INHALTSVERZEICHNIS
1 EINLEITUNG 5
1.1 PROBLEMDARSTELLUNG 5
1.2 ZIELE FRAGESTELLUNG HYPOTHESEN 7
1.3 AUFBAU DER ARBEIT 9
2 INDIVIDUELLE DARSTELLUNGEN IN DER ALPINEN
GEGENWARTSLITERATUR 10
2.1 DIE DISKURSANALYSE 10
2.1.1 Der Begriff Diskurs 10
2.1.2 Der Diskursbegriff Foucaults 11
2.1.3 Die Wissenssoziologische Diskursanalyse 13
2.1.4 Methodische Umsetzung 14
2.2 ZIELE UND FRAGESTELLUNG DER UNTERSUCHUNG 14
2.3 DATENKORPUS 15
2.3.1 Reinhold Messner Eroberer des Nutzlosen 16
2.3.2 Hans Kammerlander Der Bergsüchtige 21
2.3.3 Helga Hengge Die Erlebnisbergsteigerin 26
2.3.4 Jon Krakauer Der Besessene 29
2.3.5 Kurt Diemberger Auf der Suche nach dem Ungewissen 32
2.4 DATENAUSWERTUNG 34
2.4.1 Erlebnissuche und Abenteuer in einer Gegenwelt 35
2.4.2 Herausforderung und Grenzsuche 37
2.4.3 Identität durch Sinngebung 39
2.4.4 Angst Risiko und Lust 41
2.4.5 Leistungsorientierung Konkurrenz Prestige 43
2.4.6 Körpererleben 46
2.4.7 Verhältnis zur Natur 49
2.5 VERDICHTUNG UND THESENBILDUNG 50
3 ALPINISMUS ALS MODERNES PHÄNOMEN 53
3.1 DIE ENTWICKLUNG 53
3.1.1 Der Präalpinismus 53
3.1.2 Der frühe Alpinismus 55
3.1.3 Der klassische Alpinismus 58
3.1.4 Der Alpinismus des 20 Jahrhunderts 63
3.1.5 Zusammenfassung 64
3.2 HÖHENBERGSTEIGEN ALS PHÄNOMEN DER MODERNE 66
3.2.1 Kennzeichen von Moderne und Modernisierung 66
3.2.2 Folgen der Moderne 71
3.2.2.1 Funktionale Differenzierung 72
3.2.2.2 Dynamik 76
3.2.2.3 Individualisierung 80
3.2.3 Höhenbergsteigen als Antwort auf die Moderne 85
3.2.3.1 Lebendigkeit im Abenteuer 85
3.2.3.2 Selbstermächtigung und Subjektaufwertung 87
3.2.3.3 Fluchtpunkt Gesellschaftsumwelt 89
3.2.3.4 Die Herstellung von Individualität und Distinktion 90
3.2.3.5 Inszenierte Körperlichkeit 94
3.2.3.6 Eindeutiges und evidentes Handeln 95
3.2.3.7 Wiederaneignung der Zwischenräume 98
3.2.3.8 Rückeroberung der Gegenwart 100
3.2.4 Zusammenfassung 101
4 ZWISCHENFAZIT 104
5 INTERVIEWS MIT AKTIVEN HÖHENBERGSTEIGERN 107
5.1 METHODENDARLEGUNG 107
5.1.1 Erhebungsinstrument - Narratives Interview 107
5.1.2 Auswahl und Kontaktaufnahme 108
5.1.3 Fragenkatalog 109
5.1.4 Transkriptionsverfahren 110
5.1.5 Interpretationsverfahren Qualitative Inhaltsanalyse 111
5.2 INTERVIEWAUSWERTUNG 116
5.2.1 Allgemeine Angaben 116
5.2.2 Auswertung: Bedeutung alpinistischer Literatur 117
5.2.3 Auswertung: Erlebnissuche und Abenteuer 119
5.2.4 Auswertung: Herausforderung und Grenzsuche 122
5.2.5 Auswertung: Identität durch Sinngebung 124
5.2.6 Auswertung: Angst und Risiko 126
5.2.7 Auswertung: Leistungsorientierung Konkurrenz Prestige 127
5.2.8 Auswertung: Körpererleben 131
5.2.9 Auswertung: Verhältnis zur Natur 132
6 DISKUSSION 134
7 RESÜMEE 134
8 QUELLENVERZEICHNIS 138
8.1 LITERATUR 138
8.2 INTERNETQUELLEN 142
8.3 INTERVIEWMITSCHRIFTEN 142
8.4 DATENTRÄGER 142
René Arnold Bergsteigen
1 Einleitung
1.1 Problemdarstellung In den zahlreichen Publikationen zum Thema Risiko- und Abenteuersport fällt auf, dass dem Alpinismus ein beachtlicher Raum zugestanden wird. Bergsteigen - und da speziell das Höhenbergsteigen - scheint ein Synonym für abenteuerliche Aktionen zu sein, bei denen es mitunter um Leben und Tod geht.
Dieser Kampf um den ultimativen Höhengewinn wird seit Jahren von einem Disput um des- sen Motive flankiert. Ereignisse wie das Unglück am Mount Everest 1996, bei dem fünf Bergsteiger innerhalb von zwei Tagen ums Leben kamen und in der gesamten Saison 15 Akteure ihr Leben ließen, oder auch die medialen Inszenierungen zum 50. Jahrestag der Erstbesteigung des Mount Everest vermitteln nur einen kleinen Ausschnitt des (Medien-) Rummels um das Höhenbergsteigen und dessen mögliche Folgen für die Akteure. Viele Extrembergsteiger scheinen im Angesicht der Tatsache, dass mit Hilfe kommerzieller Expe- ditionen fast jeder eine Chance hat, auf einen der ganz hohen Berge zu stehen, diesen „Missstand“ mit Rekorden wettmachen zu wollen: der schnellste Aufstieg auf den Everest in 16.56 Stunden, der jüngste Mensch auf dem Everest mit 16 Jahren, der ältestes Mensch mit 66 Jahren, der erste Blinde, die erste Abfahrt mit Skiern vom Gipfel, die erste Abfahrt mit einem Snowboard oder der erste Abflug mit einem Tandem-Paraglider. Mittlerweile scheint es so kompliziert zu sein, Neues zu leisten, dass ein Koreaner den Anspruch erhob, als erster Mensch in weniger als zwei Jahren die drei höchsten Berge der Welt erklommen zu haben. 1 Derartige Ereignisse bewirken eine groβe öffentliche Aufmerksamkeit. Die Reaktionen be- stehen aus einer Mischung von Kopfschütteln, Hochachtung, Unverständnis und Neid. Um den Mount Everest oder um andere weniger populäre Berge geht es dabei anscheinend nur vordergründig. Im Mittelpunkt stehen diejenigen Menschen, welche sich den Qualen einer derartigen Unternehmung unterziehen, ein Risiko auf sich nehmen, auch auf die Gefahr hin sich zu ruinieren oder dabei das Leben zu verlieren. Die Frage nach dem „Warum?“ drängt sich dabei unweigerlich auf.
Der Weg nach oben scheint wie geschaffen um die Sehnsüchte nach alltagsfremden Heraus- forderungen, nach Abenteuer, Sensation und einem Sinn im Leben zu befriedigen. Oft scheint aber auch eine erhebliche Prestigeaufwertung der Bergsteiger bei Erfolg zu winken, sehen sie sich doch gerne als Zugehörige einer exklusiven Szene von Alpinisten, die mit dem gewöhnlichen Bürger wenig gemein haben. Diese Gemeinschaft wird von Namen wie Reinhold Messner, Hans Kammerlander, Kurt Diemberger – um nur einige, dem Laien be- kannte Alpinisten zu nennen – angeführt. Deren populäre Bücher und den darin vermittelten
1 Vgl. Freddy Langer: Wagnis? Hybris? Besessenheit? GEO, (2003) H. 4, S. 34.
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René Arnold Bergsteigen
(Berg-) Bildern scheint ein Zauber innezuwohnen, der dazu beigetragen hat, aus einer einst „verwegenen“ Angelegenheit für „kühne Männer“ eine Art Massenbewegung zu rekrutie- ren. Auch jenen, die in der Horizontale gerade mal so viele Meter zurücklegen wie Bergsteiger in der Vertikalen oder sich finanziell nicht in der Lage befinden, sich die Aus- rüstung, lange Reisewege oder Bergführer zu leisten, bleiben die geschickt vermarkteten Bücher und Diavorträge als Partizipationsmöglichkeit am Bergspektakel.
Dieser mediale Umgang mit der Bergwelt und die breite Anteilnahme der Mitmenschen waren zu anderen Zeiten unbekannt. Bergsteigen scheint ein Produkt unserer heutigen Zivi- lisation, unserer heutigen Kultur zu sein. Denn ein natürlicher Trieb zum Bergsteigen ist mit bestem Willen nicht auszumachen. Vielmehr erwachsen die spezifischen Antriebskräfte der Bergsteigerei allesamt aus der individuellen und gesellschaftlichen Situation der Bergstei- ger. 2 Das wird offenkundig, wenn wir in frühere Epochen zurück schauen. Vor dem Beginn der Neuzeit, d.h. vor den Anfängen der Industrialisierung sahen unsere Vorfahren die Gipfel weder als majestätisch an, noch sahen sie in ihnen ein Ziel, welches erobert werden musste. Wenn ein Mensch in die Hochregionen aufbrach, hatte es einen funktionalen Zweck. Wer dennoch freiwillig einen weglosen Berg von bescheidener Höhe erklomm, wurde leicht in seinem Verstand angezweifelt. Als erster namhafter Bergsteiger ohne funktionalen Zweck gilt der Humanist und Gelehrte Francesco Petrarca, der den Mont Ventoux im April 1336 bei einer Gelegenheitswanderung bestieg. Sein Empfinden gegenüber den Bergen war durchaus „modern“ und brach mit der furchterfüllenden Abneigung des Mittelalters gegen- über den Alpen. An der unglaublichen Schönheit der Landschaft interessiert und von der Idee getragen, in der Welt der Berge die „Seele zu Höherem“ zu erheben, wollte er diesen Fleck Erde durch Augenschein kennen lernen. 3
Was damals als verrückte Tat abgetan wurde und mittlerweile selbstverständliche Passion vieler Menschen ist, beschäftigt auch seit längerem unterschiedliche Wissenschaftsdiszipli- nen. Psychologen sind von dem Versuch individueller Akteure fasziniert, sich in Selbstkontrolle zu erproben, Fließerfahrungen zu sammeln oder das Trauma der Kindheit und Jugend zu bearbeiten. Pädagogen loten die langfristige erzieherische Wirkung für den späteren Alltag der Jugendlichen und Erwachsenen im Rahmen der Abenteuer- und Erleb- nispädagogik aus. Verhaltensbiologen, wie z.B. Felix von Cube, interpretieren die Abenteuer- und Risikosucht trieb- und instinkttheoretisch und Philosophen versuchen die Abenteuerorientierung phänomenologisch zu erfassen. Auch die Soziologie thematisiert seit den Arbeiten von Georg Simmel immer wieder das „künstliche Paradies“ des Abenteuers. Norbert Elias und Eric Dunning beschreiben bereits 1970 die Suche nach Spannung in spannungslosen Gesellschaften. Stenley Cohen und Laurie Tayler machen sich Gedanken
2 Vgl. Ulrich Aufmuth: Die Lust am Aufstieg. Weingarten 1984, S. 12.
3 Vgl. http://www.bergnews.com/service/damals.htm am 03.11.04
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René Arnold Bergsteigen
über verschiedene Strategien aus dem Alltag auszubrechen und David Le Breton leitet die Risikofreude aus dem Ritual- und Orientierungsverlust der einzelnen Akteure und deren Verlangen nach Bewährung ab. 4 Als eine „Notwendigkeit der Lebenskunst in der Moderne“ bezeichnet Wilhelm Schmid 5 das, was sich gegenwärtig auf den Bergen – und nicht nur da, sondern auch in der eisigen Horizontale – in Sachen Abenteuer und Risiko vollzieht. Damit lenkt er den Focus auf die Moderne und die daraus entstehenden Folgen für das Individuum. In diesem Sinn vertritt Karl-Heinrich Bette 6 die These, dass der gegenwärtige Risko- und Extremsport eine Reaktion auf die personalen Wirkungen und Ambivalenzen der sich durchsetzenden Moderne darstellt.
Die hier vorliegende Arbeit betrachtet das Phänomen Bergsteigen im Kontext der Moderne. Sie schlieβt die handelnden Personen jedoch nicht aus, lässt diese zu Wort kommen, um ihre Aussagen dann in Verbindung mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu stellen.
1.2 Ziele, Fragestellung, Hypothesen Will man klären, warum es so viele Menschen auf die Berge zieht, müssen sowohl die indi- viduellen Aussagen als auch die gesellschaftlichen Bedingungen betrachtet werden. Es reicht nicht aus, nur die moderne Gesellschaft zu analysieren, um dann Rückschlüsse abzu- leiten, die einen Drang zum Bergsteigen begründen. Wäre dies so, müssten sämtliche Menschen, die unter modernen Bedingungen leben, dem Bergsteigen oder einem anderen Risiko- und Abenteuersport anhängen. Dass dies nicht der Fall ist, ist bekannt. Menschen scheinen in der Lage zu sein, auf die Herausforderungen ihrer Umwelt zu reagieren und diese selbst gestalten zu können. Dabei treffen sie oft eine Wahl unter verschiedenen Mög- lichkeiten. Extremes Bergsteigen ist nur eine Variante. Um erklären zu können, warum das Bergsteigen für einige Menschen Priorität erlangt hat, ist es unumgänglich, diese selbst zu Wort kommen zu lassen. Da die s.g. „extremen“ Alpinisten den gröβten Kontrast zum Nichtalpinisten aufweisen, sollen ihre Aussagen vorerst im Mittelpunkt stehen.
Folgende Fragen werden zu Beginn zu beantworten sein: Von welchen Motiven für das extreme Bergsteigen berichten die Protagonisten der alpinen Szene? Welcher Entwurf des Bergsteigens resultiert daraus?
Darauf aufbauend stellt sich im nächsten Schritt folgende Frage: Woraus konstituiert sich dieser Entwurf? Da der Alpinismus auf eine lange Geschichte zurückblicken kann, wird dazu erstens untersucht, ob die in seiner Entwicklung entstandenen Selbstbilder der Alpinis- ten und Entwürfe des Bergsteigens im gegenwärtigen Entwurf wieder zu finden sind. Zweitens wird geprüft, welche Folgen der Moderne für das Individuum im jetzigen Entwurf
4 Vgl. Karl – Heinrich Bette: X-treme. Zur Soziologie des Abenteuer- und Risikosports. Bielefeld 2004, S. 8.
5 Wilhelm Schmid: „Performance am Südpol“. In: Reinhold Messners Philosophie. Volker Caysa, Wilhelm
Schmid (Hrsg.), Frankfurt/M. 2002, S. 121.
6 Vgl. Bette, a.a.O., S. 10f.
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René Arnold Bergsteigen
des Bergsteigens verankert sind. Daraufhin kann drittens die Frage beantwortet werden, inwieweit Höhenbergsteigen eine Antwort auf die Konsequenzen der Moderne ist. Der so hergeleitete Entwurf des heutigen Bergsteigens wird im nächsten Schritt auf seine Spiegelung in der Praxis nichtprofessioneller Alpinisten überprüft. Es wird gefragt, ob sich Versatzstücke der Entwürfe professioneller Alpinisten bei den Laien wieder finden lassen. Impliziert ist die Frage, nach einer Diskursübertragung von den Protagonisten zu den Laien. Zu fragen ist auch, ob ihre Aussagen die These bestätigen, dass Bergsteigen eine Möglich- keit beinhaltet, um auf die individuellen Folgen der Moderne zu reagieren.
Schlussendlich - und damit erklärt sich der Titel der Arbeit – stellt sich die Frage, ob vor dem Hintergrund der Ergebnisse Bergsteigen als die Suche nach etwas Anderem außerhalb der Gesellschaft oder gar als Gegenmoderne Bewegung verstanden werden kann.
Der Arbeit liegen folgende Hypothesen zugrunde:
Es gibt keinen natürlichen Antrieb zum Bergsteigen. Gründe für das Bergsteigen sind bei dem Individuum und in den gesellschaftlichen Bedingungen zu finden.
Das in der Gegenwartsgesellschaft angekommene und gelebte Abenteuer am Berg wird durch Protagonisten des Höhenbergsteigens geprägt. Durch Selbstinszenierungen und durch die Vermarktung ihrer Leistungen vermitteln sie einen bestimmten Entwurf der Berge und des Bergsteigens. Dieser Entwurf wird in einem Diskurs der Öffentlichkeit zugänglich ge- macht. Partizipation findet nicht nur im Kreis der aktiven Bergsteigerszene statt, sondern auch unter den Nichtalpinisten. Der Einfluss der Diskurse auf andere Höhenbergsteiger ist nachweisbar.
Die Moderne und deren Folgen für das Individuum schaffen den Bedarf an aktiver bzw. passiver Teilhabe an den Abenteuern der populären Alpinisten. Erst auf dieser Grundlage sind die Selbstinszenierungen der Höhenbergsteiger und die Verbreitung derer Entwürfe des Bergsteigens möglich.
Protagonisten nutzen die öffentliche Aufmerksamkeit, um ihre Unternehmungen zu finan- zieren oder gar ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
Der gesellschaftliche Kontext ist Ursache für das Handeln einzelner Subjekte und bietet Modelle des Handelns, wie zum Beispiel das Höhenbergsteigen.
Bergsteigen kann als kompensatorisches Modell zu Defiziterfahrungen des Alltags verstan- den werden. Da aber Bergsteigen kein Aufbegehren, keine radikale Ablehnung der
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René Arnold Bergsteigen
Elemente der Moderne ist, sondern diese sogar konstruktiv nutzt, bleibt das extreme Bergsteigen eine Bewegung innerhalb der Moderne.
1.3 Aufbau der Arbeit Die Arbeit baut sich analog der Fragestellung auf. Ausgehend von einem subjektbezogenen Ansatz stehen im Kapitel zwei die Aussagen namhafter Höhenbergsteiger im Mittelpunkt. Durch ein diskursanalytisches Vorgehen werden ihrer Erfahrungen, ihre Bezüge zur und Entwürfe der Bergwelt und des Bergsteigens nachgezeichnet. Ergebnis des Kapitels ist die Kategorisierung übereinkommender Aussagen, sowie die Verdichtung derer zu einem Leit- bild des aktuellen Höhenbergsteigens.
Kapitel drei ist in zwei Abschnitte unterteilt. Im Ersten wird die Geschichte des Bergstei- gens rekonstruiert, wodurch sichtbar wird, welche Elemente des herzuleitenden Entwurfs historischen Ursprungs sind. Im zweiten Abschnitt wird auf Moderne und Modernisierung und deren Folgen für das Individuum eingegangen. Dadurch wird die Funktion des Berg- steigens für die Aktiven im gesellschaftlichen Kontext deutlich. Psychologische Ansätze zur Klärung der Bedeutungszunahme des Bergsteigens werden auβen vor gelassen. Diese sind oftmals nach dem Motto konstruiert, dass der Mensch von Natur aus die Abwechslung und den Reiz des Neuen braucht oder Katharsiseffekte sammeln und Endorphin- und Adrenalin- ausschüttungen verspüren müsse, um sich für den Alltag in Schwung zu bringen. Diese Betrachtungsweise würde die gesellschaftlichen Verhältnisse aus denen das Bergsteigen entspringt außen vor lassen. 7 Kapitel vier zieht ein Zwischenfazit der bisherigen Erörterungen und beantwortet einen Teil der aufgeworfenen Fragen.
Kapitel fünf verfolgt zwei Ziele. Erstens werden die bisher diskursanalytisch und hermeneu- tisch gewonnenen Aussagen auf ihre Übereinstimmung mit den Aussagen aktiver Höhenbergsteiger geprüft. Dies geschieht mit Hilfe der qualitativ-empirischen Methode des narrativen Interviews, welches mit vier Höhenbergsteigern geführt wird. Die Auswertung erfolgt mit dem Interpretationsverfahren der Qualitativen Inhaltsanalyse. Darüber hinaus lässt sich klären, inwieweit die Befragten Bergsteigen als Ausgleich der individuellen Fol- gen der Moderne nutzen.
In Kapitel sechs werden die Ergebnisse der Interviews mit Bezug zu den vorherigen Ergeb- nissen diskutiert.
7 Vgl. Bette, a.a.O., S. 9.
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2 Individuelle Darstellungen in der alpinen Gegenwartsliteratur
Um die individuellen Darstellungen der Alpinisten methodisch zu erfassen wird auf die Diskursanalyse zurückgegriffen. Diese Methode stellt eine Möglichkeit dar, bestimmte Fa- cetten des gegenwärtigen Diskurses in seinen einzelnen Elementen an der Datenbasis gezielt zu erheben. Zu Beginn der Analyse werden die wesentlichen Elemente dieser wissenschaft- lichen Methode erläutert. Als Grundlage dienen die Texte von Reiner Keller 8 und Siegfried Jäger 9 .
2.1 Die Diskursanalyse Ein Grundkonsens in der Sozialwissenschaft besteht darin, dass die Beziehungen der Men- schen zur Welt durch kollektiv erzeugte, symbolische Sinnsysteme oder Wissensordnungen vermittelt werden. 10 Der Begriff Diskurs hat in diesem Zusammenhang in der Vergangen- heit an Bedeutung gewonnen. Diese Konjunktur zeigt sich in der gestiegenen Bezugnahme verschiedener sozial- und geisteswissenschaftlicher Disziplinen und deren Entwicklung di- verser Diskurstheorien und der Diskursanalyse.
Um die in der Arbeit verwendete Untersuchungsmethode zu erläutern, werden im Folgen- den grundlegende Informationen über den Begriff ‚Diskurs’ und dessen Verwendung innerhalb der Theorie Michel Foucaults vorangestellt. Die daran anschlieβende Betrachtung der wissenssoziologischen Diskursanalyse erfolgt im Hinblick auf ihre Fundierung in der Foucault’schen Diskurstheorie und ihrer Verwendung für die Untersuchung des Phänomens Höhenbergsteigen.
2.1.1 Der Begriff ‚Diskurs’
Die Wurzel des Begriffs ‚Diskurs’ liegt im altlateinischen ‚discurrere’ bzw. ,discursus’ und bedeutet so viel wie „das Sich-Ergehen über etwas“. Der Begriff bezeichnet auch „eine sys- tematisch aufgebaute (wissenschaftliche) Abhandlung bzw. (lebhafte) Erörterung“ 11 . Im Französischen bedeutet er zudem „Rede“ - auch diese Bedeutung floss in die deutsche Bil- dungssprache ein, allerdings modifiziert als (dialogische) Rede - als lebhafte Auseinandersetzung. Alltagssprachlich ist der Begriff mittlerweile fest verankert und wird in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet. In den Sozialwissenschaften werden meist bestimmte Konzepte bzw. theoretische Strömungen damit verbunden, v. a. jene im Gefolge Michel Foucaults und der Kritischen Diskursanalyse. 12
8 Reiner Keller: Diskursforschung. Eine Einführung für SozialwissenschaftlerInnen. Opladen 2004. 9 Siegfried Jäger: „Diskurs und Wissen“. In: Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Band 1: Theo- rien und Methoden. Keller, Reiner u.a. (Hrsg.), Opladen 2001.
10 Vgl. Keller, a.a.O., S. 7.
11 Brockhaus: Die Enzyklopädie. Digital. 2002.
12 Vgl. http://evakreisky.at/onlinetexte/nachlese_diskurs.php#kap1a am 08.12.04.
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2.1.2 Der Diskursbegriff Foucaults
Besonders der französische Philosoph Foucault hat einen groβen Anteil an der Popularität des Diskursbegriffs durch seine Arbeiten in den 1960er und 1970er Jahren. Er hat neue Fra- gestellungen und Herangehensweisen an geschichtswissenschaftliche Gegenstandsbereiche formuliert. Phänomene wie z. B. Geisteskrankheit, Recht und Medizin sowie das Grund- thema seines gesamten Werkes, die Genese moderner Subjektvorstellungen, beinhalten grundlegende Überlegungen zu seiner Theorie und Empirie der Diskurse. Diese sind in Bü- chern wie „Die Ordnung des Diskurses“ (1974) oder der „Archäologie des Wissens“ (1988) sowie in mehreren Aufsätzen zu finden. Weitreichenderen Einfluss als seine theoretischen und methodischen Schriften hatten seine materialistischen Analysen von z.B. „Wahnsinn und Gesellschaft“ (1973) oder „Überwachung und Strafe“ (1977). Dadurch wurde das Ver- ständnis von Diskursen auf die wissenschaftlichen Disziplinen wie z. B. Recht, Medizin, Philosophie oder Religion als die Orte und Institutionen, an denen Diskurse entstehen, ver- ankert sind und weiter entwickelt werden, gelenkt. Dazu nimmt Foucault eine wissenssoziologische und konstruktivistische Perspektive ein, wobei er diese als kontingen- te (begrenzte) Erscheinungen betrachtet, die ihre Existenz diversen Wissens- und Praxisformationen verdanken. Anders gesagt, sind Diskurse einerseits im Medium des Wis- sens und andererseits als gesellschaftliche Praktiken konstituiert. 13 So gibt es bspw. – um mit dem Gegenstand des Themas zu argumentieren - keine ahistorischen Wesensqualitäten des Alpinismus, sondern unterschiedliche Formen des Wissens oder Praktiken des Um- gangs, die derartige Qualitäten bestimmen und sich im Zeitverlauf verändern. Alpinismus existiert somit nur in historisch kontingenter Form.
Foucault fragt nach der Basisstruktur, nach Grundmustern (‚episteme’) in spezifischen his- torischen Epochen der unterschiedlichen wissenschaftlichen Klassifikationsprozesse. Diese Epochen lassen sich dadurch beschreiben, nach welchen, quer zu den Grenzen der Einzel- wissenschaften liegenden, Prinzipien sie die Dinge ordnen. Dabei schlieβt er von beobachtbaren Regelmäβigkeiten in (wissenschaftlichen) Texten auf eine zugrunde liegende Struktur. Nach diesem Prinzip sollen die ausgewählten Publikationen der populären Höhen- bergsteiger einer Recherche unterzogen werden. Es handelt sich also um die Untersuchung dessen, was tatsächlich gesagt bzw. geschrieben wurde, d.h. um eine Analyse der materiel- len Existenz von Diskursen in Gestalt von Sprechakten.
So bezeichnet der Begriff „Diskurs“ nach Foucault eine Menge verstreuter Aussagen, die an unterschiedlichen Stellen erscheinen, nach einem selben Muster und Regelsystem gebildet worden sind, deshalb ein und denselben Diskurs zugerechnet werden können und ihre Ge- genstände konstituieren. D. h., dass Diskursanalyse die Rekonstruktion dieses Systems ist. 14
13 Vgl. Keller, a.a.O., S. 42f.
14 Vgl. ebd., S. 44.
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René Arnold Bergsteigen
Neben den Regeln der Bedeutungszusammenhänge bezieht sich Foucaults Diskursbegriff auch auf die institutionell eingebetteten und stabilisierten Praktiken der Diskursproduktion. Mit dieser Analyse wird untersucht, welche Mechanismen zum Auftauchen spezifischer Diskurse an bestimmten Stellen führen, da nicht alles, was sich sagen lieβe, gesagt wird und nicht überall alles gesagt werden kann. Mit Hilfe der „Formationsregeln“ will Foucault er- klären, dass jeweils eine spezifische Art von Aussagen und keine anderen auftreten. Sie strukturieren, welche Aussagen an einem bestimmten historischen Moment an einem be- stimmten historischen Ort erscheinen können. Foucault unterscheidet nach Keller 15 vier Grundmomente von Diskursen, welche im Hinblick auf ihre Formationsregeln analysiert werden können:
- Die Formation der Gegenstände eines Diskurses, welche sich durch die Fragen: Nach welchen Regeln werden die Gegenstände gebildet, von denen die Diskurse sprechen? Welche wissenschaftlichen Disziplinen sind daran wie beteiligt? erfas- sen lassen.
- Die Formation der Äuβerungsmodalitäten, welche durch die Fragen: Wer ist le- gitimer Sprecher bzw. von welchem institutionellen Ort und welcher Subjektposition aus wird über einen Gegenstand gesprochen?
- Die Formation der Begriffe bezieht sich auf die Fragen: Wie werden Argumente aufgebaut? Wie ist die Aussage im Gefüge anderer Texte zu verorten?
- Die Formation der Strategien bezieht sich auf die Auβenbezüge eines Diskurses: Was sind die Themen und Theorien eines Diskurses? Wie beziehen sie sich auf andere Diskurse?
Foucault sieht damit eine Analyse und Rekonstruktion unterschiedlicher Ebenen der Her- vorbringung, welchen Aussagen zugeschrieben werden können, vor. Ihm geht es damit nicht nur um die Analyse von Aussagezusammenhängen, sondern um die gesellschaftliche Her- stellung und Ordnung von Praktiken, Objekten, Ideen, also Realitätszusammenhängen insgesamt 16 . Bezieht man die Formationsregeln auf das Thema der Arbeit, ergeben sich dar- aus folgende Fragen: Wie kommt es, dass das Bergsteigen diskursives Thema wird und welche wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Erklärungen werden angeregt? Welche Personen beteiligen sich an dem Diskurs, welche Positionen haben sie inne? Wie argumentieren die Bergsteiger und welche Bezüge stellen sie zu anderen Phänomenen her? Welche (wissenschaftlichen) Theorien erklären ihr Verhalten?
In einem weiteren Schritt betrachtet Foucault die handlungspraktische Seite von Diskursge- fügen sowie die Bedeutung von Macht. Gemeint ist damit einerseits eine Analyse der
15 Vgl. ebd., S. 46.
16 Vgl. ebd.
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Praktiken, mit der Diskurse Einfluss auf die Subjekte ausüben, sie also formen. Andererseits geht es um die Betrachtung von Praktiken als relativ eigensinnige Wirklichkeitsebene mit eigenen Dynamiken. Macht strukturiert Diskurse bzw. legitimiert sich durch Diskurse, so dass sie auch als Ermächtigungs- und Ausschlusskriterien wirken. Kriterien, wie der akade- mische Grad oder Popularität, unterscheiden dann mögliche legitime Sprecher von nicht- legitimen Sprechern. Diskursanalyse untersucht also auch neben der Macht der Diskurse die Macht im Diskurs. 17 Daraus ergibt sich die Frage, wer im Alpinismusdiskurs Deutungs- macht besitzt und warum?
2.1.3 Die Wissenssoziologische Diskursanalyse
In der wissenssoziologischen Diskursanalyse geht es darum, Prozesse der sozialen Kon- struktion und der Kommunikation von Deutungs- und Handlungsstrukturen auf der Ebene von Institutionen, Organisationen bzw. sozialen, kollektiven Akteuren – in diesem Fall die Alpinisten - zu rekonstruieren sowie die gesellschaftlichen Wirkungen der Prozesse zu ana- lysieren 18 . Ausgangspunkt sind die soziologische Wissenstheorie von Peter Berger und Thomas Luckmann sowie verschiedene Diskurstheorien, insbesondere die Foucaults. Als Bindeglied beider Ansätze gilt das Interesse an Formen und Folgen gesellschaftlicher (kollektiver) Wissenskonstruktion. Foucault’sche Konzepte von z. B. Diskurs, Macht oder Wissen/Macht-Kopplungen erweitern – so Keller – die Wissenssoziologie beträchtlich. Mit- unter werden die Arbeiten Foucaults auch als ein Beispiel neostrukturalistischer Wissenssoziologie bezeichnet. 19 Eine Grundannahme der wissenssoziologischen Diskursanalyse besteht darin, dass alles „was wir erfahren, spüren, auch die Art wie wir handeln, über sozial konstruiertes, typisier- tes, in unterschiedlichen Graden als legitim anerkanntes und objektiviertes Wissen“ 20 vermittelt ist. Dieses Wissen basiert auf gesellschaftlich hergestellten symbolischen Syste- men, welche überwiegend in Diskursen produziert, legitimiert, kommuniziert und transformiert werden. Diskurse besitzen also gesellschaftliche Voraussetzungen und Folgen. Diskurse als gesellschaftliche Phänomene zu analysieren bedeutet, sie unter spezifischen Gesichtspunkten zu rekonstruieren. Keller 21 schlägt für die wissenssoziologische Diskurs- analyse u. a. die Kategorien diskurskonstruierende Praktiken, Akteure und inhaltliche Strukturierung der Diskurse vor. Im nächsten Schritt soll die methodische Umsetzung einer diskursanalytischen Untersuchung erläutert werden.
17 Vgl. Stefan Titscher u.a.: Methoden der Textanalyse. Opladen/Wiesbaden 1998, S. 180. 18 Vgl. Reiner Keller: „Wissenssoziologische Diskursanalyse“. In: Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskurs- analyse. Band 1: Theorien und Methoden. R. Keller u.a. (Hrsg.), Opladen 2001, S. 113.
19 Vgl. ebd., S. 122f.
20 Ebd., S. 113.
21 Vgl. ebd., S. 127ff.
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2.1.4 Methodische Umsetzung
Die von Jäger 22 empfohlene Vorgehensweise wird als Leitfaden zur Umsetzung des zu un- tersuchenden Phänomens dieser Arbeit dienen. So bieten sich nach einer Vorstellung und Begründung des Themas (Diskursstrangs) folgende Schritte an:
1. knappe Charakterisierung der Diskursebene,
2. Erschlieβen und Aufbereiten der Materialbasis,
3. Strukturanalyse: Auswertung der Materialaufbereitung im Hinblick auf den zu ana-
lysierenden Diskursstrang,
4. Feinanalyse eines oder mehrerer für den Sektor typischen Artikel (Diskursfrag-
ments) der/das einem bestimmten Oberthema zuzuordnen ist,
5. Gesamtanalyse des (gesamten) Diskursstrangs, d.h., es werden alle bisherigen Er-
gebnisse reflektiert und eine Gesamtaussage über den Diskursstrang gemacht.
2.2 Ziele und Fragestellung der Untersuchung Das Ziel der folgenden Untersuchung ist die Analyse der individuellen Darstellungen im gegenwärtigen Alpinismus. Von den Protagonisten des Bergsteigens angeführte Motive für ihr Handeln werden dazu herausgearbeitet. Der Blick richtet sich ebenfalls auf die von den Akteuren benannten gesellschaftlichen Faktoren, welche ihrer Meinung nach Einfluss auf ihr eigenes Handeln am Berg haben.
Neben dem Blick auf die Akteure und ihre typischen Äuβerungen zu ihren individuellen Anreizen wird zweitens das Produkt ihres öffentlichen Diskurses fokussiert. Dazu werden die von den Protagonisten gemachten Aussagen zu einem Leitbild verdichtet. Jenes Bild ist von Bedeutung, wenn man davon ausgeht, dass in der Öffentlichkeit agierende Bergsteiger durch ihren Diskurs mit den darin implizierten Ideen und Wahrnehmungen des Bergsteigens auf andere Alpinisten Einfluss nehmen. Diese Vermutung wurde in den Hypothesen formu- liert.
Es ergeben sich daher für die Diskursanalyse folgende Arbeitsfragen:
1. Welche individuellen Gründe werden von den Alpinisten für ihre bergsteigerischen
Handlungen angegeben?
2. Berufen sie sich auf gesellschaftliche Bedingungen oder Zustände um ihr Handeln
zu legitimieren?
3. Welchen Entwurf des Bergsteigens vermitteln die Alpinisten mit ihren Aussagen
und zu welchem Leitbild lassen sich ihre Aussagen verdichten?
22 Vgl. Jäger, a.a.O., S 102ff.
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2.3 Datenkorpus Der Datenkorpus setzt sich ausschließlich aus Publikationen bzw. Interviews zusammen, die von populären Höhenbergsteigern verfasst wurden oder Gespräche mit ihnen dokumentie- ren. Auf Sekundärliteratur wird bis auf eine Ausnahme verzichtet, um eine größtmögliche Authentizität der Aussagen zu bewahren bzw. die medialen Aufbereitungen zu umgehen. Die Kategorie „populär“ wird in diesem Zusammenhang definiert als eine Gruppe von Ak- teuren, deren Unternehmungen nicht nur in Fachzeitschriften, sondern auch in Interviews, Vortragsreihen, Tageszeitungen und vor allem in eigenen Publikationen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Konkret setzt sich der Korpus aus Monographien zusammen, die bei Sichtungen in mehreren Buchhandlungen und Sportfachgeschäften angeboten wer- den. Ein weiteres Kriterium ist die öffentliche Präsenz der Akteure durch eigene Vortragsreihen.
„Höhenbergsteigen“ ist bergsteigerisches Unternehmen in extremen Höhen. Diese beginnen aus medizinischer Sicht bei 5300m Seehöhe. Eine vollständige Akklimatisierung und damit ein dauerhafter Aufenthalt in diesen Regionen sind nicht möglich. Alle hier betrachteten Bergsteiger haben durch schrittweise Anpassung Aufstiege in die s. g. „Todeszone“, die bei 7500m Seehöhe beginnt, unternommen. Ab dieser Höhe ist der Körper selbst bei Rast nicht mehr zum Leistungserhalt bzw. zur Regeneration in der Lage. 23 Wenn in der vorliegenden Arbeit von Höhenbergsteigern oder synonym von (extremen) Bergsteigern, Alpinisten und Himalayaisten gesprochen wird, sind damit Personen gemeint, welche Aufstiege in die s. g. Todeszone unternommen haben bzw. unternehmen.
Es werden die Publikationen folgender Autoren verwendet:
Reinhold Messner, der wohl bekannteste (ehemalige) Extrembergsteiger, der durch eine Vielzahl von schriftstellerischen Arbeiten 24 zu dem Phänomen Alpinismus und Bergsteigen auffällt. Als Ausnahme wird in seinem Fall ein Buch von Volker Caysa und Wilhelm Schmid 25 berücksichtigt, indem in Interviews mit und Artikeln über Messner der Sinn seines bergsteigerischen Handelns herausgefiltert wird.
Hans Kammerlander, der sich selbst als bergsüchtig bezeichnet und sich durch spektakuläre Skiabfahrten von Achttausendern, Bestzeit- und Erstbegehungen eine populäre Position in der weltweiten Bergsteigerszene erarbeitet hat.
Helga Hengge, die auf dem Gipfel des Mount Everest stand und in ihrer Publikation einen Einblick in das Höhenbergsteigen aus der Sicht einer Frau in eine von Männern dominierten
23 Vgl. Franz Berghold, Wolfgang Schaffert: Handbuch der Trekking- und Expeditionsmedizin. München
2001, S. 13.
24 Es sind bereits über 40 Veröffentlichungen.
25 Volker Caysa, Wilhelm Schmid: Reinhold Messners Philosophie. Frankfurt/M. 2002.
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Zunft geben kann. Zudem stellt sie als Teilnehmerin einer kommerziellen Expedition eine konträre Position zu den anderen Autoren dar, die dem gegenüber eher skeptisch argumen- tieren.
Jon Krakauer, der nicht nur jahrelang selbst Extrembergsteiger war, sondern gleichzeitig Journalist ist, für Fachzeitschriften arbeitet und in eigenen Veröffentlichungen einerseits sein Leben als Bergsteiger darstellt, aber auch mit einem „Blick von Außen“ das Handeln anderer Alpinisten beobachtet und analysiert.
Kurt Diemberger, der an zwei Erstbesteigungen von Achttausendern teilnahm, dem s. g. „höchsten Filmteam der Welt“ angehörte und mit über 70 Jahren weiterhin ein gefragter Referent bei alpinen Lesungen und Vorträgen ist. Er veröffentlichte vor kurzem mehrere Bücher, in denen er auch als eine lebende Legende bzw. als Alpinist der alten Garde vorge- stellt wurde. In diesem Sinn wird mit Diemberger der Blick in die Zeit vor Messner u. a. gelenkt, die aber im Diskurs gerade durch die Präsenz Diembergers weiterhin bestand hat.
2.3.1 Reinhold Messner – Eroberer des Nutzlosen
Für die Analyse von Reinhold Messners Diskursbeitrag wird das Buch „Berge versetzen – das Credo eines Grenzgängers“ (1993), indem er eigene Abenteuer beschreibt und analy- siert, verwendet. Als Sekundärliteratur wird „Reinhold Messners Philosophie“ (2002) von Volker Caysa und Wilhelm Schmidt berücksichtigt. Die Autoren wollen darin das Anliegen Messners in Bezug zu seiner Kunstauffassung setzen, um daraus seine Philosophie sichtbar zu machen. Besonders die Interviews sind von Bedeutung, da sie pointiert zusammenfassen, was Messners Antrieb für das Bergsteigen ist.
Messner bezeichnet seine Unternehmungen als Grenzgänge. Diese definiert er „...als die Kunst, in möglichst großen Schwierigkeiten zu überleben. Es muss schwierig sein, es muss anstrengend sein, und gefährlich. Ich muss ausgesetzt sein – sonst bin ich im Als-ob- Gefahrenraum.“ 26 Die Kunst im Grenzgang besteht für Messner darin, anstrengende, ausge- setzte und lebensgefährliche Situationen zu überleben, im Umgang mit Ungewissem Selbstgewissheit zu erlangen, das Unmögliche zu ermöglichen, Abschied vom Leben neh- men zu können, um an diesem Umkehrpunkt sein Leben neu zu erfinden 27 . Deshalb ist für ihn das Ziel, den Gipfel zu erreichen, sekundär 28 . „Wenn ich aus einem Grenzgang heil her- aus komme, habe ich Erfolg gehabt.“ 29 Für den Grenzgang wird eine möglichst ursprüngliche Natur mit all ihren Gefahren benötigt und aufgesucht. Um diese Wildnis zu erhalten und um aus dem Überleben als Kunst kein Spiel werden zu lassen, versagt sich Messner bestimmte Technologien, wie etwa das Anbringen von Bohrhaken oder das Benut- zen von Sauerstoffmasken. Im Grenzgang wird daher Risiko durch Verzicht inszeniert, um
26 Messner in Caysa, Schmid, a.a.O, S. 20f.
27 Vgl. ebd., S. 63.
28 Vgl. ebd., S. 21f.
29 Ebd., S. 33.
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den Reiz einer ekstatischen Existenz zurückzugewinnen. „Da mit Hilfe der Technologie heute jeder Winkel der Erde zugänglich ist, heißt es beim Grenzgang mehr und mehr auf technologische Hilfen zu verzichten.“ 30 Die eingegangenen Risiken sollen durch die extre- men menschlichen Anstrengungen sichtbar werden. Dabei wird jedoch nicht jeglicher Technik entsagt, sondern andere Techniken werden wieder entdeckt. Diese Techniken und Technologien stehen im Zusammenhang mit der Neuerfindung des Selbsttechnischen im Bereich der menschlichen Höchstleistung. Nach Caysa und Schmid 31 ist damit eine Rück- kehr zu Techniken verbunden, die ein Subjekt auf sich und sein eigenes Leben wenden kann, um Lebenskunst zu verwirklichen. Extreme Risikopraktiken sind derartige Selbst- technologien, die darauf basieren, dass die Angst vor dem Tod, die Angst vor der Angst selbst als Reiz oder Lust behandelt wird, um die Überwindung der Grenzen zu ermöglichen. Dieses bewusste Einlassen auf ein Risiko, bei dem Todesangst oder ein Reiz an der Angst entsteht, ist aber nicht mit einer Todessehnsucht zu verwechseln, denn dann würde er – und das gilt wahrscheinlich für alle Extremsportler – nicht an seiner Kondition arbeiten, sein Material und die Partner umsichtig auswählen. „Mängel in der Kondition oder Ausrüstung können bei Grenzgängen tödlich sein. Kein Grenzgänger ist deshalb ein potentieller Selbst- mörder. Wir steigen nicht auf Berge, um uns umzubringen. Wir wollen lebendig wieder herunterkommen.“ 32 Es geht vielmehr um eine Verschiebung der eigenen Grenzen, wofür Leid bis hin zur Selbstgefährdung auf sich genommen wird. Das Selbst besiegt sich selbst. Die Freude des Siegers ist dabei die Freude über die Selbstüberwindung mit Hilfe eigener Risikotechniken. Jene subjektiven Techniken können zugleich als Versuch betrachtet wer- den, objektiven Kriterien wie dem Geist der Fairness oder den Ideen einer ökologischen Lebensweise gerecht zu werden. Diese vertritt Messner durch seine Idee des Alpinismus, die nicht durch Eroberungen gekennzeichnet ist, sondern durch Maßstäbe der Gerechtigkeit und der Ökologie. Climbing by fair means und clean climbing 33 , eine in den 70er Jahren aus Kalifornien importierte Idee mit naturphilosophischem Hintergrund und dem Konzept, die Wildnis zu bewahren, d.h. keine Spuren und Beschädigungen an den Felswänden zu hinter- lassen, sind die entsprechenden Grundkomponenten, die sich im Bekenntnis Messners zum Alpinstil wieder finden. „Heute, da es beim Bergsteigen nicht mehr um die Eroberung der Gebirge geht, nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse oder um die Fahne am Gipfel, son- dern allein um die Auseinandersetzung mit einer menschlich abweisenden Natur, ist der Alpinstil aktueller den je.“ 34 Hochleistungssport nimmt im Sinne Messners Abstand von dem Ziel, einen Sieg über die Natur zu erringen und wendet sich - auf einer fairen und öko-
30 Reinhold Messner: Berge versetzen. Das Credo eines Grenzgängers. München 1993, S. 13.
31 Vgl. Caysa, Schmid, a.a.O., S. 9f.
32 Ebd.
33 Vgl. Stefan Kaufmann: „Moderne Subjekte am Berg“. In: Vernunft – Entwicklung – Leben. Schlüsselbegrif- fe der Moderne. Ulrich Bröckling, Axel Paul, Stefan Kaufmann (Hrsg.), München 2004, S. 20.
34 Messner, a.a.O., S. 26.
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logischen Grundlage - zu einer asketischen und ekstatischen Lebensform hin. Stand früher das Objekt Berg im Mittelpunkt, welches durch den heroischen Bergsteiger als Symbol für die Natur unterworfen werden sollte, betrachtet Messner die Natur als schützenswertes Me- dium zur ökologischen Körperinszenierung um in ihr Lebenskunst zu verwirklichen. Dadurch rückt das Subjekt in den Mittelpunkt. „Was es zu erforschen gibt, ist nicht der Berg, sondern der Mensch.“ 35 Die Idee der Enttechnologisierung des Extremalpinismus beinhaltet auch eine antikommer- zielle Tendenz. Nur wer die Todeszone ohne umfangreiche Hilfsmittel erreichen kann, ist dazu berechtigt. Paradoxerweise hat sein Wirken – durch seine Popularität - eine neue Stufe des Extremalpinismus eingeleitet, die durch „schneller, höher, weiter“ gekennzeichnet ist. Messner bezeichnet sich nicht nur als Grenzgänger, sondern auch als Eroberer des Nutzlo- sen. Sein Tun erachtet er nicht als notwendig, sondern nur als eine Möglichkeit unter vielen. „Wenn es etwas Unnützes gibt, ist es mein Tun.“ 36 Er betont, dass es sich bei der Eroberung des Nutzlosen um eine bewusste Heranführung an den Rand der eigenen Möglichkeiten und Existenz handelt. Dessen Ziel besteht darin, immer wieder einen Schritt weiter zu gehen, ohne dabei umzukommen. 37 Wenn die Nützlichkeit einer Tätigkeit nicht von vornherein gegeben ist, nicht in der Sache selbst liegt, kann sie nur in Relation zum Subjekt entstehen. Messners Besteigungen des Everest sind – und das betont er immer wieder - weder notwen- dig noch nützlich. Der ganze Akt muss daher mit einem Sinn ausgefüllt werden, muss sinnvolles Tun werden. Dieser Prozess findet für Messner im Tun selbst statt. Ohne die Sinngebung wäre es für ihn nicht möglich, seine Ziele zu erreichen. 38 „Bergsteigen heißt für mich Sinn stiften.“ 39 Und dass dies für ihn nur subjektiv stattfindet, betont er, indem er im Interview mit Caysa und Schmid zu verstehen gibt, dass es keinen übergeordneten Sinn für ihn gibt. „Der Sinn ist eine rein menschliche, subjektive Erfindung. Ich stifte Sinn! Alle können wir das. Aber jeder und jede nur für sich.“ 40 Es drängt sich die Frage auf, womit Messner die a priori nutzlosen Handlungen mit Sinn zu füllen vermag, um sich zu einem Grenzgang zu motivieren. Anders gefragt: Welche individuellen und gesellschaftlichen Gründe gibt er als Motive für seine Grenzgänge an?
Für Messner steht der Mensch und nicht der Berg im Mittelpunkt. Dass belegt er immer wieder, wie z.B. hier: „Ich wollte diesen Gipfel (Everest, R.A.) nicht nur in meiner Touren- liste haben, sondern dort oben mich selbst erleben, noch besser kennen lernen.“ 41 Und worauf es dabei ankommt, lässt er den Leser wissen wenn er schreibt: „Den Abgründen
35 Ebd., S. 51.
36 Ebd., S. 23.
37 Vgl. ebd.
38 Vgl. ebd.
39 Ebd., S. 83.
40 Messner in Caysa, Schmid, a.a.O., S. 22.
41 Messner, Berge versetzen, a.a.O., S. 83.
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meiner Seele, dem Verloren sein in der Einsamkeit gilt meine Neugierde.“ 42 Damit verbun- den sind letztendlich auch Zweifel und Angst. „Je höher der Berg vor mir, umso größer der Zweifel, die Angst in mir. Riesige Berge entsprechen riesigen Abgründen in uns, in die wir fallen können.“ 43 Der Gipfel wird Mittel zum Zweck um die eigene Angst und das Verlo- rensein zu erleben. Die Erfahrungen der Todesangst und deren erfolgreiche Bewältigung lassen dann die Ängste des Alltags klein und unbedeutend erscheinen. Eine derartige Situa- tion überlebt zu haben, steigert das Selbstwertgefühl und bestärkt die Selbstgewissheit in bedrohlichen Situationen des Alltags nicht zu versagen. Das macht Messner deutlich wenn er sagt: „Zu wissen, das kann im Moment sonst niemand auf der Welt, tut gut. Ich weiß, das wird immer wieder kritisiert, trotzdem, es ist schön.“ 44 Der Grenzgang zur Aufwertung des Selbstbewusstseins?
In der Summe der menschlichen Erfahrungen sieht Messner den Ursprung vorgegebener Tabus (z.B. die Besteigung des Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff). Diese Tabus will Messner trotz des Wissens um die Begrenztheit der menschlichen Handelungsmöglich- keiten in der Natur brechen. Verzicht spielt dabei eine wesentliche Rolle, wie er es bei der Anwendung des Alpinstils in großen Höhen praktiziert hat. Dennoch geht Messner kritisch mit den Erfolgen bei der Verbreitung des Verzichtsalpinismus um. Auch seine Grenzver- schiebungen beruhen auf Materialverbesserungen, wobei quantitativ auf Hilfsmittel verzichtet wird, die verwendeten aber entsprechend qualitativ hochwertig sind. Verzicht kann also auch als Motivation für seine Grenzgänge bezeichnet werden, ein Verzicht, der jedoch für Messner noch nicht am Ende der Möglichkeiten angelangt ist. 45 Freiwillig den Grenzbereich menschlicher Überlebensmöglichkeit aufzusuchen, an die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit zu gehen, scheint auf den ersten Blick fragwürdig zu sein. Besonders wenn die Grundbedürfnisse ausreichend gedeckt sind, stellt sich die Fra- ge nach dem damit verbundenen Ziel. Für Messner werden Leistungen im Grenzbereich der Todeszone aber aus den gleichen Gründen heraus gesucht, welche auch im Alltag zum Tra- gen kommen: Ehrgeiz, Eitelkeit und Lust. Dies ist laut Messner möglich, weil Zeit und Kraft ausreichend vorhanden sind um eigene Energien, Ideen und Fähigkeiten ausspielen zu können. „Dafür ernten wir Selbstwertgefühl, Lebenslust und Sinn, vor allem.“ 46 Weiter sagt er: „Wer ist nicht auch aus Ehrgeiz auf diesen oder jenen Berg hinaufgestiegen? Wir sind ehrgeizig, wir sind besessen, wir sind getrieben, wir sind krank. (...) Also weiter, besser, höher. Gut, alles das sehe ich auch negativ. Aber nicht nur. Ehrgeiz hat natürlich im weite- ren Sinn mit dem ganz normalen menschlichen Wunsch zu tun, Anerkennung zu finden. (...)
42 Ebd., S. 15.
43 Ebd., S. 13.
44 Messner in Caysa, Schmid, a.a.O., S. 31.
45 Vgl. ebd., S. 21ff.
46 Messner, Berge versetzen, a.a.O., S. 86.
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Vor allem in unserer westlichen Gesellschaft.“ 47 Liegen die Motive zum extremen Bergstei- gen für Messner also auch in der gegenwärtigen Gesellschaft?
Extremalpinismus ist Dienstleistungssport geworden. Diese Tatsache ist für Messner Aus- druck von Dekadenz. Daher ist er der Auffassung, dass die Technologisierung des Risikos zur Auslöschung des Risikos und zur Beseitigung des „Eigentlichen“ seines Sports geführt hat. Für Caysa 48 ist damit der Übergang vom Extremsport zum Extremfunsport und der Ü- bergang vom Naturkult zum Technokult verbunden. Während Messner gegen das bequeme Leben ankämpft, streben die Fun-Extremisten das bequeme Leben an, bei dem sie nicht auf Technik und Komfort verzichten wollen. Messner hingegen will extreme Natürlichkeit und lehnt derartige Tendenzen ab: „Ich halte nichts von unserer Okay-Gesellschaft, die das Ster- ben ausgrenzt, in der sich alle gegenseitig Lebenslust, Optimismus und Gesundheit vorlügen. Als sei Krankheit eine Sünde, Angst lächerlich und Zuversicht Pflicht.“ 49 In den extremen Risikopraktiken zeigt sich für Caysa 50 , dass Selbsttechnologien Techniken der Flucht vor dem normalen Leben, dessen Trägheit, Langeweile und Spannungsarmut aber gleichzeitig Techniken der Transformation des eigenen Selbst sind. Moderne Abenteuer- und Erlebnissucht wird kanalisiert und rationalisiert, wodurch es immer mehr Menschen ermöglicht wird, sich der Gleichförmigkeit einer Lebenswelt zu entziehen. „Der Sport, das verdeutlicht diese Techniken der Lust, sich für Augenblicke in der Todesgefahr zu bewegen, ist als Kompensationsstruktur, zugleich ein Überschussphänomen einer Wohlstandsgesell- schaft, das aus mangelnden körperlich erfahrbaren Erlebnismöglichkeiten, aus Leistungsunterforderung und gleichförmiger Funktionalität in der Arbeits-, Alltags- und Freizeitwelt hervorgeht.“ 51 Messner sieht in der gleichförmigen Funktionalität eine Aus- gleichsmoral in der „... alle Menschen gleich – langweilig, faul, oberflächlich, schlampig – zu sein haben“ 52 . Extremsport ist dann Protest gegen Mittelmaß und risikofreie Normalität durch Selbstberauschung. Was erlebt wird, sind Erfahrungen von Intensität und Selbstver- ständlichkeit 53 . Ebenso spricht Messner von Risikofeindlichkeit und Rekordsucht: „Der Sicherheitswahn lähmt die Lebensgeister. Deshalb sind wir Grenzgänger von der Gefahr fasziniert wie der Häftling von der Freiheit.“ 54 Die risikofreie Normalität der Wohlstandsge- sellschaft mit ihrem Sicherheitswahn scheint also Anlass zum Ausbruch zu geben. Dieser Ausbruch wird in der Moderne zum eigentlichen Abenteuer – in einer Zeit, in der die kleins- ten Lebensregungen normiert sind bzw. geprüft werden. Messner will „Räume ohne jede
47 Ebd., S. 35.
48 Vgl. Volker Caysa: „Auf der Suche nach den Grenzen des Daseins“. In: Reinhold Messners Philosophie. Volker Caysa, Wilhelm Schmidt (Hrsg.), Frankfurt/M. 2002, S. 52.
49 Messner, Berge versetzen, a.a.O., S. 81.
50 Vgl. Caysa, a.a.O., S. 52.
51 Caysa, a.a.O., S. 53.
52 Messner, Berge versetzen, a.a.O., S. 25.
53 Vgl. Caysa, a.a.O., S. 53.
54 Messner, Berge versetzen, a.a.O., S. 47.
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Moral“ aufsuchen und in den herbeigeführten Extremsituationen das Verhalten außerhalb gesellschaftlicher Normen testen. Dabei will er die Regeln der Kunst des Überlebens kennen lernen, einen Ausbruch aus der Norm inszenieren, um das eigene Leben selbst gestalten zu können. 55 Dafür werden wilde Räume aufgesucht, in der die Begegnung mit dem Selbst stattfindet. Dem gegenüber steht das Leben in der Stadt als Synonym der modernen Gesell- schaft, das für Messner ein Leben schafft, indem die Gedankenwelt - durch Häuser, Regeln, Paragraphen und Konventionen - verbaut wird 56 . Die in ihr lebenden Menschen sieht er durch perfekte Verdrängungsmechanismen den großen globalen, ökologischen und sozialen Gefahren gegenüber abgeschirmt. „Es ist, als ob eine ganze Beschwichtigungsindustrie da- mit beschäftigt wäre, Ängste und Tatsachen in diesem Zusammenhang zu verdrängen.“ 57 Trotzdem möchte Messner zu dieser Gesellschaft gehören und deswegen fühlt er sich als ein „Zerrissener“ zwischen einem Nomaden und einem sesshaften Menschen 58 . Letztendlich besteht - als eine Art finales Ziel - die Rückkehr in die Zivilisation im Mittelpunkt seiner Handlungen, aber mit einem neu erfundenen Leben. Die Zivilisation verlassen, um wieder in sie zurück zu kommen, könnte das Credo lauten. Als Messner das Basislager nach seinem Alleingang am Everest erreichte, berichtete er von starken Emotionen, die er nicht auf sei- nen Erfolg zurückführt, sondern auf die Rückkehr im Lebendigen an sich. „Es war nicht die Freude, den Mount Everest im Alleingang bestiegen zu haben. Es war das Erlebnis ins Le- ben zurück zu finden – zu den anderen Menschen, zu den ersten Pflanzen, zu den Insekten, zum fließenden Wasser.“ 59
2.3.2 Hans Kammerlander – Der Bergsüchtige
Kammerlander bezeichnet sich selbst als ein Süchtiger nach Bergen. Zum Ausdruck kommt seine extreme Leidenschaft in den Kombinationen an der Grenze seines Leistungsvermö- gens. Alle vier Grate des Matterhorns erstieg er, umschwirrt von den Helikoptern der Filmteams, in 24 Stunden. Ebenfalls in 24 Stunden bestieg er die 1200 Meter hohe Nord- wand des Ortlers, eine der anspruchsvollsten Eiswände der Alpen und die 550 Meter der Großen Zinne. Die 250 Kilometer zwischen den beiden Bergen fuhr er mit dem Rad. Was treibt den Südtiroler seit seiner Jugend ständig auf die höchsten Gipfel und in die schwie- rigsten Wände der Welt? Welche Motive führt er an? Welche Erfahrungen macht er dabei? In seinem Buch „Bergsüchtig“ gibt er darüber Auskunft.
Seit seiner frühen Jugend kletterte Kammerlander im Umkreis seines Heimatdorfes und ver- folgte die Entwicklung der Hochleistungskletterei. Nach ersten Kletterversuchen mit Freunden und alleine organisierte sein Bruder für ihn die Teilnahme an einer Kletterausbil-
55 Vgl. Schmid, a.a.O., S. 123ff.
56 Vgl. Messner, Berge versetzen, a.a.O., S. 15.
57 Ebd., S. 81.
58 Vgl. ebd., S. 26.
59 Ebd., S. 29.
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dung, wo er durch sein Geschick schon frühzeitig auffiel. Dadurch wurde er von anderen Kletterern zu Touren eingeladen und motiviert, eine Ausbildung als Bergführer zu absolvie- ren. Sein Hobby konnte von da an zum Beruf werden. „An dem Tag, als ich das Zertifikat in den Händen hielt, füllte ich mich vollkommen frei.“ 60 Trotz alledem musste er zu Beginn seiner Karriere zusätzlichen Arbeiten nachgehen. Dies änderte sich, als Reinhold Messner ihn in seiner Alpinschule anstellte. Kammerlander, der angibt von Bergsteigern wie Bonatti und Messner, die beide durch ihre Alleingänge Aufmerksamkeit erregten, fasziniert zu sein, hatte seit dieser Zeit Zugang zu sämtlichen Varianten des Alpinismus. Dabei spielen die entstehenden Freundschaften eine große Rolle: „Mir wurde klar, es geht in den Bergen nicht ohne Freunde, wenigstens nicht ständig. Es geht nicht ohne Partner, ohne Menschen, denen man blind vertrauen kann.“ 61 Und trotzdem haben für Kammerlander die Zeiten der viel beschworenen und heroischen Bergkameradschaft an Bedeutung verloren. Expeditionsberg- steiger sind für ihn Einzelkämpfer, die sich nicht selten durch Zufall finden und daraus Freundschaften entstehen lassen 62 .
Messner war nicht nur Vorbild und Arbeitsgeber, sondern auch Partner bei sieben Begehun- gen von Achttausendern. Sein Einfluss findet sich in vielen Passagen des Buches wieder, in denen er auf Erlebnisse mit Messner Bezug nimmt. Messners Philosophie, bei der nicht nur der Gipfel zählt, sondern auch und gerade das Erlebnis auf dem Weg, der dorthin führt, be- zeichnet Kammerlander als den „wichtigsten gemeinsamen Berührungspunkt“ 63 zwischen ihnen. „Wir wollten beide hinauf, kein Zweifel, aber das Wie war genauso wichtig.“ 64 Auch Kammerlander hat sich dem alpinen Stil verschrieben, bei dem sich die Verwendung von künstlichem Sauerstoff ausschließt. Der Aufstieg soll sauber und mit „fairen“ Mitteln ge- schehen, ohne den Berg zu „vergewaltigen“, in dem durch Fixseile und Stahlketten gefährliche Stellen entschärft werden. Im Alpinstil sieht er auch die Chance, die höchsten Berge nicht zu Müllhalden verkommen zu lassen. Auch wäre der Everest bei konsequenter Anwendung des Alpinstils kein Rummelplatz dubioser Gipfelstürmer mit grenzenlosem Leichtsinn, sondern wieder ein Ort der Ruhe, an dem ambitionierte Bergsteiger unverfälsch- te Leistungen erbringen. Weiter noch bleiben für Kammerlander bei der Verwendung von Fixseilen und anderen Hilfsmitteln das Abenteuer und Erlebnis auf der Strecke. Dieses sucht er gerade in der Herausforderung durch den Alpinstil, auf dessen konsequente Anwendung eine spezielle Logik des Handelns erfolgen muss. 65 Auch die Ungewissheit, besonders bei Erstbesteigungen, die für Extrembergsteiger die Herausforderung schlechthin sind, wenn sie sich in unbekanntes Terrain begeben, stellen einen besonderen Reiz für Kammerlander dar.
60 Hans Kammerlander: Bergsüchtig. München 2002, S. 47.
61 Ebd., S. 50.
62 Vgl. ebd., S. 115f.
63 Ebd., S. 66.
64 Ebd.
65 Vgl. ebd., S. 168, 197ff, 184, 209.
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Dass er in einer engen Verbindung zu Messner stand, wird noch deutlicher, wenn er den Gipfelmoment der letzten Tour auf einen Achttausender mit Reinhold Messner beschreibt. „Ich spürte wie etwas in mir zu Ende ging. Ein Abschnitt meines Lebens, ein Stück gemein- samer Weg. Es schmerzt ein wenig. Denn ich verlor einen außergewöhnlichen Partner.“ 66 Nach der Periode mit Messner spricht Kammerlander davon – und wahrscheinlich auch sei- ner Vorbildfunktion geschuldet - von einer unbändigen Lust besessen zu sein, etwas Eigenes durchzuführen. Bei einer Reise nach Patagonien wurde ihm seine Sehnsucht nach den Acht- tausendern bewusst. „Ich wollte, ich musste endlich dorthin.“ 67 In seinem Buch finden sich weitere Stellen, die seine Faszination für hohe Berge und steile Wände zum Ausdruck brin- gen. Dabei beschreibt er eine Kraft, die auf ihn einwirkt. „Es zog mich mit aller Macht hinaus in die Natur, die lotrechten Wände der Dolomiten; ...“ 68 Oder: „Das luftige und aus- gesetzte dieser Route gefiel mir. Es faszinierte mich wie immer, mich in der Vertikalen zu bewegen.“ 69 Auch redet er von einem Gefühl, welches ihn eroberte: „Nachdem ich eine Stunde lang still dagesessen hatte, übermannte mich auf einmal das Gefühl unbedingt zum Fels gehen zu müssen.“ 70 Kammerlander geht noch einen Schritt weiter, indem er seine Be- geisterung für die hohen Berge sogar als einen Rausch bezeichnet, bei dem er auf dem Gipfel einen kurzen Moment des Glücks erlebt. Daraufhin folgt für ihn sehr schnell eine Art Verwirrung und letztendlich ein tiefes Gefühl von Zufriedenheit. Den Zustand der Verwir- rung schildert er als ein schwarzes Loch der Orientierungslosigkeit. Schon auf dem Gipfel versucht er an den nächsten Berg zu denken, was im Angesicht der gerade beendeten Stra- pazen nicht möglich ist. Zufriedenheit stellt sich während des Abstiegs ein, der Geist beruhigt sich im Gleichklang mit Puls und Kreislauf. Diese Beruhigung macht für ihn das berauschende Gefühl aus, nach dem er im Laufe der Jahre süchtig geworden ist. 71 Zu seiner ersten Expedition an einen Achttausender am Cho Oyu schreibt er: „Ich war müde, und alles an mir fühlte sich schwer an. Ich war mir nicht sicher, ob ich mir so eine brutale Schinderei noch einmal antun sollte. Doch als ich wieder unten war und die Strapazen vergessen hatte, wuchs eine Begeisterung für das Höhenbergsteigen.“ 72 Dem Wunsch, eine eigene Expedition zu organisieren, ging er nach und formierte eine Süd- tiroler Expedition zum Manaslu. Die Reise endete in einer Tragödie, bei der zwei Bergsteiger das Leben verloren. Kammerlander berichtet von traumatischen Auswirkungen und quälenden Schuldfragen, worauf der Entschluss fiel, das Höhenbergsteigen aufzugeben.
66 Ebd., S. 70.
67 Ebd., S. 80.
68 Ebd., S. 54.
69 Ebd., S. 55.
70 Ebd.
71 Vgl. ebd., S. 85f.
72 Ebd., S. 63f.
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Jedoch nach wenigen Wochen verwarf er den Vorsatz und kehrte mit der eingangs geschil- derten 24-Stunden-Begehung von Ortler und Großer Zinne zum Bergsteigen zurück. 73 Nicht nur in dem Bericht zu diesem Ereignis, sondern auch in anderen Passagen fallen Be- schreibungen auf, die sich mit Angst und Risiko beschäftigen. Ein intensiver Eindruck der Angst - im Verlauf des Unglücks am Manaslu, kurz nachdem er den zweiten Partner durch einen Blitzschlag verlor - soll an dieser Stelle nicht außer Acht gelassen werden: „In mir nagte die nackte Angst. Ich sah nichts, ich hörte nichts, ich spürte nichts. Um mich herum war dieses Inferno der Natur.“ 74 Sich selbst in Sicherheit gebracht, beschreibt er, wie er scheinbar geistesabwesend eine Fotoaufnahme von sich selbst machte, dessen Ergebnis ihm später unwahrscheinlich fremd vorkam. „Halb dem Wahnsinn nah, war ich nicht mehr ich selbst. (...) Doch in mir war alles leer. Mein Wille schien gebrochen, meine Energie aufge- braucht. Ich fühlte meinen Körper kaum noch, ich glaubte nur noch eine Hülle zu sein.“ 75 Diese Beschreibung Kammerlanders spiegelt sich in dem fotografierten Selbstportrait 76 wieder. Beide Dokumente vermitteln eine eindrückliche Vorstellung von Angst. Aber auch in scheinbar „alltäglichen“ Erfahrungen am Berg spielt Angst eine große Rolle. Auf der einen Seite wird das Risiko aufgesucht, was einen gewissen Reiz auslöst, wie zum Beispiel bei der Abfahrt mit Skiern vom Nanga Parbat, doch in der unmittelbaren Situation scheint die Angst für einen Moment die Macht über den Akteur übernehmen zu wollen. Kammer- lander über den Moment kurz vor der Abfahrt: „Ich war zwar wild entschlossen, die Rinne abzufahren, und dennoch traute ich mich nicht, in diese Höllenrinne hineinzuspringen. (...) Ich hatte Angst. Ganz langsam, fast unmerklich kroch sie in mir hoch und zerrte an meinen Nerven.“ 77 Dennoch ist für Kammerlander Angst wichtig, da sie in extremen Situationen verhindert, blindlings in große Gefahren zu laufen. 78 Risiken, die Angst zur Folge haben, werden jedoch nicht grenzenlos eingegangen. Wie auch bei Messner soll das Risiko kalku- lierbar bleiben. „Die Lawinenhänge schienen gefährlich, aber das Risiko, das wir eingehen mussten, war kalkulierbar. An diesen hohen Bergen muss man bereit sein, ein gewisses Wagnis 79 einzugehen, sonst kommt man nie auf den Gipfel.“ 80 Kein unberechenbares Risiko
73 Vgl. ebd., S. 151ff.
74 Ebd., S. 142.
75 Ebd., S. 146.
76 Vgl. ebd., S. 145.
77 Ebd., S. 110.
78 Vgl. ebd., S. 147.
79 Risiko und Wagnis sind nicht, wie der alltägliche Gebrach vermuten lässt, synomyme Begriffe. Risiko be- deutet ursprünglich „Gefahr laufen“, stammt aus dem Seemannsmilieu und steht für Ereignisse und Tätigkeiten, die mit kritischen Situationen verknüpft sind und Kopf und Kragen kosten können. Mit dem Beg- riff „Risikosport“ werden Freizeitaktivitäten in Verbindung gebracht, denen man eine überdimensionale Gesundheitsgefährdung und/oder Todesgefahr unterstellt. Risiko beinhaltet aber auch den Aspekt der Bere- chenbarkeit einer Gefährdung (kalkulierbares-, erfasstes-, nicht erfasstes Risiko). Restrisiko meint die zwar bestimmbaren, jedoch nicht auszuschlieβenden Risiken bei einem Wagnis, die inkaufgenommen werden (müs- sen). Als Komponente ist Risiko an jedem Wagnis beteiligt. Der Begriff Wagnis – sich trauen, den Mut haben – hat seinen Bedeutungsschwerpunkt auf den Vorgängen innerhalb der sich gefährdenden Person. Er bezieht sich auf die Einstellung, die Haltung, die Entscheidungsgründe des Akteurs, der sich bewusst und freiwillig
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wird also in Kauf genommen, sondern lediglich ein Wagnis. An anderer Stelle schreibt Kammerlander: „Ich wollte keine halbherzige Aktion und war nur bereit alles zu riskieren, was irgendwie kalkulierbar erschien.“ 81 Weitere Stellen des Buches könnten an dieser Stelle aufgeführt werden, die Kammerlanders Einstellung zum Risiko in derselben Weise belegen. Auf eine letzte Situation soll noch eingegangen werden: Die Zeit allein im Aufstieg am Eve- rest beschreibt Kammerlander eindrücklich als die „kräftezehrendsten Stunden“ seines Lebens, in denen er sich in einer grenzenlosen Einsamkeit befand, von der er wusste, dass sie Ängste und Zweifel auslösen wird. In diesem Moment, mit der Frage konfrontiert, was er hier überhaupt wolle, wurde ihm gleichzeitig seine Sucht bewusst, die sich über Jahre entwickelt hatte 82 . Dient das freiwillige Sich-Aussetzen in gefährliche Situationen also auch der Selbstvergewisserung und der Erkenntnis über die eigene Person? Kammerlander jeden- falls vergewissert sich immer wieder seiner körperlichen Grenzen. Dabei geht es auch um die Steigerung von Selbstbewusstsein. Bei der Besteigung aller vier Grade des Matterhorns in 24 Stunden kamen durch die Müdigkeit Zweifel an dem Tun auf. Jedoch wusste er, dass die Leistung sein Selbstbewusstsein heben würde und ihm somit ein Gefühl von Sicherheit auf den höheren Bergen als Belohnung bleibt. Einen anderen Gewinn sieht er in dieser ex- tremen Tour nicht.
Neben dem Selbstbewusstsein zählt Kammerlander als Eigenschaften für einen starken Hö- henbergsteiger Mut, Ausdauer, Willensstärke, Zähheit und Eigenverantwortung auf. Dem Draufgängertum erteilt er eine Absage, da Sicherheit über allen Eigenschaften steht. 83 Der Gipfel als Ziel rückt bei ihm in den Hintergrund, wenn die Gefahr zu groß wird. „Es war mir längst einerlei, ob diese Expedition noch einen Erfolg verbuchen würde oder nicht. Es soll- ten nur alle gesund nach Hause zurückkehren.“ 84 Erlebniswerte und Inhalte einer Expedition – und auch hier ist eine Verbindung zu Messner festzustellen – sind für Kammerlander wichtiger als der Gipfel. Darin mag auch seine Abneigung gegenüber den kommerziell ge- führten Touren liegen, wie er sie z.B. am Everest 1996 beobachtete. Bei der Tragödie im Mai des Jahres kamen dort mehrere Bergführer und deren Kunden ums Leben. Extrem- bergsteigen – so Kammerlander - scheint zu einer Art Wettkampf geworden zu sein. Aber auch er ist Teilhaber am Wettkampf und ein Protagonist, der es versteht, durch spekta- kuläre Aktionen auf sich aufmerksam zu machen. Werbeverträge und Filmaufnahmen von Skiabfahrten an bekannten Gipfeln tragen zu seiner Popularität ebenso bei, wie seine Dia-
einer Bedrohung aussetzt. Der Akteur wägt Risikoeinsatz und Sinnschöpfung ab. Vgl. dazu Siegbert Warwitz: Sinnsuche im Wagnis. Hohengehren 2001, S. 16f. D.h. es treten die verschiedensten Risikofaktoren bei einem Berggang auf, denen der Akteur seine Sinngebung, sein Können, seine Ausrüstung entgegenstellt und sich für ein Wagnis mit einem mehr oder weniger groβen Restrisiko entscheidet.
80 Ebd., S. 246.
81 Ebd., S. 285.
82 Vgl. ebd., S. 296.
83 Vgl. ebd., S. 123, 130.
84 Ebd., S. 132.
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vorträge und Publikationen. Wie selbstverständlich schreibt er, dass er sich bei einem Al- leingang am Everest von einem Kamerateam bis zu einem gewissen Punkt begleiten lassen wird 85 . Warum eigentlich? Längst sieht er sich in der glücklichen Lage, die Dinge so eintei- len zu können wie er es wollte. Nicht die Sehnsucht nach dem Ort, an dem er gerade ist, sondern die Möglichkeit dahin zu gehen, wohin er will, kennzeichnet seine Realität 86 .
Letztendlich ist Kammerlander auf der Suche nach den eigenen Grenzen. Er will seinen Körper auf die Probe stellen und dessen Leistungsfähigkeit bis zum Ende ausreizen. Sein Tun ist also ein Vordringen an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit 87 . Ähnlich wie bei Messner verweißt er auf die eigentliche Sinnlosigkeit seiner Leistungen, die ihm vollkom- men bewusst ist und dessen Nutzen nur ein persönlicher sein kann 88 .
2.3.3 Helga Hengge – Die Erlebnisbergsteigerin
Oft wird Helga Hengge als die erste deutsche Bergsteigerin bezeichnet, die den Gipfel des Mount Everest erreichte. Diese Behauptung mag zwar der Popularisierung ihres Buches „Nur der Himmel ist höher“ zutragen, unterliegt aber einem Irrtum. Bereits 1979 erreichte Hannelore Schmatz den Gipfel, verunglückte aber im Abstieg tödlich. Helga Hengge kann daher lediglich als die erste deutsche Frau bezeichnet werden, die sowohl den Weg zum Gipfel als auch den Rückweg absolviert hat. Trotzdem ist ihre Geschichte für den Kontext der Arbeit aus mehreren Gründen von Interesse. Zum einen gibt sie einen Einblick in das männerdominierte Terrain Höhenbergsteigen aus der Sicht einer Frau. Zum anderen ist ihre Ausführung ein Gegenpol zu den Beschreibungen eines Messners oder Kammerlanders, da sie ausschließlich an kommerziellen Touren teilnimmt und somit einer, dem clean climbing, konträren Variante des Extrembergsteigens anhängt. Weiter verzichtet sie nicht darauf, Mo- tivationen für ihr Handeln zu benennen, die ihrem gesellschaftlichen Umfeld entsprungen sind.
Hengge 89 macht deutlich, dass Alltagsflucht ein Motiv für ihre Bergtouren ist. In den Ber- gen, die sie faszinieren, erhofft sie in „himmlische Höhen“ aufzusteigen, um die Welt weit unter sich zu lassen. Zwar hat sie Erfolg in ihrem Beruf, der ihr Spaß macht und der ihr ei- nen glücklichen Alltag beschert, jedoch ist dieses Glück bereits selbst Alltag in einem Großstadtleben geworden. Darin sieht sie den „springenden Punkt“, wenn sie schreibt: „Ich verstand die Welt nicht mehr, sah keinen Sinn mehr in meinem hektischen Großstadtle- ben.“ 90 Den Drang nach Abwechslung und Abenteuer, nachdem sämtliche Ziele erreicht
85 Vgl. ebd., S. 257.
86 Vgl. ebd., S. 224.
87 Vgl. ebd., S. 191.
88 Vgl. ebd., S. 321.
89 Vgl. Helga Hengge: Nur der Himmel ist höher. Mein Weg auf den Mount Everest. München 2000, S. 15. 90 Ebd.
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waren, führt sie demnach als Motiv ihrer Ambitionen am Berg an. Dazu wird eine unbe- kannte Welt benötigt, in die sie vordringen kann. Nicht nur die Berge werden dazu als Objekte der Inszenierung gebraucht, sondern ganze Regionen erhalten durch ihre Worte den Anschein eines heiligen Ortes, wenn sie von einer „Wallfahrt in den Himalaja“ 91 berichtet. Dort erwartet sie ein unbändiges Freiheitsgefühl, welches berauschende Wirkungen hinter- lässt, wie sie es von früheren Expeditionen in Südamerika kennt. Die damaligen Faszinationen lagen in dem ursprünglichen und bedürfnislosen Leben, welches das Bergsteigen vermittelt, in einer Zeitlosigkeit, in die man beim endlosen Gehen verfällt. Ein- drücklich beschreibt sie den Moment, an dem sie auf dem Gipfel des Huascarna in Peru steht: „Die Berge um mich herum strahlen unendlichen Frieden aus, und ich habe das Ge- fühl, mit der unberührten Natur in diesen Höhen zu verschmelzen. Die zahllosen Anforderungen des alltäglichen Lebens verflüchtigen sich; nichts bedrängt mich, wenn ich bei Mondschein ein Firnfeld hinaufsteige.“ 92 Hengge tauscht die Anforderungen des All- tags, deren Ertrag eine erfolgreiche Karriere ist, gegen freiwillig auferlegte Anforderungen in einer lebensfeindlichen Umwelt. Mit dieser fühlt sie sich verbunden und kann den Ab- stand zum Alltag erweitern. Die Berge sind eine Gegenwelt zum Leben in New York, wo sie arbeitet. Der Hektik im Alltag wird die Bergwelt entgegengestellt, in der sie sowohl die Möglichkeit zur Entfaltung sucht als auch Frieden und Glückseligkeit verspüren will. 93 Im Vergleich zu der üblichen Bergliteratur fällt auf, dass Themen wie Glück, Zweifel und das Alltagsleben im Basislager öfter thematisiert werden. Weniger wird von Risiko, Angst oder technischen Problemen berichtet, wie das etwa bei Kammerlander der Fall ist. Hengge hat einen emotionaleren, bisweilen mystischen Blick auf das Geschehen um sie herum und ihr Handeln entwickelt. „Der Wind wehte sanft an meine erhitzten Wangen, und ich spürte auf einmal wieder den Zauber der Höhe.“ 94 In Momenten, in denen ihre männlichen Kolle- gen das Risiko rational abwiegen, fühlt sie sich inmitten der kühlen Eistürme, die glänzend dastehen, leicht und unbeschwert 95 . Der emotional-mystischen Verklärung der Situation steht die Realität des Everests als Massengrab entgegen. Die Vorstellung, über Tote hin- wegsteigen zu müssen, empfindet sie als belastend und furchtbar. Berichten von Mitgliedern der Expeditionen über die Opfer versucht sie sich zu entziehen. In diesen Momenten steigen in ihr Selbstzweifel auf. „War der Gipfel mir wirklich so wichtig? Hing mein Lebensglück davon ab? Natürlich nicht. Nichts würde sich dadurch in meinem Leben ändern.“ 96 Dennoch schreibt sie einen Absatz weiter, dass sie beim Anblick des Berges ein unbeschreibliches
91 Ebd., S. 54.
92 Ebd., S. 33.
93 Vgl. ebd., S. 44.
94 Ebd., S. 43.
95 Vgl. ebd., S. 249.
96 Ebd., S. 241.
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Glücksgefühl erfährt, dass sogar eine Passion, eine Sehnsucht sie ergreift 97 . Und an anderer Stelle: „Mir wurde plötzlich bewusst, wie wichtig mir der Gipfel war. Ich wollte eine faire Chance, nicht um mein Leben zu riskieren, sondern um mich der Herausforderung des Eve- rests zu stellen.“ 98 Der Gipfel und der Weg dorthin haben Priorität erlangt. Fasziniert davon, die Welt von oben anschauen zu können, fragt sie aber selbstkritisch, was sie sich damit beweisen möchte. „Geduld, Ausdauer und Widerstandskraft waren dort gefragt, aber besaß ich wirklich so viel von diesen Tugenden? Und wozu das alles?“ 99 Hengge geht es ebenso um die Erforschung ihrer eigenen Grenzen 100 . Diese scheinen nicht überwiegend physischer Art wie bei Kammerlander formuliert, oder in einem extremen Ausgesetzt-Sein in schwierigen Bedingungen, wie bei Messner dargestellt, zu liegen. Sie, so scheint es, sucht die Grenze der maximalen Erlebnisse, die sie zu einem Punkt führen, der weit weg vom Alltag liegt. Aus diesem steigt sie voller Begeisterung aus und kehrt wieder zurück. Dabei verzichtet sie nicht auf Annehmlichkeiten der Zivilisation, sondern weiß das Arrangement des all-inclusiv Angebotes einer kommerziellen Expedition zu nutzen, für das sie 35000 Dollar bezahlt hat. Dazu gehören auch Träger, Fixseile bis kurz unter den Gipfel und Sauerstofflaschen. Trotz aller Vorkehrungen konnte sie aber ihre Augen vor der über- wältigenden Realität nicht verschließen, „ …wenn ein Sturm seine Gewalten entfesselte und die heile Bergwelt in einen einzigen Alptraum verwandelte“ 101 .
Dass Helga Hengge als Frau an einer Everestexpedition teilnimmt, räumt ihr eine Sonder- stellung in der Szene der Höhenbergsteiger ein, mit der sie nach eigenen Worten wenig gemein hat 102 . Skeptisch wurde sie von einigen männlichen Kollegen betrachtet und von anderen mit erhöhter Hilfsbereitschaft konfrontiert. „Mir war das letztendlich egal, schließ- lich war ich nicht hier, um irgendeinem dieser Männer irgendetwas zu beweisen.“ 103 Für Hengge besteht ein zentraler Unterschied in der Herangehensweise an das Bergsteigen zwi- schen ihr und den männlichen Aspiranten. Während diese auf Körperkraft und eisernen Willen setzen, bezeichnet sie sich als eine Reisende in spiritueller Natur. 104 Am Ende hat Hengge ihre Zweifel, ihre Furcht vor den mit Leichen gesäumten Weg und die Skepsis männlicher Kollegen hinter sich gelassen. Das von ihr ersehnte Glücksgefühl auf dem Gipfel tritt ein. Schon auf dem Rückweg in das Basislager beschäftigt sie sich damit, wie sie ihren Erfolg verewigen und feiern kann. Ihr anfängliches Minderwertigkeitsgefühl gegenüber den hartgesottenen Bergsteigern war verflogen. Mit dem Erfolg im Gepäck ist sie sich sicher, im Alltag volle Auftragsbücher trotz der langen Abwesenheit zu haben. Durch
97 Vgl. ebd., S. 242.
98 Ebd., S. 207.
99 Ebd., S. 110.
100 Vgl. ebd., S. 101.
101 Ebd., S. 276f.
102 Vgl. ebd., S. 37.
103 Ebd., S. 39.
104 Vgl. ebd., S. 46.
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die für sie größte Herausforderung ihres Lebens, in der Willen und Nervenstärke nötig wa- ren, sieht sie den Herausforderungen des Alltags mit Gelassenheit entgegen. 105 Somit hat ihr Ausflug in das Ungewisse, ihre Suche nach Abenteuern und Erlebnissen nicht nur den Cha- rakter von temporärer Alltagsflucht und Abkehr, sondern ermöglicht gleichzeitig einen Wiedereintritt in ihr „normales“ gesellschaftliches Umfeld der - geschickt inszeniert - einen persönlichen und kommerziellen Gewinn mit sich bringen kann.
2.3.4 Jon Krakauer – Der Besessene
Als Besessener versteht sich Krakauer - eine Erklärung für die Motive des Artisten, die ge- nauso treffend ist wie die Bergsucht eines Kammerlanders. In dem Buch „Auf den Gipfeln der Welt“ 106 berichtet er sowohl von seiner Leidenschaft für die Berge als auch von der Pas- sion anderer extremer Alpinisten. Mit dem Bewusstsein, dass extremes Klettern ein beliebtes Thema für schlechte Filme und falsche Bilder ist, in dessen Licht andere Sportar- ten harmlos aussehen und die Phantasie der Öffentlichkeit übermäßig erregt wird, versucht er einen Kontrapunkt zu setzen. Er will den „mystischen Wildwuchs ein wenig stutzen – damit etwas Licht hineinkommt.“ 107 Den Ursprung seiner Besessenheit verortet Krakauer in der eigenen Jugend. Von seinem Vater bekam er – für ihn unverständlich – eine Kletterausrüstung geschenkt. Von da an wurde Klettern für ihn zu der primären Beschäftigung, unter die sich alles unterzuordnen hatte. Arbeit, Schule und Freundschaften mussten leiden. Er betrachtet sich selbst - auf das Schlüsselerlebnis einer Erstbesteigung in Alaska zurückführend – als vernarrt. Auch Krakauer scheint mit dem von ihm vorgefundenem Alltag unzufrieden zu sein. Die Perspektive, einem gewöhnlichen Beruf mit moderater Bezahlung nachzugehen, entsprach nicht seinen Wünschen. Diese Vorstellung machte ihn unglücklich. Der Plan einen schwe- ren Berg in Alaska – den Devils Thumb – solo zu besteigen, schien als Gegenentwurf zum „normalen“ Leben einen Ausweg aus seiner Lage zu bieten. Krakauer zeigt, dass Selbst- zweifel und die Suche nach einem Fluchtweg aus der alltäglichen Situation Antrieb für sein extremes Bergsteigen sind. Im Rückblick auf die Solobesteigung räumt er jedoch ein, dass die Idee, eine Flucht aus dem Alltag könnte gelingen, im Nachhinein für ihn schwer nach- vollziehbar ist. Der Entschluss für diese Unternehmung war daher auch der Überzeugung geschuldet, dass Bergsteigen das erste und einzige war, worin er wirklich gut war. 108 Den Moment des Kletterns beschreibt er als einen tranceartigen Zustand, in dem Anstren- gungen vergessen sind und das Handeln einem scharfsinnigen Traum gleicht. Das alltägliche Chaos und die kleinen Fehler des Alltags sind für ihn dabei vergessen. Anstelle dessen rücken mit einer übermächtigen Klarheit das Ziel und die Ernsthaftigkeit der aktuel-
105 Vgl. ebd., S. 300f.
106 Jon Krakauer: Auf den Gipfeln der Welt. München 1999.
107 Ebd., S. 9.
108 Vgl. ebd., S. 259.
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René Arnold, 2006, Auf der Suche nach dem Anderen - Bergsteigen als Gegenmoderne?, München, GRIN Verlag GmbH
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