ii
Inhaltsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis iv
1 Einleitung 1
2 Der Begriff der Freundschaft: amicitia 4
3 Der Begriff der Freundschaft in der Ethik der Antike ein Überblick 7
3.1 Der Begriff der Freundschaft bei Platon 7
3.1.1 Platons Lysis 7
3.1.2 Platons Politeia 9
3.1.3 Platons Nomoi 9
3.2 Der Begriff der Freundschaft bei Aristoteles Ethica Nicomachea 10
3.2.1 Grundlagen und Gründe für die Freundschaft 10
3.2.2 Arten der Freundschaft 11
3.2.3 Vollkommene Freundschaft und Selbstliebe 12
3.2.4 Notwendigkeit der Freundschaft 13
3.3 Der Begriff der Freundschaft bei Epikur 13
3.3.1 Epikurs eudämonistische Individualethik 14
3.3.2 Die und das Gnomologium Vaticanum Epicureum 15
3.3.3 Torquatus über die drei Freundschaftstheorien (Cicero fin I 65 70) 17
3.4 Der Begriff der Freundschaft in der Stoa 18
3.4.1 Die Rolle der Vernunft 18
3.4.2 Tugend Freundschaft und naturgemäßes Leben 19
3.4.3 Die Lehre und Freundschaft 21
3.4.4 Exkurs: Epiktet Freundschaft oder Gemeinschaft 22
4 Das Philosophem der Freundschaft bei Cicero 24
4.1 Exkurs: Der Dialog bei Cicero 24
4.1.1 Vorbild: Der aristotelische Dialog 24
4.1.2 Möglichkeiten in der Dialogform 25
4.1.3 Struktur und Form des ciceronischen Dialogs 26
4.1.4 Ort Zeit und Personen im ciceronischen Dialog 27
4.1.5 Cato Uticensis fin III 29
4.2 Laelius de amicitia 29
4.3 De finibus bonorum et malorum III 62 76 30
4.3.1 Einordnung von fin III 62 76 in den Zusammenhang 31
4.3.2 Freundschaft in fin III 62 76: Textanalyse und Interpretation 34
4.3.3 Interdependenz von iustitia amicitia natura in fin III 62 71 50
iii
5 Das Philosophem der Freundschaft bei Seneca 52
5.1 Exkurs: Der Brief bei Seneca 52
5.1.1 Die Entscheidung für die Briefform 52
5.1.2 Der Adressat Lucilius 54
5.1.3 Aufbau Form Sprache und Stil 55
5.2 Die Freundschaftsthematik in anderen Werken Senecas 57
5.2.1 Quomodo amicitia continenda sit frg I-III 57
5.2.2 De tranquillitate animi VII 1 6 58
5.3 Epistulae morales 59
5.3.1 Einordnung von epist 3 6 9 in das Briefcorpus 63
5.3.2 Freundschaft in epist 3: Textanalyse und Interpretation 65
5.3.3 Freundschaft in epist 6: Textanalyse und Interpretation 68
5.3.4 Freundschaft in epist 9: Textanalyse und Interpretation 72
5.3.5 Freundschaft in Senecas epist : Schematische Darstellung 79
6 Zusammenfassung 80
Literaturverzeichnis 85
Abkürzungsverzeichnis iv
Abkürzungsverzeichnis 1
amic. Seneca, Quomodo amicitia continenda sit, frg. I-III
EN epist.
fin.
sent. Vat.
Lael.
leg.
nat. deor.
carm.
off.
sent.
rep.
1 Die lateinischen Abkürzungen wurden entnommen aus: Thesaurus linguae Latinae, Index librorum
scriptorum inscriptionum ex quibus exempla afferuntur (Leipzig 1990). Die griechischen Abkürzungen
9 1958).
wurden entnommen aus: Liddell - Scott, Greek - English Lexicon (Oxford
1 Einleitung 1
1 Einleitung
Das Philosophem der Freundschaft war fester Bestandteil der Diskussionsfragen in der Ethik der Antike. Doch erst mit Erscheinen der Ethica Nicomachea von Aristoteles liegt uns in der Form des achten und neunten Buches die zu diesem Zeitpunkt einzigartige und erste wissenschaftlich-systematische Auseinandersetzung mit der Freundschafts- thematik vor. Die von Aristoteles entworfene Freundschaftstheorie, deren Basis die Empirie von Freundschaft bildet, zeigt nicht nur Grundlagen und Gründe einer an hu- manen Maßstäben orientierten Freundschaft auf, sondern hat eine bis dato nicht vor- handene umfassende und detaillierte Klassifikation der Freundschaft zum Inhalt. Des Weiteren widmet sich Aristoteles schließlich der ganz spezifisch verstandenen Freund- schaft unter den philosophischen Weisen und der damit verbundenen Frage nach der Vereinbarkeit von der Autarkie des Weisen und der Notwendigkeit, Freundschaften einzugehen. Dieser Topos wird Grundlage für viele nachfolgende Autoren sein, die sich mit dem Entwurf einer Freundschaftstheorie befassen oder das Thema Freundschaft zum Inhalt ihrer Schriften machen.
Im Rahmen der hier vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit im Fach Latein wurden nun die beiden römischen Autoren Cicero und Seneca ausgesucht, um das Philoso- phem der Freundschaft in ausgewählten Werken einer genauen Untersuchung zu un- terziehen. Als Textgrundlage für die Herausarbeitung des ciceronischen Freund- schaftsbegriffes wird das dritte Buch von De finibus bonorum et malorum herangezo- gen, in dem Cato in fin. III, 62-76 an prägnanter Stelle die stoische Gesellschafts- und Sozialtheorie vorstellt und in diesem Zuge den stoischen Freundschaftsbegriff einführt. Von einer Auseinandersetzung mit der Freundschaftsthematik in Ciceros Laelius de amicitia, der in diesem Kontext nicht unerwähnt bleiben darf, wurde im Rahmen dieser Arbeit absichtlich verzichtet, um der systematischeren Vorgehensweise bei der Be- schäftigung mit der Freundschaft in fin. III, 62-76 den Vorzug zu geben.
Für das Verständnis von Senecas Freundschaftsauffassung wurde innerhalb des 124 Briefe umfassenden Epistelcorpus neben einigen Briefen, welche die Freundschafts- thematik nur nebensächlich behandeln, besonderes Gewicht auf die Interpretation des dritten, sechsten und neunten Briefes innerhalb des ersten Briefkreises gelegt. Die epist. 3 - 6 - 9 bieten sich als Textstellen zur Deutung der senecanischen Freundschaft an, da in ihnen jeweils die Freundschaft ein vorherrschendes Thema ist, und sie au- ßerdem chronologisch aufeinander aufbauend konzipiert sind und somit innerhalb des ersten Briefkreises eine Einheit bilden.
1 Einleitung 2
In dieser Arbeit wird es Aufgabe sein, die jeweils distinktiven Auffassungen des Freundschaftsbegriffes bei Cicero und Seneca durch eine intensive Beschäftigung mit den ausgewählten Textstellen herauszuarbeiten, und das Philosophem der Freund- schaft in seinem jeweiligen Kontext und thematischen Umfeld einer philologischen Un- tersuchung zu unterziehen. Im Folgenden werden also mit dem ciceronischen Dialog De finibus bonorum et malorum und den philosophisch-pädagogischen Briefen, den Epistulae morales, von Seneca zwei gattungsverschiedene Textstellen einander gege- nüber gestellt, um des Weiteren der Frage nachzugehen, ob und in welcher Form die Wahl der Gattung zu einer unterschiedlichen Annäherung an die Freundschaftsthema- tik durch Cicero und Seneca beiträgt.
In diesem Zusammenhang wird von Interesse sein, welche Möglichkeiten und Spiel- formen die unterschiedlichen Gattungen den Autoren bieten, um den Freundschaftsbe- griff einzuführen, vorzubereiten, argumentativ zu entwickeln und durch Beispiele zu unterstreichen. Des Weiteren wird zu untersuchen sein, in welches thematische Um- feld, in welches Milieu die Darlegung der Freundschaftsthematik gerückt wird und wel- che Aussagen daraufhin für die charakteristischen Eigenschaften der Freundschaft gemacht werden können. Außerdem wird ein weiterer Aspekt bei der Beschäftigung mit dem Philosophem der Freundschaft bei Cicero und Seneca sein, auf welche Vorbilder bezüglich des Topos die beiden Autoren jeweils zurückgreifen konnten. Schließlich wird in dieser Arbeit der Frage Beachtung geschenkt, welche Terminologie und welche stilistischen und narratologischen Mittel zum Einen Cicero in seinem philo- sophischen Dialog, zum Anderen Seneca in der Briefform verwenden, wenn sie sich in ihren Werken mit dem Freundschaftsbegriff auseinandersetzen.
Zur Beantwortung dieser Fragen bietet sich folgende Gliederung der Arbeit an. Ziel des ersten, hinführenden Teils ist es, nach einer lexikalischen Begriffsanalyse der Begriffe und amicitia einen historisch-philosophischen Überblick über den Begriff der Freundschaft in der Ethik der Antike zu geben. Der chronologisch gestaltete Überblick beginnt beim Freundschaftsbegriff in den Schriften Lysis, Politeia und Nomoi von Pla- ton und führt dann zur Ethica Nicomachea von Aristoteles. Es folgt die Auseinander- setzung mit dem epikureischen Freundschaftsbegriff, der anhand der und des Gnomologium Vaticanum Epicureum erarbeitet wird, während er mit Epikurs eu- dämonistischer Individualethik verknüpft wird. Den Abschluss des ersten Abschnitts bildet die Darstellung der Freundschaftsthematik in der Stoa. Hierzu werden zunächst für die Einordnung der Freundschaft in den stoischen Lehrkomplex wesentliche Inhalte der stoischen Ethik präsentiert, welche die Rolle der Vernunft, die Güterlehre sowie die
1 Einleitung 3
- Lehre umfassen, bevor das Kapitel durch einen Exkurs zu Epiktet abge- schlossen wird.
Der zweite Abschnitt bildet zugleich den ersten Teil des Hauptteils, in dem explizit das Philosophem der Freundschaft bei Cicero untersucht wird. Nach einem Exkurs zum Dialog bei Cicero findet Ciceros Laelius de amicitia Erwähnung, bevor dann der aus- gewählte Textabschnitt fin. III, 62-76, der im Zentrum dieses Kapitels steht, zunächst in das Gesamtwerk und anschließend innerhalb des dritten Buches von De finibus bono- rum et malorum eingeordnet wird. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der sodann folgenden sprachlichen Analyse und Interpretation der betreffenden Textstelle. Zum Abschluss des Kapitels wird der Versuch unternommen, das hinsichtlich der ciceroni- schen Freundschaftsauffassung im Text Erarbeitete in einer schematischen Darstel- lung festzuhalten.
Der dritte Abschnitt und zugleich zweite Teil des Hauptteils hat explizit das Philoso- phem der Freundschaft bei Seneca zum Inhalt. Er ist analog zum Cicero-Teil konzipiert und beginnt daher mit einem Exkurs zum Brief bei Seneca. Anschließend wird das Thema Freundschaft bei Seneca angesprochen, das natürlich nicht nur in den hier analysierten Epistulae morales eine Rolle spielt. Da im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht all diese Schriften untersucht werden können, wurden beispielhaft zwei andere Werken ausgewählt: die drei Fragmente mit dem Titel Quomodo amicitia continenda sit und De tranquillitate animi VII, 1-6. Es folgt anschließend die bereits angedeutete ein- gehende Auseinandersetzung mit den Epistulae morales, um den senecanischen Freundschaftsbegriff herauszuarbeiten. Nachdem zunächst ausgewählten Briefen, in welchen die Freundschaft als Nebenthema präsent ist, vor allem inhaltlich Beachtung geschenkt wird, steht die genaue Textanalyse und Interpretation des dritten, sechsten und neunten Briefes im Mittelpunkt dieses dritten Teils. Abschließend wird die Bemü- hung angestellt, die im Zusammenhang mit dem senecanischen Freundschaftsbegriff untersuchten Briefe graphisch in einem Schaubild darzustellen.
2 Der Begriff der Freundschaft: φιλία - amicitia 4
2 Der Begriff der Freundschaft: - amicitia
Versucht man den Begriff der Freundschaft näher zu definieren, muss man feststellen, dass unsere heutige Auffassung von Freundschaft längst nicht alle Facetten, die in den Begriffen und amicitia mitklingen, einschließt.
Daher soll zunächst der griechische Begriff näher erläutert werden. 2 Da das Substantivvon einem weiteren Substantiv abgeleitet ist, dürfen die ande- ren wortverwandten Begriffe, sowohl das Substantiv als auch das Verb und das Adjektiv bzw. , nicht außer Acht gelassen werden. Die Bedeutung des Wortes reicht von 1. Liebe, Zuneigung, Wohlwollen bis hin zu 2. Freundschaft, Ergebenheit, welche wiederum drei Bedeutungsstränge aufweist:
a) Freundschaftsbündnis, Bündnis b) () Gastfreundschaft c) () Ge- schlechtsliebe, Liebesgenuss. erstreckt sich ausschließlich auf Beziehungen unter Personen. In diesem Zusammenhang betont Klein, dass nicht so sehr durch die gefühlsmäßige Neigung als vielmehr durch die Verpflichtung zu Hilfe und Dienstleistung gekennzeichnet ist. In diesem Sinne werde die Beziehung zu einem Freund, ähnlich wie gegenüber Göttern, als beinahe gesetzmäßig geregelt, in welcher derjenige, der Gutes tue, Anspruch habe, wieder Gutes zu empfangen. 3 Bei dem Wort ist neben der Bedeutung 1. eigen, Pl. die Seinigen, Angehörigen, Lieben, Ver- wandten neben einer passiven und aktiven Bedeutung zu unterscheiden: Passiv ge- braucht, bedeutet geliebt, lieb, wert, teuer. In diese Bedeutungskategorie fällt das Substantiv , der Freund, womit man jemanden bezeichnet, wenn eine ge- genseitige Wertschätzung vorliegt. „In passiver Verwendungsweise kann es in gleicher Bedeutung erscheinen wie das von gebildete Partizip , und heißt dann soviel wie „geliebt“ oder „geschätzt“, was ebenso Personen wie Gegenständen gelten kann.“ 4 Aktiv gebraucht, bedeutet liebend, befreundet, zugetan.
2 Die folgenden Ausführungen beruhen auf Benseler, Griechisch-deutsches Schulwörterbuch, bearbeitet
von A. Kaegi, neubearbeitet von A. Clausing, F. Eckstein, H. Haas, H. Schroff, L. Wohleb (Darmstadt
15 1931) 830ff.
2004 = unveränderter Nachdruck der Ausg.
3
Vgl. E. Klein, Studien zum Problem der ‘römischen‘ und ‘griechischen‘ Freundschaft (Diss. Freiburg
1957) 24.
4
P. Schulz, Freundschaft und Selbstliebe bei Platon und Aristoteles, Semantische Studien zur Subjekti-
vität und Intersubjektivität (Freiburg/München 2000) 32.
2 Der Begriff der Freundschaft: φιλία - amicitia 5
Das Verb ist im Wörterbuch mit folgender Bedeutung versehen: 1. lieben, Liebe
und Wohlwollen erweisen, 2. im bes. a) jmdn. liebreich behandeln, Liebesdienste er- weisen; liebevoll, gastlich aufnehmen b) liebkosen, küssen c) sinnlich, buhlerisch lie- ben, 3. von Dingen: gern tun, pflegen. Daraus wird ersichtlich, dass nicht nur auf Personen, sondern auch auf Dinge und Aktivitäten bezogen werden kann. Zum Verständnis der Bedeutung von Freundschaft in der Antike ist es nun wichtig, dass als ursprüngliche Gegebenheit menschlicher Lebenspraxis verstanden werden
muss, welche im Deutschen gemeinhin mit „Freundschaft“ wiedergegeben wird. Die deutsche Übersetzung „Freundschaft“ evoziert dabei jedoch die irreführende Assoziati- on einer besonders intimen zwischenmenschlichen Beziehung. Doch bezieht sich auf intersubjektive Beziehungen aller Art.
5
Im folgenden Abschnitt sollen der Begriff der
amicitia
und die der Wortfamilie angehöri- gen Begriffe
amicus
und
amare
hinsichtlich ihrer Bedeutung diskutiert werden. Der lateinische Begriff der
amicitia
kann im Deutschen grundsätzlich mit „Freundschaft“ wiedergegeben werden, wobei dieser zwei Aspekte aufweist. Man muss die Freund- schaft in gesellschaftlichen Verhältnissen und die Freundschaft in politischen Verhält- nissen, das Freundschaftsbündnis, voneinander unterscheiden.
6
In der römischen Re- publik kann Freundschaft vorwiegend als politische Freundschaft verstanden werden.
Amicitia
beinhaltet in Rom sowohl die Beziehung zwischen gleichrangigen hochste- henden Personen als auch zwischen diesen und abhängigen Personen.
7
Dies wird besonders in dem gegenseitigen Verhältnis des
patronus
gegenüber seinen
clientes
deutlich. Wie die abhängigen
clientes
ihren
patronus amicus
nannten, so bezeichnete der
patronus
seine
clientes
als
amici.
Der römische Aristokrat war auf die Hilfe von Freunden angewiesen, um politisch erfolgreich zu sein. Denn Freunde waren neben Geld ein probates Mittel zur Beeinflussung im Wahlkampf. Im Gegenzug war der
pat- ronus
darauf bedacht, seine
clientes
wohl zu stimmen, indem er sie durch Hilfeleistung und Gefälligkeiten (officia) unterstützte.
8
Des Weiteren waren ranghohe, angesehene Freunde eine hilfreiche Unterstützung in Prozessen und in der Amtsführung. Im
Oxford Classical Dictionary
findet man unter
amicitia
folgenden Eintrag:
Amicitia,
friendship in Roman political terminology. The relationship might be between Rome and either another state or an individual, or be-
5 Vgl. Schulz 2000, 11.
6
8 1913, 378ff. Für eine genauere Übersicht zu den Erscheinungsformen sei verwiesen auf Vgl. Georges
Klein 1957, 73-99.
7
Vgl. E. Badian, Art. Amicitia, in: H. Cancik und H. Schneider (Hrsg.), CD-ROM-Ausgabe, DNP 1 (Stutt-
gart 2001) 590.
8
Vgl. K. Treu, Art. Freundschaft, in: T. Klauser (Hrsg.), RAC 8 (Stuttgart 1972) 422.
2 Der Begriff der Freundschaft: φιλία - amicitia 6
tween individuals. Amici populi Romani were recorded on a tabula amico- rum. Although amicitia involved no treaty or formal legal obligations, the term was often associated with alliance (societas) and might describe strong ties and indeed dependency. 9 In dieser Definition wird deutlich, dass amicitia nicht auf die Innenpolitik beschränkt werden darf, sondern darüber hinaus in einem außenpolitischen Sinne gedacht werden muss. Außerdem wird betont, dass dem Freundschaftsbündnis eine quasi- vertragsähnliche Bedeutung zukommt, das trotz jeder fehlender rechtlicher Verpflich- tungen einen hohen Grad an gegenseitiger Verbindlichkeit und Abhängigkeit aufweist. Das Adjektiv amicus, das ähnlich wie im Griechischen substantiviert als amicus exis- tiert, trägt die Bedeutung: befreundet, freundlich gesinnt, wohlwollend, gewogen, ge- neigt, günstig. Als Substantiv unterscheidet man zwei Bedeutungen von amicus: 1. der Freund, mit dem man die heiligen Gefühle der Liebe und Achtung teilt, sowie über- haupt der gute Freund. 2. in politischen Verhältnissen: a) der politische Freund, An- hänger b) der auswärtige Staatsfreund. Wenn amicus im persönlichen Kontext ge- braucht wird, gesellen sich Adjektive wie bonus, intimus, magnus, fidus, firmus ac fide- lis, verus, summus, carus hinzu. Im politischen Sinne wird amicus oft synonym mit so- cius verwendet, worin die bereits erwähnte Verbindlichkeit und Abhängigkeit anklingt.
Das äquivalente lateinische Verb zu lautet amare, das zwei Bedeutungsstränge aufweist. Die erste Bedeutung „lieben aus Neigung, liebhaben“ kann noch unterschie- den werden in „nur sich lieben, in sich verliebt sein, sich verpflichtet fühlen, verbunden sein, etw. lieben, gern haben, etw. gern tun, zu tun gewohnt sein, pflegen“. Interessant ist, dass sowohl der Aspekt der Selbstliebe in der Verbindung amare se od ipsum, als auch der Aspekt der Verbindlichkeit und Verpflichtung sowie der Bezug auf Dinge und Tätigkeiten in dieser Bedeutung Platz finden. Im Gegensatz dazu bezieht sich die zwei- te Bedeutung „jmd. lieben aus Leidenschaft, sinnlich lieben, in jmd. verliebt sein“ einzig auf zwischenmenschliche Beziehungen.
9
H.H. Scullard and A.W. Lintott, Art. amicitia, in: S. Hornblower and A. Spawforth (edd.), OCD (Ox-
ford/New York ³1996) 72.
3 Der Begriff der Freundschaft in der Ethik der Antike - ein Überblick 7
3 Der Begriff der Freundschaft in der Ethik der Antike
- ein Überblick
3.1 Der Begriff der Freundschaft bei Platon
3.1.1 Platons Lysis
Noch bei den Vorsokratikern wurde Freundschaft als kosmologisches Prinzip gedeutet, wobei der Freundschaft als Ursache des Guten der Streit als Ursache des Schlechten gegenübergestellt wurde. 10 Doch erst bei Platon, dem Gründer der Akademie 385 v. Chr., findet man in seinem Dialog Lysis die erste systematische Diskussion der Freundschaft. Thema des Lysis ist die Frage nach dem Wesen der Tugend der , wie man einen Freund gewinne und wie man zum Freund des anderen werde. Obwohl Platon, geboren 427 v. Chr., seinen Lysis aporetisch enden lässt, indem Sokrates‘ Fra- ge, wie man jemandes Freund werde und was ein Freund sei, unbeantwortet bleibt, kann man doch einige Beobachtungen zu Platons Auffassung von Freundschaft ma- chen.
Anhand der in der Lysis beteiligten Personen präsentiert uns Platon zwei Formen von Freundschaft. Zum Einen begegnet uns bzw. in Hippothales als egoisti- sche Verliebtheit, zum Anderen als naturhafte Freundschaft in den beiden Jungen Ly- sis und Menexenos. 11 Grundvoraussetzung dafür, dass man einem anderen Menschen Freund ist, besteht laut Platon darin, sich selbst Freund zu sein. Sich selbst Freund zu sein, verlangt wiederum die richtige Ordnung der eigenen Seele und die angemessene Ausrichtung auf das Gute. Für diesen ewigen Prozess sind uns nun Freunde notwen- dig, in denen wir eine Ähnlichkeit der Ausrichtung auf das , das urs- prünglich Liebe bzw. Befreundete und Gute zu finden hoffen. 12 Somit kann Freund-
10 Die Freundschaft übernahm in diesem Kontext eine ordnende, harmonisierende Rolle: „In der Phase des Streites sind die Elemente (Feuer, Wasser, Luft, Erde) für sich gesondert, während die Phase der Freundschaft wiederum diese Trennung aufhebt und die Elemente in die Ordnung des umgreifenden Einen zurückführt.“ A. Müller, Art. Freundschaft, in: J. Ritter (Hrsg.), HWPh, Bd. 2 (Basel 1972) 1105. Vgl. hierzu auch R. Elm, Art. philia, in: Ch. Horn / Ch. Rapp (Hrsg.), Wörterbuch der antiken Philoso- phie (München 2002) 337.
11 Vgl. Schulz 2000, 25.
12 Vgl. B. Reibnitz, Art. Freundschaft, in: H. Cancik und H. Schneider (Hrsg.), CD-ROM-Ausgabe, DNP 4 (Stuttgart 2001) 672.
3 Der Begriff der Freundschaft in der Ethik der Antike - ein Überblick 8
schaft bei Platon als Mittel zum Zweck angesehen werden, d.h. sich möglichst weit an die Idee des Guten anzunähern.
Dies macht Platon am Beispiel der Liebe der Eltern zu ihrem Kind anschaulich klar und verknüpft dadurch den Begriff der Liebe eng mit dem der Erziehung. In der als Form der Elternliebe ist das Kind nicht nur Gegenstand der Liebe, sondern zugleich auch der Erziehung und steht in seinen Fähigkeiten und seinem Wissen unter den El- tern, von denen es geliebt wird und die es wiederum lieben soll. Platon lässt Sokrates nun folgendermaßen argumentieren: Lieben bedeutet den Geliebten glücklich zu ma- chen. Glücklich ist derjenige, dessen Wünsche erfüllt werden. Indem die Eltern jedoch die Wünsche des Kindes nicht erfüllen, weil es noch nicht sachkundig ist, lieben sie es folglich nicht. Erst wenn Verständnis und Wissen in dem jungen Mann vorhanden sind, werden die Eltern dem Knaben ihre Geschäfte anvertrauen, ihn also lieben. Genau dann wird er für andere als Freund begehrenswert. Denn nur wer zu etwas brauchbar und gut ist, kann nach Platons Vorstellung ein sein. 13 Daran schließt sich ein weiterer Aspekt der platonischen Auffassung von Freundschaft an, nämlich dass wahre Freundschaft nur zwischen Menschen, die durch das Streben nach dem absolut Guten vereint sind, den Guten, für möglich gehalten wird. Folglich „bezeichnet in der Metaphysik Platons ein Verhältnis, begründet durch gemein- same Hinwendung zur Idee des höchsten Gutes, durch vermittelt und als größte Aufwärtsentwicklung des sozialen Lebens […].“ 14 Somit ist Grundlage für . 15 Daher behandelt Platon untrennbar verschränkt mit und nimmt mit seiner Verquickung von und eine Sonderstellung in der Begriffsbestimmung der Freundschaft ein. 16 Zum besseren Verständnis der Verschränkung von und sei an dieser Stelle Ziebis angeführt, der in knapper logischer Abfolge die Verknüpfun- gen und modi von Platons -Begriffs charakterisiert: „[…] ihr Prinzip ist das Gute. Keine Tugend ohne Erkenntnis des Guten, keine Erkenntnis des Guten ohne Philoso- phie als Liebe zur Weisheit, keine Philosophie ohne den Eros.“ 17 Diese Verschränkung von und wird dann im Symposion und im Phaidros weiter behandelt, wäh-
13 Vgl. H. Leisegang, Art. Platon, in: K. Ziegler (Hrsg.), RE, XX, 2 (Stuttgart 1950) 2410.
14 F. Dirlmeier, und im vorhellenistischen Griechentum (Diss. München 1931) 87.
15
Vgl. W. Ziebis,
Der Begriff der bei Plato
(Diss. Breslau 1927) 55.
16 Vgl. Klein 1957, 45. Zum Verhältnis von und siehe Dirlmeier 1931, 55ff.
17 Ziebis 1927, 10.
3 Der Begriff der Freundschaft in der Ethik der Antike - ein Überblick 9
rend der Phaidros die Reziprozität der Beziehung zwischen Liebendem und Geliebtem als weiteres Thema zum Inhalt hat. 18
3.1.2 Platons Politeia
In der Politeia wird der Begriff der Freundschaft eng mit dem der Gerechtigkeit asso- ziiert. Nach Meinung der Weisen werden sowohl Himmel und Erde als auch Götter und Menschen durch Gemeinschaft, Freundschaft, Wohlverhalten, Besonnenheit und Ge- rechtigkeit zusammengehalten. Dabei ist das Problem der Freundschaft im Problem der Gerechtigkeit aufgehoben. Politische Eintracht und Freundschaft ( ) sind untrennbar miteinander verbunden und können nur auf der Basis von Ge- rechtigkeit, der höchsten Tugend, bestehen. Die condicio sine qua non der Gerechtig- keit und damit der platonischen Staatsethik besagt, dass ebenso wie die Bürger im Staat, das schließt Frauen und Männer ein, sein sollen, auch die Seelenteile
jedes einzelnen Menschen in zueinander stehen müssen.
19
3.1.3 Platons Nomoi
Im achten Buch der „Gesetze“ nimmt Platon schließlich eine Dreiteilung der Freund- schaft vor. Er unterscheidet eine Freundschaft zwischen zwei Menschen, die auf der Gleichheit oder Ähnlichkeit ihres Tugendstrebens basiert, die er für die dauerhafteste hält, und eine Freundschaft, die auf einer Gegensätzlichkeit der beiden Freunde be- ruht, woraus sich selten eine wahre Gemeinschaft entwickelt. Formen der Gegensätz- lichkeit sind hier jedoch seelischer, geistiger Natur wie zum Beispiel der Bedürftige die Freundschaft des Reichen sucht. Die oberste Instanz, die für das Zusammenführen auch „entgegengesetzter“ Freunde verantwortlich ist, bleibt immer die höchste Idee des Wahren, Guten und Schönen. Schließlich nennt Platon eine dritte Art von Freund- schaft, die auf Ähnlichkeit und Gegensätzlichkeit beruht. Die Widersprüchlichkeit in der Definition lässt schon per se anklingen, dass diese Form zwischenmenschlicher Bezie- hung niemals feste Gestalt annehmen wird, da sie weder schlecht noch gut und zudem richtungslos ist. 20
18 Vgl. Schulz 2000, 314.
19 Vgl. Ziebis 1927, 31ff.
20 Vgl. ebd., 50f.
3 Der Begriff der Freundschaft in der Ethik der Antike - ein Überblick 10
3.2 Der Begriff der Freundschaft bei Aristoteles - Ethica
Nicomachea
Mit der Vorlage der Ethica Nicomachea liefert uns Aristoteles die älteste wissenschaft- lich-systematische Ethik der Philosophie. Die praktisch verstandene Ethik des 384 v. Chr. in Stageira geborenen „freien Schülers“ Platons ist teleologisch (zielorientiert) und eudämonistisch (glücksorientiert); ihr höchstes Gut () ist also das Glück (). Sie gehört zur Humanethologie bzw. Anthropologie und kann durchaus als eine auf den Menschen bezogene Verhaltensforschung aufgefasst werden. 21 In diesem Kontext ist der Freundschaftsbegriff bei Aristoteles zu verstehen, den er im achten und neunten Buch der Ethica Nicomachea eingehend und umfassend behan- delt. In Auseinandersetzung mit seinem „Lehrer“ Platon hat er eine bis dahin nicht vor- handene an der Empirie von Freundschaft orientierte Freundschaftstheorie entworfen, die die Basis für alle nachfolgenden Theorien der Freundschaft geworden ist. 22 Im Gegensatz zu Platon betrachtet Aristoteles Freundschaft nicht mehr unter der na- turphilosophischen Fragestellung, sondern rückt Freundschaft nun in das Zentrum hu- maner und politischer Interessen. Dies bedeutet, dass die von Aristoteles verstandene Freundschaft als solche ihren festen Platz in der Gemeinschaft hat. Freundschaft wird also in der Polis umgesetzt und ist quasi koextensiv mit der politischen Gemeinschaft. 23
3.2.1 Grundlagen und Gründe für die Freundschaft 24
Grundsätzlich, sagt Aristoteles, beziehe sich Freundschaft () auf das, was man liebt. Daraus ergeben sich folgende Grundlagen für die Freundschaft: Man soll für je- manden das wollen, was man selbst für gut hält (Wollen). Außerdem soll Freundschaft um jener Person selbst willen vollzogen werden (Altruismus). Des Weiteren ist es er- forderlich für die und in der Freundschaft tätig zu werden (Aktivität). Ferner ist ein wah- rer Freund nur der, der selbst liebt und dessen Liebe erwidert wird (Gegenseitigkeit). Als zentrale Kriterien für die Grundlage einer wahren Freundschaft kristallisieren sich demzufolge nach Aristoteles‘ Auffassung Wohlwollen () und Gegenliebe heraus.
23 Vgl. Elm 2002, 337ff.
24 Die folgenden Ausführungen beruhen auf Aristoteles, Ethica Nicomachea/Die Nikomachische Ethik:
griech./dt., übers. von. O. Gigon, neu hrsg. von R. Nickel (Düsseldorf/Zürich 2001) 322-413.
3 Der Begriff der Freundschaft in der Ethik der Antike - ein Überblick 11
„Erst die Gegenseitigkeit schafft die Gemeinschaft der , erst die von beiden Part- nern geoffenbarte und , ein ständiges Geben und Nehmen […].“ 25
Doch Freundschaft kann nur durch Vertrautheit über eine längere Zeit entstehen. Aris- toteles zählt die Freundschaft nämlich zu den Tugenden, die nicht aufgrund von Lei- denschaften und Emotionen () oder aufgrund einer Fähigkeit () vorhan- den sind, sondern sich erst in dauerhafter Ausübung zeigen. Denn die Tugend ist eine durch Gewöhnung angeeignete Eigenschaft des Charakters (). Diese wird näher charakterisiert, indem Aristoteles seine - Lehre auf die Tugenden an- wendet, derzufolge die Tugend immer eine Mitte zwischen zwei lasterhaften Extremen darstellt.
26
Im Kontext der - Lehre definiert Aristoteles nun die „Freundschaft
als Aufgeschlossenheit und Verbindlichkeit, die Mitte zwischen aufdringlicher Gefall- sucht oder berechnender Schmeichelei und abwehrender Selbstverhärtung oder (bei Greisen häufiger) Streitsucht."
27
Die Gründe für das Eingehen einer Freundschaft liegen für Aristoteles auf der Hand. Keiner möchte ohne Freunde leben, auch wenn er alle übrigen Güter besäße. Denn die Freundschaft ist eine Tugend () und gehört zum Notwendigsten im Leben. So brauchen reiche Menschen Objekte der Wohltätigkeit, arme Menschen Hilfe, junge Menschen Rat und Hilfestellung, alte Menschen Pflege. Außerdem sind zwei Erwach- sene gemeinsam zum Denken und Handeln besser geeignet. Ferner liegt eine gegen- seitige natürliche Freundschaft zwischen Erzeugnis und Erzeuger vor, wovon hier be- sonders unter den menschlichen Wesen die Menschenfreundlichkeit zu loben ist. Des Weiteren ist Freundschaft der Eintracht () ähnlich und hat somit die Eigen- schaft, Staaten zusammenzuhalten. Daher wird der Freundschaft von den Gesetzge- bern mehr Aufmerksamkeit als der Gerechtigkeit geschenkt. Denn dort, wo Freunde sind, bedarf es keiner Gerechtigkeit. Gerechte bedürfen jedoch sehr wohl der Freund- schaft. Somit erfüllt Freundschaft erst den Sinn der Gerechtigkeit und ist
per se
das Gerechteste.
28
3.2.2 Arten der Freundschaft
Entsprechend der drei Gründe, aus denen man liebt, nämlich Zuneigung gegenüber dem Guten, dem Angenehmen und dem Nützlichen, hat Aristoteles eine dreistufige
25 Klein 1957, 54.
26 Zur Tugend als Mitte vgl. Arist. EN II, 7-9; III, 8ff.; IV.
27 A. Müller 1972, 1106.
3 Der Begriff der Freundschaft in der Ethik der Antike - ein Überblick 12
Typologie der Freundschaft nach den Kriterien der Lust, des Nutzens und des Guten aufgestellt. Die erste Art, die Freundschaft um der Lust willen, tritt vor allem bei jungen Menschen, und hier besonders um der eigenen Lust willen auf. Die zweite Art, die Freundschaft um des Nutzens willen, kommt vorwiegend bei alten Menschen vor, die Freundschaften hauptsächlich um des eigenen Nutzens und Gewinns willen eingehen. Doch diese beiden Arten von Freundschaft sind nach der Auffassung von Aristoteles eigentlich keine Freundschaft, sondern ihr nur ähnlich. Er nennt sie zufällige Freund- schaften. Sie haben keinen Bestand und keine Dauer, da sie sich, sobald das entspre- chende Merkmal, weshalb sie eingegangen worden sind (Lust oder Nutzen), fehlt, auf- lösen. Die dritte Art, die Freundschaft um des Guten willen, wird von den Tugendhaften und an Tugend Ähnlichen praktiziert.
3.2.3 Vollkommene Freundschaft und Selbstliebe
Die zuletzt genannte Art von Freundschaft wird von Aristoteles als die vollkommene Freundschaft () definiert. Diese beruht auf Gleichheit () und hat als einzigen Bezugspunkt das Gute. Die Freundschaft der Tugendhaften lässt sich weiter dadurch charakterisieren, dass sie beständig ist, da die Tugend beständig ist, und sich auf eine geringe Anzahl von Freunden beschränkt. Im Gegensatz zu den asymmetri- schen Freundschaften, worunter Aristoteles Freundschaften versteht, die auf Überle- genheit und proportionierter Zuneigung beruhen, wie die Freundschaft von Vater und Sohn, alt und jung, Mann und Frau und Regierenden und Regierten, handelt es sich bei der vollkommenen Freundschaft, die als oberstes Prinzip Gleichheit aufweist, um eine symmetrische Freundschaft.
In der wünschen sich die tugendhaften Freunde gegenseitig das Gute jeweils um ihrer selbst willen. Indem man den Freund liebt, liebt man das, was einem ein Gut ist, d.h. der Tugendhafte, der zum Freund geworden ist, wird zu einem Gut für den, dessen Freund er ist. Wenn nun Freundschaft Tugend ist, Tugend als Haltung im Interesse des eigenen Glücks verstanden wird und Glück als höchstes Gut aufgefasst wird, stellt sich die „Grundfrage des Eudämonismus, wie jemand, der sich auf das Prin- zip Glück verpflichtet, gleichwohl Altruist zu sein vermag.“ 29 Aristoteles findet für dieses Grundproblem einen Ausweg, indem er sagt, dass jeder Freund im anderen einen Teil seiner selbst sehe. Der Freund repräsentiert für den Tugendhaften sein zweites Ich, ein
28 Vgl. ebd.
29 O. Höffe, Art. philia/Freundschaft, Liebe, in: O. Höffe (Hrsg.), Aristoteles-Lexikon (Stuttgart 2005) 448.
3 Der Begriff der Freundschaft in der Ethik der Antike - ein Überblick 13
anderes er selbst: . 30 Wenn es dem Freund gutgeht, geht es dem gut, dessen Freund er ist. „Beim guten Menschen bildet also das eigene Glück mit dem Glück anderer eine Einheit.“ 31 In diesem Zusammenhang kann A.W. Price angeführt werden, der die Interaktion und Kooperation zwischen dem Tugendhaf- ten und seinem Freund allgemeiner und formelhafter ausdrückt: “A acts upon and wi- thin B’s life, making possible actions by B that are owed to A and count as A’s also, so that their lives come to overlap.” 32 Deshalb verhält sich der Tugendhafte zu einem Freund wie zu sich selbst. Vor allem aber soll der Tugendhafte eigenliebend () sein, da aus der Freundschaft zu sich selbst die Freundschaft zu anderen erwächst. Er wünscht für sich selbst das Schönste und Beste, d.h. die höchste Tugend.
3.2.4 Notwendigkeit der Freundschaft
Gegen Ende des neunten Buches der Ethica Nicomachea diskutiert Aristoteles die Frage nach der Notwendigkeit der Freundschaft für die Glückseligkeit. Man könnte annehmen, der Tugendhafte, der mit sich selbst zufrieden und glücklich ist, bedürfe der Freundschaft gar nicht, um zur Glückseligkeit zu gelangen. Doch dieser Ansicht stimmt Aristoteles nicht zu. In seinen Augen sind Freunde für die Glückseligkeit notwendig, weil der Tugendhafte Menschen braucht, denen er Gutes tun kann, mit denen er sein Glück teilen kann. Folglich widerspricht dem nicht die Zugehörigkeit der Autarkie zur Eudämonie. Des Weiteren ist der Mensch von Natur aus auf staatliche Gemeinschaft angelegt und zum Zusammenleben geschaffen. Diese natürliche Veranlagung des Menschen zum Gemeinschaftswesen gilt auch für den Glücklichen. Denn Glückselig- keit ist nicht ein , sondern und kann am besten im Zusammenleben mit dem tugendhaften Freund ausgeübt werden. 33 Deshalb ist der tugendhafte Freund dem Tugendhaften von Natur aus erwünscht.
3.3 Der Begriff der Freundschaft bei Epikur 34
Epikur, 341 v. Chr. auf der Insel Samos geboren, gründete 306 v. Chr. den „Garten“ in Athen, wo er in enger Gemeinschaft mit seinen Anhängern und Freunden epikureische
30 Arist. EN 1166a.
31 Höffe 2005, 448.
32 A.W. Price, Art. love and friendship, in: S. Hornblower and A. Spawforth (edd.), OCD (Oxford/New York 3 1996) 885.
33 Vgl. Klein 1957, 57.
34 Die folgenden Ausführungen beruhen auf Reibnitz 2001, 672f und M. Hossenfelder, ‘Stoa, Epikureis- mus und Skepsis‘ (München ²1995), in: W. Röd (Hrsg.), Geschichte der Philosophie, Bd.III: Die Philo- sophie der Antike 3 (München ²1995) 100-124.
3 Der Begriff der Freundschaft in der Ethik der Antike - ein Überblick 14
Philosophie praktizierte. Die Gemeinschaft der straff organisierten Schule Epikurs, zu der auch Sklaven und Frauen zählten, lebte nach strengen Regeln, hatte sogar eigene Feiertage und schien nach außen hin einer religiösen Vereinigung ähnlich zu sein. Der Freundschaft wurde in der epikureischen Schule eine besonders wichtige Bedeutung beigemessen. Die Institutionalisierung eines regelrechten Freundschaftskults unter Epikurs Anhängern, in dem er selbst beinahe wie ein Gott verehrt wurde, war das Wahrzeichen des . 35 Die Ideologie einer kosmopolitischen, geschlechts- und sta- tusunabhängigen Freundschaft war das einigende Band der Gemeinschaft und brachte so Männer, Frauen und Sklaven zusammen.
Epikur schließt sich insofern in der Betrachtung des Freundschaftsbegriffs an Aristote- les an, dass er ihn bewusst als persönliche Bindung, als Neigung zum Subjektiv- Individuellen behandelt. 36 Bevor man sich jedoch an Epikurs Verständnis von Freund- schaft wagt, muss auf seine eudämonistische und hedonistische Individualethik einge- gangen werden. Denn der Begriff der Freundschaft kann nicht isoliert betrachtet, son- dern nur in diesem Kontext verstanden werden. 37
3.3.1 Epikurs eudämonistische Individualethik
In der epikureischen Ethik gelten maximale individuelle Lust und, umgekehrt formuliert, das Freisein von Unlust, als das höchste Gut. sind zugleich die Glückseligkeit () und die Lust bzw. das Freisein von Unlust. Daher stellen Lust und Frei- sein von Unlust den direkten Weg zum Glück dar. Wer sie erreicht, hat auch den Zu- stand der erreicht. In letzter Instanz liegt die Glückseligkeit in der
,
der „Seelenruhe“. Knapp zusammengefasst bedeutet dies: „Höchstes Gut ist die Glückseligkeit des einzelnen, diese besteht in der Ataraxie, diese ist Lust, also ist das höchste Gut Lust.“
38
Epikur unterscheidet die Lust „in Bewegung“ (
)
und die „zuständliche Lust“ (
),
die Unlustfreiheit. Dabei handelt es sich jedoch nicht um zwei verschiedene Arten von Lust, sondern um ein und dasselbe Gefühl, das lediglich in
35 An dieser Stelle sei auf Epicur. sent. Vat. LII verwiesen, wo Freundschaft in personifizierter Form in einem hymnischen Ton charakterisiert wird: Sie tanzt um die Welt und ruft alle dazu auf, aufzuwachen, um das glückliche Leben zu preisen.
36 Vgl. Klein 1957, 72.
37 Eine Annäherung an den epikureischen Freundschaftsbegriff unter individualethischen Gesichtspunk- ten steht hier im Vordergrund. Auf eine sozialphilosophische Analyse muss an dieser Stelle weitestge- hend verzichtet werden. Hierzu sei verwiesen auf R. Müller, Die epikureische Gesellschaftstheorie (Berlin 1972) 112-129.
3 Der Begriff der Freundschaft in der Ethik der Antike - ein Überblick 15
Form und Intensität Variation erfährt. Ferner argumentiert Epikur, dass in der Gegen- wart bisweilen Schmerzen oder Unlust in Kauf genommen werden müssen oder auf ein subjektiv minderwertig empfundenes Lustgefühl verzichtet werden muss, sofern sich als Folge davon in der Zukunft ein größeres Lustgefühl einstellt. Der einzige absolute Wert ist und bleibt jedoch die Lust und ist mit dem Freisein von Unlust gleichzusetzen, die man als unerfülltes Bedürfnis verstehen kann. Folglich besteht für jeden darin das Ziel, Unlust möglichst zu vermeiden und somit keine unerfüllten Bedürfnisse zuzulas- sen, deren drei Quellen Begierde, Furcht und Schmerz sind.
Doch erst durch die vernünftige Einsicht () werden die Lust und als Folge das Glück verfügbar. Denn das wahre Wesen der Lust basiert auf der richtigen inneren Einstellung zur Lust, über die jeder selbst Herr ist. Daher ist jeder selbst dafür verant- wortlich, sein Lust-Unlust-Quantum jederzeit zu beurteilen und sein Handeln und des- sen Folgen an einem individuellen Maximum an Lust und Minimum an Unlust für die Gegenwart und die Zukunft auszurichten.
Allerdings sieht Epikur im Gegensatz zur Stoa in der Vernunft nicht die bestimmende Kraft in der Natur, sondern lediglich eine Orientierungshilfe für den Menschen. Epikur hat eine Reihe von Kernsätzen formuliert, die seinen Anhängern als praktische Le- bensregeln dabei behilflich sein sollten, Lust zu steigern, indem sie Unlust vermeiden, um sie zur zu führen. Durch Untersuchung dieser Lebensregeln kann nun eine Annäherung an die epikureische Auffassung von Freundschaft erfolgen.
3.3.2 Die und das Gnomologium Vaticanum Epicureum
Die beiden überlieferten Werke, die sogenannten „Hauptlehren“ ( ) und das Gnomologium Vaticanum Epicureum dienen als Quelle dafür, welche Auffassung Epikur von der Freundschaft hatte. Grundsätzlich steht der utilitaristisch oder altruis- tisch interpretierte Freundschaftsbegriff von Epikur in einem Spannungsverhältnis zu seinem -Begriff, da die auf der Autarkie des einzelnen Indivi- duums beruht: “Epicurus believed that primitive human beings did not have need of one another, but led isolated and self-sufficient lives.” 39 Dennoch bildeten in dieser Hinsicht die Freunde eine Ausnahme, da die Pflege von Freundschaften ein willkommenes und nicht verzichtbares Mittel zur Erlangung der Glückseligkeit im Leben darstellte, was Epikur in folgendem Kernspruch thematisierte:
38 M. Hossenfelder, Antike Glückslehren, Kynismus und Kyrenaismus, Stoa, Epikureismus und Skepsis,
Quellen in deutscher Übersetzung mit Einführungen (Stuttgart 1996) 165.
39 D. Konstan, Friendship in the Classical World (Cambridge 1997) 110f.
Arbeit zitieren:
Andreas Keilbach, 2008, Das Philosophem der Freundschaft bei Cicero und Seneca, München, GRIN Verlag GmbH
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