Das Werk gipfelt dann bekanntlich in jenem Appell „Ehrt Eure deutschen Meister!“, den Wagner auf Drängen seiner Frau Cosima Hans Sachs in den Mund gelegt hat und welcher in seiner harschen Abgrenzung gegen das Fremde, 'Welsche', heute ungute Assoziationen mit einem anderen, dunklen Deutschland wachruft.
„Ehrt Eure deutschen Meister,
dann bannt Ihr gute Geister! Und gebt Ihr ihrem Wirken Gunst, zerging' in Dunst
das Heil'ge Röm'sche Reich, uns bliebe gleich
Wagner war schließlich, obwohl bei Beginn der Nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland bereits seit 50 Jahren tot, einer der gern zitierten kulturell-ideologischen Leitsterne des faschistischen Regimes: Mit seinem monumentalen Schaffen, dem Deutschland-Klischee des von ihm in die Oper transferierten mythisch-germanischen bzw. sagenhaften, mittelalterlichen Geschichtsbildes, aber auch mit seinem antisemitischen Weltbild, ja sogar mit den Ansichten seiner noch lebenden, nationalsozialistisch denkenden Familienmitglieder (Cosima und Winifred Wagner, Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain, Schwiegerenkel Bodo Lafferentz) ließ sich das NS-Gedankengut problemlos in Deckung bringen.
So wurde Richard Wagner zu einer festen Größe im aufstrebenden Dritten Reich - er war Hitlers persönlicher Lieblingskomponist. So wurden seine Festspiele als Wallfahrtsort nationalsozialistischer Gesinnung und sein Werk als hochwertige Hintergrundmusik für die Festakte der Faschisten missbraucht. 'Der Tag von Potsdam' (21.3.1933), der als 'Tag der nationalen Erhebung' die neuerrungene Macht der NSDAP im Dritten Reich demonstrieren sollte, wurde somit gewiss nicht zufällig mit einer Festaufführung der Meistersinger von Nürnberg beendet – das Volk auf der Bühne war instruiert, sich beim „Wach auf“-Chor im 3. Akt nicht Hans Sachs, sondern dem in der Mittelloge des Theaters sitzenden Adolf Hitler
Dabei hatte die Wirkungsgeschichte der Meistersinger zu Wagners Lebzeiten eine ganz andere Tendenz. Zumindest die Uraufführung in München war Wagners Meinung nach eine Musteraufführung, ein leuchtender Erfolg für den Komponisten. Wie sich der 55-jährige, kleingewachsene sächsische Komponist neben Ludwig II. von Bayern in der Königsloge vor den berauschten Uraufführungsgästen verbeugte, ist als bemerkenswerter Moment in die Operngeschichte eingegangen. Eben noch auf der Flucht vor der Steuerfahndung, halbvergessen im Exil, aufgezehrt von monströsen Opernprojekten und noch monströseren Schulden hatte Wagner der 'Märchenkönig' 1864 die rettende Hand gereicht wie ein deus ex macchina auf der barocken Opernbühne. Die Uraufführung der Meistersinger bezeichnet einen Höhepunkt dieser merkwürdigen Freundschaft zwischen Regent und Genie.
Die Uraufführung setzte Maßstäbe: Von nun an gab es auf den deutschsprachigen Bühnen reichlich detailverliebtes Puppenstuben-Mittelalter, prachtvolle Zunftkostüme, blonde Evas in weißen Gewändern. Die Meistersinger von Nürnberg trafen in diesem pittoresken Gewand die Herzen der Spießbürger. Dabei war Wagners neues Werk bei der Fachpresse damals umstrittener – so schrieben die Signale im Jahr 1862 „Ein Berg von Albernheit und Plattheit in Wort, Gebärde und Musik sind die Meistersinger“ und die Neue freie Presse urteilte 1869
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Dr. Sabine Busch-Frank, 2008, „Die Meistersinger von Nürnberg“ in deutscher Wahrnehmung mehr als ein heiteres Stück Musiktheater, München, GRIN Verlag GmbH
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