz und das frühe Erwachsenenalter angesehen (s. Kapitel 2.1). Erstmals bewegen sich die jungen Erwachsenen in diesem Lebensabschnitt aus dem behüteten familiären Rahmen heraus, in dem Rollen und Plätze einigermaßen klar definiert sind, und beginnen sich ein eigenständiges Leben aufzubauen, mit dem sie sich identifizieren können. Demnach sind Identitätsbildungsprozesse auch in der Entscheidung über einen Auszug oder Nichtauszug von besonderer Bedeutung.
Die bekannteste Theorie, die sich mit Identitätsbildungsprozessen befasst, ist die Theorie von Erik H. Erikson (1959). Sie entwickelte sich aus dem psychoanalytischen Ansatz nach Freud. Erikson (1959) sieht die Entwicklung einer „Ich-Identität“ als einen Prozess, der sich über die gesamte Lebensspanne erstreckt. Sie entsteht durch die Auseinandersetzung mit und die Bewältigung von Krisen, die in Stufen aufeinander aufbauen. Für die einzelnen Phasen werden keine spezifischen Altersangaben postuliert, da individuelle Entwicklungen zeitlich durchaus variieren können. Dennoch ist durch biologische Faktoren, wie der Entritt in die Pubertät, eine gewisse Altersabhängigkeit gegeben.
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Für die Kindheit postuliert Erikson vier Krisen: 1. Vertrauen vs. Misstrauen; 2. Autonomie vs. Scham, Zweifel; 3. Initiative vs. Schuldgefühl; 4. Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl.
Ab der Adoleszenz bis in das hohe Erwachsenenalter postuliert er vier weitere Krisen: 5. Identität und Ablehnung vs. Identitätsdiffusion; 6. Intimität und Solidarität vs. Isolierung; 7. Generativität vs. Selbstabsorption; 8. Integrität vs. Verzweiflung. Außerdem nimmt Erikson an, dass sich alle Krisen innerhalb von sozialen Beziehungen abspielen und mit bestimmten Elementen der Sozialordnung in Verbindung stehen. Er ordnet jeder Krise eine psychosoziale Modalität und eine psychosexuelle Phase nach Freud zu, womit er eine Brücke zwischen verschiedenen Ansätzen der Persönlichkeitsentwicklung schlägt.
Da Personen, die sich mit dem Auszug im Speziellen befassen sich in der 5. oder der 6. Krise befinden, sollen diese hier genauer beleuchtet werden:
Nach Oerter & Montada (1995) spielen in der 5. Krise „Identität und Ablehnung vs. Identitätsdiffusion“ als soziale Bezugspersonen eigene Gruppen, „die Anderen“ und Führer-Vorbilder eine große Rolle. Beispielsweise setzen sich pubertierende Jugendliche stark damit auseinander, zu welcher Gruppe oder Peer sie gehören oder gehören möchten, und welche Peers für sie nicht in Frage kommen, da diese vielleicht nicht die Persönlichkeit des Jugendlichen repräsentieren. Außerdem wird nach neuen (Rollen-) Vorbildern gesucht. Auf der Ebene der Sozialordnung sind ideologische Perspektiven von Bedeutung. Die Jugendlichen in dieser Entwicklungsphase setzen sich erstmals intensiv mit Ideologien auseinander. Beispielsweise wird erwogen, ob sie lieber „links“ oder „rechts“ sein möchten, was auch die Integration in eine bestimmte Peergruppe erleichtert und gleichzeitig eine Abgrenzung gegen „die Anderen“ ermöglicht.
Die psychosozialen Modalitäten werden mit „Wer bin ich (wer bin ich nicht)“und „Das Ich in der Gesellschaft“ beschrieben. Dies unterstreicht die Wichtigkeit dieser Krise für die Identitätsentwicklung, da der Jugendliche sich erstmals aus dem Kreis seiner Familie herausbewegt und aktiv nach seinem eigenen Platz in der Gesellschaft sucht. Die zugehörige psychosexuelle Phase ist die Pubertät.
In der 6. Krise „Intimität und Solidarität vs. Isolierung“ spielen Freunde, sexuelle Partner, Rivalen und Mitarbeiter als soziale Bezugspersonen eine Rolle. Für die jungen Erwachsenen steht nun die Bildung neuer Sozialkontakte im Vordergrund. Es werden Partnerschaften und enge Freundschaften gebildet. Außerdem spielt mit dem
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Eintritt in das Berufsleben erstmals der Aufbau von Kontakten zu Mitarbeitern eine Rolle. Die Elemente der Sozialordnung sind somit durch „Arbeits- und Rivalitätsordnungen“ definiert. Die psychosoziale Modalität ist durch „sich im anderen verlieren und finden“ charakterisiert und zielt wie die psychosexuelle Phase „Genitalität“ besonders auf die Veränderungen in romantischen Beziehungen ab.
Die 5. Phase Eriksons wurde durch einen seiner Schüler, Marcia (1980), weiterentwickelt, da diese, seiner Auffassung nach, für die Identitätsentwicklung von besonderer Bedeutung ist.
Er unterscheidet vier verschiedene Identitätszustände, in denen sich Jugendliche und junge Erwachsene in der späten Adoleszenz befinden können. Diese sind in Abbildung 2.3 dargestellt.
Abb. 2.3: Identitätszustände nach Marcia und deren Beziehung zueinander
Dabei müssen nicht alle Identitätszustände durchlaufen werden und auch die Reihenfolge, in der die Stadien durchlaufen werden, ist nicht festgelegt. Marcia (1989) fand, dass sich innerhalb weniger Jahre der Anteil von Jugendlichen im Status der diffusen Identität von anfangs 20% auf 40% verdoppelte. Dieser Befund drängte Marcia dazu, den Status der diffusen Identität nochmals genauer zu untersuchen. Er teilte diesen Zustand nochmals in vier verschiedene Zustände:
1. die Störungsdiffusion ist häufig das Resultat von Traumata oder unbewältigter
kritischer Lebensereignisse. Dieser Typus ist häufig durch soziale Isolation und Rückzug gekennzeichnet, da ihm spezielle Ressourcen fehlen. Außerdem flüchten sich betroffene Jugendliche häufig in Größenphantasien.
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2. Die sorgenfreie Diffusion. Dieser Typus ist unauffällig. Er hat keine
Einschränkungen in sozialer Hinsicht und wirkt durchaus kontaktfreudig. Häufig sind die sozialen Kontakte der betroffenen Jugendlichen jedoch oberflächlich.
3. Die Entwicklungsdiffusion entspricht am ehesten dem ursprünglichen Konzept
der Identitätsdiffusion, im Sinne einer Stufe innerhalb eines Entwicklungsprozesses.
4. Der kulturell adaptiven Diffusion kommt eine besondere Bedeutung zu, da sie
in modernen, globalisierten Gesellschaften zu einem normalen Identitätszustand avancieren könnte. In einer sich ständig verändernden multikulturellen Gesellschaft mit vielen unterschiedlichen Wertesystemen könnte eine Festlegung auf bestimmte Vorstellungen ein Nachteil bedeuten, da in einer solchen Gesellschaft ein hohes Maß an Flexibilität von jedem einzelnen Individuum gefordert ist.
Elkind (1990) spricht im Zusammenhang mit der kulturell adaptiven Diffusion auch von einer „Patchwork- Identity“, da sie aus vielen verschiedenen Identitätseigenschaften zusammengesetzt ist, ohne einen in sich kohärenten Kern zu besitzen. Verschiedene Wertesysteme stehen relativ unverbunden nebeneinander und widersprechen sich teilweise auch. Elkind weist darauf hin, dass dieser Typus zwar durchaus erfolgreich sein kann, dass dieser Identitätszustand aber insgesamt ein wenig wünschenswertes Ergebnis einer Identitätsentwicklung darstellt.
2.8 Auszugsverhalten als Entwicklungsaufgabe
Der prominenteste Vertreter des Konzeptes, das sich um Entwicklungsaufgaben dreht, ist Havinghurst (1982). Er sieht Entwicklung als einen die gesamte Lebensspanne umfassenden Prozess, der sich aktiv, zielgerichtet und bewusst vollzieht und in Wechselwirkungsprozesse zwischen Individuum und Umwelt eingebettet ist. Diese Wechselwirkung bedeutet, dass ein Individuum nicht nur aktiv in der Umwelt wirksam ist, sondern dass diese Aktionen durch komplexe Wechselwirkungsprozesse auch wieder in das Leben des Individuums zurückwirken. Somit gestaltet das Individuum seine Bühne, auf der bestimmte Entwicklungsaufgaben in das Leben hineinspielen, aktiv mit. Havinghurst geht davon aus, dass bestimmte Entwicklungsaufgaben zu typischen Zeitpunkten im Leben eines Individuums auftauchen. Dabei erleichtert die
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erfolgreiche Bewältigung einer Entwicklungsaufgabe die Bewältigung kommender Entwicklungsaufgaben, da diverse Aufgaben aufeinander aufbauen und nicht unabhängig nebeneinander stehen. Außerdem geht Havinghurst davon aus, dass die erfolgreiche Bewältigung einer Aufgabe zu Zufriedenheit beim Individuum führt, während eine nicht zeitgemäße oder nicht bewältigte Entwicklungsaufgabe zu Unzufriedenheit führt und die Bewältigung kommender Aufgaben erschwert. Havinghurst erarbeitete drei verschiedene Quellen, die einen Entwicklungsdruck erzeugen, um beschreiben zu können, weswegen in bestimmten Lebensabschnitten spezifische Entwicklungsaufgaben aktuell werden: (nach Dreher und Dreher, 1985)
1. Physische Reifung (z. B. Eintritt in die Pubertät, Menopause...)
2. Kultureller Druck (Erwartungen seitens der Gesellschaft, z. B. politisches
Engagement, erlernen eines Berufes...)
3. Individuelles Streben und Werte (z. B. eine eigenständige und
unverwechselbare Persönlichkeit entwickeln) Spezifische Entwicklungsaufgaben sind dabei keineswegs allgemeingültig. Viele haben nur in speziellen Kulturen oder gar nur in Subkulturen Gültigkeit. Andere jedoch können auch kulturübergreifend postuliert werden. Diese beziehen sich jedoch meist auf biologisch fundierte Entwicklungsaufgaben, wie die Übernahme geschlechts- spezifischer Rollen in der Gesellschaft mit Erlangung der Geschlechtsreife. Auch der Zeitpunkt, wann eine Entwicklungsaufgabe im Leben relevant wird und wann sie abgeschlossen ist, ist sehr variabel. So existieren diverse Entwicklungs- aufgaben, die in einem begrenzten Zeitraum und zu einem interindividuell ähnlichen Zeitpunkt bewältigt werden, wie z.B. das Erlernen körperlicher Geschicklichkeit (Treppen laufen, Feinmotorik...). Andererseits existieren Entwicklungsaufgaben, die mehrere Phasen der Lebensspanne beeinflussen, wie z.B. den Aufbau altersgerechter sozialer Kontakte. Es können auch mehrere Entwicklungsaufgaben gleichzeitig aktuell bearbeitet werden.
Außerdem sind die einzelnen Entwicklungsaufgaben, wie vorher in der Definition schon erwähnt, nicht unabhängig voneinander. Die Bewältigung oder Nicht- bewältigung spezifischer Entwicklungsaufgaben in bestimmten Bereichen können die Bewältigung darauf folgender Entwicklungsaufgaben positiv oder negativ beeinflussen. Viele Entwicklungsaufgaben bauen nach diesem Schema aufeinander auf.
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Zuletzt ist ein großer Freiraum für individuelle Lebensläufe typisch für die Bewältigung spezifischer Entwicklungsaufgaben. Es scheint plausibel, dass ein junger Arbeiter schon sehr viel früher als beispielsweise ein Student, in typische Entwicklungsaufgaben des Erwachsenenalters, wie die Gründung einer Familie, involviert ist, da dieser schon sehr viel früher die ökonomischen Rahmenbedingungen für eine solche Aufgabe realisiert. Dies untermauert auch der Befund, dass gerade Studierende noch stark in Entwicklungsaufgaben involviert sind, die eher für die Adoleszenz typisch sind. Häufig sind sie in diese sogar viel mehr involviert als in Erwachsenenaufgaben, obwohl sie sich selbst durchaus als erwachsen wahrnehmen. In Tabelle 2.2 sind die Entwicklungsaufgaben nach Havinghurst dargestellt.
(s. nächste Seite)
Dreher und Dreher (1985) fanden, dass das aus den 40er Jahren stammende Konzept von Havinghurst auch heute noch Gültigkeit hat, auch wenn sie einige Vorschläge für neue Entwicklungsaufgaben machen. So nannten über 50% ihrer aus Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren bestehenden Stichprobe die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit als eine vorrangige Entwicklungsaufgabe.
Für das Auszugsverhalten der Jugendlichen ist die Entwicklungsaufgabe „vom Elternhaus unabhängig werden, bzw. sich vom Elternhaus ablösen“ von besonderer Bedeutung. Dreher und Dreher (1985) fanden, dass sowohl bei den männlichen als auch bei den weiblichen Versuchspersonen diese Ablösung nach dem Beruf, dem Selbst, den Peers, einem eigenen Wertesystem, dem eigenen Körper und der Zukunft rangierte. 64% der weiblichen und 55% der männlichen Versuchspersonen beschrieben diese Entwicklungsaufgabe für wichtig oder sehr wichtig. Der Vorsprung der weiblichen Versuchspersonen war signifikant. Außerdem fand sich sowohl in einer querschnittlichten als auch in einer längsschnittlichten Analyse eine Zunahme der Bedeutung mit dem Alter. Dennoch beschrieben nur 64% der durchschnittlich 18jährigen (die älteste Gruppe der Untersuchung) diese Entwicklungsaufgabe als wichtig.
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Tabelle 2.2: Entwicklungsaufgaben nach Havinghurst unter der life-span Perspektive dargestellt (nach Dreher & Dreher 1985)
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Der Gegenpol zur Ablösung von den Eltern stellt die Aufnahme intimer Beziehungen dar. Hier fanden sich große Geschlechtsunterschiede. Bei den männlichen Versuchspersonen sagten 74% und bei den weiblichen 49%, dass diese Entwicklungsaufgabe für sie aktuell wichtig sei. Die enge Verbindung dieser Entwicklungsaufgabe mit dem Körper bei den männlichen und mit Partnerschaft und Familie bei den weiblichen Versuchspersonen legt die Vermutung nahe, dass „die Aufnahme intimer Beziehungen für männliche Jugendliche in Verbindung mit körperlicher Reife an Bedeutsamkeit gewinnt, während bei weiblichen Jugendlichen intime Beziehungen mehr in Verbindung mit der Bedeutsamkeit von Partnerschaft und späterer Familie stehen.“ (Dreher und Dreher 1985)
2.9 Auszugsverhalten als Aspekt des Bindungsverhaltens
Das Auszugsverhalten von jungen Erwachsenen kann nicht nur durch die Perspektive des jungen Erwachsenen selbst betrachtet werden, wie schon verschiedentlich erwähnt. Nicht nur er entwickelt seine Identität oder bewältigt Entwicklungsaufgaben. Es wurde deutlich, dass der Auszug als Ablöseverhalten verstanden werden kann, das sich aber in einer weiterhin emotional bedeutsamen Beziehung abspielt. Somit ist die Ablösung von den Eltern nur ein Aspekt des Auszugsverhaltens. Ein anderer ist auch die Aufrechterhaltung der Beziehung. Papastefanou (1997) spricht davon, dass „im Rahmen der zunehmenden Individuierung die Balance zwischen „Verbundenheit“ und „Autonomie“ unter den Generationen neu ausgehandelt wird.“ Die Konstrukte „Ablösung“ und „Verbundenheit“ (s. Kapitel 2.1) aus dem Individuationskonzept (Buhl, Wittmann & Noack, 2003) erinnern sehr an die Konstrukte „Exploration“ und „Bindungsverhalten“, das im Fremde-Situationstest von Ainsworth et al. (1978) bei Kleinkindern untersucht wird. Auch Kenny (1987) vertritt diesen Standpunkt.
Bevor die Operationalisierung von Bindungsverhalten nach Ainsworth diskutiert wird, erst ein kleiner Exkurs in die Bindungstheorie.
Die Bindungstheorie geht auf John Bowlby (1951) zurück. Ihm fiel in seiner Arbeit mit auffälligen Jugendlichen auf, dass Trennungen von den Müttern ursächlich mit den sozialen Auffälligkeiten der Jugendlichen in Zusammenhang stehen. Dies veranlasste
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ihn, der Mutter-Kind-Beziehung seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken und diese genauer zu untersuchen.
Dabei entwickelte er das Konstrukt der Bindung, die folgendermaßen definiert werden kann:
„Unter Bindung versteht man ein langandauerndes affektives Band zu ganz bestimmten Personen, die nicht ohne weiteres auswechselbar sind, deren körperliche, psychische Nähe und Unterstützung gesucht wird, wenn z.B. Furcht, Trauer, Verunsicherung, Krankheit, Fremdheit usw. in einem Ausmaß erlebt werden, das nicht mehr selbstständig regulierbar ist.“ (Seiffge-Krenke 2004) Bowlby fand damit einen Trieb des Menschen, der nicht, wie Nahrungsaufnahme oder Sexualität auf rein körperliche Bedürfnisse abzielt, sondern der Regulation psychischer Affekte dient. Dennoch betonte Bowlby den biologischen Aspekt in der Bindung, da sie Schutz und Sicherheit in vielen überlebenswichtigen Bereichen herstellt.
Dabei spielt sich Bindung auf verschiedenen Ebenen ab. Das Bindungsverhalten wird als ein Verhaltenssystem begriffen, das zum Ziel hat, die größtmögliche Nähe zu einer Bindungsperson herzustellen und damit unangenehme Affekte zu reduzieren. Dieses Bindungsverhalten ist stark vom Alter des Kindes abhängig und äußert sich somit auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Den Gegenpol zum Bindungsverhalten stellt die Exploration dar. Die Exploration umfasst alle Verhaltensweisen, die das Kind ausübt, um seine Umwelt aktiv zu erkunden und zu begreifen. Dieses Verhaltenssystem ist so lange aktiviert, wie sich das Kind in seiner Umwelt sicher fühlt, d.h. keine aversiven Affekte auftauchen. Das Explorationsverhalten wird bei kleinen Kindern normalerweise sofort unterbrochen, sobald die enge Bindungsperson nicht mehr anwesend ist. Die Abwesenheit der Bindungsperson steigert den Affektdruck so sehr, dass sich sofort das Bindungssystem aktiviert. Darum wird davon gesprochen, dass eine erfolgreiche Exploration nur von einer „sichern Basis“ aus geschehen kann. Die Bindungsperson stellt diese sichere Basis zur Verfügung, indem sie anwesend ist und die Möglichkeit bietet, Bindungsverhalten zuzulassen und aversive Affekte beim Kind zu regulieren, falls dies notwendig sein sollte. Von einer solchen sicheren Basis aus kann das Kind sicher seine Umwelt erkunden, da es weiß, dass es behütet wird.
Somit ist es für eine sichere und tragfähige Bindung sowohl entscheidend, dass die Eltern als sichere Basis für das Kind verfügbar sind, als auch dass sie das Kind
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dazu ermutigen, von dieser sicheren Basis seine Umwelt aktiv zu erkunden (Bowlby 1980).
Es wird deutlich, dass dies ein hohes Maß an Verantwortung an die Eltern stellt, sowohl jederzeit als sichere Basis zu fungieren, als auch die Exploration ihres Nachwuchses immer zur rechten Zeit und im rechten Maße situationsangemessen zu fördern. Dabei spielt besonders die Feinfühligkeit der Eltern eine Rolle, die es ihnen ermöglicht, die jeweiligen Bedürfnisse des Kindes richtig zu interpretieren und in angemessener Zeit angemessen zu reagieren.
Dabei kann auch viel schief gehen. Bowlby ging davon aus, dass sich durch frühkindliche Erfahrungen in der Beziehung zu den Eltern sogenannte innere Arbeitsmodelle im Kind herauskristallisieren, die als Prototyp für spätere Beziehungen dienen. Hierdurch erklärt er die hohe Konsistenz bestimmter Beziehungsqualitäten mit ganz unterschiedlichen Menschen. Diese inneren Arbeitsmodelle sollten relativ stabil sein, wenn sie sich erst einmal in der Kindheit herausgebildet haben, können aber dennoch durch spätere Erfahrungen durchaus modifiziert werden.
Innere Arbeitsmodelle werden folgendermaßen definiert:
„Innere Arbeitsmodelle sind kognitive Schemata, in denen Erwartungen bezüglich des Verhaltens einer bestimmten Person gegenüber dem Selbst gespeichert sind. Diese Erwartungen sind Abstraktionen, die auf wiederholten Interaktionen in einer bestimmten Art mit einer anderen Person basieren. [...]“ (Seiffge-Krenke 2004).
Dies bedeutet, dass wenn ein Kind die Erfahrung macht, dass die Eltern für es da sind und es trösten, wenn es sich verletzt hat oder vor etwas Angst bekommt, dieses Kind die Erwartung aufbaut, dass es in ähnlichen Situationen ebenso gehalten und getröstet wird. Es bildet die Erwartung heraus, dass die Eltern in der Lage sind, aversive Affekte zu reduzieren und Sicherheit und Geborgenheit herzustellen. Dieses Kind wird sich der sicheren Basis seiner Eltern bewusst sein und sich bei der Erkundung der Umwelt somit sicher sein. Demzufolge geht Bowlby davon aus, dass Kinder mit solchen positiven Bindungserfahrungen einen sicheren Bindungsstil entwickeln und in Zukunft die Fähigkeit haben, ein autonomes Selbstwertgefühl aufgrund gelungener Exploration zu entwickeln und in Beziehungen zu anderen Menschen zu vertrauen. Außerdem entwickeln sie Kompetenzen zur eigenständigen Emotionsregulation und Kommunikation besser.
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Für Bowlby selbst standen die Eltern und ganz besonders die Mutter im Focus des Bindungsverhaltens. Neuere Untersuchungen belegen jedoch, dass Kinder zu verschiedenen Bezugspersonen Bindungen herstellen und sich eine gewisse Rangfolge unter den Bezugspersonen etabliert. Entscheidend dafür ist die mit der jeweiligen Person verbrachte Zeit, die Qualität der Zuwendung, das emotionale Engagement der Bezugsperson und ob diese regelmäßig wieder auftaucht (Seiffge- Krenke 2004).
Mary Ainsworth gelang 1978 schließlich die Messung des inneren Arbeitsmodells bei Kindern im Alter zwischen 18 Monaten und 3 Jahren durch einen rein verhaltensbezogenen Test, dem Fremde-Situations-Test. Bei diesem Verfahren werden eine Mutter und ihr Kind in einen Raum geführt, der von den Versuchsleitern durch Kameras oder Einwegspiegel beobachtet werden kann. In dem Raum befindet sich Spielzeug für das Kind. Während des Tests wird das Kind mit mehreren unterschiedlichen Situationen konfrontiert. So wird es z. B. mit einer für es fremden Person, oder auch ganz alleine gelassen. Dabei werden die jeweiligen Reaktionen des Kindes auf die unterschiedlichen Situationen beobachtet.
Für sicher gebundene Kinder ist es beispielsweise typisch, dass sie in der Situation, wenn sie mit der Mutter alleine in dem Raum sind, bald anfangen zu spielen oder die Umwelt zu explorieren, dabei aber häufig Rückversicherungsblicke in Richtung der Mutter werfen, um sich der sicheren Basis zu versichern.
Bei der Trennung von der Mutter zeigen sie offen ihren Trennungsschmerz, sind aber schnell durch die Rückkehr der Mutter zu beruhigen und beginnen wieder mit der Exploration. Somit besteht bei ihnen ein Gleichgewicht zwischen Bindungsverhalten und Exploration, wie es von Bowlby postuliert wurde. Der Anteil der Kinder mit einem solchen sicheren Bindungsstil liegt bei unterschiedlichen Untersuchungen bei ca. 50%.
In den Untersuchungen von Ainsworth fanden sich noch zwei weitere Bindungsstile, die als unsichere Bindungsstile beschrieben werden.
Der Unsicher-Vermeidende Bindungsstil bildet sich wahrscheinlich dadurch heraus, dass das Kind konsistent keine Bindungsangebote von der Bezugsperson bekommt, oder sogar von der Mutter zurückgewiesen wird. Besonders bei Trauerreaktionen wurde eine schroffe Zurückweisung seitens der Mütter beobachtet. Das Kind macht somit die Erfahrung, dass es mit aversiven Situationen selbst klar kommen muss und sich nicht auf eine andere Person verlassen kann, um Hilfe zu
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bekommen. Das Bindungssystem ist bei diesen Kindern zwar stark aktiviert, dies wird jedoch durch verstärktes Explorationsverhalten kompensiert. Diese Verschiebung hin zur Exploration kann somit als adaptive Strategie angesehen werden.
Unsicher-Vermeidend gebundene Kinder zeigen somit im Fremde-Situations- Test bei der Trennung von der Mutter nur wenige Affekte. Auch bei der Rückkehr der Mutter suchen sie nicht ihre Nähe und richten ihre ganze Aufmerksamkeit wieder der Umwelt zu. Der Verhaltensfokus liegt somit bei diesen Kindern eindeutig auf der Exploration. Dieser Bindungsstil ist mit ca. 25% aller Kinder der zweit häufigste. Der Unsicher-Ambivalente Bindungsstil bildet sich dadurch heraus, dass die Reaktionen der Mutter durch das Kind nicht vorhersagbar sind. Zu einem Zeitpunkt verhalten sie sich sehr herzlich und überfürsorglich und zu einem anderen Zeitpunkt ziehen sie sich zurück und sind für das Kind nicht erreichbar, völlig unabhängig, ob bei dem Kind nun das Explorations- oder das Bindungssystem aktiviert ist. Das Kind macht somit die Erfahrung, dass die Mutter nicht angemessen auf die Bedürfnisse des Kindes reagieren kann. Wenn es seine Umwelt erkunden möchte, wird es festgehalten und gedrückt und wenn es ein Bindungsbedürfnis hat, ist die Mutter nicht erreichbar oder das Kind wird abgewiesen. Bei diesen Kindern ist das Bindungssystem ständig aktiviert, da das Kind die Erfahrung gemacht hat, dass Bindungsbedürfnisse sporadisch erfüllt werden. Da dies jedoch höchst inkonsistent geschieht, macht das Kind nicht die Erfahrung, dass es dieses Verhalten bei der Mutter beeinflussen kann. Im Fremde-Situations-Test kann man den Kindern bei der Trennung von der Mutter eine enorme Beunruhigung ansehen. Gleichzeitig jedoch sind sie nicht in der Lage, nach der Rückkehr der Mutter den Trost zu schöpfen und verhalten sich der Mutter gegenüber ambivalent. Sie suchen Körperkontakt und wehren ihn gleichzeitig ab. Auch in Anwesenheit der Mutter liegt der Fokus des Kindes auf dem Bindungsverhalten, das aber gleichzeitig auch vermieden wird. Bei ca. 15% der Kinder ist dieser Bindungsstil vorherrschend.
Außerdem fand sich bei Untersuchungen von Main und Hesse (1992) ein vierter Bindungsstil, der jedoch als pathologisch einzustufen ist und demnach eine Sonderstellung einnimmt.
Der Desorientierte oder Desorganisierte Bindungsstil bildet sich bei Kindern dadurch heraus, dass von den Eltern selbst eine direkte Bedrohung für das Kind ausgeht (z.B. durch psychische, körperliche oder sexuelle Misshandlungen). Somit können die Eltern unmöglich eine sichere Basis darstellen und das Fundament, auf
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dem die Bindung fußt, ist somit nicht vorhanden. Kinder machen in einer solchen Situation die Erfahrung, dass so etwas wie Sicherheit auf dieser Welt überhaupt nicht existiert.
Dieser Bindungsstil äußerst sich bei Kindern durch stereotype und unterbrochene Verhaltensmuster, widersprüchliche Reaktionen und spärliche Kommunikation. Er ist bei immerhin 5-10% aller Kinder zu beobachten.
Da der Bindungsstil weitgehend zeitstabil ist, findet sich auch bei Erwachsenen eine ähnliche Aufteilung. Die Erfassung des Bindungsstils geschieht jedoch bei Erwachsenen nicht über das Bindungsverhalten, sondern über die Bindungsrepräsentation, wie sie im Adult Attachment Interview (Gloger-Tippelt 2001) realisiert wird. Diese Methode wird im Methodenteil näher besprochen (s. Kap 3.2.1., AAI). Dabei entspricht die unsicher-distanzierte (engl.: „dismissed“) Bindungsrepräsentation dem unsicher-vermeidenden Bindungsverhalten der Kinder, und die unsicher-verwickelte (engl.: „preoccupied“) Bindungsrepräsentation dem unsicher ambivalenten Bindungsverhalten.
Sicher gebundene Erwachsene erweisen sich in ihren Beziehungen als sehr kompetent. Sie können mit Konflikten gut umgehen und sie produktiv lösen, da sie die Erfahrung gemacht haben, dass trotz einem Streit die Beziehung nicht unbedingt gleich zerbricht. Ihren Eltern gegenüber haben sie eine positive Grundhaltung und können sowohl positive als auch negative Erinnerungen gut abrufen und zu einem kohärenten Gesamtbild integrieren.
Unsicher vermeidend gebundene Erwachsene stellen sich selbst in Beziehungen als sehr unabhängig dar. Dabei haben sie jedoch wenig Autonomie ihren Eltern gegenüber realisiert. Sie neigen dazu, die Eltern zu idealisieren und betonen, dass sie in einer „ganz normalen“ Umgebung aufgewachsen sind. Unsicher verwickelte Erwachsene sind durch ein Überengagement in Beziehungen gekennzeichnet, das jedoch wenig produktiv ist. Auch im Erwachsenenalter bleibt das Bindungssystem ständig überaktiviert. Mit ihren Eltern führen sie noch immer eine recht verwickelte Beziehung, die sich durch wenig Distanz auszeichnet. Auch Kindheitserfahrungen sind schlecht verarbeitet und spielen in inkohärenter Weise noch eine große Rolle in der Verhaltenssteuerung und in der Beziehung zu den Eltern (Seiffge-Krenke 2004).
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Somit wird deutlich, dass der jeweilige Bindungsstil eines jungen Erwachsenen von großer Relevanz für dessen Auszugsverhalten ist. Der Auszug stellt den jungen Erwachsenen vor die Aufgabe, seine Umwelt frei zu explorieren und sich weiter vom Elternhaus und der sicheren Basis zu entfernen, als dies jemals zuvor in seinem Leben der Fall war. Gleichzeitig jedoch stellt für die meisten jungen Erwachsenen der Auszug nicht der Bruch mit den Eltern dar, sondern die Beziehung mit den Eltern wird weitergeführt. Die Beziehung erhält jedoch eine neue Qualität. Das Ausmaß, in dem ein junger Erwachsener darauf vertrauen kann, dass er sich von der sicheren Basis entfernen kann und dennoch weiterhin Unterstützung erfährt, ist demnach für die Entscheidung für oder gegen einen Auszug von großer Bedeutung.
2.10 Empirische Befunde zum Auszugsverhalten
Papastefanou (1997) führte an einer Stichprobe von 56 Familien aus dem Rhein- Neckar-.Kreis in einem Zeitraum von 1989 bis 1990 eine explorative Befragung zum Erleben eines bevorstehenden Auszugs der Kinder durch. Die jungen Erwachsenen dieser Stichprobe waren alle StudentInnen verschiedener Fachrichtungen, was die Repräsentativität dieser Stichprobe relativiert. Auch die Ehe der Eltern war mit einer durchschnittlichen Dauer von 24 Jahren überdurchschnittlich stabil und das Bildungsniveau der Eltern überdurchschnittlich hoch. Dennoch ist diese Studie eine der wenigen, die zu diesem Thema publiziert wurde und alle Familienmitglieder mit einbezieht.
Das Design der Studie ist querschnittlich. Dies bedeutet, dass bei ca. der Hälfte der Familien die Kinder bereits ausgezogen waren und die andere Hälfte wohnte noch zu Hause. Bei den Fragen im Interview wurde in beiden Gruppen auf die Zeit vor und nach dem Auszug eingegangen. Dies bedeutet, dass die bereits ausgezogenen die Zeit vor dem Auszug retrospektiv erinnern und diejenigen, die noch zu Hause leben, bezüglich der Zeit nach dem Auszug ihre Erwartungen äußern.
Die Studie hat nicht das Ziel, Gründe für unterschiedliches Auszugsverhalten zu identifizieren, sondern vielmehr die Veränderungen im Familiensystem zu dokumentieren, die sich mit einem Auszug einstellen.
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Zunächst beschäftigte sich die Studie mit der Frage, wie die Eltern mit der räumlichen Trennung umgehen, d.h. ob sie positive, negative oder ambivalente Gefühle mit der Trennung durch den Auszug verbinden.
Von den Eltern, die den Auszug noch vor sich hatten, wurden positive und negative Emotionen gleich häufig genannt (Mütter jeweils 33.3%, Väter jeweils 43.8%). Lediglich ambivalente Gefühle wurden von den Vätern seltener benannt. Von den Eltern, bei denen die Kinder bereits ausgezogen waren, äußerten beide Elternteile überwiegend positive Gefühle (Mütter 71.3%, Väter 72%). Dies führt Papastefanou darauf zurück, dass in diesen Familien der Auszug gut vorbereitet war und dementsprechend harmonisch verlief.
Als Gründe für diese positiven Emotionen geben die meisten Väter eher rationale Argumente an, wohingegen die Mütter eher in der Erwartung, wieder etwas für sich selbst tun zu können, einen Vorteil für sich erkennen. Hier stellt sich jedoch die Frage, inwieweit die Väter die positiven Emotionen eher aus Gründen der sozialen Erwünschtheit und aus einer Flucht in die Rationalisierung heraus angeben. Dennoch war der Unterschied zwischen den Eltern vor und nach dem Auszug der Kinder mit p=.05 signifikant. Dies könnte bedeuten, dass das Bild des Auszugs ein Ereignis ist, dem viele Eltern mit zumindest gemischten Gefühlen entgegenschauen, dass aber, wenn der Schritt dann mal getan ist, hinterher nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde.
Unterschiede zwischen den Eltern ergaben sich dahingehend, dass Mütter eher die Trennung von der Tochter als schmerzlicher empfinden als die Trennung von einem Sohn. Väter hingegen haben größere Schwierigkeiten damit, sich von einem Einzelkind zu trennen.
Bezüglich der Schwierigkeiten, mit denen die Eltern bezüglich des Auszugs ihrer Kinder zu kämpfen haben fand sich in der Analyse der Antworten im Interview, dass in der Phase der Vorbereitung eines unmittelbar bevorstehenden Auszugs bei den meisten Eltern Gefühle der Leere und Trauer zu finden sind. Diese legten sich jedoch schnell und häufig entstand daraus eine Freude darüber, dass die räumliche Trennung neue Möglichkeiten in der Eltern-Kind-Beziehung eröffnet. Dies wurde insbesondere dadurch ermöglicht, dass der Auszug nicht plötzlich von heute auf morgen geschah, sondern einen längeren Vorlaufsprozess durchlief, der es den Eltern ermöglichte, sich Schritt für Schritt an die neu entstehende Situation zu gewöhnen.
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Bezüglich der Frage, ob die Eltern ihre Kinder in Abhängigkeit davon ob sie ausgezogen sind oder nicht, als „abgelöst“ wahrnehmen fand sich im Einklang zu zuvor dargelegten Sachverhalten, dass die Eltern keinerlei Abhängigkeit zwischen diesen beiden Begebenheiten berichteten. Sowohl Ausgezogene wurden teilweise als „nicht abgelöst“ wahrgenommen und noch zu Hause wohnende junge Erwachsene wurden ebenso teilweise schon als „abgelöst“ wahrgenommen.
In einem weiteren Schritt wurden die jungen Erwachsenen ebenfalls in einem Interview befragt.
Auf die Frage: „Wie hast Du Deinen Auszug erlebt“ (für bereits ausgezogene), bzw. „Mit welchen Gefühlen gehst Du an Deinen Auszug“ (für noch zu Hause lebende) antworteten 64.3% der bereits Ausgezogenen, dass sie positive Gefühle mit ihrem Auszug verbanden. Bei den noch zu Hause lebenden jungen Erwachsenen waren dies nur 40%. Ebenso viele dieser Probandengruppe berichteten gemischte Gefühle. In der Gruppe der schon ausgezogenen Probanden äußerten nur 17.9% gemischte Gefühle. Hierbei fand sich mit p=.06 ein tendenzieller Effekt der Geschwisteranzahl. Einzelkinder berichteten demnach häufiger negative oder gemischte Gefühle als diejenigen, die noch jüngere Geschwister haben.
Geschlechtsunterschiede fanden sich bei den jungen Erwachsenen nicht.
Sie wurden auch gefragt, wie sie die emotionale Reaktion ihrer Eltern einschätzen. Hierbei wurden neben positiv, negativ und ambivalent auch eine vierte Kategorie gebildet, die ausdrückt, dass die Mutter und der Vater unterschiedlich auf den Auszug reagieren. In den meisten Fällen bedeutete dies, dass die Mütter schwerer mit dem Auszug zu kämpfen hatten als die Väter.
Ca. zwei Drittel der schon Ausgezogenen berichteten überwiegend positive Gefühle bei ihren Eltern beobachtet zu haben. Nur 7.4% nahmen negative Emotionen bei beiden Eltern wahr, was im Kontrast dazu steht, dass dieser Wert bei den Vätern doppelt so hoch liegt und bei den Müttern sogar dreimal so hoch.
14.8% berichteten unterschiedliche Reaktionen bei Vätern und Müttern.
Bei den noch zu Hause Lebenden ergibt sich eine andere Verteilung. Die Kategorie ambivalent wurde selten genannt (3.8%). Die restlichen Probanden verteilen sich zu fast gleichen Anteilen auf die restlichen Kategorien.
Damit wird deutlich, dass alle Familienmitglieder, sowohl die Eltern, als auch deren Kinder, einen Auszug im Nachhinein größtenteils als positiv erleben. Steht der
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Auszug jedoch noch bevor, berichten alle Familienmitglieder sehr viel häufiger emotionale Schwierigkeiten. Den Jugendlichen sind die Probleme der Eltern nur in manchen Familien bewusst.
Als nächstes interessierte sich die Untersuchung für die Veränderungen in den Familienbeziehungen, die sich durch den Auszug ergeben.
Im Interview bezeugten alle Familienmitglieder ein hohes Maß an Interesse am Leben der anderen Generation. Dabei war der Anteil der Mütter, die viel Interesse am Leben ihrer Kinder bekundeten, mit 98% am höchsten und der der Väter mit 76.2% zwar am niedrigsten, aber dennoch sehr hoch.
Zusätzlich wurden die Familienmitglieder auch gefragt, ob sie das Interesse der anderen Generation auch wahrnahmen. Dies war bei fast allen Familienmitgliedern auch der Fall, aber 43.9% der Väter gaben an, dass ihre Kinder wenig Interesse an deren Leben zeigten. Dabei nehmen die betreffenden Väter die Beziehung zu ihrem Nachwuchs als belastet wahr und bedauern das Desinteresse ihrer Kinder.
Nach dem Auszug blieben die Kontakte zwischen Eltern und ihren Kindern erhalten. In den meisten Familien telefonieren Eltern und ihre Kinder regelmäßig. Meistens sind es die Eltern, die anrufen. Außerdem besuchen die Kinder ihre Eltern regelmäßig, zumindest wenn sie in unmittelbarer Nähe zum Elternhaus leben. Hierbei ergaben sich keine Geschlechtseffekte. Häufig jedoch haben diese Besuche bei den Eltern einen gewissen Zweckcharakter, beispielsweise um Wäsche zu waschen. Andererseits wird aber aus der Perspektive der jungen Erwachsenen die wenige Zeit, die sie mit den Eltern verbringen auch häufig intensiv für Gespräche und gemeinsames Essen genutzt. Alle Besuche gehen von den Kindern aus und werden von den Eltern nicht initiiert. Ebenso besuchen Eltern nicht von sich aus ihre Kinder. Im Interview wurde erfasst, inwieweit die Eltern eine Veränderung in der emotionalen Beziehung zu ihren Kindern erlebt hatten bzw. erwarteten.
Hierbei wurde gefunden, dass 57.1% aller Väter eine Verbesserung der emotionalen Beziehung beobachteten bzw. erhofften, wohingegen der Anteil der Mütter diesbezüglich mit 30.2% erheblich geringer ausfällt. Als einzige Ausnahme wurden die Mütter von Töchtern identifiziert, die ebenfalls eher eine Verbesserung erfuhren bzw. erwarteten.
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Hierbei ist zu beachten, dass Väter und Mütter unterschiedliche Dinge unter einer positiven emotionalen Beziehung verstanden: Väter benutzten eher Beschreibungen wie „kameradschaftlich“, Mütter eher „warm“ oder „offen“.
Papastefanou weist darauf hin, dass die Qualität dieses Interesses zwischen den Generationen sich ebenfalls stark unterscheidet, da elterliches Interesse häufig als Kontrolle wahrgenommen wird und damit den Eltern nur in Teilbereichen Einblick gewährt wird.
Als weiteres Maß für die Beziehungsqualität wurde die Mitteilungsbereitschaft der Kinder den Eltern gegenüber aus der Sicht der Eltern heraus abgefragt.
Hierbei ergab sich, dass nur ein geringer Teil der jungen Erwachsenen uneingeschränkt über alle Themen, bis in intime Bereiche hinein, mit ihren Eltern reden. Dennoch gaben 54.5% der Mütter an, dass ihre Kinder mit ihnen sehr offen sprechen, jedoch unter Ausblendung intimer Details. Bei den Vätern erreicht diese Kategorie gerade 35.7%. Die anteilig größte Gruppe bei den Vätern fällt mit 52.4% in die Kategorie „eher unoffen“, was bedeutet, dass die Kommunikation mit ihnen eher unpersönlich abläuft. Papastefanou weist darauf hin, dass ein großer Teil der Väter unter dieser mangelnden Offenheit leide, sie aber wahrscheinlich auf die Interaktion zwischen den Vätern und ihren Kindern zurückzuführen ist.
Hierbei ist bemerkenswert, dass die jungen Erwachsenen, die noch zu Hause wohnen, sowohl aus der Sicht der Väter (p=.03), als auch aus der Sicht der Mütter (p=.04) eher dazu neigen, persönliche Inhalte in Gesprächen auszuklammern. Dies könnte als Hinweis darauf gewertet werden, dass sich junge Erwachsene, die noch bei den Eltern zu Hause leben, auf andere Weise als durch räumliche Distanz von ihren Eltern abzugrenzen versuchen. Unpersönliche Kommunikationskanäle könnten dabei hilfreich sein. Dennoch nehmen nur ca. ein Drittel aller Mütter und Väter eine Verbesserung im Vertrauen nach einem Auszug wahr, während die restlichen zwei Drittel keine Veränderungen beobachteten bzw. erwarteten.
Weiterführend ging die Untersuchung der Frage nach, inwieweit die Familienmitglieder nach einem Auszug bereit sind, Ressourcen gegenseitig auszutauschen. Auf die Frage, wen die Eltern als Quelle von Unterstützung wahrnehmen, gaben 62.5% der Mütter und 36.3% der Väter ihre Kinder als erste Quelle an. Eine große Zahl der Mütter hatte demnach die Gewissheit, von den
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Kindern Unterstützung zu erfahren, sollte dies nötig werden. Dennoch wurde aus den Interviews ersichtlich, dass die Alltagserfahrungen der Mütter anders aussehen. Weiterhin ergab sich, dass besonders diejenigen Eltern unterstützt wurden, die selbst wenige Ressourcen aufbringen konnten, wie beispielsweise geschiedene Mütter. Bei den Vätern ergab sich ein signifikanter Geschlechtseffekt. Mit p=.04 gaben Väter eher ihre Söhne als Quelle für Unterstützung an.
Auf die Frage, was die Beziehung zwischen Eltern und deren Kinder belastet, stehen für Väter besonders das Desinteresse und die Verschlossenheit dem Familienleben gegenüber an erster Stelle. Dieser Punkt steht für Mütter an zweiter Stelle, während für sie die Persönlichkeit und die Partnerschaft des Kindes an erster Stelle steht. Dies macht auch insofern Sinn, als dass die Mütter allgemein und besonders die Mütter von Töchtern noch wichtige Ansprechpartner für die jungen Erwachsenen sind. Der Anteil der Eltern, die sich durch die Unordnung eines noch zu Hause lebenden Kindes belastet fühlen, ist mit 10% überraschend gering.
Aus den verschiedenen Faktoren, aus denen die Belastungen resultieren, folgt auch, dass drei Viertel der Mütter nach einem Auszug eine Veränderung der Belastungen berichteten, während dieser Anteil bei den Vätern bei weniger als der Hälfte liegt.
Für die Sicht der Kinder ergab sich folgendes Bild:
Zunächst bearbeiteten sie den Fragebogen FAM, der verschiedene „Familienstärken“ abbildet. In fast allen Skalen werden für ausgezogene Kinder positivere Beziehungen zu beiden Elternteilen berichtet. Unklar ist jedoch, inwieweit die Beziehung zu den Eltern schon vor dem Auszug besser war, da nur ca. ein Drittel der Kinder eine Entlastung der Beziehung durch den Auszug berichteten (vgl. Kapitel 4.3).
Die Beziehungen zu den Eltern werden äquivalent zu den Beschreibungen der Eltern charakterisiert: Die Beziehung zur Mutter wird eher als offen und herzlich beschrieben, die Beziehung zum Vater eher als kumpelhaft. Eine negative emotionale Beziehung wird den Vätern gegenüber von 31.5% der Probanden berichtet. Den Müttern gegenüber nur von 16.7%. Fast alle Probanden geben an, den Müttern emotional näher zu stehen als den Vätern. Die Übereinstimmung in der Einschätzung der Beziehungsqualität ist bei Müttern und deren Kindern sehr groß, wohingegen die Väter dazu neigen, die Beziehungsqualität leicht zu überschätzen.
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Auf die Frage, inwieweit sich die Kinder ihren Eltern gegenüber offen mitteilen, antworteten die jungen Erwachsenen ähnlich wie die Mütter. Die größte Gruppe stellt mit etwa der Hälfte der Probanden diejenige dar, die bedingt offen zu ihren Eltern sind. Ca. 20% sind sehr offen. Außerdem ergibt sich nur ein sehr leichter Effekt in die Richtung, dass allein lebende junge Erwachsene sich ein wenig offener verhalten, als ihre noch zu Hause lebenden Altersgenossen. Äquivalent zu den Angaben der Eltern werden von den Kindern deren Partnerschaften als Tabuthema berichtet, zusätzlich aber auch die Partnerschaft der Eltern.
Aus elterlicher Sicht werden beide Eltern mit 37% und die Mutter alleine ebenfalls mit 37% als primärer Ansprechpartner bei Problemen benannt. Dass der Vater alleine als Ansprechpartner fungiert, stellt mit 3.6% eine Ausnahme da. Wer von beiden Eltern als Ansprechpartner aufgesucht wird hängt vor allem von der Art des Problems ab. Mütter sind eher für emotionale und Väter eher für praktische Dinge zuständig. Aus der Sicht der Eltern wenden sich besonders Töchter mit p=.06 eher an sie, um Probleme zu besprechen.
Dies gilt aus der Perspektive der Kinder aber auch umgekehrt. Drei Viertel aller jungen Erwachsenen gaben an, dass sie im Falle eines Problems entweder die Mutter alleine oder beide Eltern gemeinsam als Ansprechpartner aufsuchen würden. Der Vater allein wurde nicht genannt.
Auch der Austausch der Ressourcen wurde aus der Perspektive der jungen Erwachsenen untersucht. Im Gegensatz zu den Berichten der Eltern und besonders der Väter, die nicht allzu viel von ihren Kindern zu erwarten haben, gaben 86.8% der Probanden ihre Eltern als Quelle für praktische Hilfe an. Dabei stützt sich der größte Anteil mit 74.5% auf beide Eltern gleichermaßen. Somit scheint es für die Kinder als selbstverständlich, sich auf die Eltern verlassen zu können, nicht unbedingt aber umgekehrt.
Aus der Perspektive der jungen Erwachsenen wird die Beziehung zu den Eltern besonders dadurch belastet, dass die Eltern noch immer für sich in Anspruch nehmen, die Kinder erziehen zu dürfen. An zweiter Stelle stehen spezifische Persönlichkeitsaspekte der Eltern. Hierbei spielt besonders die emotionale Distanz, die von den Vätern ausgeht, eine große Rolle. Damit sehen die Kinder die Beziehung durch ganz andere Aspekte belastet, als dies ihre Eltern tun. Besonders der Punkt der Partnerschaft der Kinder steht bei ihnen an letzter Stelle. Ca. ein Drittel der
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Probanden gaben eine Entlastung durch den Auszug an, während etwa die Hälfte keine Veränderungen durch den Auszug wahrnahm. Dies resultiert wahrscheinlich daraus, dass andere Aspekte als belastend empfunden werden, die durch einen Auszug nicht beeinflusst werden.
Eine neuere soziologische Studie von Lauterbach und Lüscher (1999) verfolgt den Ansatz, durch genauere Betrachtung des Wohnumfeldes junger Erwachsener und ihrer Eltern Bedingungen zu identifizieren, die zu einem verspäteten Auszug und einer eigenen Haushaltsgründung führen. Die Autoren untersuchten eine Teilstichprobe von n=2095 Probanden einer breit angelegten mehrjährigen Untersuchung, dem sozio- ökonomischen Panel. Die Untersuchung begann 1984 und umfasste 5 921 Haushalte, in denen insgesamt 12 290 befragte Personen lebten. Die Teilstichprobe kam zustande, da nur die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in die Untersuchung mit eingingen, die vor 1980 geboren wurden, so dass sie 1996, dem Ende des in die Analyse mit einbezogenen Datensatzes, 16 Jahre alt waren. Außerdem wurden nur diejenigen Befragten mit einbezogen, die in mindestens einer der Wellen den Status „Kind“ erfüllten, also keinen eigenen Haushalt hatten. Als Kriterium für die Gründung eines eigenen Haushalts wurde die Vergabe einer eigenen Haushaltsnummer an eine in der Welle zuvor als „Kind“ eingestufte Person herangezogen. Die Vergabe einer Haushaltsnummer sollte den Autoren zufolge noch stärker als die eigene Angabe über einen Auszug oder Nicht-Auszug über die Gründung eines eigenen Haushalts und somit einer vollständigen Ablösung vom Elternhaus ermöglichen.
Anhand eines Mediansplitts ermittelten die Autoren zwei Gruppen von Personen, die relativ früh, bzw. spät einen eigenen Haushalt gründeten. Das Kriterium lag dabei, aufgrund des gefundenen Medians, für die Männer bei 26 Jahren und für die Frauen bei 22,4. Diese Altersangaben sind höher, als die in Bezug auf den Auszug bisher genannten, da die Gründung eines Haushalts oft später erfolgt, als der eigentliche Auszug.
Sie fanden in Übereinstimmung mit anderen Autoren einen starken Geschlechtseffekt. Junge Männer gründeten später einen eigenen Haushalt. Auch der verzögernde Effekt eines hohen Familieneinkommens, dem nicht Vorhandensein eines Partners und der Erwerbslosigkeit der jungen Erwachsenen wurde von ihnen repliziert. Sie fanden auch Effekte, die der bisherigen Literatur widersprechen, beispielsweise keinen Effekt der schulischen Bildung der jungen Erwachsenen. Auch
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der Studentenstatus hatte eine positive Assoziation zur Gründung eines eigenen Haushalts. Die Autoren begründen dies mit der stärkeren Neigung von Studenten, einen eigenen Haushalt zu gründen, während die Personen in handwerklicher Berufslaufbahn aufgrund der unsicheren wirtschaftlichen Lage noch länger bei den Eltern wohnhaft bleiben, obwohl sie wirtschaftlich von ihnen unabhängig sind.
Auch bezüglich des elterlichen Familienstandes fanden sie der Literatur widersprechende Ergebnisse. Den Autoren zufolge sollten Frauen, deren Eltern geschieden sind, signifikant häufiger erst verspätet einen eigenen Haushalt gründen. Bei Männern wurde dieser Zusammenhang nicht gefunden. Für beide Geschlechter gilt aber, dass im Falle des Todes eines der beiden Elternteile, die jungen Erwachsenen länger beim verwitweten Elternteil wohnen bleiben. Dieser Effekt ist bei den jungen Frauen stärker als bei den jungen Männern. Somit bleiben junge Frauen bei einem allein lebenden Elternteil länger wohnen. Es scheint, als fühlten sich junge Frauen ihren Eltern stärker verpflichtet und für sie verantwortlich.
Zusätzlich untersuchten die Autoren auch die räumliche Lebenssituation als mögliche Einflussgröße. Hierbei fanden sie, dass die Kinder von Eigentümern länger zu Hause wohnen bleiben als die von Mietern. Auch die Größe des Wohnraums je Person im Haushalt hatte einen Effekt. Dieser stellte sich für Männer und Frauen jedoch unterschiedlich dar. Für Frauen war es einem Auszug eher förderlich, wenn sie nur wenig Wohnraum zur Verfügung hatten. Für Männer hingegen machte die Tatsache, dass sie wenig Raum hatten, keinen Unterschied zwischen den Gruppen, wohl aber war es bei ihnen einem Auszug hinderlich, wenn sie viel Wohnraum hatten. Somit bleibt geschlechtsübergreifend das Ergebnis bestehen, dass weniger Wohnraum zu früherem Auszug führt und umgekehrt. Dabei werden Frauen jedoch von wenig Wohnraum aus dem Elternhaus getrieben und Männer mit viel Wohnraum im Elternhaus gebunden. Außerdem förderte der Bezug von Wohngeld einen frühzeitigen Auszug erheblich.
Auf Männer beschränkt wurde der Effekt gefunden, dass sie ein 8fach höheres Risiko aufweisen, zu den Spätausziehern zu gehören, wenn sie auf einem Landwirt- schaftlichen Gut aufgewachsen sind. Dies kann mit der Erbfolge bei Landwirten zusammenhängen, da meist einer der Söhne den Hof übernimmt, oder als zusätzliche Arbeitskraft benötigt wird und somit gar nicht aus dem Elternhaus auszieht.
Die Autoren weisen auf die große Bedeutung des elterlichen Wohnumfeldes auf das Auszugsverhalten der jungen Erwachsenen hin.
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2.11 Ableitung der Hypothesen
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Einflussfaktoren und Konsequenzen verschiedenen Auszugsverhaltens junger Erwachsener. Hierzu sollten verschiedene Gruppen in einem bereits vorhandenen längsschnittlichen Datensatz identifiziert werden, die unterschiedliche Leaving Home Patterns (Nesthocker, in time Leavers, late Leavers und Returners) aufweisen.
Zunächst interessiert die Frage, inwiefern demografische Daten wie Alter, Geschlecht, der sozioökonomische Status (SES) oder der Familienstand der Eltern das Leaving Home Pattern beeinflussen. Außerdem wurde der berufliche Werdegang als Einflussgröße für das Leaving Home Pattern untersucht, da in vorangegangenen Studien gefunden wurde, dass der typische Nesthocker männlich, aus der Mittelschicht kommend und Student sein sollte.
Auch das Führen von Partnerschaften sollte einen Einfluss auf den Auszug haben, da eine Partnerschaft, wie gezeigt, als ein häufiger Auszugsgrund (oder das Ende als ein Grund um wieder zurück ins Elternhaus zu ziehen) fungiert. Diesbezüglich sollte sowohl die Existenz, als auch die Dauer einer Partnerschaft von Interesse sein.
Als nächsten wichtigen Punkt wurde häufig die Familie als System und die Bedingungen, in denen die jungen Erwachsenen aufgewachsen sind als Einflussgröße diskutiert. Längsschnittliche Untersuchungen zu dieser Frage fehlen jedoch bisher in der Literatur und bisherige retrospektive Untersuchungen lassen die Frage offen, ob die häufig als besser geschilderten familiären Verhältnisse bei den in time Leavers wirklich schon vor dem Auszug bestanden, oder durch den Auszug verursacht wurden. Demnach sollte in dieser Arbeit der Frage auf den Grund gegangen werden, ob sich die Familienverhältnisse von Personen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern schon in der Adoleszenz unterschieden. Dieser Frage wurde sich auf verschiedenen Ebenen genähert. Einerseits aus der Betrachtung sowohl aus der Perspektive des jungen Erwachsenen selbst, als auch aus der seiner Eltern. Zusätzlich interessiert auch die Partnerschaftsqualität der Eltern und auch der Bindungsstil des jungen Erwachsenen, da Kenny (1987) explizit vom Auszug als eine spezielle Form des Fremde Situations Tests nach Ainsworth et al. spricht.
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Zusätzlich wird untersucht, inwiefern die retrospektive Betrachtung der Familienverhältnisse kongruent zu der in der Adoleszenz berichteten Sichtweise ist, um abschätzen zu können, wie aussagekräftig bisherige retrospektive Untersuchungen sind und ob sich durch den Auszug selbst Unterschiede in der retrospektiven Sichtweise der in der Adoleszenz erlebten Familienverhältnisse ergeben. Hierzu interessiert auch die Beziehungsqualität der jungen Erwachsenen zu ihren Eltern.
Zuletzt wird in dieser Arbeit der Frage nachgegangen, inwieweit die Bewältigung des Auszugs, als eine der zentralen Entwicklungsaufgaben des jungen Erwachsenenalters, bzw. dessen Nichtbewältigung die Erfüllung späterer Entwick- lungsaufgaben beeinflusst, oder ob die nicht Bewältigung schon auf ein Defizit in der Erfüllung jugendlicher Entwicklungsaufgaben vorausgegangen ist.
Zusätzlich wird untersucht, inwieweit psychische Symptombelastung in der Adoleszenz diesen Entwicklungsschritt beeinflusst, und ob der Auszug seinerseits Konsequenzen für die Psychohygiene junger Erwachsener beinhaltet.
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3. Methode
3.1 Stichprobe
Die Stichprobe von N=228 wurde als eine repräsentative Stichprobe der deutschen Bevölkerung gezogen (vgl. Seiffge-Krenke, 2001). Ihre Repräsentativität wurde mehrmals an Daten des Statistischen Bundesamtes überprüft und der Dropout auf Selektivität überprüft. Die Geschlechterverteilung ist zu jedem Messzeitpunkt repräsentativ (1991: weiblich N=118; f%=51.8; männlich N=110; f%=48.2). Die Verteilung des sozioökonomischen Status war breit gestreut (hoch N=82; f%=36.0; mittel N=112; f%=49.1; niedrig N=29; f%=12.7).
Insgesamt besuchten N=14; f%=6.1 eine Hauptschule, N=50; f%=21.9 eine Realschule, N=144; f%=63.2 ein Gymnasium, womit Hauptschüler leicht unterrepräsentiert sind.
Da die Stichprobe jedoch ursprünglich für eine Arbeit gedacht war, die die Konsequenzen einer chronischen Erkrankung eines Kindes für die Familie untersuchen wollte, ist fast die Hälfte der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Stichprobe an Diabetes erkrankt (N=109; f%=47.8). Der Krankheitsstatus hat jedoch auf die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit keinen Effekt, so dass die Stichprobe als repräsentativ angesehen werden muss.
Zu Anfang der Untersuchung nahmen N=169; f%=74.1% Väter und N=219; f%=96.1 Mütter teil. Die untersuchten Familien kamen aus der Umgebung von Bonn (N=146; f%=64.0) und Freiburg (N=82; f%=36.0). Da zu einem späteren Zeitpunkt die Freiburger Stichprobe nicht mehr erhoben wurde, bezieht sich die vorliegende Arbeit ausschließlich auf die Bonner Stichprobe, da nur von ihr Daten über einen Auszug vorhanden sind.
Insgesamt wohnten N=70; f%=30.7 Familien in einem Dorf, N=103; f%=45.2 am Stadtrand oder einem Vorort und N=51; f%=22.4 in der Innenstadt.
Von den untersuchten Jugendlichen waren N=21; f%=9.2 Einzelkinder, N=120; f%=52.6 hatten ein und N=82; f%=36.0 hatten zwei oder mehr Geschwister. Von den Eltern waren N=40; f%=17.5 nicht verheiratet oder geschieden.
In den Jahren 1991 bis 2002 wurden zu acht Messzeitpunkten Daten erhoben. Das Alter der Jugendlichen und jungen Erwachsenen kann aus Tabelle 3.1 ersehen werden.
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Tabelle 3.1: Alter und Fallzahl der Erhebungen zu verschiedenen Messzeitpunkten
3.2 Erhebungsinstrumente
Die Fragebögen und Erhebungsmethoden, die in den Jahren von 1991 bis 2001 in dieser Stichprobe zu unterschiedlichen Zeitpunkten zum Einsatz gebracht wurden, können Tabelle 3.2 entnommen werden.
Tabelle 3.2: Erhebungszeitpunkt und –Verfahren
Jedes Instrument wird in dem folgenden Abschnitt kurz beschrieben und die Gütekriterien diskutiert.
Zu den Gütekriterien gehören:
1. Objektivität Die Objektivität bezeichnet das Ausmaß, in dem Durchführung, Ergebnisse und Auswertung eines Verfahrens vom Untersucher unabhängig sind.
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Die Objektivität ist bei Fragebogenerhebungen immer optimal gegeben. Der Untersucher kann seinen Einfluss auf die Daten durch Anonymisierung minimieren. Die Auswertung ist aufgrund numerischer Kodierung für jede Person, die den Fragebogen auswertet, sehr vereinfacht.
2. Reliabilität Die Reliabilität bezeichnet die Genauigkeit, mit der das Instrument misst. Man unterscheidet verschiedene Arten von Reliabilität. Die Genauigkeit, mit der eine Skala misst, kann durch die interne Konsistenz ausgedrückt werden. Ein Maß für die interne Konsistenz ist Cronbachs α. Es wird ermittelt, indem die Skala halbiert wird und die beiden Testhälften korreliert werden. Um zu verhindern, dass durch Zufall zwei Testhälften ausgewählt werden, die besonders stark oder schwach miteinander korrelieren, werden alle möglichen Testhälften ermittelt und die sich daraus ergebenden Korrelationen in Cronbachs α gemittelt. Als ausreichend gut werden Skalen ab r tt =.70 bewertet. Je stärker die Testhälften miteinander korrelieren, desto genauer erfasst die Skala ein bestimmtes Merkmal, ohne viel Fehlervarianz zu erfassen.
Die Retestreliabilität erfasst die Stabilität des gemessenen Merkmals. Hierzu wird der Test zu zwei unterschiedlichen Testzeitpunkten an derselben Stichprobe durchgeführt und die Daten aus den beiden Erhebungen miteinander korreliert. Die beiden Messzeitpunkte dürfen nicht zu nah beieinander liegen, um Erinnerungseffekte zu vermeiden. Dieses Verfahren ist nicht geeignet um Zustände, sogenannte states, zu erfassen, da diese der Definition nach größeren Schwankungen über die Zeit hinweg unterworfen sein sollten. Erhebt ein Test jedoch den Anspruch eine Eigenschaft, sogenannte traits zu erfassen, sollte die Retestreliabilität erhoben werden.
Die Paralleltest- Reliabilität spielt oft eine untergeordnete Rolle. Sie setzt voraus, dass von einem Test zwei präzise Parallelformen existieren, die sowohl dasselbe messen, als auch die gleiche Schwierigkeit aufweisen. Dies ist praktisch schwer zu realisieren, und nur bei wenigen Testverfahren existieren zwei parallele Formen. Die Ergebnisse der beiden parallelen Formen werden in diesen Fällen korreliert, um dieses Reliabilitätsmaß zu erheben.
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3. Validität Die Validität bezeichnet das Ausmaß, in dem ein Test das misst, was er zu messen vorgibt.
Man unterscheidet drei unterschiedliche Arten der Validität: Die konkurrente Validität ist das Ausmaß, in dem der Test mit anderen Kriterien korreliert, die theoretisch mit dem Test zusammenhängen sollten. Diese Kriterien können ein anderes Testverfahren, Ergebnisse aus einem Experiment, oder Verhaltensbeobachtungen sein. Das Kriterium und der interessierende Test werden hierbei gleichzeitig erhoben.
Werden beide zu unterschiedlichen Zeitpunkten erhoben, spricht man von der prädiktiven Validität, da in diesem Fall berechnet werden kann, ob mit dem Test ein Kriterium zu einem anderen Zeitpunkt vorhergesagt werden kann. Die diskriminative Validität bedeutet, dass Kriterien, die aus theoretischen Überlegungen heraus nicht mit dem Test zusammenhängen sollten, auch nicht mit ihm korrelieren. Beispielsweise sollte der Bindungsstil von Persönlichkeitseigenschaften relativ unabhängig sein.
3.2.1 Fragebögen und Erhebungen zu familiären Beziehungen
FES
Die Family Environment Scale (FES) von Moos und Moos (1974, 1981) in ihrer deutschen Fassung von Schneewind, Beckmann und Hecht-Jackel (1985 „Familienklimaskalen“) erfasst das innerfamiliäre Klima auf 10 verschiedenen Dimensionen. Hierbei existieren in der Version von Schneewind (1985) und der in dieser Arbeit eingesetzten von Seiffge-Krenke (2001) drei Versionen: eine für die Sichtweise der Mutter, eine für die des Vaters und eine für die des Jugendlichen.
Zusammenfassung der einzelnen Skalen:
Für jede Skala wurde ein Beispielitem zur Verdeutlichung des Inhalts aus dem Fragebogen ausgewählt. Die Reliabilitäten beruhen auf der Berechnung der internen Konsistenz für N=570 Personen (Schneewind et al., 1985).
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1. Zusammenhalt:
Ein Beispielitem in der Version für die Jugendlichen lautet: „1. In unserer Familie geht jeder auf die Sorgen und Nöte des anderen ein.“ Für die Version für die Jugendlichen : r tt = .73; für die Mutterversion: r tt =.73; für die Vaterversion r tt =.65
2. Offenheit
Ein Beispielitem in der Version für die Jugendlichen lautet: „2. Wir können zu Hause über alles offen sprechen.“ Für die Version für die Jugendlichen : r tt =.60; für die Mutterversion: r tt =.64; für die Vaterversion r tt =.45
3. Konfliktneigung:
Ein Beispielitem in der Version für die Jugendlichen lautet: „23. In unserer Familie regen wir uns schon über Kleinigkeiten auf.“ Für die Version für die Jugendlichen : r tt =.73; für die Mutterversion: r tt =.79; für die Vaterversion r tt =.79
4. Selbstständigkeit:
Ein Beispielitem in der Version für die Jugendlichen lautet: „44. In unserer Familie kann sich jeder frei entscheiden und muss dabei nicht Rücksicht auf die anderen nehmen“ Für die Version für die Jugendlichen : r tt =.46; für die Mutterversion: r tt =.53; für die Vaterversion r tt =.49
5. Leistungsorientierung:
Ein Beispielitem in der Version für die Jugendlichen lautet: „95. Bei allem, was wir zu Hause tun, sind wir mit Begeisterung dabei.“ Für die Version für die Jugendlichen : r tt =.55; für die Mutterversion: r tt =.69; für die Vaterversion r tt =.69
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6. Kulturelle Orientierung:
Ein Beispielitem in der Version für die Jugendlichen lautet: „6. Wenn wir verreisen, wollen wir möglichst viel über Geschichte und Kultur des Landes erfahren.“ Für die Version für die Jugendlichen : r tt =.71; für die Mutterversion: r tt =.81; für die Vaterversion r tt =.80
7. Aktive Freizeitgestaltung:
Ein Beispielitem in der Version für die Jugendlichen lautet: „27. Jeder in unserer Familie hat mindestens ein oder zwei Hobbys.“ Für die Version für die Jugendlichen : r tt =.67; für die Mutterversion: r tt =.76; für die Vaterversion r tt =.75
8. Moralisch-Religiöse Orientierung:
Ein Beispielitem in der Version für die Jugendlichen lautet: „38. Bei uns glaubt eigentlich keiner so recht an Gott.“ Negativ gepolt.
Für die Version für die Jugendlichen : r tt =.81; für die Mutterversion: r tt =.85; für die Vaterversion r tt =.86
9. Organisation:
Ein Beispielitem in der Version für die Jugendlichen lautet: „19. Bei uns achtet jeder darauf, dass die Wohnung ordentlich und sauber ist.“ Für die Version für die Jugendlichen : r tt =.68; für die Mutterversion: r tt =.76; für die Vaterversion r tt =.74
10. Kontrolle
Ein Beispielitem in der Version für die Jugendlichen lautet: „30. An den Regeln, die es in unserer Familie gibt, wird ziemlich starr festgehalten. Für die Version für die Jugendlichen : r tt =.61; für die Mutterversion: r tt =.65; für die Vaterversion r tt =.75
Jede dieser Subskalen besteht aus mindestens 9 Items. Da nicht jedes Item für jedes Familienmitglied gleich gut geeignet war, unterscheiden sich die verschiedenen Versionen in Anzahl und Formulierung der Items geringfügig.
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Alle Items werden bei Schneewind (1985) in einem binären Antwortverfahren mit „stimmt“ und „stimmt nicht“ beantwortet, in der hier eingesetzten Version von Seiffge- Krenke (2001) jedoch in einer Skala von 1: „stimmt nicht“ bis 5: „stimmt vollkommen“. Außerdem wurden von Schneewind (1985) faktorenanalytisch auch drei Metaskalen gefunden, die das Familienklima übersichtlicher beschreiben:
1. Interpersonal Relations Setzt sich zusammen aus 1. Zusammenhalt; 2. Offenheit und 3. Konfliktneigung (negativ gepolt)
2. Personal Growth Setzt sich zusammen aus 4. Selbstständigkeit; 5. Leistungsorientierung 6. kulturelle Orientierung; 7. aktive Freizeitgestaltung und 8. Moralisch-Religiöse Orientierung.
3. Structure Setzt sich zusammen aus 9. Organisation und 10. Kontrolle
Zur Validität, so Schneewind (1985) „finden sich eine große Anzahl von Belegen, die die Brauchbarkeit der FK-Skalen unter Beweis stellen und als ein Indiz für die Validität der Skalen gewertet werden können.“ Außerdem verweist Schneewind (1985) auf eine Validierungsstudie, die Zusammenhänge mit dem 16 PF-Test untersuchte (Schneewind, Schröder & Cattell, 1983). In dieser Studie wurden zu erwartende Zusammenhänge zwischen dem FES und den 16 Persönlichkeitsfaktoren gefunden. In der vorliegenden Arbeit wurden die Summenwerte der Subskalen Konfliktneigung (conflict), Selbstständigkeit (independence), Kontrolle (control) und Zusammenhalt, sowie alle drei Metaskalen benutzt. Beim Bilden der Metaskalen wurden die verschiedenen Subskalen aufsummiert.
PFB
Der Partnerschaftsfragebogen von K. Hahlweg (1996) ist ein Teil des Fragebogens zur Partnerschaftsdiagnostik (FPD). Er ist eine Weiterentwicklung des PFB-V, bei dem 15 Items eliminiert wurden, da diese in einer Studie an 60 Paaren keine signifikanten Änderungen nach einer Paartherapie ergaben (Hahlweg, 1986).
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Außerdem stieg durch diese Eliminierung die Reliabilität der einzelnen Dimensionen, was eher untypisch ist, da man davon ausgeht, dass die Messgenauigkeit einer Skala mit der Anzahl der Items in der Skala steigt.
Der PFB erfasst die Partnerschaftsqualität; Die Partner schätzen sich gegenseitig auf drei Dimensionen ein.
Die folgenden Dimensionen werden erfasst:
1. Streitverhalten (S) Beispielitem: „Er/Sie bricht über eine Kleinigkeit einen Streit vom Zaun“ (Item 6).
2. Zärtlichkeit (Z) Beispielitem: „Vor dem Einschlafen schmiegen wir uns im Bett aneinander“
(Item 5).
3. Gemeinsamkeit und Kommunikation (GK) Beispielitem: „Er/Sie teilt mir ihre Gedanken und Gefühle offen mit“ (Item 7). „ Wir planen gemeinsam, wie wir das Wochenende verbringen wollen“ (Item 12).
Jede Dimension besteht aus 10 Items. Jedes Item wird auf einer Skala von 0=“nie/sehr selten“ bis 3=“sehr oft“ beurteilt. Zusätzlich wird in einem 31. Item eingeschätzt, wie glücklich die Partner mit ihrer Beziehung sind. Die Skala reicht bei diesem Item von 0= „sehr unglücklich“ bis 5= „sehr glücklich“. Alle Items sind positiv formuliert, müssen also vor dem Zusammenfassen in die verschiedenen Dimensionen nicht umcodiert werden. Außerdem kann ein Gesamtscore gebildet werden, bei dem Z und GK positiv, sowie S negativ gepolt eingehen.
In einer varimaxroutierten Faktorenanalyse über die Normierungsstichprobe konnte Hahlweg (1996) die angenommene Faktorenstruktur bestätigen. Jedes Item lädt am höchsten auf dem Faktor, für den es formuliert wurde, mit Ausnahme von Item
29 („Er/Sie sagt mir, dass er/sie mich gern hat“). Dieses Item lädt am höchsten auf
den Faktor Zärtlichkeit, statt auf Gemeinsamkeit und Kommunikation. Die Skalen sind sehr hoch interkorreliert und korrelieren auch sehr hoch mit Item 31, dem sogenannten „Terman Rating“.
Die Reliabilität der einzelnen Dimensionen und der Gesamtscores ist sehr überzeugend. Für die interne Konsistenz (Cronbachs α) der Dimensionen ergab sich:
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für Steitverhalten r tt =.93; für Zärtlichkeit r tt =.91 und für Gemeinsamkeit und Kommunikation r tt =.88. Außerdem fand sich für den Gesamtscore ein r tt =.95. Für die Retestreliabilität fand Hahlweg (1986) an einer Stichprobe von 50 Paaren nach 6 Monaten für S: r tt =.68; Z: r tt =.74 und GK: r tt =.83. Die Dimensionen sind also recht zeitstabil, besonders die Kommunikation des Paares.
Die Validität des PFB ist sehr befriedigend. So zeigten Paare in der Studie von Hahlweg (1986), die sich in einer Paartherapie befanden, signifikant höhere Werte in Streitverhalten und niedrigere Werte in Zärtlichkeit und Gemeinsamkeit und Kommunikation als Paare, die sich nicht in einer Paartherapie befanden (p<.001). Außerdem berichteten die Männer der Normierungsstichprobe weniger Zärtlichkeit als ihre Partnerinnen und die Frauen aus der Paartherapiestichprobe weniger Kommunikation, als ihre Partner (p<.05).
Außerdem korreliert der PFB sehr hoch mit anderen anerkannten Partnerschaftsfragebögen (z. B. DAS oder MAT) in der erwarteten Richtung. Die Autoren weisen darum darauf hin, dass die Verfahren wohl alle dasselbe Konstrukt erfassen und somit die Wahl, welcher Fragebogen eingesetzt werden sollte, nur auf der Fragestellung und der Vorliebe der Untersucher gründet. (Hahlweg, 1996). Die prädiktive Validität ist ebenfalls gegeben. So korreliert die Dimension Zärtlichkeit zu r=.30 (p<.001) und die Dimension Gemeinsamkeit und Kommunikation zu r=.23 (p<.05) mit dem Therapieerfolg einer Paartherapie nach 12 Monaten. In der vorliegenden Arbeit wurden alle drei Skalen benutzt. Zum Bilden der Skalen wurden die einzelnen Items aufaddiert. Das Terman Rating wurde nicht benutzt, da ein einzelnes Item eine Schlechte Reliabilität aufweist.
AAI
Das Adult Attachment Interview wurde von George, Kaplan und Main (1984/1985/1996) entwickelt. Das AAI verfolgt ein Konzept, das es ermöglicht, die mentalen Bindungsrepräsentationen von Jugendlichen und Erwachsenen zu erfassen. Das Interview dauert ca. 60 bis 90 Minuten und kann bereits bei 16 oder 17- jährigen Jugendlichen eingesetzt werden. Die Dauer hängt aber entscheidend davon ab, wie viel die Versuchsperson berichtet, da zwar die Abfolge der Fragen und Nachfragen des Interviewers klar festgelegt ist, der Versuchsperson aber so viel Freiraum für Berichte gelassen wird, wie es ihr beliebt.
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Im Interview werden die Beziehungen zur Herkunftsfamilie abgefragt. Insbesondere Kindheitserlebnisse, die unangenehm gewesen sein könnten (Krankheit, Trennung...) und wie sich die Versuchsperson in diesen Situationen gefühlt hat (Gloger-Tippelt, 2001).
Die genaue Durchführung und Auswertung des AAI wurde bisher nicht veröffentlicht und ist nur in speziellen Trainingsseminaren zu erlernen. Bei der Auswertung spielt jedoch der Inhalt des Erzählten eine untergeordnete Rolle. Sehr viel wichtiger für die Klassifikation in einen bestimmten Bindungsstil ist beispielsweise die Kohärenz der Erzählungen, ihre Ausführlichkeit und Erinnerungslücken in gewissen Bereichen. Somit wird eine Verfälschungstendenz durch die Versuchsperson minimiert.
Zur Brauchbarkeit des AAI meint Gloger-Tippelt (2001), die Forschungs- ergebnisse „zeigen jedoch trotz des hohen Aufwands bei der Erhebung die ungeheuer große Fruchtbarkeit und innovative Kraft dieses Verfahrens für die Bindungs- forschung, für die Entwicklungspsychologie und die klinische Familienpsychologie.“ Hofmann (2001) stellt einige empirische Befunde zur Reliabilität und Validität des
AAI zusammen. Für die Interratorreliabilität in der Klassifikation in die drei
Bindungsstile sei ca. ein Kappa=.90 zu erwarten. In Studien zur Retestreliabilität wurde in Zeiträumen von einem bis 18 Monaten Reliabilitäten von 78% bis 90% Übereinstimmungen der Klassifikationen gefunden. Eine Studie mit einer follow-up- Zeit von vier Jahren fand eine Retestreliabilität von 70% Übereinstimmung. Zur konvergenten Validität sei wenn überhaupt nur eine partielle Konvergenz zwischen verschiedenen Fragebogenverfahren und dem AAI gefunden worden. Dies liege insbesondere daran, dass mit dem AAI eine andere Bewusstseinsebene angesprochen werde, als dies durch Fragebögen der Fall sei.
Für die diskriminative Validität seien die Ergebnisse ebenfalls befriedigend. So konnte kein Zusammenhang zwischen der Klassifikation durch das AAI und der Erinnerungsleistung gefunden werden. Allerdings wurden Zusammenhänge mit Intelligenz gefunden, insbesondere in der Bewertung des Kohärenzkriteriums. Außerdem konnten keine Zusammenhänge mit dem sozioökonomischen Status, sozialer Erwünschtheit oder allgemeinen Persönlichkeitsmaßen gefunden werden. In Bezug auf die prädiktive Validität wurde festgestellt, dass der im Fremde- Situationstest gefundene Bindungsstil des Kindes sehr hoch mit dem später durch das
AAI erfassten Bindungsstil der Mutter zusammenhing und auch desorganisiertes
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Verhalten des Kindes im Fremde-Situationstest durch spezifisches Verhalten der Mutter im AAI zu 89% vorhergesagt werden konnte.
Das AAI ist demnach als ein sehr reliables und valides Messinstrument zu beurteilen.
PORPS
Die Perception of Parental Reciprocity Scale (PORPS) von Wintre, Yaffe und Crowley (1995) ist ein Instrument, mit dem die vom Jugendlichen oder jungen Erwachsenen wahrgenommene Reziprozität mit den Eltern gemessen werden kann. Er besteht aus drei Teilen, die jeweils zu einer Skala zusammengefasst werden.
Der erste Teil bezieht sich auf beide Eltern gemeinsam. Er besteht aus 9 Items. Beispielsweise Item 3: „Zwischen meinen Eltern und mir gibt es gegenseitigen Respekt, auch in Bereichen, in denen wir unterschiedlicher Meinung sind.“ Der zweite und dritte Teil bezieht sich ausschließlich auf die Mutter, bzw. den Vater. Die Items sind dabei kongruent. Beide Teile bestehen aus 17 Items und beinhalten sowohl positiv formulierte Items, z. B. Item 10: „Ich kann mich mit meiner Mutter / meinem Vater genauso gut unterhalten, wie mit einem Freund.“, als auch negativ formulierte Items, z.B. Item 2: „Ich habe oft das Gefühl, dass meine Mutter / mein Vater ‚zu’ mir spricht und nicht ‚mit’ mir.“ Alle Items werden auf einer 5-stufigen Skala, von „1: trifft überhaupt nicht zu“ bis „5: trifft vollkommen zu“ beurteilt.
Die Reliabilität der Skalen wurde durch das Retest-Verfahren an einer Stichprobe in einer High School (N=87) und einer an einer Universität (N=91) ermittelt (Wintre, Yaffe und Crowley, 1995). Für die Elternskala ergab sich r tt =.51 und r tt =.87, für die Mutterskala ergab sich r tt =.51 und r tt =.92, für die Vaterskala ergab sich r tt =.71 und r tt =.93. Außerdem ergab sich für den Gesamtscore über alle 43 Items hinweg eine Retestreliabilität von r tt =.70 und r tt =.95 Die Validitätsanalyse (Wintre, Yaffe und Crowley, 1995) wurden konvergente und diskriminante Kriterien gewählt und in vier verschiedenen Altersgruppen von 13 bis 25 Jahren mit den PORPS- Skalen korreliert. Einerseits korrelierte der Selbstwert nur mit der Mutterskala der 13 bis 14-Jährigen (r=.30) und der Vaterskala der 17 bis 19- Jährigen (r=.32), was einen guten Hinweis auf diskriminante Validität der PORPS
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Skalen bedeutet. Außerdem korrelieren alle Skalen in jeder Altersgruppe unter anderem sehr hoch mit dem Bindungsstil (r=.55 bis .85) und Autonomiebestreben (r= .45 bis .66) des Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen. Dies kann als ausreichend gute konvergente Validität gewertet werden, auch wenn die Autoren darauf hinweisen, dass aufgrund der hohen Korrelation mit dem Bindungsstil eventuell ein ähnliches Konstrukt wie Bindung erfasst werden könnte.
In der vorliegenden Arbeit wurden alle drei Teile ausgewertet. Zum Bilden der Skalen wurden Mittelwerte gebildet, da die verschiedenen Teile unterschiedlich viele Items aufweisen.
3.2.2 Entwicklungsprogression und Symptombelastung
Entwicklungsaufgaben
Die Realisation von Entwicklungsaufgaben wurde anhand eines nicht veröffentlichten Fragebogenverfahrens ermittelt, das eigens für den in dieser Arbeit verwendeten Längsschnitt von Prof. Seiffge-Krenke entwickelt wurde (vgl. Roth und Seiffge-Krenke, 1996).
Der Fragebogen besteht aus 11 Items für Jugendaufgaben und 8 Items für Erwachsenenaufgaben. Bei jedem Item wird erhoben, wie wichtig die entsprechende Entwicklungsaufgabe im Moment ist (angestrebte Entwicklungsnorm), und inwieweit diese zum momentanen Zeitpunkt schon realisiert ist (aktueller Entwicklungsstand). Die Items sind eng an dem Konzept von Havinghurst (1972) formuliert. Für jede von ihm postulierte Entwicklungsaufgabe wurde ein Item konstruiert. Die 11 jugendspezifischen Items lauten:
1. Wünschst Du Dir, eine Gruppe von Freunden zu haben, denen Deine Freundschaft wichtig ist?
Hast Du zur Zeit solche Freunde?
2. Wünschst Du Dir, dass Dir bald ein Bart wächst/ Du bald Deine Periode bekommst?
Hast Du zur Zeit schon Bartwuchs/ Deine Periode?
3. Möchtest Du, dass die verschiedenen Charakterzüge von Dir gut zusammenpassen?
Hast Du das Gefühl, dass die verschiedenen Charakterzüge schon jetzt gut zusammenpassen?
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4. Möchtest Du gerne, dass Du bald stärker auf Deinen eigenen Beinen stehst? Wie stark stehst Du zur Zeit schon auf eigenen Beinen? 5. Möchtest Du bald die Fähigkeit haben, ein Kind erziehen zu können? Hast Du schon die notwendigen Fähigkeiten, selbst ein Kind erziehen zu können?
6. Möchtest Du gerne Bescheid wissen, wie unser Staat regiert wird? Weißt Du gut Bescheid darüber, wie unser Staat regiert wird? 7. Möchtest Du bald auf Deinen späteren Beruf vorbereitet sein? Bist Du schon gut auf Deinen späteren Beruf vorbereitet? 8. Möchtest Du bald sicherer darüber sein, wie Du einmal als erwachsener sein wirst?
Hast Du eine Vorstellung davon, wie Du einmal als Erwachsener sein wirst? 9. Möchtest Du Dich bald auf eine bestimmte Art geben und kleiden? Hast Du eine bestimmt Art Dich zu geben und zu kleiden? 10. Wünschst Du Dir, in der nächsten Zeit eine Freundin/einen Freund zu haben, in die/den Du verliebt bist?
Hast Du zur Zeit eine Freundin/einen Freund, in die/den Du verliebt bist? 11. Wünschst Du Dir, in der nächsten Zeit einen besten Freund/eine beste Freundin zu haben, mit dem/der Du alles bereden kannst? Hast Du zur Zeit einen besten Freund/eine beste Freundin, mit dem/der Du alles bereden kannst?
Jedes dieser Items wird auf einer dreistufigen Skala eingeschätzt: Für die angestrebte Entwicklungsnorm, also den zukunftsbezogenen Teil: 1: Ist mir nicht wichtig, 2: ist mir etwas wichtig, 3: möchte ich sehr gerne, und für den aktuellen Entwicklungsstand, also den gegenwartsbezogenen Teil: 1: Habe/Kann/Weiß/Bin ich zur Zeit noch nicht, 2: fängt gerade an, 3: habe/kann/weiß/bin ich schon. Diese Version des Fragebogens wurde für das Alter von 14 bis 17 Jahren konzipiert.
Für das Alter von 21 Jahren wurden drei Items aus den jugendspezifischen Aufgaben in leicht abgewandelter Form übernommen. Zusätzlich wurden acht Entwicklungsaufgaben, die nach Havinghurst (1972) für das Erwachsenenalter konzipiert sind, mit aufgenommen. Ab dem Alter von 23 Jahren werden nur noch die acht erwachsenenbezogenen Aufgaben gegeben.
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Der Fragebogen für das Alter von 21 Jahren enthält die folgenden Items: 1. Wünschst Du Dir von Deinen Eltern unabhängig zu sein? Bist Du bereits von Deinen Eltern unabhängig? (s. Jugendaufgabe 4.) 2. Wünschst Du Dir, Deinen eigenen „Lebensstil“ zu finden? Hast Du Deinen eigenen „Lebensstil“ bereits gefunden? (s. Jugendaufgabe 9.) 3. Wünschst Du Dir, intime Beziehungen zu haben? Hast Du bereits intime Beziehungen?
(s. Jugendaufgabe 10.) 4. Wünschst Du Dir eine feste Partnerin? Hast Du zur Zeit eine feste Partnerin?
5. Wünschst Du Dir, mit Deiner Partnerin zusammen zu leben? Lebst Du zur Zeit mit Deiner Partnerin zusammen? 6. Wünschst Du Dir, Deinen eigenen Haushalt einzurichten? Hast Du bereits einen eigenen Haushalt? 7. Wünschst Du Dir, in das Berufsleben einzusteigen? Bist Du bereits in das Berufsleben eingestiegen? 8. Wünschst Du Dir eine Familie zu gründen? Hast Du bereits eine Familie gegründet? 9. Wünschst Du Dir, eine Familie zu betreuen und zu versorgen? Versorgst Du bereits eine Familie?
10. Wünschst Du Dir, als Staatsbürger Verantwortung zu übernehmen? Hast Du bereits als Staatsbürger Verantwortung übernommen? 11. Wünschst Du Dir eine soziale Gruppe zu finden, die zu Dir passt? Hast Du bereits eine soziale Gruppe gefunden, die zu Dir passt?
Die Items werden auf derselben dreistufigen Skala eingeschätzt, wie bei den Jugendaufgaben.
Da der Fragebogen bisher nicht evaluiert wurde, habe ich eine Reliabilitätsanalyse anhand der in der Stichprobe erhobenen Werte berechnet. Da für die vorliegende Arbeit nur der aktuelle Entwicklungsstand von Bedeutung ist, wurde nur der zweite Teil der Items auf interne Konsistenz hin untersucht.
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Für die Jugendaufgaben ergab sich eine interne Konsistenz (Cronbachs-α) im Alter von 14 Jahren von r tt =.65, im Alter von 15 Jahren r tt =.56, im Alter von 16 Jahren r tt =.49, im Alter von 17 Jahren r tt =.56 und für die drei jugendspezifischen Items im Alter von 21 Jahren r tt =.46 Für den Mittelwert der einzelnen jugendspezifischen Items für das Alter von 14 bis 17 Jahren ergab sich r tt =.66 Für die Erwachsenenaufgaben ergab sich im Alter von 21 Jahren r tt =.49 und für das Alter von 23 Jahren r tt =.49 Für den Mittelwert der einzelnen erwachsenenspezifischen Items für das Alter von 21 und 23 Jahren ergab sich r tt =.54 Insgesamt fanden sich somit mäßig hohe Reliabilitäten, die aber aufgrund der hohen Heterogenität der Skalen durchaus als brauchbar einzuschätzen sind. Bezüglich der Validität wurde in einer Studie von Roth und Seiffge-Krenke (1996) gefunden, dass die Realisierung der Entwicklungsaufgaben vom Alter und vom Geschlecht der Versuchspersonen abhängt. Dies kann als Beleg der Konstruktvalidität dienen, da das Konzept der Entwicklungsaufgaben von eben diesen beiden Faktoren abhängig ist.
In der vorliegenden Arbeit wurden alle Items zu einem Messzeitpunkt zu einer Skala zusammengefasst und gemittelt, da die verschiedenen Teile zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedlich viele Items aufweisen.
CBCL & YSR
Die Child Behavior Checklist (CBCL) von Achenbach & Edelbrock 1983; Achenbach 1991 in der deutschen Fassung von der Arbeitsgruppe Deutsche Child Behavior Checklist (1993) in Kooperation mit Achenbach ist ein Verfahren, um über die Eltern Kompetenzen, Verhaltensauffälligkeiten und emotionale Auffälligkeiten ihrer Kinder im Alter von 4 bis 18 Jahren zu erfahren.
Der Youth Self-Report (YSR) von Achenbach & Edelbrock 1983; Achenbach 1991 in der deutschen Fassung von der Arbeitsgruppe Deutsche Child Behavior Checklist (1993) hingegen ist ein Verfahren, um dieselben Bereiche, aber über Selbstauskünfte von Jugendlichen im Alter von 11 bis 18 Jahren zu erheben.
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Die Kompetenzskala ist untergliedert in: 1. Aktivitäten 2. Soziale Kompetenzen 3. Schule (nur CBCL) Die Syndromskalen sind folgendermaßen untergliedert: 1. Internalisierende Störungen
- sozialer Rückzug
- körperliche Beschwerden
- Angst/Depressivität 2. Externalisierende Störungen
- Delinquentes Verhalten
- Aggressives Verhalten 3. gemischte Störungen
- Soziale Probleme
- Schizoid/zwanghaft
- Aufmerksamkeitsstörungen
- Sexuelle Auffälligkeiten (nur CBCL)
- Autoaggressives Verhalten/Identitätsprobleme (nur YSR bei Jungen)
Insgesamt weist die CBCL 118 Items auf und der YSR 101 Items. Die Reliabilität der Kompetenzskalen ist mangelhaft. Die interne Konsistenz aller Kompetenzskalen zusammen ist ca. r tt =.60 (Döpfner, Berner & Lehmkuhl 1994). Für die restlichen Sub- und Metaskalen wurden jedoch gute bis sehr gute Reliabilitäten gefunden. Für die Gesamtauffälligkeit, also den Summenscore aus allen Syndromskalen, wurden interne Konsistenzen von r tt =.91 für YSR Mädchen und r tt =.92 für YSR Jungen, sowie r tt =.95-.96 für die CBCL gefunden. Bezüglich der Validität ergab sich, dass der YSR zwischen einer psychiatrisch auffälligen und einer unauffälligen Gruppe diskriminieren kann (Walter, Remschmidt & Deimel, 1994).
Auch die CBCL wurde mit ähnlichen Verfahren validiert. Auch sie trennt zwischen psychiatrisch auffälligen und unauffälligen Stichproben (Remschmidt & Walter, 1990).
In der vorliegenden Arbeit wurde der Summenwert für die Gesamtauffälligkeit herangezogen, ohne Berücksichtigung der einzelnen Subskalen.
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SCL-90-R Die Symptom Checklist von Derogatis L.R.(1983) ist ein Fragebogenverfahren, das akute psychische Belastung in den letzten 7 Tagen vor dem Ausfüllen erfasst. Der Test besteht aus insgesamt 90 Items, die zu neun unterschiedlichen Skalen zusammengefasst werden. Jede Skala ist aus 6 bis 13 Items gebildet. 1. Somatisierung Beispielitem: Wie stark litten Sie in den letzten sieben Tagen unter... Übelkeit oder Magenverstimmung 2. Zwanghaftigkeit Beispielitem: ...Beunruhigung wegen Achtlosigkeit oder Nachlässigkeit 3. Unsicherheit im Sozialkontakt Beispielitem: ...Schüchternheit oder Unbeholfenheit im Umgang mit dem anderen Geschlecht 4. Depressivität Beispielitem: ...Energielosigkeit oder Verlangsamung in den Bewegungen oder dem Denken 5. Ängstlichkeit Beispielitem: ...plötzlichem Erschrecken ohne Grund 6. Aggressivität Beispielitem: ...dem Drang, Dinge zu zerbrechen oder zu zerschmettern 7. Phobische Angst Beispielitem: ...der Furcht, in der Öffentlichkeit in Ohnmacht zu fallen 8. Paranoides Denken Beispielitem: ...dem Gefühl, dass man den meisten Leuten nicht trauen kann 9. Psychotizismus Beispielitem: ...der Idee, dass irgendjemand Macht über Ihre Gedanken hat.
Die individuelle psychische Belastung wird von den Probanden auf einer fünfstufigen Skala von „überhaupt nicht“ über „ein wenig“, -- „ziemlich“, -- „stark“ bis -
- „sehr stark“ eingeschätzt.
Die erzielten Werte in jeder Skala können in T-Werte transformiert werden. T- Werte über 60 sind dabei als auffällig zu bewerten. Die Reliabilität der einzelnen Skalen wurde in mehreren internationalen Studien mit unterschiedlichen Versuchspersonen berechnet. Die interne Konsistenz der
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Subskalen schwankt dabei zwischen r tt =.62 und r tt =.90. Für Cronbachs α des Gesamtscores fand sich r tt =.96 bis r tt =.98. Die Retestreliabilität schwankt für die Subskalen zwischen r tt =.65 und r tt =.90. Mit Ausnahme einer Stichprobe von Krebspatienten, die in den Subskalen Aggressivität (r tt =.21) und Paranoides Denken (r tt =.58) niedrigere Werte erzielten. Für den Gesamtscore ergab sich für die Krebspatientenstichprobe eine Retestreliablität von r tt =.78, sonst von r tt =.90. Die Validität der SCL-90-R wurde in vielen Studien hinreichend geprüft und belegt (Franke, 2002).
In der vorliegenden Arbeit wurde nur auf den Summenscore der Gesamtskala eingegangen, ohne Berücksichtigung der Subskalen.
3.3 Statistische Verfahren
Die Statistiken dienen in der Regel dazu, gefundene Effekte, wie Mittelwertsunterschiede, darauf zu untersuchen, ob sie nur in der untersuchten Stichprobe, rein zufällig zustande kamen, oder ob sie auch auf eine größere Menge, die Grundgesamtheit, generalisierbar sind.
Hierzu werden zwei Hypothesen gebildet:
Die H 1 bezeichnet die Hypothese, in der davon ausgegangen wird, dass der gefundene Effekt auch in der Grundgesamtheit in ähnlicher Form gefunden werden kann.
Die H 0 , die sogenannte Nullhypothese, bezeichnet die Annahme, dass der gefundene Effekt in der Grundgesamtheit nicht auftritt.
Hieraus leiten sich zwei mögliche Fehler ab:
Der Fehler 1. Art (α-Fehler) bezeichnet den Fehler, einen Effekt auf die Grundgesamtheit zu generalisieren, obwohl der dort nicht auftritt. Also, die Nullhypothese zu verwerfen, obwohl sie zutrifft.
Der Fehler 2. Art (β-Fehler) bezeichnet den Fehler, einen Effekt nicht auf die Grundgesamtheit zu generalisieren, obwohl er dort zu finden wäre.
Wissenschaftstheoretisch ist es von besonderer Bedeutung den Fehler 1. Art zu kontrollieren und so klein wie nur möglich zu halten. Da eine solche Entscheidung jedoch nicht mit absoluter Sicherheit getroffen werden kann, wird die Wahrscheinlichkeit, einen solchen Fehler zu begehen, minimiert. Ein Konsens besagt, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Fehler 1. Art nicht größer sein darf als 5%. Auch wenn einige Wissenschaftler bei Wahrscheinlichkeiten bis 10% noch von
70
tendenziellen Effekten sprechen, die aber nicht ohne weiteres auf die Grundgesamtheit generalisiert werden dürfen, sondern einer neuen Überprüfung, z.B. an einer größeren Stichprobe, bedürfen.
Als Maß für die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Effekt auf die Grundgesamtheit generalisiert werden kann, ohne dabei einen Fehler erster Art zu begehen, dient der p-Wert.
Ein weiteres Maß für die Bedeutsamkeit eines Effektes ist die Varianzaufklärung. Sie gibt an, welcher Anteil der Varianz in den gefundenen Werten durch den beschriebenen Effekt erklärt werden kann. Je größer die Varianzaufklärung, desto stärker, bedeutsamer und auch nützlicher für die Generierung von Theorien ist der Effekt. Als Maß für die Varianzaufklärung dienen die Kennwerte Eta² in varianzanalytischen Modellen und R² in Regressionsmodellen. Die Interpretation der beiden Maße ist äquivalent.
Um eine Entscheidung darüber zu treffen, welches statistische Verfahren zum Einsatz gebracht werden soll, wird die Skala, auf der eine Variable erhoben wurde, berücksichtigt.
Es existieren drei unterschiedliche Gruppen von Variablen:
1. Nominalskalierte Variablen Die Variable beinhaltet mindestens zwei unterschiedliche Stufen. Jedes Element in der Stichprobe ist eindeutig nur einer dieser Stufen zuzuordnen und die Stufen stehen gleichrangig nebeneinander.
Beispiel: Geschlecht in einer Stichprobe (männlich, weiblich)
2. Ordinalskalierte Variablen Die Variable beinhaltet mindestens zwei unterschiedliche Stufen. Jedes Element in der Stichprobe ist eindeutig nur einer dieser Stufen zuzuordnen, jedoch beinhalten die verschiedenen Stufen eine Rangfolge, da sie qualitativ unterschiedlich sind. Dieser qualitative Unterschied zwischen den Stufen ist jedoch quantitativ unterschiedlich oder nicht quantitativ ausdrückbar.
Beispiel: Schulabschluss der Personen einer Stichprobe (keiner, Hauptschule, Realschule, Abitur, Hochschule)
71
3. Metrische Variablen Sie benutzen das gesamte Zahlenspektrum. Sie sind z. B. ein Maß für die Stärke einer Ausprägung eines bestimmten Merkmals. Je nachdem, ob die Null in einer Skala willkürlich gesetzt ist, oder ob sie einen tatsächlichen, natürlichen Nullpunkt kennzeichnet lassen sich auch Verhältnisangaben zwischen Maßen machen. Darum werden metrische Variablen noch in intervall- und absolutskalierte Variablen trennen. Beispiele: Temperatur in °C (intervallskaliert, da 0°C nicht der absolute Nullpunkt ist und darum 20°C nicht doppelt so warm ist wie 10°C) Temperatur in °K (Absolutskaliert, da 0°K der absolute Nullpunkt ist, und somit auch Aussagen über Relationen möglich sind.)
Nominalskalierte und ordinalskalierte Variablen werden auch als kategorial oder qualitativ bezeichnet, die metrischen auch als quantitativ.
Welches Statistische Verfahren zum Einsatz kommt, hängt davon ab, auf welcher Skala die betreffenden Variablen gemessen werden. Die Entscheidungs- regeln, welches Verfahren zum Einsatz kommt, finden sich in Tabelle 3.3 (s. nächste Seite):
Im folgenden Teil werden die statistischen Modelle, die in der vorliegenden Arbeit zum Einsatz kommen, kurz dargestellt:
t-Tests
t-Tests kommen zum Einsatz, wenn zwei Gruppen hinsichtlich ihrer Ausprägung in einer metrischen Variablen miteinander verglichen werden. Es werden von beiden Gruppen die Mittelwerte berechnet und voneinander subtrahiert. Anschließend wird dieser gemessene Mittelwertsunterschied an der Standardabweichung und Stichprobengröße relativiert.
Der t-Test gilt aber nur dann als sicheres Verfahren, wenn die Varianzen beider Gruppen gleich groß sind. Darum empfiehlt es sich, einen Levene-Test auf Varianzhomogenität zu berechnen. Wird dieser signifikant, müssen die Freiheitsgrade des Tests Welch-korrigiert werden. Mit dem Levene-Test wird jedoch, wie üblich, unter der Annahme der H 0 getestet und somit wird der Fehler 1. Art kontrolliert. In diesem Fall müsste aber der Fehler 2. Art kontrolliert werden. Dies ist jedoch nicht möglich, da
72
hierfür die Varianz der Grundgesamtheit bekannt sein müsste. Dies ist aber in den seltensten Fällen der Fall. Da die Fehler 1. und 2. Art fast unabhängig voneinander sind, muss somit schon an einem p>.20 von Varianzinhomogenität ausgegangen werden und nicht, wie üblich, bei p>.05. In der vorliegenden Arbeit wird dieses Kriterium angelegt, obwohl dieser Konsens nicht so allgemeingültig ist, wie bei dem zum Fehler 1. Art.
Die Modellannahmen sehen vor, dass bei einer Stichprobe mit N Personen die Mittelwertsverteilung t-verteilt ist, mit t (n-1) Freiheitsgraden.
Das Vorgehen beim t-Test unterscheidet sich jedoch danach, ob die Messungen unabhängig oder abhängig voneinander erfolgt sind.
Tabelle 3.3: Auswahlkriterien für Statistische Verfahren
73
t-Test für unabhängige Stichproben Unabhängig sind zwei Stichproben, wenn beide völlig unterschiedliche Personen erfassen, die nicht direkt miteinander in Beziehung stehen. In diesem Fall werden für beide Gruppen separat die Mittelwerte berechnet und miteinander verglichen.
t-Test für abhängige Stichproben
Abhängig sind zwei Stichproben dann, wenn sie Messungen an ein und derselben Person sind, z. B. durch zwei Messungen zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten oder wenn die Personen der beiden Stichproben miteinander in Beziehung stehen. Dies kann z. B. bedeuten, dass man die Ausprägungen einer Mutter und eines Kindes in einer metrischen Variablen miteinander vergleicht. In diesem Fall werden die einzelnen Werte der Person (des Personensystems) erst voneinander subtrahiert und von diesem Differenzwert der Mittelwert gebildet. Dieser Differenzmittelwert wird auf seine Ungleichheit mit dem Wert 0 getestet.
Varianzanalytische Verfahren
Die Varianzanalyse kommt dann zum Einsatz, wenn nicht nur zwei Gruppen hinsichtlich ihrer Ausprägungen in einer metrischen Variable verglichen werden sollen, sondern mehr als zwei. Sie gibt, falls sie signifikant werden sollte, darüber Aufschluss, dass mindestens zwei der Gruppen sich voneinander in ihren Mittelwerten unterscheiden. Wird sie nicht signifikant, müssen die Mittelwerte aller Gruppen als gleich angesehen werden. Mittelwertsunterschiede in der Stichprobe müssen also als Zufallsschwankungen aufgefasst werden.
Das Vorgehen der Varianzanalyse besteht darin, dass die gesamte Varianz in der Stichprobe dahingehend analysiert wird, ob die Varianz innerhalb der Gruppen und die zwischen den Gruppen unterschiedlich ist. Ist sie unterschiedlich, müssen sich mindestens zwei Gruppen hinsichtlich ihrer Mittelwerte unterscheiden. Welche Gruppen sich aber unterscheiden wird in der Varianzanalyse nicht aufgeklärt.
Hierzu müssen Post-Hoc-Tests angeschlossen werden. Im Prinzip sind diese Post-Hoc-Tests t-Tests für unabhängige Stichproben. Aber mit einem entscheidenden Unterschied: Im Post-Hoc-Test wird jede Gruppe mit jeder anderen auf Mittelwertsunterschiede getestet. Bei einer nominalen Variablen mit K Stufen werden somit
74
⎞ ⎛ k ⎟ ⎟ ⎜ ⎜ = 2 m
⎠ ⎝ t-Tests berechnet. Bei 3 Stufen sind dies demnach 3 t-Tests. Jeder dieser t-Tests nimmt bei einem üblichen Signifikanzniveau von α=.05 ein Risiko von 5% in Kauf. Somit steigt jedoch für die Gesamtberechnung das Risiko, mindestens einen t-Test zu berechnen, der einen Fehler 1. Art begeht, indem er fälschlicher Weise ein p<.05 ausgibt. Bei K Tests liegt das Risiko bei mindestens einem Test einen Fehler 1. Art zu begehen und einem mindestens zu erreichenden Signifikanzniveau von α bei 1-(1-α) k . Dies bedeutet bei einem α=,05, wie üblich und k=3 eine Wahrscheinlichkeit von 14.3%, bei mindestens einem dieser drei Tests einen Fehler erster Art zu begehen. Bei 10 Tests liegt diese Wahrscheinlichkeit schon bei 40.1% und bei 100 Tests bei 99.4%. Diese Alphafehlerkumulierung stellt ein nicht akzeptables Risiko dar und ihm wird entgegengewirkt, indem das mindestens zu erreichende Signifikanzniveau korrigiert wird.
Das am häufigsten verwendete Korrekturprinzip ist die Bonferronikorrektur. Hierbei wird das mindestens zu erreichende Signifikanzniveau α’ korrigiert, indem das übliche Signifikanzniveau α durch die Anzahl der Einzelvergleiche m geteilt wird:
α
α =
'
m Dieses Verfahren führt jedoch zu einer sehr konservativen Schätzung. Ebenso verbreitet ist das Tukey-HSD-Verfahren oder das LSD-Verfahren. Letzteres korrigiert das Signifikanzniveau jedoch nur sehr geringfügig, so dass es kaum zum Einsatz kommt.
Ebenso wie der t-Test ist die Varianzanalyse anfällig für Verletzungen der Varianzhomogenität. Auch hier können bei einer solchen Verletzung die Freiheitsgrade Welch-korrigiert werden.
Einfaktorielle Varianzanalyse (ANOVA)
Die einfaktorielle ANOVA (Analysis of Variance) kommt, wie im letzten Abschnitt beschrieben, dann zum Einsatz, wenn mehrere Gruppen bezüglich ihrer Ausprägung in einer metrischen Variablen verglichen werden sollen. Die Gruppen müssen, wie im t-Test für unabhängige Stichproben, voneinander unabhängig sein. Die Prüfgröße ist bei einer Stichprobe mit N Personen und einer kategorialen Einflussgröße mit K Stufen F-verteilt mit F ((k-1);k*(n-1)) Freiheitsgraden.
75
Bei einer 2-stufigen kategorialen Einflussgröße könnte man anstatt eines t-Tests auch eine ANOVA berechnen. Da die Prüfgröße dann F-verteilt ist, mit F (1;2*(n-1)) Freiheitsgraden und die F-Verteilung mit einem Zählerfreiheitsgrad der quadrierten t- Verteilung entspricht, ist der gefundene F-Wert gleich dem zu erwartenden quadrierten t-Wert mit t (n-1) Freiheitsgraden: F (1;2*(n-1)) =(t (n-1) )² In diesem Fall ist es also einfacher gleich einen t-Test zu berechnen, da die Ergebnisse bei einer binären Gruppenvariablen äquivalent sind.
Mehrfaktorielle Varianzanalyse mit Messwiederholung (MANOVA)
Die MANOVA (Multiple Analysis of Variance) kommt dann zum Einsatz, wenn nicht nur eine kategoriale Einflussgröße hinsichtlich ihrer Ausprägungen in einer metrischen Variable untersucht wird, sondern mehrere. Die MANOVA mit Messwiederholung ist dabei ein Spezialfall, da bei ihr nicht nur unabhängige Gruppen, wie bei der ANOVA, untersucht werden können, sondern auch abhängige. Somit können zwei unterschiedliche Faktoren gleichzeitig in die Berechnung eingehen: Ein Zwischensubjektfaktor bezeichnet eine kategoriale Variable, in der die Gruppen unabhängig voneinander bestehen. Dies kann beispielsweise auf das Geschlecht, oder wie in dieser Arbeit häufig eingesetzt, unterschiedliche Leaving Home Patterns zutreffen. Die Berechnung ist äquivalent zu der der ANOVA. Ein Innersubjektfaktor ist eine Variable, die in einem Subjekt erhoben wurde. Sie kann beispielsweise an einer Person zu mindestens zwei unterschiedlichen Zeitpunkten (z.B. Symptombelastung vom Alter von 14 Jahren bis in Alter von 17 Jahren), oder, wie im t-Test für abhängige Stichproben bereits beschrieben, beispielsweise an einer Familie, in der die Sichtweise aller Familienmitglieder Eingang findet. Dabei können bei einer MANOVA jedoch mehr als nur zwei Stufen einer kategorialen Variablen analysiert werden, was in einem t-Test nicht möglich ist. Das „Subjekt“, in dem der Faktor variiert wäre in im Fall eines Familienvergleichs nicht nur eine Person, sondern ein ganzes Personensystem, wenn beispielsweise die Konfliktneigung der Familie aus den Perspektiven dreier Familienmitglieder eingeschätzt wird.
Wird der Einfluss des Innersubjektfaktors als signifikant bewertet, werden meist keine Post-Hoc-Tests berechnet, wie dies bei den Zwischensubjektfaktoren der Fall ist, obwohl auch dazu die Möglichkeit besteht. Für die Innersubjektfaktoren werden häufig Verlaufsformen dargestellt, da es sich bei den meisten Innersubjektfaktoren um Zeitliche Verläufe oder Verläufe über Rangordnungen handelt. Die Verlaufsformen
76
werden noch einmal separat auf ihre Signifikanz hin getestet. Für einen Innersubjektfaktor mit K Stufen ergeben sich (K-1) Verlaufsformen bis zu (K-1) Ordnungen.
Die typischen Verlaufsformen der 1. bis 4. Ordnung werden in Abbildung 3.1 dargestellt:
Abb. 3.1: Verlaufsformen erster bis vierter Ordnung über die Zeit
Bonferronikorrigierte Post-Hoc-Tests für Innersubjektfaktoren sind nur dann sinnvoll, wenn es sich bei dem Innersubjektfaktor um eine Nominalskalierte Variable handelt. Da die einzelnen Stufen eines solchen Faktors prinzipiell vertauschbar sind (z.B. Vater, Mutter, Kind) macht es wenig Sinn, eine lineare Verlaufsform zu prüfen.
χ χ²-Verfahren χ χ Die χ²-Verfahren sind eine Gruppe von Verfahren, die über die Verteilung von Häufigkeiten in einer Kreuztabelle arbeiten.
77
Zwei kategoriale Variablen werden hierzu in einer Kreuztabelle gegenübergestellt
und die Anzahl an Personen, die in die jeweiligen Felder gehören, eingetragen und
am Rand aufaddiert, wie in Tabelle 3.4 gezeigt:
Tabelle 3.4: Beispiel für χ² Verfahren
Anschließend wird aus den Randverteilungen berechnet, welche Verteilung in
den Zellen gefunden werden würde, wenn die beiden Variablen, hier X und Y,
unabhängig voneinander wären. In der ersten Stufe von X (rotes Feld) befinden sich
insgesamt 120 Personen. In den beiden Stufen von Y (grüne Felder) befinden sich
100 und 200 Personen. Wenn die beiden Variablen unabhängig voneinander wären,
müssten sich diese 120 Personen also nach dem Anteil 100:200 auf die blauen Felder
verteilen.
Unter der Annahme der Unabhängigkeit beider Variablen ergibt sich mit der
beobachteten Randverteilung also die folgende Kreuztabelle, wie in Tabelle 3.5 zu
sehen:
Tabelle 3.5: Verteilung der Anzahlen unter der Annahme statistischer Unabhängigkeit
Die Prüfgröße wird aus dem Unterschied zwischen der gefundenen Kreuztabelle
und der unter der Annahme der Unabhängigkeit berechneten Kreuztabelle nach der
Formel berechnet:
f −
f )² (
χ
) ( ) ( i e i b Σ = ²
f
) ( i e
f b(i) = gefundene Zellenhäufigkeit
f e(i) = erwartete Zellenhäufigkeit
78
Die Prüfgröße bei zwei kategorialen Variablen, mit K und L Stufen ist χ² verteilt
mit χ² (k-1)*(l-1) Freiheitsgraden.
Um die Ergebnisse, die in einer Kreuztabelle dargestellt sind besser
interpretieren zu können, existieren zwei unterschiedliche Maße, die über Art und
Stärke der Zusammenhänge Auskunft geben. Die Stärke des Zusammenhangs kann
durch das Kreuzproduktverhältnis (KPV), bzw. dem Odds Ratio ausgedrückt werden.
Hat eine Kreuztabelle die folgende Form, wie in Tabelle 3.6 dargestellt:
Tabelle 3.6: Verteilung der Anzahlen in einer 2*2-Kreuztabelle
Form: n yx
Das Odds Ratio wird dann mit der folgenden Formel berechnet.
×
n n
=
22 11
OddRat
×
n n
12 21
Das Odds Ratio hat mögliche Ausprägungen von Null bis unendlich, wobei ein
OddRat=1 bedeutet, dass keinerlei Zusammenhänge existieren, also einem
Korrelationskoeffizienten von r=0 entspricht. Ein weiterer Nachteil ist, dass der
Kehrwert des Odds Ratio einen identisch starken Zusammenhang kennzeichnet, also
ein OddRat=5 gleichbedeutend ist mit OddRat=0.2. Um den Umgang mit deisem
Kennwert zu erleichtern ist es möglich, den Natürlichen Logarithmus aus dem Odds
Ratio zu ziehen.:
⎞ ⎛
×
n n
⎟ ⎟ ⎜ ⎜
=
22 11
Odd
ln log
×
n n
⎠ ⎝
12 21
Das Ergebnis ist ein Kennwert, der ähnlich wie der Korrelationskoeffizient bei
Null keinen Zusammenhang impliziert. Der Kehrwert des Odds Ratio zeigt im log Odd
ein umgekehrtes Vorzeichen. Der Nachteil dieses Kennwertes ist, dass man leicht
79
dazu verführt wird, ihn wie einen Korrelationskoeffizienten zu interpretieren, was jedoch grundlegend falsch ist. Man kann auch für 2*2-Kreuztabellen einen Korrelationskoeffizienten berechnen, den sogenannten Phi-Koeffizienten, die Berechnung unterscheidet sich jedoch stark von der des log Odd. Außerdem kann das Vorzeichen des Log Odd nicht interpretiert werden.
Der größte Nachteil, nach den Schwierigkeiten, dieses Zusammenhangsmaß eindeutig zu interpretieren, ist jedoch, dass es nur in 2*2-Kreuztabellen zu berechnen ist. Hat eine der Variablen mehr als zwei Stufen, kann man kein Odds Ratio mehr berechnen.
Als Maß für die Art der Zusammenhänge in einer Kreuztabelle bietet sich die relative Chance, bzw. das relative Risiko an. Ob dieses Maß Risiko oder Chance genannt wird hängt von der Forschungsfrage ab, da beispielsweise niemand eine „Chance“ an Krebs zu erkranken berechnen würde.
Das Risiko beispielsweise eines Rauchers an Lungenkrebs zu erkranken wird berechnet, indem man den Anteil der an Lungenkrebs erkrankten Raucher aus der Gruppe aller Lungenkrebspatienten berechnet. Sei in der Kreuztabelle wie in Tabelle
3.6 die Variable X = „Krebserkrankung“ mit 1= „ja“ und 2= „nein“ und die Variable Y =
„Raucher“ mit 1= „ja“ und 2= „nein“ so wird dieses Risiko mit der Formel
n
Risk =
11
n
1 .
berechnet. Das Risiko gibt also den Anteil an, den die Raucher an allen Lungenkrebserkrankungen haben. Da aber auch Nichtraucher an Lungenkrebs erkranken können, ist es interessanter zu berechnen, wie viel höher das Risiko von Rauchern gegenüber dem von Nichtrauchern ist. Hierzu berechnet man das relative Risiko mit der folgenden Formel:
n
80
Diese Formel bezeichnet also den Anteil der Krebspatienten in der Gruppe der Raucher in Relation zum Anteil der Krebspatienten in der Gruppe der Nichtraucher. Hiermit ist eine Aussage möglich, wie viel höher das Risiko der Raucher ist, an Lungenkrebs zu erkranken, gemessen an dem Risiko einer Population von Nichtrauchern.
Gesetzt dem Fall, es sei eine dreistufige Skala des Rauchens erhoben worden mit 1= „starker Raucher“; 2= „mäßiger Raucher“ und 3= „Nichtraucher“, können auch Kombinationen berechnet werden. Man kann beispielsweise das relative Risiko eines starken Rauchers an Lungenkrebs zu erkranken gemessen am Risiko von beiden anderen Kategorien berechnen. Hierzu kann die folgende Formal herangezogen werden:
n
relRisk
Das relative Risiko nimmt den Wert 1 an, wenn Unabhängigkeit besteht. Dieses Maß wird häufig herangezogen, um die Zusammenhänge in Kreuztabellen zu
beschreiben, nachdem der χ²-Test einen signifikanten Zusammenhang in der
Kreuztabelle aufgedeckt hat.
Statistikpakete
Alle Berechnungen wurden mit Hilfe von SPSS 11.5 für Windows vorgenommen und die Grafiken und Tabellen mit Microsoft Word überarbeitet.
81
4. Ergebnisse
4.1 Deskriptive Beschreibung der Stichprobe
In einem ersten Schritt wurde der selektive Dropout berechnet. Dazu wurden die Daten der 145 Bonner (Ausgangsstichprobe) mit den Daten der 93 Versuchspersonen verglichen, die bis zum Alter von 25 Jahren kontinuierlich in ihrem Auszugsverhalten klassifizierbar waren.
Geprüft wurden mittels Chi-Quadrat-Tests die Variablen Geschlecht, Sozioökonomischer Status (SES), Familienstand der Eltern und die Anzahl der Kinder, die in der Familie leben. Es ergaben sich keine signifikanten Unterschiede, was darauf hinweist, dass der Dropout nicht selektiv ist.
Die Gesamtstichprobe der N=93 Personen, die in die Analyse mit eingingen, wird in Tabelle 4.1 bezüglich relevanter Merkmale, wie SES, Geschlecht, Familienstand der Eltern und Geschwister dargestellt.
Tabelle 4.1: Beschreibung der Stichprobe von N=93 Probanden nach sozioökonomischem Status, Geschlecht, Familienstand der Eltern und Geschwisteranzahl
fehlend 1 1.1
Keine Geschwister 12 12.9
82
Dann werden, bezogen auf das junge Erwachsenenalter in dieser Stichprobe
wesentliche Entwicklungen im Bereich Partnerschaft, berufliche Situation und
wohnliche Situation dargestellt (s. Tabelle 4.2 und Abbildung 4.1).
Tabelle 4.2: Demografische Daten der Probanden im Alter von 21 bis 25 Jahre
Ja 50 53.8 55 59.1 53 57.0 58 62.4
Ausbildung 48 51.6 42 45.2 34 36.6 39 41.9 Beruf, oder
Partnerschaft. Derselbe Anteil wohnt auch nicht mehr bei den Eltern und 50% der
jungen Erwachsenen sind schon auf dem Berufsweg, d.h. in einer Ausbildung
begriffen oder im Beruf tätig. In den folgenden Jahren fällt der Anteil der Schüler bzw.
Studenten im selben Maß ab. Im gleichen Zeitraum steigt der Anteil derer, die
ausgezogen sind bzw. derer, die sich in einer festen Partnerschaft befinden.
83
4.2. Bildung und Beschreibung der Gruppen mit
unterschiedlichem Leaving Home Pattern
Die Variable zur Gruppentrennung, um Personen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern zu identifizieren, wurde folgendermaßen gebildet:
Alle jungen Frauen, die im Alter von 21 Jahren schon ausgezogen sind und dies bis zum Alter von 25 auch durchgängig blieben, wurden der Gruppe der „in time Leavers“ zugeordnet. Außerdem wurden diejenigen, die alle 4 Jahre von 21 bis 25 bei den Eltern wohnten, der Gruppe der Nesthocker zugeordnet. Bei den jungen Männern wurde dieselbe Zuteilung vorgenommen, nur dass das Zeitkriterium für einen altersgerechten Auszug bei 22 Jahren liegt, da Männer durchschnittlich ein Jahr später ausziehen als Frauen. Alle restlichen wurden der Gruppe der „Anderen“ zugeordnet. In dieser Gruppe sind demnach alle die jungen Erwachsenen, die nur leicht verspätet ausgezogen sind, z. B. mit 23 Jahren, oder auch die, die zwar schon ausgezogen waren, dann aber wieder zurück ins Elternhaus gezogen sind. Die Anteile der drei Gruppen an der untersuchten Gesamtstichprobe werden in Tabelle 4.3 und Abbildung 4.2 dargestellt.
Tabelle 4.3: Fallzahl und Anteil in den Gruppen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern
84
Die Gruppe der „Anderen“ Da in die Gruppe der „Anderen“ zwei unterschiedliche Leaving Home Patterns mit eingehen (late Leavers N=19 und Returner N=10), wurde sie anschließend daraufhin untersucht, ob sich diese beiden Gruppen in wichtigen Dimensionen unterscheiden.
Es fanden sich keine Unterschiede im Familienstand der Eltern, dem Führen von Partnerschaften und dem SES. Nur in Bezug auf das Geschlecht gab es einen tendenziellen Effekt [χ²(1)=2.885; p=.089]. Demnach sind Frauen eher late Leavers (80%) als Returners (20%). Männer sind zu 50% late Leavers und auch zu 50% Returners.
Auf psychologischen Variablen fanden sich keine Unterschiede in Bezug auf den Bindungsstil und der Symptombelastung.
In Bezug auf die Entwicklungsaufgaben fand sich zu einzelnen Zeitpunkten inkongruent ein Unterschied, der jedoch in einer MANOVA mit Messwiederholung und der Kontrolle des Geschlechtseffektes nicht mehr bedeutsam ist. Nur in Bezug auf die FES-Skala Personal Growth aus der Sicht der Mutter fanden sich große Unterschiede zwischen den Gruppen. [HE Gruppe für das Alter von
14 bis 17 Jahren F(1,25)=4.520; p<.05; Eta²=.153].
Die late Leavers erfahren weit mehr Förderung des persönlichen Wachstums als die Returners. Dieser Effekt wird in Abbildung 4.3 dargestellt.
Da es sonst keine weiteren Unterschiede zwischen den beiden Gruppen gab, wurden sie zusammen in der Kategorie „Andere“ belassen. Dies ist von Vorteil, um die Untergruppen nicht zu klein werden zu lassen.
16,4
16
15,6
M 15,2 14,8
Abb. 4.3: FES-Skala Personal Growth Aus der Sicht der Mütter, für late Leavers und Returners über die Zeit.
85
Demographische Daten:
Im nächsten Schritt wurden mit Hilfe von χ²-Tests die unterschiedlichen Leaving
Home Gruppen auf Unterschiede in den demografischen Daten, wie Altersgruppe,
Geschlecht, Familienstand der Eltern und dem sozioökonomischem Status der Eltern
untersucht.
Tabelle 4.4: Demografische Daten der Probanden getrennt nach unterschiedlichen Leaving Home
Patterns.
Jünger 15 29.4 6 46.2 13 44.8
Männlich 21 58.8 6 53.8 14 48.3
Weiblich 30 41.2 7 46.2 15 51.7
Verheiratet 37 74.0 12 92.3 27 93.1
Unverheiratet 13 26.0 1 7.7 2 6.9
Hoher SES 27 54.0 4 30.8 7 24.1
Die χ²-Tests ergeben für:
Das Alter: χ²(2)=.404; p=.817
Das Geschlecht: χ²(2)=2.494; p=.287
Den Familienstand der Eltern: χ²(2)=5.654; p=.059
Und den SES: χ²(4)=7.532; p=.110
Somit unterscheiden sich die Personen mit unterschiedlichem Leaving Home
Pattern nicht in der Altersgruppe, dem Geschlecht oder dem SES. Nur der
Familienstand der Eltern scheint ein Einflussfaktor zu sein. Jedoch sind die
Ergebnisse nur tendenziell signifikant. Dies kann auch auf die kleinen Fallzahlen
zurückzuführen sein, da nur einer der Nesthocker unverheiratete Eltern hat. 7.7% der
Nesthocker haben somit unverheiratete Eltern, jedoch sind bei den in time Leavers
86
26% der Eltern unverheiratet. Demnach scheinen Kinder von unverheirateten Eltern eher in time Leavers zu sein.
Führen von Partnerschaften
Weiterhin wurde mit Hilfe von χ²-Tests untersucht, ob sich die drei Gruppen im
Führen von Partnerschaften zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterscheiden. Die Ergebnisse werden in Tabelle 4.5 und in Abbildung 4.4 dargestellt. Es werden die Anzahlen und Prozente derer angegeben, die angaben einen Partner zu haben.
Tabelle 4.5: Fallzahl und Anteil der Leaving Home Gruppen, die eine Partnerschaft führen
Die χ²-Tests ergeben für:
das Alter von 14 Jahren: χ²(2)=.465; p=.793,
das Alter von 15 Jahren: χ²(2)=.286; p=.867,
das Alter von 16 Jahren: χ²(2)=7.709; p=.021,
das Alter von 17 Jahren: χ²(2)=9.843; p=.007
das Alter von 21 Jahren: χ²(2)=14.564; p<.001,
das Alter von 22 Jahren: χ²(2)=11.451; p=.003,
das Alter von 23 Jahren: χ²(2)=4.667; p=.097,
das Alter von 24 Jahren: χ²(2)=9.579; p=.008
87
80
70
60
50
f%
40
30
20
10
0
Abb. 4.4: Anteil der Probanden mit Partner nach Leaving Home Pattern über die Zeit
In der frühen Adoleszenz unterscheiden sich die Gruppen nicht. In etwa ein Drittel der Probanden führen im Alter von 14 und 15 Jahren eine Partnerschaft. Jedoch unterscheiden sich Nesthocker und in time Leavers in jeder Altersstufe seit dem Alter von 16 Jahren signifikant voneinander in Bezug auf das Führen einer Partnerschaftsbeziehung. Nur im Alter von 23 Jahren ist dieser Effekt nicht signifikant, aber tendenziell dennoch vorhanden. Im Alter von 21 Jahren führen genau zwei Drittel (66.7%) der in time Leavers eine Partnerschaft, aber nur 7.7% der Nesthocker. Ab dem Alter von 16 Jahren führen mehr als die Hälfte aller in time Leavers eine Beziehung, mit steigender Tendenz. Die Nesthocker führen immer seltener Beziehungen. Im Alter von 21 Jahren berichtet nur noch ein Einziger der 13 Nesthocker über eine Partnerschaft.
Die Kluft zwischen Nesthockern und in Timers wird ab dem Alter von 21 Jahren immer kleiner, bleibt jedoch deutlich erkennbar. Die Gruppe der Anderen liegt meist in der Mitte zwischen den beiden anderen Gruppen. Während jedoch in den beiden anderen Gruppen die Anzahl derer, die Partnerschaften leben, stetig ansteigt, steigt sie bei den „Anderen“ nur zwischen dem Alter von 17 und 21 Jahren an. Sie sinkt danach aber wieder leicht ab.
Der Frage, ob der Auszug eines jungen Erwachsenen davon abhängt, dass er zum entsprechenden Zeitpunkt eine Partnerschaft führt, wurde noch auf anderer Weise nachgegangen. Mittels Chi-Quadrat-Tests für das Alter von 21 bis 25 wurde untersucht, ob unabhängig vom Leaving Home Pattern ein direkter Zusammenhang zwischen dem Führen einer Partnerschaft und dem zu Hause leben existiert. Tabelle
4.6 stellt die gefundenen Kreuztabellen für jedes Alter dar.
88
Tabelle 4.6: Kreuztabellen für das Führen einer Partnerschaft und das Wohnen bei den Eltern über die Zeit
Führen einer festen Partnerschaft
Gesamt
Wohnen
bei den Alter f f% f f% f f% Eltern
Für das Alter von 21 Jahren ergab sich χ²(1)=8.817; p=.003
Für das Alter von 23 Jahren ergab sich χ²(1)=13.775; p<.001
Für das Alter von 24 Jahren ergab sich χ²(1)=3.369; p=.066
Für das Alter von 21 Jahren ergab sich χ²(1)=5.241; p=.022
Der Anteil der jungen Erwachsenen, die eine Partnerschaft führen und gleichzeitig ausgezogen sind von denjenigen, die insgesamt ausgezogen sind, wird in Abbildung 4.5 gelb dargestellt. Der Anteil der jungen Erwachsenen, die keine Partnerschaft führen und gleichzeitig nicht ausgezogen sind von denjenigen, die insgesamt noch bei den Eltern wohnen wird blau dargestellt.
89
75
70
65
f%
60
55
50
Abb. 4.5: Anteile der Singles unter den zu Hause lebenden, sowie der Personen mit Partner unter den Ausgezogenen über die Zeit
Der Anteil derer, die gleichzeitig ausgezogen sind und eine Partnerschaft führen und umgekehrt liegt zu in jedem erfassten Alter über 50%. Nur im Alter von 24 Jahren wird dieser größere Anteil nicht eindeutig signifikant. Insgesamt jedoch beeinflusst das Führen einer Partnerschaft das Auszugsverhalten maßgeblich, sie wirkt sich positiv auf einen Auszug aus.
Dauer der Partnerschaft Im Alter von 24 Jahren Mittels einer ANOVA wurde die Dauer der im Alter von 24 Jahren bestehenden Partnerschaften bei den Gruppen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern verglichen. Die deskriptiven Statistiken zu dieser Analyse sind in Tabelle 4.7 dargestellt.
Tabelle 4.7: Deskriptive Statistiken zur Dauer der Partnerschaft im Alter von 24 Jahren nach Leaving Home Pattern in Monaten.
Partnerschaftsdauer in Monaten
Die Gruppen unterscheiden sich hinsichtlich der Dauer ihrer Partnerschaften nicht. [F(2,46)=1.438; p=.248], was einerseits auch auf Unterschiede in den
90
Standardabweichungen zurückzuführen sein kann und andererseits darauf, dass in
der Gruppe der Nesthocker zu dem Zeitpunkt nur einer eine Beziehung führte.
Aufgrund einer einzigen Messung kann ein Gruppenunterschied nicht aufgedeckt und
erst recht nicht plausibel interpretiert werden.
Personen mit Berufslaufbahn oder akademischer Laufbahn
Die Leaving Home Gruppen wurden mit Hilfe von χ²-Tests auf Unterschiede in
ihrer beruflichen Laufbahn untersucht. Hierbei wurden diejenigen Probanden, die
einen Beruf ausübten oder sich in einer beruflichen Ausbildung befanden zu einer
Berufsgruppe zusammengefasst, während diejenigen, die ein Studium absolvierten
oder noch Schüler waren einem akademischen Zweig zugeordnet wurden. Die
Ergebnisse werden in Tabelle 4.8 und Abbildung 4.6 dargestellt.
Tabelle 4.8: Fallzahl und Anteil der Leaving Home Gruppen an Studium bzw. Beruf über die Zeit.
Beruf 25 49.0 5 38.5 15 51.7
Studium 26 51.0 6 46.2 10 34.5
23
Beruf 25 49.0 7 53.8 19 65.5
Studium 19 37.3 6 46.2 9 31.0
24
Beruf 32 62.7 7 53.8 20 69.0
Studium 24 47.1 6 46.2 9 31.0
Die χ²-Tests ergeben für:
das Alter von 21 Jahren: χ²(2)=.603; p=.772,
das Alter von 22 Jahren: χ²(2)=2.038; p=.361,
das Alter von 23 Jahren: χ²(2)=.908; p=.635,
das Alter von 24 Jahren: χ²(2)=2.060; p=.357
91
100%
80% 60% 40% 20%
Abb. 4.6: Fallzahl und Anteil der Leaving Home Gruppen an Studium (Beruf ist redundant)
Es ergeben sich keine Unterschiede zwischen Nesthockern und in Timers bezüglich der beruflichen Laufbahn. Somit scheint das Auszugsverhalten nicht mit der eigenständigen Berufslaufbahn zusammenzuhängen.
4.3 Familienbeziehungen aus der Sicht von Personen mit
unterschiedlichem Leaving Home Pattern:
4.3.1 Familienbeziehungen während der Adoleszenz (FES)
Da nicht für alle Personen der N=228 großen Ursprungsstichprobe Daten über ihre Wohnsituation vorhanden sind [fehlende Werte: N=135 im Alter von 14 Jahren; N=107 im Alter von 17 Jahren] wurden die Ausprägungen in den FES-Skalen einer Dropoutanalyse unterzogen, um sicher zu gehen, dass die Effekte nicht auf Selektionseffekte zurückgehen.
Signifikante Unterschiede fanden sich nur für die Metaskala Struktur. Die Personen, die aufgrund fehlender Werte aus der Berechnung entfielen, zeigten über fast alle Messzeitpunkte und aus der Perspektive jedes Familienmitgliedes höhere Werte in dieser Skala.
Bei den restlichen Skalen liegt außer bei Interpersonal Relations, Jugendliche,
17 Jahre [p=.167] und Interpersonal Relations, Mütter, 15 Jahre [p=.172] der p-Wert
weit über .20. Somit ist davon auszugehen, dass es keine weiteren Selektionseffekte geben sollte.
Alle Analysen bezüglich der FES-Skalen wurden anhand von MANOVAs mit Messwiederholung durchgeführt. Dabei wurde der Messzeitpunkt als
92
Innersubjektfaktor eingesetzt und das Leaving Home Pattern als
Zwischensubjektfaktor.
Für die Perspektive der Jugendlichen existieren 5 Messzeitpunkte, da diese im
Alter von 24 Jahren ihre Familiensituation retrospektiv erinnern sollten. Für die
restlichen Familienmitglieder existieren 4 Messzeitpunkte.
Nach der Darstellung der deskriptiven Statistiken werden zunächst die
Ergebnisse der Jugendlichen, gefolgt von denen der Mütter und anschließend der
Väter diskutiert.
Zuletzt wurde auf der Basis der Daten aller drei Familienmitglieder eine
MANOVA gerechnet, mit Personen (Vater, Mutter, Jugendlicher) und Zeit (4 MSZ) als
Innersubjektfaktoren und Leaving Home Pattern als Zwischensubjektfaktor. Die
Ergebnisse der Gesamtfamilie werden zuletzt dargestellt.
Die retrospektive Betrachtung wird erst im Abschnitt 4.3.2 dargestellt.
Subskala Conflict
Die deskriptiven Statistiken sind in Tabelle 4.9 und in den Abbildungen 4.7 bis
4.11 dargestellt.
Tabelle 4.9: Deskriptive Statistiken zu FES-Conflict für Nesthocker (N. H.) in Timers (i. T.) und others
aus der Sicht aller Familienmitglieder über die Zeit
others 2.45 .46 2.49 .38 2.48 .49 2.46 .45 2.65 .65
N. H. 2.67 .55 2.48 .29 2.46 .40 2.51 .37 -- --
Mutter
i. T. 2.87 .51
others 2.69 .43 2.73 .44 2.62 .43 2.55 .53 -- --
N. H. 2.51 .34 2.38 .34 2.30 .34 2.44 .38 -- --
93
3
2,9 2,8 2,7
M
2,6 2,5 2,4 2,3
Abb. 4.7: FES-Conflict aus der Sicht der Jugendlichen für unterschiedliche Leaving Home Patterns über die Zeit.
Jugendliche berichten keine Zeiteffekte bezüglich der Konflikte. [HE Zeit für das Alter von 14 bis 17 Jahre: F(3,264)=1.100; p=.350]. Aus ihrer Sicht bleiben sie in der Zeit der Adoleszenz (14 bis 17 Jahre) konstant. Die Gruppen unterscheiden sich signifikant. [HE Gruppe F(2,88)=4.607; p=.013; Eta²=.095]. Die in time Leavers haben signifikant höhere Konfliktwerte als die „Anderen“ [p=.014 im bonferronikorrigierten
2,9
2,8
2,7
M 2,6 2,5
2,4
Abb. 4.8: FES-Conflict aus der Sicht der Mütter für unterschiedliche Leaving Home Patterns über die Zeit.
94
2,7
2,6 2,5
M
2,4 2,3 2,2
Abb. 4.9: FES-Conflict aus der Sicht der Väter für unterschiedliche Leaving Home Patterns über die Zeit.
Beide Eltern sehen die Konfliktbelastung über die Zeit ähnlich. Beide berichten über einen signifikanten Rückgang der Konflikte über die Zeit hinweg [für Mütter: HE Zeit für das Alter von 14 bis 17 Jahren ihrer Kinder: F(3,264)= 3.25; p=.022; Eta²=.06 für Väter: HE Zeit für das Alter von 14 bis 17 Jahren ihrer Kinder: F(3,261)=3.412; p=.018; Eta²=.075]. Jedoch nur aus der Sicht der Mütter unterscheiden sich Nesthocker und in Timers tendenziell [HE Gruppe für das Alter von 14 bis 17 Jahren: F(2,88)=2.742; p=.07]. Mütter von in Timers berichten mehr Konflikte [p=.039 im LSD-
2,9
2,8 2,7 M
2,6 2,5 2,4 2,3
Abb. 4.10: FES-Conflict aus der Sicht der Gesamtfamilie für unterschiedliche Familienmitglieder über die Zeit.
95
2,8
2,7 M
2,6 2,5 2,4
Abb. 4.11: FES-Conflict aus der Sicht der Gesamtfamilie für unterschiedliche Leaving Home Patterns über die Zeit.
Betrachtet man so die gesamte Familie, ergibt sich ein signifikanter Unterschied zwischen den Nesthockern und den in Timers [HE Gruppe für das Alter von 14 bis 17 Jahren: F(2,87)= 3,093; p=.05]. Mit den in Timers werden mehr Konflikte ausgetragen, als mit den Nesthockern [p=.038 im LSD-korrigierten Post-Hoc-Test]. Außerdem Unterscheiden sich die Personen [HE Person F(2,174)=4.563; p=.012; Eta²=.05]. Im bonferronikorrigierten Post-Hoc-Test unterscheiden sich die Mütter und die Väter [p=.005]. Väter berichten weniger Konflikte als die Mütter.
Zusammenfassend fällt auf, dass in Familien mit in time Leavers besonders viele Konflikte berichtet werden, sowohl aus der Sicht der Jugendlichen, als auch, wenn auch weniger eindeutig, aus der Sicht der Eltern. Außerdem berichten die Eltern einen relativ kontinuierlichen Rückgang der Konflikte, während die Jugendlichen während desselben Zeitraums die Konflikte als gleich bleibend beschreiben.
Subskala Independence
Die deskriptiven Statistiken sind in Tabelle 4.10 und in den Abbildungen 4.12 bis 4.16 dargestellt (s. nächste Seite.)
96
Tabelle 4.10: Deskriptive Statistiken zu FES-Independence für Nesthocker (N. H.) in Timers (i. T.) und
others aus der Sicht aller Familienmitglieder über die Zeit
N. H. 3.56 .49 3.37 .58 3.74 .36 3.77 .51 3.49 .42
i. T. 3.68 .50 3.70 .43 3.78 .38 3.74 .47 3.36 .43
Kind
others 3.45 .48 3.57 .39 3.62 .43 3.69 .47 3.39 .43
N. H. 3.26 .37 3.55 .27 3.64 .43 3.62 .39 -- --
Mutter
i. T. 3.58 .40 3.63 .38 3.71 .40 3.75 .40 -- --
others 3.63 .46 3.71 .36 3.67 .49 3.65 .39 -- --
N. H. 3.31 .29 3.40 .36 3.65 .26 3.50 .26 -- --
Vater
i. T. 3.58 .37 3.59 .35 3.64 .23 3.74 .31 -- --
others 3.58 .40 3.59 .35 3.55 .36 3.66 .29 -- --
Es fand sich ein signifikanter HE Zeit [F(3,264)=6.149; p<.001; Eta²=.09], der
eine lineare Zunahme von wahrgenommener Unabhängigkeit in der Familie aus der
Sicht aller Jugendlichen beschreibt.
97
Es fand sich kein signifikanter HE Gruppe. Eine Testung mittels ANOVA im Alter von 15 zeigte jedoch, dass sich die Nesthocker nur im Alter von 15 Jahren wesentlich weniger gefördert sehen, als die in Timers [Gruppenunterschied in ANOVA für das Alter von 15 Jahren F(2,90)=3.247; p=.043. Mittelwertsunterschied zwischen
Nesthockern und in Timers im LSD-korrigierten Post-Hoc-Test p=.024].
3,8
3,6 M
3,4 3,2
3
Abb. 4.13: FES-Independence aus der Sicht der Mütter für unterschiedliche Leaving Home Patterns über die Zeit.
Aus dem Blickwinkel der Mütter betrachtet steigt die Förderung der Unabhängigkeit bei allen Jugendlichen über die untersuchten Jahre hinweg stetig an [linearer Zeiteffekt für die Zeit zwischen 14 und 17 Jahren F(3,264)=7.16; p<.001; Eta²=.144].
Im Alter von 14 Jahren ergibt sich ein signifikanter Gruppenunterschied [ANOVA für das Alter von 14 Jahren: F(2,92)=4.015; p=.021]. Die Nesthocker werden aus ihrer Sicht weniger gefördert als die in Timers [p=.043 im bonferronikorrigierten Post-Hoc-
Test] und auch weniger als die Gruppe der „Anderen“ [p=.022 im bonferronikorrigierten Post-Hoc-Test].
Die Förderung der Unabhängigkeit der Nesthocker nähert sich jedoch schnell der der in Timers an [linearer Zeit*Gruppen-Interaktionseffekt für das Alter von 14 bis 17 Jahren F(2,88)=4.323; p=.016].
98
3,8
3,7 3,6 M
3,5 3,4 3,3 3,2
Abb. 4.14: FES-Independence aus der Sicht der Väter für unterschiedliche Leaving Home Patterns über die Zeit.
Aus der Sicht der Väter ergibt sich ein ähnliches Bild. Auch sie berichten über eine signifikante Zunahme von Unabhängigkeit [HE Zeit F(3,261)=5.49; p=.001; Eta²=.15]. Nesthocker werden aus ihrer Sicht bis zum Alter von 15 Jahren weniger gefördert, als die in Timers [MANOVA HE Gruppe für das Alter von 14 bis 15 Jahren F(2,87)=3.099; p=.05]. Im Alter von 16 Jahren liegen sie jedoch mit den in time Leavers gleich auf, um im Alter von 17 Jahren wieder abzufallen. Der beschriebene Verlauf äußert sich in dem quadratischen Interaktionseffekt [F(6,261)=2.136; p=.05; Eta²=.08], der jedoch auf Varianzinhomogenität zurückzuführen sein kann, da der Greenhouse-Geisser-Koeffizient mit p=.056 gerade nicht signifikant wird.
Aus dem Blickwinkel beider Eltern unterscheiden sich die Gruppen demnach dahingehend, dass die Nesthocker im Alter von 14 und 15 Jahren weniger gefördert werden.
Die Betrachtung der Gesamtfamilie spricht dafür, dass gruppen- und personenübergreifend die Förderung der Unabhängigkeit stetig steigt [linearer Zeiteffekt für das Alter von 14 bis 17 Jahren F(3,261)=13.89; p<.001; Eta²=.27] (s. Abb
4.15 & 4.16, nächste Seite). Außerdem ergibt sich für das Alter zwischen 14 und 15
Jahren ein Gruppenunterschied [MANOVA für das Alter von 14 bis 15 Jahre, HE Gruppe F(2,87)=3.357; p=.039]. Die Nesthocker werden zu diesem Zeitpunkt aus der Sicht der Gesamtfamilie heraus weniger gefördert als die in Timers [p=.030 im Tukey- HSD-korrigierten Post-Hoc-Test]. Sie holen jedoch über die Zeit der Adoleszenz
99
hinweg auf und befinden sich mit den restlichen Gruppen schließlich auf demselben Niveau [linearer Zeit*Gruppen-Interaktionseffekt für das Alter von 14 bis 17 Jahren F(6,522)=2.47; p=.024; Eta²=.07]. Die Personen unterscheiden sich nicht in ihrer Sichtweise.
3,8
3,7 3,6
M
3,5 3,4 3,3
Abb. 4.15: FES-Independence aus der Sicht der Gesamtfamilie für unterschiedliche Leaving Home Patterns über die Zeit.
Zusätzlich sind in Abb. 4.16 die Berichte der einzelnen Familienmitglieder getrennt dargestellt, ohne Berücksichtihung des Leaving Home Patterns:
FES-Independence für Gesamtfamilie
3,75
3,7 3,65 3,6 3,55 M 3,5 3,45 3,4 3,35
Abb. 4.16: FES-Independence aus der Sicht der Gesamtfamilie für unterschiedliche Familienmitglieder über die Zeit.
Zusammenfassend fällt auf, dass sich die Gruppen insofern unterscheiden, als
dass die Nesthocker in der frühen Adoleszenz weniger Unabhängigkeit eingeräumt
bekommen als die altersgleichen Personen, die 5 bis 6 Jahre später konsequent
ausziehen. Im Laufe der Adoleszenz verschwindet jedoch dieser Unterschied. Dieser
Zusammenhang findet sich in ähnlicher Form sowohl bei den Jugendlichen als auch
bei beiden Eltern. Es ist besonders beeindruckend in der Analyse der Gesamtfamilie
zu erkennen.
Es wäre interessant zu wissen, inwiefern dieser Unterschied in der Förderung
der Unabhängigkeit in der Kindheit ebenfalls bestand, ob der Unterschied, der in der
frühen Adoleszenz bestand, vielleicht auf Unterschiede in der Kindheit zurückzuführen
ist.
Subskala Control
Die deskriptiven Statistiken sind in Tabelle 4.11 und in der Abbildung 4.17
dargestellt.
Tabelle 4.11: Deskriptive Statistiken zu FES-Control für Nesthocker (N. H.) in Timers (i. T.) und others
aus der Sicht aller Familienmitglieder über die Zeit
others 2.40 .66 2.40 .51 2.47 .50 2.44 .61 2.64 .39
N. H. 2.56 .32 2.51 .45 2.55 .49 2.39 .44
-- --
Mutter
2.48 .54
i. T.
others 2.29 .50 2.32 .43 2.46 .47 2.32 .46
-- --
N. H. 2.50 .39 2.39 .33 2.33 .32 2.45 .28
-- --
101
2,55
2,5 2,45
M
2,4 2,35 2,3
Abb. 4.17: FES-Control aus der Sicht der Gesamtfamilie für unterschiedliche Leaving Home Patterns über die Zeit.
Auf der Basis der Gesamtfamilie fanden sich keine signifikanten Zeit-, Gruppen-, Personen- oder Interaktionseffekte. Das Gleiche gilt für die Analysen der Einschätzung von Vätern, Müttern und Jugendlichen; auch hier gab es keinerlei Effekte.
Subskala Kohäsion
Die deskriptiven Statistiken sind in Tabelle 4.12 und in den Abbildungen 4.18 und
4.19 dargestellt.
In der Betrachtung der deskriptiven Statistiken (s. nächste Seite) fiel auf, dass die Standardabweichungen der Jugendlichen im Alter von 16 und 17 Jahren sehr unterschiedlich sind. Beide hohen Standardabweichungen gehen auf Ausreißer in den entsprechenden Gruppen zurück. Doch haben sie keinen Einfluss auf die folgenden Ergebnisse. Eine Analyse ohne die Ausreißer wurde berechnet, es ergaben sich jedoch keine Unterschiede in den gefundenen Effekten. Darum wurden sie in der Rechnung belassen. Tab. 4.12 Stellt die um die Ausreißer korrigierten deskriptiven Statistiken dar.
102
Tabelle 4.12: Deskriptive Statistiken zu FES-Kohäsion für Nesthocker (N. H.) in Timers (i. T.) und
others aus der Sicht aller Familienmitglieder über die Zeit
others 3.95 .44 3.96 .53 3.88 .57 3.91 .62 3.57 .46
N. H. 4.20 .39 4.10 .47 4.21 .45 4.01 .42 -- --
Mutter
i. T. 3.86 .62
others 4.00 .40 3.91 .44 3.84 .45 3.88 .47 -- --
N. H. 4.12 .36 3.96 .47 3.99 .47 3.74 .51 -- --
103
4,2
4,1
4
M
3,9 3,8 3,7
Abb. 4.19: FES-Kohäsion aus der Sicht der Gesamtfamilie für unterschiedliche Leaving Home Patterns über die Zeit.
Für die Zeit zwischen 14 und 17 Jahren ergeben sich für Jugendliche und deren Mütter keinerlei Zeit- Gruppen- oder Interaktionseffekte. Nur für die Väter ergibt sich ein signifikanter Abfall in der Kohäsion [HE Zeit F(3,261)=12.391; p<.001; Eta²=.254]. Da dieser Effekt auf die Väter beschränkt ist, findet sich in der Analyse der Gesamtfamilie ein signifikanter Interaktionseffekt zwischen der Zeit und der Person [Interaktionseffekt F(6,522)=4,415; p<.001; Eta²=.163].
Metaskala Personal Growth
Die deskriptiven Statistiken sind in Tabelle 4.13 und in den Abbildungen 4.20 und
4.21 dargestellt (s. nächste Seite).
104
Tabelle 4.13: Deskriptive Statistiken zu FES-Personal Growth für Nesthocker (N. H.) in Timers (i. T.)
und others aus der Sicht aller Familienmitglieder über die Zeit
N. H. 15.63 1.99 15.89 1.66 16.29 1.84 16.45 1.40 17.35 2.08
i. T. 15.18 1.57 16.10 1.53 16.38 1.57 16.32 1.63 16.21 1.82 Kind
others 15.34 1.46 15.91 1.56 15.97 1.37 16.19 1.58 16.06 1.51
N. H. 16.32 2.58 16.20 2.06 16.77 1.83 16.55 2.08 -- --
Mutter
i. T. 16.12 1.63 16.15 1.35 16.16 1.64 16.28 1.37 -- --
others 15.85 1.09 15.86 1.19 15.87 1.14 15.72 1.30 -- --
N. H. 16.11 1.57 15.60 1.83 16.25 1.61 16.23 1.91 -- --
Vater
i. T. 15.65 1.41 15.77 1.34 15.74 1.30 15.88 1.20 -- --
others 15.85 1.38 15.96 1.04 15.98 1.18 15.99 1.06 -- --
Aus der Sicht der Jugendlichen ergibt sich für das Alter zwischen 14 und 17
Jahren nur ein signifikanter Zeiteffekt [linearer HE Zeit: F(3,264)=13.969; p<.001;
Eta²=.137]. Dieser Zeiteffekt geht insbesondere auf einen starken Zuwachs zwischen
105
dem Alter von 14 und 15 Jahren zurück. Aber auch darüber hinaus steigt der Wert stetig über die Zeit hin an. Sonst ergeben sich keine weitern signifikanten Effekte. Aus der Sicht der Väter und Mütter ergeben sich keinerlei Effekte. Sie nehmen die Förderung des persönlichen Wachstums als konstant wahr, und die Gruppen
unterscheiden sich auch nicht.
16,5
16,3 16,1 15,9
M 15,7 15,5 15,3
Abb. 4.21: FES-Personal Growth aus der Sicht der Gesamtfamilie für unterschiedliche Familienmitglieder über die Zeit.
Auf der Ebene der gesamten Familie ergibt sich ein signifikanter Zeiteffekt [linearer HE Zeit: F(3,261)=7.580; p=.001; Eta²=.080]. Die Förderung des persönlichen Wachstums steigt über die Zeit hinweg stetig an. Dies ist jedoch nicht für alle Familienmitglieder gleichermaßen der Fall, da sich zusätzlich auch ein Interaktionseffekt zwischen der Person und der Zeit zeigt [linearer Zeit*Personen Interaktionseffekt: F(6,522)=4.754; p<.001; Eta²=.052]. Sonst ergeben sich keine weiteren signifikanten Effekte, die Gruppen unterscheiden sich nicht. Da sich bei den Eltern selbst kein Zeiteffekt gezeigt hat wird deutlich, dass der signifikante Zeiteffekt lediglich auf den Anstieg bei den Jugendlichen zurückgeht. Damit ist der wichtigste Effekt in dieser Analyse der Interaktionseffekt: Während die Eltern die Förderung des persönlichen Wachstums als konstant auf einem relativ hohen Level wahrnehmen, ist dies bei den Jugendlichen in der frühen Adoleszenz nicht der Fall. Erst mit der Zeit steigt ihr Wert auf das Level der Eltern.
106
Metaskala Interpersonal Relations
Die deskriptiven Statistiken sind in Tabelle 4.14 und in der Abbildung 4.22
dargestellt.
Tabelle 4.14: Deskriptive Statistiken zu FES-Interpersonal Relations für Nesthocker (N. H.) in Timers (i.
T.) und others aus der Sicht aller Familienmitglieder über die Zeit
N. H. 9.99 1.06 10.10 1.00 10.25 .80 10.26 .89 10.23 .93
i. T. 9.85 .94 10.10 1.10 10.15 .95 10.18 1.06 9.91 1.04 Kind
others 9.87 .73 10.05 .83 9.92 .79 9.86 .87 9.74 .74
N. H. 10.59 .86 10.36 .65 10.58 .81 10.15 .79 -- --
Mutter
i. T. 10.44 .94 10.36 .74 10.41 .75 10.36 .77 -- --
others 10.44 .74 10.48 .65 10.19 .70 10.10 .84 -- --
N. H. 10.49 .54 10.07 .63 10.03 .62 9.63 .53 -- --
107
Aus der Sicht der Jugendlichen steigert sich die Intensität der Beziehung in der Adoleszenz tendenziell [linearer HE Zeit F(3,264)=2.273; p=.081; Eta²=.047].
Aus der Sicht der Eltern nimmt die Intensität der Beziehung jedoch deutlich ab. Aus der Perspektive der Mutter findet sich ein signifikanter Rückgang, der jedoch wenig Varianz aufklärt [linearer HE Zeit [F(3,263)=3.861; p=.010; Eta²=.062]. Besonders beeindruckend ist dieser Rückgang der Beziehungsintensität aber aus der Sicht der Väter, wo er 40,9% der Varianz aufklärt [linearer HE Zeit F(3,261)=20.777; p<.001; Eta²=.409].
Gruppenunterschiede finden sich für keines der Familienmitglieder [HE Gruppe für das Alter von 14 bis 17 Jahren für Jugendliche: F(2,88)=.419; p=.659; für Mütter: F(2,88)=.213; p=.808; für Väter: F(2,87)=.008; p=.992].
Betrachtet man in der Analyse die gesamte Familie findet sich ein Zeit*Personen Interaktionseffekt [linearer Interaktionseffekt F(6,522)=8.488; p<.001; Eta²=.306], der die Situation ähnlich beschreibt. Während sich die Intensität der Beziehung für die Jugendlichen leicht steigert, fällt sie aus der Sicht beider Eltern, aber besonders für den Vater, kontinuierlich ab.
Außerdem berichtet die Mutter eine konstant höhere Beziehungsintensität [HE Person F(2,174)=8.240; p<.001; Eta²=.200]. Sie unterscheidet sich signifikant von allen restlichen Familienmitgliedern [im bonferronikorrigierten Post-Hoc-Test für Innersubjektfaktoren p=.002 gegenüber den Jugendlichen; p<.001 gegenüber dem Vater].
Gruppenunterschiede ergeben sich auch für die Betrachtung der Gesamtfamilie keine [HE Gruppe F(2,87)=.311; p=.733].
Metaskala Structure
Die deskriptiven Statistiken sind in Tabelle 4.15 und in den Abbildungen 4.23 und
4.24 dargestellt.
108
Tabelle 4.15: Deskriptive Statistiken zu FES-Interpersonal Relations für Nesthocker (N. H.) in Timers (i.
T.) und others aus der Sicht aller Familienmitglieder über die Zeit
others 5.75 1.05 5.73 .83 5.79 .87 5.87 .94 6.05 .54
N. H. 6.15 .64 5.93 .60 6.09 .64 5.80 .72 -- --
Mutter
i. T. 5.63 .80 5.64
others 5.71 .86 5.70 .72 5.84 .75 5.62 .57 -- --
N. H. 5.98 .54 5.68 .62 5.57 .66 5.62 .65 -- --
109
6,1
6
5,9 5,8
M
5,7 5,6 5,5 5,4
Abb. 4.24: FES-Structure aus der Sicht der Gesamtfamilie für unterschiedliche Leaving Home Patterns über die Zeit.
Aus der Sicht der Jugendlichen zeigt sich während der Adoleszenz weder eine Veränderung in der Zeit noch Unterschiede zwischen den Gruppen [für das Alter von
14 bis 17 Jahren: HE Zeit F(3,264)=.954; p=.415; HE Gruppe F(2,88)=1.524; p=.224].
Aus der Sicht der Mütter ist die Struktur in der Familie größeren Schwankungen unterworfen [HE Zeit für das Alter von 14 bis 17 Jahren F(3,264)=2.945; p=.033; dieser Zeiteffekt ist kubisch: F(1,88)=5.616; p=.020; Eta²=.060]. Sie zeigt jedoch eine leicht rückläufige Tendenz. Gruppenunterschiede ergeben sich nicht. [HE Gruppe F(2,88)=1.753; p=.179]
Der Vater hingegen beschreibt die Struktur als konstant rückläufig [linearer HE Zeit für das Alter von 14 bis 17 Jahren F(3,261)=6.031; p=.001]. Die Gruppen unterscheiden sich auch aus seiner Perspektive nicht [HE Gruppe F(2,87)=1.404; p=.251].
Betrachtet man die gesamte Familie, ergibt sich eine Person*Zeit Interaktion [F(6,522)=3.928; p=.001; Eta²=.109]. Sie beschreibt insbesondere die unterschiedlichen Verläufe für Väter und Jugendliche. Im Alter von 14 Jahren sind sich
110
beide in ihren Antworten sehr ähnlich. Über die Zeit hinweg jedoch berichten die Jugendlichen einen stetigen Anstieg der Struktur, wohingegen die Väter einen kontinuierlichen Abfall berichten. Die Meinungen der Mütter sind dagegen starken Schwankungen unterlegen.
Außerdem findet sich ein tendenzieller Gruppenunterschied in dem LSD- korrigierten Post-Hoc Test: Nesthocker berichten mehr Struktur, als in Timers [p=.044]. Dieses Ergebnis ist jedoch mit Vorsicht zu genießen, da der vorangegangene Globaltest kein signifikantes Ergebnis lieferte [HE Gruppe F(2,87)=2.287; p=.108].
4.3.2 Die retrospektive Sicht von Familienbeziehungen in der
Adoleszenz (FES retrospektiv im Alter von 24 Jahren)
Im Alter von 24 Jahren wurden die nun jungen Erwachsenen retrospektiv über ihre Familienverhältnisse zur Zeit der Adoleszenz befragt. Im folgenden Abschnitt soll beleuchtet werden, ob sich Unterschiede in der retrospektiven Betrachtung und der vor Jahren berichteten Familienverhältnisse ergeben, und ob sich die Personen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern unterscheiden.
Die Veränderungen in der retrospektiven Betrachtung der Jugendlichen ist in den Abbildungen im vorhergehenden Abschnitt bereits mit gestrichelten Linien dargestellt.
Conflict
In der retrospektiven Betrachtung im Alter von 24 Jahren werden von den jungen Erwachsenen gruppenübergreifend die Konflikte während ihrer Adoleszenz als stärker beschrieben [linearer HE Zeit für das Alter von 14 bis 24 Jahre: F(4,352)=3.878; p=.004; Eta²=.053]. Für das Alter von 14 bis 17 Jahren ergab sich kein Zeiteffekt. Somit geht dieser Zeiteffekt auf einen starken Anstieg in der retrospektiven Betrachtung zurück.
Die Gruppen selbst unterscheiden sich im Alter von 24 Jahren nicht [ANOVA Gruppe im Alter von 24 Jahren: F(2,90)=1.558; p=.216].
Independence
In der retrospektiven Betrachtung findet sich ein starker Zeiteffekt [HE Zeit F(4,352)=10.603; p<.001]. Dieser Zeiteffekt stellt sich als quadratisch, nicht linear, heraus [quadratischer Effekt F(1,88)=23.476; p<.001; Eta²=.211]. Während die
111
Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren immer mehr über steigende Unabhängigkeit berichten, fällt sie in der retrospektiven Betrachtung sehr deutlich ab, wodurch ein quadratischer Zeiteffekt entsteht. Demnach berichten die jungen Erwachsenen in der retrospektiven Betrachtung über weit weniger Unabhängigkeit, als sie es während ihrer Jugendzeit getan haten.
Die Gruppen unterscheiden sich nicht [Gruppenunterschied in ANOVA für das Alter von 24 Jahren F(2,90)=.509; p=.603].
Control
Es findet sich ein starker linearer Zeiteffekt [HE Zeit F(4,352)=11.240; p<.001; Eta²=.227]. Im Alter von 14 bis 17 Jahren fand sich kein Zeiteffekt. Somit geht dieser Zeiteffekt auf einen starken Anstieg in der retrospektiven Betrachtung zurück. Die Gruppen unterscheiden sich zu diesem Messzeitpunkt nur tendenziell [ANOVA F(2,90)=2.628; p=.078; Gruppenunterschiede zwischen den Nesthockern und den “Anderen” im LSD-korrigierten Post-Hoc-Test (p=.046)]. Nesthocker berichten über mehr Kontrolle.
Kohäsion
Es findet sich ein Zeiteffekt [HE Zeit F(4,352)=11.353; p<.001; dieser Zeiteffekt ist quadratisch: F(1,88)=17.495; p<.001; Eta²=.166]. Im Alter von 14 bis 17 Jahren fand sich kein Zeiteffekt. Somit geht dieser Zeiteffekt auf einen starken Abfall in der retrospektiven Betrachtung zurück.
Die Gruppen unterscheiden sich nicht [Gruppenunterschied in ANOVA für das Alter von 24 Jahren F(2,90)=.906; p=.409].
Personal Growth
Es findet sich ein starker, linearer Zeiteffekt [HE Zeit F(4,352)=13.392; p<.001; Eta²=.132]. Die Gruppen unterscheiden sich im Alter von 24 Jahren nur tendenziell [ANOVA F(2,92)=2.706; p=.072; Gruppenunterschiede zwischen den Nesthockern und den “Anderen” im LSD-korrigierten Post-Hoc-Test (p=.031) und zwischen den Nesthockern und den in time Leavers (p=.035)]. Die Nesthocker berichten mehr persönliches Wachstum.
Da sich in Abb. 3.20 der Verlauf der in time Leavers und der „Anderen“ im Vergleich zu dem der Nesthocker sehr unterscheiden, wurde zusätzlich nur das Alter
112
von 17 und 24 Jahren mit Hilfe eine MANOVA mit Messwiederholung untersucht. Hier ergab sich, wie vermutet, ein signifikanter Interaktionseffekt zwischen der Zeit und der Gruppe [Zeit*Gruppe Interaktionseffekt: F(2,88)=32.450; p<.05; Eta²=.073]. Ein Zeiteffekt fand sich nicht mehr. Dies bedeutet, dass die in time Leavers und die Gruppe der Anderen die Förderung des persönlichen Wachstums in der retrospektiven Betrachtung ähnlich einschätzen, wie sie es in der späten Adoleszenz taten. Die Nesthocker dagegen berichten in der Retrospektive jedoch mehr Förderung, als sie es in ihrer Jugend taten.
Interpersonal Relations
Es lassen sich wie zuvor bei der Betrachtung der Familienbeziehungen zur Zeit der Adoleszenz weder Zeit- noch Gruppeneffekte finden.
Structure
Retrospektiv betrachtet wird die Struktur in der Familie als stärker bewertet [linearer HE Zeit für das Alter von 14 bis 24 Jahren F(4,352)=7.518; p<.001; Eta²=.171]. Im Alter von 14 bis 17 Jahren fand sich kein Zeiteffekt.
In der retrospektiven Betrachtung im Alter von 24 Jahren unterscheiden sich die Nesthocker und die in Timers [Mittelwertsunterschied im Alter von 24 Jahren, T-Test mit welchkorrigierten Freiheitsgraden aufgrund Varianzihomogenität t(31.692)=2.806; p=.008]. Die Nesthocker berichten retrospektiv über insgesamt mehr Struktur als die in time Leavers.
Zusammen genommen scheint die retrospektive Betrachtung vergangener Familienbeziehungen in vielen Aspekten defizitärer zu sein als die Wahrnehmung zur Zeit der Adoleszenz. Die jungen Erwachsenen berichten ein höheres Maß an Konflikten, Kontrolle und stärkere Strukturen auf der einen und weniger Unabhängigkeit und Zusammenhalt auf der anderen Seite.
Allein die Beziehungsintensität scheint durch die Brille der retrospektiven Betrachtung nicht beeinträchtigt zu werden. Auch die Förderung des persönlichen Wachstums ist zumindest aus der Perspektive der in time Leavers in der Erinnerung realistisch, nur die Nesthocker erzielen hier höhere Werte, als sie in der Adoleszenz berichten, da sich im LSD-korrigierten Post-Hoc-Test für Innersubjektfaktoren der
113
Messzeitpunkt im Alter von 24 Jahren bei den Nesthockern von allen Messzeitpunkten in der Adoleszenz signifikant abhebt.
Auch Gruppenunterschiede finden sich nur in Bezug auf die Nesthocker. Diese berichten über mehr Kontrolle, mehr Förderung des persönlichen Wachstums und gleichzeitig auch stärkere Strukturen innerhalb der Familie.
4.3.3 Die Beziehung der Eltern zueinander (PFB)
Anhand von einfaktoriellen Varianzanalysen (ANOVAs) wurden die Gruppen auf Unterschiede in der Partnerschaft der Eltern untersucht. Die Ergebnisse werden in Tabelle 4.16 dargestellt.
Tabelle 4.16: Deskriptive Statistiken für die drei PFB Skalen von Mutter und Vater, nach unterschiedlichem Leaving Home Pattern
Nesthocker 12.82 17.70 18.07 11.52 16.30 9.10
Mutter In Timers 19.62 23.45 18.36 9.27 14.08 8.44 Andere 16.09 16.63 20.01 10.65 16.17 8.36
Nesthocker 3.44 4.69 15.00 8.70 23.33 13.69
In Timers 6.35 7.65 15.57 15.29 25.37 16.21 Vater Andere 5.00 6.65 13.79 16.86 30.04 18.88
Für keine der erhobenen PFB-Skalen fanden sich Mittelwertsunterschiede zwischen den Gruppen. Der höchste gefundene F-Wert, der für die Skala Kommunikation aus der Sicht des Vaters, beträgt [F(2,59)=1.259; p=.292]
4.3.4 Frühres und gegenwärtiges Bindungsverhalten in Bezug auf
die Eltern (AAI)
Anhand eines χ²-Tests wurde die Verteilung der Personen mit unterschiedlichem
Leaving Home Pattern auf die verschiedenen Bindungsstile, die durch das Adult Attachment Interview erfasst wurden, auf Überzufälligkeit geprüft. Die Verteilung der Fälle und deren Anteile sind in Tabelle 4.17 dargestellt.
114
Tabelle 4.17: Anteile und Fallzahl von Personen mit unterschiedlichen Leaving Home Pattern und Bindungsstil.
χ²(4)=14.492; p=.006
Die in time Leavers haben eine Verteilung, wie man sie in einer Normalpopulation bei den verschiedenen Bindungsstilen erwartet. Ca. zwei Drittel sind sicher gebunden, das restliche Drittel verteilt sich auf die unsicheren Bindungsstile mit leichtem Überhang vom unsicher vermeidenden Bindungsstil. Von den Nesthockern und der Gruppe der „Anderen“ sind weniger als die Hälfte sicher gebunden. Während die Nesthocker jedoch fast ein Viertel unsicher verwickelte Bindungsstile aufweisen, ist dieser Bindungsstil bei den „Anderen“ gar nicht anzutreffen. Bei ihnen ist zu mehr als der Hälfte der Personen unsicher vermeidend gebunden.
folgendes Bild: (s. Abb. 4.25)
Abb. 4.25: Prozentuale Verteilung der Personen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern auf drei Bindungsstile
115
Vereinfacht könnte man sagen, dass die Sichergebundenen eher aus der Gruppe der in time Leavers [Relative Chance dafür, beim sicheren Bindungsstil in time Leaver zu sein gegenüber beiden anderen Patterns = 1.47], die Unsicher- vermeidenden eher aus der Gruppe der „Anderen“ [Relatives Risiko, bei Dismissed für die Gruppe der „Anderen“ gegenüber beiden anderen Patterns =2.52] und die Unsicher-verwickelten eher aus der Gruppe der Nesthocker kommen [Relatives Risiko bei Preoccupied für Nesthocker gegenüber beiden anderen Patterns = 2,64].
4.3.5 Gegenwärtige Beziehung zu den Eltern (PORPS im Alter von
24 Jahren)
Um Unterschiede in der Beziehungsqualität zwischen den jungen Erwachsenen und deren Eltern bei den Gruppen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern aufzudecken, wurden für die drei PORPS-Skalen ANOVAs berechnet. Die deskriptiven Statistiken sind in Tabelle 4.18 und Abbildung 4.26 dargestellt.
Tabelle 4.18: deskriptive Statistiken der drei PORPS-Skalen für Personen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern
Mittelwerte im PORPS
4
3,5
M
3
2,5
Eltern Mutter Vater
Abbildung 4.26: Mittelwerte der drei PORPS-Skalen für Personen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern.
116
In der Varianzanalyse fanden sich für den PORPS die folgenden Effekte: Für den Eltern- Gesamtwert fand sich mit [F(2,92)= .871; p=.422] kein Gruppenunterschied.
Auch für die Einschätzung der Reziprozität mit der Mutter fand sich mit [F(2,90)= .031; p=.970] kein Gruppenunterschied.
Nur für die Einschätzung der Reziprozität mit dem Vater fand sich mit [F(2,84)=3.646; p=.030] ein signifikanter Gruppenunterschied. Der bonferroni- korrigierte Post-Hoc-Test deckt einen signifikanten Mittelwertsunterschied zwischen den in time Leavers und der Gruppe der „Anderen“ auf [p=.040]. Die in time Leavers erreichen im Hinblick auf die Reziprozität mit dem Vater niedrigere Werte als die Gruppe der „Anderen“.
Zusätzlich unterscheiden sich die Eltern untereinander signifikant [t-Test für abhängige Stichproben: t(83)=7.013; p<.001].
Bezüglich der Mütter wird in allen drei Gruppen insgesamt mehr Reziprozität berichtet als bezüglich der Väter.
4.4 Allgemeine Adaptation: Entwicklungsprogression und
Symptombelastung
Als Kriterien für eine allgemeine Adaptation sowohl im Jugendalter als auch im Erwachsenenalter wurden die altersspezifischen Entwicklungsaufgaben und die Symptombelastung (Selbst- und Fremdeinschätzung durch die Eltern) herangezogen.
4.4.1 Realisierung von Entwicklungsaufgaben im Jugend- und
Erwachsenenalter
Bis zum Alter von 21 Jahren wurden ausschließlich jugendspezifische Entwicklungsaufgaben erhoben (Alter 14 bis 21 I).
Im Alter von 21 Jahren wurden aber auch schon Erwachsenenaufgaben erhoben, die sich von den Jugendaufgaben aus den Jahren zuvor unterscheiden. Im Alter von 23 Jahren wurden nur noch Erwachsenenaufgaben erhoben (Alter 21 II bis 23).
Aus diesem Grund wurden zwei getrennte Rechnungen durchgeführt. Für beide wurden MANOVAs mit Messwiederholungen berechnet. Zunächst für die jugendspezifischen Aufgaben (5 Messzeitpunkte) und danach für die erwachsenenspezifischen (2 Messzeitpunkte), mit dem Messzeitpunkt als
117
Innersubjektfaktor und dem unterschiedlichen Leaving Home Pattern als Zwischensubjektfaktor.
Die deskriptiven Statistiken der Datenerhebungen über den gesamten Zeitraum sind in Tabelle 4.19 dargestellt.
Tabelle 4.19: Deskriptive Statistiken für Entwicklungsaufgaben über die Zeit, für Personen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern.
Nesthocker 2.17 .38 2.24 .37 2.31 .31 2.36 .37 1.97 .48 1.42 .23 1.52 .30 In Timers 2.14 .29 2.23 .30 2.27 .25 2.34 .31 2.53 .39 1.75 .35 1.85 .36 Andere 1.96 .37 2.14 .28 2.17 .33 2.23 .29 2.29 .47 1.61 .31 1.67 .34
2,6
I II
Abb. 4.27: Entwicklungsaufgaben über die Zeit für Personen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern.
Von 14 bis 17 Jahren unterscheiden sich die Gruppen nicht voneinander [Haupteffekt Gruppe für das Alter von 14 bis 17 Jahren F(2,84)=2.500; p=.088; Eta²=.06]. In dieser Altersstufe entwickeln sich die Jugendlichen also recht homogen. Außerdem gelingt ihnen allen die Bewältigung der jugendspezifischen Entwicklungsaufgaben immer besser [linearer HE Zeit für das Alter von 14 bis 17 Jahren F(3,252)=11.829; p<.001; Eta²=.238].
118
Nimmt man den Messzeitpunkt von 21 Jahren hinzu, so ergibt sich für die Jugendaufgaben (14 bis 21 I) folgendes Bild: Es findet sich ein linearer Interaktionseffekt zwischen der Zeit und den Gruppen [F(8,336)=5.19; p<.001; Eta²=.147].
Für die Jugendaufgaben im Alter von 21 Jahren ändert sich also das Bild. Hier unterscheiden sich die Gruppen hoch signifikant [F(2,90)=8.483; p<.001] (s. Abb. 4.27). Der Tukey-HSD-korrigierte Post-Hoc-Test deckt auf, dass sich die Nesthocker signifikant von den „Anderen“ [p=.046] und den in time Leavers [p<.001] unterscheiden.
Das bedeutet, dass sich alle Jugendlichen bis zum Alter von 17 Jahren in ihrer Entwicklung nicht unterscheiden. Im Alter von 21 Jahren steigern die in time Leavers und die „Anderen“ in ähnlicher Geschwindigkeit wie die Jahre zuvor ihre Scores im Entwicklungsstand (s. Abb. 4.27). Die Nesthocker fallen jedoch stark ab und befinden sich im Alter von 21 Jahren in den Jugendaufgaben auf einem noch niedrigeren Niveau als im Alter von 14 Jahren. Dieser Effekt ist dadurch zu verstehen, dass im Alter von 21 Jahren nicht mehr dieselben Entwicklungsaufgaben wie vorher erhoben wurden, sondern nur noch drei, die sich auf die Unabhängigkeit von den Eltern, das Entwickeln eines eigenen Lebensstiles und das Führen intimer Beziehungen bezieht (s. Kap. 3.2.2., Entwicklungsaufgaben & Kap. 2.8). Alle drei Entwicklungsaufgaben hängen sehr eng mit dem Leaving Home Pattern zusammen und somit ist es verständlich, dass die Nesthocker bei den Jugendaufgaben im Alter von 21 Jahren über einen Einbruch gegenüber den restlichen Jahren berichten.
In den Erwachsenenaufgaben fand sich nur ein tendenzieller Zeiteffekt [F(1,82)=3.697; p=.058; Eta²=.04]. Die Gruppen unterscheiden sich zu diesen Zeitpunkten stark [HE Gruppe F(1,82)=7.720; p=.001]. Der Tukey-HSD-korrigierte Post-Hoc-Test deckt Unter-schiede zwischen den in time Leavers und den „Anderen“ [p=.047] und den Nesthockern [p=.001] auf. Die in time Leavers erreichen höhere Scores in den Erwachsenenaufgaben als die restlichen Gruppen und unterscheiden sich von ihnen signifikant, wobei sie sich in den Jugendaufgaben noch nicht unterschieden. Die Nesthocker sind weit zurückgefallen und befinden sich von allen Gruppen auf dem niedrigsten Entwicklungsstand.
119
4.4.2 Symptombelastung während der Adoleszenz
Child behaviour Checklist (CBCL) und Youth Self Report (YSR) Die Symptombelastung wurde während der Adoleszenz mit Hilfe des CBCL aus der Sicht der Eltern und mit dem YSR aus der Perspektive der Jugendlichen selbst erfasst. Es wurden für beide Verfahren getrennt zwei MANOVAs mit Messwiederholung für vier Messzeitpunkte als Innersubjektfaktor und dem Leaving Home Pattern als Zwischensubjektfaktor berechnet. Danach wurde eine weitere
MANOVA mit ähnlichem Vorgehen wie vorher beim FES berechnet, in die die
Perspektive der Eltern und der Jugendlichen gleichzeitig mit eingingen. Dabei wurde als zusätzlicher Innersubjektfaktor die Person eingesetzt, wobei dieser Faktor zwei Stufen aufweist, nämlich den Jugendlichen und dessen Eltern. Die deskriptiven Statistiken sind in Tabelle 4.20, sowie in den Abbildungen 4.28 bis 4.31 dargestellt.
Tablelle 4.20: Deskriptive Statistiken für CBCL und YSR über die Zeit für Personen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern.
Nesthocker 35.38 24.05 29.15 21.13 22.92 19.22 20.85 20.16 Eltern
In Timers 36.27 21.38 29.20 16.21 20.39 14.31 20.14 16.25 Andere 53.82 35.20 45.29 22.66 33.68 22.22 30.18 20.88
Nesthocker 28.54 11.59 24.69 12.18 28.54 14.60 25.62 14.23
Jugendliche In Timers 35.96 14.91 33.39 14.17 32.06 13.14 32.37 13.50 Andere 30.71 16.12 30.43 19.29 28.21 18.65 26.61 16.31
120
60
50
40
M
30
20
10
Abb. 4.28: CBCL über die Zeit für Personen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern.
Aus der Sicht der Eltern nimmt die Symptombelastung der Jugendlichen über die Zeit der Adoleszenz hinweg stetig ab [HE Zeit F(3,261)=21.92; p<.001; Eta²=.300]. Außerdem findet sich noch ein hoch signifikanter Mittelwertsunterschied zwischen den Gruppen [HE Gruppe F(1,87)=7.077; p=.001; Eta²=.140]. Der bonferronikorrigierte Post-Hoc-Test deckt signifikante Mittelwertsunterschiede zwischen der Gruppe der „Anderen“ und den beiden anderen Gruppen auf [Nesthocker vs. Andere p=.047; in time Leavers vs. Andere p=.001]. Es finden sich keine Interaktionseffekte.
Da in der Gruppe der Anderen die dismissed gebundenen Personen überrepräsentiert sind (vgl. Kap. 4.3.4) und der Bindungsstil mit der Symptombelastung zusammenhängt (vgl. Kap 2.9), wurde zusätzlich eine MANOVA berechnet mit dem Bindungsstil als weiterem Zwischensubjektfaktor. Dies bedeutet, dass in dieser Analyse zwei Innersubjektfaktoren (Zeit, 4-stufig und Person, 2-stufig) und zwei Zwischensubjektfaktoren (Bindungsstil, 3-stugig und Leaving Home Pattern, 3-stufig) berücksichtigt wurden. Es fand sich, dass ein Teil des Effektes tatsächlich auf den Bindungsstil zurückgeht [HE Bindungsstil F(2,82)=3.598; p=.032; Eta²=.081]. Die Eltern dismissed gebundener Jugendlicher berichten eine höhere Symptombelastung ihrer Kinder [Gruppenunterschied zwischen Dismissed und Secure im bonferronikorrigierten Post-Hoc-Test: p=.002]. Dennoch bleibt ein additiver Haupteffekt der Leaving Home Gruppen bestehen [HE Leaving Home Gruppe: F(2,82)=4.442; p=.015; Eta²=.098]. Nach wie vor berichten die Eltern von späteren late Leavers und Returners höhere Symptombelastung, als die von den anderen
121
Leaving Home Gruppen [Gruppenunterschiede im bonferronikorrigierten Post-Hoc- Test zwischen Anderen und in Time Leavers: p=.038; und zwischen „Anderen“ und Nesthockern: p=.001].
40
35
30 M
25
20
Abb. 4.29: YSR über die Zeit für Personen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern.
Aus der Sicht der Jugendlichen findet sich nur ein tendenzieller Zeiteffekt [F(3,264)=2.205; p=.09; Eta²=.04]. Auch die Gruppen unterscheiden sich aus ihrer Sicht nicht [F(2,88)=1.987; p=.143].
45
40
35
M
30
25
20
Abb. 4.30: CBCL und YSR über die Zeit für unterschiedliche Familienmitglieder.
122
45
40
35
M
30
25
20
e s t h o c k e r
N
Abb. 4.31: CBCL und YSR Personen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern.
Für die Auswertung auf der Ebene der Gesamtfamilie ergeben sich mehrere Effekte. Insgesamt betrachtet nimmt die Symptombelastung der Jugendlichen über die Zeit der Adoleszenz ab [linearer HE Zeit F(3,261)=19.44; p<.001; Eta²=.286]. Dieser Zeiteffekt stellt sich jedoch für Eltern und Jugendliche unterschiedlich dar [linearer Zeit*Person-Interaktionseffekt F(3,261)=14.39; p<.001; Eta²=.214]. Der Rückgang ist für die Eltern sehr deutlich, wohingegen die Jugendlichen nur über eine leichte Tendenz nach unten berichten. Während die Eltern im Alter von 14 und 15 Jahren ihrer Kinder noch über höhere Werte als ihre Kinder berichten, kehrt sich dies im Alter von 16 und 17 Jahren um.
Jugendliche und Eltern unterscheiden sich auch dahingehend, wie sie die unterschiedlichen Gruppen einschätzen [Person*Gruppen-Interaktionseffekt F(2,87)=11.361; p<.001; Eta²=.207]. Bezüglich der Nesthocker sind sie sich in ihrem Urteil einig. In einem t-Test für abhängige Stichproben unterscheiden sich die Sichtweisen von Eltern und deren Kinder nicht [t(12)=.059; p=.954]. In time Leavers werden von den Jugendlichen selbst als pathologischer beschrieben [t(48)=2.955; p=.005], und die Gruppe der „Anderen“ wird von den Eltern als pathologischer beschrieben [t(27)=3.511; p=.002]. (Diese t-Werte sind nicht Post-Hoc-korrigiert. Die p-Werte sind jedoch so deutlich, dass sie auch bei einer Bonferronikorrektur unter .05 liegen.)
123
4.4.3 Symptombelastung im jungen Erwachsenealter (SCL-90-R)
im Alter von 21 Jahren
Zusätzlich zur Symptombelastung in der Adoleszenz wurde auch im jungen Erwachsenenalter die Symptombelastung eingeschätzt. Da hier nur ein Messzeitpunkt besteht, wurden die gefundenen Werte, wie sie in Tabelle 4.21 dargestellt sind, anhand einer ANOVA miteinander verglichen.
Tabelle 4.21: Deskriptive Statistiken des SCL-90 für Personen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern
Symptombelastung SCL-90
Nesthocker 29.31 18.73 In Timers 54.67 34.67 Andere 46.11 34.24
Die Gruppen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer im SCL 90 berichteten Symptombelastung [F(2,92)=3.193; p=.046]. Der bonferronikorrigierte Post-Hoc-Test deckt Mittelwertsunterschiede zwischen den Nesthockern und den in time Leavers auf [p=.044]. Nesthocker berichten im Alter von 21 Jahren eine geringere Symptombelastung, als die in Timers (s. Abb. 4.32).
60
55
50
45
M
40
35
30
25
20
Symptombelastung
Abb. 4.32: Symptombelastung für Personen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern
124
5. Diskussion
5.1 Die Gruppe der „Anderen“
Ursprünglich sollten vier Gruppen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern identifiziert werden. Neben den naheliegenden Gruppen von Nesthockern und in time Leavers sollten auch Returners und late Leavers getrennt betrachtet werden. In den Analysen fiel auf, dass sich diese beiden Gruppen jedoch nur in der FES-Skala Personal Growth aus der Perspektive der Mütter signifikant voneinander unterschieden. Diese Skala beinhaltet, dass die Mütter als einziges Familienmitglied der Überzeugung sind, dass sie ihren Kindern viel Selbstständigkeit mit auf den Weg geben, sie zu guten Leistungen antreiben, ihnen einen kulturell anspruchsvollen Lebenswandel ermöglichen, die aktive Freizeitgestaltung fördern und sie moralisch und religiös in die Gesellschaft zu integrieren anstreben.
Die Mütter von late Leavers wollten davon ihren Kindern besonders viel mitgegeben haben, während die Returner dort ein Defizit aufweisen. Dies könnte bedeuten, dass die Returner von ihren Müttern nur unzureichend auf die „Welt da draußen“ vorbereitet wurden und so, sobald sie auf Schwierigkeiten und Hindernisse im selbstständigen Leben treffen, wieder zurück ins „Hotel Mama“ flüchten. Insgesamt überrascht jedoch das Ergebnis, dass sich die beiden Gruppen nur in dieser einen Skala unterscheiden, der Effekt ist aber mit über 15% Varianzaufklärung zu stark, um ihn als Zufallsergebnis zu klassifizieren.
5.2 Demografische Daten
Entgegen den sehr häufig gefundenen Ergebnissen, dass das Geschlecht einen Einfluss auf das Auszugsverhalten hat, fand sich in der vorliegenden Untersuchung kein Geschlechtseffekt. Dies überrascht jedoch nicht, da für die männlichen Probanden ein anderes Zeitkriterium eingesetzt wurde. Das Nichtbestehen dieses Effektes geht also auf die Gruppenbildung zurück.
Der Familienstand der Eltern hatte mit p=.06 nur einen tendenziellen Effekt. Er beschreibt, dass bei unverheirateten Eltern so gut wie keine Nesthocker oder „Andere“ wohnen. Dies macht insofern Sinn, als dass eine Mutter-Kind-Dyade ohne eine dritte Person viel zu nah zusammenlebt und somit die Autonomiebestrebungen eines jungen Erwachsenen einschränkt. Der Effekt sollte jedoch nicht überbewertet werden,
125
da einige Zellenbesetzungen sehr klein sind und der p-Wert somit unterschätzt werden könnte. Somit ist dieser Effekt als nicht bedeutsam anzusehen.
Es überrascht jedoch, dass entgegen anderer Studien kein Effekt des sozioökonomischen Status oder der Berufslaufbahn gefunden wurde. In dieser Stichprobe hatten Studenten und diejenigen in einer beruflichen Laufbahn ähnliche Leaving Home Patterns. Demnach ist der Auszug nicht davon abhängig, ob sich die Probanden eine eigene Wohnung leisten können oder nicht. Dies überrascht, da die Ergebnisse anderer Autoren nicht repliziert werden konnten. Aber auch Lauterbach und Lüscher (1999) fanden in ihrer Stichprobe von 2095 Jugendlichen und jungen Erwachsenen, dass direkt nach dem Abschluss einer Ausbildung eher keine Haushaltsgründung erfolgt. Sie fanden, dass Studenten eine 8-fach höhere Neigung dazu haben auszuziehen und auch gleich einen Haushalt zu gründen als diejenigen, die eine berufliche Laufbahn einschlagen. Demnach weisen Studenten auf der einen Seite zwar eine sehr viel höhere Neigung auf, einen Auszug zu vollziehen und selbstständig zu werden, wie es Lauterbach und Lüscher (1999) fanden. Auf der anderen Seite stehen aber gerade Studenten ökonomische Schwierigkeiten im Weg, die verhindern, dass sie ihre Neigung realisieren können, da oft das Geld zu diesem Schritt fehlt. Diese entgegengesetzten Effekte könnten dazu führen, dass sie sich soweit nivellieren, dass sie in der vorliegenden Arbeit aufgrund des unterschiedlichen Designs von anderen Forschungsarbeiten nicht gefunden werden konnten.
Um so bedeutender für das Leaving Home Pattern ist jedoch das Führen einer Partnerschaft. Bereits ab dem Alter von 16 Jahren unterscheiden sich die Gruppen stark in der Hinsicht, ob sie eine Partnerschaft führen oder nicht. Davor führen alle Probanden gleichermaßen zu ca. einem Drittel eine Partnerschaft. Ab dem Alter von
16 Jahren führen etwa zwei Drittel der in time Leavers feste Partnerschaften und dies
im Verlauf bis 25 Jahren mit steigender Tendenz. Bei den Nesthockern und den „Anderen“ führen im Alter von 16 und 17 Jahren weniger als ein Drittel Partnerschaften. Zum Alter von 21 Jahren hin steigt bei den „Anderen“ die Anzahl der Probanden mit Partnerschaft, während sie bei den Nesthockern einen Tiefpunkt erreicht.
Bei den Nesthockern führt im Alter von 21 Jahren nur knapp jeder Zehnte eine feste Beziehung, dieser Anteil steigt dann jedoch wieder stark an, bleibt aber im Alter von 25 Jahren mit unter 50% weit hinter den in time Leavers zurück. Die Gruppe der „Anderen“ hingegen bleibt ab diesem Alter auf einem Level von etwa 50% relativ
126
konstant mit leichtem Abwärtstrend über die Zeit. Die Dauer der Partnerschaften unterscheidet sich dabei nicht.
Betrachtet man, wie in bisherigen Studien, nur die Zeit des jungen Erwachsenenalters, scheint es logisch, dass sich das Führen einer Partnerschaft schwierig gestaltet, wenn man als junger Erwachsener noch immer im Elternhaus wohnt. Die Privatsphäre ist eingeschränkt und wie Papastefanou (1997) zeigte, ist insbesondere für die Mütter die Wahl eines Partners ein belastender Faktor für die Beziehung zu den Kindern. In diesem Kontext erscheint das häufigere Führen von Partnerschaften durch die ausgezogenen jungen Erwachsenen jedoch eher als Konsequenz des Auszugsverhaltens, weniger als Einflussgröße für den Auszug. Da in dieser Arbeit jedoch erstmals auch Daten zur Partnerschaftshäufigkeit in der Adoleszenz erhoben wurden, kann gezeigt werden, dass spätere in time Leavers schon fünf Jahre vor ihrem Auszug schon erheblich häufiger Partnerschaften führen als die restlichen Gruppen. Somit ist das führen von Partnerschaften schon während der Adoleszenz ein wichtiger Einflussfaktor für das später gezeigte Auszugsverhalten junger Erwachsener.
Zusätzlich wurde noch unabhängig vom Leaving Home Pattern untersucht, wie das Führen einer Partnerschaft mit dem Auszug zusammenhängt. Falls eine Unabhängigkeit zwischen beiden Ereignissen besteht sollte der Anteil derer, die zu Hause wohnen und keine Partnerschaft führen, genauso bei 50% liegen wie bei denen, die zu Hause wohnen, aber eine Partnerschaft haben. Umgekehrt müssten diese Anteile bei denen, die bereits ausgezogen sind, ebenso bei 50:50 liegen.
Es wurde aber gezeigt, dass der Anteil derer, die zu Hause leben und Single sind, ebenso wie der Anteil derer, die alleine leben und eine Partnerschaft haben über das Alter von 21 bis 24 Jahren konsequent über 50% liegt. Dieser Anteil ist auch zu fast jedem Messzeitpunkt signifikant höher, nur im Alter von 23 Jahren ergibt sich lediglich eine Tendenz mit p=.07. Also auch unabhängig vom Leaving Home Pattern einer Person sind der Auszug und eine Partnerschaft, genauso wie Single sein und bei den Eltern wohnen, eng miteinander assoziiert. Dies stützt auch die Ergebnisse von Lauterbach und Lüscher (1999), die betonen, dass junge Erwachsene, die keinen Partner haben, ihren Auszug hinauszögern. Ihren Ergebnissen zufolge erhöht sich besonders für Männer das Risiko bis zum Alter von 26 Jahren noch keinen eigenen Haushalt gegründet zu haben um 120%, falls sie keine Partnerin haben. Da schon vorher der Verdacht geäußert wurde, dass das zu Hause wohnen sich auch schlecht
127
auf die Chancen, eine Partnerschaft zu führen auswirken kann, ist es interessant, sich den Verlauf der Partnerschaftshäufigkeit bei den Nesthockern genauer zu betrachten. Über die Zeit der Adoleszenz hinweg sinkt die Anzahl der Nesthocker in einer Partnerschaft von 40% im alter von 14 Jahren auf ca. 25% im Alter von 17 Jahren. Dieser Abwärtstrend setzt sich sogar noch bis ins junge Erwachsenenalter fort und erreicht bei 21 Jahren mit 9% einen Tiefpunkt. Von diesem Zeitpunkt an steigt die Häufigkeit von Partnerschaften bei den Nesthockern wieder stetig bis ins Alter von 24 Jahren an und befindet sie dann mit knapp 50% auf dem selben Level wie die Gruppe der „Anderen“ auch. Dennoch führen die in time Leavers mit knapp 80% erheblich häufiger Beziehungen als beide anderen Gruppen zu dem Zeitpunkt. Dieser Verlauf der Nesthocker kann als Hinweis darauf gewertet werden, dass die Nesthocker ein Entwicklungsdefizit in dieser Hinsicht aufweisen (vgl. Kapitel 5.4), da sie erst sehr viel später intime Beziehungen aufnehmen, als ihre Altersgenossen, die später einmal rechtzeitig ausziehen. Jedoch scheint der Umstand zu Hause zu wohnen nicht per se eine romantische Beziehung zu verhindern, da auch die Hälfte der noch zu Hause wohnenden Nesthocker im Alter von 24 Jahren eine Beziehung führen.
Sollte dies der Fall sein, könnte das eventuell ein Grund dafür sein, das Elternhaus zu verlassen und das Nesthockerdasein aufzugeben. Wie gezeigt, bleiben viele Nesthocker zu Hause wohnen, weil sie nichts aus dem Elternhaus hinaustreibt. Somit wird deutlich, dass in time Leavers früher in der Lage sind, wichtige Entwicklungsschritte in Richtung Autonomie zu tun und sich andere Beziehungen als die zu den Eltern zu suchen und zu führen. Eine interessante Frage ist in diesem Kontext, inwiefern das Bindungsbedürfnis der Nesthocker nach wie vor durch die Beziehung zu den Eltern befriedigt wird oder versucht wird, es durch die Beziehung zu den Eltern zu befriedigen, da in der Gruppe der unsicher-verwickelt gebundenen Personen der Anteil der Nesthocker besonders hoch ist (vgl. Kapitel 5.3). Interessant in diesem Kontext erscheint der Befund von Papastefanou (2004), dass Spätauszieher typischerweise direkt vom Elternhaus aus mit einem Partner bzw. einer Partnerin zusammenziehen. Dies zeigt deutlich, dass junge Erwachsene, die ihr Elternhaus erst spät verlassen, nur ein geringes Interesse daran zeigen, eine Zeit lang für sich alleine zu leben, wie es normalerweise der Fall ist. Sie wechseln direkt von einer engen Beziehung in die nächste. Es wäre interessant weiter zu untersuchen, inwiefern sich die Beziehungsqualität dieser Beziehungen von der anderer romantischer Partnerschaften unterscheidet. Es könnte sein, dass die
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Abhängigkeitsverhältnisse aus der Beziehung mit den Eltern direkt in eine bestehende romantische Partnerschaft übertragen werden und die Partner damit Eltern-Kind- Rollen übernehmen.
5.3 Familienbeziehungen, aus der Sicht von Personen mit
unterschiedlichem Leaving Home Pattern:
5.3.1 Einfluss des Familienklimas
Konflikt
Im FES berichteten die in time Leavers bezüglich der Konflikte höhere Werte als die Gruppe der „Anderen“. Die Jugendlichen selbst berichten ein relativ konstantes Level der Konflikte in der Adoleszenz. Die Eltern hingegen berichten einen Rückgang der Konflikte mit ihren Kindern. Nur aus der Sicht der Mütter ergaben sich während der Adoleszenz mit den späteren in time Leavers mehr Konflikte als mit den Nesthockern. Auf der Ebene der Gesamtfamilie ergaben sich höhere Konfliktwerte für die in time Leavers gegenüber den Nesthockern und ebenso höhere Konfliktwerte aus der Sicht der Mütter im Vergleich zum Vater.
Dies bedeutet, dass die Jugendlichen über die Zeit der Adoleszenz hinweg die Konfliktrate als konstant ansehen, während die Eltern einen leichten Rückgang in den Konflikten berichten. Dass alle Familienmitglieder der in time Leavers höhere Konfliktwerte berichten, kann als Beleg dafür gedeutet werden, dass sie tatsächlich eher aus dem Haus getrieben werden und die Nesthocker aufgrund der schon immer guten, konfliktarmen Beziehung zu den Eltern, bequem zu Hause wohnen bleiben können. Dies steht im Widerspruch zu den Befunden, die Papastefanou (1997) aufführt, die die Vermutung nahe legen, dass das Bild der aus dem Hause Vertriebenen jungen Erwachsenen eher einem Stereotyp entspricht, und die Familien von früher ausziehenden jungen Erwachsenen durchaus gesund und genauso stark konfliktbelastet sind wie andere Familien auch. Es ist aber auch zu bedenken, dass eine niedrige Konfliktrate nicht bedeutet, dass die Beziehung besser ist, da Konflikte immer bestehen und in Beziehungen auch bestehen müssen. Häufig ist es für eine Beziehung besser, diese Konflikte auch offen auszutragen. Entscheidend für die Beziehungsqualität ist jedoch die Art und Weise, wie diese Konflikte ausgetragen werden.
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Schließlich kann der Befund, dass Väter weniger Konflikte berichten als Mütter durch die geringere Verfügbarkeit der Väter begründet werden. In klassischen Familienkonstellationen verbringt die Mutter aufgrund der Berufstätigkeit der Väter mehr Zeit mit den Kindern und trägt auch ein höheres Maß an Verantwortung für die Erziehung. Dies muss zwangsläufig zu mehr Konflikten mit den Müttern führen, da sie sich über die alltäglichen Dinge des Lebens mit ihren Kindern auseinandersetzen müssen. Die Sichtweise der Jugendlichen entspricht eher der der Mütter, so dass das Bild der Väter eher dadurch bestimmt ist, dass sie eben nicht so oft zu Hause sind und somit auch weniger in alltägliche Konflikte involviert sind. Papastefanou (1997) zeigte auch, dass die Ursachen der Konflikte mit den Vätern andere sind als mit den Müttern. Gruppenübergreifend wurden in der Erinnerung aller Probanden in der Familie mehr Konflikte ausgetragen. Es werden also mehr negative Ereignisse erinnert, als sie wirklich zur Zeit der Adoleszenz berichteten.
Independence
Bezüglich der Förderung der Unabhängigkeit fand sich aus der Sicht der Jugendlichen ein stetiger Anstieg im Verlauf der Adoleszenz. Mit steigendem Alter werden den Jugendlichen mehr und mehr Rechte zugestanden. Sie machen sich immer unabhängiger vom Elternhaus und werden darin auch von ihren Eltern unterstützt..
Über die gesamte Zeit hinweg unterscheiden sich die Gruppen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern jedoch nicht, wohl aber im Alter von 15 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt berichten die Nesthocker weniger Autonomie als die in time Leavers. Aus dem Blickwinkel der Eltern ergibt sich ein ähnliches Bild. Auch aus ihrer Sicht steigt die Förderung der Unabhängigkeit mit zunehmendem Alter während der Adoleszenz stetig an. Während dies für in time Leavers und die Gruppe der „Anderen“ ähnlich und sehr kontinuierlich der Fall ist, berichten die Mütter im Alter von
14 Jahren und die Väter im Alter von 14 und 15 Jahren eine geringere Förderung der
Unabhängigkeit bei den späteren Nesthockern. Auch in der Betrachtung der Gesamtfamilie fällt dieses Alter in gleicher Weise auf. Im weiteren Verlauf der Adoleszenz nivellieren sich jedoch die Unterschiede zwischen den Gruppen, und die Nesthocker erreichen ähnliche Werte, wie die anderen beiden Gruppen.
Da dieser Effekt nur auf dieses spezielle Alter zwischen 14 und 15 Jahren beschränkt ist, kann man lediglich sagen, dass die Fluktuation, inwieweit sich die
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Jugendlichen in ihren Unabhängigkeitsbestrebungen gefördert sehen, bei den Nesthockern größer ist. Während die in time Leavers und die Gruppe der „Anderen“ einen kontinuierlichen Anstieg berichten, ist der Anstieg bei den Nesthockern ungleichmäßig. Dies kann bedeuten, dass sich die Nesthocker nicht uneingeschränkt in ihrem Bedürfnis sich vom Elternhaus abzunabeln unterstützt fühlen, und dass sie dadurch irritiert sind, inwiefern sie sich wirklich von den Eltern entfernen dürfen. Außerdem fällt auf, dass die Förderung der Unabhängigkeit bei den späteren Nesthockern später einsetzt als bei den restlichen Altersgenossen. Auch dies verweist auf ein eventuelles Entwicklungsdefizit dadurch, dass die Eltern es den Kindern erst später erlauben sich abzunabeln, als dies in anderen Familien der Fall ist. Die Tatsache, dass diese Jugendlichen später auch nicht aus dem Elternhaus ausziehen spricht dafür, dass sie auch im jungen Erwachsenenalter nicht in gleicher Weise in ihren Unabhängigkeitsbestrebungen gefördert werden, wie dies in anderen Familien der Fall ist. Eventuell wollen die Eltern auch gar nicht, dass ihre Kinder das Haus verlassen.
Die Sichtweise der Familienmitglieder unterscheidet sich nicht signifikant, somit ist davon auszugehen, dass alle Familienmitglieder die Förderung der Unabhängigkeit ähnlich wahrnehmen.
In der Erinnerung der jungen Erwachsenen im Alter von 24 Jahren wurde ihnen in der Adoleszenz erheblich weniger Unabhängigkeit zugestanden, als sie noch zur Jugendzeit berichteten. Auch hier zeigt sich, dass negative Erinnerungen an Bedeutung gewonnen haben. Eventuell hat aber auch der Begriff der Unabhängigkeit mit der Zeit einen Bedeutungs- und Wertigkeitswandel erfahren. Dies gilt für alle Gruppen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern gleichermaßen.
Control
In dieser Skala fanden sich keinerlei signifikante Effekte. Die Skala Control umfasst insbesondere die Regeln, die implizit oder explizit in der Familie bestehen und inwiefern darauf geachtet wird, dass sich alle Familienmitglieder auch an diese Regeln halten. Dass es keine Effekte gibt, kann nur bedeuten, dass das Regelsystem, das in einer Familie existiert, sehr zeitstabil ist und sich wenig verändert. Auch alle Personen, die in diesem System leben, nehmen diese Regeln ähnlich wahr. Einen Einfluss darauf, ob ein Jugendlicher später, früh oder gar nicht auszieht haben diese Regeln nicht.
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Ähnlich wie in den beiden zuletzt genannten Skalen wird auch die Kontrolle, die in der Familie ausgeübt wurde, in der Erinnerung als stärker bewertet. Insbesondere die Nesthocker zeigen tendenziell mehr erinnerte Kontrolle. Das liegt daran, dass sie noch im Elternhaus leben und somit auch noch immer der elterlichen Kontrolle unterworfen sind.
Kohäsion
Der einzige gefundene Effekt in der Skala Kohäsion des FES ist der, dass die Väter einen kontinuierlichen Rückgang im Zusammenhalt zwischen den Familienmitgliedern berichten. Dies ist aus der Sicht der Jugendlichen und der Mütter jedoch nicht der Fall. Dies ist im Zusammenhang damit, dass Papastefanou (1997) gefunden hatte, dass insbesondere die Väter den fehlenden Zusammenhalt in der Familie bemängelten, interessant. Diese Entwicklung beginnt offenbar schon in der Adoleszenz der Jugendlichen und setzt sich weiter fort.
Einen Einfluss auf das Auszugsverhalten der jungen Erwachsenen hat der familiäre Zusammenhalt offensichtlich nicht. Dies stützt die Ergebnisse von Papastefanou (1997). Sie fand, dass die Kontakte zwischen den Familienmitgliedern auch über einen Auszug hinaus bestehen bleiben und somit der Zusammenhalt in der Familie durch einen Auszug nicht beeinflusst werden kann. Dies gilt somit auch umgekehrt. Die Familienbande, die die einzelnen Familienmitglieder miteinander verbinden, finden auf einer anderen Ebene statt als das Auszugsverhalten. In der Erinnerung wird auch die Kohäsion in der Familie schlechter bewertet.
Metaskala Personal Growth
In der Adoleszenz sind sich beide Elternteile darin einig, das persönliche Wachstum konstant über die Zeit hinweg auf einem relativ hohen Level gefördert zu haben. Die Jugendlichen hingegen sehen dies zumindest in der frühen Adoleszenz nicht so. Ihr Score liegt im Alter von 14 Jahren weit unter dem der beiden Elternteile, steigt aber über die Zeit kontinuierlich an und befindet sich schließlich im Alter von 17 Jahren knapp über dem Wert der Eltern, was durch einen signifikanten linearen Zeit- Personen Interaktionseffekt ausgedrückt wird.
Dies kann in die Richtung gedeutet werden, dass die Jugendlichen erst mit der Zeit die Bemühungen ihrer Eltern ihr persönliches Wachstum zu unterstützen wahrnehmen und zu schätzen wissen. Mit steigendem Alter jedoch erkennen sie, dass
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ihre Eltern ihnen einiges mit auf ihren Lebensweg mitgeben möchten, was für sie nützlich ist.
Interessant ist schließlich der Befund, dass für die in time Leavers und für die „Anderen“ auch in der Erinnerung an ihre Jugendzeit diese Förderung noch im selben Maße berichtet wird, wie sie es auch in der späteren Adoleszenz berichteten. Die Nesthocker hingegen berichten im Alter von 24 Jahren höhere Werte, als sie es jemals zur Zeit der Adoleszenz taten. Für sie bricht dieser Aufwärtstrend auch später im jungen Erwachsenenalter nicht ab. Dies erklärt sich dadurch, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch immer bei ihren Eltern wohnen und somit ihre Jugendzeit in dieser Hinsicht besser bewerten, weil sie ja einen guten Grund haben weiterhin im Elternhaus zu verweilen: Sie werden nach wie vor sehr stark von ihren Eltern im persönlichen Wachstum unterstützt. Dabei berichten sie in der Erinnerung höhere Werte als die Eltern selbst zur Zeit der Adoleszenz berichteten. Dieser Umstand könnte auf eine Nachträgliche Rechtfertigung hinweisen: Da diese Skale die einzige ist, die durch die Brille der Retrospektiven Betrachtung vom Großteil der Probanden nicht verzerrt wird, könnten die Nesthocker ihre Jugend in dieser Hinsicht schönreden, um eine Rechfertigung zu haben, nach wie vor bei den Eltern zu wohnen. Frei nach dem Motto: „meine Eltern haben es doch immer gut mit mir gemeint...“
Metaskala Interpersonal Relations
Hier ergeben sich nur Unterschiede zwischen den einzelnen Familienmitgliedern. Sie beschreiben die Beziehungen innerhalb der Familie sehr unterschiedlich.
Während aus der Perspektive der Jugendlichen ein leichter Aufwärtstrend in der Intensität der Beziehungen zu beobachten ist, berichten beide Elternteile einen Abfall. Insbesondere die Väter berichten einen erheblichen Rückgang. Die Mütter hingegen berichten trotz des leichten Rückgangs während jedes Messzeitpunktes höhere Werte als alle restlichen Familienmitglieder. Dies beschreibt gut die Familienkonstellation in einer klassischen Familie. Die Väter beklagen einen immer stärkeren Abfall in der Intensität der familiären Beziehungen. Dabei sehen sie, wie Papastefanou (1997) zeigte, oft auch ihren eigenen Anteil an dieser Entwicklung, da auch gerade sie es sind, die sich zurückziehen und eher „kumpelhafte“ Beziehungen zu ihren älter werdenden Kindern aufbauen. Die Mütter, denen die Beziehung zur gesamten Familie besonders am Herzen liegt, beschreiben die Beziehungen als besonders gut. Sie sind
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auch schließlich die einzigen Personen im Haushalt, die zu allen Familienmitgliedern eine enge Beziehung führen, während die Väter häufig nicht anwesend sind. Auch dieser Aspekt der Beziehungsqualität hat keinen Effekt auf das spätere Auszugsverhalten der Kinder.
Metaskala Structure
Über die Zeit der Adoleszenz hinweg beschreiben die einzelnen Familienmitglieder den Verlauf der familiären Strukturen sehr unterschiedlich. Besonders die Sichtweise der Jugendlichen und der Väter sind entgegengesetzt. Während die Jugendlichen ein relativ stabiles Level mit leichtem, nicht signifikantem Anstieg der Strukturen über die Zeit hinweg berichten, fällt sie aus der Sicht der Väter mehr und mehr ab. Die Sichtweise der Mütter ist starken Schwankungen unterworfen. Dies ist insofern interessant, als dass in vielen Familien die Väter die Quelle von Regeln sind und die Autoritätsfiguren in einer Familie darstellen. Obwohl sie einen kontinuierlichen Rücklauf des strukturellen Drucks in der Familie über die Zeit der Adoleszenz hinweg berichten, hat dies keinen Effekt auf die Sichtweise der restlichen Familienmitglieder. Eventuell fühlen sich die Väter auch im Zusammenhang mit dem von ihnen berichteten Rückgang von familiären Zusammenhalt (Kohäsion) und der Beziehungsintensität auch nicht mehr ganz ernst genommen.
Zusätzlich scheinen sich auch die Gruppen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern in dieser Dimension tendenziell zu unterscheiden. Die Nesthocker berichten demnach mehr Strukturdruck als die in time Leavers. Einerseits überrascht dieses Ergebnis insofern, als dass häufig davon gesprochen wurde, dass die Nesthocker darum nicht das Nest verlassen, weil es nichts gibt, das sie hinaustreibt. Dennoch berichten sie in der Adoleszenz und später im Alter von 24 Jahren in der Retrospektive noch deutlicher ein höheres Maß an Kontrolle und Organisation in der Familie. Zusammen mit dem Befund, dass in der Gruppe der Nesthocker die unsicher- verwickelt gebundenen besonders hoch vertreten sind, liegt die Vermutung nahe, dass sie sich auch nicht aus den verhältnismäßig starken und starren Strukturen in ihrer Herkunftsfamilie lösen können.
Zusammenfassung FES
Zunächst fällt auf, dass die Erinnerung der Familienverhältnisse im Alter von 24 Jahren in vielen Bereichen defizitärer ist als noch zur Zeit der Adoleszenz berichtet.
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Die jungen Erwachsenen berichten in der Retrospektive mehr Konflikte, Kontrolle und stärkere familiäre Strukturen und gleichzeitig weniger Förderung der Unabhängigkeit und des familiären Zusammenhalts. Wie schon vorher diskutiert, kann dieser Effekt sowohl dadurch entstehen, dass in der Erinnerung negative Seiten akzentuiert werden, als auch dadurch, dass die Begriffe im Laufe der Zeit einen Bedeutungswandel erfahren haben. So kann ein Proband, dessen Eltern ihm beispielsweise mit 16 Jahren bis Mitternacht in die Disco zu gehen erlauben, in diesem Alter davon überzeugt sein, dass die Eltern ihn sehr wohl in seinen Unabhängigkeitsbestrebungen unterstützen und wenig kontrollieren. Im Alter von 24 Jahren jedoch kann dieser Umstand sich etwas anders darstellen, da dies für aus der älteren Perspektive keine sehr späte Uhrzeit ist und er vielleicht mitbekommt, dass Altersgenossen länger weg durften, und dass die heutige Generation der 16jährigen ganz andere Zeitvorgaben von den Eltern vorgeschrieben bekommt.
Immerhin wird die allgemeine Beziehungsintensität von den jungen Erwachsenen ganz ähnlich erinnert wie zur Zeit der Adoleszenz tatsächlich berichtet. Dies kann damit erklärt werden, dass die Beziehung zu den Eltern ja noch andauert. Wie Papastefanou (1997) schon gefunden hat, wird die Beziehungsintensität auch durch Ereignisse wie eine räumliche Trennung durch einen Auszug nicht beeinflusst. Die Kontakte werden weitergeführt und bleiben auf einem ähnlichen Niveau.
Bezüglich der Förderung des persönlichen Wachstums unterscheiden sich die Erinnerungen der Gruppen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern stark. Die Gruppen der in time Leavers und der „Anderen“ erinnern einen ähnlichen Level wie zur Zeit der späten Adoleszenz. Die Nesthocker jedoch verzeichnen im Gegensatz dazu zwischen dem Alter von 17 und 24 Jahren noch einmal einen signifikanten Anstieg, auch wenn sie sich nicht eindeutig quantitativ von den anderen beiden Gruppen im Alter von 24 abheben, so ist dennoch der unterschiedliche Verlauf der Kurven (der Interaktionseffekt) bedeutsam. Durch ihr langes Verbleiben im Elternhaus berichten sie eine stärkere Förderung des persönlichen Wachstums in der Adoleszenz. Da sie sich während der Adoleszenz aber nicht von den beiden anderen Gruppen unterschieden, muss dies kausal mit ihrer Entscheidung im Elternhaus zu verbleiben zusammenhängen. Es gibt verschiedene Erklärungen für diesen Effekt. Einerseits könnte es sein, dass sie versuchen ihr Elternhaus schönzureden, um weiterhin einen Grund zu haben im Elternhaus zu verbleiben, andererseits könnten sie tatsächlich im jungen Erwachsenenalter eine Steigerung der Förderung des
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persönlichen Wachstums von den Eltern aus erfahren haben, was dann der Grund ist, weswegen sie noch zu Hause wohnen bleiben. Ob die Steigerung in dieser Skala in der Retrospektive der Nesthocker, Ursache oder Folge des Nesthockerdaseins ist, kann aufgrund der Datenbasis nicht eindeutig geklärt werden.
Interessant ist jedoch, dass in den Dimensionen Kontrolle und Strukturen, die von allen Probanden gleichermaßen defizitärer eingeschätzt werden, die Nesthocker diejenigen sind, die diese unangenehmen Seiten des Familienlebens in der Erinnerung noch stärker hervorheben als dies die restlichen Probanden tun. Dies wiederum scheint logisch, da sie nach wie vor der Kontrolle und den Familienstrukturen ausgesetzt sind. Dieser Befund spricht einerseits dafür, dass die defizitärere Sicht aller Probanden eher durch den Bedeutungswandel hervorgerufen wird. Die Akzentuierung des Negativen in der Erinnerung kann bei ihnen keine so sehr große Rolle spielen, da sie nie den Abstand zur Familie hatten, der eine solche Verzerrung ermöglicht. Andererseits spricht es auch dafür, dass die Veränderung in der Wahrnehmung eher Folge des Nichtauszugs ist als die Ursache. Denn die Nesthocker bleiben die einzigen, die der Kontrolle und den Strukturen innerhalb der Familie nach wie vor unterworfen sind. Aus diesem Grund ist die stärkere Akzentuierung dieser Bereiche in der Erinnerung durch die Nesthocker verständlich. Sollte der stärkeren Erhöhung des Levels an Förderung des persönlichen Wachstums bei den Nesthockern dieselbe Ursache zu Grunde liegen, so ergib sich das Bild, dass durch die Entscheidung lange im Elternhaus zu verbleiben, die Nesthocker sich zwar stärker der Kontrolle und den Strukturen der Familie unterwerfen, sich aber gleichzeitig, vielleicht auch gerade dadurch in ihrem persönlichen Wachstum stärker gefördert sehen.
Aufgrund der oft sehr unterschiedlichen Ergebnisse der Berichte aus der Adoleszenz und der Erinnerung im Alter von 24 Jahren sind querschnittliche Untersuchungen mit retrospektiven Methoden in diesem Bereich eher als fragwürdig in ihrer Bedeutung einzustufen. Wie gezeigt, hat auf das Auszugsverhalten selbst in vielen Bereichen einen großen Einfluss, wie die Jugendzeit und die damaligen Familienverhältnisse erinnert werden, so dass auf diesem Wege schlecht Ursachen für unterschiedliche Leaving Home Patterns identifiziert werden können.
Zur Zeit der Adoleszenz ergeben sich Unterschiede zwischen den Gruppen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern in der Skala Konflikt. Mit den in time
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Leavers werden aus Sicht aller Familienmitglieder mehr Konflikte ausgetragen als mit den Nesthockern, was besonders auf die Beschreibung der Mütter und der Jugendlichen selbst zurückgeht. Außerdem werden Nesthocker in der frühen Adoleszenz weniger in ihrer Unabhängigkeit gestützt als die in time Leavers, was die gesamte Familie ähnlich sieht. Zuletzt berichten Familien mit Nesthockern während der Adoleszenz tendenziell ein höheres Maß an Strukturen als Familien mit in time Leavers. Damit ergibt sich für die Familien mit Nesthockern das folgende Bild: In diesen Familien werden Konflikte zumindest nicht offen ausgetragen. Die Förderung der Unabhängigkeit der Jugendlichen setzt später ein als bei den Altersgenossen, und die familiären Strukturen sind rigider als bei anderen Familien. Demgegenüber sind Familien mit in time Leavers dadurch gekennzeichnet, dass ein höheres Maß an Konflikten zwischen den einzelnen Familienmitgliedern während der Adoleszenz berichtet wird, die Jugendlichen schon früher in ihrer Unabhängigkeit gefördert werden und die Familienstrukturen eher liberal sind.
Ein in time Leaver kann somit seinen Auszug dadurch begründen, dass es viele Konflikte in der Familie gab, die ihn aus dem Haus getrieben haben. Aber auf der anderen Seite gaben ihnen die Eltern auch die entsprechenden Ressourcen mit auf den Weg, um diesen Schritt gehen zu können. Sie wurden schon früh angehalten sich selbstständig außerhalb der Familie zu bewegen, und die liberalen Strukturen in der Familie ermöglichten einen Ausbruch aus der Familie mit relativ geringem Widerstand. Für Nesthocker gilt genau das Umgekehrte.
Unterschiede zwischen den Familienmitgliedern ergaben sich in der Skala Konflikt. Die Väter berichten hier während der Adoleszenz weniger Konflikte als die Mütter. Die Jugendlichen stimmen eher mit den Müttern überein, unterscheiden sich aber nicht signifikant von den Vätern. Dies spricht dafür, dass aufgrund der häufigeren Verfügbarkeit der Mütter die Konflikte sich eher zwischen den Jugendlichen und ihren Müttern manifestieren und weniger mit dem Vater. Der Vater ist die einzige Person in der Familie, die einen kontinuierlichen Abfall im Zusammenhalt der Familie berichtet. Dies kann ebenfalls auf die mangelnde Präsenz der Väter in der Familie zurückgeführt werden. Sie fühlen sich mit der Zeit immer mehr aus dem Familiensystem ausgeschlossen.
Ähnlich stellt sich auch der Verlauf der Metaskala der allgemeinen Beziehungs- intensität dar. Die Skala Zusammenhalt geht in diese Metaskala ein. Die Väter
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berichten einen starken, kontinuierlichen Abfall in der Beziehungsintensität, die Mütter hingegen nur einen leichten Rückgang. Die Jugendlichen bleiben auf einem Level fast stabil mit leichtem Aufwärtstrend. Außerdem berichten die Mütter über die gesamte Zeit hinweg den höchsten Level an Beziehungsintensität von allen Familien- mitgliedern. Damit wird die Rolle des Vaters, dessen Beziehung durch seine Abwesenheit belastet wird, genauso deutlich wie die Rolle der Mutter als Quelle emotionaler Kraft für die gesamte Familie. Auch in der Metaskala Struktur sind es die Väter, deren Sicht sich von den restlichen Familienmitgliedern unterscheidet. Auch hier berichten sie einen kontinuierlichen Rückgang, was noch einmal ein etwas anderes Licht auf die Rolle der Väter in der Familie wirft. Im selben Maße wie sie einen Rückgang in der Intensität der Beziehungen in der Familie wahrnehmen und damit zusammenhängend auch einen Rückgang im Zusammenhalt der einzelnen Familienmitglieder, berichten sie auch einen Rückgang der Strukturen. Es stellt sich somit die Frage, inwieweit die Väter die emotionalen Aspekte der Familienbeziehungen mit den rigiden Regeln in der Familie gleichsetzen.
In der Metaskala persönliches Wachstum sind es die Jugendlichen, die aus der Familiensicht herausstechen. Während die Eltern einen relativ hohen Level berichten, steigt ihr Wert erst mit der Zeit auf diesen Level an. Dies spricht dafür, dass sie die Bemühungen der Eltern erst mit der Zeit zu schätzen wissen oder überhaupt erst als solche wahrnehmen und nicht als Kontrollversuch.
5.3.2 Die Beziehung der Eltern zueinander
Die Beziehungsqualität der Eltern im Alter von 17 Jahren spielt keine Rolle für das Auszugsverhalten der jungen Erwachsenen. Die Entscheidung, ob sie später ausziehen oder zu Hause wohnen bleiben, ist somit nicht dadurch beeinflusst, wie die Beziehung zwischen den Eltern funktioniert, sondern eher dadurch, wie ihre Beziehung zu den Eltern aussieht.
5.3.3 Früheres und gegenwärtiges Bindungsverhalten in Bezug
auf die Eltern
Verglichen mit einer Normalpopulation sind bei den in time Leavers die sicher Gebundenen leicht überrepräsentiert. In einer Normalpopulation fanden sich ca. 58% sicher gebundene Personen (Bakermans-Kranenburg & van Ijzendoorn, 1993). Bei den in time Leavers waren es aber zwei Drittel. Hingegen waren dies bei den
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Nesthockern und den „Anderen“ weniger als die Hälfte der Probanden. Der unsicher- verwickelte Bindungsstil war bei den „Anderen“ aber nicht zu finden, sie waren zum größeren Teil unsicher-vermeidend gebunden. Bei den Nesthockern hingegen waren knapp ein Viertel der Probanden unsicher-verwickelt gebunden und ein Drittel unsicher-vermeidend.
Dieses Ergebnis stützt die Aussage von Kenny (1987), dass sich das Auszugsverhalten als spezielle Form des Fremde- Situations- Tests interpretieren lässt. Sicher gebundene Personen wissen um ihre sichere Basis im Elternhaus und können sich darauf verlassen. Dies gibt ihnen auch die Möglichkeit frei ihre Umwelt zu explorieren. Darum haben sicher gebundene Personen eine 1,5fach höhere Chance in time Leaver zu werden, als einer der beiden anderen Leaving Home Gruppen anzugehören.
Dismissed gebundene Personen neigen dazu, Ihre Eltern zu idealisieren und betonen, aus einer ganz normalen Familie abzustammen. Dabei haben sie aber in Wirklichkeit nur sehr wenig Autonomie ihren Eltern gegenüber realisiert, da sie immer wieder die Erfahrung gemacht haben, dass so etwas wie eine sichere Basis nicht wirklich existiert. Sie haben ein 2,5fach höheres Risiko der Gruppe der „Anderen“ anzugehören als einer der anderen beiden Leaving Home Gruppen. Dies bedeutet, dass sie entweder später als andere Altersgenossen ausziehen oder auch wieder zu ihren Eltern zurückziehen. Das zeigt, wie wenig Autonomie sie in der Beziehung zu ihren Eltern realisiert haben.
Die preoccupied gebundenen Personen engagieren sich nach wie vor in besonders hohem Maße und gleichzeitig mit besonders wenig Erfolg in der Beziehung zu den Eltern. Die Beziehung ist sehr verwickelt und wird inkohärent geschildert. Das Bindungssystem ist ständig überaktiviert, so dass eine freie Exploration in der Außenwelt dadurch negativ beeinflusst wird. Es überrascht somit nicht, dass Preoccupied gebundene Personen ein 2,6fach höheres Risiko haben Nesthocker zu werden, als einen der beiden anderen Leaving Home Patterns zu entwickeln.
5.3.4 Die gegenwärtige Beziehung zu den Eltern
Ob das unterschiedliche Auszugsverhalten der Probanden auch zu Konsequenzen in der Beziehungsqualität der jungen Erwachsenen den Eltern gegenüber geführt hat wurde mittels der wahrgenommenen Reziprozität ermittelt. Hierbei ergaben sich zwei unterschiedliche Effekte. Dem Vater gegenüber wurde
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weniger Reziprozität wahrgenommen als der Mutter gegenüber. Dies stützt die Ergebnisse von Papastefanou (1997), die ebenfalls fand, dass die Beziehung zu den Vätern durch weniger komplexe Interaktion und gegenseitiges Mitteilen geprägt ist als die Beziehung mit der Mutter. Durch den frühen Auszug der in time Leavers ergab sich aber gerade dem Vater gegenüber ein noch geringerer Durchschnittswert an Reziprozität. Spannenderweise bleibt die Beziehung zur Mutter durch den Auszug unbeeinflusst. Dieser Effekt stellt sich aber wohl erst längere Zeit nach dem Auszug ein, da die Gruppe der „Anderen“ eine höhere Reziprozität mit dem Vater berichten. Dies bedeutet, dass einige Zeit nach dem Auszug der vom Vater schon während der Adoleszenz beobachtete Abwärtstrend in Beziehungsintensität und Kohäsion weiter voranschreitet, wohingegen die Beziehung zur Mutter auch nach einem Auszug auf einem höheren Level konstant bleibt.
5.4 Allgemeine Adaptation: Entwicklungsprogression und
Symptombelastung
5.4.1 Die Realisierung von Entwicklungsaufgeben im Jugend- und
Erwachsenenalter
Es zeigte sich, dass sich alle Gruppen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern in der Adoleszenz ähnlich entwickeln. Alle Gruppen zeigten über die Zeit hinweg einen stetigen Anstieg in der Realisierung jugendspezifischer Entwicklungsaufgaben, was mit dem Konzept der Entwicklungsaufgaben kohärent ist. Mit steigendem Alter werden die anstehenden Aufgaben immer besser bewältigt. Im Alter von 21 Jahren verändert sich das Bild aber deutlich. Zu diesem Zeitpunkt wurden nochmals jugendspezifische Aufgaben erhoben, jedoch in reduzierter Form, da Entwicklungsaufgaben wie das Wissen um das Funktionieren des Staates oder die körperliche Reife in diesem Alter trivial erscheinen und als bewältigt angesehen werden müssen. Somit verblieben nur drei jugendspezifische Aufgaben in der Analyse, die sich auf die Unabhängigkeit von den Eltern, das Entwickeln eines eigenen Lebensstils und das Führen intimer Beziehungen bezieht. Wie gezeigt, sind diese Entwicklungsaufgaben sehr eng mit dem Leaving Home Pattern assoziiert. Da die in time Leavers und die Gruppe der „Anderen“ ihre Entwicklungsprogression auch in dieser reduzierten Fassung weiter fortführten, kann davon ausgegangen werden, dass sich die Validität des Jugendteils kaum verändert hat. Nur die Nesthocker zeigen
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einen starken Abfall in der Realisierung dieser spezifischen Aufgaben gegenüber dem Score, den sie vorher in den gesamten Aufgaben erzielten. Dies bedeutet, dass sie in der Realisierung der Aufgabe, ein eigenständiges Leben auch außerhalb des Elternhauses aufzubauen den in time Leavers und den „Anderen“ um einiges nachstehen. Interessant ist dabei die Tatsache, dass die „Anderen“, die im Falle der late Leavers und einem Teil der Returners zu dem Erhebungszeitpunkt auch noch zu Hause leben, sich nicht signifikant von den in time Leavers unterscheiden. Dies bedeutet, dass das länger zu Hause Leben an sich die Realisierung von jugendspezifischen Aufgaben nicht negativ beeinflusst. Es ist wohl eher das Entwicklungsdefizit der Nesthocker, das ihnen nicht die notwendigen Ressourcen bereitstellt, um das Elternhaus verlassen zu können.
Bei den Erwachsenenaufgaben ergibt sich ein anderes Bild. Auch hier zeigt sich dem Entwicklungsaufgabenkonzept entsprechend ein tendenzieller Aufwärtstrend. Die Gruppen unterscheiden sich in diesen Aufgaben jedoch sehr stark. Die Nesthocker, durch ihren Rückstand in den vorausgehenden Jugendaufgaben in ihrer Entwicklungsprogression gebremst, erzielen die niedrigsten Werte und unterscheiden sich hochsignifikant von den in time Leavers. Dies ist mit dem Konzept von Havinghurst (1972) kohärent, da er vermutete, dass die Realisierung verschiedener Entwicklungsaufgaben miteinander zusammenhängen müssen, und dass vor der Realisierung einer Entwicklungsaufgabe oft andere Aufgaben bewältigt werden müssen. Beispielsweise muss, bevor die Aufgabe einen eigenen Haushalt einzurichten angegangen werden kann (Erwachsenenaufgabe, s. Kapitel 3.2.2), erst einmal eine Unabhängigkeit von den Eltern bestehen (Jugendaufgabe).
Außerdem zeigt auch die Gruppe der „Andern“ einen Entwicklungsrückstand den in time Leavers gegenüber. Somit haben die in time Leavers von allen Gruppen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern den höchsten Entwicklungsstand. Daher ermöglicht ein rechtzeitiger Auszug die Realisierung erwachsenenspezifischer Entwicklungsaufgaben, wohingegen längeres Verbleiben im Elternhaus die Realisierung dieser Aufgaben behindert. Zusätzlich addiert sich auch noch der Entwicklungsrückstand in den Jugendaufgaben der Nesthocker dazu, so dass diese den niedrigsten Entwicklungsstand von allen aufweisen. In time Leavers sind demnach erwachsener. Dies stützt die Auffassung von Papastefanou (2004): „Der Spätauszug kann somit als Bestandteil eines allgemein verzögerten Entwicklungsprozesses verstanden werden.“
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Außerdem wird deutlich, dass sich dieser Entwicklungsrückstand auch noch bis in das junge Erwachsenenalter hinein negativ auf die Nesthocker auswirkt. Es wäre interessant zu untersuchen, ob und wann dieser Rückstand von den Nesthockern aufgeholt werden kann.
5.4.2 Symptombelastung während der Adoleszenz
Mittels des CBCL und des YSR wurde die Symptombelastung und deren Entwicklung über die Zeit hinweg gemessen. Es fanden sich aus der Perspektive der Jugendlichen selbst keine Effekte. Es wurde lediglich ein tendenzieller Rückgang der Symptombelastung gefunden. Aus der Sicht der Eltern jedoch fand sich ein starker Rückgang der Symptombelastung über die Zeit der Adoleszenz hinweg. Dieser Umstand wird auch durch einen Interaktionseffekt zwischen dem zeitlichen Verlauf und der Person beschrieben. In der frühen Adoleszenz berichten die Eltern höhere Werte für die Symptombelastung als ihre Kinder. In der späten Adoleszenz hingegen berichten sie weniger.
Nur aus der Perspektive der Eltern unterscheiden sich die Gruppen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern signifikant. Dabei berichten die Eltern der „Anderen“ über die gesamte Adoleszenz hinweg höhere Werte als die Eltern der beiden anderen Leaving Home Gruppen. Dies überrascht, da sich die Gruppe der „Anderen“ in keinem anderen in dieser Arbeit verwendeten Verfahren so deutlich von den beiden anderen Gruppen abhebt. Es ist aber verständlich, wenn man berücksichtigt, dass die Gruppe der „Anderen“ zu mehr als der Hälfte aus dismissed gebundenen Personen besteht. Unsicher gebundene Personen haben ein stark erhöhtes Risiko klinisch auffällig zu werden. So fand sich in einer Metaanalyse (Bakermans-Kranenburg & van Ijzendoorn, 1993), dass in einer klinisch auffälligen Population nur 13% sicher gebundene Personen finden ließen, wohingegen in einer Normalpopulation der Anteil der sicher gebundenen bei ca. 58% liegt.
In einer zusätzlichen Analyse wurde der Beitrag, den der Bindungsstil zu diesem Effekt leistet, bestätigt. Interessant ist dabei jedoch, dass die preoccupied gebundenen Personen von ihren Eltern nicht gleichfalls als stärker belastet wahrgenommen werden, obwohl sie ein ebenso großes Risiko haben klinisch auffällig zu werden wie die dismissed Gebundenen. Eventuell hängt dies mit der geringen elterlichen Feinfühligkeit zusammen, die maßgeblich an der Entstehung des unsicher- verwickelten Bindungsstils beteiligt ist.
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Dennoch bleibt der Effekt, dass die Gruppe der „Anderen“ von ihren Eltern schon in der Adoleszenz als stärker belastet wahrgenommen werden, bestehen. Dies bedeutet, dass über die Tatsache, dass dismissed gebundene Personen von ihren Eltern als schwerer belastet wahrgenommen werden hinaus, der Auszug von Personen, die generell von ihren Eltern als belastet wahrgenommen werden eher etwas später ausziehen oder wieder ins Elternhaus zurückkehren, wenn sie im eigenständigen Leben auf Schwierigkeiten stoßen. Zu Nesthockern werden diese Personen aber nicht.
Zusätzlich fällt in der Betrachtung der Gesamtfamilie noch ein anderer Effekt auf. Nicht nur die „Anderen“ werden von den Eltern als schwerer symptombelastet wahrgenommen, als es die Jugendlichen aus dieser Gruppe tun. Bei den in time Leavers sind es die Jugendlichen selbst, die sich als stärker belastet wahrnahmen, als es die Eltern tun. Bei den Nesthockern sind sich beide Parteien einig, dass sie nur in geringem Maße belastet sind. Dies bedeutet, dass Eltern und ihre Kinder nur bei späteren Nesthockern in der Einschätzung der Symptombelastung übereinstimmen, während diejenigen Jugendlichen, die sich selbst als schwerer belastet einschätzen und die Eltern nicht, im jungen Erwachsenenalter rechtzeitig aus dem Elternhaus ausziehen. Diejenigen, die von den Eltern als schwerer belastet wahrgenommen werden und von den Jugendlichen selbst nicht, ziehen mit Verzögerung aus oder kehren ins Elternhaus zurück.
Dieser Effekt könnte einerseits auf die soziale Erwünschtheit beim Ausfüllen der Fragebögen zustande kommen oder dadurch, dass die Wahrnehmung aufgrund unterschiedlicher Familienverhältnisse, die auch für das Leaving Home Pattern verantwortlich sind, entstehen.
Somit könnte es sein, dass die Verfälschungstendenzen in Familien mit späteren Nesthockern sowohl bei Eltern und deren Kindern sehr hoch sind. Psychische Belastungen bei den Jugendlichen werden von beiden Parteien unter den Teppich gekehrt oder erst gar nicht als solche wahrgenommen. Bei den in time Leavers hingegen könnte es sein, dass sie aufgrund der früheren Förderung von Unabhängigkeit ihre psychischen Belastungen eher mit sich selbst ausmachen und gar nicht erst an die Eltern herantragen. In der Gruppe der „Anderen“ scheinen die Eltern eher etwas überbesorgt zu sein. Dies sind jedoch lediglich Spekulationen. Für eine genauere Analyse fehlt die Datenbasis.
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5.4.3 Symptombelastung im jungen Erwachsenenalter
Anhand des SCL-90-R wurde im Alter von 21 Jahren die Symptombelastung zu einer Zeit untersucht, in der die meisten Probanden schon ausgezogen waren. Hier berichteten die in time Leavers höhere Belastungen als die Nesthocker. Die Gruppe der „Anderen“ liegt mit ihrem Wert dazwischen und unterscheidet sich nicht von einer der beiden anderen Gruppen.
Somit scheint ein rechtzeitiger Auszug eine große Belastung für die jungen Erwachsenen zu sein, während die Entscheidung, noch länger bei den Eltern wohnen zu bleiben, in hohem Maße die Symptombelastung reduziert. Dies scheint einleuchtend, da die Nesthocker noch sehr viel von den Eltern unterstützt werden. Sie müssen sich beispielsweise keine Sorgen darum machen, ob der Kühlschrank aufgefüllt oder die Wäsche gewaschen werden muss. Die schon ausgezogenen in time Leavers hingegen müssen zusätzlich zu den normalen Alltagsgeschäften auch diese Dinge berücksichtigen und sind damit sehr viel größeren Herausforderungen ausgesetzt. Außerdem hat ihr Auszug im Alter von 21 Jahren bei vielen gerade erst stattgefunden. Sie müssen sich an diese neue Situation anpassen. Alle diese neuen Umstände führen bei ihnen zu einer stärkeren Symptombelastung.
Man sollte aber auch nicht außer Acht lassen, dass sie auch schon in der Adoleszenz mehr Belastungen berichtet hatten als es ihre Eltern taten. Somit kann dieser Effekt auch darauf zurückzuführen sein, dass sie eher dazu neigen Symptome offen zu berichten, oder dass sie tatsächlich eine stärker belastete Population darstellen.
5.5 Kritik an der Studie
Wie Nave-Herz (1997) kritisierte, finden sich in den meisten Studien keine verbindlichen Definitionen darüber, ab welchen Alter das „Nestling“ beginnen sollte. Nave-Herz (1997) spricht davon, dass in den verschiedensten Studien das „Nestling“ im Alter von 25 Jahren beginnt und in anderen schon im Alter von 22 Jahren. Die Operationalisierung in dieser Studie unterscheidet sich nochmals von denen, die Nave-Herz (1997) gefunden hatte. Für Frauen wurde ab dem Alter von 21 Jahren und für Männer ab dem Alter von 22 Jahren bis zum Alter von letztendlich 25 Jahren von „Nestling“ (Nesthockern) gesprochen. Diese Operationalisierung geschah weniger aus dem Anspruch einer allgemeingültigen Norm zu entsprechen oder aus der bestehenden Theorie abgeleitet zu sein. Sie diente eher dem Umstand, dass im Alter
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von 21 Jahren bereits mehr als die Hälfte der Probanden ausgezogen war und somit dieses Alter als für diese Stichprobe spezifisches typisches Auszugsalter anzusehen ist. Um Geschlechtseffekte in den Ergebnissen zu vermeiden wurde dem Umstand Rechnung getragen, dass Männer typischerweise später ausziehen und somit wurde ihnen ein Jahr länger gegeben, um aus dem Elternhaus auszuziehen und noch zur Gruppe der in time Leavers zu gehören. Dass diese Überlegung glückte, ist daran zu sehen, dass es keinen Geschlechtseffekt in der Gruppentrennung gibt. Dennoch bleibt das Problem bestehen, dass das Auszugsverhalten insgesamt nur vier Jahre lang beobachtet wurde. Die Definition, dass ein Proband, der mit 25 Jahren noch nicht ausgezogen ist, ein Nesthocker ist, ist willkürlich und nicht aus der Theorie abgeleitet. Sie bedingt sich alleine aus dem Umstand, dass die Probanden zum Zeitpunkt der letzten Erhebung 25 Jahre alt waren und darüber hinaus noch keine Daten existieren.
Lauterbach und Lüscher (1999) weisen darauf hin, dass der Auszug aus dem Elternhaus eine schlechte Operationalisierung für die Ablösung von der Herkunftsfamilie darstellt. Denn einerseits existieren abgelöste junge Erwachsene, die im Elternhaus ein nahezu selbstständiges Leben führen und andererseits wieder einige, die zwar schon eine eigene Wohnung besitzen, aber noch immer sehr viel „pendeln“, d.h. sie sind noch in vielen Fragen von den Eltern weitgehend abhängig. Somit ist eine klare Gruppentrennung anhand des Auszugs schlecht zu realisieren. Lauterbach und Lüscher (1999) verwenden in ihrer Untersuchung den Zeitpunkt, an dem ein eigener Haushalt gegründet wird als Maßstab. Da sich dieser jedoch noch später vollzieht (bei Männern Median=26Jahre, bei Frauen Median=23 Jahre), ist die Untersuchung dieser Entwicklungsaufgabe aufgrund des Alters der Probanden in der vorliegenden Arbeit nicht zu realisieren.
Schließlich weist die vorliegende Arbeit aufgrund der mangelnden Trennung zwischen late Leavers und Returners einen leichten Mangel auf. Beide Leaving Home Patterns sind sehr unterschiedlich und werden in der Literatur auch immer getrennt betrachtet. Insgesamt ist die empirische Grundlage in den Theorien zur Betrachtung dieser beiden Gruppen noch sehr viel lückenhafter als in der Betrachtung des Nesthockerphänomens. Auch in der vorliegenden Arbeit wurde auf die genauere Betrachtung dieser Gruppen verzichtet, um die untersuchten Subgruppen nicht zu klein werden zu lassen. Dies geht leider auf Kosten der mit der Gruppe der „Anderen“ gefundenen Effekte. Sie können nicht eindeutig interpretiert werden. Es wurde somit
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in den Interpretationen davon ausgegangen, dass beide Leaving Home Patterns eine Art Zwischenstufe zwischen in time Leavers und Nesthockern darstellt, im Sinne einer unvollständigen Ablösung von den Eltern bzw. leicht verspäteten Ablösung. Diese Auslegung ist zweckmäßig, jedoch nicht so differenzierend, wie man es sich wünschen würde. Andererseits ist es fraglich, inwieweit Effekte zwischen mehreren Subgruppen mit einem Umfang um N=10 so differenziert interpretiert werden könnten, wie es eine genauere Gruppentrennung erlauben würde.
5.6 Forschungsausblick
Für folgende Forschungsaufgaben wäre es wünschenswert die Termini „Auszug“ und „Nesthocker“ genauer zu definieren. Nur durch eine präzise Operationalisierung kann eine Vergleichbarkeit verschiedener Studien gewährleistet werden. Hierzu wurde in der neuen Erhebung 2005 ein Fragebogen miterhoben, der das Auszugsverhalten der jungen Erwachsenen genauer erfasst. Auch die eventuell interessante Population von early Leavers könnte somit erfasst und untersucht werden, was bisher noch nicht realisiert wurde.
Weiterhin empfiehlt es sich als Methodik, dieses Geschehen längsschnittlich zu untersuchen, da, wie gezeigt, die Ursachen für einen Auszug bzw. den Verbleib im Elternhaus auch schon in der frühen Adoleszenz zu finden sind. Darüber hinaus wäre es auch interessant, diesen längsschittlichen Ansatz noch über das junge Erwachsenenalter hinaus zu verfolgen, um eventuelle Konsequenzen bei unterschiedlichen Leaving Home Patterns zu identifizieren.
Der Ansatz, das Auszugsverhalten in Hinblick auf psychische Symptombelastung zu untersuchen, wurde bisher noch nicht verfolgt. Die gefundenen Ergebnisse legen jedoch nahe, dass Zusammenhänge in dieser Hinsicht existieren. Die Effekte sind zum Teil jedoch schwer zu erklären, weswegen es wünschenswert wäre, diese Zusammenhänge weiter zu untersuchen.
Auch die gefundenen Ergebnisse hinsichtlich der Realisierung von Entwicklungsaufgaben wären ein viel versprechender Forschungsbereich. Da der eingesetzte Fragebogen nicht evaluiert ist und in der Stichprobe selbst nicht sonderlich befriedigende interne Konsistenzen aufweist, wäre hier eine genauere Untersuchung sehr interessant. Auch unter dem Hinblick, dass anscheinend nur in bestimmten Entwicklungsaufgaben ein Defizit auf Seiten der Nesthocker besteht.
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Schließlich wäre die Entwicklung eines Pfadmodells sehr vielversprechend, um ähnlich einer Regression multivariate Prädiktoren zu identifizieren. Eine logistische Regression wird diesem Anspruch im vorgestellten Design jedoch nicht gerecht, da sie Veränderungen über die Zeit nicht genügend berücksichtigen kann. Für ein Pfadmodell waren jedoch nicht genügend Probanden in der Stichprobe enthalten.
Insgesamt ist die Untersuchung des Auszugsverhaltens ein Feld, in dem noch sehr viel unbekannt ist. Es wäre interessant zu erforschen, welche Beiträge die Psychologie noch zusätzlich zur Erforschung dieses Gebietes liefern kann. Denkbar wären dabei auch Einflussgrößen wie Persönlichkeitsvariablen (z. B. Sensation Seeking), oder die Untersuchung inwieweit Familientheorien, wie zum Beispiel die Systemtheorie, zum Verständnis dieses Phänomens beitragen können.
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6. Zusammenfassung
Seit den 70er Jahren wurde ein stetiges Anwachsen des Durchschnittsalters zur Zeit des ersten Auszugs aus dem Elternhaus beobachtet. Soziologen identifizierten hierzu eine Reihe von Risikofaktoren, die dieses Phänomen verursachen: männliches Geschlecht, Studentenstatus, Mittelschichtzugehörigkeit, in großzügigem Wohnraum aufgewachsen und Verwitwung eines Elternteils. Zusammen mit der weit verbreiteten unsicheren ökonomischen Lage kann dies einen Auszug negativ beeinflussen. Psychologen machen auch die familiären Beziehungen hierfür mitverantwortlich. So sollte zur Zeit des jungen Erwachsenenalters die Individuation mehr und mehr voranschreiten. Die spielt sich zwischen den beiden Polen Verbundenheit und Ablösung ab und manifestiert sich sowohl auf emotionaler und kognitiver wie auch auf behavioraler Ebene. Eng mit diesem Konstrukt verbunden ist die Identitätsbildung, das Voranschreiten in Entwicklungsaufgaben und das Bindungsverhalten.
In der vorliegenden Arbeit wird aus einer Stichprobe von N=228 Personen 93 Personen identifiziert, deren Daten 13 Jahre lang vollständig erhoben wurden. Sie wurden in drei Gruppen mit unterschiedlichem Leaving Home Pattern eingeteilt: Nesthocker, in time Leavers und eine Sammelkategorie „Andere“, unter denen late Leavers und Returners subsummiert wurden.
Zusammenhänge mit demografischen Daten ergaben sich kaum. Dafür wurde insbesondere der große Einfluss, der die Existenz einer Partnerschaft auf das Leaving Home Pattern hat, bestätigt.
Bezüglich den Ursachen in den Familienbeziehungen zur Zeit der Adoleszenz erscheint neben vielen anderen Ergebnissen dieser Befund von besonderer Relevanz: In Familien mit Nesthockern werden Konflikte zumindest nicht offen ausgetragen. Die Förderung der Unabhängigkeit der Jugendlichen setzt später ein als bei den Altersgenossen und die familiären Strukturen sind rigider als bei anderen Familien. Außerdem wurde die Vermutung, dass Nesthocker ein Entwicklungsdefizit ihren Alternsgenossen gegenüber aufweisen, bestätigt. Dieses Defizit ist in der Adoleszenz jedoch noch nicht zu messen. Erst im Alter eines möglichen Auszugs fällt dieser ins Gewicht.
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Dipl. Psychologe Jörg von Irmer, 2005, Auszug oder nicht? Ursachen und Folgen des Auszugsverhaltens junger Erwachsener, München, GRIN Verlag GmbH
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