Einleitung
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 5
2 LITERATURRECHERCHE 6
3 MEDIZINISCHE GRUNDLAGEN ZUM AKUTEN HERZINFARKT 8
3.1 Der Herzinfarkt als eine Koronare Herzerkrankung 8
3.2 Der Herzinfarkt als Inbegriff der heutigen Zivilisationskrankheiten 9
3.3 Risikofaktoren 9
3.4 Klinisches Bild des akuten Herzinfarkts 11
3.5 Komplikationen und Behandlung 12
3.6 Das medizinische Selbstverständnis 14
4 EMOTIONEN UND ANGST 15
4.1 Emotionen 15
4.2 Das Phänomen Angst 19
5 DIE SYMBOLKRAFT DES HERZENS 28
5.1 Das Herz als Organ 29
5.2 Das Herz als Zentrum der Gefühle und Symbol der Leiblichkeit 30
5.3 Das Herz als mystisches und religiöses Symbol 31
5.4 Naturwissenschaftliche Herzbetrachtung 32
6 DIE LEBENSSITUATION DES HERZINFARKTERKRANKTEN
35
6.1 Biographie 35
6.2 Persönlichkeit 37
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Einleitung
6.3 Stressbelastung 39
7 DAS ERLEBEN DES PATIENTEN UND DIE BEDEUTUNG DES
HERZINFARKTS 41
8 DIE SITUATION INTENSIVSTATION 46
8.1 Umgebende Belastungsfaktoren 47
8.2 Patient sein auf der Intensivstation 48
8.3 Das Intensivstation-Syndrom und seine Bedeutung 50
8.4 Die Angst auf der Intensivstation 51
8.5 Die Welt der High-Tech Medizin 55
8.6 Pflegerischer Umgang mit der Angst des Herzkranken 57
9 BEWÄLTIGUNG DER KRANKHEITSSITUATION 61
10 WISSENSCHAFTSTHEORETISCHE GRUNDLAGEN 64
10.1 Forschungsmethodologische Überlegungen 66
10.2 Festlegung der Forschungsmethode 67
10.3 Festlegung der Datenauswertung 70
11 STATIONEN DES FORSCHUNGSPROJEKTS 73
11.1 Die Forschungsfrage und Zielsetzung 73
11.2 Planung des Forschungsprojekts 75
11.3 Durchführung des Forschungsprojekts 77
11.4 Datenerhebung 81
11.5 Auswertung und Analyse des Datenmaterials 92
12 FORSCHUNGSERGEBNISSE 95
12.1 Beschreibung und Interpretation der Forschungsergebnisse 95
3
Einleitung
12.2 Die Angst des Herzkranken 96
12.2.1. Angst um Leib und Leben 97
12.2.2. Angst vor dem Unheimlichen oder Unbekannten 102
12.2.3. Trennungs- und Verlustangst 110
12.3 Weitere Emotionen des Herzkranken 119
12.3.1. Sich sicher fühlen 120
12.3.2. Sich wohl fühlen 122
12.3.3. Unbekümmert sein 125
12.3.4. Zuversicht 127
13 ZUSAMMENFASSUNG 130
13.1 Kritische Würdigung der Forschungsarbeit 133
13.2 Empfehlungen 134
14 LITERATURVERZEICHNIS 136
15 ANHANGSVERZEICHNIS 146
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1 Einleitung
Der akute Herzinfarkt unterbricht den Alltag der erkrankten Personen. Plötzlich finden sie sich auf einer Intensivstation wieder. In rasanter Eile wird mit medizinischen Interventionen zur Behandlung der Vitalbedrohung und zur Linderung der Beschwerden begonnen. Heftige Angina-Pectoris-Schmerzen, verbunden mit dem Gefühl des einschnürenden Herzens, einer Enge im Brustkorb und einer daraus resultierenden Angst um Leib und Leben, bestimmen das Erleben vieler Patienten. Die Erkrankung des Herzens und die daraus entstehende und empfundene Bedrohung kann jedoch auf verschiedene Weise von den Erkrankten erfahren werden. Dieses Angst-Schmerz-Syndrom steht nicht immer im Vordergrund. Trotzdem konzentrieren sich medizinische und pflegerische Behandlungsmaßnahmen und Medikamente auf die Herzangst des Patienten.
Meine Erfahrung als Pflegekraft auf einer Intensivstation hat verdeutlicht, dass das emotionale Befinden der Patienten und die Ängste in dieser Zeit recht unterschiedlich sein können. Dies wird in der „Welt des Messens“ an den Monitoren jedoch nicht angezeigt. „Die Welt, in der wir leben, ist nicht die Welt, die wir messen“ (Schmitz zit. n. Siebolds 1997, S. 11).
Das Ziel dieser Diplomarbeit ist, das emotionale Befinden und vor allem das, worum die Patienten mit akutem Herzinfarkt in den Tagen der Überwachung auf der Intensivstation ängstlich bangen, in Erfahrung zu bringen. Das Herz ist nicht nur Sitz des Lebens, sondern auch der Gefühle. Durch eine empirische Untersuchung soll die Wirklichkeit der Patienten systematisch betrachtet und verstanden werden. Dazu wird eine qualitative Forschungsmethode gewählt, die Erzählungen von Betroffenen in den Vordergrund stellt.
Nach einer theoretischen Einführung in die Thematik der Diplomarbeit werden Forschungsweg und Stationen der Durchführung einer Interviewreihe erläutert. In einem weiteren Teil werden die Daten analysiert und Ergebnisse präsentiert.
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I THEORETISCHER TEIL
2 Literaturrecherche
Die Durchsicht der themenbezogenen Literatur zu Beginn der Diplomarbeit erfolgte zur Erfassung der thematischen Grundlage und der Übersichtsgewinnung wissenschaftlicher Untersuchungen und
Erkenntnisse. Des weiteren galt es zu ermitteln, ob bereits pflegewissenschaftliche Untersuchungen bezüglich des
Diplomarbeitsthemas bestehen und ob noch offene Forschungsfragen eventuell in die Untersuchung mit einzubeziehen wären. Die Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Literatur bleibt daher während des gesamten Forschungsprojektes ein wichtiger Bestandteil der Arbeit.
Für die Literaturrecherche kristallisierten sich die Hauptbegriffe Herzinfarkt, Intensivstation, Emotionen, Angst sowie Patientenerleben 1 heraus. Mit Hilfe dieser Hauptbegriffe wurden Stichwort- oder Schlagwortkataloge der Bibliotheken und Datenbanken bezüglich relevanter Literatur durchsucht.
Die Literaturrecherche wurde computergestützt in der Datenbank der Bibliothek der Katholischen Fachhochschule NW Abteilung Köln durchgeführt, die außerdem eine Suche in den Datenbanken der Katholischen Fachhochschulen Münster, Aachen und Paderborn ermöglichte. Des weiteren wurden die Datenbestände der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin Köln mit der opac zbmed und dem Online-Katalog sowie die Datenbank der für die Psychologie relevanten Fachbeiträge, PSYNDEX-trail, hinzugezogen. Pflegeliteratur wurde gezielt in den Abstracts der deutschsprachigen CD-ROM Care Lit® von 1998 und 1999 recherchiert.
Nach Durchsicht der Stichwortkataloge in den genannten Datenbanken ist eine immense Fülle an Literatur zu den einzelnen Stichworten gefunden
1 Im weiteren Text wird nicht zwischen der weiblichen und männlichen Sprachform unterschieden, sondern jeweils der geläufigste Begriff gewählt. Sofern nicht anders hervorgehoben, ist dennoch die jeweils nicht genannte Geschlechtsform mit einbezogen.
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worden. Für das Schlagwort Herzinfarkt wurden in der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin Köln 421 Treffer erfasst, für das Schlagwort Angst gab es allein 500 Nennungen. Care Lit® benannte für das Schlagwort Herzinfarkt 95 und Angst 221 gefundene Dokumente. Auch die anderen Hauptbegriffe Intensivstation, Emotionen und Patientenerleben ergaben isoliert eine hohe Anzahl gefundener Dokumente. Daher erfolgte in einem zweiten Schritt eine weitere Reduktion der Literaturauswahl durch die Verkettung von zwei oder mehreren Schlagwörtern der oben genannten Hauptbegriffe in den verschiedensten Kombinationen. Die Folge war, dass beispielsweise in der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin und in der Care Lit® Datenbank bei der Schlagwortverkettung Herzinfarkt und Angst kein Eintrag, in der Bibliothek der Katholischen Fachhochschule Köln NW jedoch ein Eintrag gefunden wurde. Auch die Schlagwortverkettungen der anderen Hauptbegriffe wie Intensivstation und Angst ergaben in den genannten Datenbanken keine bis sehr geringe Nennungen. Des weiteren wurden zu den Hauptbegriffen Nebenbegriffe kombiniert wie Herz, Herzkranke, Herzkrankheit, Angina Pectoris, Herzangst, Erfahrungs- und Bewältigungsverhalten, Gefühlsleben undverhalten, Angstverhalten, Angstbewältigung, Todesangst, psychische Belastung, Intensivpatient, Patientenerleben.
Festgestellt wurde, dass wissenschaftliche Forschungsarbeiten innerhalb des Themengebietes besonders zu medizinischen, psychologischen und psychoanalytischen Sachfragen durchgeführt wurden. Die psychologische Diagnostik erstreckt sich von der Untersuchung der emotionalen Befindlichkeit des Patienten (vgl. Tausch 1996, S. 84 ff.), den prädisponierenden Persönlichkeitsprofilen des Herzkranken (vgl. Maschewsky et. al. 1982, S. 11 ff. u. Uexküll et. al. 1986, S. 666) bis hin zu Bewältigungsstrategien der Krankheitsverarbeitung per Fragebogen (vgl. Muthny 1992, 372 ff.) und der Auswertung narrativer Interviews mittels Sprachanalysen (vgl. Faller 1997, 247 ff.). Klapp skizziert psychoanalytisch das Verhalten der Herzinfarktpatienten, welches besonderen Einfluß in der Frühphase des Intensivstationsaufenthalts einnimmt (vgl. Klapp 1985, S. 199 ff.).
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Die Angst des Herzkranken wurde empirisch von Faller untersucht (vgl. Faller 1996, S. 159 ff.). In der Literatur und in Untersuchungen zur Intensivmedizin und Pflege werden allgemein die psychosozialen Probleme der Patienten bei Vitalbedrohung (vgl. Hannich 1991, S. 506 ff.) beschrieben und die technischen und pflegerischen Maßnahmen beim akutem Herzinfarkt aufgelistet (vgl. Mayer 1997, S. 30 ff.). Busch hebt die Bedeutung der Angst der Herzkranken und Herzoperierten auf einer Intensivstation hervor (vgl. Busch 1994, S. 135 ff. u. 1999, S. 2 ff.) mit dem Hinweis, dass es bezüglich der Thematik wenig Pflegeforschungsprojekte und -ergebnisse gibt und es der weiteren Forschung insbesondere der qualitativen Befragung zum subjektiven Erleben des Patienten bedarf (vgl. Busch 1994, S. 137 f.).
Nach der Auswertung der Literatur wurde eine Zuordnung und Gliederung der thematischen Schwerpunkte erstellt. Zentrale Forschungsfragen kristallisierten sich heraus, die zusammengefasst wurden und der empirischen Untersuchung zugrunde lagen.
3 Medizinische Grundlagen zum akuten Herzinfarkt
3.1 Der Herzinfarkt als eine Koronare Herzerkrankung
Der akute Herzinfarkt, medizinisch auch als Myokardinfarkt bezeichnet, gehört zu der Gruppe der koronaren oder auch ischämischen Herzerkrankungen.
Per Definition 2 ist der Herzinfarkt eine „(...) ischämische Myokardnekrose, meist auf dem Boden einer koronaren Herzkrankheit mit hochgradiger Stenose einer Koronararterie“ (Herold 2000, S. 192). Das abgestorbene Myocardgewebe vernarbt und steht der Pumpfunktion des Herzens nicht mehr zur Verfügung; eine funktionelle Beeinträchtigung bleibt. Pathogenetisch betrachtet lösen sich fetthaltige Ablagerungen, auch Plaques genannt, von den Gefäßinnenwänden und bilden einen
2 Im Sinne des Textflusses der Diplomarbeit wird der Begriff Herzinfarkt präferiert und bezieht sich auf die genannte Definition.
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gefäßverschließenden Thrombus. Außerdem kann es, zusätzlich oder isoliert, zu einem Spasmus der Koronararterien und einer damit verbundenen Minderdurchblutung kommen.
3.2 Der Herzinfarkt als Inbegriff der heutigen
Zivilisationskrankheiten
Herz- und Kreislauferkrankungen gelten in Deutschland als „die“ Erkrankungen des 20. Jahrhunderts (vgl. Willich 1999, S. 483). Trotz immer neuer und wichtiger Erkenntnisse in der Ätiologie und einer stetig steigenden Vielzahl an Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten in den letzten Jahrzehnten machen Herz- und Kreislauferkrankungen bei Erwachsenen im mittleren Alter noch immer 40 bis 50% der Gesamtmortalität aus (vgl. Willich 1999, S. 483). Laut Deutscher Herzstiftung e.V. erleiden alljährlich 280 000 Menschen in Deutschland einen Herzinfarkt, von denen etwa 190 000 sterben (vgl. Gohlke 1998, o. S.). Damit liegt Deutschland laut MONICA- Studie der WHO 3 weltweit im mittleren Bereich der registrierten Herzinfarkte. Das Statistische Bundesamt meldet für das Jahr 1998 insgesamt 75.924 Patienten, die an einem akuten Herzinfarkt im Krankenhaus verstorben sind, davon waren 34.927 Frauen und 40.997 Männer 4 (vgl. Statistisches Bundesamt 1998).
3.3 Risikofaktoren
Nach herkömmlichem Verständnis ist der Herzinfarkt entweder eine natürliche Alterserscheinung („Arterienverkalkung“) oder die Folge individuellen Fehlverhaltens oder risikoträchtiger „Persönlichkeits-Programmierung“.
3 Die Langzeitstudie „Monitoring of Trends and Determinants of Cardiovascular Disease“ vergleicht standardisiert kardiovaskuläre Erkrankungen und die Risiken des vorzeitigen Todes in 21 Ländern (vgl. Willich 1999, S. 483).
4 Herold benennt das Verhältnis der tödlich ischämischen Herzerkrankungen von männlichen zu weiblichen Personen 2 bis 3:1 (vgl. Herold 2000, S. 182).
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Als klassische Risikofaktoren für die Entstehung eines Herzinfarktes werden Fettstoffwechselstörungen, Hypertonie, Diabetes mellitus, Rauchen, Bewegungsmangel und Stress in jeglicher Form genannt (vgl. Reeh 2000, S. 210 u. Gohlke 1998, o. S.). Risikofaktoren sind nach Lynch „In gewisser Beziehung (...) mit Wetterfahnen vergleichbar, die einen bevorstehenden Sturm anzeigen, nur daß sie die drohende Gefahr viel früher signalisieren - manchmal schon Jahre vorher“ (Lynch 1979, S. 40). Im Gegensatz zu den eben genannten stellen dagegen das Lebensalter, das Geschlecht und eine familiäre Disposition 5 unbeeinflussbare Risikofaktoren dar (vgl. Herold 2000, S. 182).
Der akute Herzinfarkt ist allgemein „(...) bekannt als eine typische Männerkrankheit und wird (...) selten mit Frauen in Verbindung gebracht“ (Weinrich 1995, S. 348).
Von weiterer Wichtigkeit sind auch psychosoziale Risikofaktoren sowie die sozioökonomische Lebensbedingung. Beachtenswert ist, dass das Mortalitätsrisiko der koronaren Herzkrankheiten in einigen Ländern und Regionen mit geringen sozialen Kontakten sogar gestiegen ist (vgl. Willich 1999, S. 486 ff.).
Die Ursachenforschung zum Herzinfarkt basiert jedoch vorwiegend auf den formalen Gesundheitsrisiken. In der vorgefundenen Literatur wird zum Beispiel kritisiert, dass Geschlechtsunterschiede kaum berücksichtigt werden. Somit wird ihre Gültigkeit gleichermaßen für beide Geschlechter legitimiert (Weinrich 1995, S. 348). Der gestresste Manager oder der körperlich schwer tätige Arbeiter als Inbegriff für typisch männliches Risikoverhalten unterscheiden sich erheblich von anders gearteten Lebensverhältnissen und Belastungen der Frauen 6 . Insbesondere den speziellen Aspekten der Haus- und Frauenarbeit, den häufigen Rollenkonfliktsituationen der berufstätigen Frauen und Mütter sowie dem Erholungsdefizit sollten mehr Beachtung entgegengebracht werden.
5 Genetische Faktoren tragen aller Wahrscheinlichkeit nach langfristig zu den internationalen Unterschieden bei (vgl. Willich 1999, S. 487).
6 Risikofaktoren bei Frauen nehmen mit abnehmender sozialer Schicht zu (vgl. Maschewsky et. al. 1982, S. 140).
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Besonders negativ wirken sich scheinbar typisch weibliche Eigenschaften aus, nämlich das Durchhalten wollen und die mangelhafte Wahrnehmung der eigenen Belastung und der körperlichen Befindlichkeit 7 . Im Vergleich erkranken zwar immer noch mehr Männer an einem akuten Herzinfarkt, jedoch sind die Überlebenschancen für Frauen nach diesem Ereignis wesentlich geringer (vgl. Weinrich 1995, S. 348).
3.4 Klinisches Bild des akuten Herzinfarkts
Der akute Herzinfarkt ist eine lebensbedrohliche Erkrankung 8 , denn 50% aller Todesfälle treten in den ersten 3-4 Stunden nach Auftreten der ersten Symptome ein (vgl. Braun et. al. 1992, S. 109). Bei körperlichen Kraftanstrengungen oder Stresssituationen, aber auch aus der Ruhe heraus können sich die typischen, intensiven Herzschmerzen bemerkbar machen. Diese Angina-Pectoris-Beschwerden, die auch mit Todesangst und Vernichtungsgefühl einhergehen, gelten als Leitsymptom der Erkrankung. Angina geht zurück auf das lateinische angere = beengen, würgen; die Patienten berichten häufig von einem gürtelförmigen Engegefühl um den Brustkorb herum, von massiver Atemnot, Erstickungs- und Vernichtungsgefühlen (vgl. Duden 1963, S. 25).
Angina-Pectoris-Schmerzen, auch „Migräne des Herzens“ genannt, sind aber nicht Ausdruck einer beginnenden, sondern Zeichen einer bereits bestehenden und kritischen Koronarstenose 9 (vgl. Condrau et. al. 1998, S. 22). Der Patient mit der Erkrankung Herzinfarkt ist ein Schmerzpatient. Die Schmerzen strahlen in Arme, Hals, Schulter, Rücken und Oberbauch aus.
7 Als Spätletalitätsursachen werden geringe Teilnahme an Rehabilitationsmaßnahmen und ungenügende Unterstützung von Seiten der Familie genannt (vgl. Weinrich 1995, S.
350 f.).
8 Annahme der Schätzungen der Letalität bei Erstinfarkt: 3-Stunden-Letalität von 25%, 4-Wochen-Letalität von 50%, 12-Monate-Letalität von 60% (vgl. Maschewsky et. al. 1982, S. 11).
9 Angina Pectoris tritt meistens bei einer 75%igen kritischen Koronarstenose auf (vgl. Herold 2000, S. 184), von William Herberden (1710-1801) aus England erstmals als klassisches Symptom der Stenose beschrieben (vgl. Mittag 1996, S. 20).
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Das Ereignis dieser Schmerzsymptomatik kann die Patienten im Rahmen eines akuten Herzinfarkts erstmalig überraschen, es kann von ihnen aber auch schon zuvor, vielleicht in abgeschwächter Form erlebt worden sein. Neben Schwächegefühlen und Blutdruckabfall bis hin zum Kreislaufversagen sind vegetative Begleitsymptome wie Schwitzen, Übelkeit und Erbrechen zu beobachten. Nur 15-20% der Herzinfarkte verlaufen als „stummer“ Infarkt ohne Schmerzen. Grund hierfür sind diabetische Neuropathien und Infarktereignisse bei älteren Menschen (vgl. Herold 2000, S. 192).
3.5 Komplikationen und Behandlung
Der Herzinfarkt gilt als akutes koronares Syndrom, bei dem sofortige intensivmedizinische Therapie erforderlich ist (vgl. Herold 2000, S. 184). Den Erstmaßnahmen und der weiteren Überwachung und Betreuung auf einer Intensivstation ist dementsprechend eine hohe Bedeutung beizumessen. Nach Herold ist das Kammerflimmern die häufigste und das Pumpversagen des Herzens die zweithäufigste Todesursache nach Infarkt 10 (vgl. Herold 2000, S. 196). Die Größe und Ausdehnung des Herzinfarktes bestimmen sowohl die Intensität der intensivmedizinischen Maßnahmen als auch die Prognose (vgl. Reeh 2000, S. 210). Die Dramatik der Erkrankung spürt der Patient nicht nur am eigenen Leibe, sondern auch durch das emsige, rastlose Treiben des Intensivpersonals um ihn herum. Nicht nur, dass alle Überwachungsgeräte angeschlossen, Sauerstoff zugeführt und venöse Zugänge für die medikamentöse Infusionstherapie gelegt werden, es wird üblicherweise direkt das breite Spektrum der Diagnostik eingesetzt (vgl. Braun et. al. 1992, S. 108 f.).
Herzkrankheiten gelten im 21. Jahrhundert als kontrollierbar. Lege artis ist zur Zeit die Herzkatheterdiagnostik und -therapie innerhalb von sechs Stunden nach dem Infarktereignis zur bestmöglichen Behandlung und
10 Die Liste der Komplikationen des akuten Herzinfarkts ist lang: 90% Herzrhythmusstörungen, 20-50% Lungenödem, 35% Reinfarkt, 10% kardiogener Schock,
7% Asystolie, 1-3% Herzruptur und weitere (vgl. Braun et. al. 1992, S. 111).
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Prognose. Sollte diese Möglichkeit nicht zur Verfügung stehen, wird eine konservative Lysetherapie zur Revaskularisation durchgeführt (vgl. Herold 2000, S. 198 f.). Außerdem stehen an Therapiemöglichkeiten von der Ballondehnung 11 der Koronargefäße über das Einsetzen dauerhafter Gefäßstützen, so genannten Stents, bis hin zu Bypass-Operationen am Herzen eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Verfügung. Die Herztransplantation stellt die letzte Lösung in der Therapie dar (vgl. Kleber 1999, S. 192 f. u. Mohr, o. S.).
Im Rahmen der speziellen medikamentösen Herztherapie stehen Analgesie und Sedierung im Vordergrund 12 der Behandlung, um den Vernichtungsschmerz auszuschalten, der eine existentielle Angst, auch als Angina cordis oder Herzangst bezeichnet, durch Luftnot in Form von Erstickungsgefühlen hervorruft. Die Angstzustände, Schwächegefühle und Depressionen, die die am häufigsten beobachteten Emotionen im Zusammenhang mit vital bedrohlichen Zuständen darstellen, werden in der medizinischen Therapie mit der „psychischen Abschirmung“ behandelt. Der Fokus zur Beherrschung der Angst liegt auf der Gabe von Medikamenten. Zusätzlich wird dem Patienten absolute Ruhe verordnet (vgl. Herold 2000, S. 197).
So werden, anders als bei Krebserkrankungen, selbst schwer herzkranke Patienten insgesamt mit der Hoffnung auf Besserung behandelt. Die grundsätzliche Annahme, Kontrolle über die Erkrankung zu haben, verändert auf radikale Weise das Verständnis der Krankheit (vgl. Benner et. al. 1997, S. 263).
11 Die Ballondilatation der verengten Koronargefäße hat eine direkte Erfolgsrate von 90-
95%. Negative Kehrseite ist jedoch, dass es bei 35 Prozent der Patienten zu einer Re-Stenosierung nach einem Jahr kommt (vgl. Herold 2000, S. 190 ).
12 Schwere Schmerz- und Angstzustände führen zu erhöhtem Sauerstoffbedarf und weiteren Belastungen des Organismus (vgl. Reeh 2000, S. 214).
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3.6 Das medizinische Selbstverständnis
„Das Machbare um jeden Preis“ spiegelt die naturwissenschaftliche Sichtweise wieder. Im Selbstverständnis der Medizin 13 wird die Wichtigkeit der Heilbarkeit von Herzerkrankungen immer wieder betont. Den „unwichtigen“ Einzelheiten, zum Beispiel das Erleben der Erkrankung selbst, wird weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Die Realität zeigt dem medizinischen Denkstilkollektiv 14 jedoch, dass kurzfristig gute Prognosen bei der Akutbehandlung des Herzinfarktes sich jedoch langfristig auf der Bevölkerungsebene nicht durchsetzen können. Die Gesamtmortalität kann nicht gesenkt werden, da die hauptsächlichen Todesfälle als plötzlicher Herztod bereits vor der Krankenhausaufnahme stattfinden (vgl. Willich 1999, S. 488). Zusätzlich treten in 35 Prozent der Fälle Re-Infarkte auf, und innerhalb von zwei Jahren versterben fünf bis zehn Prozent aller im Krankenhaus behandelten Patienten mit Herzinfarkt an einem plötzlichen Herztod (vgl. Braun et. al. 1991, S. 111 u. Herold 2000, S. 203). Dem medizinischen Selbstverständnis steht die Erlebniswelt des Patienten gegenüber. Die Menschen, die einen akuten Herzinfarkt erleiden, werden plötzlich oder, wie im Volksmund ausgedrückt, „schlagartig und aus heiterem Himmel“ mit diesem Ereignis konfrontiert. Dieser Zustand kann neben körperlichen Beschwerden starke emotionale Verwirrungen auslösen. Emotionen können sich im Augenblick einer Erkrankung entweder wesentlich von denen in einer Alltagssituation unterscheiden oder aber völlig gleich sein (vgl. Mahrer 1996, S. 23 ff.). In der Literatur wird immer wieder hervorgehoben, dass gerade Erkrankungen des Herzens die emotionalen Reaktionen beeinflussen. Außer in symbolischen Redewendungen wird dieses wechselseitige Geschehen auch körperlich in hohem Ausmaß deutlich, da Gefühlsregungen untrennbar mit Reaktionen unseres Körpers verbunden sind. Der Körper vermittelt dem Einzelnen, aber auch den anderen etwas über die innere Befindlichkeit.
13 Fleck stellt die These auf, dass Wissenschaftler ihr Forschungsfeld durch eine bestimmte „Brille“ betrachten; er nennt dies Denkstil (vgl. Fleck 1980, S. XXXVI).
14 Als Denkkollektiv bezeichnet Fleck die Gemeinschaft der Wissenschaftler, die im Gedankenaustausch oder in gedanklicher Wechselwirkung stehen (vgl. Fleck 1980, S.
54).
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Gerade starke emotionale Bewegungen sind spür- und sichtbar, bei Angst und Aufregung steigt die Herzfrequenz, kommt es zu Unruhe und Erregung (vgl. Ullrich 2000, S. 72 f.). Condrau vergleicht das Herz sogar mit einem Seismographen, der das Gefühlsleben registriert und darauf reagiert (vgl. Condrau et. al. 1989, S. 117).
4 Emotionen und Angst
Neben sicht- und messbaren körperlichen Reaktionen finden sich bei Patienten mit einem Herzinfarkt eine Vielzahl von Gefühlsäußerungen, die zu einem tieferen Verständnis ihrer Befindlichkeit beitragen können. Das folgende Kapitel vermittelt einen kurzen Überblick über das Phänomen der Emotionen und der Emotionsforschung unter besonderer Berücksichtigung der Angst.
4.1 Emotionen
Schon in der Antike war der Zusammenhang zwischen Emotionen beziehungsweise Gefühlen oder aber Gemütsbewegungen und körperlichen Reaktionen unumstritten. Am meisten haben sich in jener Zeit Philosophen mit diesen Zusammenhängen auseinandergesetzt. „Offenbar verhält es sich in den meisten Fällen so, daß die Seele nicht affiziert wird oder sich betätigt, ohne daß der Leib mit im Spiel ist: so wenn sie zürnt, wagt, begehrt“ (Aristoteles zit. n. dtv-Atlas 1997, S. 227). Im Mittelalter wird die Gefühlsebene als Medium des Glaubens funktionalisiert. Es wird zwischen Emotionen menschlicher Schwäche und göttlichen Emotionen unterschieden.
Während der Renaissance kam es zu einer Trennung von Theologie und Philosophie, was dazu führte, dass die Gefühlswelt nicht mehr länger dem Glauben untergeordnet wurde. Sie wurde nicht mehr als passives Erleben, sondern als Aktion gewertet. Allerdings ermöglichte diese neue Sicht der Dinge auch die bis heute nachwirkende Wende der Emotionsforschung. Im Rahmen eines mechanistischen Körperkonzeptes wandte sich Descartes im 17. Jahrhundert ausführlich den körperlichen Prozessen im
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gefühlsmäßigen Erleben zu und stellte zum Teil sehr extreme Hypothesen über den Sitz der Seele auf.
Im 19. Jahrhundert formierte sich dann langsam die moderne Psychologie mit der Folge eines sehr uneinheitlichen Bildes der Emotionsforschung. Gefühle wurden als Wahrnehmung körperlicher Veränderungen, als subjektive Bewusstseinsebene, als menschliches Grundvermögen, aber auch als Hilfe im Kampf um das Dasein interpretiert (vgl. Ulich et. al., 1992, S. 15 ff.). Diesen Forschungsansätzen lag der gemeinsame Versuch zugrunde, die Vielfältigkeit der menschlichen Emotionen auf wenige Grundgefühle zu reduzieren und diese als positiv oder negativ zu bewerten. Als Beispiel sei hier Wundt angeführt, der drei grundlegende Qualitätspaare ausmachte: Unlust - Lust, Spannung - Lösung, Erregung -Beruhigung. Diese Grundrichtung einer Ordnung der Gefühle hat sich bis heute erhalten (vgl. Brockhaus 1997, S. 233 f. u. dtv- Atlas 1997, S. 223). Untersuchungsergebnisse zeigen, das schon Säuglinge Emotionen erkennen und ausdrücken können, dass diese Fähigkeit also angeboren ist. Die so genannten Primäremotionen, die schon bei der Geburt vorhanden sind, finden ihre Ausdrucksweise in Körpersprache und Mimik und dienen vor allem in den ersten Lebenswochen der Sicherung der Existenz. Später werden sie durch Lernprozesse überlagert (vgl. Illis 1974, S. 40 f.). Dies legt den Schluss nahe, dass auch Erwachsene über ein universelles emotionales Ausdrucksrepertoire verfügen.
Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass die folgenden Emotionen weltweit und in gleicher Weise erkannt und ausgedrückt werden: Fröhlichkeit, Überraschung, Wut, Ekel, Furcht, Traurigkeit und Verachtung. Es ist jedoch zu beachten, dass die Menschen in Abhängigkeit von ihrer jeweiligen Kultur und individuellen Sozialisation vielfache Abstufungen der Ausdrucksweise ihrer Gefühle erlernen (vgl. Zimbardo 1999, S. 360 f.). Schwarzer bemerkt dazu kritisch: „Es gibt jedoch keine allgemeingültige Gefühlstheorie, sondern vielmehr eine Vielzahl konkurrierender Ansätze innerhalb der Psychologie und darüber hinaus in anderen Wissenschaftsbereichen“ (Schwarzer 1997, S. 62). Die unterschiedlichen Gefühlstheorien zum Wesen und zu den Entstehungsbedingungen von Emotionen hängen nicht zuletzt vom psychologischen, philosophischen
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oder physiologischen Ansatz ab, aus dem heraus sie erstellt wurden (vgl. Brockhaus 1997, S. 233 f.).
In der Psychologie beispielsweise werden Emotionen als komplexe Muster von Veränderungen beschrieben, die sowohl physiologische Erregung und kognitive Prozesse als auch Gefühle und Verhaltensweisen umfassen. Sie treten als Reaktion auf persönlich wahrgenommene bedeutsame Situationen auf (vgl. Zimbardo 1999, S. 359). Reaktive Emotionen werden auch als Zustandsemotionen bezeichnet. Demgegenüber stehen so genannte Grundstimmungen oder auch Eigenschaftsemotionen, die einen prägenden Einfluss auf die Persönlichkeit haben, die Gesamtlage des Menschen beeinflussen und die ihn bestimmte Gefühlszustände häufiger erleben lassen (vgl. dtv- Atlas 1997, S. 223). Darüber hinaus werden außerdem noch kurzfristige emotionale Ausbrüche, auch Affekte genannt, beschrieben (vgl. Schwarzer 1987, S. 62).
Diese Einteilung von Emotionen in Abhängigkeit von Qualität, Intensität und Dauer lässt jedoch außer acht, dass sich Gefühle oftmals nicht von Stimmungen oder Affekten klar abgrenzen lassen und dass die Gefühlsvielfalt in ihrer Gesamtheit sprachlich nicht auszudrücken ist (vgl. Brockhaus 1997, S. 233).
Emotionstheorien stellen den Versuch dar, die Gefühle der Menschen in ihrer Lebenswelt in wissenschaftlichen Konstrukten zu erfassen und zu systematisieren (vgl. Ulich 1992, S. 32). Drever sagt hingegen: „Die Einteilungsversuche, sowie die Theorien hinterlassen einen durchaus mehrdeutigen Eindruck, so daß eine eindeutige Begriffsbestimmung des Emotionsbegriffes gegenwärtig unmöglich erscheint” (Drever et. al. 1972, S. 90). Lediglich das Vorhandensein von fünf bis zehn Grundemotionen ist in der heutigen Forschung relativ unumstritten (vgl. Ciompi 1997, S. 80). Gegen die psychologischen Emotionstheorien werden durch die Vertreter der philosophischen Anthropologie Einwände erhoben. Bollnow bemerkt, dass die psychologische Behandlung und Kategorisierung von Gefühlen da scheitern muss, wo versucht wird, sie außerhalb des In-der-Welt-Seins eines jeden Einzelnen vorzunehmen (vgl. Bollnow 1947, S. 9 f.).
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Lazarus führt diesen Ansatz in einem kognitiv-phänomenologischen Ansatz der Theorie der Bewertung von Emotionen weiter, indem er sagt, dass die Ursachen von menschlichen Emotionen in bestimmte Situationen eingebettet und Folge einer Bewertung sind (vgl. Schwarzer 1987, S. 75 ff. und Zimbardo 1999, S. 365 f.).
Bedeutung von Emotionen
Bei der Erklärung der Bedeutung von Emotionen für den Menschen werden ihnen bestimmte Funktionen zugrunde gelegt.
Die motivierende Funktion:
Emotionen aktivieren die physiologischen Reaktionen des Körpers und - bereitenihn auf das Handeln vor.
Sie dienen als Ansporn zum Handeln als Reaktion auf ein tatsächlich - odervorgestelltes Erlebnis.
Sie richten das Verhalten auf bestimmte Ziele und deren Erreichen. - Siegeben sowohl Aufschluss über die Befindlichkeit und verborgenen - innerenKonflikte als auch über den eigenen Motivationszustand.
Die soziale Funktion:
Emotionen regulieren die sozialen Interaktionen; fehlende Emotionen - führenzu Verantwortungs- und Sorglosigkeit. Sie dienen der Verbindung mit und der Distanzierung von anderen - Menschen.
Gestik und Mimik dienen der nonverbalen Kommunikation; sie senden - Botschaftenan andere.
Die kognitive Funktion:
Emotionen beeinflussen Intensität und Ausmaß von Aufmerksamkeit. - Siesteuern die Eigen- und Fremdwahrnehmung. - DieInterpretation von Merkmalen bestimmter Lebenssituationen wird - durchdamit verbundene Emotionen gesteuert (vgl. Zimbardo 1999, S. 363 und S. 367 ff.).
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Emotionen haben nicht nur im Alltag, sondern auch in Phasen von Krisen und Krankheiten einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf Veränderungen im Verhalten und Gefühlsbereich. Verunsicherung als Folge der Störung des körperlichen und emotionalen Gleichgewichts führt oftmals zu Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit (vgl. Zapotoczky et. al. 1986, S. 5).
4.2 Das Phänomen Angst
Die Angst des Menschen ist das mit am meisten beschriebene Phänomen. Der Ursprung des Wortes ist lateinisch: angustus bedeutet eng. Im Sinne dieser Wortgruppe gehört es zu den Begriffen Enge und Beklemmung 15 (vgl. Duden 1963, S. 25). Durch Sprache können verschiedene Formen und Abstufungen der Angst ausgedrückt werden wie zum Beispiel „Bammel haben“ oder eine „Heidenangst“ haben. Der Mensch kann „Furcht haben“, „bange sein“ oder „ängstlich sein“ (vgl. Duden 1964, S. 48 ff.).
Angst und Furcht werden begrifflich unterschieden, vermischen sich aber im alltäglichen Sprachgebrauch. Angst ist definiert als die „(...) undeutliche, aber erregende Empfindung des Bedrohtseins und der Beklemmung angesichts einer vorhandenen oder erwarteten Gefahr für sich selbst oder für Nahestehende (...)“ (Duden 1964, S. 48). Furcht bezeichnet „(...) eine bestimmte Gefahr oder ein bestimmtes Übel, von denen man sich eine gewisse Vorstellung, (und) über die man sich genauere Gedanken machen kann (...)“ (Duden 1964, S. 49). Angst und Furcht sind dem Menschen seit jeher bekannt und gelten als vitale Grundgefühle. Sie gehören unvermeidlich zum Leben und treten in Situationen auf, in welcher die Sicherheit einer Person bedroht ist und eine adäquate Reaktion nicht möglich erscheint. Die Angst kann als sinnvolles Warnsignal im Alltag, als Schutzmechanismus vor Gefahr oder als Erfahrung mit den Daseinsgrenzen durch den Tod erlebt werden (vgl. Bühlmann 1998, S. 81).
15 „Angst lautet als das, was Enge sei, darin einem bange und wehe wird und gleich beklemmet (...)“ (Luther zit. n. Gornik 1987, S. 9).
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Die Angst ist eng verbunden mit Entsetzen, Schreck, Grauen, Panik und Scheu. Sie kann den Menschen einerseits beengen, bedrücken und seinen Willen lähmen, ihn gar handlungsunfähig machen, ihn andererseits aber auch in Erregung versetzten, zur Aufmerksamkeit gegenüber einer Gefährdung und zur Potenzierung seiner Leistungs-und
Handlungsfähigkeit führen. Angst gilt als eine primäre Reaktion des Menschen, die in der menschlichen Evolution verankert ist, und als Fluchtreflex zum Überleben. Es wird beschrieben, dass die Bedrohungen des Menschen heutzutage weitaus komplexer erscheinen und somit die Angst des Menschen als emotionale Anpassung versagt (vgl. Brockhaus 1996, S. 607). Riemann sagt dazu, dass Ängste sich im Laufe der Zeit verschoben haben. Eine Angst wird durch eine andere abgelöst, bedingt durch neue Entwicklungen in Wissenschaft und Technik. Die Art und Weise, wie der Mensch mit der Angst umgeht, ist jedoch geblieben (vgl. Riemann 1987, S. 8).
Erklärungsversuche des Phänomens Angst
Wurden in der antiken Philosophie Angst und Furcht als nichtige und künstliche Gefühle bewertet, die es mit Gelassenheit zu ertragen galt, so setzte sich die Existenzphilosophie der Neuzeit mit dem Mensch-Sein und dem In-der-Welt-Sein und der damit verbundenen Angst auseinander. Kierkegaard verband die Angst mit dem Erfahren des Nichts (vgl. Brockhaus 1996, S. 607). Er unterscheidet die Angst strikt von der Furcht, die auf ein bestimmtes Objekt gerichtet ist. Die Angst ist für ihn nur in Verbindung mit der menschlichen Existenz zu sehen, die den Menschen aus der Täuschung einer vermeintlichen Sicherheit und Endlichkeit löst und ihn entdecken lässt, welche Sünden er begangen hat. Für Kierkegaard ist der Mensch nichts anderes als ein auf Gott bezogenes Wesen. Die Angst ist seine ständige Begleiterin, die ihn an seine Sünden erinnert und darin ihren Sinn findet. Halt durch andere in der Angst wird nicht erwogen, nur die alleinige Geborgenheit in Gott lässt den Menschen Trost finden (vgl. Kast 2000, S. 22 ff.).
Für Heidegger ist die Angst eine Grundbefindlichkeit des menschlichen Daseins, der Existenz; ein Urphänomen des Menschen, der aus einer
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Enge heraus plötzlicher Weite und Fremde ausgesetzt ist (vgl. Gadamer 1994, S. 190). „In der Angst wird der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen (...)“ (Kast 2000, S. 25), und er hat das Gefühl des Unheimlichen und des „Nicht-zuhause-Seins“. Der Mensch, der vor das Nichts gestellt wird, steht vor seinem eigensten Selbst. Indem er sich dieser Angst stellt, kann er daran wachsen und in ihr einen Sinn finden. Heidegger betrachtet die Stimmungen als Überbegriff der Emotionen. Er erklärt, dass sich Stimmungen durch körperliches Wohl- oder Unwohlbefinden sowie durch Gedanken verändern können und entscheidend die Befindlichkeit eines Menschen ausmachen. Die menschliche Angst ist für ihn dem Leben immanent. Alle anderen Stimmungen sind auf diese eine Grundgestimmtheit bezogen und lassen sich daraus ableiten. Die Freude wäre dann beispielsweise eine Abwehr der Angst (vgl. Kast 2000, S. 24 ff.).
Die Existenzphilosophen beschäftigen sich nicht mit der Furcht, die auf etwas Reales bezogen ist und den Menschen deshalb nicht zu sich selbst finden läßt, sondern mit der Angst, die das Selbst anspricht (vgl. Kast 2000, S. 27 ff.).
In der Psychologie wird keine Trennung von Furcht und Angst vorgenommen, da sie im Alltag immer miteinander verwoben sind. Darüber hinaus ist es in der Wirklichkeit nicht immer gegeben, sich diesen Gefühlen einfach zu stellen. „Wir ängstigen uns diffus und finden dann heraus, wovor wir uns fürchten, finden also einen ganz plastischen Grund für das Auftreten der Angst“ (Kast 2000, S. 28). Die Angst ist in der Psychologie neben Ärger, Trauer und Ekel eine negative Grundemotion des Menschen (vgl. Brockhaus 1996, S. 607) und entsteht durch eine Bedrohung. Der Mensch ist jedoch nicht nur mit der Auseinandersetzung der Angst beschäftigt, sondern auch mit anderen wesentlichen Emotionen wie Freude, Hoffnung und Scham (vgl. Kast 2000, S. 27 ff.).
In der tiefenpsychologischen Angsttheorie beschrieb Freud in seiner erweiterten Fassung der Angstentstehung, dass Angst durch die unvermeidbare Bedrohung des Ichs auftritt. Die bewertete Gefahr, Objekte
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und Situationen können hierbei mit Hilfe von Abwehrmechanismen weder verdrängt noch sublimiert werden (vgl. Brockhaus 1996, S. 608).
Grundängstlichkeit oder Angstzustand
Nach Kast ist nicht einfach davon auszugehen, dass es von Grund auf ängstliche oder nicht ängstliche Menschen gibt. Das äußerlich sichtbare Verhalten und die tatsächlichen Emotionen können sehr differieren. Ängstlichkeit als Grundeigenschaft bezeichnet man als Trait-Anxiety. Diese Menschen sehen überall eine Bedrohung und haben diffuse Ängste. Sie sind nach Kast nicht ausreichend in ihrer Identität und ihrem Leben verankert und haben wenig eigene Möglichkeiten, sich den Ängsten zu widersetzen (vgl. Kast 2000, S. 37 ff.). Riemann differenziert die Grundängste und ordnet sie einer bestimmten Persönlichkeitsstruktur zu (vgl. Riemann 1987, 16 f.). Angst ist bei der Trait-Anxiety unbewusst verankert. Durch bereits gemachte Erfahrungen tritt die Angst in wiederkehrenden Situationen auf, ohne dass dabei lange ein Gefahrengehalt ausgemacht wird und Reaktionen abgewogen werden (vgl. Schwarzer 1987, S. 80). Abzugrenzen von der Trait-Anxiety ist die Zustandsangst, State-Anxiety. Sie tritt bei aktuellen Angsterlebnissen auf, beispielsweise einer Erkrankung oder einer Trennung, an bestimmten Orten oder bei bestimmten Erlebnissen. Angstauslöser kann in diesem Moment nicht nur eine äußere Bedrohung sein, sondern eine von innen heraus empfundene Gefahr. State-Anxiety kann sich zu regelrechten Angstphantasien entwickeln (vgl. Kast 2000, S. 12 ff. u. S. 37 f.). Schwarzer betont ausdrücklich, dass die Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit eine Ängstlichkeit verstärkt. Je bedrohlicher die Situation empfunden wird, um so heftiger sind die Reaktionen darauf (vgl. Schwarzer 1987, S. 84). Situationen der Bedrohung im Krankheitsfalle stellen beispielsweise der Krankenhauseintritt dar, eine bevorstehende oder schmerzlich erlebte Behandlung, die Angst vor einer körperlichen Veränderung, Zerstörung der Integrität oder Angst vor dem Tode. Auch Angstzustände der Einsamkeit kommen im Krankheitsgeschehen und Krankenhaus vor, hauptsächlich durch das Getrenntsein von der Familie und dem Vertrauten und der Bedrohung durch das Fremde bedingt (vgl. Bühlmann 1998, S. 85
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f. u. Doenges et. al. 1993, S. 89). Es gibt Ängste in verschiedensten Grenzsituationen, aber auch ganz normale alters-und
entwicklungsbedingte Ängste des Menschen. Das ganze Leben bietet immerwährend Unvertrautes und Beängstigendes. Riemann sagt dazu: „Angst tritt immer dort auf, wo wir uns in einer Situation befinden, der wir nicht gewachsen sind. Jede Entwicklung, jeder Reifungsschritt ist mit Angst verbunden (...). Alles Neue, Unbekannte, erstmals zu Tuende oder zu Erlebende enthält (...) Angst“ (Riemann 1987, S. 9).
Formen der Angst
Riemann spricht von den vier Grundformen der Angst, die bei allen Menschen zu beobachten sind. „So vielfältig demnach das Phänomen Angst bei verschiedenen Menschen ist - es gibt praktisch nichts, wovor wir nicht Angst entwickeln können -, geht es bei genauerem Hinsehen doch immer wieder um Varianten ganz bestimmter Ängste, die ich deshalb als »Grundformen der Angst« bezeichnen und beschreiben möchte“ (Riemann 1987, S. 10).
Unterschieden werden (vgl. Riemann 1987, S. 10 ff.):
- Angst vor Selbsthingabe
- Angst vor Selbstwerdung
- Angst vor Wandlung
- Angst vor Notwendigkeit und Endgültigkeit
Schwarzer nimmt eine andere Einteilung der Angstformen vor. Er betrachtet Angst als ein Phänomen, das immer in eine Situation eingebettet ist.
In seiner Taxonomie benennt er drei allgemeine Angstformen, die sich weiter thematisch differenzieren lassen:
- Die Existenzangst: Sie umfasst alle erlebten Bedrohungen der körperlichen Unversehrtheit wie Todesangst, Verletzungsangst und Angst vor Unheimlichkeiten.
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- Die soziale Angst: Sie enthält eine Selbstwertbedrohung und umfasst Scham, Verlegenheit, Schüchternheit und Publikumsangst.
- Die Leistungsangst: Sie beinhaltet Furcht vor Misserfolgen und wird als Bewertungsangst erlebt (vgl. Schwarzer 1987, S. 89 ff. u. S. 126 ff.).
Wie Angst erlebt wird und sich zeigt
Angst ist für den Betroffenen unangenehm. Sie wird physiologisch als Aufgeregtheit erlebt und des weiteren in kognitiver Form durch Gedanken der Besorgtheit und Selbstzweifel wahrgenommen. Körperliche Anzeichen der Angst, die als autonome Erregungen bezeichnet werden, sind Zittern und feuchte Hände sowie Anstieg von Blutdruck, Herz- und Atemfrequenz. Ein weiteres Erscheinungszeichen der Angst ist das direkt zu beobachtende Verhalten der Erregung und Fluchttendenz. Körperhaltung und Körpersprache liefern zusätzlich nonverbale Informationen über die Befindlichkeit. Eine empfundene Angst muss sich als solche in ihrer Dimension nicht nach außen hin zeigen, kann aber sprachlich in Wortbedeutungen erfasst werden (vgl. Schwarzer 1987, S. 8o ff.). Angst kann unterschiedlich stark ausgeprägt empfunden werden, als geringfügiges, vages, unsicheres Gefühl, aber auch in Form von Panik. „Die Beschreibung des persönlichen Angsterlebens stellt aus diesem Grunde die wichtigste Informationsquelle dar“ (Schwarzer 1987, S. 8o).
Umgang mit der Angst
So unterschiedlich die Ängste von Menschen erlebt werden, so unterschiedlich gehen sie damit um. Die Angst kann Kräfte zur Bewältigung freisetzen und helfen, eine Bedrohung abzubauen, sie kann aber auch lähmen. Bei einer Aktivierung und einem erfolgreichen Meistern kann die Person reifen und an dieser Aufgabe wachsen. Eine Lähmung und ein Ausweichen statt dem Überwinden der Angst stehen für Stagnation im Entwicklungsprozess (vgl. Riemann 1987, S. 9). Angst und Angstbewältigung stehen immer im jeweiligen Lebenskontext der Person in einer Kultur. Der Umgang mit der Angst und ihre Verarbeitung wird beeinflusst durch den entwicklungsgeschichtlichen Hintergrund. Menschen mit einem niedrigen Sozial- und Bildungsstand
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haben dabei weniger Problemlösungsstrategien zur Angstbewältigung zur Verfügung (vgl. Schwarzer 1987, S. 90 f. u. Muthny 1992, S. 372 ff.).
Nach Lazarus ist die Situations- und Selbsteinschätzung ganz entscheidend für die Angstentstehung und -bewältigung. Tritt Angst als Folge einer Bewertung auf, kann eine emotionale oder problemorientierte Bewältigung erfolgen. Eine weitere Möglichkeit ist die Suche nach Informationen zur Neubewertung der Situation (vgl. Schwarzer 1987, S. 75 ff.). Stehen keine entsprechenden Angstverarbeitungsschritte mehr zur Verfügung, wird die Blickweise der Gefahrenquelle im Sinne der verstärkten Aufmerksamkeit oder gar Vermeidung verändert. Am Ende dieses intrapsychischen Prozesses steht eine realistische oder eher defensive Neubewertung der Situation, die in der Konsequenz entscheidend für das Angsterleben ist (vgl. Krohne 1975, S. 54 ff.). Lazarus hat eine Theorie der kognitiven Erklärung für emotionale Reaktionen wie die der Angst entwickelt. Dem gegenüber stehen eine Vielzahl anderer Angsttheorien, auf die hier nicht näher eingegangen wird (vgl. Krohne 1996, S. 246).
Der Umgang mit der Angst kann Bewältigung oder Distanzierung beinhalten, was als Angstverarbeitung bezeichnet wird und einen unangenehmen Zustand kontrollieren und reduzieren soll. Demgegenüber steht die so genannte Angstabwehr, die eine unangepasste Verhaltensweise oder Disposition der Person kennzeichnet (vgl. Krohne 1975, S.54). Abwehrmechanismen treten dann auf, wenn eine Person keine andere Möglichkeit sieht, mit einer Bedrohung fertig zu werden. Sie werden in der Tiefenpsychologie als Abwehrmechanismen des Ichs bezeichnet 16 (vgl. Zapotoczky et. al. 1986, S. 40 f.) Neben einer Vielzahl an Abwehrformen seien die Verleugnung, Verschiebung und
16 Zu den klassischen Abwehrmechanismen des Ichs gehören nach Freud: Kompensation, Verleugnung, Verschiebung, emotionale Isolierung, Phantasie, Identifikation, Introjektion, Isolierung, Projektion, Rationalisierung, Reaktionsbildung, Regression, Verdrängung, Sublimierung, Ungeschehen machen (vgl. Zimbardo et. al.
1996, S. 534).
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Rationalisierung genannt. Hierbei kann das aktuelle Erleben von der bedrohlichen Situation und der empfundenen Angst abgespalten werden (vgl. Kast 2000, S. 16 ff.). Durch eine verleugnende Haltung 17 wird die Angst in dem Moment der Gefahr gemindert, und die Person sieht sich nicht einer seelischen oder körperlichen Verletzung ausgesetzt.
Ein wichtiger Punkt der Bewältigung ist das Ausmaß und die Art der Emotionsäußerungen. Angst kann sich in Wut, Zorn, Feindseligkeit und Aggression ausdrücken (Kast 2000, S. 20 f.). Werden Emotionen offen gezeigt und belastende und beängstigende Situationen von dem Betroffenen angesprochen, erhalten andere Personen eine Mitteilung darüber und können entsprechend reagieren (vgl. Faller 1997, S. 249). In der heutigen Gesellschaft wird öffentlich dargestellte Angst als Zeichen der Schwäche und Unfähigkeit negativ bewertet und deshalb oftmals verborgen gehalten (vgl. Bühlmann 1998, S. 88).
Um Angstzustände abzubauen und zu normalisieren, werden rationale Denkvorgänge in Bewegung gesetzt. Dies wird auch als kognitive Angstbewältigung bezeichnet (vgl. Willig 1997, S. 132 f.). „Es bleibt wohl eine unserer Illusionen, zu glauben, ein Leben ohne Angst leben zu können (...). Wir können nur versuchen, Gegenkräfte gegen sie zu entwickeln: Mut, Vertrauen, Erkenntnis, Macht, Hoffnung, Demut, Glaube und Liebe. Diese können uns helfen, Angst anzunehmen, uns mit ihr auseinanderzusetzen, sie immer wieder neu zu besiegen“ (Riemann 1987, S. 7).
Nach Kast sind Gegenpole der „eng machenden“ Angst alle „weit machenden“ Emotionen des Menschen wie Freude, Mut und Hoffnung (vgl. Kast 2000, S.21).
Ungewissheit und eine Nichtvorhersagbarkeit können Angst potenzieren und einen lähmenden Einfluss auf das Bewältigungsvermögen nehmen. Ungewissheit entsteht durch die undurchsichtige Situation selbst, durch
17 Unter Verleugnung wird nach Freud die bewusste oder unbewusste Zurückweisung angsterregender äußerer Wirklichkeit mit der Zielsetzung, für das Ich eine Angstentwicklung einzusparen, verstanden (vgl. Klapp 1985, S. 198).
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mangelnde Informationen oder eine ungenügende kognitive Leistungsfähigkeit der Person. Dem steht das Bestreben des Menschen nach Sicherheit gegenüber (vgl. Winkler 2000, S. 47 ff. u. Schwarzer 1987, S. 147 ff.). Auch Lazarus hebt die Ungewissheit neben dem Grad der Hilflosigkeit als ungünstige Bedingung der Bewältigung hervor (vgl. Zapotoczky et. al. 1986, S. 49).
Kreisen also die Gedanken ständig um das angstverursachende Ereignis, kommt es zu einer Angstspirale, und es wird eine sinnlose Angst produziert. Ängste bleiben dabei lähmend und schwächend für die ganze Person. Willig bezeichnet den Dauerzustand der Angst als einen Teufelskreis, der permanent als Stress und Hilflosigkeit erlebt wird (vgl. Willig 1997, S. 131 ff.).
Die krankhafte Angst und Angstlosigkeit
Eine unbegründete und unangemessene heftige Angst wird als psychische Störung angesehen, vor allem dann, wenn die Betroffenen in ihrer Lebensqualität eingeschränkt sind. Die krankhafte Angst kommt häufiger bei Frauen vor und reicht von einer latenten Ängstlichkeit bis hin zur regelrechten Panik. Diese Angst kann als Phobie vor etwas Bestimmtem erlebt werden oder als frei flottierende Angst ungerichtet und ungezielt sein. Ursachen der Angstkrankheiten werden dafür in biologischen, erblichen Prädispositionen und Störungen im limbischen System des Zwischenhirns und der Schläfenlappen des Großhirns vermutet. Neben dieser naturwissenschaftlichen Ursachenforschung stehen auch andere Erklärungsversuche, wonach für die krankhafte Angst aus tiefenpsychologischer Sicht nach Freud, Angst unterdrückte und somit unbewusst gewordene, aggressive oder sexuelle Impulse verantwortlich sind (vgl. Brockhaus 1996, S. 607 ff.).
Gegenüber der unangemessen heftigen Angst steht die Angstlosigkeit bis hin zur regelrechten Angstfreiheit. Es gibt Menschen, die behaupten, von Natur aus angstfrei zu sein. Hier wird auf den Übergang zu einer Angststörung, der krankhaften Angstlosigkeit verwiesen und der Hinweis gegeben, dass diese Personen eine auch sonst mangelhaft ausgebildete Emotionalität (Alexithymie) haben (vgl. Brockhaus 1996, S. 607).
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Um Angst und Angstlosigkeit bei Menschen zu untersuchen, gibt es die Möglichkeit der sprachanalytischen Untersuchung mit der Gottschalk-Gleser-Sprachinhaltsanalyse und der Quantifizierung von bestimmten Worten und Bedeutungen auf ihren emotionalen Inhalt hin (vgl. Faller et. al. 1996, S. 161).
Jacob bemerkt, dass außer bei psychisch betroffenen Personen auch bei organisch Kranken das Symptom der Angstfreiheit aufkommt, dies jedoch nicht bedeutet, dass die Patienten keinerlei Ängste kennen, und diese infolgedessen auch keine Auswirkungen auf das Befinden haben können. Ängste sind da, werden jedoch verdrängt und verschoben. Auch biographische Erlebnisse, Kriegs-und Unfallberichte sowie
lebensgeschichtliche Ereignisse lassen die Patienten in der Situation der Erkrankung angstlos erscheinen. Die alte Lebensepoche ist noch nicht vorbei und überdeckt das momentane Geschehen. Jacob spricht vom Zustand der Angstfreiheit als kompensierte Dekompensation (vgl. Jacob 1996, S. 146 ff.).
Lang merkt an, dass Angstfreiheit ein Paradoxon darstellt und ein gewisses Maß an Angstlust, also Angst als Nervenkitzel beinhaltet. Diese Angstlust kann als Eu-Angst beflügeln, wird das Quantum jedoch überschritten, manifestiert sie sich als Dys-Angst (vgl. Lang et. al. 1996, S. 11 f.). „Wenn es vielleicht im Seelischen überhaupt eine Regel gibt, dann die, daß sowohl zuviel also auch zuwenig Angst ungünstig für menschliches Dasein und sein Gleichgewicht ist“ (Lang et. al. 1996, S. 12).
5 Die Symbolkraft des Herzens
Das schlagende Herz macht dem Menschen wie kein anderes Organ deutlich, dass er in der Welt steht. Seine Funktion entscheidet über Leben und Tod und lässt seinen Inhaber darüber hinaus seine Befindlichkeit spüren.
Die Realität zeigt dem Patienten mit akutem Herzinfarkt das Ausmaß der Notwendigkeit eines richtig schlagenden Herzens; neben körperlichen Signalen wird er auch auf die seelische Dimension der Herzschmerzen hingewiesen. Herzkrankheiten sind keine äußerlich sichtbare Blessur,
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sondern eine Konfrontation mit der Realität des körperlichen Verfalls, beinah dem Tode. Da das Herz ohne unser Dazutun autonom schlägt, macht man sich im Alltag eher weniger Gedanken über seinen immanenten Stellenwert (Lowen 1997, S. 66).
5.1 Das Herz als Organ
Das Herz (lat.: cor) ist ein Teil des Herz-Kreislauf-Systems und dient gewissermaßen als Motor, während die Arterien und Venen das Verteilersystem bilden. Isoliert betrachtet stellt das Herz eine Art Pumpe dar. Als die treibende Kraft im System pumpt es unermüdlich Blut in den Kreislauf des Körpers und versorgt alle Organe mit Nährstoffen. Allerdings verbinden die meisten Menschen mit dem Herzen nicht nur diese Pumpfunktion (vgl. Condrau et. al. 1989, S. 112). „Wenn das Herz nicht am Sein des Körpers beteiligt wäre, wäre es eine Pumpe. (...) Gleichzeitig ist ein Herz aber ein integrierter Bestandteil des Körpers, und in diesem Funktionsbereich leistet es weit mehr, als nur Blut zu pumpen. Es nimmt am Leben des Körpers teil und trägt zum Leben des Körpers bei“ (Lowen 1997, S. 67).
Bevor William Harvey (1578-1657) in England die Entdeckung des Blutkreislaufes verkündete, gab es philosophische Spekulationen und Thesen über die Physiologie und Anatomie des Herzens (vgl. Condrau et. al. 1989, S. 45). Platon sah das Herz als „(...) die Verknüpfung der Adern und die Quelle des durch alle Glieder mit Heftigkeit umgetriebenen Blutes, die der Seele, der Gebieterin, anzeigt, wo im ganzen Organismus etwas nicht in Ordnung ist“ (Hoffmeister 1955, S. 298).
Neben dem Glauben, das Herz sei Sitz der Lebenskraft, gab es auch die Auffassung, dass das Herz gleichermaßen Träger der Seele sei. Aristoteles bestimmte das Herz zum wärmsten Organ im Körperinnersten und somit gleichzeitig zum Sitz der Seele des Menschen, da die Seele immanent an die Lebenswärme gebunden sei (vgl. Ritter et. al. 1995, S. 105).
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5.2 Das Herz als Zentrum der Gefühle und Symbol der Leiblichkeit
Das Herz ist nicht nur ein funktionierendes, sondern auch ein fühlendes Organ, die Redewendungen „das Herz verkrampft sich“, „es schnürt sich zusammen“ und „es zerreißt einem das Herz“ unterstreichen dies. Der Satz „es schneidet einem ins Herz“ bedeutet, dass jemand einen schneidenden Schmerz in der Herzgegend empfindet, gleichzeitig einen seelischen Schmerz in seinem innersten Selbst 18 (vgl. Lowen 1997, S. 68 f.).
Wie zu erkennen ist, ist das Herz das Zentrum aller Lebenskraft, jedoch nicht nur in seiner mechanischen Funktion, sondern auch in seiner emotionalen Wirkkraft. „Es ist nicht dasselbe, ob jemand einen Herzinfarkt hat oder an Herzkummer leidet. Je nachdem ist er oder sie „herzkrank“ oder „herzenskrank“ “ (Schroer et. al. 1998, S. 45). Das „gebrochene“, „kranke Herz“, das Herzensleid und der Seelenschmerz wurden romantisch als Herzens- und Liebesangelegenheit umgedichtet und in der Minnelyrik besungen. Auch wenn in den jeweiligen Epochen durch die Medizin immer mehr über das Organ Herz bekannt wurde, blieb es unbeirrt die Metapher für das Lebens- und Liebesprinzip (vgl. Condrau et. al. 1989, S. 54 f.).
„Das Herz steht für die Identität des Menschen, um die er entweder ängstlich bangt oder die er ganz und gar mit dem geliebten Gegenüber teilen möchte“ (Schroer et. al. 1998, S. 58). Der „Herzschmerz“ brachte hier eine andere Dimension des Schmerzes zum Ausdruck, die des Kummers, der Sorge und der Wehmut.
Die Sprache des Körpers sendet unverkennbare Zeichen und Botschaften, sie hat eine wörtliche und übertragene Bedeutung zugleich und lügt nicht (vgl. Lowen 1997, S. 79 u. S. 86). Leib und Leben, Leib und Seele können nicht isoliert betrachtet werden, sie sind untrennbar miteinander verbunden, genau wie eine Krankheit nicht nur ein krankes Herz befällt.
18 Es ist bekannt, dass Menschen an gebrochenem Herzen sterben, diese Diagnose findet sich jedoch auf keinem Totenschein des 20. Jahrhunderts wieder (vgl. Lynch 1979, S. 31).
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„Es verbildlicht die absolute Untrennbarkeit von Leib und Leben“ (Gadamer 1994, S. 96).
Die Phänomenologie 19 der Leiblichkeit betrachtet nicht allein die harten medizinischen Daten und äußeren Erscheinungsbilder in einem Krankheitsfall, sondern vielmehr das, was Menschen auch am eigenen Leibe spüren 20 . „Läßt der Mensch sich auf die Phänomene der Leiblichkeit ein, so kann er erfahren, daß es (...) Phänomene gibt, die „in der Gegend dieses Körpers“ auch unmittelbar ohne Gebrauch der Sinneswerkzeuge gespürt werden können: z. B. (...) Schmerz, Angst, (...)“ (Schmitz zit. n. Risse 1998, S. 61).
Kein anderes Organ verbindet also Leib und Seele so deutlich, entscheidend ist jedoch die Betrachtungsweise. Spricht man von Leib oder Körper in Medizin und Pflege, wird mal die ganzheitliche Betrachtungsweise vertreten, die Leiblichkeit des Menschen oder mal die funktional körperliche Betrachtungsweise. Es wäre vermessen, die Bedeutung der modernen Kardiologie zu negieren, denn ohne ihre Wissenschaftlichkeit könnten auch heute Menschen mit der Erkrankung Herzinfarkt nicht erfolgreich behandelt werden.
Die ganzheitliche Medizin legt den Fokus der Betrachtung nicht allein auf die somatischen Fakten, die Körperfunktionen, sondern auch auf die psychosomatischen Faktoren und das leibliche Wohlergehen.
5.3 Das Herz als mystisches und religiöses Symbol
Das Herz gilt als Ort des Gewissens. Menschen werden als „kalt- oder warmherzig“ beschrieben, mit einem großen, offenen, weichen Herzen oder einem kaltem aus Stein. Das Wesen eines Menschen wird von je her bildhaft bekundet, stellt doch das Herz gleichermaßen den Sitz der Liebe
19 Phänomenologie ist die Wissenschaft und Lehre, die von der geistigen Anschauung des Wesens der Gegenstände oder Sachverhalte ausgeht und die die geistig-intuitive Wesensschau an Stelle rationaler Erkenntnis vertritt (vgl. Duden Fremdwörterbuch 1990, S. 597).
20 Benutzung des Begriffes Körper versus Leib im Sinne des Denkstils.
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und des Hasses dar und ist in die menschliche Begegnung mit einbezogen. In der Bibel ist der herzlose Mensch nicht ein gefühlsloser Mensch, sondern er ist ein dummer, unvernünftiger Mensch ohne Gedanken (vgl. Schroer et. al. 1998, S. 49). Für die Theologen stellte das Herz ein fundamentales Bildwort für die Liebe Gottes dar (vgl. Bächthold-Stäubli 1987, S. 1797). In der Bibel ist das Herz der Sitz der Vernunft und des Verstandes, ein geheimer Ort für Überlegungen und Pläne, mit dem man „spricht“. Das Innerste des Menschen bleibt Gott nicht verborgen (vgl. Schroer et. al. 1998, S. 50).
Im alten Ägypten stellte das Herz so etwas wie das menschliche Gewissen dar. Beim Eintritt ins Totenreich stand den Verstorbenen eine schwere Prüfung der Götter bevor, das Herzwägen. War das Herz zu leicht auf der Waage gegenüber dem Gewicht der Maat, der Göttin der rechten Ordnung, wurde es von krokodilsköpfigen Totenfressern verspeist. Die damalige Angst vor diesem „zweiten Tod“ war immens (vgl. Schroer et. al. 1998, S. 50 f.).
Das Bewusstsein dieser mystischen und religiösen Symbolkraft des Herzens bestimmt die Ausmaße der Ängste und Emotionen bei Herzerkrankungen (vgl. Käppeli 1998, S. 86). Das Herz macht sich auf zweierlei Weise bemerkbar, es sendet körperliche Signale und regt unser Gemüt. In überlieferten Redewendungen wird dies immer wieder zum Ausdruck gebracht. Im Herzen ist all das, was uns Menschen bewegt, der Mut und die Entschlusskraft oder die Feigheit, Angst und Sorgen. Bei Panik bleibt uns „das Herz vor Schreck stehen oder stockt und „(...) wenn wir Angst haben, wird es uns „bang ums Herz“ “ (Busch 1999, S. 2). Eine Beeinträchtigung des Herzens spiegelt schon symbolisch einen zentralen Angriff auf das Leben und den Kern des Daseins wider (vgl. Benner et. al. 1997, S. 263).
5.4 Naturwissenschaftliche Herzbetrachtung
Die Betrachtungsweise des Menschen hat sich im Laufe der Jahrhunderte verändert, vor allem durch die Fortschritte der Medizin und ihre zunehmenden anatomische und physiologische Kenntnissen. Sie wurde analytisch-mathematisch mit festen Messgrößen und nicht mehr auf
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Vorkommnisse übernatürlicher Sinnzusammenhänge beschränkt. Es gab Ursache-, Wirkungs- und Wahrheitsprinzipien. Infektionserreger wurden entdeckt, und somit galten Krankheiten nicht länger als Strafe Gottes, sondern als Störungen der Natur (vgl. Benner et. al. 1997, S. 53). Für die Möglichkeit dieser äußeren Betrachtung und Abstandsgewinnung wurde der Mensch in eine Seele und einen Körper aufgeteilt, um den naturwissenschaftlichen Messungen einen exakten Zugang zu verschaffen. Der Körper, gedacht als Körpermaschine, bot der Wissenschaft einen objektiven Zugang. Der seelische Bereich wurde dabei ausgeklammert, er galt als wissenschaftlich nicht verständlich und wurde in den Bereich der Privatsphäre und Poesie verbannt (vgl. Risse 1998, S. 60).
Schon in der griechischen Antike greift Aristoteles zum Kunstgriff der Leib-Seele-Trennung, um so im Sinne des möglichen Vernunftsvollzuges die Wahrheit zu entdecken (vgl. Siebolds 1997, S. 8 u. S. 12). Die Aufteilung des Menschen in einen Körper und eine Seele, die „Subjekt-Objekt-Spaltung“ wird als anthropologischer Dualismus bezeichnet. Gefühle, Gedanken und Empfindungen werden damit ausgeklammert 21 (vgl. Risse 1998, S. 61 u. S. 176).
Der französische Philosoph René Descartes (1596 - 1650) stellte mit seiner Theorie die Weichen zur dualistischen Sichtweise des Menschen und zum Beginn der modernen Naturwissenschaft. Er betrachtete Körper und Geist als zwei getrennte Größen. Der „herzlose“ Mensch wird nun per kartesianischer Sichtweise von seinem restlichen Organismus und von seiner seelischen Funktion getrennt. Nicht der Erkrankte als Person, sondern seine erkrankten Organe werden betrachtet, nicht sein Empfinden, sondern die durch Diagnostik gewonnenen objektiven Messwerte. Der Zugriff zum Körper erfolgt ohne weitere ethische Legitimation, mit der Suche nach der einen Wahrheit. Das, was messbar ist, ist auch beherrschbar. Dieses Bild vom Körper als Maschine entwickelte sich im 17. und 18. Jahrhundert der englischen Empiristen weiter. Die klassische Medizin richtete ihren naturwissenschaftlichen
21 Inhalte, mit denen sich der Geist beschäftigt, sind privat und nicht zugänglich (vgl. Benner et. al. 1997, S. 56).
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Denkstil auf das Paradigma der sensualistischen Reduktion 22 (vgl. Benner et. al. 1997, S. 51 ff.).
Die maschinelle Betrachtungsweise des Körpers ist auch in die Umgangssprache mit eingeflossen und somit in das Denken der Menschen gelangt. Lowen bezeichnet dies mit dem Oberbegriff Maschinensprache und weist darauf hin: „Wir identifizieren uns mit der Maschine, die in ihrem begrenzten Funktionsbereich mehr leistet als der Körper. Schließlich sehen wir den Körper nur noch als Maschine und verlieren seine vitalen und empfindenden Bereiche aus den Augen“ (Lowen 1997, S. 67). Auch in heutiger Zeit ist dieses mechanistische Modell gültig, bei dem Krankheiten als Betriebsstörung betrachtet, exakt vermessen und repariert werden. Mit Ausdrücken von Organen, die funktionieren oder nicht, heil oder kaputt sind, sprechen die Patienten heutzutage von ihrem Körper (vgl. Mittag 1996, S. 29). Als Laien werden sie aufgefordert, in ihr Körperinneres zu schauen, so kann beispielsweise das Herz vom Patienten bei einer Koronar-Angiographie betrachtet werden. Als einen materiellen Beweis ihrer Krankheit oder wiederhergestellten Gesundheit erhalten sie eine Röntgenaufnahme. „Heute trägt die moderne Vorstellung vom Körper als Maschine dazu bei, aus dem Körper den stummen und gewissermaßen neutralen Sitz einer von der Medizin kontrollierbaren Krankheit zu machen“ (Herzlich et. al. 1991, S. 94).
Es ist unromantisch um die Herzleiden geworden. Man agiert nun in allen Lebensphasen der Menschen diagnostisch und operativ. Neue Herausforderungen stellt die „Machbarkeit“ der Implantationen von Kunstherzen dar und somit die Möglichkeit, das Herz in seiner Funktion künstlich zu ersetzten. Das Herz ist heute weniger Symbol für seine allumfassende Lebenskraft und seinen Wesenskern, sondern für eine rationale und vernunftgesteuerte Weltanschauung und moderne Medizintherapie (vgl. Condrau et. al. 1989, S. 59 f. u. 111 ff.).
22 „Unter sensualistischer Reduktion versteht man die Vorstellung, dass alle stofflichen Phänomene der Welt messbar sein müssen, vorausgesetzt, man hat die Technik dafür“ (Siebolds 1997, S. 9).
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6 Die Lebenssituation des Herzinfarkterkrankten
Bei jeder Krankheit ist man anders krank. Die Lebenssituation, das Geschlecht und die Biographie des Erkrankten haben begünstigenden oder nicht begünstigenden Einfluss darauf (vgl. Benner et. al. 1997, S. 264).
Es wird immer wieder neu erforscht und belegt, welche Faktoren nun letztendlich ausschlaggebend, ja dominant sein können in der Pathogenese eines Herzinfarktes. Für den Herzkranken stellt sich nicht nur die Frage nach der Entstehung einer Krankheit, sondern auch die Frage des In-der-Welt-Seins und den Möglichkeiten, der Krankheit entgegenzutreten (vgl. Benner et. al. 1997, S. 89 ff.).
6.1 Biographie
Die Lebensgeschichte des Patienten spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Herzinfarktes. Oft wird von den Betroffenen bei der Aufnahme im Krankenhaus der initiale Grund oder die Schuldzuweisung für die Entstehung des Herzinfarkts benannt. Neben den tagtäglichen Alltagsbelastungen, „daily hassles“, die oft gar nicht als Stress wahrgenommen werden, werden krisenhaften Lebensereignissen die Schuld an der Erkrankung zugewiesen wie zum Beispiel der Ehescheidung, dem Tod naher Personen oder sich wandelnden Lebenssituationen wie zum Beispiel das Ausscheiden aus der Berufstätigkeit (vgl. Mittag 1996, S. 54). Dies kann jedoch nicht verallgemeinert werden, denn der Herzinfarkt kann auch aus einem völligen Wohlbefinden heraus, ohne externe Belastungen auftreten. Die Biographie kann schlimmster Art sein, jedoch ohne gesundheitliche Folgen und umgekehrt. Jeder Mensch ist in seiner Lebenswelt 23 sozialisiert, das Auftreten von Krankheiten und die Auseinandersetzung mit ihnen finden vor diesem Hintergrund statt (vgl. Benner et. al. 1997, S. 10).
23 Benner spricht von dem Konzept der Lebenswelt, der alltäglichen Wirklichkeitsregion des Menschen. Diese Lebenswelt prägt den Menschen, bietet ihm Chancen oder stellt Begrenzungen des Handels dar (vgl. Benner et. al. 1997, S. 10).
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In vergleichenden Untersuchungen der Lebensgeschichte Herzkranker werden Typisierungen der Betroffenen vorgenommen „(...) daß nämlich alle Patienten in den vier basalen Bedürfnissen schwere Entbehrungen hatten erfahren müssen: im Gefühl der Zugehörigkeit, der Sicherheit, der Liebe und des Prestiges“ (Condrau et. al. 1989, S. 91). Herzkrankheiten gelten auch heute noch als Gemütskrankheiten, denen mangelnde Liebesfähigkeit im beruflichen Erfolgsrausch, Liebesentzug und Einsamkeit zugrunde liegen (vgl. Condrau et. al. 1989, S. 109). Zusätzlich werden eine Vielzahl von sozialen Belastungsfaktoren wie beispielsweise hohe Kinderzahl, geringes Einkommen, Wechselschichten, extrem negatives Gesundheitsverhalten, soziale Isolierung,
Konfliktverdrängung und geringes Bewältigungsvermögen 24 genannt. Mit Abnahme der sozialen Schicht steigt besonders bei Frauen, die wenig bis gar nicht qualifizierte Arbeitstätigkeiten verrichten, das Risiko eines Herzinfarkts.
Des weiteren können subjektiv empfundene Überlastung und Konflikte am Arbeitsplatz als disponierende Faktoren für einen Herzinfarkt genannt werden (vgl. Maschewsky et. al. 1982, S. 61 u. S. 131 u. S. 140). Nicht zuletzt ist es das Alter, das neben der Schwächung der Organfunktionen auch durch die psychosoziale Isolierung die Lebensqualität erheblich mindert. „So kennt man auch den sogenannten »Pensionierungstod«, das plötzliche Erlahmen der Herz-Kreislauftätigkeit“ (Condrau et. al. 1989, S. 100). Auch kann es zu folgenschweren Änderungen der persönlichen, emotionalen und sozialen Situation beim Verlust des Ehepartners kommen 25 (vgl. Condrau et. al. 1989, S. 103 u. Lynch 1979, S. 81).
24 Maschewsky bezeichnet dies als eine für die Unterschicht typische Sozialisation (vgl. Maschewsky et. al. 1982, S. 62).
25 Viele Männer sterben innerhalb der ersten sechs Monate nach dem Tod der Ehefrau an Herzinfarkt. Dieses Phänomen wird „broken heart“ genannt (vgl. Condrau et. al. 1989, S. 103).
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Keine Station einer Biographie kann allein für das Entstehen des Herzinfarktes ausgemacht und verallgemeinert werden, sie können nur als Disposition betrachtet werden 26 .
6.2 Persönlichkeit
Das Erleben, die Interpretation und das Verhalten in vergleichbaren Situationen unterscheiden sich aufgrund der Individualität der Menschen (vgl. Benner et. al. 1997, S. 65). Trotz aller Einzigartigkeit des Menschen gibt es Personengruppen mit gemeinsamen, prägnanten Verhaltens- und Beschreibungsmerkmalen. In den 50er Jahren belegten die Kardiologen Friedmann und Rosenmann, dass besonders bei den Erkrankungen der Herzkranzgefäße eine Beziehung zwischen den Charaktereigenschaften eines Menschen und der Wahrscheinlichkeit einer auftretenden Herzerkrankung besteht (vgl. Zimbardo et. al. 1996, S. 397).
Die Wissenschaftler stellten zwei disponierende Verhaltensmuster fest, die die Bezeichnung Typ A und Typ B erhielten. „Das Typ-A-Verhalten 27 ist ein komplexes Muster von Verhalten und Emotionen, daß sich durch extremes Konkurrenzverhalten, Aggressivität, Ungeduld, große Hast und Feindseligkeit auszeichnet. Menschen vom Typ A sind oft unzufrieden mit wichtigen Aspekten ihres Lebens, sie sind sehr konkurrenzbewußt und ehrgeizig und oft Einzelgänger“ (Zimbardo et. al. 1996, S. 397). Menschen mit dem Typ-A-Verhalten 28 erkranken nachweislich wesentlich häufiger an Herzinfarkt als andere (vgl. Mathes 1991, S. 35). Glass stellte fest, dass Typ-A-Persönlichkeiten ein starkes Kontrollbedürfnis haben und Wert auf Autonomie legen. In Situationen, wo sie unwiderruflich mit den Grenzen der Kontrolle konfrontiert werden, ist eine extreme Form der Resignation zu sehen. Dies führt auch zu einem
26 Weizsäcker sieht die Entstehung von Krankheiten im Zusammenhang mit der lebensgeschichtlichen Situation des Patienten und mit der Frage nach dem Sinn der Erkrankung (vgl. Mittag 1996, S. 31).
27 Texthervorhebung im Original
28 Neuerdings wird besonders dem feindseligen Verhalten ein hoher Stellenwert als disponierendem Faktor zugewiesen (vgl. Zimbardo et. al. 1996, S. 398).
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erschwerten Miteinander im Behandlungsprozess (vgl. Benner et. al. 1997, S. 271).
Ängstliches und passives Verhalten weicht dem genannten aggressiven, wie die Untersuchung von Maschewsky et. al. deutlich macht 29 . Hier zeigen vor allem Männer in der Lebensphase von 55 - 64 Jahren „(...) im Persönlichkeitsbereich: mehr Angst, Depressivität, Verdrängung, weniger aktives Bewältigungsverhalten“ (Maschewsky et. al. 1982, S. 77). Ein Typ-A-Verhaltensmuster konnte bei Frauen in dieser Untersuchung nicht festgestellt werden (vgl. Maschewsky et. al. 1982, S. 148 u. S. 177). Demgegenüber stehen Menschen mit dem Typ-B-Verhaltensmuster, die eher Gelassenheit und innere Ruhe ausstrahlen. Dies kommt einem gesundheitsfördernden Verhalten näher und kann vor Herzerkrankungen schützen (vgl. Benner et. al. 1997, S. 266 u. S. 270). „Das Typ-B-Muster umfaßt alles, was nicht zu Typ A gehört: Menschen des Typs B sind weniger konkurrenzbewußt, weniger feindselig usw“ (Zimbardo et. al. 1996, S. 398).
Des weiteren wurde der Verhaltenstyp C mit der eher passiven Akzeptanz einer Krankheitssituation erforscht. Hierbei wurde einer schweren Krankheit weniger Kampfgeist entgegengebracht, was nicht als die beste Reaktion auf Krankheit eingeschätzt wird (vgl. Zimbardo et. al. 1996, S. 398). „Menschen mit Typ-C-Verhalten wurden beschrieben als „nett“, gleichmütig oder selbstaufopfernd, kooperativ und beschwichtigend, unbestimmt, geduldig, nachgiebig gegenüber externen Autoritäten, ohne Ausdruck negativer Emotionen, insbesondere von Ärger“ (Temoshok zit. n. Zimbardo et. al. 1996, S. 398).
Im Rahmen der Diskussion über die Korrelation von Gesundheit und Krankheit gilt Optimismus als treibende Kraft zu gesundheitsförderndem Verhalten. „Optimisten haben weniger Krankheiten, erholen sich schneller von bestimmten Krankheiten und leben länger“ (Zimbardo et. al. 1996, S. 400).
29 Maschewsky untersuchte empirisch mittels Fragebogen die sozialen Ursachen des Herzinfarktes, mit Schwerpunkt der Analyse der Arbeitswelt- und Arbeitsbereiche (vgl. Maschewsky et. al. 1982, S. 16 f. u. S. 38 f.).
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Bei der Erstellung der Verhaltensmuster von Friedman und Rosenman fehlt das Verhaltensprofil des ängstlichen Menschen, geprägt von Anpassung, dem Ausweichen vor Konflikten, ängstlicher Rücksichtnahme und wenig aggressivem Widerstandsverhalten 30 (vgl. Condrau et. al. 1989, S. 85 ff.).
6.3 Stressbelastung
Die meisten Patienten, die einen Herzinfarkt erlitten haben, bringen die Ursache des Infarkts mit Stress 31 in Verbindung, sei es privat durch den Verlust eines nahen Angehörigen oder beruflich durch stark veränderte Lebensbedingungen (vgl. Mathes 1991, S. 34). Die Stresstheorie von Lazarus besagt, dass das Phänomen Stress sich gleichermaßen auf die Person wie auf eine Situation bezieht. Die Einschätzung der Person und ihre adaptive Beziehung zum Kontext wird von Lazarus als Transaktion bezeichnet (vgl. Benner et. al. 1997, S. 85). Diese Bewertungstheorie unterscheidet zwei Phasen der kognitiven Bewertung. Die anfängliche Einschätzung der Ernsthaftigkeit einer Situation bezeichnet Lazarus als primäre Bewertung (primary appraisal). Hier wird ausgemacht, ob der Stressor, das Reizereignis eine schädliche Wirkung haben kann und welche entsprechenden Handlungen oder Alternativen erforderlich sind. In einem zweiten Schritt folgt die sekundäre Bewertung (secondary appraisal) der Stresssituation. Ist eine Handlung erforderlich, werden die zur Verfügung stehenden persönlichen und sozialen Handlungsmöglichkeiten (Ressourcen) geprüft. Auch während der Bewältigungsversuche gegen den Stressor werden immer wieder Situation und Erfolg oder Misserfolg der angewandten Strategien beurteilt und verändert. Es findet eine Neubewertung (reappraisal) der Bewältigungsstrategie statt (vgl. Zimbardo et. al. 1996, S. 376).
30 Die weitere Differenzierung des Typ-A-Verhaltensmusters wurde von Friczewski vorgenommen (vgl. Condrau et. al. 1989, S. 85 ff.).
31 Der Begriff Stress (aus dem Englischen übersetzt als Druck, Belastung, Spannung) wurde Mitte der 50er Jahre von Selye mit der Erklärung des Aktivierungsvorgangs der Abwehr oder Anpassung einer situativen Bedrohung eingeführt (vgl. Mittag 1996, S. 51 f. u. Seel 1994, S. 375).
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Arbeit zitieren:
MScN Stefanie Monke, 2000, Bang ums Herz - Emotionen von Patienten bei akutem Herzinfarkt auf der Intensivstation unter besonderer Berücksichtigung von Angsterleben, München, GRIN Verlag GmbH
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