PARTNERSCHAFTLICHKEIT IM
HOCHMITTELALTER
Strickers Konzept für Ehe und Gesellschaft:
Die Ehestandsmären
Studienarbeit
im Fach Germanistik-Mediävistik
von
Horst Haub
Frankfurt, September 2008
2
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1 Vorwort 3
2 Einleitung 6
3 Der Gevatterin Rat
(Aggressivität - Gewalttätigkeit - Dämonisierung, Vergötterung -
Selbstvergessenheit - Passivität) 41
4 Das erzwungene Gelübde
(Besitzanspruch - Verlustangst - Eifersucht) 51
5 Ehescheidungsgespräch
(Unbeherrschtheit - Launenhaftigkeit - Jähzorn) 60
6 Die drei Wünsche
(Lamentieren - Fatalismus, Minderwertigkeitskomplex - Geltungssucht). 68
7 Der begrabene Ehemann
(Selbstverleugnung - Fremdbestimmung, Selbstsucht, Selbstsein -
Konfliktfähigkeit) 76
8 Das heiße Eisen
(Schuldkomplex, Schuldgefühl - Schuldentlastung - Beschuldigung) 83
9 Die eingemauerte Frau
(Ignoranz - Egozentrik - Willkür, Aufmerksamkeit - Sich Einbringen -
Kompromiss-Gemeinschafts-Beziehungsfähigkeit) 96
10 Abkürzungsverzeichnis 111
11 Literaturverzeichnis 112
3
1 Vorwort
Gegenüber einem in der jüngeren Mediävistik und in der Frauenforschung
überwiegend verbreiteten Bild, demzufolge das Schicksal der Frauen im
Mittelalter ein Finsteres war, sie männlicher Willkür und Gewalttätigkeit
schutzlos ausgeliefert gewesen seien, sprechen die volkssprachlichen
Dichtungen eine ganz andere Sprache. Lässt man sich auf die Texte ein und
legt die üblichen Schablonen mit denen die Medävistik sie für gewöhnlich
einordnet einmal beiseite, kann sich ein ganz anderes Mittelalterbild
erschließen. Keine ferne, unverständliche Epoche, die durch exotisches
Anderssein glänzt, sondern eine Gesellschaft, die der unseren erstaunlich nahe
steht. Insbesondere, was die Problematik der Beziehungen von Männern und
Frauen im ehelichen Leben anbelangt.
Zur Frage der Genese und fort wirkenden Attraktivität des ′Alteritäts′-
Paradigmas in der Mediävistik, habe ich in meinem Aufsatz ′Achtundsechziger
Altgermanistik und das Paradigma Alterität. Von der Revolte mit
emanzipatorischem Anspruch zu erneuter Erkenntnisblockade′, 2002,
ausführlich Stellung genommen. Die vorliegende Arbeit ist auch als inhaltlich
konkreter Nachweis gedacht, der die dort geleistete Kritik und postulierte
Blockade der Erkenntnis in der Mediävistik näher erläutert und
ergänzt.
Im Vergleich mit unserer zeitgenössischen Gesellschaft waren die Frauen im
Hochmittelalter zwar nicht ′emanzipiert′, also sie waren z.B. nicht als
Politikerinnen oder Schriftstellerinnen in der Gesellschaft präsent, jedoch waren
sie nicht ohne Stimme. Nicht erst mit der Schriftstellerin Christine de Pizan
(Stadt der Frauen, 1404/1405) hat eine Art ′Gegendiskurs′ zum patriarchalen
misogynen Diskurs stattgefunden. Denn in der mittelalterlichen Dichtung wird
immer wieder die Gleichwertigkeit der Frau in Paar-Beziehungen und ihre
Verehrungswürdigkeit propagiert. Das Recht der Frauen auf personale Würde,
ihr Anspruch nicht nur zum Objekt männlicher Begierde gemacht zu werden,
wird zwar im Mittelalter kaum von den Frauen selbst, aber von einem Teil der
dichtenden Männer vertreten. Die Frau wird bei ihnen zur Vertreterin einer
′Gegenwelt′ in der Niedriges und Hässliches keinen Platz hat. Zorn und Gewalt,
die Jagd nach Macht und Reichtum, sind demnach Bestandteil der
männlichritterlichen
4
Welt und fordern die ritterlichen Helden immer wieder zur
Bewährung heraus. In der Gegenwelt der Frauen herrschen Güte und
Sanftmut, Zärtlichkeit, Treue und Liebe. Die adligen Dichter, die die
Verehrungswürdigkeit der Frauen vertreten sind keineswegs weltfremd. Sie
wissen natürlich auch, dass die realen Frauen keineswegs immer dem idealen
Bild entsprechen, das sie entwerfen. Ihre ′Frauenrechtler′ Position ist aber
auch ganz anders, letztlich gesellschaftspolitisch motiviert. Den Frauen-Verehrern unter den Dichtern steht nämlich eine Frauen-Verächter Fraktion
gegenüber, die daran arbeitet das traditionelle Frauen-Ideal zu demontieren.
Der Verdacht wird hier gepflegt, es handele sich bei der Frau um ein
unbeherrschtes, seinen Begierden ausgeliefertes, untreues Wesen, das
deshalb strenger patriarchaler Aufsicht und Herrschaft bedürfe.
Können die Frauen-Verächter ihr misogynes Frauenbild beim adligen Publikum
durchsetzen, zerstören sie damit gleichzeitig die Hoffnung auf eine Gegenwelt
in der Niedriges und Hässliches keinen Platz hat. Übrig bleibt dann eine Welt in
der jeder Ritter seinen Standesgenossen nur mit Misstrauen und als
potentiellen Feind betrachtet. Denn die Hoffnung auf eine Gesellschaft, in der
sich Mitmenschlichkeit, Solidarität und weitgehende Selbstbestimmung
verwirklichen können, ist nur zu haben, wenn den Frauen-Feinden die
gesellschaftliche Dominanz streitig gemacht wird und die Frauen als zu
verehrende, einer gleichwertigen Partnerschaft würdige Wesen akzeptiert
werden.
Die vorliegende Arbeit will anhand von Strickers ehelichen
Beziehungsgeschichten nachweisen, dass es dem Stricker als einem der
profiliertesten Vertreter der Frauen-Verehrer Fraktion, um die Verteidigung des
gleichwertig-partnerschaftlichen Status der Frauen ging und er damit
gleichzeitig an einer gesellschaftspolitischen Utopie festhält, die auf eine
mitmenschliche Gesellschaft zielt. Die Einleitung diskutiert den
gesellschaftlichen Kontext, durch den erst die dichterische Positionierung des
Stricker und die seiner Mitstreiter verständlich wird und versucht durch einen
aktualisierenden zeitgenössischen Bezug die gesellschaftspolitische Bedeutung
zu erläutern, die der ′Beziehungsfrage′ offensichtlich seit jeher innewohnt und
die am historischen Beispiel vermutlich klarer konturiert erkannt werden kann,
als dies eine Analyse der sich diffus darstellenden Gegenwart erlaubt.
5
Mein Dank für Hilfe bei der Realisierung der Arbeit geht an Professor Ernst
Metzner, der mir durch sein wohlwollendes Interesse und seine Offenheit im
inhaltlichen Bereich geduldig die Möglichkeit eröffnete meine Überlegungen
vorzustellen und zu diskutieren und somit den Prozess der Verschriftlichung
anregte. Ebenso wäre die Arbeit ohne die großzügige Hilfsbereitschaft von
Alfred Arend im Bereich der Informatik und modernen Textverarbeitung wohl
kaum zur Druckreife gelangt.
Anzumerken sei hier noch, dass die vorliegende Arbeit nur sieben
Einzelinterpretationen der insgesamt acht Ehestandsmären des Stricker
enthält. Die Tatsache, dass ′Der kluge Knecht′ nicht mehr in dieser Studie
behandelt wird, ist nicht wie etwa zu vermuten, der interpretatorischen
Unzugänglichkeit des Textes geschuldet, sondern schlicht dem Umstand, dass
die Interpretation der Texte Zeit und Geld erfordert. Auch wenn eine
Beschäftigung mit dem umfangreichen Werk des Strickers noch so reizvoll und
für ein angemessenes Verständnis des Gangs deutscher Geschichte eigentlich
unverzichtbar ist, so ist dies doch ohne die Bereitstellung wenigstens minimaler
Rahmenbedingungen nicht zu leisten. Diese waren für die vorliegenden Arbeit
nicht gegeben, was doch auch nicht unerwähnt bleiben sollte.
Frankfurt, September 2008
Horst Haub
6
2 Einleitung
Die Arbeit versteht sich als Beitrag zur Auseinandersetzung mit der in der
Mediävistik verbreiteten These, nach der man im Mittelalter nicht von einer
partnerschaftlichen Beziehung zwischen Mann und Frau sprechen könne.1 In
der Adelsgesellschaft, und nicht nur da, sei das Eheleben eher eine
Lebensform und eine Angelegenheit zur Regelung sozialer Beziehungen
gewesen, nicht aber eine Leib- und Seelengemeinschaft zweier Individuen.2
Wiederholt wird, insbesondere in feministisch ausgerichteten Arbeiten, davor
gewarnt, im Zusammenhang mittelalterlicher Ehen von geistiger oder sexueller
Partnerschaft zu sprechen. Hierbei handele es sich um anachronistische
Reprojektionen des modernen Betrachters bzw. der Betrachterin.3 Sexuelle
Treue der Ehefrau sei als symbolträchtigster Ausweis grundsätzlicher
Unterordnung zu verstehen, keineswegs aber als Eigenwert oder als Ausdruck
partnerschaftlicher Liebe zu begreifen.4 Durch eine eingehendere
Beschäftigung mit den so genannten ′Ehestandsmären′ des Stricker und den
hierzu in der literaturhistorischen Mediävistik vorliegenden Interpretationen,
sowie weiteren Stricker-Texten, die sich mit der Frage der Geschlechter-Beziehungen auseinandersetzen, soll nachgewiesen werden, dass es das
Konzept der Partnerschaftlichkeit zwischen Mann und Frau im Mittelalter
durchaus gegeben hat, nämlich insbesondere beim Stricker.
Die Arbeit versucht zudem auch dem Problem nachzuspüren, welche
Implikationen mit der Positionierung des Stricker im Bereich der
1
Spätestens seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts halte sich in der Forschung
hartnäckig die Auffassung, das Ideal von Partnerschaft und Freundschaft (companienship)
zwischen Mann und Frau in der Ehe sei erst im 16. Jahrhundert Aufwertung der Institution
Ehe durch die Reformatoren - geschaffen worden. Möglich werde dies nur, so Rüdiger
Schnell, ,,infolge einer erschreckenden Vernachlässigung der gesamten mittelalterlichen
Ehe-Diskussion." R. Schnell, ,,Sexualität und Emotionalität...", 2002, S. 155, 157.
2
So z. B. Claudia Opitz, Frauenalltag im Spätmittelalter, 1250-1500, in: Georges
Duby/Michelle Perrot (Hg.), Geschichte der Frauen, Bd. 2 Mittelalter, hg. v.Christiane
Klapisch-Zuber, Frankfurt a.M./New York 1993, S. 298.
3
Ingrid Bennewitz warnt davor, bei geschlechtergeschichtlichen Themen im Bereich der
Mediävistik von einer ,,partnerschaftlichen Beziehung" zu sprechen. Es handele sich hier um
anachronistische Reprojektionen des modernen Betrachters bzw. der Betrachterin. Diese
Gefahr könne gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. I. Bennewitz: Mediäwistische
Neuerscheinungen aus dem Bereich der Frauen und Geschlechtergeschichte, 1994, S.
421. Ebenso Monika Jonas: ,,Eine Ehe basierte v.a. auf dem ′Handel′ zwischen einzelnen
Familien; sie wurde vorherbestimmt und arrangiert und hatte somit nichts mit geistiger
oder/und sexueller Partnerschaft zu tun." M. Jonas: ,,Idealisierung und Dämonisierung...",
1986, S. 83.
4
Wolfgang Dittmann, Märendichtung, in Grundkurs Literaturgeschichte, Bd. 2,1982, S.177.
7
Geschlechterbeziehungen für den sozialen Aufbau der gesamten
mittelalterlichen Gesellschaft gegeben sind und verweist damit auch auf die
Bedeutung und politische Brisanz, die der Beantwortung der ′Beziehungsfrage′
bis auf den heutigen Tag, z.B. für Demokratie und soziale Gerechtigkeit unserer
zeitgenössischen Gesellschaft, zukommt. Die Kritik, die Rüdiger Schnell am
,,allergrößten Teil der mediävistischen Forschung" im Bereich
′Geschlechterrollen und Sexualität′ formuliert, diese beschreibe ungeniert
durchaus gegensätzliche Bilder von der Frau im Mittelalter, die Frau als
unersättlich geile, für den Mann gefährliche oder aber die Frau als schamhaft
zurückhaltende, vom Mann dominierte, auf die Voraussetzungen und
Implikationen dieser widersprüchlichen Gesellschaftsentwürfe werde aber nicht
eingegangen5, will die Arbeit aufgreifen. Die Frage, warum die Wahrnehmung
einer komplexen Wirklichkeit, schon im Mittelalter selbst, libidinöse und
schamhafte Frauen, triebhaft unkontrollierte und selbst beherrschte Männer,
nicht dazu geführt hat den Versuch einer Bestimmung des
Geschlechtscharakters überhaupt aufzugeben, soll hier einer plausiblen
Erklärung zugeführt werden. Die vorliegende Arbeit wird von der Annahme
geleitet, dass es sich bei den Diskursen zur Rolle der Geschlechter und zur
Sexualität nicht nur um Diskurse (sich selbst widersprechende) handelt6,
sondern um Auseinandersetzungen mit machtpolitischen Konsequenzen, die,
weil mit den den existenziellen Interessen der Diskursteilnehmer aufgeladen,
deshalb Sinn machen.
Das Unbehagen an einer historischen Beschreibung des
Geschlechterverhältnisses im Mittelalter, welches den Frauen unter
patriarchalischen Bedingungen politische Einflusslosigkeit zuschreibt und der
vermeintlichen Privatsphäre die Geschichtsmächtigkeit abspricht, lässt auch
Teile der jüngeren Frauen- und Geschlechterforschung die Forderung erheben,
,,bislang gültige Grundannahmen und Basiskonzepte der historischen
Gesellschaftsanalyse aufzubrechen und neu zu formulieren."7 Zumal die
5
Rüdiger Schnell: Sexualität und Emotionalität in der vormodernen Ehe, 2002, S.319.
6
R. Schnell, 2002, rekonstruiert in seiner umfassenden Studie die vormodernen Diskurse zu
Sexualität und Emotionalität in der Ehe, also die theologischen, medizinischen,
ökonomischen, ordnungspolitischen und poetischen Diskurse und kommt zu dem Ergebnis,
dass das Mittelalter ein klares, allgemein gültiges, durchgängiges gender-Konzept nicht
aufweist (S. 367), was zu dem erklärungsbedürftigen Befund führe, dass ein und dieselbe
Gesellschaft/Kultur völlig widersprüchliche Gender-Konzepte entwirft. (S. 370)
7
Karin Hausen/Heide Wunder, ,,Frauengeschichte...", 1992, S. 17.
8
Diskurse, seit der biblischen Schöpfungsgeschichte in immer neu formulierten
Bezügen, die Ordnung der Geschlechter zueinander normativ festschreiben
wollten, was auf die tatsächlich äußerst labile reale Abgrenzung schließen
lasse.8
Der Stricker hat sich in seinem umfangreichen Werk ausführlich zur
gesellschaftlichen Bedeutung der Frau und zur Frage des richtigen
Beziehungsverhältnisses der Geschlechter zueinander geäußert. Neben zwei
großen Epen, dem ,,Karl", der dem Motivkreis der Rolandslieddichtung
zugeordnet wird und dem ,,Daniel von dem blühenden Tal", einer Art
Artusroman, wird seine Bedeutung vor allem im Bereich der Kleinepik, seinen
über 160 Reden, Bispeln und Mären gesehen.9 Die ,,Ehestandsmären"
scheinen vom Stricker als thematische Gruppe konzipiert zu sein, jedenfalls
treten sie als solche in seinem Werk und dessen handschriftlicher
Überlieferung auf.10 Da keine biographischen Daten über den Dichter Stricker
vorliegen, ist die Forschung ausschließlich auf das Werk selbst verwiesen, will
sie sich ein Bild von dessen Leben und Persönlichkeit machen.
Übereinstimmend geht die Forschung davon aus, das Wirken des Stricker sei
zwischen 1220-1250 im bayerisch-österreichischen Raum anzusiedeln. Über
Standeszugehörigkeit und Aussage seines Werkes gehen die Ansichten dann
allerdings weit auseinander. So wird er als Berufsdichter und Propagandist im
8
Heide Wunder: ,,Geschlechtsidentitäten...", 1992, S. 135.
9
Helmut de Boor/Richard Newald: Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis
zur Gegenwart. Dritter Band/Erster Teil. Die deutsche Literatur im späten Mittelalter 1. Teil
1250-1350. Fünfte Auflage. Neu bearbeitet von Johannes Janota, München 1997: ,,Aber
seine Eigenart,[...] entfaltete sich erst frei, als er sich aus dem Bann der traditionellen
Dichtung löste und in der Kleinerzählung schwankhafter und lehrhafter Art das Feld seiner
Meisterschaft fand." S. 202
10 Karl Langosch: Verfasserlexikon, S. 295. So zählt Rosenhagen in der Heidelberger
Handschrift cod. Pal. Germ. 341, als der größten, einheitlich angelegten und hergestellten
Sammelhandschrift von Reimpaargedichten (59.500 Verse), welche wir aus dem Mittelalter
besitzen wie folgt: ,,Der Gevatterin Rat",Blatt 258, Spalte c (Nr. 134 bei Rosenhagen unter
dem Titel ,,Das Bloch"), ,,Das erzwungene Gelübde", Blatt 262, Spalte c (Nr. 135 bei
Rosenhagen, unter dem Titel ,,Ehe im Leben und im Tod"), ,,Ehescheidungsgespräch", Blatt
264, Spalte a (Nr. 136 bei Rosenhagen, unter dem Titel ,,Scheidung und Sühne"), ,,Die drei
Wünsche", Blatt 265, Spalte a (Nr. 137 bei Rosenhagen) ,,Der begrabene Ehemann", Blatt
266, Spalte c (Nr. 138 bei Rosenhagen), ,,Das heiße Eisen", Blatt 268, Spalte a (Nr. 139 bei
Rosenhagen). Siehe Gustav Rosenhagen: Kleinere mittelhochdeutsche Erzählungen ,
Fabeln und Lehrgedichte. III. Die Heidelberger Handschrift cod. Pal. Germ. 341. DTM XVII.
Berlin 1909.Ebenso stehen die Mären ,,Die drei Wünsche", Der begrabene Ehemann" und
,,Das heiße Eisen" in der Handschrift Codex Vindob. 2705; Österreichische
Nationalbibliothek, Wien; Pergament; 1260/1290, als Nummern 34, 35, 36 beieinander.
Siehe W. W. Moelleken: ,,Die Kleindichtung des Strickers" Bd. I., S. CI.
9
Dienste kirchlicher Reformbewegung vermutet11, aber auch im Dienste von Landesherrschaft stehend.12 Gegen den Landesherren und seine hegemonialen Bestrebungen, als Berufspoet niederer oder unfreier Abstammung, Parteigänger des alten hochfreien Adels und der ministerialen Oberschicht13, ebenso, wie als Dichter der sich mit dem kleinen landsässigen Adel Niederösterreichs identifiziert14, dessen Verarmung und Bedrängnis er zur Sprache bringe.15 Schon früh wurde dem Stricker in der Forschung auch die Rolle eines bürgerlichen Fahrenden zugeschrieben.16
11 Bei Gabriele Schieb; ,,Das Bloch" 1951 und Ehrhard Agricola; ,,Die Prudentia...", 1983
(1954) wird eine Nähe zu den Dominikanern vermutet, während Ute Schwab;
,,Beobachtungen..." (1959) und John Margetts; ,,Die erzählende Kleindichtung..."(1983) von
einem Dichten im Dienste des Franziskaner-Ordens ausgehen.
12 Im Konflikt zwischen verschiedenen Adelsgruppen stehe der Stricker auf der Seite des
Landesfürsten, denn der Landesfürst sei derjenige, der im Lande den Frieden garantiere,
seine Herrschaft sei legitim, so Joachim Bumke; Strickers ,,Gäuhühner", 1976, S. 225, S.
232, und derjenige, der das Recht wahre, so Karl Heinz Borck; ,,Zeitbezug und
Tradition...",1981, S. 61. An einem der Zentralhöfe fürstlicher oder fürstbischöflicher
Territorialgewalt und in machtpolitischer Konkurrenz zur klerikalen Verwaltungsintelligenz
stehend, wird der Stricker bei Guido Schneider; ,,Er nam den spiegel..." 1994, S. 13,
gesehen.
13 So Helmut Brall; ,,Strickers Daniel...",1976, S. 227, S. 251.
14 Dieter Kartschoke: ,,Weisheit oder Reichtum?...", 1974, S. 233.
15 Die Verarmung der Masse des niederen Adels sei durch die politisch-ökonomische
Situation der Zeit, fortschreitende Stadtentwicklung, Expansion der Geldwirtschaft,
Ausbildung von Handels- und Wucherkapital etc. bedingt. Im ′Pfaffen Amis′ habe der Stricker daher ein ,,ironisches Handlungsmodell" für den niederen Adel konzipiert (S. 180).
Ein Vergleich zwischen dem ′Helmbrecht′ und dem ′Pfaffen Amis′ zeige eine unterschiedliche literarische Verarbeitung einer analogen politisch-ökonomischen Situation.
Während im ′Helmbrecht′ der Adel auf dem ihm genuinen Aneignungsmittel, der unmittelbaren außerökonomischen Gewalt beharre, suche im ′Pfafffen Amis′ der
Protagonist, der als niedriger Adliger zu verstehen sei, sich dem durch Tausch realisierten
Gelderwerb des Kaufmanns anzugleichen (S. 183). Siehe Gerhard Schindele: ,,Helmbrecht′.
Bäuerlicher Aufstieg ", 1974, auch S. 169, 177.
16 Abweichungen von der Epik der höfischen Klassik lassen Karl Bartsch; ,,Karl der Große...",
1857, S. IV und Hans Lambel; ,,Erzählungen und Schwänke...",1883, S. 5, im Gefolge
Wilhelm Grimms zu dem Urteil gelangen, beim Stricker handele es sich um
,,Unzulänglichkeit". Ein ,,Mißverstehen der ritterlichen Gedankenwelt", so Hanns Fischer;
,,Strickerstudien",1953, scheint vorzuliegen und Helmut de Boor; ,,Geschichte der deutschen
Literatur ", 1967, S. 247, stellt fest, der Stricker sei ,,weit aus dem Bezirk höfischen
Idealdenkens herausgetreten, fühllos für die Werte des Kostbaren, Schönen, Edlen". Der
Stricker habe die ritterliche Welt mehr oder weniger nur von außen oder durch ihre
Spiegelung in der Literatur gekannt, so Fischer ;1953, S. 32. Als bürgerlicher Berufsdichter
sei der Stricker vom Geschmack seines Publikums und von seiner Gunst abhängig
gewesen, ,,ob der arme Fahrende zu essen hatte oder nicht" sei dann auch von seiner
Fähigkeit zu ,,vielen dichterischen Metamorphosen ,, abhängig gewesen. Fischer; 1953, S.
36. Ebenso H. de Boor, 1 967, S.233: Bei einem wandernden Dichter, der gewerbsmäßig
von seiner Kunst lebt, sei die Wahl von Thema und Behandlungsweise nicht von ihm
selbst getroffen, sondern durch den Auftraggeber oder durch die Berechnung auf den
Geschmack eines bestimmten Publikums diktiert worden. Zu dem Urteil der Stricker sei ,,...
der erste Philister in der deutschen Literatur.", gelangt gar Gustav Rosenhagen; ,,Der Pfaffe
Amis...,"1925, S. 157, denn ,,pedantischer Aufbau" und ,,gründliche Durchnüchterung", ein
Humor des Alltags und der Enge prägten seine Dichtung.
10
Die Aussagen des Stricker im thematischen Bereich Liebe und Ehe wurden zumeist nicht als Problemkonstellationen behandelt, die mit unseren heutigen Beziehungsverhältnissen vergleichbar wären und als interessante exemplarische Lösungsstrategien, sondern als Belegmaterial für einen dahinter liegenden allgemeinen ,,höheren Zweck".17 Was Gustav Rosenhagen bereits als zentralen Inhalt des ,,Pfaffen Amis" ausmacht, den ,,Sieg der Klugheit über die Dummheit18, wird bei Helmut de Boor auch für die Ehestandsmären geltend gemacht; Schlauheit und Torheit seien Thema dieser Gedichte.19 Wird bei Hedda Ragotzky die ,,Demonstration eines situationsspezifischen Interpretations- und Handlungsvermögens" als ,,Gegenstand der Mären" bestimmt20, so vermutet Helmut Brall man könne die Ehestandsmären des Stricker ,,durchweg als allegorische Darstellung sozialer Zwangssituationen lesen, in denen Verlaufsformen feudaler Gewaltausübung analysiert werden."21 Als Demonstrationsobjekte für die Erziehung zu christlicher Lebensklugheit, zur Prudentia, wollte bereits Ehrhard Agricola die Mären verstanden wissen.22 Die Probleme selbst, die in den Ehestreitigkeiten abgehandelt werden, Eifersucht, Herrschsucht, Untreue, seien ,,für den nüchternen Lehrer Stricker [...] leicht und eindeutig zu lösen."23 Untreue der Frau verstoße gegen die geheiligte Institution der Ehe und damit gegen Gottes Ordnung. Des gleichen Vergehens mache sich eine Frau schuldig, die sich dazu aufwirft das Regiment im Hause zu führen. Der christliche Hausherr, der seine Frau nicht zur Unterordnung zwingt, versäume eine ihm aufgetragene Pflicht. Lässt er sich trotz seiner Vorrechte das Heft aus der Hand nehmen sei er ein Narr.24 Ebenso unproblematisch sieht Otfrid Ehrismann die Ehestandsmaeren des Stricker. Nicht um die ehelichen Verhältnisse gehe es dem Stricker eigentlich in seinen Erzählungen vom
17 Gabriele Schieb: ,,Das Bloch", 1951, S. 427.
18 Gustav Rosenhagen: ,,Der Paffe Amis...", 1925, S. 157.
19 Helmut de Boor: ,,Geschichte ...", 1967, S. 236.
20 Hedda Ragotzky: ,,Gattungserneuerung ", 1981, S.89. Das situationsspezifische
Interpretations- und Handlungsvermögen bezeichnet Ragotzky mit gevüege kündekeit. Sie gewinnt diese Kategorie aus der Interpretation des Stricker Märe vom ,,Klugen Knecht". (S.
89) Ziel und Leistungsvermögen gevüeger kündekeit sei es das ordogemäße Zusammenspiel der Rollen zu gewährleisten. (S. 97)
21 Helmut Brall: ,,Strukturwandel...",1984, S. 122.
22 Ehrhard Agricola: ,,Die Prudentia ...", 1954, S.297. Auch Bernhard Sowinski; ,,Die drei
Wünsche...", 1972, geht davon aus, dass sich hinter den einfachen Erzählstrukturen und
Moralisationen dieser Mären des Stricker mitunter tiefere theologische,
geistesgeschichtliche und gesellschaftliche Sinnzusammenhänge verbergen, die sich erst
einer sorgfältigen Textinterpretation erschließen. Ebenda S. 135.
23 Ebenda S. 301.
24 Ebenda S. 301.
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Horst Haub, 2008, Partnerschaftlichkeit im Hochmittelalter, München, GRIN Verlag GmbH
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