2
V O R W O R T
Der Gedanke, der letztendlich zur Bearbeitung dieses Themas führte, kam mir auf einem gruppendynamischen Seminar im Dezember 1995. Im Zuge meines Studiums der Sportwissenschaften und der Prävention/Rekreation hatte ich bereits durch einige wenige Lehrveranstaltungen Erfahrungen im Bereich der Psychologie sammeln können. Diese Erlebnisse führten mich zu der Erkenntnis, daß die Anwendungsgebiete der Psychologie im Sport viel zahlreicher sind, als es auf den ersten Blick erscheint.
Während dem oben genannten Seminar, das von Dr. Kleiner geleitet wurde, wurde mir klar, daß nur wenige Bereiche der Psychologie im Sport sinnvoll angewendet werden können. Die Gruppendynamik hinterließ durch dieses Seminar tiefen Eindruck auf mich, und ich beschloß, mögliche Anwendungsgebiete der angewandten Gruppendynamik im Sport zu erkunden.
Besonderes Interesse galt dabei dem Bereich des Leistungssports, da mir bereits in der Zeit während meines Studiums die wachsende Professionalität aufgefallen war. Die Geldmittel wurden für die Optimierung möglichst vieler leistungsbeeinflußender Bereiche verwendet und so interessierte es mich, welche Bedeutung den Konzepten der Gruppendynamik hier beigemessen wurde. Aber auch im Freizeitsport vermutete ich viele Möglichkeiten, gruppendynamische Anwendungen sinnvoll einzusetzen.
Ich hatte im Laufe meines Studiums gelernt, wie man sportliche Leistung optimiert, Trainingspläne anpaßt und geeignete Umweltbedingungen zum Erbringen einer sportlichen Leistung schafft. Mit der Zeit entwickelte sich jedoch eine zweite Sicht der Dinge, die den Freizeitsport als Vermittler von Spass und Lebensfreude darstellte. Diese verschiedenen Sichtweisen stellten sich letztendlich als gleichbedeutend heraus. So beschäftigt sich die vorliegende Arbeit auch mit beiden Sichtweisen, denn der Zwiespalt, der bei der Literatursuche und der Interpretation von Texten, entstand, ließ mich bald einen Weg der Mitte einschlagen.
3
Während der Literatursuche wurde mir immer mehr bewußt, wo die Ursachen der seltenen Nutzung der gruppendynamischen Konzepte im Sport liegen. Die Bearbeitung der Theorieteile ergab einen noch tieferen Einblick in die Situation der angewandten Gruppendynamik unserer Zeit.
Die Untersuchungen in der Praxis - die Tiefeninterviews zweier Mannschaften - gaben Aufschluß über die Einstellung der Aktiven zur Anwendung gruppendynamischer Konzepte im Bereich des Sports. So mußte ich meine Erwartungen an die Gruppendynamik und ihre Möglichkeiten zeitlich etwas nach hinten verschieben.
Dennoch bin ich der Meinung, daß das große Potential der gruppendynamischer Konzepte im Sport in weiterer Zukunft zum Tragen kommt und zum Nutzen vieler eingesetzt werden kann.
Auch in der Zukunft meiner Person wird die Gruppendynamik eine größere Rolle spielen. Ich möchte mich beruflich in die Richtung der Organisations- und Personalberatung fortbilden, und mir meinen beruflichen Herzenswunsch, mit vielen verschiedenen Menschen zu tun zu haben, erfüllen.
Die Diplomarbeit soll, meiner Absicht entsprechend, das Interesse an der Gruppendynamik erwecken und so möglicherweise lohnende Konzepte mit erfolgversprechenden Anwendungsgebieten zusammenführen.
Meinen besonderen Dank, möchte ich all jenen Professoren, insbesondere Dr. Kleiner und Dr. Lackner-Leitzlhofer, und Kollegen aussprechen, die mich bei der Literatursuche mit Ideen und Anregungen auf die richtige Fährte geführt haben und daher großen Anteil an der vorliegenden Arbeit haben.
I N H A L T S A N G A B E
6 PROBLEMAUFRISS 1
2.1.5. GRUPPENBEWUSSTSEIN ( Wir-Gefühl ) 31
36 ABGRENZUNGEN zu anderen sozialen Phänomenen 2 3
2.4.1. EXISTENZFORMEN von Gruppen 39
2.6. FORMELLE INFORMELLE GRUPPEN 41
3.1. DEFINITIONEN zum Begriff der Gruppendynamik 51
3.2.3. TRAUGOTT LINDNER 60
GESCHICHTE der Gruppendynamik: Schwerpunkt USA 3 3 61
GESCHICHTE der Gruppendynamik: Schwerpunkt Europa 3 4 63
3.5.1. ARBEITSPRINZIPIEN der Trainingsgruppe 65
3.5.1.1. DAS PRINZIP der Relativen Unstrukturiertheit 66
3.5.1.2. AUFTAUEN-VERÄNDERN STABILISIEREN 67
68 3 5 1 3 DAS PRINZIP des HIER und JETZT
68 3 5 1 4 FEEDBACK
3.5.2. DAS GRUPPENDYNAMISCHE LABORATORIUM ( GDL ) 69
3.5.3. SENSITIVITY TRAINING ( Selbsterfahrungsgruppe ) 70
4. FALLBEISPIELE: TIEFENINTERVIEWS ZWEIER MANNSCHAFTEN 79
106 ANHANG 6
106 LITERATURVERZEICHNIS 6 1
6
1. PROBLEMAUFRISS
Die Absicht der vorliegenden Arbeit ist, die Bedeutung gruppendynamischer Konzepte im Bereich des Freizeit- und Leistungssports näher zu beleuchten.
In einer Zeit, in der Sport eine Hochkonjunktur erlebt und viele der leistungssteigernden Methoden, die im Spitzensport für den kleinen und entscheidenden Vorsprung sorgen, auch im Breitensport angewendet werden, möchte ich gerne im Abseits von Computern, Telemetrie und Medizin der Frage nachgehen, welche Rolle die Gruppendynamik im Kampf gegen die Uhr oder beim Vermitteln von Spass an der Bewegung spielt. In getrennten Theorieteilen sollen sowohl die verschiedenen Formen von Gruppen vorgestellt, als auch die zulässigen soziodynamischen Konzepte herausgearbeitet und auf ihre Anwendbarkeit geprüft werden.
Den Abschluß sollen zwei Fallbeispiele bilden. In einer Schwimmannschaft und in einem Eishockeyteam werden Tiefeninterviews durchgeführt. Diese Interviews sollen zeigen, wie sehr die vorangegangene Theorie in der Praxis anwendbar ist. Ein Interview-Leitfaden wird zuvor erstellt und in fünf Kategorien unterteilt. Die Interviews werden aufgezeichnet, danach schriftlich übertragen und anhand der bearbeiteten Theorie ausgewertet. Die Ergebnisse aus den Fallbeispielen sollen zeigen, wie Erkenntnisse für den sinnvollen Einsatz gruppendynamischer Konzepte gewonnen werden.
Die Verbindungen der drei Themengebiete, nämlich Soziologie ( Gruppen ),
Psychologie ( gruppendynamische Konzepte ) und Sport ( Mannschaftssportarten ) sollen anhand der Relevanz gruppendynamischer Konzepte dargestellt werden. Im Bereich der Wirtschaft ist man sich über die Steigerung der Leistung durch Gruppendynamik ( Selbsterfahrung ) einig. Die Situation im Sport ist der in der Wirtschaft oft sehr ähnlich, denn auch hier versuchen Gruppen ihre Teamleistung zu verbessern.
So wird in dieser Arbeit der Einfluß der Psychologie und Soziologie auf die Leistungsfähigkeit im Sport näher untersucht.
7
1.1. AUSGANGSPUNKT
In diesem Kapitel möchte ich auf den momentanen Zustand des Sports näher eingehen und die Relevanz gruppendynamischer Konzepte untersuchen. Um herauszufinden, welche Rolle die Gruppendynamik im Sport spielt, oder spielen kann, muß man sich die Teilbereiche des Sports und deren Entstehungsgeschichte näher ansehen. Leistungssport und Breitensport können klar unterschieden werden. Welcher dieser beiden Bereiche des Sports eher für den Einsatz gruppendynamischer Konzepte geeignet ist, läßt sich nicht so leicht beurteilen. Auf die Fragen, die diese Problematik hier aufwirft, gibt es keine schlüssigen Antworten. So hätten Zuordnungen zu einem bestimmten Bereich im gesamten Sport bestenfalls Versuchscharakter.
Die Formulierung von Arbeitshypothesen scheint die logische Konsequenz zu sein. Ich möchte in diesem Kapitel mit einer Reihe von Hypothesen konkrete Fragestellungen aufwerfen, die zunächst unbeantwortet bleiben. Erst am Ende der Arbeit sollen Antworten auf die Fragen in den Arbeitshypothesen gesucht werden. Die Erkenntnisse, die während der Erstellung der vorliegenden Arbeit gewonnen wurden, sollen in die Beantwortung der Arbeitshypothesen einfließen. Gerade durch die Erarbeitung und späteren Bearbeitung dieser Hypothesen soll es zu möglichst konkreten Antworten auf konkrete Fragestellungen kommen.
1.2. PROBLEMSTELLUNG ( ARBEITSHYPOTHESEN ).
"Im Zuge der immer stärkeren Differenzierung der Gesellschaft werden auch hinsichtlich des Sports und der sportlichen körperlichen Betätigung verschiedene Paradigmen und Modelle wirksam. Als Mikrokosmos der Gesellschaft spiegelt der Sport zahlreiche brisante Probleme und krisenhafte Tendenzen wider " ( HANSEN 1986. S 43 ).
HEINEMANN ( 1993. S 86 - 88 ) beleuchtet die Entwicklungen voran sehr eingehend und
ruft die Situation des Sports vor fünfzehn Jahren in Erinnerung, in der Sport, für ihn, nur eine Randerscheinung unserer Kultur war. In der Schule nur zweitrangig, stellte Sport damals eine schweißtreibende, unterbewertete Aktivität dar, die nur für die Zielgruppe der männlichen Jugendlichen aus der Mittelschicht interessant war. Dieser Zustand ist jedoch in einem Wandel begriffen, der dadurch erklärbar ist, daß immer mehr neue Personengruppen den Sport für sich entdecken. Erwachsene, Senioren, im zunehmenden Maße Frauen aber auch immer öfter Familien, wollen gemeinsam Sport ausüben.
8
Aber auch der Behinderten- und Rehabilitationssport entwickelt sich in dieser Zeit und sorgt auch mit dafür, daß sich der Sport breit auffächert, um den verschiedenen Ansprüchen der Sporttreibenden in Bezug auf Motivation, Kompetenz und Leistungsorientierung gerecht werden zu können.
Den damit verbundenen Anstieg der Zahl an Aktiven im Sportbereich beschreibt
HEINEMANN ( 1993. S 85 ) als ein vorwiegend quantitatives Phänomen:
„Die enorme Entwicklung des Sports läßt sich an den Wachstumsraten der in den deutschen Sportvereinen organisierten Mitglieder ablesen: 1960 waren es 5,3 Millionen, 1970 10 Millionen, 1980 17 Millionen, 1990 wird in Westdeutschland eine Zahl von 23 Millionen Mitgliedern erreicht. Entsprechend stieg die Zahl der Vereine von ca. 29500 im Jahr 1960 auf gegenwärtig ca. 65000 Vereine. Es gibt -- mit Ausnahme des kulturellen Sektors -- keinen anderen Freizeitbereich der eine vergleichbare expansive Entwicklung genommen hat“
HEINEMANN ( 1993. S 85 - 86 ).
Durch die steigende Zahl der Aktiven steigt nicht nur die Zahl der Vereine, sondern der Sportverein sieht sich plötzlich völlig neuen Organisationen, die sportlich Interessierte anlocken wollen, gegenüber.
HEINEMANN ( 1993. S 90 - 91 ) faßt die Organisationen in drei unterschiedlichen Gruppen
zusammen:
- staatlich, halb-staatliche Einrichtungen Volkshochschulen Bildungswerke Gewerkschaften kirchliche Organisationen
Sie benutzen den Sport um neue Mitglieder zu werben. Das Sportangebot soll Leute anlocken, die in weiterer Folge nicht nur am Sportprogramm, sondern auch am „Kernprogramm“ Gefallen finden.
- kommerzielle Sportanbieter Fitneßcenter Skischulen Skiliftgesellschaften Golf - Tennisplätze, etc.
9
verkauft wird. Diese Sportanbieter sind rein erwerbswirtschaftlich orientiert und versuchen unter den Gesetzmäßigkeiten des Marktes mit ihrem Sportangebot Gewinne zu erzielen.
- Formen des „informellen“ Sports Tourismus ( Animation )
Der Sport als „Hobby“ gewinnt an Bedeutung. Man beginnt selbständig Sport zu treiben und verzichtet auf Mitgliedschaften in Vereinen. Diese Entwicklung ist die Grundlage für den enormen Aufschwung spezieller Trendsportarten, ( Snowboarden, Mountainbiken, Roller -Skaten, etc. ) die „formell“ so gut wie gar nicht existierten.
Eine auch sehr bedeutende Entwicklung, die sich für den Sport im nächsten Jahrtausend absehen läßt, ist die "Überalterung" der Gesellschaft. Durch die Verbesserung der Lebensqualität und die enormen Möglichkeiten der Medizin ist es zu einer höheren Lebenserwartung in den Nationen der ersten Welt gekommen. Daraus ergibt sich automatisch auch eine neue Gruppe von Sportlern, die Pensionisten ( vgl. HEINEMANN 1990. S 78 ). Der Sport verliert seine Eigenständigkeit aber nicht nur durch die Konkurrenz der Mitstreiter, sondern auch unter dem Druck jener Organisationen, die am Sport an sich Interesse haben. Dazu zählen die Massenmedien, die Wirtschaft ( Sport als Werbeträger ) und die passiven Sportkonsumenten ( Zuseher ) ( vgl. WEISS 1990, S.66 ).
In den letzten Jahren wurde das Interesse der breiten Masse, am Sport aktiv teilzunehmen, geweckt. Als Folge stieg die Zahl an aktiven Vereinsmitgliedern weltweit an. Vor allem die Trendsportarten, wie Snowboarden, Mountainbiken und Inline-Skaten, organisieren sich zunehmend in Vereinen und dadurch können diese Entwicklungen erstmals statistisch erfaßt und in Zahlen ausgedrückt werden.
10
Die Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur haben auf den Sportbereich auch deutliche Auswirkungen. Die niedrigen Geburtenraten unserer Zeit stehen einer immmer noch steigenden Lebenserwartung gegenüber. Die Abnahme der Bevölkerung durch den Geburtenrückgang, wird durch die steigende Mobilität der Gesellschaft mehr als ausgeglichen. So kann zum Beispiel ein vermehrter Zuzug von EG- Ausländern und Asylbewerbern beobachtet werden. Die Folgen der steigenden Lebenserwartung sind in der Entstehung einer Fünf-Generationen-Gesellschaft zu erwarten. Ebenso nimmt die Zahl der Personen mit höherer Bildung weiter zu, wodurch sich auf lange Sicht gesehen die Relation von Angstellten und Arbeitern im Arbeitsbereich stark verändern wird (vgl. HEINEMANN 1993. S 92-93 ).
Im Jugendalter werden die Voraussetzungen für ein langandauerndes Verhältnis zum Sport gelegt. Die Tatsache, daß heute noch vergleichsweise wenige Erwachsene und Ältere Sport treiben, ist auf die schlechteren Voraussetzungen für die Hinführung zum Sport in früheren Jahren zu erklären. Eine lebenslange Beziehung zum Sport und eine aktive Ausübung werden aufgrund veränderter Bedingungen immer mehr zur Selbstverständlichkeit.
Die vormals hauptsächlich leistungsorientierten Zielsetzungen werden durch die Entstehung von neuen Zielen im Sport komplettiert. Körperformung und Fitneß, Entspannung und Erleben rücken immer mehr in den Vordergrund. Es entwickelt sich eine neue Gruppe im Freizeitsport;die der „ junggebliebenen Erwachsenen“. Sportliche Bewegung ist für sie bereits ein fixer Bestandteil des Lebens geworden. Auch im zunehmenden Alter ist diese Gruppe bereit, Zeit und Geld aufzuwenden, um jung, fit und somit leistungsfähig zu bleiben. Ein nettes äußeres Erscheinungsbild, gestärktes Selbstbewußtsein und ein Mehr an sozialer Aktzeptanz, sind für diese Personengruppe Motiv und Belohnung zugleich.
An dieser Stelle möchte ich folgende Fragestellung, durch die Formulierung der ersten Arbeitshypothese, aufwerfen.
THESE 1 : Bewegung und Sport sind Grundbedürfnisse des
Menschen.
THESE 1.1: Der Bereich des Freizeitsports vermittelt diese
Grundbedürfnisse ohne Leistungsdruck.
THESE 1. 2: Die Anwendung von soziodynamischen Konzepten
ist zur Erfüllung von Grundbedürfnissen nicht vorteilhaft.
11
Zwei weitere Punkte, die HEINEMANN ( 1993. S 94-95 ) in seinem Artikel besonders herausstreicht, sind die Erweiterung des Dispositionsraumes des Einzelnen und die zunehmende Individualisierung. Er spricht damit den Wandel des Verhältnisses von Arbeitszeit und Freizeit an. Die Lebenserwartung steigt und die Arbeitszeit, auch im Bezug auf Wochenarbeits-, Jahresarbeits- und Lebensarbeitszeit, nimmt immer weiter ab. Der Einzelne sieht sich immer mehr freier Zeit gegenüber, die er aktiv gestalten kann.
Gleichzeitig verlieren Merkmale der Zugehörigkeit, zu einer Altersgruppe, zum gleichen Geschlecht, zur beruflichen Gruppe oder zu einer sozialen Schicht, ihre bindende Kraft. Der Sportbereich reagiert ebenfalls darauf und verbreitert sein Spektrum des Angebots. die Vielgestaltigkeit der Freizeitkultur reicht vom Angebot der Vereine bis hin zu kommerziell geführten Sporteinrichtungen. läßt sich eine viel größere Vielseitigkeit in der Betätigung des Sportinteressierten beobachten. Der Freizeitsportler sucht sich nicht mehr eine Sportart aus, um nach dem traditionellen Muster in dieser Sportart sein Glück zu versuchen, sondern plant seinen sportlichen Alltag gleich einem Menüplan. Der sogenannte Do-it-yourself-Bewegung stellt die Spitze der Eigenständigkeit im Freizeitsport dar.
BETTE ( 1993. S 44-45 ) unterscheidet in diesem Bereich den „ modernen Sportnomaden, die
zwischen den diversen Praktiken hin und her vagbundieren“ und „ Außenstehende, die noch traditionell im Sport sozialisiert wurden, und alten Bindungs- und Treueidealen Folge leisten.“ Folgendes Zitat soll ein Beispiel für die Ansichten des Autors geben:
„Wie ein Bastler/Pfuscher ( bricoleur ), der sich seine Weltanschauung und sein Erlebnis-und Handlungsrepertoire selbst zusammensteltt, oszilliert der individualisierte Sportler zwischen den verschiedenen Sportarten hin und her und klopft das Angebot auf schnelle und durchaus kontroverse Sinngebung ab - vergleichbar mit einem Fernsehzuschauer, der auf der Suche nach spannungsgenerierenden Ereignissen mit Hilfe seiner elektronischen Fernbedienung gelangweilt zwischen den diversen Sendern flaniert: montags Tai Chi, dienstags Jogging im Wald, mittwochs Fußball und am Wochenende Bauchtanz in der Männergruppe“ ( BETTE 1993. S 44 ).
BETTE ( 1993. S 45 ) zieht eine viel schärfere Trennungslinie zwischen alt und neu als
HEINEMANN ( 1993 ) und reiht den modernen Freizeitsportler unter einem klaren Motto ein:
„Ich nehme mein Schicksal in die eigenen Hände.“
12
Der Sportinteressierte sucht sich seine eigene Mischung an verschiedenen Sportarten und kreiert so seinen eigenen Menüplän. So kann sich der Einzelne von den Massen abheben und sein eigenes Profil schaffen. Aber selbst hier ist er von Kopien und Konkurrenz gefährdet. Dieses Streben nach Einzigartigkeit unterliegt natürlich auch gewissen Grenzen und sich auf diese Grenzen zubewegen zu können, scheint einen besonderen Reiz am Sportbereich auszumachen.
Aber gerade in dem Versuch sich abzugrenzen, liegt auch die Gefahr sich in Bereichen aufzuhalten, die nur mehr von Gleichgesinnten besucht werden. So trifft sich durch Entwicklung von Individualität die ausgesiebte Gleichheit. BETTE ( 1993. S 45 ) nennt dieses Phänomen „Paradoxie der Individualität“ und führt als Extrembeispiel die Gleichheit der Körper im Bodybuilding an.
Der Sportler kann sich nun dadurch von anderen absetzen, indem er sich durch Leistungen profiliert, die andere zu erbringen nicht in der Lage sind. Der Bereich des Sports ist dazu ein sehr gut geeignetes Handlungsfeld ( vgl. BETTE 1993. S 46 -54 ).
GEBAUER beschreibt dieses Phänomen im Sport so: „Der Sport vereinigt Individuen ohne
Unterschiede, aber er trennt sie auch scharf voneinander. Er öffnet sich gegenüber Minderheiten, hebt aber ihre körperliche Andersheit deutlicher hervor als jedes andere Handlungssystem“ ( HORTLEDER / GEBAUER 1986. S. 114 )
In diesem Streben nach Einzigartigkeit benötigt der Einzelne natürlich die Menge, von der er sich absetzen kann. Auch in Sportgruppen werden Unterschiede der Gruppenmitglieder schnell ermittelt. Dieses Bestreben sich von den anderen zu unterscheiden, kann entweder leistungsorientiert oder im menschlichen Bereich erfolgen.
Zu dieser Problematik möchte ich eine weitere Arbeitshypothese formulieren.
THESE 2: Das Erkennen und Akzeptieren von Leistungsunterschieden ist Grundvoraussetzung für die Gleichberechtigung von Gruppenmitgliedern.
THESE 2.1: Durch den Einsatz gruppendynamischer Konzepte
sind Gruppenmitgliedern eher bereit, die Stärken und Schwächen anderer zu respektieren.
13
Es stellt sich nun die Frage, ob im Rahmen gemeinsamer körperlicher Betätigung, die Bedeutung von Leistungsfähigkeit über die soziale Wertigkeit der einzelnen Gruppenmitglieder zu stellen ist ?
Während im Leistungssport Klarheit herrscht, ist es im Freizeit- und Breitensport unterschiedlich, wohin die Entwicklungen führen. Gerade der Bezugsperson der Gruppe, dem Trainer, Übungsleiter oder Betreuer kommt hier enorme Bedeutung zu.
Er kann entscheidend auf das Klima innerhalb der Gruppe Einfluß nehmen. Aus dieser Sichtweise heraus möchte ich eine weitere Arbeitshypothese formulieren:
THESE 3 : Bei der Auswahl von Betreuern für Sportgruppen im
Freizeitsport ist dem fachspezifischen Trainer, mit kaum gruppendynamischer Erfahrung, der Vorzug vor dem sportlich versierten, aber nur gruppendynamisch ausgebildeten Betreuer zu geben.
Abgesehen von einem pädagogischen Geschick, über das ein Trainer verfügen sollte, sollte er auch von der Gruppenpsychologie ein gewisses Maß an Wissen vorzeigen können. Gerade die Trainer von Sportspielmannschaften und Trainingsteams sind mit einer Mehrzahl von Personen konfrontiert, unter denen es zu mehr oder weniger ausgeprägten Interaktionen kommen kann. DAMM (1991) berichtet von einer gruppendynamischen Intervention, die er als Trainer bei einer Gruppe von 13jährigen Sportlern angewendet hat. Der Autor hat diese Trainingsgruppe von einem Trainer übernommen, der die Gruppe autoritär und individuumsbezogen betreut hat. Der von DAMM favorisierte demokratische Führungsstil führte jedoch dazu, daß die Gruppe diesen Umstand ausnutzte und das eigentliche Unterrichtsziel (das Leichtathletiktraining) zugunsten von Fußballspielen aus den Augen verlor. In der Folge dieser Entwicklungen hat sich der Trainer mit einem Motivations- und Autoritätsproblem konfrontiert gesehen. Aufgrund der persönlichen gruppendynamischen Erfahrungen des Autors, gelang es die Gruppe neu zu motivieren und dadurch die Fachkompetenz unter Beweis zu stellen. Der Autor führt das Gelingen dieses "Feldexperiments" auf seine gruppendynamische Erfahrung und sein pädagogisches Geschick zurück ( vgl. DAMM 1991. S. 295-302 ).
Die Tatsache, daß Gruppen meist Gegenstand "trainerischen Wirkens" sind, wäre es nur allzu selbstverständlich Übungsleiter in das Wesen der Gruppendynamik einzuführen Ich möchte diese Fragestellung aus der Sicht der betreuenden Person und den zur Betreuung notwendigen Fähigkeiten mit einer weiteren Arbeitshypothese beleuchten.
THESE 4 : Bezugspersonen einer Gruppe im Sport sollten über
theoretische und praktische Erfahrungen der Gruppendynamik verfügen.
14
Im Bereich des Leistungssports hat der Professionalismus auf ganzer Linie Einzug gefeiert. In seinem Fahrtwind sind enorme Geldbeträge in den Sportbereich eingeflossen, die rasch für Veränderungen gesorgt haben.
So hat der Leistungsgedanke eine Lawine der Rekordjagd losgetreten, die die sogenannten „alten“ Werte des Sports ( Fairneß, Sportlichkeit, Kameradschaft, Olympischer Gedanke ) stark in den Hintergrund gedrängt hat.
Im Vergleich zum heutigen Standard, im „Egoistensport“ Skifahren, stellt Franz KLAMMER die Situation beim ÖSV ( Österreichischer Skiverband ) im Sommer 1972, am Beginn seiner Weltcupkarriere, im Rückblick so dar:
„ Es geht sofort mit frischem Wind los. Ein total neuer Geist. Jeder ist für jeden da. Eine harmonische Supertruppe“ ( PRÜLLER 1987. S 114 ).
Die momentane Situation im Spitzensport zeigt jedoch, wie schonungslos um die Gunst der Fans und Preisgelder, um Prestige und Werbewirksamkeit gekämpft wird. Der Zweck heiligt die Mittel und so leisten sich zum Beispiel die Stars im alpinen und nordischen Skisport bereits persönliche Trainer oder Manager.
Sport-Idole, wie Günther Mader mit seinem Trainer Trenkwalder, Alberto Tomba mit Trainer und Manager Brunner und Andreas Goldberger mit Manager Federer zeigen vor, wie man Fans und Sponsoren bei Laune hält.
Milliardensummen an US-Dollars werden pro Jahr an Investitionen und Sponsoring ausgegeben und in Form von Werbeeinnahmen und Erträgen aus Merchandising wieder eingebracht.
Die Zahl der professionellen Athleten wächst nur geringfügig, die Leistungen dieser Sportler heben sich aber immer weiter vom Breitensport ab. Die Veränderungen in finanzieller Hinsicht haben zu ganzjährigen Trainingsmöglichkeiten, perfekten Trainingsbedingungen und zu pausenloser medizinischer und psychologischer Betreuung geführt.
Die Athleten werden auf Höchstleistungen getrimmt und so werden auch Höchstleistungen von ihnen erwartet, für die man jetzt auch bereit ist, Höchstsummen zu bezahlen.
Auf die Frage, ob es ihm leid tue nicht das ganz große Geld mit dem Skifahren gemacht zu haben, antwortet Franz Klammer, der als der erfolgreichste Abfahrer aller Zeiten, im Jahre 1985 seine Karriere mit 25 Abfahrts- Weltcupsiegen beendete, folgendes:
„Nein, Skifahren hat mir Spaß gemacht , mich so bereichert, weniger materiell, mehr ideell und kameradschaftlich, mir soviel Lebenserfahrung gegeben - was soll´s ? Ich war in einer besseren Zeit als Sailer, in einer schlechteren als die jetzigen Stars - was will ich ?“ ( PRÜLLER 1987. S 129 ).
15
Derzeitiger Spitzenverdiener des Sports ist Profi - Basketballer Michael Jordan, der für seinen Spielvertrag bei den Chicago Bulls ( zuzüglich Werbeeinnahmen ) in der letzten Saison über 400 Millionen ÖS auf seinem Konto verbuchen durfte.
Mit solchen Verdiensten steigt natürlich auch der Druck, der auf den Sportlern lastet. Er kann von den Einzelsportarten zu den Mannschaftssportarten noch weiter zunehmen. Der Konkurrenzkampf und die Rivalität untereinander können zu Neid und Mißgunst führen, Kameradschaft und Zusammengehörigkeitsgefühl können ins Abseits gedrängt werden, und die Motivation des Sportlers, für seine Mannschaft das Beste zu geben, kann sinken.
Den Athleten wird bei solchen Belastungen Hilfestellung geboten, indem sehr viel im mentalen Bereich gearbeitet wird. Es stellt sich nun die Frage, ob dieser Bereich im Spitzensport genügend abgedeckt ist, oder ob man hier erst am Beginn der Möglichkeiten steht. Aus diesem Gedanken heraus wird eine Arbeitshypothese formuliert:
THESE 5: Soziodynamische Konzepte tragen dazu bei, die
Handlungen, der im Bereich des Leistungssports ( Mannschaftssports ) agierenden Menschen, zu begründen und zu erklären.
THESE 5.1: So können zwischenmenschliche Defizite sichtbar
gemacht und eventuell abgebaut werden.
THESE 5. 2: Die Zufriedenheit der Mannschaftsmitglieder steigt,
und gleichzeitig steigt auch die Motivation der Mitglieder, sich für das Ziel der Gruppe einzusetzen.
Man findet also heute im Spitzensport Gruppen mit einer Aufgabe; nämlich Leistungen zu erbringen, die dann in Siege münden sollen. Der einzelne Leistungssportler wird dabei mit einer Vielzahl von Faktoren beeinflußt. So trainiert er das ganze Jahr über mit seinem Trainer und seiner Manschaft oder Trainingsgemeinschaft. Er erlebt die Konkurrenzsituation zu einigen Teammitgliedern und die Rivaltiät seines Teams mit anderen Teams. Auch wird er konfrontiert mit Eigenheiten seines Trainers, des Geschäftführers und auch mit den Besonderheiten seines Klubpräsidenten und der Öffentlichket. Diese Mixtur an Personen ergeben eine große Gruppe mit Untergruppen, in der sich der Sportler bewegt. Diese Gruppen sind aber auch dauernd in Bewegung. Der Trainer wird gekündigt, und eine Interimslösung überbrückt die Zeit bis der Neue kommt. In Mannschaftssportarten werden die Legionäre ständig getauscht, geholt, gewechselt und zurückgeschickt.
16
Der Leistungssportler in diesem Beispiel wird wegen seiner Spielstärke auch noch in das Nationalteam einberufen. Hier entsteht eine gänzliche neue Gruppe aus Vereinskollegen, fremden und bekannten Spielern, verhaßten und beliebten Kollegen und einem neuen Trainer. Die Konkurrenzsituation erfährt ebenfalls eine neue Dimension, da der Leistungsdruck noch stärker ist. Gruppenprozesse, Intergruppenprozesse finden sich in großer Zahl und beeinflussen den Leistungssportler nachhaltig.
Hier gäbe es mehrere Möglichkeiten mit gruppendynamischen Methoden zu arbeiten. Eine Anwendung der gruppendynamischen Konzepte in jedem möglichen Teilbereich würde alle Beteiligten überfordern und so muß das Einsatzgebiet sorgfältig ausgewählt werden.
THESE 6: Eine Analyse nach dem dringendsten Bedarf muß einer
gruppendynamischen Intervention vorausgehen.
Eine weitere Gefahr im Bereich des Leistungssports, besteht darin, die Gruppendynamik gleichberechtigt mit anderen Trainingsinhalten in den Trainingsplan aufzunehmen. Im negativsten Fall würde die Anwendung von gruppendynamischen Konzepten als inhaltlicher Programmpunkt irgendwann in der Vorbereitungsphase am Terminkalender stehen. Nach der, im Leistungssport noch immer tief verwurzelten, „Hopp und Zack“- Methodewürden Seminare besucht, Konzepte angewendet und die leistungsfördernde Maßnahme Gruppendynamik, wie ein Höhentrainingslager absolviert werden.
DORST ( 1977 ) beschreibt diese Problematik so: „Guppendynamik beschäftigt sich damit,
das Miteinander von Menschen als einen dynamischen Prozeß zu analysieren, zu beschreiben, zu begreifen und zu verändern. Diese Prozesse durchlaufen regelhaft bestimmte Phasen, bilden Strukturmuster und funktionale Rollen aus. Die gruppendynamischen Phänomene sind jedoch aufgrund der Komplexität der menschlichen Interaktion nicht eindeutig vorhersagbar und nicht in einfachen Modellen abbildbar“ ( DORST 1977. S. 271 )
Gruppendynamik Erfahrungszusammenhängen Selbsterfahrungsanteil der angewandten Gruppendynamik ( vgl. DORST 1977. S. 271 ).
Dorst zeigt hier die Problematik der angewandten Gruppendynamik auf. Der Sport wendet sich solchen ungewöhnlichen Hilfsmitteln, wie der angewandten Gruppendynamik, meist erst dann zu, wenn dies eine Krisensituation erfordert. Schnelle, rasche Hilfe, gleich einer Auffrischungsimpfung, ist angesagt.
Die angewandte Gruppendynamik kann auch sofort eingesetzt werden, nur ihre Resultate und Auswirkungen zeigen sich erst verzögert. So wird eine Tatsache immer klarer:
17
THESE 7 : Die angewandte Gruppendynamik muß über längere
Zeit angewendet werden, um ihren Ansprüchen gerecht werden zu können.
Eine weitere Frage die sich mit der Anwendung von soziodynamischen Konzepten stellt, ist die Frage der Qualifikation und Kompetenz im Bereich der Gruppendynamik. Die Gruppendynamik hat sich aus Theorien und Formen der Anwendung herausgebildet. Ihre Grundsätze können nicht in Zahlen ausgedrückt oder durch Fakten bewiesen werden. Die Schwierigkeiten beim verdeutlichen ihrer Auswirkungen und Nichtwirkungen haben selbstverständlich Kritik wach werden lassen ( vgl. DORST 1977. S. 272 ). Eine Vernachlässigung dieses Problembereiches kann folgende Auswirkungen haben: „ -- Die Diskreditierung der Gruppendynamik durch ihre Kommerzialisierung -- Das Problem der Schädigung von Teilnehmern an gruppendynamischen Veranstaltungen“ ( DORST 1995. S. 272 ).
Auch BRADFORD, GIBB und BENNE ( 1972 ) lassen eine Warnung ergehen: „daß Personen, die fachlich unzureichend ausgebildet oder von ihrer Persönlichkeitsstruktur her oder Motivation her ungeeignet sind, dieser Nachfrage zu entsprechen. Ohne die Supervision kompetenter und ethisch verantwortlicher Trainer können T-Gruppenerfahrungen für die Teilnehmer schädigend sein. Und die T-Gruppenmethoden werden diskreditiert, wenn die, die sie anwenden, vernünftigen methodischen und ethischen Normen nicht gerecht werden“ ( BRADFORD/ GIBB/ BENNE 1972. S. 429 ).
Der Begriff der angewandten Gruppendynamik bezieht sich auf die Tätigkeit des Anwendens. Die Funktion des GD-Trainers ( GD-Trainerin ) ähnelt stark einer Lehrtätigkeit. Er vermittelt jedoch nicht den herkömmlichen Stoff, den man auswendig lernen und so beherrschen kann. Wenn der GD-Trainer gruppendynamische Konzepte anwendet, so bringt er sich selbst ein und animiert die Teilnehmer zum Mitmachen. Gleichzeitig beobachtet und analysiert er die Geschehnisse in der Gruppe.
Er erfüllt seine Funktion als Organisator und Gestalter individueller und kollektiver Lern- und Erfahrungsprozesse. Seine Fähigkeiten, die Reaktion auf Geschehnisse und das Umsetzen in Verhalten, sind sehr eng mit seiner Persönlichkeit verknüpft ( vgl. DORST 1995. S. 277 ). So möchte ich eine Fragestellung aufwerfen, die dieses Kapitel, mit der Formulierung der letzten Arbeitshypothese, beschließt.
THESE 8 : Wieviel vom Job eines Gruppendynamik-Trainers
kann man erlernen ? oder anders gefragt: Wer hat das Talent zum GD-Trainer ?
18
1.3. WISSENSCHAFTLICHE METHODE DER ARBEIT
1.3.1 METHODE
Das Wort „Methode“ kommt aus dem Griechischen. Das Wort „methodos“ ( Methode ) setzt sich zusammen aus den Wörtern „metà“ ( -entlang- ) und „hodòs“ ( -Weg- ). „Methode bedeutet also soviel wie das „Entlanggehen eines Weges“.
DANNER ( 1994 ) bezeichnet die Methode als „ das Verfahren, das einen bestimmten Weg
aufzeigt, um ein vorgesetztes Ziel zu erreichen“ ( DANNER 1994. S. 12 ).
Methodisches Arbeiten ist gekennzeichnet durch planvolles Vorgehen und durch die Einhaltung bestimmter Regeln. Innerhalb einer Wissenschaft kann es mehrere taugliche Methoden zur Erreichung eines Forschungsziels geben. Jede Wissenschaft ersucht, die Methoden, die ihr am angemessensten sind, herauszufinden, zu begründen und abzugrenzen. Die Bemühungen einer Wissenschaft um ihre Methoden können unter dem Begriff „Wissenschaftstheorie“ zusammengefasst werden ( vgl. DANNER 1994. S. 12 )
Die bekanntesten Vorgangsweisen im Bereich der Sportwissenschaften sind die „hermeneutische Methode“ und die „empirische Methode“.
In weiterer Folge möchte ich die „hermeneutische Vorgangsweise“, Hermeneutik, die auch als alleinige Methode zur Durchführung dieser Arbeit gewählt wurde, genauer beschreiben.
1.3.1.1 HERMENEUTIK
Die Hermeneutik ist eine geisteswissenschaftliche Methode zur sinngemäßen Auslegung ( Interpretation ) von geistigen Produkten ( Texte, Musik, Kunst, Handlungen .. ) mit dem Ziel der Sinneserfassung oder des Verstehens ( vgl. RÖTHIG 1992. S 133 ).
„ Es ist der Inhalt der Hermeneutik, den Verstehensvorgang zu untersuchen und ihn uzu strukturieren“ ( DANNER 1994. S. 31 ).
Diese beiden Definitionen der „ Hermeneutik“ möchte ich bewußt vorausschicken, um damit näher auf die Inhalte dieser Methode eingehen zu können. In beiden Definitionen taucht der Begriff des „Verstehens“ auf.
19
Auch SOBOTKA ( 1992 ) hält fest, daß man den Inhalt eines Textes verstanden haben muß, um ihn interpretieren zu können.Den Sinn einer Aussage verstanden zu haben, beschreibt er so: „Erkennen von etwas als etwas ( Menschliches ) und gleichzeitig das Erfassen seiner Bedeutung“( SOBOTKA 1992. S.85 ).
Das Wort der Interpretationslehre „Hermeneutik“ entwickelte sich bereits in der altgriechischen Zeit. Das zugehörige Verb heißt „hermeneùein“ und bedeutet: aussagen ( ausdrücken ), auslegen ( erklären ) und übersetzen ( interpretieren ). Das lateinische „interpretare“ entspricht dem griechischen „hermeneùein“.
Ähnlich einem Übersetzer, im Englischen „ interpreter“, muß der Autor einen Sachverhalt richtig verstehen und deuten, um ihn für seine Sache entsprechend weiterverwenden zu können. Eine Interpretation ist hier ebenso vonnöten, wie bei Übersetzungen von Fremdsprachen, da auch hier eine wörtliche Übersetzung meist schlecht oder falsch ist. So bezeichnet man die Hermeneutik auch als die „Kunst der Auslegung“ ( vgl. DANNER 1994. S. 31 ).
DANNER ( 1994 ) teilt in weiterer Folge die Entwicklung der Hermeneutik in drei
Strömungen ein:
1. die philologisch-historische Hermeneutik (z.B: Wie ist Homers „Odyssee“ zu verstehen ? ).
2. die theologische Hermeneutik (Wie interpretiert man Altes und Neues Testament ? ).
3. die juristische Hermeneutik ( Auslegung und Anwendung vorgegebener Gesetze ).
Aus diesen drei Einzeldisziplinen entwickelte F. SCHLEIERMACHER ( 1768 - 1834 ) eine allgemeine Hermeneutik, die er als „Kunstlehre des Verstehens“ etablierte ( vgl. DANNER 1994. S.33 ).
DANNER ( 1994 ) weist auch auf Grundbegriffe der Hermeneutik hin. „Das Verstehen“ ist
ein zentraler Begriff der Hermeneutik. Eine Fortsetzung davon wäre „die Verbindlichkeit des Verstehens“. Aus diesen beiden Grundbegriffen entwickelte sich ein Modell, das zur Erlangung von übergreifendem Verständnis unerläßlich ist: Der hermeneutische Zirkel Er geht auf F. SCHLEIERMACHER ( 1768 - 1834 ) zurück und gilt seitdem als Modell dafür, wie übergreifendes Wissen entsteht. Das Grundprinzip dieses Modells läßt sich so beschreiben: Eine Erkenntnis vervollständigt bestehendes Wissen und führt so zu einer neuen Erkenntnis, die weitere Zusammenhänge offenbart und so .........( vgl. DANNER 1994. S. 57 ).
Auf der nächsten Seite möchte ich mit der graphischen Darstellung zweier Modelle von „Hermeneutischen Zirkeln“ ( ABBILDUNG 1;2 ), sowie deren anschließender Beschreibung, ein noch einfacheres Verständnis ermöglichen.
20
ABBILDUNG 1: Hermeneutischer Zirkel I
„Höheres Verstehen“ verläuft nicht geradlinig ( von Erkenntnis zu Erkenntnis ) sondern kreisförmig. Gewonnene Erkenntnisse lassen sich nicht addieren, sondern beeinflussen sich gegenseitig. Ein gutes Beispiel eines hermeneutischen Zirkels stellt das Verhältnis von Theorie zu Praxis dar. Die verschiedenen Einflüsse kreisen zwischen den beiden Seiten hin und hinterlassen überall ihre Spuren. So entsteht eine Bewegung des „Verstehens“ die als hermeneutischer Zirkel betrachtet wird.
21
1.4. GLIEDERUNG DER ARBEIT
Das Kapitel „Problemaufriss“ als Einleitung beschäftigt sich mit dem momentanen Zustand des Sports. Die Entwicklungen im Laufe der Geschichte des Sports werden beleuchtet und es wird so eine Trennung zwischen Leistungs- und Breitensport vollzogen. Im weiteren Verlauf werden Arbeitshypothesen formuliert, die konkrete Fragestellungen aufwerfen. Diese Fragestellungen zielen darauf ab, die Relevanz gruppendynamischer Konzepte sowohl im Breiten- als auch im Leistungssport herauszufinden. Die Notwendigkeit einer gruppendynamischen Ausbildung für Trainer - auch die Qualität der Ausbildung und die Kompetenz der Trainer betreffend - wird ebenfalls hinterfragt.
Die Methode, die bei der Ausarbeitung der Arbeit verwendet wurde, wird in einem Unterkapitel gesondert vorgestellt.
Um eine bessere Orientierung in der Arbeit zu ermöglichen, werden in einem weiteren Unterkapitel die Inhalte der einzelnen Abschnitte der Arbeit vorgestellt.
Das Kapitel „Der Forschungsgegenstand Gruppe" stellt die Gruppe - der zentrale Bestandteil angewandter Gruppendynamik - vor. Anhand der Ausführungen ausgewählter Autoren soll der Begriff „Gruppe“ konstruktiv definiert werden, um mit diesem zentralen Gegenstand der Arbeit hermeneutisch korrekt umgehen zu können.
Die in der Literatur vorhandenen Definitionen zu diesem Begriff werden mit den Kriterien in der Definition von SCHNEIDER ( 1985 ) verglichen. Die Gemeinsamkeiten und Abweichungen der acht Autoren werden anhand von Tabellen und einer Gesamtansicht veranschaulicht und schriftlich interpretiert.
Das folgende Kapitel soll jenen IST-Zustand offenlegen, der für das weitere Verständnis von Gruppendynamik und ihrer unterschiedlichen Konzepte nötig ist. In einer Übersicht soll die Gruppe gegenüber anderen sozialen Phänomenen abgegrenzt werden.
Jene Faktoren, die die Gruppe definieren und die zu ihrer Bestimmung dienen, werden im Anschluß daran erklärt. Die verschiedenen Definitionen, die es von zahlreichen Autoren für Gruppen gibt, sollen in einer Übersicht auf Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Überschneidungen beleuchtet werden. Ein weiteres Unterkapitel beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Formen der Gruppe und erläutert auch, wie es zu deren Bildung kommt. Dabei wird besonderes Augenmerk auf den Typ der "Kleingruppe" gelegt. Auch die Merkmale einer „Sportgruppe“ sollen in diesem Kapitel näher beleuchtet werden. Ein Exkurs über „Macht“, wie sie gerade in Gruppen vorkommen kann, soll diesen theoretischen Teil der Arbeit komplettieren.
.
22
Im nächsten Kapitel wird auf die Gruppendynamik genauer eingegangen. In diesem zentralen Teil der Arbeit geht es vor allem um die Beleuchtung der Hintergründe, die zur Entwicklung der Gruppendynamik geführt haben. Ein einleitender Teil stellt verschiedene Definitionen in der Literatur dar. Es erfolgt ein Autorenvergleich, der auch graphisch veranschaulicht wird.. In einem Rückblick werden die Protagonisten der Gruppendynamik mit ihren Lebensgeschichten vorgestellt. MORENO und LEWIN, die beiden Europäer, die erst in Amerika den Durchbruch schaffen, werden hier dem Leser näher vorgestellt. Ebenso reist man durch die Geschichte und kann die Stufen der Geburt der Gruppendynamik nachvollziehen. Eine Biographie ist auch Traugott LINDNER gewidmet, der dafür Verantwortung zeichnet, daß die Gruppendynamik in Österreich sehr früh Fuß fassen konnte. Auf seine Initiative hin, erfolgte das erste gruppendynamische Seminar Europas in Linz im Februar 1954.
Die Entwicklungen der Gruppendynamik in den Vereinigten Staaten von Amerika werden in einem weiteren Kapitel behandelt. Da sich die beiden Kontinente nicht immer in die gleiche Richtung bewegten, wird die europäische Geschichte ebenfalls gesondert vorgestellt.
In weiterer Folge werden die verschiedenen Anwendungsformen der Gruppendynamik inhaltlich und methodisch vorgestellt. Auch die Grundprinzipien gruppendynamischen Arbeitens, die noch auf LEWIN zurückgehen, werden hier genauer bearbeitet. Abschließend werden die Anwendungsformen in einem gesonderten Kapitel auf ihre Anwendung im Sport untersucht.
Im vierten Kapitel sollen mit der Hilfe zweier Mannschaften Fallbeispiele untersucht werden. Die Durchführung sog. Tiefeninterviews und deren Auswertung, soll zeigen, wo ein möglicher Einsatzbereich für Gruppendynamik in der Praxis ist.
Ein Interviewleitfaden, der eine Richtlinie zur Durchführung der Interviews sein soll, wird noch vor dem Treffen mit den Teams ausgearbeitet. ( Kapitel 4.1. ).
Die Interviews werden auf Band aufgezeichnet und zur Auswertung zu Papier gebracht.
Im abschließenden Teil der Arbeit, Kapitel fünf „Zusammenfassung“ werden die in Kapitel
1.2. formulierten Arbeitshypothesen beantwortet. Dieser Versuch einer Beantwortung wird
auf den Erkenntnissen der vorangegangenen theoretischen Kapitel basieren. Das Kapitel „Ausblick“ beschließt die Arbeit.
Arbeit zitieren:
Dr. Jörg Habenicht, 1997, Die Gruppe als Lern- und Erfahrungssystem, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Eine psychologische Untersuchung zum Erleben der Sportart Windsurfen
Diplomarbeit, 193 Seiten
Das Motiv "Pflicht und Neigung" in: Die Jungfrau von Orleans
An welchen Stellen ist das Mot...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 17 Seiten
Reiz-Reaktions-Lernen - Die Klassische Konditionierung
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Referat (Ausarbeitung), 12 Seiten
Jörg Habenicht's Text Die Gruppe als Lern- und Erfahrungssystem ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Jörg Habenicht hat den Text Die Gruppe als Lern- und Erfahrungssystem veröffentlicht
Jörg Habenicht hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare