Bachelor-Arbeit
Der Wandel des öffentlichen Raums
Vergleich theoretischer Positionen und Illustration an der Zwischennutzung des Palasts
der Republik in Berlin
Vorgelegt von: Sebastian Höger
am
11. Juni 2007
Bachelor-Arbeit
Der Wandel des öffentlichen Raums
Sebastian Höger
Seite 2
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung ... 4
2
Habermas ... 8
2.1
Genese der bürgerlichen Öffentlichkeit ... 8
2.2
Genauere Untersuchung einzelner Phänomene der bürgerlichen Öffentlichkeit... 10
2.3
Verfall der Öffentlichkeit im 19. und 20. Jahrhundert: ... 13
2.4
Kontroverse Diskussion der bürgerlichen Öffentlichkeit ... 15
3
Sennett ... 18
3.1
Leben im Öffentlichen Raum des 18. Jahrhunderts ... 18
3.2
Die Erschütterung des öffentlichen Lebens im 19. Jahrhundert... 22
3.3
Das Verschwinden des öffentlichen Raums im 20. Jahrhundert ... 24
4
Zukin... 31
4.1
Öffentlicher Raum als Austragungsort kultureller Kämpfe und der Produktion von Symbolen ... 31
4.2
Veränderungen der Öffentlichkeit von Konsumräumen... 33
4.3
Ästhetisierung des öffentlichen Raums ... 36
4.4
Widerstandsfähige öffentliche Räume... 40
5
Vergleich der Theorien von Zukin und Sennett... 42
5.1
Vergleich der Grundannahmen ... 42
5.1.1 Entstehung des öffentlichen Raums ... 42
5.1.2 Unterscheidung öffentlicher und privater Räume ... 43
5.2
Vergleich der Bewertungen ... 44
5.2.1 Einfluss von Alltagsverhalten... 44
5.2.2 Bedeutung des öffentlichen Raums:... 47
5.3
Fazit des theoretischen Vergleichs... 50
6
Illustration der Theorien an der Zwischennutzung des Palasts der Republik... 51
6.1
Unterschiedliche Entstehung und Nutzung von öffentlichem Raum im Palast der Republik... 51
6.1.1 Entstehung und Nutzung in der DDR ... 51
6.1.2 Zwischennutzung durch Volkspalast : ... 53
6.2
Kritische Spiegelung der Theorien Sennetts und Zukins am Volkspalast ... 57
6.2.1 Anwendung der Theorie Sennetts ... 57
6.2.2 Anwendung der Theorie Zukins... 58
6.3
Fazit der Anwendung der Theorien: ... 59
7
Schlussfolgerungen... 60
Literaturverzeichnis ... 62
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Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Place de la Defense... 29
Abbildung 2: Georges Seurat - Un dimanche après-midi à l'Île de la Grande Jatte ... 38
Abbildung 3: Aussenansicht des Palast der Republik ... 51
Abbildung 4: Veranstaltung im Volkspalast ... 54
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1
Einleitung
Zur Motivation des Autors:
Während meiner Schulzeit habe ich mit meinen Eltern am Hölderlinplatz im ,,Stuttgarter Westen" gewohnt. Dieser
Stadtbezirk hat eine sehr heterogene Bevölkerungsstruktur und ist äusserst dicht besiedelt, so dass auf engstem
Raum verschiedene Lebensentwürfe aufeinander prallen.
1
Im Vergleich zu anderen Stadtbezirken in Stuttgart
gibt es überdurchschnittlich viele ledige Personen
2
und wesentlich mehr Einpersonenhaushalte
3
. Der Anteil an
Ausländern, die Zahl der Arbeitslosengeldempfänger und die Übergangsquote auf Gymnasium, Real- und
Hauptschule bewegen sich im Stuttgarter Mittel. Ein Drittel der Bewohner sind in Stuttgart geboren, die Anderen
sind wegen ihres Arbeitsplatzes oder um zu Studieren in dieses Gebiet gezogen.
4
Die Einwohnerzahl ist in den
vergangenen Jahren weitgehend konstant geblieben.
5
Der Hölderlinplatz liegt im nördlichen Teil des Stadtbezirks
und bildet durch sein vielfältiges Angebot an Dienstleistungen und Einkaufsmöglichkeiten ein Zentrum des
Stadtteils: Apotheken, Kioske, Lebensmittelgeschäfte, eine Bank, ein Tabakgeschäft, ein Pralinengeschäft, ein
Uhrenladen und einige Restaurants sind im Parterre der meist mehrstöckigen Häuser untergebracht. Direkt am
Hölderlinplatz befindet sich ausserdem die Endhaltestelle einer Strassenbahn. Auch wenn es nie Cafes mit
Sitzgelegenheiten im Freien gab, diente der Platz als Treffpunkt für Jugendliche, die sich um die Wartebänke der
Bahn versammelten. Bekannte, die sich zufällig trafen, verweilten für ein kurzes Gespräch auf dem Platz und
samstags offerierte ein Marktstand Obst und Gemüse. Der Platz war ständig bevölkert von Menschen, die sich
einige Zeit dort aufhielten.
Im Jahre 2004 gab es einen politischen Grundsatzentscheid für einen Imagegewinn und Zeiteinsparungen, in der
ganzen Stadt schnellere, aber auch grössere Strassenbahnen einzuführen. Da die neue Bahn die spitze Kurve
der alten Bahn nicht fahren konnte, sollte es zu einer Neugestaltung des Hölderlinplatzes kommen. Anwohner,
Architekten und Lokalpolitiker meldeten sich in öffentlichen Diskussionen zu Wort, bis sich die Stadtverwaltung
für ein Planungskonzept entschieden hatte. Entstanden ist eine Endhaltestelle für zwei Strassenbahnen mit
einem Hochbahnsteig als Fläche zum Warten, Ein- und Aussteigen. In der Folge konnten sich die Menschen an
der Haltestelle und die übrigen Passanten nicht mehr auf Strassenniveau begegnen, so dass die Wartebänke
unbesetzt blieben. Zudem wurde es Autofahrern ermöglicht, auf einer kleinen Strasse direkt über den Platz zu
fahren. So ist am Hölderlinplatz eine komplexe Verkehrssituation entstanden, die durch eine Vielzahl von
Schildern und Ampeln koordiniert werden muss. Für die Fussgänger ist der Platz zu einer reinen
Durchgangsstation geworden. Spontane Begegnungen sind sehr selten geworden, da die Aufmerksamkeit der
Menschen primär dem Verkehr gewidmet ist. Lediglich der Bordstein bietet heute noch einen Ort für spontane
Kommunikation. Weil der Stadtverwaltung diese Entwicklung nicht entgangen ist, wurde versucht den Platz,
1 Landeshauptstadt Stuttgart Statistisches Amt, 2007, S.85.
2 53.2 % der Bewohner waren im Jahr 2006 als ledig gemeldet (Landeshauptstadt Stuttgart Statistisches Amt, 2007, S. 89).
3 Landeshauptstadt Stuttgart Statistisches Amt, 2007, S.26.
4 Landeshauptstadt Stuttgart Statistisches Amt, 2007, S.92.
5 Geburten- und Sterbefälle, sowie Zu- und Wegzüge waren seit 1990 im Gleichgewicht (Landeshauptstadt Stuttgart Statistisches Amt, 2007, S.90).
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durch eine Lichtskulptur und einen anderen Bodenbelag
6
, als Aufenthaltsort wieder attraktiver zu machen. Dies
ist jedoch nicht gelungen.
Da ich diese Entwicklung hautnah verfolgen konnte, wollte ich den Wandel des öffentlichen Raums verstehen:
Wie hat sich der öffentliche Raum verändert? Welche Mechanismen und Gruppen sind dafür verantwortlich, dass
sich öffentlicher Raum verändert? Wie hängt die Gestalt des öffentlichen Raums mit dem Verhalten der
Menschen in ihm zusammen?
Zur Methodik:
Diese Arbeit versucht, sich dem öffentlichen Raum in einer generalistischen Weise zu nähern und sich nicht
schon vor der Aufarbeitung der Theorie auf bestimmte Phänomene, einen Zeitraum oder ein konkretes Beispiel
zu beschränken. Diese Methodik soll es ermöglichen, eine Idee des
Lebens im öffentlichen Raum und der
Mechanismen zu bekommen, die für Entstehung und Veränderung verantwortlich sind. Das Verhältnis zwischen
einem Verständnis der Öffentlichkeit und Interpretationen des öffentlichen Raums entspricht der Beziehung
zwischen einer allgemeinen Ursache und einem eher unmittelbaren Effekt.
7
Neben einer Darstellung des eher
politisch-abstrakten Konzepts Öffentlichkeit, wird der Wandel des materiellen öffentlichen Raums und seine
Wirkung auf die Nutzung durch die Menschen untersucht. Durch eine Darstellung des Wandels wird ein
Zusammenhang zwischen der Gestaltung und dem Verhalten im Raum sichtbar werden. Gleichzeitig ermöglicht
die längerfristige Betrachtung eine Einordnung aktueller Veränderungen. Damit die Darstellung nicht abstrakt und
unbestimmt bleibt, werden die theoretischen Überlegungen anhand eines Beispiels illustriert. Der Palast der
Republik wurde in der DDR als politisches und kulturelles Zentrum am Berliner Schlossplatz erbaut. Nach der
Wiedervereinigung wurde das leer stehende Gebäude unter dem Titel Volkspalast durch die Initiative einer
Gruppe von Künstlern und Architekten einer veränderten Nutzung zugeführt. Der Volkspalast eignet sich als
Anschauungsobjekt, da hier an einem zentralen Ort eine aussergewöhnliche Aneignung des Raums ohne
bauliche Veränderungen stattgefunden hat.
Zur Auswahl der Theoretiker:
J
ÜRGEN
H
ABERMAS
hat das Konzept Öffentlichkeit in seiner ganzen Vielfalt erstmalig begründet. Ihm ist es
gelungen, die Dialektik der Öffentlichkeit einer sozio-kulturellen und politschen Weise Perspektive darzustellen.
8
Er nutzte für sein Unterfangen historische Studien und setzte sich mit den wichtigsten Denkern des 18. und 19.
Jahrhunderts intensiv auseinander und integrierte sie in seine Theorie. Seinen Kritikern ist es meist nur gelungen,
einzelne Ansätze oder Darstellungen kritisch zu hinterfragen. Da H
ABERMAS
im Laufe seines Schaffens
die
Öffentlichkeit immer mehr ,,entmaterialisiert"
9
und sich von tatsächlichen Räumen und Begegnungen zu einer
normativen Theorie der Kommunikation bewegt hat, soll seine Theorie in Bezug auf seine Habilitationsschrift
Strukturwandel der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Sein Werk hatte nicht nur eine immense Wirkung in der
6 Herczog & Hubeli (1995) bezeichnen diese Art von Untergrund, die vor allem in Fussgängerbereichen verwendet wird, als ,,Piazza-Bodenbelag" (S.56).
7 Goheen, 1998, S.481.
8 Hohendahl, 1982, S.89.
9 Gegner, 2003, S,84.
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wissenschaftlichen Welt, sondern motivierte auch unterschiedliche Akteure, die Charakteristika der bürgerlichen
Öffentlichkeit in der Realität zu verwirklichen. So gilt H
ABERMAS
beispielsweise als der Wegweiser des
amerikanischen Journalismus.
10
Auch die meisten Beiträge in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, die sich mit
dem öffentlichen Raum auseinandersetzen, kommen nicht umhin, sich mit H
ABERMAS
kritisch
auseinanderzusetzen, um ihre eigenen Thesen als Weiterentwicklung oder Kritik seiner Konzeption theoretisch
zu verorten.
Der amerikanische Soziologe R
ICHARD
S
ENNETT
hat seine Grundthese vom Verfall des Lebens im öffentlichen
Raum bereits 1972 in the fall of public man vorgestellt und seitdem in einer Reihe von Veröffentlichungen und
Vorträgen weiterentwickelt. S
ENNETT
geht es nicht um die Beschreibung einer politischen Öffentlichkeit, er möchte
einen Zusammenhang zwischen baulichen Veränderungen des öffentlichen Raums und den
Ausdrucksmöglichkeiten der Menschen aufzeigen. Um zu einer umfassenden Theorie des Wandels zu gelangen,
greift S
ENNETT
auf eine Fülle soziologischer Studien zurück und bezieht literarische Quellen als Zeitzeugnisse in
seine Studien mit ein. Obwohl er ,,gelernter" Soziologe und Historiker ist, verbindet er seine gesellschaftlichen
Analysen mit städtebaulichen und architektonischen Erkenntnissen und wurde so zum regelmässigen Redner bei
Urbanistik-Kongressen.
S
HARON
Z
UKIN
ist eine amerikanische Stadtforscherin, die an der City University of New York als Professorin tätig
ist. In ihren eigenen Studien untersucht sie die Auswirkungen kultureller Bestrebungen und des aktuellen
Wirtschaftssystems auf den öffentlichen Raum. Ihre Beschreibungen reichen historisch nicht so weit zurück wie
bei S
ENNETT
und folgen auch keinem dominierenden Muster. Aber genau das ist ihre grosse Stärke. Als
Stadtforscherin liegt Z
UKINS
Interesse in den verschiedenen Arten physisch erfahrbarer öffentlicher Räume
11
. Sie
untersuchte Plätze, Strassen und Parkanlagen, aber auch Themenparks, Shoppingcenter und andere Orte, die
nicht als typisch öffentlicher Raum erkennbar sind und deshalb von den meisten Autoren ausgelassen werden.
Ihre Beschreibungen der Veränderungen in Gestalt und Nutzung sind detailliert und mit grosser gedanklicher
Offenheit recherchiert. Sie ist bereit eigene Thesen zu hinterfragen und gegebenenfalls zu revidieren. Z
UKINS
Ausführungen zur Privatisierung und der Kreation neuer Konsumräume haben sich zu Standardkonzepten
entwickelt, die einen Referenzpunkt für die gegenwärtige Urbanistikliteratur darstellen.
Zur Vorgehensweise:
Die Arbeit beginnt mit einer Darstellung des Konzepts der bürgerlichen Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert und dem
Verfall im 20. Jahrhundert. Die Darstellung orientiert sich am Strukturwandel der Öffentlichkeit und seine Inhalte
werden zunächst ohne Wertung wiedergegeben. Damit die Ausführungen
von H
ABERMAS
nicht unreflektiert stehen
bleiben, werden anschliessend die wichtigsten Kritikpunkte und gegensätzliche Konzeptionen angesprochen.
Danach wird das Wechselspiel zwischen Gestaltung des öffentlichen Raums und dem alltäglichen Verhalten der
Menschen in S
ENNETTS
Theorie verfolgt. Es wird S
ENNETTS
Grundthese dargelegt, dass Veränderungen in der
Gestalt der Städte seit dem 18. Jahrhundert die Menschen unfähig machten, sich im öffentlichen Raum frei zu
10 Feree, Gamson, Gerhards & Rucht, 2002, S.305.
11 Zukin, 1995, S.45.
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bewegen. Anhand von Z
UKINS
Theorie wird im Anschluss aufgezeigt, wie der Umbau von Konsumräumen und die
staatliche Neugestaltung und Privatisierung von Strassen und Parks öffentliche Räume in der jüngsten
Vergangenheit verändert haben.
Nun sollen zunächst die wissenschaftlichen Beschreibungen von Z
UKIN
und S
ENNETT
zur Entstehung von
öffentlichem Raum und zur Dichotomie öffentlich und privat gegenübergestellt werden. Im nächsten Schritt wird
dann verglichen, wie beide Theoretiker den Einfluss von Alltagspraktiken und den öffentlichen Raum in der
heutigen Zeit bewerten. Am Ende werden beide Theorien am Palast der Republik zur Zeit der Volkspalast-
Zwischennutzung illustriert und so an der Realität überprüft.
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2
Habermas
Der Strukturwandel der Öffentlichkeit löste bei seiner Erstveröffentlichung im Jahre 1962 eine breite
wissenschaftliche Debatte über Funktionen und Formen der Öffentlichkeit in verschiedenen Epochen aus, an der
sich Soziologen, Politikwissenschaftler und Philosophen gleichermassen beteiligten. Auch als das Werk dreissig
Jahre später zum ersten Mal in englischer Sprache erschienen ist, führte es zu erheblichen Kontroversen.
Gegenstand des Buches ist das historisch einmalige Phänomen der bürgerlichen Öffentlichkeit, die aus der
Beziehung zwischen Kapitalismus und Staat im 17. und 18. Jahrhundert kreiert wurde. H
ABERMAS
möchte
aufzeigen, was die Kategorie der Öffentlichkeit in der bürgerlichen Gesellschaft bedeutete und inwiefern sie sich
in Bedeutung und Funktion nach ihrer Errichtung verändert hat.
12
2.1 Genese der bürgerlichen Öffentlichkeit
H
ABERMAS
begreift die bürgerliche Öffentlichkeit als eine ,,epochaltypische Kategorie; sie läßt sich nicht aus der
unverwechselbaren Entwicklungsgeschichte jener im europäischen Hochmittelalter entspringenden ,bürgerlichen
Gesellschaft' herauslösen und, idealtypisch verallgemeinert, auf formal gleiche Konstellationen beliebiger
geschichtlicher Lagen übertragen"
13
. Im Mittelalter war Öffentlichkeit eher ein ,,Attribut der Herrschaft"
14
- ein
Charakteristikum des Machthabers. Die Öffentlichkeit eines Landes existierte nicht abseits von König und Hof.
Dies war die Glanzzeit der repräsentativen Öffentlichkeit. Der Fürst und seine ,,Landstände" repräsentierten ihre
Herrschaft, statt für
das Volk, vor dem Volk.
15
Allmählich entwickelte sich jedoch diese höfische Gesellschaft zu
einer neuen Art der Geselligkeit der Salons des 18. Jahrhunderts. Aristokraten spielten eine entscheidende Rolle
in der frühen bürgerlichen Öffentlichkeit. H
ABERMAS
wollte nicht behaupten, dass die Öffentlichkeit durch
klassenspezifische Zusammenstellung ihrer Mitglieder bürgerlich wurde, sondern für ihn war die Gesellschaft
bürgerlich und produzierte daher eine bestimmte Form der Öffentlichkeit.
16
Diese neue Geselligkeit zusammen
mit einem rational-kritischen Diskurs, der in den Salons und Kaffeehäusern entstanden ist, hängt für Habermas
mit dem Aufstieg der Nationalstaaten auf Basis der frühen kapitalistischen Handelswirtschaft zusammen. Dieser
Prozess führte zu einer Idee der Gesellschaft, unabhängig von einem Herrscher oder Staat und einem privaten
Raum, getrennt von der Öffentlichkeit.
17
Im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sich ,,die Sphäre der bürgerlichen
Gesellschaft, die dem Staat als der genuine Bereich privater Autonomie gegenübersteht".
18
Die kapitalistische
12 Calhoun, 1992, S.5.
13 Habermas, 1990, S.51.
14 Habermas, 1990, S.60.
15 Habermas, 1990, S.61.
16 Habermas wurde von verschiedenen Autoren dafür kritisiert, dass er die ,,plebejische" Öffentlichkeit nur als ein Derivativ der bürgerlichen Öffentlichkeit
betrachtet. (Unter anderem von Eley, 1992, S.321). Habermas hat allerdings zu einem späteren Zeitpunkt selbst zugestanden, dass sein Konzept der
bürgerlichen Öffentlichkeit zu starr angelegt sei und von Anfang an ein dominierendes bürgerliches auf ein plebejisches Publikum trifft (Habermas, 1990,
S.21).
17 Calhoun, 1992, S.7.
18 Habermas, 1990, S.67.
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Marktwirtschaft bildete die Basis für diese bürgerliche Gesellschaft, aber sie beinhaltete genauso Institutionen der
Geselligkeit und des Diskurses, die nur schwachen Bezug zum Wirtschaftssystem hatten. H
ABERMAS
zeigt
welchen Einfluss die Printmedien in der frühen Ausbreitung der Marktwirtschaft über die lokalen Grenzen hatten.
Fernhandel bedeutete fast einen genauso direkten Handel von Nachrichten wie von Gütern. Kaufleute brauchten
Informationen über Preise und Nachfrage, aber die geschriebenen Zeitungen, die dieses Informationsbedürfnis
befriedigten, begannen sehr schnell auch andere Informationen zu transportieren. Allerdings fehlte ihnen
zunächst das Moment der Publizität, um breite Bevölkerungsteile zu erreichen.
19
Die zunehmende Verbreitung
von Zeitungen half sowohl, die Fähigkeit zu lesen zu fördern, als auch das geschriebene Wort als eine Quelle von
wichtigen öffentlichen Informationen zu etablieren. Diese Entwicklungen sind in der Phase des Merkantilismus
revolutionär geworden, als sich die National- und Territorialwirtschaften herausbildeten und der moderne Staat
wachsen musste, um diese Territorien zu verwalten. Die Entwicklung einer permanenten, staatlichen Verwaltung,
gestützt durch eine ständige Armee, kreierte die Sphäre der öffentlichen Gewalt. ,,Der
Permanenz der Kontakte
im Waren- und Nachrichtenverkehr (Börse, Presse) entspricht nun eine kontinuierliche Staatstätigkeit"
20
. Die
öffentliche Gewalt konsolidierte sich zu einem greifbaren Gegenüber, die von der repräsentativen Öffentlichkeit
des Herrschers unterschieden werden kann und von den gewöhnlichen Privatleuten, die weil sie kein Amt
innehatten, von der öffentlichen Gewalt ausgeschlossen waren. ,,'Öffentlich' in diesem engeren Sinne wird
synonym mit staatlich."
21
Die Öffentlichkeit selbst war aber nicht gleichzusetzen mit dem Staatsapparat. Sie
umfasste alle, die sich an Diskussionen über Themen beteiligen konnten, die durch die Verwaltung des Staates
aufgekommen sind. Die Teilnehmer an diesen Diskussionen umfassten also sowohl Staatsangestellte als auch
private Bürger. Die bürgerliche Gesellschaft begann zu existieren als ein Resultat der unpersönlichen
Staatsgewalt.
22
Es wurde für die Menschen erstmals möglich, die Gesellschaft in den Beziehungen und
Organisationen zu erkennen, die kreiert wurden um das Leben zu unterstützen. Diese konnten in die
Öffentlichkeit gebracht werden, wenn ein Interesse an öffentlicher Diskussion oder staatlichem Handeln gefordert
wurde. Auf diese Weise begann eine bestimmte gebildete Elite von sich selbst als Öffentlichkeit zu denken und
wandelte dabei die abstrakte Idee vom Publikum als Gegenstück zu öffentlicher Gewalt in eine Reihe konkreter
Praktiken. Die Mitglieder dieser elitären Öffentlichkeit begannen, sich selbst als Gegenspieler zur öffentlichen
Gewalt und nicht mehr nur als Objekt der Staatshandlungen zu sehen.
,,Weil die dem Staat gegenübertretende Gesellschaft einerseits von öffentlicher Gewalt einen privaten Bereich
deutlich abgrenzt, andererseits aber die Reproduktion des Lebens über die Schranken privater Haushalte hinaus
zu einer Angelegenheit öffentlichen Interesses erhebt, wird jene Zone des kontinuierlichen Verwaltungskontraktes
zu einer ,kritischen' auch in dem Sinne, dass sie die Kritik eines räsonierenden Publikums herausfordert."
23
Die
bürgerliche Gesellschaft in der Konzeption von H
ABERMAS
hat also nicht nur Interessen formuliert und einen
19 Habermas, 1990, S.71/72.
20 Habermas, 1990, S.74.
21 Habermas, 1990, S.75.
22 Calhoun (1992) erwähnt, dass diese Konzeption von Öffentlichkeit und bürgerliche Gesellschaft nur möglich war, weil der Staat als ein unpersönlicher
Ort der Herrschaft dargestellt wurde (s.8).
23 Habermas, 1990, S.83.
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Seite 10
Gegensatz zwischen Staat und Gesellschaft etabliert, sondern auch die Praxis eines rational-kritischen Diskurses
bei politischen Angelegenheiten eingeführt.
24
Die Grundidee der bürgerlichen Öffentlichkeit basiert auf der
Vorstellung H
ABERMAS
' von der Existenz eines Allgemeinwohls. Dieses ist ausreichend elementar, so dass ein
Diskurs darüber nicht durch unterschiedliche Einzelinteressen verzerrt wird und zu einem Konsens
25
führen
kann.
26
Bürgerliche Öffentlichkeit des 17. und 18. Jahrhunderts ist bei H
ABERMAS
also ein Element einer Vierteilung des
gesamten sozialen Bereichs. Die patriarchalische Familie und die Marktökonomie gehören zum privaten Bereich,
während der Staat Ort der öffentlichen Gewalt ist. Die Öffentlichkeit liegt zwischen diesen Bereichen.
27
H
ABERMAS
nennt sie die ,,Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute"
28
.
2.2 Genauere Untersuchung einzelner Phänomene der bürgerlichen
Öffentlichkeit
Nachdem die Konzeption von Öffentlichkeit bei H
ABERMAS
eingeführt ist, können nun einige Phänomene der
Entwicklung zur bürgerlichen Öffentlichkeit genauer untersucht werden.
29
Zwei Prozesse helfen H
ABERMAS
, die
Öffentlichkeit zu institutionalisieren, wie sie sich aus der höfischen Gesellschaft entwickelt hat. Zum einen wurde
die Familie wieder belebt als die Grundlage des gewöhnlichen Lebens und der damit verbundenen
wirtschaftlichen Aktivität, zum anderen ermöglichte sie die Teilnahme des Familienoberhaupts am öffentlichen
Leben. Darüber hinaus war die Öffentlichkeit von Anfang an in der Welt der Buchstaben konstituiert. Diese zwei
Prozesse sind ineinander verzahnt.
30
,,Das Selbstverständnis von öffentlichem Räsonnement ist spezifisch von solchen privaten Erfahrungen geleitet,
die aus der publikumsbezogenen Subjektivität der kleinfamilialen Intimsphäre stammen."
31
In der neuen
ehelichen Familie ist Privatheit nicht nur auf die Bürde der Notwendigkeit des klassischen Griechenland oder auf
die ökonomische Kontrolle durch den Besitz von Eigentum beschränkt. Die Familie wurde als teilweise getrennt
24 Calhoun, 1992, S.9.
25 Habermas verwendet für den entstehenden Konsens auch den Begriff Wahrheit. Da in der bürgerlichen Öffentlichkeit alle Teilnehmer von einem
Allgemeinwohl ausgehen, dass alle besser stellt, gilt es nur noch in einem rationalen Diskurs die beste Methode, die Wahrheit, zu finden um das
Gemeinwohl zu erreichen. In seiner später entwickelten Konsenstheorie der Wahrheit ist eine Aussage dann wahr, wenn sie von allen ,,vernünftigen"
Gesprächspartnern in einer ,,idealen Sprechsituation" anerkannt und über sie ein Konsens hergestellt wird (Habermas, 1973).
26 Calhoun, 1992, S.9.
27 Barnett, 2004, S. 186.
28 Habermas, 1990, S.86; mit den Begrifflichkeiten, die Habermas später entwickelt hat, können diese vier Bereiche in ein komplexeres System sich
überschneidender Beziehungen unterteilt werden Einen privaten Bereich der kommunikativ integrierten Lebensweltbeziehungen (die Familie); einen
privaten Bereich der Systembeziehungen (die kapitalistische Marktwirtschaft); einen öffentlichen Bereich der Systembeziehungen (der Staat); und einen
öffentlichen Bereich der Lebensweltbeziehungen (die literarische und politische Öffentlichkeit) (Habermas, 1981).
29 Der Strukturwandel der Öffentlichkeit ist als eine wiederholende Folge von Themen konzipiert: soziale Struktur, politische Funktionen werden zunächst
für die Konstitution der bürgerlichen Öffentlichkeit untersucht und dann für ihren Verfall im 19. und 20. Jahrhundert.
30 Zum Beispiel halfen frühe Novellen eine Vision von intimer Sentimentalität für das private Leben zu zeichnen, die von der literarischen Öffentlichkeit
aufgenommen wurden (Habermas, 1990, S.114).
31 Habermas, 1990, S.87.
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von der materiellen Produktion verstanden. So wie Staat und Gesellschaft gespalten waren, so wurden Wirtschaft
und Familie innerhalb des privaten Bereichs unterschieden.
32
Die Familie wurde idealisiert als Ort der ,,intimen
Beziehungen der Menschen als blosse Menschen im Schutz der Familie."
33
Die auf sich selbst bezogene Familie
mit eigenen Gesetzen wurde als Befreiung von externen Zwängen gesehen. N
ANCY
F
RASER
hat argumentiert,
dass dieser Standpunkt eine Idealisierung oder zumindest eine Akzeptanz der Selbst-Idealisierung der
patriarchalischen Familie ist, in der die Frau unterdrückt wurde.
34
Zur selben Zeit half die literarische
Öffentlichkeit, die Kultur als einen autonomen Bereich zu entwickeln. ,,Indem Kultur Warenform annimmt und sich
damit zu ,Kultur' (als etwas, das um seiner selbst willen da zu sein vorgibt) [...] eigentlich erst entfaltet, wird sie
als der diskussionsreife Gegenstand beansprucht, über den sich die publikumsbezogene Subjektivität mit sich
selbst verständigt"
35
. Neben dieser geschaffenen Subjektivität liegen die grössten Beiträge der literarischen zur
politischen Öffentlichkeit in der Entwicklung institutioneller Grundlagen. London hatte schon in der ersten Dekade
des 18. Jahrhunderts dreitausend Kaffeehäuser. Die Salons in Frankreich und die Tischgesellschaften in
Deutschland hatten eher einen privaten Charakter und waren nicht so inklusiv wie die Kaffeehäuser. In allen
diesen Instanzen waren dennoch bestimmte Merkmale charakteristisch.
36
Es wurde keine Gleichheit des Status' vorausgesetzt, da dieser im gemeinsamen rationalen Diskurs für die
Beteiligten irrelevant wurde. ,,Die Bereitschaft, die vorgegebenen Rollen wechselseitig zu akzeptieren und
gleichzeitig zu irrealisieren, gründete im berechtigten Vertrauen darauf, dass innerhalb des Publikums, unter
Vorraussetzung
des
ihm
gemeinsamen
Klasseninteresses,
Freund-Feind-Verhältnisse
tatsächlich
ausgeschlossen waren."
37
H
ABERMAS
setzt also ein gemeinsames Interesse der Öffentlichkeit voraus. In diesen
Diskussionen wird prinzipiell alles zum Thema gemacht, woran die Öffentlichkeit ein allgemeines Interesse hat.
Somit werden nun Bereiche problematisiert, die davor nur von Kirche und Obrigkeiten interpretiert wurden.
38
Die
aufgekommene Öffentlichkeit versteht sich als grundsätzlich inklusiv, das heisst ,,alle müssen dazugehören
können." Keine Gruppe konnte sich abschotten, da sie immer noch Teil eines grösseren Publikums all der
Privatleute blieb, das sich als Leser, Hörer und Zuschauer, Besitz und Bildung vorausgesetzt, über den Markt der
Diskussionsgegenstände bemächtigen konnte."
39
Die literarische Öffentlichkeit produziert die Praxis der literarischen Kritik. Es institutionalisiert sich die Form eines
rational-kritischen Diskurses über Objekte von allgemeinem Interesse. Diese konnte direkt in eine politische
Diskussion übertragen werden. Räsonierende Privatleute eigneten sich so nach und nach die obrigkeitlich
reglementierte Öffentlichkeit an und es etabliert sich eine ,,Sphäre der Kritik an der öffentlichen Gewalt"
40
. Dieser
Prozess vollzieht sich für H
ABERMAS
als ,,Umfunktionierung der schon mit Einrichtungen des Publikums und
32 Calhoun, 1992, S.10.
33 Habermas, 1990, S.112.
34 Fraser, 1985, S.122-124.
35 Habermas, 1990, S.88.
36 Calhoun, 1992, S.12.
37 Habermas, 1990, S.211.
38 Habermas, 1990, S. 97.
39 Habermas, 1990, S.98.
40 Habermas, 1990, S.116.
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Plattformen
der
Diskussion
ausgestatteten
literarischen
Öffentlichkeit".
41
Zentral
für
diesen
Transformationsprozess war die Frage, ob die absolute Souveränität der Herrschenden oder generelle, abstrakte
und unpersönliche Gesetze das Leben regeln sollten.
42
Diese Frage wird heutzutage in den westlichen
Demokratien freilich nicht mehr öffentlich debattiert, aber die bürgerliche Gesellschaft musste zunächst ein
politisches Bewusstsein entwickeln, um dann die Forderung nach generellen, abstrakten Gesetzesnormen
artikulieren zu können. Wie im ,,westlichen" Demokratieverständnis verankert, lernte die bürgerliche Öffentlichkeit
in der Folge, ,,sich selbst, nämlich die öffentliche Meinung, als einzige legitime Quelle dieser Gesetze zu
behaupten".
43
H
ABERMAS
versteht unter öffentlicher Meinung einen Zugang zur ,,Wahrheit". Sie kristallisiert sich in
öffentlichen, kritischen Diskussionen heraus und wird durch einen entstandenen Konsens von den Teilnehmern
an diesem Dialog geteilt.
44
Grossbritannien dient H
ABERMAS
als Modell, um seine Entwicklung der Öffentlichkeit darzustellen. Hier wurde zum
ersten Mal die Zensur aufgehoben und Informationen wurden frei zugänglich. Durch die immer kritischere
Öffentlichkeit entstand nun auch ein politisches System mit einer ständigen Kontroverse zwischen
Regierungspartei und Opposition.
45
In Frankreich entstand eine kritisch debattierende Öffentlichkeit Mitte des 18.
Jahrhunderts. Erst in den Jahren vor der Revolution haben die Philosophen ihre kritische Aufmerksamkeit von
Kunst, Literatur und Religion auf die Politik gerichtet. Die Physiokraten waren stark an dieser Entwicklung
beteiligt, da sie als erste sowohl am öffentlichen Diskurs teilnahmen als auch eine Rolle in der Regierung
innehatten. So konnte die öffentliche Meinung effektiv werden.
46
Mit der Revolution sind die Veröffentlichungen
sprunghaft angestiegen und die freie Meinungsäusserung wurde in der Verfassung von 1791 als Grundrecht
verankert. In Deutschland fand die kritische Debatte von politischen Themen vorwiegend in privaten Zirkeln der
Bourgeoisie statt. Es entstanden zwar Journale mit politischer Ausrichtung, da allerdings der Adel abhängig vom
Hof blieb, konnte sich die bürgerliche Gesellschaft nicht als effektives Gegengewicht zur öffentlichen Gewalt des
Staates entwickeln.
Da sich in allen drei untersuchten Staaten im 18. Jahrhundert Züge einer mehr oder weniger starken bürgerlichen
Öffentlichkeit etablieren konnten, folgert H
ABERMAS
, dass ähnliche wirtschaftliche Grundlagen entscheidend dazu
beigetragen haben. Für ihn war die Voraussetzung ein ,,liberalisierter Markt, der den Verkehr in der Sphäre der
gesellschaftlichen Produktion, soweit irgend möglich, zu einer Angelegenheit der Privatleute unter sich macht und
so die Privatisierung der bürgerlichen Gesellschaft erst vollendet".
47
Es entstand eine Form der Privatheit mit
41 Habermas, 1990, S.116.
42 Die berühmtesten theoretischen Auseinandersetzungen der beiden Positionen finden sich bei Baudin, Hobbes, Locke und Montesquieu.
43 Habermas, 1990, S.119.
44 Habermas, 1990, S. 161-178; Die Konzeption von öffentlicher Meinung ist bei Habermas also weder die Gesamtheit blosser, beliebiger Meinungen von
isolierten Individuen, noch die Reputation einer Person, die durch verschiedene Ansichten entsteht und auch nicht die Meinung einer ,,einfacheren" Sorte
Mensch.
45 Habermas, 1990, S.130.
46 Calhoun, 1992, S.14.
47 Habermas, 1990, S. 142.
Bachelor-Arbeit
Der Wandel des öffentlichen Raums
Sebastian Höger
Seite 13
freier Kontrolle über den eigenen, gewinnbringenden Besitz.
48
Zur selben Zeit wurde eine fundamentale
Gleichheit zwischen Personen etabliert. Diese entsprach der Gleichheit zwischen Besitzern von Gütern am Markt
und der zwischen gebildeten Individuen in der Öffentlichkeit. Auch wenn H
ABERMAS
anerkennt, dass nicht alle
Personen vollwertige Rechtssubjekte waren, so wurden sie zumindest in einer undifferenzierten Kategorie als
Personen zusammengefasst. Durch die Ausdehnung dieser Idee in den Doktrinen des laissez-faire
49
und des
Freihandels zwischen den Nationen ,,emanzipierte sich die bürgerliche Gesellschaft als Privatsphäre von den
Direktiven der öffentlichen Gewalt" vollständig, allerdings währte diese Phase ,,in der langen Geschichte der
kapitalistischen Entwicklung nur einen glücklichen Augenblick"
50
.
Die Öffentlichkeit blieb, auch wenn sie jetzt politische Funktionen übernahm, in der
Welt der Buchstaben
verhaftet. Bildung und Besitz blieben die zwei Kriterien, die zur Teilnahme am rational-kritischen Diskurs der
Öffentlichkeit über das Allgemeinwohl berechtigten. Diese Kriterien definierten einen Mann, der fähig und
autonom genug ist, um am rational-kritischen Diskurs über das Allgemeinwohl teilzunehmen.
2.3 Verfall der Öffentlichkeit im 19. und 20. Jahrhundert:
Die Aushöhlung der Grundlagen der Öffentlichkeit ist, wie H
ABERMAS
darlegt, durch eine Refeudalisierung der
Gesellschaft entstanden. Das Modell der bürgerlichen Öffentlichkeit, wie H
ABERMAS
es für kurze Zeit im 18.
Jahrhundert verwirklicht sah, setzt eine strikte Trennung von öffentlichem und privatem Bereich voraus. Diese
Öffentlichkeit besteht aus Privatleuten, die sich versammeln, um Interessen gegenüber dem Staat zu
artikulieren.
51
Strukturelle Veränderungen sind im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts entstanden als private
Organisationen begannen, öffentliche Kontrolle zu übernehmen, und der Staat immer mehr in den privaten
Bereich eindrang. Die Trennung zwischen Staat und Gesellschaft wurde aufgelöst. Die Gleichstellung der
Intimsphäre mit dem privaten Leben zerbrach mit der Polarisierung der Familie und der ökonomischen
Gesellschaft. Verglichen mit dem typischen Privatunternehmen des 19. Jahrhunderts verselbstständigte sich die
Berufssphäre als eine eigene Sphäre zwischen öffentlichem und privatem Bereich. Grossbetriebe spielten eine
zentrale Rolle, die Arbeit von der reinen Privatsphäre des Haushalts und des patriarchalisch geführten
Arbeitsplatzes zu lösen.
Ökonomische Unterschiede, die es auch in der bürgerlichen Gesellschaft immer gegeben hat, wurden plötzlich
Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Das lag zum einen daran, dass diese Ungleichheiten immer grösser
wurden, zum anderen wurde die Öffentlichkeit immer inklusiver. Nun waren auch Personen Teil der Öffentlichkeit,
die weder Bürgerrecht noch Produktionsmittel besassen und somit, die bisherige Vorraussetzung für die
48 Auf dem Kontinent reflektiert sich diese Entwicklung in der Kodifikation des Privatrechts mit der Garantie privater Freiheiten (Calhoun, 1992, S.15)
49 Dies ist die reinste Form des wirtschaftlichen Liberalismus. Der schottische Ökonom führte in seinem Werk der Wohlstand der Nationen den Gedanken
der unsichtbaren Hand ein, die dafür sorge, dass jeder Wirtschaftsteilnehmer, der nur seinen Eigennutzen maximieren möchte, indirekt auch die
gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt erhöht. (Smith, 1776).
50 Habermas, 1990, S.148.
51 Habermas, pp. 175-177.
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