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Timbuktu als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit im Wandel der Geschichte

Magisterarbeit,  1998, 104 Seiten
Preis: 34,90 EUR (E-Book), 59,90 EUR (Buch)
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Details zum Text

Beschreibung

Veranstaltung:
Keine
Institution / Hochschule:
Autor:
Archivnummer:
V113527
ISBN (E-Book):
978-3-640-13352-9
ISBN (Buch):
978-3-640-13545-5
DOI:
10.3239/9783640133529
Dateigröße:
487 KB

Kategorie:
Magisterarbeit
Jahr:
1998
Seiten:
104
Bibliografie:
~ 60   Einträge
Note:
1,0
Sprache:
Deutsch

Schlagworte:

Zusammenfassung / Abstract

Der Mythos, der der Stadt Timbuktu bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts anhaftete, als die ersten Berichte von europäischen Augenzeugen bekannt wurden, war vorwiegend durch den enormen Goldreichtum des Sudan bedingt, für den die Stadt in den Augen der Europäer stellvertretend war (HERBERT 1980: 449). Timbuktu war in Wirklichkeit jedoch nur ein Umschlagplatz für den Handel zwischen Schwarzafrika und dem Norden und verfügte selbst weder über natürliche Ressourcen noch über Produktionsstätten. Ein anderer Reichtum Timbuktus hingegen war der Stadt selbst und ihrer bewegten Geschichte entwachsen, wenn auch der Handel und äußere Einflüsse hierbei eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielten: Timbuktu entwickelte sich im Laufe seiner Geschichte zu einem Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit und übte als solches Einfluß auf die politische und kulturelle Entwicklung Westafrikas aus. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, diese Tradition genauer zu beleuchten, ihre Entwicklung vor dem Hintergrund der Geschichte zu skizzieren und die unterschiedlichen Faktoren zu benennen, die zu ihrer Entstehung, zu ihrer Blüte und zu ihrem Niedergang beitrugen. Ein zentraler Faktor, der hierbei verdeutlicht werden soll, ist die Wechselwirkung zwischen der Gelehrtentradition, der islamischen Religion, der ökonomischen Prosperität und der politischen Stabilität. So soll weiterhin analysiert werden, in welchem Verhältnis die Gelehrten Timbuktus während der verschiedenen Epochen und Reiche zu den jeweiligen Machthabern standen und welche Rolle sie für die Geschicke der Stadt gespielt haben. Schließlich wird untersucht, in welcher Weise Timbuktu als Zentrum der Lehre die kulturelle und religiöse Entwicklung Westafrikas geprägt hat.

Textauszug (computergeneriert)

Institut für Afrikanistik der Universität zu Köln

Timbuktu
als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit
im Wandel der Geschichte

Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der Magisterprüfung der Philosophischen
Fakultät der Universität zu Köln

vorgelegt von
Peter Lenke

Köln, im September 1998

 


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"Das Salz kommt aus dem Norden,
das Gold aus dem Süden,
das Geld aus den Ländern des weißen Mannes,
aber das Wort Gottes und die Schätze der Weisheit
finden sich nur in Timbuktu"

Sprichwort aus dem Sahel

 


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 5
2. Quellen und Methode 6
2.1. Quellen 6
2.1.1. Primärquellen 6
2.1.2. Bewertung der Quellen 10
2.2. Methode 12
3. Die Geschichte Timbuktus als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit 15
3.1. Die Gründung der Stadt 15
3.1.1. Die Ursprünge Timbuktus 15
3.1.2. Der Sudan vor dem Aufstieg Timbuktus 16
3.1.2.1. Der Transsahara-Handel 17
3.1.2.2. Die Ausbreitung des Islam in Westafrika 19
3.2. Der Aufstieg Timbuktus zum Gelehrtenzentrum unter Mali 23
3.2.1. Historischer Überblick 23
3.2.2. Die Gründung einer Gelehrtentradition 25
3.2.2.1. Der Einfluß der Politik Mansa Mussas 25
3.2.2.2. Der Aufstieg Timbuktus 27
3.2.2.3. Die ersten Gelehrten Timbuktus 31
3.3. Die Stadt unter den Tuareg 35

 


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3.3.1. Historischer Überblick 35
3.3.2. Die Ulama unter den Tuareg 36
3.4. Timbuktu unter Songhai-Herrschaft: Sonni Ali 40
3.4.1. Historischer Überblick 40
3.4.2. Die Ulama unter Sonni Ali 41
3.4.2.1. Die Politik Sonni Alis gegenüber den Gelehrten Timbuktus 41
3.4.2.2. Die verbleibenden Gelehrten Timbuktus 45
3.5. Die Blütezeit Timbuktus unter den Askia 47
3.5.1. Historischer Überblick 47
3.5.2. Die Blüte Timbuktus als Gelehrtenstadt 50
3.5.2.1. Die Gelehrten Timbuktus unter den Askia 51
3.5.2.2. Organisation, Umstände und Inhalt der Lehre 53
3.5.2.3. Bedeutung der Gelehrten Timbuktus im soziokulturellen Kontext des Sudan 59
3.5.3. Die Ulama als politische Akteure 61
3.5.3.1. Die Politik Askia Mohammeds 62
3.5.3.2. Der politische Einfluß der Ulama unter den Askia 65
3.6. Die marokkanische Eroberung und die Herrschaft der Arma 73
3.6.1. Historischer Überblick 73
3.6.2. Die Gelehrtentradition unter den Arma 75
3.7. Das 19. Jahrhundert 83
3.7.1. Historischer Überblick 83
3.7.2. Die Gelehrtentradition im 19. Jahrhundert 87
4. Zusammenfassung 91
Anhang 94
Begriffsverzeichnis 94
Zeittafel 96
Bibliographie 98

 


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1. Einleitung
Der Mythos, der der Stadt Timbuktu bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts anhaftete, als die ersten Berichte von europäischen Augenzeugen bekannt wurden, war vorwiegend durch den enormen Goldreichtum des Sudan1 bedingt, für den die Stadt in den Augen der Europäer stellvertretend war (HERBERT 1980: 449). Timbuktu war in Wirklichkeit jedoch nur ein Umschlagplatz für den Handel zwischen Schwarzafrika und dem Norden und verfügte selbst weder über natürliche Ressourcen noch über Produktionsstätten. Ein anderer Reichtum Timbuktus hingegen war der Stadt selbst und ihrer bewegten Geschichte entwachsen, wenn auch der Handel und äußere Einflüsse hierbei eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielten: Timbuktu entwickelte sich im Laufe seiner Geschichte zu einem Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit2 und übte als solches Einfluß auf die politische und kulturelle Entwicklung Westafrikas aus.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, diese Tradition3 genauer zu beleuchten, ihre Entwicklung vor dem Hintergrund der Geschichte zu skizzieren und die unterschiedlichen Faktoren zu benennen, die zu ihrer Entstehung, zu ihrer Blüte und zu ihrem Niedergang beitrugen. Ein zentraler Faktor, der hierbei verdeutlicht werden soll, ist die Wechselwirkung zwischen der Gelehrtentradition, der islamischen Religion, der ökonomischen Prosperität und der politischen Stabilität. So soll weiterhin analysiert werden, in welchem Verhältnis die Gelehrten4 Timbuktus während der verschiedenen Epochen und Reiche zu den jeweiligen Machthabern standen und welche Rolle sie für die Geschicke der Stadt gespielt haben. Schließlich wird untersucht, in welcher Weise Timbuktu als Zentrum der Lehre die kulturelle und religiöse Entwicklung Westafrikas geprägt hat.
Diese Arbeit soll einen Beitrag leisten zu einem Verständnis der Entwicklung Timbuktus als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit im Wandel der Geschichte und im Spannungsfeld

1 Der Begriff ,,Sudan" wird hier und im folgenden zur Bezeichnung der zwischen Sahara und tropischem Regenwald gelegenen Zone Westafrikas verwendet.
2 Unter ,,Gelehrsamkeit" wird im Rahmen dieser Arbeit ausschließlich jene elitäre Form der Lehre verstanden, die durch einen gewissen Grad von wissenschaftlicher Institutionalisierung gekennzeichnet ist. Die traditionelle afrikanische Wissensvermittlung im Sinne von oraler Initiation wird hierbei außer acht gelassen.
3 Der Begriff der ,,Gelehrtentradition" scheint gerechtfertigt, da es sich um ein kontinuierliches, von Generation zu Generation weitergegebenes Charakteristikum der Stadt Timbuktu handelt.
4 Als Synonym für ,,Gelehrte" wird in dieser Arbeit häufig der arabische Begriff ,,Ulama", teilweise auch die Bezeichnung ,, Professoren" verwendet.

 


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zwischen konkurrierenden Mächten und Interessen, zwischen afrikanischer Tradition und äußeren Einflüssen, zwischen Religion, Wirtschaft und Staat. Sie wird eingeleitet mit einer Vorstellung und Bewertung der Quellen sowie einer Darlegung der Methode. Der Hauptteil der Arbeit ist chronologisch aufgebaut, wobei einzelne zeitübergreifende Aspekte wie z. B. die Organisation der Lehre in Timbuktu stellvertretend für alle Epochen an gegebener Stelle behandelt werden. Am Anfang steht nach der Beschreibung der Stadtgründung eine kurze Darstellung des Handels und der Ausbreitung des Islam im Sudan vor dem Aufstieg Timbuktus. Da diese beiden Faktoren mit der Gelehrtentradition in engem Zusammenhang stehen, erscheint es unabdingbar, hierauf zu Beginn der Arbeit einzugehen. Danach wird die Geschichte Timbuktus als Zentrum afrikanischer Gelehrsamkeit wiedergegeben, wobei jedes Kapitel einen durch die historischen Ereignisse gegebenen Abschnitt der Stadtgeschichte behandelt. Innerhalb der Kapitel folgt einem kurzen historischen Überblick jeweils eine genauere Betrachtung der Fakten und Entwicklungen, die den Aspekt der Gelehrtenstadt betreffen.
2. Quellen und Methode
2.1. Quellen
2.1.1. Primärquellen

Die Hauptquellen dieser Arbeit sind die sogenannten Tarikhs, von Gelehrten Timbuktus in arabischer Sprache verfaßte Chroniken. Es handelt sich um
- den Tarikh El-Fettach, der gemeinhin Mahmud KATI und einem seiner Enkel zugeschrieben wird,
- den Tarikh Es-Sudan, verfaßt von Abderrahman ES-SADI, sowie
- den Tedzkiret en-Nisian, dessen Autor unbekannt ist.
Ein erstes Manuskript des Tarikh El-Fettach wurde 1911 von A. Bonnel DE MÉZIÈRES in Timbuktu gefunden (MAUNY 1961: 38). Es ist betitelt mit: Chronique du chercheur pour servir à

 


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l′histoire des villes, des armées et des principaux personnages du Tekrour, wobei mit Tekrur nicht das mittlere Senegaltal sondern das islamisierte Westafrika gemeint ist (CORNEVIN 1966: 219) Über seine Urheberschaft war man sich lange Zeit im unklaren. Man schreibt dieses Geschichtswerk heute Mahmud KATI (1468-1543) zu, der es 1519 begonnen hatte, sowie IBN AL-MUKHTAR, einem seiner Enkel, der es bis 1665 fortsetzte (MAUNY 1961: 39)5. Mahmud KATI war ein Soninke und verbrachte sein Leben in Timbuktu, wo er zeitweise das Amt des Kadi ausübte und den Titel des Alfa trug (HOUDAS & DELAFOSSE 1964: Einleitung zum Tarikh El-Fettach). Er war ein enger Freund Askia Mohammeds, den er auf seiner Wallfahrt nach Mekka begleitete, und diente ebenfalls dessen Nachfolgern als Berater. Der Tarikh El-Fettach umfaßt neben einer ausführlichen Darstellung des Lebens und der Regierung Askia Mohammeds hauptsächlich die Geschichte des Reiches Songhai sowie der ersten Jahrzehnte des marokkanischen Paschalik. Hinzu kommen einige wertvolle Informationen zu Mansa Musa und dem Reich Mali. Man konnte nachweisen, daß der Tarikh El-Fettach im 19. Jahrhundert von Seku Amadu, dem Herrscher Massinas, verfälscht wurde6, um sich als letzten Kalifen des Islam auszugeben.
Abderrahman ES-SADI, der Autor des Tarikh Es-Sudan, wurde am 28. Mai 1596 in Timbuktu geboren. Er entstammte einer angesehenen Familie und war Notar in Djenné bevor schließlich ab 1627 das Amt des Imam der Moschee von Sankore in Timbuktu bekleidete. Später war er zudem Sekretär am Hofe der Paschas und spielte ab 1629 eine Vermittlerrolle am Hof der Paschas (HOUDAS 1964: Einleitung zum Tarikh Es-Sudan). ES-SADI schrieb den Tarikh Es-Sudan ungefähr zwischen 1627 und 1655, dem Jahr seines Todes (MAUNY 1961: 39). Der westlichen Wissenschaft wurde dieses monumentale Geschichtswerk erstmals durch Heinrich BARTH zugänglich gemacht, der ein Exemplar des Tarikh Es-Sudan auf seiner Reise durch Westafrika in Gando entdeckte, dieses für seine Reisen und Entdeckungen verwendete, es jedoch irrtümlich dem Gelehrten Ahmed Baba zuschrieb. Erst Felix DUBOIS konnte nachweisen, daß ES-SADI der wahre Urheber des Tarikh Es-Sudan ist (DUBOIS 1897: 351f). Der Tarikh Es-Sudan enthält die einzigen überlieferten Angaben über die Gründung Timbuktus und die frühe Phase der Stadtentwicklung. Ein großer Teil des Werkes ist - wie beim Tarikh El-Fettach - der Geschichte Songhays und des Paschaliks bis 1655 gewidmet. Zusätzlich beinhaltet das Werk ES-SADIS ausführliche Biographien der Gelehrten Timbuktus sowie der Imams der Moscheen Djingereber und Sankore, die im Zusammenhang mit dieser Studie von großem Wert sind. Schließlich gibt

5 In der Literaturangabe wird zur Vereinfachung lediglich der Name Mahmud KATIS angegeben.
6 Es war ein gewisser Al-Mukhtar ben al-Tahir, Schüler Al-Mukhtar al-Kuntis und Ulama Timbuktus, der im Auftrag Seku Amadus diese Manipulationen am Tarikh El-Fettach vornahm (SAAD 1983: 215-16).

 


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der Autor uns wichtige Informationen zu Mali und dem Mansa Musa sowie eine Beschreibung der Stadt Djenné, dem südlichen Pendant von Timbuktu, und ihrer Gelehrten. Teile des Tarikh Es-Sudan sind an das Werk IBN BATTUTAS sowie - was die Biographien betrifft - an die Schriften Ahmed Babas angelehnt.
Der Tedzkiret en-Nisian schließlich ist ein biographisches Wörterbuch aus der Zeit des Paschalik, welches detaillierte Informationen zu den in Timbuktu regierenden Paschas bis 1751 bietet. Sein Autor läßt seinen Namen ungenannt, was M. ABITBOL darauf zurückführt, daß dieser sein Werk auf bereits existierende Schriften stützte (ABITBOL 1979: 13). CISSOKO mutmaßt, daß der Autor ein in Timbuktu geborener Peul war (CISSOKO 1969: 54). Die einzigen Angaben zu seiner Person gibt das Werk selber. So wurde er im Jahre 1700 geboren und schloß sein Werk im Jahre 1751 ab (TYMOWSKI 1990: 351). Der Tedzkiret en-Nisian bietet, wenn er auch weitaus weniger ausführlich als die Tarikhs ist, eine Weiterführung der Geschichtsschreibung bis ins 18. Jahrhundert. Er erlaubt es, die Periode des Paschalik zu rekonstruieren und die Geschichte Timbuktus in diesem unzureichend dokumentierten Zeitraum nachzuverfolgen. Für die vorliegende Arbeit lag diese Primärquelle (durch den Umzug der Pariser Bibliothèque Nationale bedingt) leider nicht im Original vor, es konnten jedoch Sekundärquellen wie das Buch Michel ABITBOLS: Tombouctou et les Arma verwendet werden, die den Tedzkiret en-Nisian umfassend ausschöpfen. Ähnliches gilt für eine Reihe weiterer Quellen wie z. B. das Biographische Lexikon der Gelehrten des Sudan des Ahmed Baba aus Timbuktu (siehe CHERBONNEAU 1854-55) und andere Quellen, die nur in arabischer Sprache vorliegen, jedoch von mehreren Autoren in den Sekundärquellen aufgegriffen und ausgewertet werden.
Neben diesen drei Hauptquellen für die Geschichte Timbuktus geben noch eine Reihe anderer Primärquellen Aufschluß über die Stadt zu unterschiedlichen Epochen sowie über Ereignisse im Zusammenhang mit dem Thema dieser Arbeit. Die erste Primärquelle, die in dieser Hinsicht relevante Informationen enthält, ist die 1068 veröffentlichte Beschreibung Nordafrikas des andalusischen Geographen EL-BEKRI. Dieses Werk entstand zwar vor der Gründung Timbuktus, enthält jedoch interessante Informationen in Bezug auf die frühe Verbreitung des Islam und die Bevölkerung des Gebietes, in welchem kurze Zeit später Timbuktu entstehen sollte. Der erste, der die Stadt in einem Reisebericht erwähnte, war IBN BATTUTA. Der 1304 in Tanger geborene Weltreisende bereiste in den Jahren 1352-53 den Sudan und besuchte 1353 Timbuktu. Seine Beschreibung der Stadt ist zwar kurz, stellt jedoch den einzigen Augenzeugenbericht aus der Zeit der Vorherrschaft Malis dar. IBN BATTUTAS Beschreibung des Sudan enthält zudem eine Fülle

 


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von Informationen zum Reich Mali, zum Islam am Hofe des Mansa sowie zur Stadt Walata, deren Funktionen als Handels- und Gelehrtenstadt wenig später von Timbuktu übernommen wurden. In Bezug auf das Reich Mali und insbesondere für die Wallfahrten seiner Herrscher sind als weitere wichtige Quellen das 1336-38 geschriebene Masalik des aus Damaskus stammenden AL-OMARI sowie das Werk des IBN KHALDUN, eines 1332 in Tunis geborenen Geschichtswissenschaftlers, zu nennen. Diese beiden Gelehrten hatten im Gegensatz zu IBN BATTUTA niemals die Gebiete südlich der Sahara bereist, verfügten jedoch über gute Informanten (MAUNY 1961: 34,37). Der nächste Reisende, der einen Augenzeugenbericht von Timbuktu hinterlassen hat ist Leo AFRICANUS. Der 1493 in Grenada geborene und in Fes aufgewachsene marokkanische Geograph bereiste zweimal Westafrika bevor er in Gefangenschaft sizilianischer Korsaren geriet, zum Christentum konvertierte und unter der Schirmherrschaft des Papstes 1526 seine Beschreibung Afrikas schrieb. Diese enthält eine recht ausführliche Beschreibung der Stadt Timbuktu, welche Leo AFRICANUS zwischen 1510 und 1514 zur Zeit der Askia wahrscheinlich zweimal besucht hat (MAUNY 1961: 46).
Aus dem 19. Jahrhundert sind schließlich mehrere Berichte europäischer Reisender überliefert, die im Rahmen dieser Arbeit über allgemeine historische Informationen hinaus von großem Nutzen sind. Sie sind gleichzeitig ein Beleg der relativen Bedeutungsabnahme der Stadt und ihrer Gelehrtentradition und ein Zeugnis dessen, was trotz ungünstiger Rahmenbedingungen von dieser übrig blieb. Der erste Europäer, der Timbuktu erreichte und davon Zeugnis ablegte, war der 1799 in der Vendée geborene Franzose René CAILLIÉ. Nachdem der Schotte Gordon LAING bereits 1826 Timbuktu besucht hatte, jedoch auf dem Rückweg ermordet wurde, gelang es CAILLIÉ, der sich als Muslim getarnt hatte, nach einem zweiwöchigen Aufenthalt in der Stadt (20. April bis 4. Mai 1828) wieder zurück nach Europa zu gelangen und eine detaillierte Beschreibung Timbuktus zur Zeit Seku Amadus in Europa zu veröffentlichen. Noch ausführlicher ist der Reisebericht Heinrich BARTHS, der in den Jahren 1849-55 im Auftrag der englischen Regierung Westafrika bereiste und sich mit kurzen Unterbrechungen vom 7. September 1853 bis zum 8. Mai 1854 unter der Obhut des Kunta-Scheichs Sidi Ahmed al-Bakay in Timbuktu aufhielt. BARTH war der erste europäische Wissenschaftler, der die Stadt besuchte und er gilt aufgrund seiner umfangreichen und für die damalige Zeit beispiellosen Forschungsarbeit als Begründer der modernen Afrikaforschung. Sein Bericht zeichnet ein präzises Bild der Stadt zur Zeit des Machtkampfes zwischen Peul, Kunta und Tuareg. Die letzte, den für die vorliegende Arbeit gewählten Zeitraum betreffende Primärquelle ist der Reisebericht des Österreichers Oskar LENZ (1848-1925), der von 1879 bis 1880 als türkischer Arzt verkleidet Westafrika bereiste und sich

 


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vom 1. bis zum 19. Juli 1880 in Timbuktu aufhielt. Seine Aufzeichnungen sind - bedingt durch den kurzen Aufenthalt - weniger ausführlich als die BARTHS, enthalten jedoch gerade in Bezug auf die Reste der Gelehrtentradition einige interessante Details.
2.1.2. Bewertung der Quellen
Die im vorigen Abschnitt vorgestellten und als Fundament dieser Arbeit benutzten Primärquellen sind von unterschiedlicher Aussagekraft und Qualität und es ist notwendig, sie in Hinblick auf die Umstände ihrer Entstehung und vor allen Dingen unter Berücksichtigung der Situation und der Subjektivität ihrer Autoren zu prüfen und zu bewerten (siehe JONES 1990 : 25). Grundsätzlich ist zu unterscheiden zwischen lokalen Chroniken (Tarikh El-Fettach, Tarikh Es-Sudan und Tedzkiret en-Nisian), Reiseberichten (IBN BATTUTA, Leo AFRICANUS, René CAILLIÉ, Heinrich BARTH und Oskar LENZ) sowie Aufsätzen von arabischen Gelehrten, die sich auf Informanten stützten, ohne die beschriebenen Gebiete oder Ereignisse selbst gesehen zu haben (EL-BEKRI, IBN KHALDUN, AL-OMARI).
Die erstgenannten Quellen besitzen zweifellos die größte Aussagekraft, da sie von einheimischen afrikanischen Gelehrten geschrieben wurden, die gewissermaßen Bestandteil dessen waren, was sie beschreiben. Es ist jedoch angebracht, zu differenzieren. Große Teile des Tarikh El-Fettach und des Tarikh Es-Sudan beziehen sich auf den Zeitabschnitt vor der Geburt der Autoren und sind lediglich eine Übernahme oraler Traditionen, Aussagen älterer Augenzeugen bzw. damals vorhandener schriftlicher Quellen. So können den Tarikh El-Fettach betreffend lediglich die Ereignisse vom Ende des 15. Jahrhunderts bis 1665 und im Falle des Tarikh Es-Sudan nur jene zwischen dem Ende des 16. Jahrhunderts und 1655 von den Autoren selbst miterlebt worden sein. Man kann jedoch davon ausgehen, daß die Autoren wegen der von ihnen bekleideten Ämter und aufgrund ihres hohen Bildungsgrades Zugang zu seriösen Quellen hatten und vor allen Dingen den notwendigen methodischen Hintergrund zur Auswertung dieser Quellen besaßen. Ein wichtiger Umstand hingegen, der bei der Auswertung der Tarikhs zu beurteilen ist, ist die Tatsache, daß die Autoren Muslime waren und somit die Ereignisse und Herrscher vom Standpunkt des Islam aus betrachteten und beurteilten (KI-ZERBO 1981: S.129). Ein weiterer, die Objektivität KATIS und ES-SADIS einschränkender Faktor ist die Tatsache, daß sie selbst der Gruppe der Ulama angehörten, was zwangsläufig zu einer zusätzlichen Einseitigkeit der

 


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