Universität Duisburg-Essen
Institut für Politikwissenschaften
Die Soziale Stadt - Stadtteilimage & Entwicklungsbedarfe
Eine Imageanalyse am Beispiel des Stadtteils Mattheck/Josefsviertel
Sandro Di Maggio
Inhaltsverzeichnis
Einleitung ... 6
1. Forschungsstand ... 7
2. Soziale Stadtentwicklung: „Die Soziale Stadt“ ... 13
2.1 Geschichte des Programms ... 14
2.2 Hintergrund ... 16
2.3 Programmkonzept ... 17
2.4 Stadtteilmanagement ... 20
2.5 Finanzierung und Verstetigung ... 21
3. Mattheck/Josefsviertel – „Ein Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf“ ... 21
4. Image ... 23
4.1 Image als Realität ... 24
4.2 Image als Information ... 24
4.3 Image als Lebenshilfe und Verkomplizierung ... 24
4.4 Image als Wertobjekt und Prozess ... 25
5. Imagebildung ... 26
5.1 Der „Hof-Effekt“ ... 26
5.2 Die Imagekomponenten ... 27
5.3 Verhalten und Image als Regelkreis ... 27
5.4 Internalisierungs- und Externalisierungsprozesse ... 28
5.5 Raumwahrnehmung ... 32
6. Stadtteilimage & Wechselwirkungen ... 33
6.1 Wohnung und Wohnumfeld ... 34
6.2 Segregation ... 36
6.3 Wohnungsmarkt ... 38
6.4 Stadtteilgeschichte ... 40
6.5 Identifikation ... 41
7. Stadtteilimage - Ein theoretischer Erklärungsansatz ... 42
7.1 Ort und Genius Loci ... 43
7.2 Relativistischer und absolutistischer Raum ... 44
7.3 Raumqualitäten und Raumgebilde ... 45
7.4 Der physische und der soziale Raum ... 46
7.5 Entstehung und Entwicklung des Raums ... 47
7.6 Die Bildprägekraft der Raumformen ... 48
7.7 Zusammenfassung ... 51
8. Imageanalyse des Stadtteils Mattheck/Josefsviertel ... 52
8.1 Stadtteilbeschreibung ... 53
Fotoexkursion I: Mattheck & Josefsviertel zwischen 1950 und 1970 ... 55
8.2 Forschungsdesign ... 57
8.2.1 Vorbemerkung ... 57
8.2.2 Vorgehen ... 58
8.2.3 Erhebungsinstrument ... 60
8.2.4 Grundgesamtheit und Stichprobe ... 60
8.2.5 Befragung und Auswertung ... 60
8.2.6 Problembehandlung ... 61
8.3 Forschungsergebnisse der Fallstudie ... 61
8.3.1 Innenimage/Selbstbild ... 61
8.3.1.1 Soziodemographie/-ökonomie ... 61
8.3.1.2 Direktes Innenimage ... 63
8.3.1.3 Indirektes Innenimage ... 64
8.3.1.4 Wohnzufriedenheit und Umzugsbereitschaft ... 70
8.3.1.5 Fazit ... 77
8.3.2 Außenimage/Fremdbild ... 80
8.3.2.1 Soziodemographie/-ökonomie ... 80
8.3.2.2 Zusammenlegung und Quartiersmanagement ... 81
8.3.2.3 Direktes Außenimage ... 82
8.3.2.4 Indirektes Außenimage ... 85
8.3.2.5 Einschätzung des Wohnstandorts Mattheck/Josefsviertel ... 87
8.3.2.6 Fazit ... 93
8.3.3 Stadtteilimage ... 95
Fotoexkursion II: Mattheck/Josefsviertel in 2007 ... 99
8.4 Ergebnisse der Analyse imagebildender Raumformen ... 101
8.5 Differenzierte Betrachtung der Forschungsergebnisse ... 105
9. Möglichkeiten zur Verbesserung des Stadtteilimages ... 109
9.1 Imagemaßnahmen im Stadtteil Mattheck/Josefsviertel ... 109
9.2 Öffentlichkeitsarbeit als Imagestrategie ... 110
9.3 Handlungspotenziale der Immobilienwirtschaft ... 111
9.4 Stadtteilbranding ... 113
10. Resümee ... 115
11. Literatur ... 119
12. Anhang ... 122
Einleitung
Der sozialräumliche Wandel in der BRD ist nicht zu übersehen. Die wirtschaftlichen und demographischen Prozesse äußern sich auch in einer Zunahme sozialräumlicher Fragmentierung. Es ergeben sich gefragte-problemlose und weniger gefragteproblembehaftete Stadtsegmente.1
Deutschlandweit existieren dadurch Stadtteile, die unter den Folgen eines schlechten Images leiden. Es handelt sich oft um Stadtteile, die im Bund-Länder-Programm:„Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - Die Soziale Stadt“ integriert sind. Sie verfügen über vielfältige soziale und bauliche Aufholbedarfe. Vor allem ältere problembehaftete Großwohnsiedlungen kämpfen mit Imageproblemen.
„Image improvement is increasingly becoming an important aspect of regeneration strategies around Europe. A negative image is seen as an obstacle for successful regeneration strategies and sustainable improvement, especially in high-rise urban areas.”2
Stadtteile mit schlechtem Ruf erhöhen durch informelle und nachhaltige Eigenschaften das Ausmaß der Benachteiligung. Ein gutes Image spendet gute Assoziationen und ein schlechtes Image erzeugt schlechte Assoziationen. Je negativer das Image, desto größer die Benachteiligung für den Ort und seine Bewohner. Stigmatisierung, soziale Exklusion und Chancenungleichheit sind nur einige Folgebeispiele.
Wie sich im Nachhinein herausstellen wird, bringt ein negatives Stadtteilimage nicht nur für die Bewohnerschaft, sondern auch für andere Stadtteilakteure eine große Herausforderung mit sich. Das Prestige des Stadtteils wird zum Schlüsselproblem bei der Normalisierung der Gebiete.3
Das Bund-Länder-Programm – „Die Soziale Stadt“ identifiziert als soziales Stadtteilentwicklungskonzept Stadtteile, die aus eigener Kraft die multiplen Problemlagen nicht lösen können. Es schafft Synergien und bietet durch die Aufwertungsarbeiten einen guten flächendeckenden Lösungsansatz.
Kernprobleme in benachteiligten Stadtteilen sind Segregationsstrukturen, defizitäre Wohnzustände, unzureichende Infrastrukturen, eine geringe Identifikation und ein negatives Image.
Vor diesem Hintergrund untersucht diese Arbeit die Entstehung, Entwicklung und Verbesserung des Stadtteilimages. Anhand eines Fallbeispiels sollen die Entwicklungsbedarfe des Stadtteilimages exemplarisch erhoben werden. Hierzu wird das Thema theoretisch aufgearbeitet und eine Imageanalyse des Programmstadtteils Mattheck/Josefsviertel durchgeführt.
Bei jedem Versuch der Imageplanung (Soll-Image) muss in erster Linie das Ist-Image in seinen Details bekannt sein.4 Genau hier setzt das Forschungsvorhaben an. Es sollen imagebezogene Entwicklungspotenziale erörtert werden und allgemeine Rückschlüsse für die Imagearbeit in Programmstadtteilen resultieren.
Der Aufbau der Arbeit gestaltet sich wie folgt. In einem ersten Schritt werden der Stand der Forschung und das Bund-Länder-Programm – „Die Soziale Stadt“ beschrieben. Desweiteren wird im Allgemeinen die Imagebildung und im Speziellen die Bildung des Stadtteilimages aus sozialpsychologischer und raumsoziologischer Perspektive behandelt.
Aufbauend auf diesem Fundament, basiert die quantitative und qualitative Imageanalyse. Die Untersuchung differenziert sich dabei durch die Behandlung des Innen- und Außenimages, dazu wurden zwei Feldforschungen im Jahr 2007/2008 betrieben. In der ersten Studie handelt es sich um die Analyse des Selbstbildes von Mattheck/Josefsviertel, die darauf aufbauende zweite Untersuchung dient der Analyse des Fremdbildes der befragten Bewohner der Stadt Moers. Dieses Verfahren dient der Ermittlung des Stadtteilimages und seiner divergenten Wahrnehmung und Bildabstufungen.
Abrundend werden die Raumformen des behandelten Stadtteils kartographisch und fotographisch erörtert, damit soll Ihr Einfluss auf die Bildprägekraft im Rezipienten geklärt werden.
In einem letzten Schritt folgen die aktuellen Imagemaßnahmen im Bund-Länder-Programm – „Die Soziale Stadt“ sowie weitere anwendbare Imagestrategien. Abschließend endet die Arbeit mit einem Resümee.
Bei der Formulierung wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit keine weibliche Anrede benutzt. Es wird deshalb bspw. „Bewohner“ anstatt „Bewohner/-innen“ usw. lauten. Selbstverständlich sind hierbei männliche wie weibliche Personen gleichermaßen gemeint.
1. Forschungsstand
Der Wortgebrauch „Image“ stammt vom lateinischen Begriff „imago“ und kann ins deutsche als Vorbild, Ebenbild oder Traumbild übersetzt werden.5
Es definiert heute:
„… die Komplexqualität aller Einstellungen, Kenntnisse, Erfahrungen, Anmutungen, die mit einem bestimmten “Meinungsgegenstand“ verbunden sind.“6
Die Psychologie versteht ein Image als imaginäres Vorstellungsbild, das aus der Summe an Informationen über ein Objekt resultiert.7
In Bezug auf einen Stadtteil wird das Image als Spiegelung des persönlichen Vorstellungsbildes und als Abbildung des gesellschaftlichen Ansehens oder Rufs eines Stadtgebiets widergegeben. Es differenziert sich durch das Selbst- und Fremdbild und steht auch als Marke und Name für einen Stadtteil und seine Bewohner.8
Rund 70 Prozent der Stadtteile, die im Bund-Länder-Programm - „Die Soziale Stadt“ integriert sind, werden aufgrund ihres schlechten Images und ihrer geringen Gebietsidentität in das Programm aufgenommen. Die Hintergründe für die Entstehung und Entwicklung eines negativen Stadtteilimages sind hauptsächlich geschichtliche Hintergründe sowie städtebauliche und soziale bzw. sozialstrukturelle Defizite.9
Der Einfluss des räumlich-baulichen Zustands besteht überwiegend in den alten und maroden Häusern, meist handelt es sich auch um Großwohnsiedlungen aus der Nachkriegszeit. Großwohnsiedlungen besitzen eine unverwechselbare homogene Identität, die aufgrund ihrer Größe räumlich markant und auffällig wirken. Desweiteren sind die Straßen und Gehwege in Problemgebieten verbesserungsbedürftig, Brach- und Freiflächen als auch die schlechten Standortfaktoren in oftmals peripherer Lage, sorgen für den Zustand des physischen Raums. Viele Bewohner in benachteiligten Stadtteilen sind ohne Arbeit, sie verfügen über eine geringe Schulausbildung und sind oft Personen mit Migrationshintergrund. Zudem befinden sich überproportionale Anteile junger und alter Menschen im Stadtteil. Die baulichen und sozialen Defizite und die hinzukommenden kulturellen Differenzen wie etwa andere Lebenseinstellungen und Verhaltensnormen etc., erschweren den Anschluss an die Gesellschaft. Sie fördern gesellschaftliche Phänomene wie Segregation und Exklusion.10
Denn typische Gründe für einen schlechten Ruf sind Folgen von kultureller bzw. sozialer Disparität, welche sich strukturell im Raum entfaltet haben.
„Viele innenstadtnahe Gebiete haben schon seit Jahrzehnten unter Segregationstendenzen zu leiden. Aufgrund der Dichte, des Fehlens von Grün und der höheren Belastung wegen des Nebeneinanders ganz unterschiedlicher Milieus und Nutzungen haben sie als Wohngebiete häufig keinen guten Ruf. Sie gelten als Gebiete des sozialen Abstiegs, der Konflikte und der überforderten Schulen. Mangelnde Sauberkeit und Sicherheit gehören als negative Zuschreibungen zum festen Bestandteil ihres Images.“11
Zudem wird das Image stark durch gesellschaftliche Kommunikationsprozesse und den Medien verfestigt. Die Problematik eines negativen Gebietsimages besteht darin, dass es Klischees bildet und zum Makel für das Stadtteil und die Quartiersöffentlichkeit wird. Es existieren Programmgebiete, in denen Bewohner von Versandhäusern nicht beliefert werden. Supermarktketten ziehen sich aufgrund einer geringen Kaufkraft aus diesen Gebieten zurück und verursachen eine Versorgungslücke mit Folgewirkungen. Schulabschlüsse einer verrufenen Schule erschweren den Jugendlichen die Suche nach einem Ausbildungsplatz.
Die Folgen von Marginalisierung, Exklusion und Stigmatisierung mindern die Chancen der Gleichberechtigung und verfügen über Eigenschaften, die einen negativen Kreislauf auslösen. Nicht selten werden dann durch Diskriminierung und Ausgrenzung eine höhere Gewaltbereitschaft, Kriminalität, Hoffnungslosigkeit und ein geringes Selbstwertgefühl hervorgerufen. Das schlechte Image hat ebenso zur Folge, dass die Bewohner im Vergleich zu Stadtteilen mit neutralem oder gutem Image, eine geringere Identifikation zu ihrem Wohnort haben. Weitere, damit in Verbindung stehende Wirkungen sind oftmals eine geringe Wohnzufriedenheit und nachbarschaftliche Konflikte.12
Der Themenkomplex „Stadtteilimage“ hat darüber hinaus auch für die Politik mehrdimensionale Wirkungen.
Das Prestige einer ganzen Stadt kann durch ein benachteiligtes Stadtsegment stark beeinflusst werden. Denkt man an das amerikanische „New York City“, so assoziieren viele Menschen mit dieser Stadt Kriminalität, die Bronx oder Ghettos in Queens, Brooklyn oder Harlem. Nicht selten verbindet man z.B. mit Berlin die Stadtteile Kreuzberg oder Marzahn. Städte können dadurch übergreifend gebrandmarkt werden, das negative Image wird verallgemeinert und auf die gesamte Stadt übertragen. Das Anliegen der Städte, ihre Einwohner zu halten oder Neue zu gewinnen, kann dadurch diesem Vorhaben im Wege stehen.
Ebenso sind finanzielle und gesellschaftliche Aspekte Motive, um die Problemgebiete in das Gesamtbild der Stadt einzufügen. Eine hohe Arbeitslosigkeit, Kriminalität oder Desintegration haben Auswirkungen, die eine negative und übergreifende Dynamik besitzen.13
Insbesondere die soziale Polarisierung beinhaltet eine Sozialisationsgefahr für Kinder und Jugendliche. Das soziale Umfeld und seine Milieus prägen heranwachsende Menschen erzieherisch, der vorgelebte Lebensstil wird auf sie übertragen.14
Aus diesen Gründen sieht sich die Politik veranlasst, neben anderen Themen explizit den Entwicklungsbedarfen des Stadtteilimages Folge zu leisten.
[...]
1 Vgl. Becker: Entstehung von städtischen Problemvierteln, 2007, S. 1 f.
2 INTERREG IIIB programme (Hrsg.): The image project, 2007, S. 7.
3 Vgl. Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.): Strategien für die Soziale Stadt, 2003, S. 2 f.
4 Vgl. Antonoff: Methoden der Imagegestaltung für Unternehmen und Organisationen, 1975, S.22.
5 Vgl. Bassenge: Dienstleister als Sponsoren, 2000, S. 27.
6 Zimmermann: Zur Imageplanung von Städten, 1975, S. 39.
7 Vgl. Starke-Perschke u.a.: Der Brockhaus-Psychologie, 2001, S. 261.
8 Vgl. Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung und Bauwesen des Landes Nordrhein- Westfalen (Hrsg.): Der Stadtteil als Marke – Strategien zur Imageverbesserung, 2006, S. 5.
9 Vgl. Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.): Bundestransferstelle Soziale Stadt, 2006, S. 18.
10 Vgl. ebd., S. 1 ff.
11 Ebd., S. 2.
12 Vgl. Häußermann/Siebel: Stadtsoziologie, 2004, S. 150.
13 Vgl. Krummacher u.a.: Soziale Stadt-Sozialraumentwicklung-Quartiersmanagement, 2003, S. 28 ff.
14 Vgl. Häußermann/Siebel, 2004, a.a.O., S. 170 f.
Arbeit zitieren:
Diplom-Sozialwissenschaftler Sandro Di Maggio, 2008, Die Soziale Stadt - Stadtteilimage & Entwicklungsbedarfe, München, GRIN Verlag GmbH
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