Vorausgesetzt, der "Grundpfeiler der wissenschaftlichen Methode ist das Postulat der Objektivität der Natur" (JAQUES MONOD, Le Hasard et la Nécessité [Zufall und Notwendigkeit. Philosophische Fragen der modernen Biologie]) - das erste Postulat für KONRAD LORENZ -, so ist die Neugier an dem zweiten MONODschen Postulat der "strenge[n] Zensur der Objektivitätsforderung" ("il fallait encore l'austère censure posée par le postulat d'objectivité") für KONRAD LORENZ so stark, daß er zur Formulierung dieser Forderung sagt: Sie ist "keineswegs leicht zu formulieren [...]. Wäre Sie es, so brauchte ich dieses Buch nicht zu schreiben." [S. 9]
Nach dieser kurzen Einleitung möchte ich über die Begriffe Erkennen und Evolution und ihre Wechselbeziehungen sprechen. Die Begriffe gilt es abzuklären.
Noch 1961 wurde Evolution lapidar beschrieben als
- "Wandlung in den Genhäufigkeiten".[Anm. 2]
Heute kann Evolution definiert werden als
- "die Entstehung und Veränderung der vielfältigen Organismen auf unserer Erde, also eine stammesgeschichtliche (phylogenetische) Entwicklung, die Lebewesen fortwährend verändert hat und auch zukünftig verändern wird". [Anm. 3]
Diese Definition ist weiter gefaßt, sie bezieht die Entstehung der Organismen ein, sie versteht die Wandlung (Veränderung) als Entwicklung, und zwar als eine stammesgeschichtliche, historisch-biologische Entwicklung von Lebewesen.
Wir haben mit den Beschreibungen eine kurzgefaßte Theorie der Evolution. Das Wort Theorie kommt aus dem Griechischen und bedeutet Schauen, Erkennen. Wir haben jetzt also eine, wenn auch noch so knappe Erkenntnis über den Begriff der Evolution. Und mit den Worten Erkennen und Erkenntnis sind wir bei dem zweiten Begriff, den wir ja noch klären wollen.
Ich darf mich dazu willkürlich der Philosophen bedienen. Das tue ich gerne, weil ich mich in der Tätigkeit des Philosophen, dem Philosophieren, gerne übe.
BENEDIKT SPINOZA war von CARL LUDWIG VON DER PFALZ an die Universität Heidelberg berufen worden. BENEDIKT SPINOZA, der seinen Lebensunterhalt mit dem Schleifen von Brillengläsern verdiente, lehnte in einem Brief ab. Der Philosophielehrer GUSTAV EMIL MÜLLER hat das in eine poetische Aussage gekleidet:
Daß ich in Heidelberg zu Nutz und Lehr
der Weltweisheit obliege, ehrt mich sehr. Doch kann ich's nicht. Verzeihen Euer Gnaden, daß ich ausschlage diese Gunst. Der Schaden den ich bewirken würde im Gemüt der frommen Untertanen - Gott verhüt! [...]
Drum ist es besser, wenn ich mich begnüge und nur der Wahrheit und mir selbst genüge. [Anm. 4]
Was hat das mit Erkenntnis zu tun? Sehr viel, wie wir gleich sehen werden. GERHARD VOLLMER, der auf dem Gebiet der Evolutionären Erkenntnistheorie forscht - und hiermit bin ich wieder bei meinem Thema -, sagt zu den Begriffen Erkennen und Erkenntnis:
- Erkennen ist der Übergang vom Nichtwissen zum Wissen. Wir verwenden diesen Begriff gleichbedeutend mit "Kognition".
Und:
- "Erkenntnis" meint dagegen zweierlei: den Vorgang, eben das Erkennen, und das Ergebnis, das Wissen.
Wenn wir nun noch wissen, daß das Wissen nach GERHARD VOLLMER "offenbar zwei Elemente [enthält], das objektive Element der Wahrheit und das subjektive Element der Überzeugung" [Anm. 5], sind wir wiederum beim Thema: BENEDIKT SPINOZA wollte (auch) dem objektiven Element der Wahrheit genügen und bezüglich der Begriffe Subjekt und Objektivität sind wir wieder bei meiner Einleitung über KONRAD LORENZ' Buch "Die Rückseite des Spiegels".
Anders gesagt: Wenn ich, wie erwähnt, davon ausgehe, daß das MONODsche Postulat der Objektivität der Natur der Grundpfeiler der wissenschaftlichen Methode sei, so wäre in der Natur eben die Objektivität, die doch beim Vorgang des Erkennens für die Wahrheit steht.
Was aber ist der Zusammenhang von Evolution und Erkenntnis?
Eine Antwort auf diese Frage hat KONRAD LORENZ in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts gegeben (s. Anm. 1). Ihm gelang die Verknüpfung des Begriffs der Evolution -oder besser - der Evolutionstheorie, für die ich - verkürzt - den Namen von CHARLES DARWIN nenne, mit der - wie ich jetzt sage - Erkenntnistheorie, für die - ebenfalls vereinfacht - der Name von IMMANUEL KANT steht. In den siebziger Jahren wurde die Bedeutung von KONRAD LORENZ' frühen Werken erkannt und die Verknüpfung der Evolutions- mit der Erkenntnistheorie zu der - von mir schon erwähnten - Evolutionären Erkenntnistheorie ausgebaut.
Die verschiedenen Prozesse der Wahrnehmung, des Denkens, Erlebens und Erkennens werden durch das menschliche Gehirn oder - allgemeiner ausgedrückt - durch das zentrale Nervensystem ermöglicht [Anm. 6]. Um zumindest eine grobe Differenzierung vorzunehmen, muß erwähnt werden, daß das Gehirn eine besonders starke Ansammlung von Nervenzellen ist, die vom Hauptnervenstrang, dem Rückenmark, her resultiert. Das Kleinhirn dient der Bewegungskoordination. Es heißt zwar Kleinhirn, doch es ist besonders gut ausgeprägt und vom evolutionsbiologischen Gesichtspunkt her gesehen besonders wichtig. Das Großhirn diente ehemals dem Geruchssinn, doch im Laufe der Evolution verlagerte sich das Aufgabengebiet sowie sich das Großhirn ständig vergrößerte. Im modernen Großhirn wird das bewußte Erleben verarbeitet und der größte Teil des Gedächtnisses sitzt dort. Dadurch wird erkenntlich, daß im Großhirn ein wichtiger Teil des Erkennens gelagert ist. Eine zu schnelle Hypothese wäre, daß das Großhirn sich proportional in der Geschwindigkeit mit der Erkenntnis selber entwickelt hat.
Will man den Begriff "zentrales Nervensystem" kurz erläutern, so muß man erwähnen, daß es sich aus dem Gehirnkomplex und dem Rückenmark zusammensetzt. Vom Rückenmark ausgehend, ziehen die motorischen (efferenten) Bahnen zu den Muskeln, sensorische (afferente) Bahnen kommen von den Sinnesorganen.
Arbeit zitieren:
Dr. Stefan Schweizer, M.A. Pia-Johanna Schweizer, 2008, Evolutionäre Erkenntnistheorie, München, GRIN Verlag GmbH
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