Inhaltsverzeichnis
Abstrakt 3
1. Einleitung 5
2. Die Vorschulzeit 6
2.1 Initiationsriten 6
2.2 Lernen (manabu ) durch Nachahmung (manebi ) 9
2.3 Kindsmord (mabiki ) 10
3. Schulbildung 11
3.1 Kalligraphie- (tenaraidokoro ) und Tempelschule (terakoya ) 11
3.1.1 Verbreitung 11
3.1.2 Lehrinhalt und Bücher 12
3.1.3 Verhältnis zwischen Lehrern (tenarai shishô /terakoya shishô
) und Schülern (terako / fudeko ) 13
3.2 Private (shijuku ) und staatliche Schulen für Kriegerfamilien (hankô /
hangaku ) 15
3.2.1 Weiterführenden Schulen 15
3.2.2 Das Lernen in der hankô und gôgaku 16
4. Die Erziehung der Mädchen 16
5. Bewertung des japanischen Bildung- und Erziehungssystems durch Ausländer 18
6. Die Kindererziehung außerhalb der Schule 20
7. Die Erziehung von den Eltern 21
7.1 Der Kindertausch (kaeko kyôiku ) 21
7.2 Die drei Laster bei der Erziehung des Kindes 22
7.3 Literatur zur Kindererziehung 23
7.3.1 Shô gaku (Xiao-xue) “ 23
7.3.2 Wazoku dôji kun Unterweisung der Kinder in japanischen
Traditionen 24
7.3.3 Der erste Buchband zur Kindeserziehung in Japan, Shôni hitsuyô sodategusa
Das Buch über die für Kinder notwendige Erziehung 25
8. Fazit 27
9. Glossar 29
10. Literaturverzeichnis. 33
2
1. Einleitung
In unserer aufgeklärten heutigen Gesellschaft ist es für Eltern selbstverständlich, sich mit möglichen Erziehungsmethoden für ihre Kinder auseinander zusetzten. Es gibt ein weit verzweigtes Geäst von Wegen und Theorien seinen Nachwuchs zu erziehen, und unzählige Bücher wurden zu diesem Thema geschrieben. Diese Vielfältigkeit an Erziehungsmethoden spiegelt sich auch in den Unterschieden in unserer Gesellschaft wider. Aber in kaum einem Land beschäftigte man sich bereits vor 400 Jahren so intensiv mit diesem Thema wie in Japan.
In der Edo-Zeit (Edo-jidai ) 1 betrachtete man Kinder als etwas sehr wertvolles, denn aus der östlichen Philosophie heraus wurde das Kind als „Schatz“ angesehen. Schon aus diesem Grund waren die Eltern sehr darauf bedacht, ihrem Nachwuchs die bestmögliche Erziehung zukommen zu lassen. Dazu kam, dass die Sterberate in der Edo-Zeit bei Säuglingen und Kleinkindern durch Krankheiten und mangelnde medizinische Kenntnisse sehr hoch war (in manchen Familien bis zu 69%), wodurch die durchschnittliche Lebenserwartung sehr niedrig ausfiel. Diese hohe Kindersterblichkeit bedeutete oft den Stammeshalter oder Erben zu verlieren und führte nicht selten zum Aussterben eines ganzen Hauses oder Familie. Eltern und Gesellschaft taten daher gut daran, alle Kraft in das Wohlergehen ihres Nachwuchses zu investierten. 2
Die Edo-Zeit war eine sehr friedliche Periode in der japanischen Geschichte der eine kriegerische Epoche vorausgegangen war. Die Herrscher und Gelehrten fanden nun erstmals Zeit und Kraft sich intensiv mit der Bildung und Erziehung zu beschäftigen. 3 Die Kindeserziehung hatte dabei bald höchste Priorität und so entstanden zahlreiche verschiedene Bildseinrichtungen für alle Bevölkerungsschichten, es gab einheitliche Lehrmaterialien und es wurde eine Unmenge an Erziehungsbüchern verfasst. Einige der damals entstanden Bildungs- und Erziehungsmethoden kommen bis in die heutige Zeit zur Anwendung.
Dieser Aufsatz erörtert die verschieden Bildungs- und Erziehungsmethoden vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklung in der Edo-Zeit und arbeitet deren wichtigste Merkmale heraus. Zuerst werden dabei die unterschiedlichen Bräuche und
1 Eine Ära in Japan (1603-1867)
2 Nakae Katsumi (2007): Edo no shitsuke to kosodate [Zucht und Erziehung in der Edo-Zeit]. Shôdensha
shinsho, 068. Tôkyô: Shôdensha S.4.
3 Eine Ära in Japan (1467-1568)
5
Bildungsmöglichkeiten für die verschiedenen Altersstufen fokussiert, beginnend bei den vorgeburtlichen Initiationsriten bis zur Einschulung. Danach werden die privaten und staatlichen Bildungseinrichtungen für Jugendliche näher betrachtet, wobei vor allem der Lehrplan, die Lehrmaterialen und die Beziehung zwischen Schülern und Lehren genauer untersucht wird. Obwohl in der Edo-Zeit, wie in vielen anderen Kulturen auch, die Männer den Mittelpunkt der Gesellschaft bildeten, wurde überraschenderweise auch für die Frauen in der Bildung einiges getan, daher werden die Erziehungs- und Bildungsmethoden für Mädchen noch einmal explizit erörtert.
Auch von den wenigen Ausländern, die zur Edo-Zeit in Japan lebten, werden Meinungen zum japanischen Erziehungs- und Bildungssystem betrachtet und mit denen im eigenen Land verglichen.
Wir befinden uns in einer Ära der modernen Gesellschaft, in der immer öfter Nachrichten von unfassbaren Gewalt- und Mordexzessen jugendlicher Täter die Schlagzeilen füllen. Es ist meiner Meinung nach der richtige Zeitpunkt einen Blick zurück in eine Epoche zu werfen, in der - zumindest in Japan - die wichtigsten Grundsätze der pädagogischen Theorien entstanden und reiften. Nachdem ich mich intensiv mit diesem Thema beschäftigt habe, bin ich für mich, als Mutter einer dreimonatigen Tochter, zu der Überzeugung gekommen, dass auf der Suche nach der richtigen Erziehungmethode ein Blick in die Edo-Zeit in Japan nicht der schlechteste Ansatz ist.
2. Die Vorschulzeit
2.1 Initiationsriten
In der Edo-Zeit war die Sterberate bei Säuglingen und Kleinkindern in allen Bevölkerungsschichten sehr hoch. So starben beispielsweise von den 55 Kindern des elften Shôguns 4 Tokugawa Ienari () 5 38 im Alter von unter zwei Jahren, und nur sieben erreichten das vierzigste Lebensjahr. Die Kinder erlagen hauptsächlich den typischen Infektions- und Kinderkrankheiten wie Pocken, Masern oder sonstigen Infektionen.
Aus diesem Grund entwickelten sich für die verschiedenen Altersstufen unterschiedliche Initiationsriten, von denen einige bis heute existieren. Mit diesen Riten
4 Militärischer General
5 1773-1841. Regierte vom 1787-1837. Hatte insgesamt 55 Kinder von ca. 40 Ehefrauen und Mätressen.
6
feierte und bedankte man sich für das gesunde Heranwachsen des Kindes und bat für dessen zukünftiges Wohl. Den Eltern in der Edo-Zeit gaben diese Initiationsriten in den kritischen Lebensphasen ihres Kindes die Hoffnung, dass es diese unbeschadet überstehen und gesund aufwachsen würde.
Durch die Initiationsriten kamen die Kinder auch nach und nach in Kontakt mit der Gesellschaft und diese konnte wiederrum das Aufwachsen des Kindes mitverfolgen. So entstand und festigte sich eine Bindung zu Nachbarn und anderen örtlichen Organisationen. Da alle Mitglieder einer Gemeinschaft sich an der Erziehung des Kindes beteiligten, waren die Initiationsriten auch ein wichtiger Schritt zur gesellschaftlichen Integration.
Viele Gelehrte in der Edo-Zeit waren sogar davon überzeugt, dass eine vorgeburtliche Erziehung möglich und nötig sei. Der Konfuzianist Nakae Tôju ( ) 6 z.B. erklärte in seinem 1647 erschienenen Werk Kagami gusa 7 , einem erzieherischen Ratgeber für die Frauen jener Zeit, dass die Kindeserziehung schon als Embryo beginnen müsse. Da der Embryo während der Schwangerschaft stark von der Mutter beeinflusst würde, müsste sich eine schwangere Frau immer so verhalten, dass es den Grundsätzen der Barmherzigkeit und Ehrlichkeit entspräche. 8 Nachfolgend sind die wichtigsten Initiationsriten für die verschiedenen Altersstufen chronologisch aufgelistet:
− Fünfter Schwangerschaftsmonat: Im fünften Monat der Schwangerschaft wurde ein Ritual durchgeführt, bei dem um den Bauch der schwangeren Frau ein Gürtel (obi 9 gebunden wurde. Damit wollte man um eine komplikationslose Geburt zu bitten. 10
− Drei Tage nach der Geburt: Am dritten Tag nach der Geburt gab es eine Zeremonie, die sich „die Feier am dritten Tag nach der Geburt (mikka iwai “ nannte. Bei dieser Zeremonie wurde dem Baby ein Name gegeben und die Haare geschnitten. Dazu wurden Hebamme, Nachbarn und Familie eingeladen und man aß zusammen roten Reis (sekihan ) 11 . Durch diese
6 1608-1648. Er ist der Vorfahre des Neokonfuzianismus., Koizumi, Yoshinaga (2007): Edo no kosodate
tokuhon [Das Lesebuch der Kindererziehung in der Edo-Zeit]. Tôkyô: Shôgakukan, S.18.
7 Koizumi, Yoshinaga (2007), S.18.
8 Nakae, Katsumi (2007), S.16.
9 Ein breiter Gürtel/Band, den man verwendet, um ein japanisches Kleid (kimono) zu tragen
10 Nakae, Katsumi, S.14.
11 Mit roten Bohnen gekochter Reis, den man zu feierlichen Anlässen in Japan isst.
7
Zeremonie wurde die Existenz des Babys in der Welt der Menschen offiziell anerkannt. 12
− Sieben Tage nach der Geburt: Am siebten Tag nach der Geburt feierte man, dass das Baby die ersten sieben Tage überlebt hatte. Man nannte diese Zeremonie „die Feier am siebter Tag (shichiya no iwai )“. In einigen Gegenden Japans wurde dem Baby auch erst jetzt ein Name gegeben. 13
− 30 Tage nach der Geburt: Ungefähr einen Monat nach der Geburt wurde das Baby durch einen Besuch des Schreins von der örtlichen Gemeinschaft anerkannt. Diese Zeremonie nannte sich Besuch des Schreins(miyamairi )“. Das Baby trat dabei erst der Gemeinschaft des Schreins bei und war dadurch auch im Ort anerkannt. 14 Durch diese Zeremonie wurde die Verbindung des Kindes mit der Familie und den Nachbarn gefestigt, wodurch man sich ein kräftiges und gesundes Wachstums erhoffte. 15
− 100 Tage nach der Geburt: Am hundertsten Tag (in einigen Gegenden auch am hundertzwanzigsten Tag) nach der Geburt feierte man die
Entwöhnungszeremonie (kuizome ). Dabei gab man dem Baby Reis zu essen, wodurch man sich erhoffte, dass das Baby zu einem ehrbaren Menschen heranwachsen und im weiteren Leben immer ausreichend zu Essen haben würde. 16
− Ein Jahr nach der Geburt: Die Feier am ersten Jahrestag der Geburt nannte man „erste Geburt (hatsutanjô )“. Bei dieser Feier aß man Reiskuchen (mochi ), der symbolisch für einen „Kraftmenschen (chikaramochi )“ stand. Man erhoffte sich dadurch, dass das Baby gesund und kräftig aufwachsen würde. 17
12 Koizumi, Yoshinaga (2007), S.13.
13 Koizumi, Yoshinaga (2007), S.13.
14 Koizumi, Yoshinaga (2007), S.15.
15 Koizumi, Yoshinaga (2007), S.14.
16 Nakae Katsumi (2007), S.38.
17 Nakae Katsumi (2007), S.39.
8
− Drei Jahre nach der Geburt: Im Alter von drei Jahren fand die sogenannte
„Haare Aufsetzen (kamioki )“ Zeremonie statt. Dabei setze man eine Perücke auf den Kopf des Kindes und ließ danach bis zum sechsten oder siebten Lebensjahr die Haare wachsen, was symbolisch für das gesunde Heranwachsen des Babys zu einem Kind stand. 18
− Drei und fünf bzw. sieben Jahre nach der Geburt: Im Alter von drei und fünf Jahren bei den Jungen, bzw. drei und sieben Jahren bei den Mädchen, wird in Japan bis heute das „sieben-fünf-drei (sichi-go-san )“ Fest groß gefeiert. Dabei wünscht man dem Kind für die Zukunft ein gesundes Wachstum. In der Edo-Zeit wurde dabei mit den Jungen im Alter von fünf Jahren die sogenannte Hose tragen (hakamagi )“ Zeremonie durchgeführt. Dabei ließ man sie zum ersten Mal die formelle, zweiteilige Kleidung der Kriegerklasse (kamishimo tragen. Mit den siebenjährigen Mädchen führte man die Zeremonie „Auflösung der Gürtel (obitoki )“ durch, bei der die einfache Schnur zum Zubinden der Kleidung durch einen Gürtel (obi ) ersetzt wurde. Beide Zeremonien bedeuteten einen wichtigen Wendepunkt im Leben der Kinder, es war der erste Schritt zum Eintritt ins Erwachsenenalter. 19
2.2 Lernen (manabu )
Genau wie heutzutage gab es auch in der Edo-Zeit für die älteren Kinder verschiedene Familienspiele, in denen sie meist die Erwachsenen nachahmten. Die Jungen spielten dabei gerne einen Helden, die Mädchen gerne eine Mutterrolle. Die Inspiration für ihre Spiele bekamen sie dabei oft aus dem Theater. Meist ahmten die Kinder Vorkommnisse und Veranstaltungen aus der Erwachsenenwelt nach, wodurch sie spielerisch die gesellschaftlichen und familiären Regeln lernen konnten. Das Spielen diente also auch als Zugang zur Welt der Erwachsenen. 20 Da diese Spiele meist in einer Gruppe gespielt wurden, konnten die Kinder so auch Gefühle wie Konkurrenz oder Geborgenheit erfahren und sich soziale Fähigkeiten aneignen. 21
18 Nakae, Katsumi (2007), S.55f.
19 Koizumi, Yoshinaga (2007), S.10., Nakae, Katsumi (2007), S.4.
20 Nakae, Katsumi (2007), S.82f.
21 Nakae, Katsumi (2007), S.4f.
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Arbeit zitieren:
Mika Masuko, 2009, Kindererziehung in der Edo-Zeit, München, GRIN Verlag GmbH
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