Der Mythos, der der Stadt Timbuktu bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts anhaftete, als die ersten Berichte von europäischen Augenzeugen bekannt wurden, war vorwiegend durch den enormen Goldreichtum des Sudan bedingt, für den die Stadt in den Augen der Europäer stellvertretend war (HERBERT 1980: 449). Timbuktu war in Wirklichkeit jedoch nur ein Umschlagplatz für den Handel zwischen Schwarzafrika und dem Norden und verfügte selbst weder über natürliche Ressourcen noch über Produktionsstätten. Ein anderer Reichtum Timbuktus hingegen war der Stadt selbst und ihrer bewegten Geschichte entwachsen, wenn auch der Handel und äußere Einflüsse hierbei eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielten: Timbuktu entwickelte sich im Laufe seiner Geschichte zu einem Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit und übte als solches Einfluß auf die politische und kulturelle Entwicklung Westafrikas aus. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, diese Tradition genauer zu beleuchten, ihre Entwicklung vor dem Hintergrund der Geschichte zu skizzieren und die unterschiedlichen Faktoren zu benennen, die zu ihrer Entstehung, zu ihrer Blüte und zu ihrem Niedergang beitrugen. Ein zentraler Faktor, der hierbei verdeutlicht werden soll, ist die Wechselwirkung zwischen der Gelehrtentradition, der islamischen Religion, der ökonomischen Prosperität und der politischen Stabilität. So soll weiterhin analysiert werden, in welchem Verhältnis die Gelehrten Timbuktus während der verschiedenen Epochen und Reiche zu den jeweiligen Machthabern standen und welche Rolle sie für die Geschicke der Stadt gespielt haben. Schließlich wird untersucht, in welcher Weise Timbuktu als Zentrum der Lehre die kulturelle und religiöse Entwicklung Westafrikas geprägt hat.
Institut für Afrikanistik der Universität zu Köln
Timbuktu
als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit
im Wandel der Geschichte
Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der Magisterprüfung der Philosophischen
Fakultät der Universität zu Köln
vorgelegt
von
Peter Lenke
Köln, im September 1998
2
"Das Salz kommt aus dem Norden,
das Gold aus dem Süden,
das Geld aus den Ländern des weißen
Mannes,
aber das Wort Gottes und die Schätze der
Weisheit
finden sich nur in Timbuktu"
Sprichwort aus dem Sahel
3
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
5
2. Quellen und Methode
6
2.1. Quellen
6
2.1.1. Primärquellen
6
2.1.2. Bewertung der Quellen
10
2.2. Methode
12
3. Die Geschichte Timbuktus als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit
15
3.1. Die Gründung der Stadt
15
3.1.1. Die Ursprünge Timbuktus
15
3.1.2. Der Sudan vor dem Aufstieg Timbuktus
16
3.1.2.1. Der Transsahara-Handel
17
3.1.2.2. Die Ausbreitung des Islam in Westafrika
19
3.2. Der Aufstieg Timbuktus zum Gelehrtenzentrum unter Mali
23
3.2.1. Historischer Überblick
23
3.2.2. Die Gründung einer Gelehrtentradition
25
3.2.2.1. Der Einfluß der Politik Mansa Mussas
25
3.2.2.2. Der Aufstieg Timbuktus
27
3.2.2.3. Die ersten Gelehrten Timbuktus
31
3.3. Die Stadt unter den Tuareg
35
4
3.3.1. Historischer Überblick
35
3.3.2. Die Ulama unter den Tuareg
36
3.4. Timbuktu unter Songhai-Herrschaft: Sonni Ali
40
3.4.1. Historischer Überblick
40
3.4.2. Die Ulama unter Sonni Ali
41
3.4.2.1. Die Politik Sonni Alis gegenüber den Gelehrten Timbuktus
41
3.4.2.2. Die verbleibenden Gelehrten Timbuktus
45
3.5. Die Blütezeit Timbuktus unter den Askia
47
3.5.1. Historischer Überblick
47
3.5.2. Die Blüte Timbuktus als Gelehrtenstadt
50
3.5.2.1. Die Gelehrten Timbuktus unter den Askia
51
3.5.2.2. Organisation, Umstände und Inhalt der Lehre
53
3.5.2.3. Bedeutung der Gelehrten Timbuktus im soziokulturellen
Kontext des Sudan
59
3.5.3. Die Ulama als politische Akteure
61
3.5.3.1. Die Politik Askia Mohammeds
62
3.5.3.2. Der politische Einfluß der Ulama unter den Askia
65
3.6. Die marokkanische Eroberung und die Herrschaft der Arma
73
3.6.1. Historischer Überblick
73
3.6.2. Die Gelehrtentradition unter den Arma
75
3.7. Das 19. Jahrhundert
83
3.7.1. Historischer Überblick
83
3.7.2. Die Gelehrtentradition im 19. Jahrhundert
87
4. Zusammenfassung
91
Anhang
94
Begriffsverzeichnis 94
Zeittafel 96
Bibliographie
98
5
1. Einleitung
Der Mythos, der der Stadt Timbuktu bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts anhaftete, als
die ersten Berichte von europäischen Augenzeugen bekannt wurden, war vorwiegend durch den
enormen Goldreichtum des Sudan1 bedingt, für den die Stadt in den Augen der Europäer
stellvertretend war (HERBERT 1980: 449). Timbuktu war in Wirklichkeit jedoch nur ein
Umschlagplatz für den Handel zwischen Schwarzafrika und dem Norden und verfügte selbst
weder über natürliche Ressourcen noch über Produktionsstätten. Ein anderer Reichtum
Timbuktus hingegen war der Stadt selbst und ihrer bewegten Geschichte entwachsen, wenn auch
der Handel und äußere Einflüsse hierbei eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielten:
Timbuktu entwickelte sich im Laufe seiner Geschichte zu einem Zentrum afrikanischer
Gelehrsamkeit2 und übte als solches Einfluß auf die politische und kulturelle Entwicklung
Westafrikas aus.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, diese Tradition3 genauer zu beleuchten, ihre Entwicklung vor
dem Hintergrund der Geschichte zu skizzieren und die unterschiedlichen Faktoren zu benennen,
die zu ihrer Entstehung, zu ihrer Blüte und zu ihrem Niedergang beitrugen. Ein zentraler Faktor,
der hierbei verdeutlicht werden soll, ist die Wechselwirkung zwischen der Gelehrtentradition, der
islamischen Religion, der ökonomischen Prosperität und der politischen Stabilität. So soll
weiterhin analysiert werden, in welchem Verhältnis die Gelehrten4 Timbuktus während der
verschiedenen Epochen und Reiche zu den jeweiligen Machthabern standen und welche Rolle sie
für die Geschicke der Stadt gespielt haben. Schließlich wird untersucht, in welcher Weise
Timbuktu als Zentrum der Lehre die kulturelle und religiöse Entwicklung Westafrikas geprägt
hat.
Diese Arbeit soll einen Beitrag leisten zu einem Verständnis der Entwicklung Timbuktus als
Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit im Wandel der Geschichte und im Spannungsfeld
1 Der Begriff ,,Sudan" wird hier und im folgenden zur Bezeichnung der zwischen Sahara und tropischem Regenwald gelegenen Zone Westafrikas verwendet.
2 Unter ,,Gelehrsamkeit" wird im Rahmen dieser Arbeit ausschließlich jene elitäre Form der Lehre verstanden, die durch einen gewissen Grad von wissenschaftlicher Institutionalisierung gekennzeichnet ist. Die traditionelle afrikanische Wissensvermittlung im Sinne von oraler Initiation wird hierbei außer acht gelassen.
3 Der Begriff der ,,Gelehrtentradition" scheint gerechtfertigt, da es sich um ein kontinuierliches, von Generation zu Generation weitergegebenes Charakteristikum der Stadt Timbuktu handelt.
4 Als Synonym für ,,Gelehrte" wird in dieser Arbeit häufig der arabische Begriff ,,Ulama", teilweise auch die Bezeichnung ,, Professoren" verwendet.
6
zwischen konkurrierenden Mächten und Interessen, zwischen afrikanischer Tradition und
äußeren Einflüssen, zwischen Religion, Wirtschaft und Staat. Sie wird eingeleitet mit einer
Vorstellung und Bewertung der Quellen sowie einer Darlegung der Methode. Der
Hauptteil der
Arbeit ist chronologisch aufgebaut, wobei einzelne zeitübergreifende Aspekte wie z. B. die
Organisation der Lehre in Timbuktu stellvertretend für alle Epochen an gegebener Stelle
behandelt werden. Am Anfang steht nach der Beschreibung der Stadtgründung eine kurze
Darstellung des Handels und der Ausbreitung des Islam im Sudan vor dem Aufstieg Timbuktus.
Da diese beiden Faktoren mit der Gelehrtentradition in engem Zusammenhang stehen, erscheint
es unabdingbar, hierauf zu Beginn der Arbeit einzugehen. Danach wird die Geschichte
Timbuktus als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit wiedergegeben, wobei jedes Kapitel einen
durch die historischen Ereignisse gegebenen Abschnitt der Stadtgeschichte behandelt. Innerhalb
der Kapitel folgt einem kurzen historischen Überblick jeweils eine genauere Betrachtung der
Fakten und Entwicklungen, die den Aspekt der Gelehrtenstadt betreffen.
2. Quellen und Methode
2.1. Quellen
2.1.1. Primärquellen
Die Hauptquellen dieser Arbeit sind die sogenannten Tarikhs, von Gelehrten Timbuktus in
arabischer Sprache verfaßte Chroniken. Es handelt sich um
- den Tarikh El-Fettach, der gemeinhin Mahmud KATI und einem seiner Enkel zugeschrieben
wird,
- den Tarikh Es-Sudan, verfaßt von Abderrahman ES-SADI, sowie
- den Tedzkiret en-Nisian, dessen Autor unbekannt ist.
Ein erstes Manuskript des Tarikh El-Fettach wurde 1911 von A. Bonnel DE MÉZIÈRES in
Timbuktu gefunden (MAUNY 1961: 38). Es ist betitelt mit: Chronique du chercheur pour servir à
7
l′histoire des villes, des armées et des principaux personnages du Tekrour, wobei mit Tekrur nicht das
mittlere Senegaltal sondern das islamisierte Westafrika gemeint ist (CORNEVIN 1966: 219) Über
seine Urheberschaft war man sich lange Zeit im unklaren. Man schreibt dieses Geschichtswerk
heute Mahmud KATI (1468-1543) zu, der es 1519 begonnen hatte, sowie IBN AL-MUKHTAR,
einem seiner Enkel, der es bis 1665 fortsetzte (MAUNY 1961: 39)5. Mahmud KATI war ein
Soninke und verbrachte sein Leben in Timbuktu, wo er zeitweise das Amt des Kadi ausübte und
den Titel des Alfa trug (HOUDAS & DELAFOSSE 1964: Einleitung zum Tarikh El-Fettach). Er war
ein enger Freund Askia Mohammeds, den er auf seiner Wallfahrt nach Mekka begleitete, und
diente ebenfalls dessen Nachfolgern als Berater. Der Tarikh El-Fettach umfaßt neben einer
ausführlichen Darstellung des Lebens und der Regierung Askia Mohammeds hauptsächlich die
Geschichte des Reiches Songhai sowie der ersten Jahrzehnte des marokkanischen Paschalik.
Hinzu kommen einige wertvolle Informationen zu Mansa Musa und dem Reich Mali. Man
konnte nachweisen, daß der Tarikh El-Fettach im 19. Jahrhundert von Seku Amadu, dem
Herrscher Massinas, verfälscht wurde6, um sich als letzten Kalifen des Islam auszugeben.
Abderrahman ES-SADI, der Autor des Tarikh Es-Sudan, wurde am 28. Mai 1596 in Timbuktu
geboren. Er entstammte einer angesehenen Familie und war Notar in Djenné bevor schließlich
ab 1627 das Amt des Imam der Moschee von Sankore in Timbuktu bekleidete. Später war er
zudem Sekretär am Hofe der Paschas und spielte ab 1629 eine Vermittlerrolle am Hof der
Paschas (HOUDAS 1964: Einleitung zum Tarikh Es-Sudan). ES-SADI schrieb den Tarikh Es-Sudan
ungefähr zwischen 1627 und 1655, dem Jahr seines Todes (MAUNY 1961: 39). Der westlichen
Wissenschaft wurde dieses monumentale Geschichtswerk erstmals durch Heinrich BARTH
zugänglich gemacht, der ein Exemplar des Tarikh Es-Sudan auf seiner Reise durch Westafrika in
Gando entdeckte, dieses für seine Reisen und Entdeckungen verwendete, es jedoch irrtümlich dem
Gelehrten Ahmed Baba zuschrieb. Erst Felix DUBOIS konnte nachweisen, daß ES-SADI der
wahre Urheber des Tarikh Es-Sudan ist (DUBOIS 1897: 351f). Der Tarikh Es-Sudan enthält die
einzigen überlieferten Angaben über die Gründung Timbuktus und die frühe Phase der
Stadtentwicklung. Ein großer Teil des Werkes ist - wie beim Tarikh El-Fettach - der Geschichte
Songhays und des Paschaliks bis 1655 gewidmet. Zusätzlich beinhaltet das Werk ES-SADIS
ausführliche Biographien der Gelehrten Timbuktus sowie der Imams der Moscheen Djingereber
und Sankore, die im Zusammenhang mit dieser Studie von großem Wert sind. Schließlich gibt
5 In der Literaturangabe wird zur Vereinfachung lediglich der Name Mahmud KATIS angegeben.
6 Es war ein gewisser Al-Mukhtar ben al-Tahir, Schüler Al-Mukhtar al-Kuntis und Ulama Timbuktus, der im Auftrag Seku Amadus diese Manipulationen am Tarikh El-Fettach vornahm (SAAD 1983: 215-16).
8
der Autor uns wichtige Informationen zu Mali und dem Mansa Musa sowie eine Beschreibung
der Stadt Djenné, dem südlichen Pendant von Timbuktu, und ihrer Gelehrten. Teile des Tarikh
Es-Sudan sind an das Werk IBN BATTUTAS sowie - was die Biographien betrifft - an die Schriften
Ahmed Babas angelehnt.
Der Tedzkiret en-Nisian schließlich ist ein biographisches Wörterbuch aus der Zeit des Paschalik,
welches detaillierte Informationen zu den in Timbuktu regierenden Paschas bis 1751 bietet. Sein
Autor läßt seinen Namen ungenannt, was M. ABITBOL darauf zurückführt, daß dieser sein Werk
auf bereits existierende Schriften stützte (ABITBOL 1979: 13). CISSOKO mutmaßt, daß der Autor
ein in Timbuktu geborener Peul war (CISSOKO 1969: 54). Die einzigen Angaben zu seiner Person
gibt das Werk selber. So wurde er im Jahre 1700 geboren und schloß sein Werk im Jahre 1751 ab
(TYMOWSKI 1990: 351). Der Tedzkiret en-Nisian bietet, wenn er auch weitaus weniger ausführlich
als die Tarikhs ist, eine Weiterführung der Geschichtsschreibung bis ins 18. Jahrhundert. Er
erlaubt es, die Periode des Paschalik zu rekonstruieren und die Geschichte Timbuktus in diesem
unzureichend dokumentierten Zeitraum nachzuverfolgen. Für die vorliegende Arbeit lag diese
Primärquelle (durch den Umzug der Pariser Bibliothèque Nationale bedingt) leider nicht im Original
vor, es konnten jedoch Sekundärquellen wie das Buch Michel ABITBOLS: Tombouctou et les Arma
verwendet werden, die den Tedzkiret en-Nisian umfassend ausschöpfen. Ähnliches gilt für eine
Reihe weiterer Quellen wie z. B. das Biographische Lexikon der Gelehrten des Sudan des Ahmed Baba
aus Timbuktu (siehe CHERBONNEAU 1854-55) und andere Quellen, die nur in arabischer Sprache
vorliegen, jedoch von mehreren Autoren in den Sekundärquellen aufgegriffen und ausgewertet
werden.
Neben diesen drei Hauptquellen für die Geschichte Timbuktus geben noch eine Reihe anderer
Primärquellen Aufschluß über die Stadt zu unterschiedlichen Epochen sowie über Ereignisse im
Zusammenhang mit dem Thema dieser Arbeit. Die erste Primärquelle, die in dieser Hinsicht
relevante Informationen enthält, ist die 1068 veröffentlichte Beschreibung Nordafrikas des
andalusischen Geographen EL-BEKRI. Dieses Werk entstand zwar vor der Gründung Timbuktus,
enthält jedoch interessante Informationen in Bezug auf die frühe Verbreitung des Islam und die
Bevölkerung des Gebietes, in welchem kurze Zeit später Timbuktu entstehen sollte. Der erste,
der die Stadt in einem Reisebericht erwähnte, war IBN BATTUTA. Der 1304 in Tanger geborene
Weltreisende bereiste in den Jahren 1352-53 den Sudan und besuchte 1353 Timbuktu. Seine
Beschreibung der Stadt ist zwar kurz, stellt jedoch den einzigen Augenzeugenbericht aus der Zeit
der Vorherrschaft Malis dar. IBN BATTUTAS Beschreibung des Sudan enthält zudem eine Fülle
9
von Informationen zum Reich Mali, zum Islam am Hofe des Mansa sowie zur Stadt Walata,
deren Funktionen als Handels- und Gelehrtenstadt wenig später von Timbuktu übernommen
wurden. In Bezug auf das Reich Mali und insbesondere für die Wallfahrten seiner Herrscher sind
als weitere wichtige Quellen das 1336-38 geschriebene Masalik des aus Damaskus stammenden
AL-OMARI sowie das Werk des IBN KHALDUN, eines 1332 in Tunis geborenen
Geschichtswissenschaftlers, zu nennen. Diese beiden Gelehrten hatten im Gegensatz zu IBN
BATTUTA niemals die Gebiete südlich der Sahara bereist, verfügten jedoch über gute Informanten
(MAUNY 1961: 34,37). Der nächste Reisende, der einen Augenzeugenbericht von Timbuktu
hinterlassen hat ist Leo AFRICANUS. Der 1493 in Grenada geborene und in Fes aufgewachsene
marokkanische Geograph bereiste zweimal Westafrika bevor er in Gefangenschaft sizilianischer
Korsaren geriet, zum Christentum konvertierte und unter der Schirmherrschaft des Papstes 1526
seine Beschreibung Afrikas schrieb. Diese enthält eine recht ausführliche Beschreibung der Stadt
Timbuktu, welche Leo AFRICANUS zwischen 1510 und 1514 zur Zeit der Askia wahrscheinlich
zweimal besucht hat (MAUNY 1961: 46).
Aus dem 19. Jahrhundert sind schließlich mehrere Berichte europäischer Reisender überliefert,
die im Rahmen dieser Arbeit über allgemeine historische Informationen hinaus von großem
Nutzen sind. Sie sind gleichzeitig ein Beleg der relativen Bedeutungsabnahme der Stadt und ihrer
Gelehrtentradition und ein Zeugnis dessen, was trotz ungünstiger Rahmenbedingungen von
dieser übrig blieb. Der erste Europäer, der Timbuktu erreichte und davon Zeugnis ablegte, war
der 1799 in der Vendée geborene Franzose René CAILLIÉ. Nachdem der Schotte Gordon LAING
bereits 1826 Timbuktu besucht hatte, jedoch auf dem Rückweg ermordet wurde, gelang es
CAILLIÉ, der sich als Muslim getarnt hatte, nach einem zweiwöchigen Aufenthalt in der Stadt (20.
April bis 4. Mai 1828) wieder zurück nach Europa zu gelangen und eine detaillierte Beschreibung
Timbuktus zur Zeit Seku Amadus in Europa zu veröffentlichen. Noch ausführlicher ist der
Reisebericht Heinrich BARTHS, der in den Jahren 1849-55 im Auftrag der englischen Regierung
Westafrika bereiste und sich mit kurzen Unterbrechungen vom 7. September 1853 bis zum 8. Mai
1854 unter der Obhut des Kunta-Scheichs Sidi Ahmed al-Bakay in Timbuktu aufhielt. BARTH
war der erste europäische Wissenschaftler, der die Stadt besuchte und er gilt aufgrund seiner
umfangreichen und für die damalige Zeit beispiellosen Forschungsarbeit als Begründer der
modernen Afrikaforschung. Sein Bericht zeichnet ein präzises Bild der Stadt zur Zeit des
Machtkampfes zwischen Peul, Kunta und Tuareg. Die letzte, den für die vorliegende Arbeit
gewählten Zeitraum betreffende Primärquelle ist der Reisebericht des Österreichers Oskar LENZ
(1848-1925), der von 1879 bis 1880 als türkischer Arzt verkleidet Westafrika bereiste und sich
10
vom 1. bis zum 19. Juli 1880 in Timbuktu aufhielt. Seine Aufzeichnungen sind - bedingt durch
den kurzen Aufenthalt - weniger ausführlich als die BARTHS, enthalten jedoch gerade in Bezug
auf die Reste der Gelehrtentradition einige interessante Details.
2.1.2. Bewertung der Quellen
Die im vorigen Abschnitt vorgestellten und als Fundament dieser Arbeit benutzten Primärquellen
sind von unterschiedlicher Aussagekraft und Qualität und es ist notwendig, sie in Hinblick auf die
Umstände ihrer Entstehung und vor allen Dingen unter Berücksichtigung der Situation und der
Subjektivität ihrer Autoren zu prüfen und zu bewerten (siehe JONES 1990 : 25). Grundsätzlich ist
zu unterscheiden zwischen lokalen Chroniken (Tarikh El-Fettach, Tarikh Es-Sudan und Tedzkiret en-Nisian), Reiseberichten (IBN BATTUTA, Leo AFRICANUS, René CAILLIÉ, Heinrich BARTH und
Oskar LENZ) sowie Aufsätzen von arabischen Gelehrten, die sich auf Informanten stützten, ohne
die beschriebenen Gebiete oder Ereignisse selbst gesehen zu haben (EL-BEKRI, IBN KHALDUN,
AL-OMARI).
Die erstgenannten Quellen besitzen zweifellos die größte Aussagekraft, da sie von einheimischen
afrikanischen Gelehrten geschrieben wurden, die gewissermaßen Bestandteil dessen waren, was
sie beschreiben. Es ist jedoch angebracht, zu differenzieren. Große Teile des Tarikh El-Fettach
und des Tarikh Es-Sudan beziehen sich auf den Zeitabschnitt vor der Geburt der Autoren und
sind lediglich eine Übernahme oraler Traditionen, Aussagen älterer Augenzeugen bzw. damals
vorhandener schriftlicher Quellen. So können den Tarikh El-Fettach betreffend lediglich die
Ereignisse vom Ende des 15. Jahrhunderts bis 1665 und im Falle des Tarikh Es-Sudan nur jene
zwischen dem Ende des 16. Jahrhunderts und 1655 von den Autoren selbst miterlebt worden
sein. Man kann jedoch davon ausgehen, daß die Autoren wegen der von ihnen bekleideten Ämter
und aufgrund ihres hohen Bildungsgrades Zugang zu seriösen Quellen hatten und vor allen
Dingen den notwendigen methodischen Hintergrund zur Auswertung dieser Quellen besaßen.
Ein wichtiger Umstand hingegen, der bei der Auswertung der Tarikhs zu beurteilen ist, ist die
Tatsache, daß die Autoren Muslime waren und somit die Ereignisse und Herrscher vom
Standpunkt des Islam aus betrachteten und beurteilten (KI-ZERBO 1981: S.129). Ein weiterer, die
Objektivität KATIS und ES-SADIS einschränkender Faktor ist die Tatsache, daß sie selbst der
Gruppe der Ulama angehörten, was zwangsläufig zu einer zusätzlichen Einseitigkeit der
Gesamte Abrufe:
Peter Lenke's Text Timbuktu als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit im Wandel der Geschichte ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
12.08.2008 09:18:19
Peter Lenke hat den Text Timbuktu als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit im Wandel der Geschichte veröffentlicht
11.08.2008 08:32:36
Peter Lenke hat einen neuen Text hochgeladen
03.08.2008 19:01:05
Einbetten
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
DOI
Keine Kommentare