Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis iv
Abkürzungsverzeichnis v
1 Problemstellung 1
2 Bildung und Berufsbildung in Deutschland 5
2.1 Das Berufsbildungssystem in Deutschland 5
2.2 Das duale System als Königsweg 6
3 Das Übergangssystem in Deutschland Generation in der
Warteschleife 9
3.1 Definition des Übergangssystems 10
3.2 Struktur des Übergangssystems 11
3.2.1 Institutionelle Strukturen 11
3.2.2 Institutionelle Verteilungsmechanismen und riskante Hürden 12
3.2.3 Institutionen im Übergangssystem 14
3.2.4 Definition des Benachteiligtenbegriffs 16
3.2.5 Zielgruppen und deren Probleme 17
3.3 Die Benachteiligtenförderung Maßnahmen und Probleme im
Übergangssystem 20
3.3.1 Begriff Ziele und Entwicklung 21
3.3.2 Fördermaßnahmen 22
3.3.2.1 Berufsschulische Vorbereitungsmaßnahme (BVJ) 23
3.3.2.2 Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme (BvB) 24
3.3.2.3 Einstiegsqualifizierung Jugendlicher (EQJ EQ) 26
3.4 Von der Schule in den Beruf Die Krise des Übergangssystems 28
4 Das dänische Bildungs- und Berufsbildungssystem 35
4.1 Ein Überblick über das dänische Bildungssystem 35
4.2 Das dänische Berufsbildungssystem 37
4.2.1 Ein kurzer historischer Abriss 37
4.2.2 Struktur des Berufsbildungssystems VET-System 38
4.2.2.1 Klassische Merkmale der beruflichen Erstausbildung 39
4.2.2.2 Zahlen und Fakten 42
4.2.2.3 Akteure der Berufsbildung 43
4.2.3 Reformpädagogische Bewegungen in Dänemark Überblick 45
5 Das Übergangssystem in Dänemark 48
5.1 Struktur des Übergangssystems 48
5.1.1 Produktionsschulen 48
5.1.2 Berufsgrundausbildung (EGU) 53
ii
5.2 Probleme des Übergangssystems 55
6 Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Übergangssystem
Deutschland Dänemark 57
6.1 Vergleichskriterien 57
6.2 Vergleichsbetrachtung 57
6.2.1 Akzeptanz des Übergangssystems 57
6.2.2 Vergütung 58
6.2.3 Chancen auf Ausbildung 59
6.2.4 Optionen und Wege im Übergangssystem 60
6.2.5 Ursachen des Übergangssystems 61
7 Fazit und Ausblick 62
Literaturverzeichnis 64
iii
Abbildungsverzeichnis
Abb 1: Struktur eines Jahrgangs nach Abschlussarten 2004 7
Abb 2: Trend zur Übergangslösung 9
Abb 3: Bildungsorte und Lernwelten in Deutschland 12
Abb 4: Verteilung der Neuzugänge auf die drei Sektoren des beruflichen
Ausbildungssystems 1995 2000 und 2004 bis 2006 31
Abb 5: Aufbau des dänischen Bildungssystems 36
Abb 6: Die Struktur der Berufsausbildung nach der Reform 41
Abb 7: Chronik der Reformen und Programme in der beruflichen Bildung in den
neunziger Jahren 46
Abb 8: Pädagogische Prinzipien einer Produktionsschule 52
iv
Abkürzungsverzeichnis
abH ausbildungsbegleitende Hilfen
AER Arbejdsgivernes Elevrefusion (dänisch) – Auszubildendenvergütungsfonds der
Arbeitgeber
AG Arbeitgeber
ARGE Arbeitsgemeinschaft der Grundsicherung
BA Bundesagentur für Arbeit
BaE Berufsausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen
BBiG Berufsbildungsgesetz
BEJ Berufseinstiegsjahr
BFB Bundesverband der Freien Berufe
Bfz Berufliche Fortbildungszentren der Bayrischen Wirtschaft (gGmbH)
BGJ Berufsgrundbildungsjahr
BIBB Bundesinstitut für Berufsbildung
BK I Berufskolleg I
BK II Berufskolleg II
BLK Bund-Länder-Kommission. Für Bildungsplanung und Forschungsförderung
BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung
BvB Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme
BVJ Berufsvorbereitungsjahr
DGB Deutscher Gewerkschaftsbund
DJI Deutsches Jugendinstitut
EGU erhvervsgrunduddannelsen (dänisch) – Berufsgrundausbildung
EQ Einstiegsqualifizierung
EQJ Einstiegqualifizierung Jugendlicher
EUD erhvervsuddannelserne (dänisch) – alternierende berufliche Erstausbildung
FUU Fri Ungdomsuddannelse (dänisch) – Freie Jugendbildung
GEW Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg, Referentin für
allgemein bildende Schulen
GIB Gesellschaft für Innovationsforschung und Beratung mbH
IHR Integrierte Haupt- und Realschule
KJHG Kinder- und Jugendhilfegesetz
v
SOFI Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen an der Georg-August-Universität SOSU social- og sundhedsuddannelserne (dänisch) – berufliche Erstausbildung im Sozial- und Gesundheitswesen
UU Ungdommens Uddannelsesvejledning
VET Vocational Education and Training
VOH Vorbereitungslehrgang für den Hauptschulabschluss
vi
1 Problemstellung
„Im Herbst 2006 wurden wieder einmal, wie jedes Jahr, Horrorzahlen über Jugendliche ohne Ausbildungsplatz bekannt. Etwa 950.000 junge Menschen verließen in diesem Jahr die allgemeinbildenden Schulen; über 700.000 von ihnen werden sich um eine betriebliche Ausbildung bemühen; legt man die Erfahrungswerte der letzten Jahre zugrunde, so werden mehr als 150.000 auf der Strecke bleiben und - wenn sie Glück haben - vorübergehend in staatlichen Überbrückungsmaßnahmen, dem sogenannten Übergangssystem, landen oder gleich bei Hartz 4 oder, noch schlimmer, Bedarfsgemeinschaften mit ihren Eltern bilden.“ 1
Wir leben in einem Zeitalter des ständigen Wandels in der Gesellschaft, der sich vor allem in der Berufs- und Arbeitswelt zeigt. Diese wird verändert durch den wachsenden, durch die Globalisierung verursachten Konkurrenzdruck, die Internationalisierung der Wirtschaft mit ihren Forderungen nach Effizienzsteigerung und Flexibilität und die Zunahme wissensintensiver Dienstleistungstätigkeiten und technologischer Innovationen. So sehen sich heutzutage Betriebe, Arbeitnehmer und mit ihnen auch Jugendliche beim Übergang von der Schule in die Berufsausbildung ständig neu gestellten Anforderungen ausgesetzt. Diesen werden sie nur mit einem Zuwachs an individueller Bildung, Selbst-verantwortung, Eigeninitiative und Kreativität gewachsen sein. Aber auch Schule, Bildungs-, Übergangs- und Ausbildungssystem werden zunehmend durch diese Fortschritte beeinflusst und müssen auf die aktuellen Herausforderungen ihrer Zeit reagieren und dabei die Zukunft ihrer Klientel mit in den Blick nehmen. 2 Trotz der großen Wertschätzung, die vor allem das "duale System" im deutschen Berufsbildungssystem genießt, ist es dringend notwendig, dort anzusetzen, wo verstärkt Probleme auftreten, nämlich bei der Integration der nachwachsenden Generation in die Berufswelt. Denn der Anspruch aller Bewerber/-innen, eine berufliche Ausbildung aufzunehmen, wird gegenwärtig nicht mehr erfüllt. 3 Gerade junge Menschen, vor allem benachteiligte Jugendliche, darunter auch Jugendliche mit Migrationshintergrund, die in den Startlöchern zu einer beruflichen Karriere stehen, sehen sich diesen kolossalen Hürden gegenüber. Deshalb ist es wichtig, dass bereits vor Beginn der Berufsausbildung der Jugendlichen versucht wird, sich mit den jetzigen Veränderungen auseinanderzusetzen, zukünftige zu antizipieren und sich mit diesen auch weiterzuentwickeln. Das betrifft die Berufsausbildung, die im Spannungsfeld zwischen vollzeitschulischer und dualer Ausbildung steht.
1 Haenisch, 2008, S. 1.
2 Vgl. Leiprecht/Kerber, 2005, S. 7.
3 Vgl. Odenwald, 2008, S. 1.
1
Eine große Herausforderung vor allem in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, stellt die Förderung benachteiligter Jugendlicher dar. Besonders für die zahlreichen Institutionen, die daran beteiligt sind. „Unter dem Motto ‚Fördern und Fordern’ wird die primäre Ausrichtung an Berufsbildung und Berufsvorbereitung zunehmend durch Druck auf jugendliche Arbeitssuchende ersetzt, jede Form von Erwerbstätigkeit anzunehmen.“ 4 Tatsache ist, dass Jugendliche mit guten schulischen und sozialen Prämissen besser auf die Modifikationen des Arbeitsmarktes reagieren können als etwa in der Gesellschaft schlechter Gestellte, wie z.B. die Benachteiligten. Diese Gruppe, die insbesondere an den Schwellen Schule-Berufsausbildung und Berufsausbildung-Beschäftigung steht, hat mit zahlreichen Problemen zu kämpfen. In der vorliegenden Arbeit wird hauptsächlich auf die Problematik an der ersten Schwelle eingegangen, d.h. auf Jugendliche mit schlechteren Startchancen beim Einstieg in eine Berufsausbildung. Aus dem Leitsatz: „Ausbildung für alle“ 5 rechtfertigt sich das Prinzip der Benachteiligtenförderung. Auch Schülern mit schlechten sprachlichen Leistungen oder aber sogar ohne richtigen Schulabschluss muss der Einstieg in eine berufliche Karriere ermöglicht werden. Ziel muss es demnach sein, „aus dem schwächeren Bewerber eine für die Wirtschaft attraktive Fachkraft zu machen.“ 6
Das deutsche Berufsbildungssystem steht vor zahlreichen Problemen. Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland bewegt sich seit Jahren auf hohem Niveau, damit dehnt sich vor allem der Bereich des Übergangssystems immer weiter aus. Dies führt zu zahlreichen Problemen sowohl in struktureller Hinsicht als auch bezüglich der Gruppen, die sich in diesem System befinden. Obwohl sich in den Ländern Europas ähnliche Entwicklungsstrukturen erkennen lassen, lohnt es sich, einen Blick über die Grenzen zu wagen, um zu schauen, wie unsere Nachbarstaaten diesen sich verändernden Anforderungen gegenüberstehen. Besonderes Augenmerk liegt in meiner Arbeit auf unserem Nachbarland Dänemark, das zum Teil als „Musterland für die ′Berufliche Bildung der Zukunft′“ 7 bezeichnet wird und im Jahr 1999 sogar mit dem Carl Bertelsmann-Preis "Berufliche Bildung der Zukunft" ausgezeichnet wurde.
4 Pohl/Walther, 2006, S. 36.
5 BMBF, 2005, S. 22.
6 Schulz, 2003, S. 31.
7 Schmid/Liebig, 2002, S. 25.
2
Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist eine Analyse der Strukturen und Probleme der Übergangssysteme für benachteiligte Jugendliche in Deutschland sowie in Dänemark. Dabei liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit auf folgenden Fragestellungen:
Was passiert mit den Jugendlichen, wenn sie die allgemeinbildenden Schulen verlassen, sich mehrfach bewerben und dennoch ohne Ausbildungsplatz dastehen?
Und: In welchem Maße haben sich die Chancen für junge Menschen verschlechtert, eine Ausbildungsstelle zu bekommen?
Zu Beginn der Arbeit wird ein prägnanter Überblick über das deutsche Bildungs- und Berufsbildungssystem gegeben. Danach wird auf die eigentlich zu behandelnde Problematik eingegangen. Nach einer detaillierten Definition des Übergangssystems, in der auch ausführlich auf damit in Zusammenhang stehende weitere wichtige Begriffe wie den "Benachteiligtenbegriff" eingegangen wird, werden einerseits die Institutionen (Akteure) des Übergangssystems und zum anderen die Gruppe der benachteiligten Jugendlichen charakterisiert. Anschließend wird ein kleiner Ausschnitt aus der Fülle von in Deutschland angebotenen Fördermaßnahmen gegeben. Die meines Erachtens wichtigsten Fördermaßnahmen sind das BVJ und einige Maßnahmen der Agenturen für Arbeit, wie beispielsweise das EQJ bzw. EQ. In einem abschließenden Kapitel zum Übergangssystem in Deutschland wird auf die Probleme eingegangen, die diese Maßnahmen allgemein und auf jedes einzelne Individuum bezogen mit sich bringen. Dies umfasst den ersten Teil meiner Arbeit.
Um einen ersten Einblick über das Gesamtsystem in Dänemark zu erhalten, beschäftigt sich der zweite Teil meiner Arbeit zunächst explizit mit dem dänischen Bildungs- und Berufsbildungssystem. Nach einem Überblick über das dänische Bildungswesen und einem kurzen geschichtlichen Abriss zur Entwicklung des dänischen Berufsbildungssystems wird zunächst dessen Struktur näher betrachtet, mit anschließender Darlegung klassischer Merkmale beruflicher Erstausbildung. Im Weiteren wird das dänische Berufsbildungssystem von einer statistischen Seite her beleuchtet und mit Zahlen und Fakten die jetzige Situation in Dänemark illustriert. Bevor die wichtigsten reformpädagogischen Bewegungen behandelt werden, erfolgt eine Charakterisierung der wesentlichen Akteure innerhalb der Berufsbildung. Daraufhin wird das dänische Übergangssystem mit seinen Fördermaßnahmen und den sich daraus resultierenden Schwierigkeiten ana3
lysiert. In einem letzten Abschnitt soll ein Vergleich der beiden Länder hinsichtlich der Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Übergangssystems vorgenommen werden, worin der Fokus meiner Arbeit liegt.
„Angesichts der immer problematischer werdenden Situation im deutschen Übergangssystem liegt die Frage nahe, was Deutschland von […] europäischen Erfolgsmodellen wie den aktivierenden Ansätzen der nordischen Länder [hier Dänemark] zur Förderung von benachteiligten Jugendlichen lernen könn[t]e.“ 8
8 Pohl/Walther, 2006, S. 35.
4
2 Bildung und Berufsbildung in Deutschland
Das deutsche Bildungssystem, auch als Bildungswesen bezeichnet, umfasst alle Bildungs- und Erziehungseinrichtungen, im Detail, das differenzierte Berufsbildungs- und Schulwesen, den Bereich der Weiterbildung sowie die Hochschulen. 9 In Deutschland gibt es aufgrund der Kulturhoheit der 16 Länder, die als Zuständigkeit der Bundesländer ganz besonders für das Schulwesen bezeichnet wird, ein vielfältiges System an schulischen und beruflichen Bildungswegen. Im Nachfolgenden soll ein kurzer und nicht der Vollständigkeit entsprechender Abriss über das deutsche Berufsbildungssystem gegeben werden.
2.1 Das Berufsbildungssystem in Deutschland
„Die berufliche Bildung ist in Deutschland traditionell der Bildungsbereich, für den sich die weit überwiegende Mehrheit aller Jugendlichen entscheidet.“ 10
Das Berufsbildungssystem umfasst unterhalb der Hochschulebene und der Weiterbildung eine Flut von Angeboten mit diversen Ausbildungszielen und unterschiedlichsten Prinzipien der Organisation. 11 Im aktuellen indikatorengestützten Bericht "Bildung in Deutschland 2008" wird das Berufsbildungssystem in drei große Bereiche aufgefächert. Dabei wird unterschieden zwischen dem "dualen System", das im Folgenden noch näher beleuchtet wird, dem Schulberufssystem, darunter versteht man eine vollzeitschulische Ausbildung in einem anerkannten Beruf, und dem beruflichen Übergangssystem, auf welchem nachfolgend besonderer Augenmerk liegt. 12
Folgende grundlegende gesellschaftspolitische Entscheidungen bilden die Basis für das Berufsbildungssystem in Deutschland: Es soll gewährleistet werden, dass für alle Schulabgänger die gleiche Chance auf eine berufliche Ausbildung besteht. Damit dieses hoch gesetzte Ziel auch erreicht werden kann, wurde ein kooperatives Ausbildungssystem implementiert, welches auf dem strategischen Konzept basiert, das mit den Unternehmen vereinbart wurde. Die Kooperationspartner in diesem Modell sind der öffentliche
9 Vgl. Schanz, 2006, S. 6.
10 Hippach-Schneider/Krause/Woll, 2007, S. 100.
11 Vgl. Wieck, 2007, S. 119.
12 Vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2008, S. 95.
5
Sektor (Schulen und Regierung) und der private Sektor, d.h. die Unternehmen, dessen Rolle das Berufsbildungsgesetz (BBiG) als rechtliche Grundlage regelt. Vereinfacht ausgedrückt, setzt sich die Berufsbildung in Deutschland aus zwei Säulen, der beruflichen Erstausbildung und der beruflichen Weiterbildung zusammen. Die berufliche Erstausbildung findet in staatlich anerkannten Ausbildungsberufen statt, die bundesweit auf einheitlichen Standards basieren, und vermittelt die für den Übergang in den Arbeitsmarkt notwendigen beruflichen Kenntnisse und Fertigkeiten. Damit ist das Ziel der beruflichen Handlungskompetenz heute aus den Ausbildungslehrplänen u.a. gar nicht mehr wegzudenken. 13 Die berufliche Weiterbildung spielt hingegen im Bereich des lebenslangen Lernens eine überragende Rolle, in dem die berufliche Handlungsfähigkeit jedes Einzelnen fortlaufend verbessert werden soll. 14
2.2 Das "duale System" als "Königsweg"
„Die duale Berufsausbildung stellt in Deutschland eine zentrale Grundlage für die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit sowie für den sozialen Zusammenhalt dar.“ 15
Auf der unteren Qualifikationsebene der Fachangestellten und Facharbeiter erfolgt die Berufsausbildung in Deutschland größtenteils im "dualen System". Diese Dualität bezieht sich auf die Ausbildung an zwei Lernorten, d.h. in der Institution Betrieb und ausbildungsbegleitend in der Institution Berufsschule. In der dualen Ausbildung gibt es 2jährige bis 3½-jährige Berufsausbildungen. Diese lassen sich durch verschiedene Voraussetzungen im Einzelfall auch verkürzen, z.B. als Abiturient, EQJ-Absolvent, Realschüler. 16 Die Ausbildung im "dualen System" zielt in erster Linie auf eine breit angelegte berufliche Grundbildung ab. Als weiteres Ziel verfolgt sie die Vermittlung notwendiger Qualifikationen und Kompetenzen für die Ausübung einer qualifizierten beruflichen Tätigkeit, um den Anforderungen der Arbeitswelt gerecht zu werden und dabei mit den immer schneller werdenden Wandlungsprozessen unserer Zeit Schritt zu halten. Durch einen erfolgreichen Abschluss in einem von derzeit 346 anerkannten Ausbildungsberufen erlangt der Auszubildende eine Befähigung zur Berufsausübung als qualifizierte Fachkraft. 17 Das "duale System" wurde in der Vergangenheit von vielen
13 Vgl. Schwadorf, 2003, S. 59.
14 Vgl. Hippach-Schneider/Krause/Woll, 2007, S. 100.
15 Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB), 2008, S. 14.
16 Vgl. Schanz, 2006, S. 38.
17 Vgl. Hippach-Schneider/Krause/Woll, 2007, S. 34.
6
Seiten als eine der besten Organisationsformen beruflicher Bildung bezeichnet, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen reibungslosen Einstieg in eine Berufsausbildung garantiert. 18 Lange Zeit galt in Deutschland eine neun- bis zehnjährige Schulzeit mit anschließender betrieblicher Berufsausbildung als der "Königsweg" von der Schule in die Arbeitswelt. Die jungen Leute, d.h. 60 bis 70 Prozent eines Altersjahrganges, fanden sehr früh Zugang in die Arbeitswelt. 19 „Die Besonderung, die das ‚duale System’ kennzeichnet, eröffnet sich jedoch zuallererst angesichts seiner äußeren Gestalt, die es unverkennbar vom Großteil der anderen europäischen ‚Berufsbildungssysteme’ abhebt.“ 20 Nach wie vor gilt das "duale System" als das wichtigste Subsystem des Berufsbildungssystems, aber die „Realität der Gegenwart widerspricht dem, denn die Chancen für junge Menschen, einen betrieblichen oder außerbetrieblichen Ausbildungsplatz zu erhalten, haben sich in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verschlechtert.“ 21 Die folgende Grafik verdeutlicht die Zentralität und die Besonderheit, die der dualen Ausbildung in Deutschland zugesprochen wird. Sie zeigt den erzielten Ausbildungsstand eines Jahrganges und fasst die verschiedenen Ausbildungsgänge zu einem Gesamtbild zusammen. Die Abbildung macht deutlich, dass 52,5 % der Jugendlichen im Jahr 2004 eine duale Ausbildung abgeschlossen haben. 22
Abb. 1: Struktur eines Jahrgangs nach Abschlussarten, 2004
Quelle: vgl. BIBB, 2006, S. 24
Betrachtet man die aktuelle Lage des Ausbildungsmarktes, dann wird deutlich, dass eine mangelhafte oder gar fehlende berufliche Erstausbildung „für viele Betroffene zu eingeschränkten beruflichen Perspektiven mit beträchtlichen gesellschaftlichen Folgekos- 18 Vgl.Neß, 2007, S. 13.
19 Vgl. Braun, 2007, S. 1.
20 Deißinger, 1998, S. 4.
21 Neß, 2007, S. 13.
22 Vgl. Hippach-Schneider/Krause/Woll, 2007, S. 25.
7
ten“ 23 führt. Aufgrund dieser Situation hat sich die Bundesregierung zum wesentlichen und berufsbildungspolitischen Ziel gesetzt, allen ausbildungsfähigen Jugendlichen die Chance zu bieten, eine qualifizierte Ausbildung zu absolvieren. Besonders wichtig ist hierbei die Schaffung von sinnvollen Qualifizierungsangeboten. 24 Die aktuellen Zahlen verdeutlichen in erster Linie, dass das "duale System" immer mehr an Bedeutung verliert und dass die Zahl derer, die im Übergangssystem landen, immer größer wird. Mit dem Übergangssystem in Deutschland, seinen Chancen und Problemen werde ich mich nun in den nachfolgenden Kapiteln beschäftigen.
23 Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), 2008, S. 14.
24 Vgl. ebenda, S. 14.
8
3 Das "Übergangssystem" in Deutschland –
Generation in der Warteschleife
„Die duale Berufsbildung steckt in der Krise, die Betriebe bieten immer weniger Lehrstellen an. Vier von zehn Ausbildungswilligen müssen in Übergangsprogramme ausweichen – vorerst ohne Aussicht auf einen Berufsabschluss.“ 25
Für viele Jugendliche ist das Übergangssystem zur Warteschleife geworden und nur dort, wo den jungen Menschen Brücken zu weiterführender Allgemeinbildung oder zu einer Berufsausbildung gebaut werden, kann es auf lange Sicht hin gerechtfertigt werden. 26 Die untenstehende Abbildung zeigt die Entwicklung innerhalb des Berufsbildungssystems in den Jahren 1992 – 2006 und verdeutlicht somit, wohin der Trend heute geht.
Abb. 2: Trend zur Übergangslösung
Quelle: Böckler Impuls, 2007, S. 4
25 Böckler Impuls, 2007, S. 4.
26 Vgl. Catenhusen, 2007, S. 6.
9
3.1 Definition des "Übergangssystems"
Unter dem Übergangssystem versteht man zunächst den Bereich zwischen Schule und Berufsausbildung, in dem Jugendliche zur Berufsvorbereitung verschiedene Möglichkeiten haben, sich für eine Ausbildung oder Arbeit zu qualifizieren. Erkenntnisse der Übergangsforschung zeigen die Entstehung eines Übergangssystems zwischen Schule und Berufsausbildung. Auf der einen Seite bahnt es den Nutzern dieses Systems einen individuellen Weg in die Berufsausbildung und zum anderen zeigt die Übergangsforschung allerdings auch, dass einige von ihnen wiederum über sogenannte Warteschleifen vom Ausbildungssystem abgekoppelt sind. Jedoch kommt dem beruflichen Übergangssystem im kommunalen Handlungsfeld zunehmende Bedeutung zu. Es ist heute neben dem Schulberufssystem und dem dualen Ausbildungssystem ein dritter Bereich an der Schnittstelle zwischen Schule und Beruf, d.h. ein Teilsystem bzw. Subsystem des Berufsbildungssystems 27 . Dieser dritte Bereich enthält arbeitsmarktpolitische und berufsvorbereitende Maßnahmen und dient vor allem Jugendlichen, denen beim Berufsstart Steine in den Weg gelegt werden, zu einer verbesserten beruflichen Eingliederung. 28 Wesentliche Bereiche des Übergangs von der Schule in das Erwerbssystem werden durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen erfasst. 29 Dabei handelt es sich um „(Aus-)Bildungsangebote, die unterhalb einer qualifizierten Berufsausbildung liegen bzw. zu keinem anerkannten Ausbildungsabschluss im Sinne des dualen oder des Schulberufssystems führen.“ 30 Aufgrund dieser Tatsache spricht man auch vom „System of Schemes“ oder auch vom Maßnahmensystem. Man geht hierbei von einem integrativen Bestandteil des bestehenden Übergangssystems aus. In bestimmten Fällen allerdings wird dieses Maßnahmensystem auch als Parallelsystem interpretiert. 31 Es handelt sich bei diesem Begriff um eine neue Wortschöpfung und „ist eine beschönigende Bezeichnung für den sozialpolitisch skandalösen Dschungel von 'Maßnahmen', in dem die Jugendlichen seit Jahren geparkt werden oder Warteschleifen drehen, die bei der Nachfrage nach betrieblichen Ausbildungsplätzen leer ausgingen.“ 32
Wie sich erkennen lässt, findet man in der einschlägigen Fachliteratur unterschiedliche Auffassungen zum Begriff des Übergangssystems. Eine geeignete Definition innerhalb dieses Bereichs zu finden ist deshalb sehr schwierig. Meine Arbeit soll sich vordergründig auf einige vollzeitschulischen Maßnahmen und darüber hinaus auf einzelne Maß-
27 Vgl.Stuckstätte, 2007, S. 305.
28 Vgl. Dahme/Kühnlein, 2008, o. S.
29 Vgl. Dietrich, 2003, S. 4.
30 Neß, 2007, S. 65.
31 Vgl. Dietrich, 2003, S. 4.
32 Stomporowski, 2007, S. i.
10
nahmen der Bundesagentur für Arbeit (BA), beziehen, die junge Menschen auffangen, um sie auf einen reibungslosen Übergang in eine Ausbildung vorzubereiten. Diese Maßnahmen sollen den Weg zwischen allgemeinbildendem Schulsystem und beruflicher Qualifikation überbrücken.
3.2 Struktur des "Übergangssystems"
3.2.1 Institutionelle Strukturen Die Schule, die duale und schulische Berufsausbildung, die Berufsberatung, die Berufs-vorbereitung in der Berufsschule (BVJ), der Arbeitsmarkt und das Beschäftigungssystem und schließlich auch die Jugendsozialarbeit werden als die wichtigsten Instanzen des Übergangssystems angesehen. Die Struktur des deutschen Übergangssystems weist im europäischen Vergleich auf drei besonders zentrale Merkmale hin. Sie kennzeichnen das Übergangssystem als ein stark differenziertes, standardisiertes und institutionalisiertes System. Diese drei Merkmale zeigen sich vor allem am dreigliedrigen Schulsystem, d.h. ab der Grundschule, und an der flächendeckenden und zentralstaatlichen Organisation der Berufsberatung, die neben Beratungsfunktionen auch über einen Vermittlungsauftrag verfügt. Zusätzlich zeigen sich diese drei Merkmale aber auch an einer standardisierten Berufsausbildung mit mehr als 400 regulierten Ausbildungsgängen. Die standardisierte Berufsausbildung ist mit Sicherheit der einzige nicht-akademische Zugang in eine qualifizierte Beschäftigung. Als letzter Punkt sind noch die differenzierten Maßnahmen für Jugendliche zu nennen, die beim Übergang in eine Erwerbsarbeit starke Probleme aufweisen. 33 Ein weiteres Merkmal des Übergangssystems ist, „dass sich die Zuständigkeit einzelner Akteure immer nur auf Ausschnitte des Übergangsgeschehens bezieht.“ 34
Die Einbettung des Übergangssystems in die Struktur des Bildungs- und Berufsbildungssystems, d.h. in die Gesamtstruktur des Bildungswesens, soll die nachstehende Abbildung noch stärker verdeutlichen.
33 Vgl. Stauber/Walther, 2000, S. 17-19.
34 Braun, 2007, S. 3.
11
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Dipl.-Hdl. Erna Müller, 2008, "Übergangssysteme" für benachteiligte Jugendliche im Vergleich: Strukturen und Probleme in Deutschland und Dänemark, München, GRIN Verlag GmbH
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