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Wissenschaftliche Arbeit im Fach Latein
zur Zulassung zur wissenschaftlichen Prüfung
für das Lehramt an Gymnasien
Form und Funktion der recusatio bei
Form und Funktion der recusatio bei
Form und Funktion der recusatio bei
Form und Funktion der recusatio bei
Horaz
Horaz
Horaz
Horaz
Vorgelegt von:
Robert Igel
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung....................................................................1
2. Die literarische Tradition - Formen und Merkmale der recusatio vor Horaz.....7
3. Recusatio bei Horaz..........................................................18
3.1. Die recusatio in den Satiren (I 10, II 1)..............................18
3.2. Die recusatio in den Oden..............................................21
3.2.1. Ode I 6 Ein dreifaches Enkomium.................................21
3.2.2. Ode IV 15 - Herrscherpanegyrik.....................................29
3.2.3. Ode II 12 Maecenas, oder: Von der Fremd- zur Selbstdarstellung..34
3.3. Von den Oden zur Augustusepistel: Grenzformen der recusatio............38
4. Fazit........................................................................43
5.Literaturverzeichnis..........................................................48
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1. Einleitung
Der Begriff
recusatio
als Terminus, der bestimmte Gedichte und Gedichtformen
der antiken Literatur beschreibt, ist ein Produkt der Moderne, die mit ihm
versucht, sowohl gewisse Leitlinien und Abhängigkeiten in der literarhistorischen
Betrachtung aufzuzeigen, als auch immer auf gewisse Eigenarten eines Dichters
oder einer Gruppe von Dichtern zu stoßen. Bei Letzterem sind sogenannte
poetologische Gedichte von entscheidender Bedeutung, d.h. solche, in denen das
lyrische Ich, also das, was man in Zeiten positivistischer Literaturwissenschaft als
den »Dichter« bzw. seine angeblich historisch fassbare Person bezeichnet hatte, in
der Rolle des
poeta
erscheint, der den eigenen Standpunkt zu Grundfragen der
literarischen Produktion seiner eigenen Person wie auch der von anderen
reflektiert und hinterfragt.
Poetologische Gedichte oder diejenigen, die sich als solche interpretieren lassen,
sind in der antiken Literatur durchaus häufig, so kennen wir von den
einigermaßen erhaltenen Lyrikern kaum einen, der nicht in irgendeiner Weise zu
seiner Dichtungskonzeption Stellung genommen hätte. Auffallend ist, dass die
Motive und Techniken, derer sich poetologische Aussagen in der griechisch-
römischen Antike hier sei nur beispielhaft auf den Musenanruf und
Inspirationsszenen verwiesen - bedienen, durchaus über eine überaus lange
Halbwertszeit verfügen, die bis in die Moderne reicht. Dass Dichter dabei unter
Zuhilfenahme von Variation und Abgrenzung, gleichermaßen aber auch vor allem
Selbsteinordnung und -orientierung innerhalb der literarischen Tradition diese
Motive auf verschiedenste Weise nutzen, sie im Rahmen einer literarischen
imitatio
übernehmen oder die Grenzen der Vorlage durch
aemulatio
verändern,
aufweichen, in ihr Gegenteil verkehren oder völlig sprengen, ist ein
konstituierendes Merkmal der Literaturgeschichte, dass kontrastierende
Untersuchungen wie den literarischen Diskurs überhaupt erst ermöglicht. Nicht
weniger setzen auch dieselben Autoren innerhalb ihres Werkes dieselben
Techniken variierend ein und oft ist das nicht nur »literarisches Spiel«, sondern
durchaus ernstzunehmende Beleuchtung der eigenen Dichtung aus verschiedenen
Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Absichten.
Die Technik der
recusatio,
mit der sich diese Arbeit befasst, ist eine solche und
gleichermaßen eine so häufige, dass es verwundert, dass sie ihren Namen erst zu
Beginn des 20. Jahrhunderts bekommen hat. In einer Festschrift für den großen
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Berliner Philologen Johannes Vahlen benennt dessen Schüler Hans Lucas die
»ausgesprochene Weigerung [des Dichters], welche die Erfüllung in sich schließt«
1
mit
dem Terminus
recusatio
, der zwar die »Weigerung«, nicht jedoch die »Erfüllung« auch in
seiner lateinischen Form beinhaltet. Lucas' Beobachtungen haben aber keineswegs die
gesamte antike Literatur im Blick, sondern nur einen Bruchteil derselben: das Werk des
Horaz, das eine besonders hohe Dichte an
recusationes
aufweise. In der Tat kann man
eine große Zahl von Gedichten des Horaz unter dem Aspekt der »Weigerung« sogar
freilich überspitzt und gewiss die bejahenden Aspekte der horazischen Lyrik übersehend
- in gewisser Weise als Gedichte »für eine Kultur der Verweigerung«
2
lesen, Lucas
kommt es aber vor allem auf die Verbindung von Poetologie und Weigerung an, er
meint in seiner Definition ausschließlich poetologische
recusationes.
Diese seien
:
»[1.] Weigerung, jemanden durch ein erhabenes Gedicht zu ehren und damit
die Erfüllung; [2.] die Abwälzung des Auftrages auf eine andere Dichtgattung; [3.]
Anspielung auf frühere Leistungen, die verleugnet werden«
3
. Die Annahme, dass
recusationes
auf den konkreten Wunsch eines Gönners oder einer anderen Person
antworten, ist heute m.E. nicht mehr haltbar, der apologetische Kontext der Weigerung,
d.h. das, wogegen sich die Weigerung richtet, kann bestenfalls imaginiert sein
4
. Ebenso
ist es bisher nicht gelungen, konkrete Anlässe außerhalb der Dichtung selbst zu belegen,
somit gilt die gleiche Vorsicht, die man bei vermeintlich (auto-)biographischen
Aussagen in der Lyrik und anderswo gemeinhin walten lässt.
Für den ersten Teil der Definition, die Weigerung und gleichzeitige Erfüllung umfasst,
ist Lucas' interessante Parallelstellung zwischen
recusatio
und der rhetorischen Figur der
praeteritio
verantwortlich, der »in die Scheinform der Übergehung gekleidete
Erwähnung«
5
, die er analog zu seiner Grundannahme einer konkreten
Weigerungssituation, die von einer fordernden Person ausgeht, die in irgendeiner Weise
Ansprüche auf enkomiastische Verherrlichung erhebt, jedoch nur auf die in dem
Gedicht genannten oder adressierten Personen bezieht, nicht jedoch auf literarische
Genera. Diese kommen erst im zweiten Teil der Definition ins Spiel,
recusatio
sei nicht
nur Ablehnung, sondern auch Empfehlung einer möglicherweise geeigneteren
literarischen Gattung für Inhalte, die der
poeta
der eigenen als nicht angemessen
empfindet. Tatsächlich jedoch sind es nicht besonders viele Gedichte, die gemeinhin mit
dem Begriff
recusatio
bezeichnet werden und gleichzeitig entweder eine Dichter- oder
Gattungsempfehlung aussprechen
6
- die Grundidee, der »eigentliche Kern der
1
Lucas (1900) 321.
2
So der Titel von Nickel (2005).
3
Lucas (1900) 329.
4
Vgl. Junk (2001) 2 und bes. 22.
5
Lucas (1900) 321.
6
Ein Gegenbeispiel ist z.B. Hor. carm. IV 15.
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Definition«
7
ist die Weigerung und als solche lässt sich der Begriff
recusatio
möglichst
extensiv fassen, bevor weitere Kategorisierungen möglich und bei der
zugegebenermaßen weitläufigen Verschiedenartigkeit der
recusationes
, die wir haben,
nötig sind. Die Weigerung ist essentieller Bestandteil, von dem die gleichsam optionalen
Elemente »Abwälzung [...] auf eine andere Dichtgattung« und »Anspielung auf frühere
Leistungen« abhängig sind, da eine Ablehnung kaum formuliert werden kann, ohne
dass das Abgelehnte benannt wird.
Die nächsten bedeutenden Auseinandersetzung mit dem Phänomen
recusatio
fußt auf
dem für das Verständnis hellenistischer wie auch römischer Lyrik und ihrer Poetologie
wichtigsten Papyrusfund des 20. Jahrhunderts, dem Aitienprolog des Kallimachos.
Durch ihn ist es trotz seines fragmentarischen Erhaltungszustandes und erheblicher
philologischer Grabenkämpfe - möglich geworden, gewissen Elementen der
poetologischen Aussagen eines Catull, Properz, Vergil etc. zumindest einen Vorgänger
zuzuweisen. Gleichermaßen scheint er für eine bestimmte
recusatio
-Form, nämlich
diejenige, bei der eine Gottheit den Dichter zu einer bestimmten Form von Dichtung
»anleitet«, der wichtigste Prätext zu sein, auf den die römische Lyrik immer wieder
eindeutig, jedoch in unterschiedlichen Ausformungen, Bezug nimmt.
Die auch heute noch unersetzliche Studie
Kallimachos in Rom
8
, in der Wimmel den
Einfluß des Kallimachos v.a. auf die augusteische Dichtung
in
extenso
und in ebenso
klaren Linien herausarbeitet, ist von so großer Bedeutung, weil sie den horazischen
Tunnelblick Lucas' auf die großen Dichter der augusteischen Zeit erweitert, die
Kallimachosrezeption und ihre Formen als verbindendes Element erkennt und benennt.
Wimmel interpretiert den Aitienprolog als »apologetische Dichtung« und wendet das
Merkmal der Selbstrechtfertigung auf die von ihm abhängigen Gedichte an und bettet
die
recusatio
als eine Form der Apologie ein. Interessanterweise kommt er dabei die
recusatio
betreffend zu ähnlichen Aussagen wie Lucas: sie sei »gewährendes Verweigern«
und - davon abhängig - »Reihung großer Stoffe«
9
. Während Lucas' in der
recusatio
v.a.
Ablehnung von panegyrischer und enkomiastischer Dichtung jedweder Art sah, ist
Wimmel der Auffassung, dass es Kallimachos besonders auf die Ablehnung des Epos
ankomme
10
. Solche Divergenzen der Beurteilung entspringen der Perspektive, die
gewählt wird, um das Phänomen
recusatio
zu fassen. Man muss sich bei seiner
Betrachtung vergewissern, dass man, um der Universalisierbarkeit Genüge zu tun, weder
die Stellung des Kallimachos vorbehaltlos auf alle Nachfolger abbildet, noch den Blick
zu eng auf nur einen Dichter und seinen Einsatz der
recusatio
richtet, sondern immer
7
Junk (2001) 2.
8
Wimmel (1960).
9
Wimmel (1960) 323 u. 168.
10
Vgl. Junk (2001) 2ff.
3
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auch über den Tellerrand, d.h. in die Motivgeschichte, blicken muss, bevor und
nachdem man Abhängigkeiten und Formen verstanden zu haben glaubt.
Mehr als einhundert Jahre nach Lucas gehört der Terminus
recusatio
zum
Standardrepertoire der klassischen Philologie und der Beschäftigung mit Kallimachos
und seinen augusteischen Rezipienten. In der einschlägigen Forschungsliteratur gibt es,
was ihn betrifft, wohl mehr Definitionen und Schattierungen des Begriffes, als es
recusationes
gibt. Junks Dissertation über
Die augusteische recusatio
zeigt in ihrer
Einleitung anschaulich, dass all diese Definitionen an einem Mangel kranken, nämlich,
dass sie sich zu sehr auf die Art des durch die
recusatio
Abgelehnten konzentrieren und
konstatiert diesbezüglich ein Schwanken zwischen »Gattung« und »Thema«.
11
In der Tat
kann man, wenn man nur einzelne Gedichte, die eine
recusatio
beinhalten, behandelt,
offenbar zu ganz unterschiedlichen Auffassungen kommen. Die Grenzen zwischen
Panegyrik und Enkomion, Epos und Tragödie scheinen zu verschwimmen, manchmal
wird die recusatio zu einer Ablehnung eines nicht näher bestimmten »Lebensgefühls«
im Rahmen eines vormodernen »Pazifismus«, so dass eine »Eingrenzung über den Inhalt
[...] nicht durchgeführt werden kann«
12
, weder ist die Ablehnung auf eine Gattung
beschränkt
13
, noch setzt sich jede
recusatio
mit einem Lebensgefühl oder gar mit
Kriegshandlungen auseinander. Im Gegenteil, die Form der
recusatio,
das rhetorische
Mittel der Weigerung, ist, wie sich zeigen wird, eine Möglichkeit, die in besonderer
Weise genutzt wird, verschiedene Inhalte aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten,
und scheint dabei ganz besonders anfällig für Motivvariationen zu sein auch für
solche Motive, die deutlich älter sind als die Aitien des Kallimachos.
Ein Motiv, das in der Forschungsliteratur immer wieder als unverzichtbarer Bestandteil
v.a. der augusteischen
recusationes
erscheint, teilweise sogar mit ihr gleichgesetzt wird,
ist das Motiv der
excusatio.
Tatsächlich fällt auf, dass ein nicht unbedeutender Teil
dieser
recusationes
eine Begründung enthält, warum der
poeta
gewisse Formen und
Inhalte ablehnt
14
. Oft ist diese mit dem Topos der affektierten Bescheidenheit
11
Junk (2001) 3ff.
12
Junk (2001) 5.
13
Ausdrücklich Davis (1991): »The choice of foil genre is, in principle no less than in practice,
unrestricted«, vgl auch Junk (2001) 5: »Man findet die Ablehnung epischer Dichtung (z.B.
Prop. 1.7, Prop. 3.3, Ov. am. 1.1) genauso wie die Ablehnung der Dichtung in anderen, nicht-
epischen Gattungen (z.B. Ov. am. 3.1, Hor. carm. 2.9). Oft ist auch die Gattung der abgelehn-
ten Lobdichtung nicht genannt (z.B. Verg. ecl. 6, Hor. sat. 2.1), und hier immer automatisch
auf ein Epos zu schließen ist sicherlich nicht zulässig«.
14
Prominentester Vertreter einer strikten Trennung von
recusatio
und
excusatio
ist der Italiener
D'Anna, vgl. D'Anna (1979/80) 209-10 Anm. 3 »Con
recusatio
la critica definisce la posizione
de Callimaco e di Lucilio i quali scelgono un modo dimesso di poetare, ostendando al tempo
stesso disprezzo per i generi 'alti' di poesia; con
recusatio-excusatio
invece si allude alla posi-
zione die poeti latini augustei, que [...] mostrano ammirazone per l'epos, esprimono il deside-
rio di coltivarlo, quasi certamente senza essere sinceri, e scelgono un genere più dimesso di
poesia come più adatto alle loro capacità limitate«; ganz ähnlich auch D'Anna (1991) 133
.
4
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verbunden. Für die Praxis ist eine Kategorisierung einzelner Gedichte nach
recusatio
und
excusatio
wenig hilfreich, ebenso wie eine zu kleinteilige Sortierung nach
abgelehnten Inhalten: die sog.
excusatio
ist eine Konsequenz der
recusatio,
ihre
Begründung
und Weiterführung. Man darf das hat schon Lucas im Kern völlig richtig
gesehen die
recusatio
weder als beliebten Gedichttypus, noch als Motiv oder Topos im
eigentlichen Sinne, sondern wie die
praeteritio
als rhetorisches Mittel sehen.
Recusatio
und
praeteritio
sind prinzipiell dieselbe rhetorische Figur, die durch scheinbare
Ablehnung bzw. Übergehung gekennzeichnet ist, die
recusatio
hat jedoch ihren festen
Platz in der Dichtung, ist immer poetologischer Natur und befasst sich mit Gattungen
und / oder Inhalten von Dichtung, kurz: sie ist im Kern eine literarische
praeteritio.
15
Diese grundlegende Definition der
recusatio
aus der
praeteritio
heraus führt zu der
Überlegung, inwiefern
recusatio
als rhetorisches Mittel analog zur ensprechenden
Technik der
praeteritio
dazu dient oder dienen kann, sprachliches Material, Themen
und Inhalte, die v.a. die der Charakterisierung der abgelehnten Genera dienenden
Partien bieten, in die eigene lyrische Form zu integrieren und im Rahmen der schon von
Lucas' konstatierten »Erfüllung« zu sehen. Harrison bringt die Frage und ihre
Implikationen am Beispiel der Integration epischen Materials - auf den Punkt:
»Is the epic material simply being written off as something inappropriate for
Horatian lyric discourse, as the poet sometimes claims and many scholars have
assumed? Or is it [...] rather being used in more complicated ways, perhaps satirised
and rejected but also included in and adapted to the lyric form simply by appearing
there recognisably as itself thereby extending and enriching the lyric genre with
evident epic elements?«
16
Wenn
recusatio
in Analogie zur
praeteritio
gesehen wird, aber auch einfacher, wenn
man Ablehnung als Eingrenzung des Eigenen und somit als Negation des Übrigen sieht
und diese Ablehnung sprachlich realisiert wird, so erhält das Abgelehnte gleichzeitig
einen Platz innerhalb des Eigenen.
Diesen Fragen hat sich besonders Gregson Davis gewidmet im Rahmen einer, wie er es
nennt, »radical reinterpretation of the
recusatio«
17
. Worin besteht nun also die
Radikalität seines Ansatzes? Zum einen sei
recusatio
als Begriff nicht geeignet, um das
Phänomen zu beschreiben, denn »the term
refusal
carries a misplaced emphasis«
18
, »for
an ancillary objective of many proclaimed 'refusals' is not to
exclude
, but [...] to
include
generically disparate material while protesting vigorously against it«, ein Gedanke, den
schon Lucas in nicht ganz unähnlicher Weise auf die Formel »Ablehnung bei
gleichzeitiger Erfüllung« gebracht hatte und wie jener benutzt auch Davis die Analogie
15
Ganz genauso Junk (2001) 6f.
16
Harrison (1993) 136.
17
Davis (1991) 7f.
18
Davis (1991) 28ff.
5
Seite 9
zur
praeteritio.
19
Dem aufmerksamen Leser seiner Studie wird schnell bewusst, dass hier
Altbekanntes unter neuem Namen verkauft werden soll:
recusatio
wird zu
generic
disavowal
, einer Zurückweisung »pertaining to genre«
20
. Ohne weiter nachzuverfolgen,
inwieweit
refusal
und
disavowal
im Englischen Bedeutungsunterschiede aufweisen, so
lässt sich doch immerhin sagen, dass zumindest »generic« - wir haben schon gesehen,
dass
recusationes
sich nicht nur auf literarische Genera, sondern ebenso häufig auf die
Art, wie Inhalte präsentiert werden, oder gar auf die Inhalte selbst beziehen auf eine
ebenso deplatzierte Überbetonung und Eingrenzung schließen lässt.
Abgesehen von dem neuen Terminus, der sich aufgrund seiner Bedeutungsenge wohl
nicht durchsetzen wird, fordert Davis jedoch noch einmal dazu auf, bei der
Beschäftigung mit der
recusatio
ihr »paradoxical intent«
21
in den Blick zu nehmen, d.h.
nicht nur zu untersuchen, wie die Ablehnung sprachlich und motivisch realisiert wird,
sondern auch, wie das Abgelehnte charakterisiert wird und ob es in dem ein oder
anderen Gedicht nicht sogar eine größere Rolle einnimmt als bisher angenommen, denn
vielleicht ist es sogar die Synthese
22
von Ablehnung und Abgelehntem, die die
recusatio
ausmacht.
Nach diesen theoretischem Überblick über die Forschungsgeschichte zur
recusatio
allgemein und dem Versuch, eine umfassende Definition zu geben, soll nun im
Hauptteil dieser Arbeit der Umgang mit ihr auf das Werk des Horaz beispielhaft erprobt
werden. Vor der Analyse der Einzelgedichte muss jedoch ein kurzer Überblick über die
Geschichte der Form sowohl in der griechischen als auch in der römischen Literatur
stehen, da nur durch ihn und die Analyse der die Form konstituierenden Merkmale eine
umfassende Bewertung auf der Basis von intertextuellen Bezügen gegründet werden
kann. Wie sich aus den bisher angestrengten Bemühungen leicht ablesen lässt, ist die
Eigenart jeder
recusatio
zum einen in der Art, wie und v.a. mithilfe welcher Motive sie
realisiert wird, zum anderen in der Hinsicht, welche Themen und Gattungen abgelehnt
und charakterisiert werden, und schließlich in der Darstellung der eigenen persönlichen
Dichtungskonzeption zu finden. Alle drei Punkte sollen in den nun folgenden
Ausführungen zur Sprache kommen, um ein Instrumentarium und eine
19
Davis (1991) 29, die bei vielen anglophonen Philologen [sic!] vor allem aus den Vereinigten
Staaten anzutreffende Scheu vor Sprachen wie dem Deutschen, Italienischen und Französi-
schen, die sich in ebenfalls anglophon anmutenden Bibliographien, soweit es sich nicht um
(teilweise übersetzte!) »Klassiker« wie Reitzenstein, Pöschl, Pasquali etc. handelt, nieder-
schlägt, ist auch hier zu beobachten. Wie kann man eine »radikale Neubewertung« der
recu-
satio
vornehmen wollen, ohne auf Lucas oder sonstige Literatur, die sich zu dem Thema
leicht finden lässt, einzugehen?
20
Davis (1991) 28.
21
Davis (1991) 30.
22
Davis (1991) 29f. »
recusatio
often functions as a device of parsimonious 'inclusion' in poetry
that is restricted in length and therefore hospitable to methods of abbreviation«; »assimilati-
on [is] the hidden program of most
recusationes
«; »The speaker begins with a deferral and
ends in a synthesis«.
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