Inhaltsverzeichnis I
Inhaltsverzeichnis
INHALTSVERZEICHNIS 2
1. INHALT UND KONZEPTION DER ARBEIT. 3
2. DIE GESCHICHTE DES JAKOBSWEGES 5
2.1. DIE JAKOBUSLEGENDE 5
2.2. DIE MISSIONSTÄTIGKEIT DES APOSTELS IN SPANIEN 5
2.3. AUFSTIEG UND NIEDERGANG DER SANTIAGO-PILGERFAHRT 7
2.4. DIE ERNENNUNG DER JAKOBSWEGE ZUR ERSTEN EUROPÄISCHEN KULTURSTRAßE 9
3. DIE STRUKTUR DES JAKOBSWEGES IM MITTELALTER 10
3.1. DIE IDEOLOGISCHE EBENE 10
3.1.1. Politische Umstände als Auslöser der Pilgerfahrt 10
3.1.2. Exkurs: Der Strukturwandel der mittelalterlichen Gesellschaft 15
3.1.3. Rechtsschutz GHU3LOJHUXQG9HUlQGHUXQJGHV HJULIIVÄ3LOJHU 16
3.1.4. Der mittelalterliche Pilgerführer 17
3.2. DIE RÄUMLICHE EBENE 19
3.2.1. Das Wegenetz 19
3.2.2. Die Unterkünfte 22
3.3. DIE PERSÖNLICHE EBENE 25
3.3.1. Die Entwicklung der Pilgerschaft 25
3.3.2. Religiöse Motive 27
3.3.3. Die Motive im Wandel 29
3.3.4. Handel und Wirtschaft 32
3.3.5. Der Missbrauch der Pilgerfahrt 33
3.4. DER STRUKTURWANDEL DER PILGERFAHRT NACH MIECK 34
3.5. ZUSAMMENFASSUNG 37
4. DIE STRUKTUR DES HEUTIGEN JAKOBSWEGES 40
4.1. DIE IDEOLOGISCHE EBENE 40
4.1.1. Die Zielsetzung des Europarats 40
4.1.2. Exkurs: Identität 42
4.1.3. Bildung einer europäischen Identität 45
4.1.4. Der Jakobsweg als Kulturstraße 51
4.1.4.1. Marketing und Tourismusförderung 55
4.1.4.2. Kommunikation 56
4.1.4.3. Erlernen und Erleben von Geschichte 59
4.2. DIE RÄUMLICHE EBENE 60
4.2.1. Das Wegenetz 60
4.2.2. Die Unterkünfte 65
4.3. DIE PERSÖNLICHE EBENE 67
4.3.1. Die Motive der Jakobspilger 67
4.3.2. Authentizität 74
4.4. DIE DARSTELLUNG DES JAKOBSWEGES IN DEN TAGESZEITUNGEN UND PILGERBERICHTEN 82
4.4.1. Tageszeitungen 82
4.4.2. Pilgerberichte 88
4.5. ZUSAMMENFASSUNG 97
5. AUSBLICK. 98
LITERATURVERZEICHNIS 101
Inhalt und Konzeption der Arbeit 3
1. Inhalt und Konzeption der Arbeit
Anfang des 9. Jahrhunderts wurde im Königreich Asturien, im heutigen Nordwesten
Spaniens , das Grab des Apostels Jakobus des Älteren aufgefunden. Eine kleine Kirche
wurde zu Ehren des Heiligen errichtet, die Stadt Santiago de Compostela entstand und
entwickelte sich von einer regional verehrten Pilgerstätte zu einer der drei größten Pil-
gerziele der Christenheit. Die Pilgerfahrt auf dem so genannten Jakobsweg unterlag
allerdings strukturellen Veränderungen, die bereits im ausgehenden Spätmittelalter ein-
setzten und den vorerst endgültigen Niedergang im 17. Jahrhundert einleiteten. Heute
erlebt die Pilgerfahrt einen enormen Popularitätszuwachs. Insbesondere in den Heiligen
Jahren , wenn der Jakobustag, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt, kommen Millionen
von Menschen in die Stadt des Apostels. Seit Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts
entwickelte sich noch ein anderes Phänomen, das in engem Zusammenhang mit der
Ernennung der Jakobswege zur Ersten Europäischen Kulturstraße durch den Europarat
steht und in der vorliegenden Arbeit näher betrachtet wird: Immer mehr Menschen be-
geben sich auf den Jakobsweg und bewältigen die Strecke nach Santiago de Compostela
zu Fuß, mit dem Fahrrad oder zu Pferd und erhalten dafür bei religiöser oder spiritueller
Motivation nicht nur einen Ablass, sondern zusätzlich eine Bestätigung der vollzogenen
Pilgerfahrt in Form einer Urkunde, der compostela. In Anlehnung an die historische
Pilgerfahrt steht besonders die Authentizität im Mittelpunkt, so dass Fußpilger im Ver-
gleich zu den Radfahrern den größeren Anteil ausmachen. Die Pilgerfahrt zu Pferd
kommt nur in äußerst seltenen Fällen vor, da diese Art des Reisens mit erhöhtem Auf-
wand und meistens mit Schwierigkeiten verbunden ist.
Grunds ätzlich erscheint es daher verwunderlich, dass in Zeiten der Massenmobilität
das Gehen eine derart zentrale Rolle einnimmt, was auch Wolfgang Brückner in Bezug
auf die Wallfahrt feststellt. 1 Wolfgang Wehap stellt das Gehen in unserer Gesellschaft
als einen Kompensations- und Regenerationsfaktor dar 2 und beschreibt Wallfahrt als
Suche der Menschen nach unbeschädigter Mitmenschlichkeit. 3 Peter Assion erkennt in
der heutigen Wallfahrt ein RQWUDVWHUOHEQLV XU Ä7HLOQDKPVORVLJNHLW XQG NDOWHQ e-
sch äftsPl LJNHLW GHV QRUPDOHQ /HEHQV , 4 das Emotionen evoziert, die die Leistungs-
1 Vgl. Brückner 2000, S. 329.
2 Vgl. Wehap 1997, S. 13.
3 Vgl. Ebd., S. 154.
4 Assion, Peter, zitiert nach Wehap 1997, 153
Inhalt und Konzeption der Arbeit 4
und Konsumgesellschaft nicht befriedigen kann. Derartige Ansätze haben ihre Berechti-
gung , reichen für eine Erklärung der Popularität des Jakobsweges allerdings nicht aus.
Die Ziele der vorliegenden Arbeit sind es, die Struktur des heutigen Jakobsweges als
Kulturstra ße zu skizzieren, die strukturellen Unterschiede im Vergleich zur Santiago-
Pilgerfahrt im Mittelalter zu verdeutlichen und zusätzlich eine Antwort auf die Frage zu
finden , welche Faktoren für den Erfolg des Jakobsweges in der heutigen Zeit verant-
wortlich sind. Die mittelalterliche Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela ist seit vie-
len Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen, die eine Vielzahl von Lite-
ratur hervorgebracht haben. Besonders die Veröffentlichungen von Klaus Herbers und
Robert Plötz haben die Forschungen zum Jakobsweg maßgeblich beeinflusst und dienen
daher in der vorliegenden Arbeit den Untersuchungen der Strukturen der mittelalterli-
chen Pilgerfahrt als Grundlage. Der heutige Jakobsweg als Kulturstraße hat bislang we-
nig wissenschaftliches Interesse hervorgerufen, wodurch kaum Literatur zum Thema
vorhanden ist. Die Untersuchungen der Strukturen des heutigen Jakobsweges beinhalten
daher zum Teil Erfahrungen, die der Verfasser auf dem spanischen Teil des Jakobswe-
ges im Jahr 2002 gemacht hat. Auf die Verwendung von spanischer Literatur musste
verzichtet werden, da der Verfasser nur über geringe Spanischkenntnisse verfügt.
Die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela lässt sich vereinfacht anhand von drei
Ebenen darstellen, die als Ideologische, Räumliche und Persönliche Ebene definiert
werden. Die Ideologische Ebene bezieht sich auf ideelle Entwicklungen des Jakobswe-
ges , die einen politischen oder religiösen Hintergrund haben und daher einer bestimm-
ten Ideologie folgen. Die Räumliche Ebene betrifft die Veränderungen der Jakobswege
im Raum und bezieht sich in erster Linie auf die infrastrukturellen Elemente: Die Wege
und die Unterkünfte. Die Persönliche Ebene bezieht sich auf die individuelle Motivation
der Pilger und auf den Wandel und die Vermischung von Motiven. Zunächst wird im
zweiten Kapitel in einer kurzen Zusammenfassung die historische Entwicklung des Ja-
kobswegs von der Jakobuslegende bis hin zur Ernennung zur Kulturstraße beschrieben.
Im dritten und vierten Kapitel werden die Strukturen der mittelalterlichen Pilgerfahrt
und des heutigen Jakobsweges anhand der drei bereits genannten Ebenen untersucht. Im
f ünften Kapitel wird ein Ausblick auf die zukünftige Entwicklung gegeben
2. Die Geschichte des Jakobsweges
2.1. Die Jakobuslegende
Der heilige Jakobus, so die Legende, soll nach der Himmelfahrt Christi in Spanien seine Predigten gehalten haben, und dann, nach eher fruchtlosen Bemühungen, mit seinen Jüngern ins heilige Land zurückgekehrt sein. Die Bevölkerung dort hatte sich mehrheitlich vom Wort Gottes abgewandt und sprach den Wundern des pharisäischen Zauberers Hermogenes und seinem Schüler Philetos Bewunderung zu. Beide ließen sich von den Wundertaten des Jakobus überzeugen und konnten zur Verkündung des Wortes Gottes bewegt werden. Den Juden in Palästina missfiel diese Missionstätigkeit. Sie ließen ihn durch den Hohepriester Abjathar bei König Herodes anklagen, der ihn zum Tode verurteilte. Auf dem Weg zur Vollstreckung heilte Jakobus einen Lahmen. Als sein Begleiter, der Schriftgelehrte Josia, das Wunder sah, ließ er sich von Jakobus taufen, um Christ zu werden. Zur Strafe ließ Abjathar beiden den Kopf abschlagen. Jakobus erlitt somit als erster Apostel 44 n. Chr. das Martyrium. An dieser Stelle erzählt die Legende von der wundersamen Überfahrt nach Spanien. Ein unbemanntes steinernes Schiff kam von hoher See gefahren, um den Leichnam des Heiligen abzuholen und an die galizische Küste zu bringen. Sieben Tage dauerte die Reise und am Ziel angekommen, hob sich der Leichnam in die Lüfte und landete direkt im Herzen der Sonne. Diese Kraft führte ihn weiter bis an den Ort, an dem er sein Grabmal bekommen sollte. Im Laufe der Jahrhunderte geriet das Grab allerdings in Vergessenheit und erst am Anfang des 9. Jahrhunderts führte ein hell leuchtender Stern einen Hirten an den Ort, wo der Leichnam des Apostels gefunden wurde. 5
2.2. Die Missionstätigkeit des Apostels in Spanien
hEHUGLH0LVVLRQVWlWLJNHLWGHV-DNREXV¶LQ6SDQLHQLVWLQGHQ4XHOOHQZLFKWLJHUVpani- scherAutoren zwischen dem 4. und 8. Jahrhundert zunächst kein Hinweis zu finden. Zu Beginn des 7. Jahrhunderts verbreitete sich innerhalb der westlichen Welt allerdings eine modifizierte lateinische Übersetzung der in Griechisch verfassten Apostelkataloge. Dabei wurden unter anderem Texte hinzugefügt, die von einer Missionstätigkeit des
5 Vgl. Bottineau 1987, S. 39-41; vgl. Herbers 1998, S. 13.
Heiligen Jakobus in Spanien berichten und seine Rückkehr ins Heilige Land und den dortigen Tod bezeugen. Diese Texte wurden von der spanischen Christenheit nicht anerkannt, verleugnet und bekämpft. Die Gegenüberstellung zeitgleicher Texte aus Spanien und dem europäischen Ausland zeigt, dass die Spanier sich mit einer von außen aufgezwungenen Tradition nicht identifizieren wollten. 6 Während der muslimischen Invasion jedoch gewann die Überzeugung von einer Missionstätigkeit des Apostels in Spanien langsam an Kontur. Den ersten Anstoß in diese Richtung gab der in Oviedo lebende und schaffende Mönch Beatus in seinen 776 entstandenen Kommentaren zur Apokalypse, in denen er die Christianisierung Spaniens durch den Apostel bestätigt. Mit Hilfe des asturischen Königs Mauregatus erreichte Beatus die Ernennung des Heiligen Jakobus zum Schutzherrn der iberischen Halbinsel. Nach dem Tod des Königs und den darauf folgenden heftigen, aber erfolglosen Angriffen der Muslime auf das asturische Reich, gewann der Apostel an Popularität. 7 Damit wurden schon im Vorfeld die Weichen für einen Identifikationsprozess 8 der Bevölkerung mit dem Apostel Jakobus gestellt, der sich durch die Auffindung des Grabes vollständig entfaltete. Die Frage nach einer Missionstätigkeit des Apostels in Spanien ist bis heute nicht geklärt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die echten Gebeine des Heiligen Jakobus in Santiago de Compostela begraben liegen, ist allerdings sehr gering. Miguel de Unamuno PHUNWDQGDVVÄHLQPRGHUQHU0HQVFKNULWLVFKHQ*HLVWHVDXFKZHQQHUQRFKVRNDWKo- lischist, nicht annehmen kann, der Leichnam des heiligen Jakobus des Älteren befinde VLFKLQ&RPSRVWHOD³ 9 Für Yves Bottineau handelt es sich bei der Auffindung des Grabes allerdings nicht um Betrug, sondern um eine in gutem Glauben begangene Folge von Irrtümern. 10 Die Überreste des Leichnams sind mit großer Wahrscheinlichkeit Be-standteile eines Skeletts aus dem Grab eines antiken Friedhofs. Die Bezeichnung Compostela leitet sich nicht, wie fälschlicherweise häufig vermutet, von campus stellae Ä)HOG GHV 6WHUQV³ DE, sondern von compostum oder compostela, was Friedhof bedeutet. 11
6 Vgl. Bottineau 1987, S. 32-33.
7 Vgl. Ebd., S. 33-34.
8 Vgl. Herbers, 1998, S. 18.
9 Unamuno, Miguel de, zitiert nach Bottineau 1987, S. 37.
10 Vgl. Ebd.
11 Vgl. Ebd., S. 36.
2.3. Aufstieg und Niedergang der Santiago-Pilgerfahrt
Zunächst war Compostela nur ein lokaler, asturischer Wallfahrtsort 12 . Alfons der Keusche ließ an der Auffindungsstelle des Grabes eine kleine Kirche errichten, die Alfons III. 872 durch ein schöneres und größeres Bauwerk ersetzen ließ. Im Jahre 900 wurde der Bischofssitz von Iria Flavia, heute Padrón, nach Compostela verlegt, wodurch der Ort an Bedeutung gewann. Im 10. Jahrhundert kamen die ersten französischen Pilger nach Santiago und das Grab des Heiligen geriet mehr und mehr in überregionalen Focus. Allerdings ließen die Gefahren, insbesondere die muslimischen Ein- und Überfälle auf den Norden Spaniens, keine Etablierung beständiger Pilgerrouten zu. Die Pilgerzahlen nahmen nach der Plünderung Pamplonas 924 und der Zerstörung der dortigen Kathedrale beträchtlich ab. Erst ab dem Jahr 980 wurden die Pilgerwege wieder sicherer und die Zahl der Pilger erhöhte sich. Einen herben Rückschlag erhielt Compostela im Jahre 997, als am 1. August die Stadt, geführt vom großen Feldherrn Al-Mansur vom Geschlecht der Omaijaden, von den Muslimen erobert und die Basilika aus der Zeit Alfons des Keuschen zerstört wurde. 1002 starb Al-Mansur und wenige Jahre später auch sein Sohn. Die Herrschaft der Omaijaden brach zusammen und die muslimische Gefahr, insbesondere für die Pilgerwege, nahm ab. Die Reconquista machte erhebliche Fortschritte: Wichtige Städte entlang der Pilgerstraßen wurden eingenommen. Die Befreiung der iberischen Halbinsel war aber noch nicht abgeschlossen; die bestehenden Gebiete mussten gesichert und der Süden des Landes erobert werden. Zu diesem Zweck sollten dem Heiligen Jakobus, dem Schutzherren dieses Unterfangens, mehr Gebete und Ehre zuteil werden. Die Glanzzeit der Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela liegt somit im ausgehenden 11. und zu Beginn des 12. Jahrhundert. Einen wichtigen Anhaltspunkt dafür gibt der Bau der noch heute zu bewundernden romanischen Kathedrale in Santiago im Jahre 1077.
Der Islam stellte für den Okzident eine große Gefahr dar, die gebannt werden musste. Spanien richtete einen Hilferuf an Frankreich, dem zwischen 1017 und 1120 zwanzig Hilfsexpeditionen folgten. Der Papst und die Äbte von Cluny hatten beschlossen, den spanischen Christen zu Hilfe zu kommen. Grundlegend dafür waren in erster Linie die für das Mittelalter typische tiefe Frömmigkeit und ein starker Glaube. Grundherren nahmen an den Kreuzzügen gegen die Ungläubigen teil und einfache Christen folgten
12 Für die folgenden Ausführungen vgl. grundlegend Bottineau 1987, S. 30 und S. 50-58.
ihnen, um die eroberten Gebiete zu besiedeln. Cluny übernahm eine wichtige Rolle bei der Gründung neuer oder der Reformation alter Abteien und Klöster. Es erfolgte somit eine Symbiose zwischen den Königreichen Spaniens und den mächtigsten Klöstern Frankreichs, was den kulturellen Austausch förderte und die erhöhten Zahlen französischer Pilger erklärt. Der Erfolg der Pilgerfahrt kann laut Bottineau aus dieser Zusammenarbeit abgeleitet werden. 13
Nachdem die Gefahren gebannt waren, erhielt der Jakobuskult weitere Unterstützung durch den Bau und die Instandsetzung von Brücken und Straßen. Zudem fanden die Pilger Unterschlupf in den Klöstern und Hospizen; ihre Wege wurden durch das Erscheinen von Pilgerführern erleichtert. Es bildete sich ein regelrechter Wirtschafts- und Tourismuszweig heraus. Die Pilgerfahrt nach Santiago zog in Bezug auf Ansehen und in Bezug auf die Pilgerzahlen gleich mit den großen Pilgerzielen der Christenheit, Rom und Jerusalem. Der Augsburger Sebald Ilsung berichtet über seine 1446-48 unternommene Spanienreise, Santiago de Compostela sei, abgesehen von der Pilgerfahrt ins Heilige Land, diejenige mit den meisten Pilgern. 14 Unter den Pilgern befanden sich viele bekannte und berühmte Persönlichkeiten, wie z. B. der Heilige Franz von Assisi, der sich zwischen den Jahren 1213 und 1215 auf dem Weg nach Santiago befunden haben soll. Die Beliebtheit der Pilgerfahrt hielt auch im 13. und 14. Jahrhundert an. Zu den Pilgern gehörten nicht nur Spanier und Franzosen; aus allen Teilen Europas kamen die Menschen an das Grab des Heiligen Jakobus. Der Niedergang der Pilgerfahrt nach Santiago im 15. und 16. Jahrhundert ist nicht etwa in quantitativen Einbrüchen begründet, denn nachweislich waren sehr viele Pilger unterwegs, 15 sondern in qualitativen Veränderungen der Pilgergesellschaft. Strafpilger, Landstreicher und ein Großteil der armen Bevölkerung waren auf den Wegen zu finden. Zudem bildeten sich organisierte Banden, z. B. die coquillards 16 (Muschelbrüder), die die Pilger beraubten oder sie in Hinterhalte lockten, um sie gefangen zu nehmen, sie zu misshandeln, Lösegeld zu erpressen oder sie gar zu töten. 17 Im 17. und 18. Jahrhundert erlebte die Pilgerfahrt einen kurzen Aufschwung, doch im 19. Jahrhundert schien der Niedergang unaufhaltsam. Statistiken von 1876 verweisen auf nicht mehr als dreißig oder vierzig Pilger jährlich und in Heiligen Jahren betrug die Zahl nie mehr als achthundert. Erst im Jahre 1884 wurden die Über-
13 Vgl.Ebd., S. 52f.
14 Vgl. Mieck 1978, S. 483-484.
15 Vgl. Ebd. 1978, S. 486-499.
16 Vgl. Barret / Gurgaud, S. 127.
17 Vgl. Mieck 1978, S. 511.
reste des Heiligen Jakobus von kirchlicher Seite für echt erklärt, was zu einem erneuten Anstieg der Pilgerzahlen führte.
2.4. Die Ernennung der Jakobswege zur Ersten Europäischen Kulturstraße
Im Jahr 1964 legte eine Arbeitsgruppe des Rates für Kulturelle Zusammenarbeit (CDCC) einen Bericht mit der Forderung vor, durch Schaffung von Studienreisen die Einbindung von Orten hoher kultureller Bedeutung in das Freizeitverhalten der Gesell- VFKDIW]XI|UGHUQ$QVFKOLHHQGZXUGHQÄ(XURSlLVFKH.XOWXUZHJH³DXILKUH7DXJOLFh- keitanhand bestimmter Kriterien überprüft. Nach zwanzig Jahren entschloss man sich, unter anderem die Pilgerwege nach Santiago de Compostela als konkretes Beispiel auszuwählen. Somit wurden die Jakobswege auf der Europäischen Parlamentarischen Versammlung 1984 in Straßburg empfohlen (Empfehlung Nr. 987). 18 Bereits zwei Jahre zuvor, anlässlich des Heiligen Jahres 1982, wurde von verschiedenen spanischen Einrichtungen, Persönlichkeiten, Verbänden und Vereinigungen, ]%GHQÄ$PLJRVGH/RV 3D]RV³GHP spanischen Kultusminister und dem Erzbischof von Santiago de Compostela, dazu aufgerufen, die historischen Jakobswege Ä*HPHLQVDPHU(XURSlLVFKHU.XOtur-EHVLW]³]X nennen. 19 Auf der Konferenz von Granada im Jahre 1985 sprachen sich insbesondere die Kultusminister Spaniens und Frankreichs für eine kulturelle Belebung und die Erneuerung der Pilgerwege aus, worauf dieser Vorschlag zum allgemeinen Beschluss wurde. Zudem gab es eine breite kulturell und touristisch angelegte Interessengemeinschaft, die weder religiöse noch konfessionelle Ziele verfolgte. Die Jakobswege boten als europäisches Verkehrsnetz nicht nur den geographisch nahe an Spanien gelegenen Ländern die Möglichkeit einer Basis zur gemeinsamen Identifikation, sondern schlossen auch die abseits gelegenen skandinavischen Länder in das Wegenetz mit ein. Die Kultusminister der 12 EG-Staaten bekräftigten somit im Dezember 1985 das gemeinsame Interesse an den europäischen Jakobswegen. Am 23. Oktober des Jahres 1987 wurden die Jakobuspilgerstraßen vom Präsidenten des Ministerrats des Europarats als Erste Europäische Kulturstraße ausgerufen. 20
18 Vgl. Weinacht 1992, S. 86-87.
19 Vgl. Kanz 1995, S. 301.
20 Vgl. Weinacht 1992, S. 87.
3. Die Struktur des Jakobsweges im Mittelalter
3.1. Die Ideologische Ebene
Auf der Ideologischen Ebene der mittelalterlichen Jakobswege erfolgt zunächst die Darstellung, unter welchen Umständen die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela ent-standen ist. Um den Erfolg des Heiligengrabes vollständig zu verstehen, werden die Entwicklung und der Strukturwandel der mittelalterlichen Gesellschaft in einem Exkurs beschrieben. In Kapitel 3.1.3. wird aufgezeigt, inwiefern sich der Rechtsschutz der Pil- JHUXQG GHU %HJULII Ä3LlJHU³ LP /DXIH GHU =HLW YHUlQGHUWHQ $EVFKLHHQG HUIROJW HLQH nähere Betrachtung des mittelalterlichen Pilgerführers Liber Sancti Jacobi, dem Buch des Heiligen Jakobus.
3.1.1. Politische Umstände als Auslöser der Pilgerfahrt
Der Beginn der Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela ist nach einer Theorie von Odilo Engels nicht auf eine von unten drängende Volksfrömmigkeit zurückzuführen, sondern auf eine kirchenpolitische Entwicklung. 21 Damit erhält der Jakobsweg in seinen Anfängen eine politische Dimension oder, um es im Bezug zur vorliegenden Arbeit auszudrücken: Der Auslöser der Pilgerfahrt befindet sich nicht auf persönlicher, sondern auf ideologischer Ebene.
Ausgangspunkt für diese Annahme sind verschiedene Haupttheorien über die Translation der Gebeine des Heiligen Jakobus nach Santiago, die allerdings nur teilweise oder gar keine Zustimmung in der wissenschaftlichen Diskussion finden. Eine umfassende Übersicht insbesondere über den Forschungsstand, die Diskussionen und die Haupttheorien gibt Robert Plötz. 22 Er verweist zunächst auf eine Hypothese von J. Pérez de Urbel, die auf einer in Mérida gefundene Inschrift auf einem Gedenkstein in einer Marienkirche basiert. 23 Eine sichere Datierung der Inschrift ist nicht möglich, aber aufgrund des Schriftbildes wird der Zeitraum zwischen 601 und 648 angenommen. Urbel stellt in Bezug auf die Inschrift die Hypothese auf, dass die Reliquien aufgrund der umfangreichen Handelsbeziehungen zu Afrika und dem Orient über den Seeweg nach Mérida ka-
21 Vgl.Engels 1980, S. 153f.
22 Vgl. Plötz 1982, S. 19-145.
23 Vgl. Ebd., S. 36-41.
men, bei der Weihe der Marienkirche im Altar geblieben sind und wegen der Maureneinfälle nach Compostela gebracht wurden. Weiterhin glaubt Urbel, dass Jakobus in Galicien bereits kurz nach Bekanntwerden der lateinischen Apostelkataloge, die eine erste Erwähnung der Missionierung des Westens durch den Apostel beinhalten, eine Verehrung durch die Christen Nordwestspaniens erfuhr. Der Mönch Beatus von Liéba- QDKDEH GLH 0LVVLRQ GHV -DNREXV¶ LQ VHLQH Kommentare aufgenommen, wodurch sich der Jakobus-Kult langsam gegenüber dem Marienkult durchsetzte. Die Entdeckung des Grabes ist als Konsequenz der zunehmenden Verehrung anzusehen. Als Einwände nennt Plötz u. a. die mangelnde Übereinstimmung der Reliquien von Mérida mit denen von Compostela, die Auffindung dreier Skelette bei Grabungen unter der Kathedrale von Santiago und die fehlende Notwendigkeit einer Flucht aus Mérida bzw. die von Urbel vorgeschlagene Route, die zum Zeitpunkt der Translation bereits von den Mauren besetzt war.
Als zweite Haupttheorie erwähnt Plötz die von A. Castro, der die Grundlagen der Jakobusverehrung auf einen Dioskuren-Kult zurückführt. 24 Seiner Meinung nach war ein den Zwillingsgottheiten Kastor und Polydeukes gewidmeter Kult, der in Galicien vorkam, der Ausgangspunkt für den Jakobus-Kult. Castro bezieht sich dabei auf die im Mittelalter häufig vorkommende Verwechselung zwischen den beiden Brüdern Jakobus dem Jüngeren und Jakobus dem Älteren. Durch diese Verwechselung erscheint die Apostelfigur GHV-DNREXV¶GHVbOWHUHQals Bruder und Soldat Christi mit gottesähnlichen Zügen. Diese Vorstellung ist grundlegend für die Unabhängigkeitsbestrebungen der galicischen Kirche im 10. und 11. Jahrhundert. Die Dioskuren-Überlieferung lehnt sich nach Castro insbesondere an das kriegerische Eingreifen des Jakobus¶ zu Pferd gegen die Mauren an und fand ihren Niederschlag in der Legendentradition. Eine dritte Hypothese liefert Louis Duchesne, der die Entwicklung des Jakobuskults mit der Verehrung des spanischen Häretikers Priscillianus in Galicien in Verbindung bringt. 25 Priscillianus wurde im Jahre 385 in Trier mit sechs seiner Anhänger hingerichtet und sein Leichnam nach Spanien gebracht, wo er bis ins 6. Jahrhundert nachweislich verehrt wurde. Im 7. und 8. Jahrhundert verschwand diese Verehrung mit der Absorbierung der suebischen Kirche durch die westgotische. Duchesne verweist dabei auf den Zufall, dass gerade in dem Gebiet, wo die Priscillianverehrung hauptsächlich anzusie- 24 Vgl.Ebd., S. 41-44.
25 Vgl. Ebd., S. 44-45.
deln ist und aller Wahrscheinlichkeit nach auch der enthauptete Leichnam begraben liegt, ein paläochristliches Heiligtum entdeckt und mit Jakobus in Verbindung gebracht wurde.
Für Robert Plötz erscheint es verwunderlich, dass die spanische Kirche bis in das 8. Jahrhundert hineiQQLFKWVEHUHLQHVSH]LHOOH9HUHKUXQJGHV-DNREXV¶]XZLVVHQVFKHLQW Zudem bleibt die Frage offen, warum Asturien zunehmend vom Gedanken einer Missionstätigkeit des Apostels in Spanien überzeugt und was die Vorraussetzung für die spätere Auffindung und Identifizierung des Heiligengrabes war. Diese beiden Umstände sind nach Plötz eng mit der Person des Beatus von Liébana und den damals politischreligiösen Verhältnissen verbunden. 26 Unter Beatus, der eine einflussreiche Persönlichkeit am asturischen Hof war, fand die Notiz der Mission des Apostels in Spanien eine schnelle Verbreitung und Anerkennung. Dadurch erhielt das asturische Königreich einen wesentlichen Aufschwung im Kampf gegen die immer stärker werdenden Mauren. Beatus erreichte zusätzlich die Ernennung des Apostels Jakobus zum Schutzpatron Spa- QLHQVXQGEHUHLWHWHGDPLWHQGJOWLJGHQ%RGHQIUHLQH$XIILQGXQJGHV*UDEHVÄ,QGLe-VHU$WPRVSKlUHGHV*ODXEHQVGHU$QJVWXQGGHU+RIIQXQJDXIHLQ:XQGHU³ 27 so Plötz, ist es kaum verwunderlich, wenn die Auffindung eines paläochristlichen Grabes, das eventuell schon vorher verehrt wurde, mit dem Leichnam des Landespatrons in Verbindung gebracht wurde.
An diese Auffassung knüpft schließlich Odilo Engels an. 28 Die Kernfrage, warum die Gebeine des Jakobus¶ ihre Wanderschaft in Santiago, einer Stelle, die erst durch den Apostelkult eine Bedeutung erhielt, beendeten, lässt sich für Engels nicht beantworten. Die oben genannten Hypothesen diskutieren die Entstehung des Grabeskults ausschließlich unter der Fragestellung, ob die Gebeine des Apostels Jakobus wirklich in Santiago bestattet sind. Seiner Meinung nach lässt sich jedoch nicht einmal die Entdeckung des Grabes im strengen Sinne beweisen, 29 da sich die erste Erwähnung der Erzählung über die Auffindung aus dem Jahr 1077 im Zusammenhang mit der Anerkennung des Apostelgrabes und Santiagos als rechtmäßigen Bischofssitz ansehen lässt. 30 Das Reformpapsttum des 11. Jahrhunderts verlangte, die alte Hierarchie der römischen und gotischen Zeit und auch die faktisch, aber nicht rechtlich untergegangenen Bischofssitze wieder-
26 Vgl.Ebd., S. 46.
27 Ebd., S. 49.
28 Vgl. Engels 1980, S. 146-170.
29 Vgl. Ebd., S. 150.
30 Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die Existenz des Grabes einfach vorausgesetzt. Ebd., S. 149.
herzustellen. Auskunft darüber gaben allerdings nur die Unterschriften der Konzilsakten von Toledo, wodurch der Bischof von Santiago in Verlegenheit geriet, da sein Sitz auf-grund der Verlegung von Iria Flavia nach Santiago nicht in den Konzilsakten vermerkt war. Das Argument des Papsttums, dass Santiago mit Sicherheit Bischofsitz gewesen wäre, wenn sich dort ein Apostelgrab befunden hätte, ließ sich von Seiten des Bischofs von Santiago umkehren: Da Santiago vor 711 noch kein Bischofssitz war, hat man zu diesem Zeitpunkt noch nichts von der Existenz des Grabes gewusst. Im Jahre 1095 bestätigte schließlich Papst Urban II. die Verlegung des Bischofssitzes von Iria nach Santiago de Compostela und erkannte damit auch das Apostelgrab vollständig an. 31 Für die Entwicklung des Grabkultes war nach Engels jedoch nicht die Entdeckung des Grabes der ausschlaggebende Impuls, sondern die Verlegung des Bischofssitzes von Iria Flavia nach Santiago de Compostela: Sie ist also Folge einer kirchenpolitischen Entwicklung. 32 Im Mittelpunkt dieser Entwicklung steht die Lehre des Adoptianismus 33 und damit verbunden die Frage nach der Rechtgläubigkeit und der Berechtigung der einzelnen Landeskirchen. Im Jahre 681 erhielt der Metropolit von Toledo durch historische Umstände die Vorrangstellung im Westgotenreich. Nach dem Verlust Toledos an die Mauren und den damit verbundenen Untergang des westgotischen Reichs im Jahr 711 verlor der Vorrang des Metropoliten seinen funktionalen Sinn und wurde nur noch durch die Tradition autorisiert. Elipandus, seit 754 Metropolit von Toledo und Verfechter der Lehre des Adoptianismus, versuchte diese Primatialstellung durch Abgrenzung zur Gesamtkirche zu erhalten und sah sich als alleinigen Repräsentanten der westgotisch-mozarabischen Kirche. Im Gegensatz dazu versuchten die Franken, die spanische Kirche an die römisch-fränkische anzugleichen, wobei Eroberungsgedanken ehemaliger westgotischer Gebiete nicht auszuschließen sind. Aufgrund der Lehre des Adoptianismus versuchten die Franken der gesamten spanischen Kirche die Rechtgläubigkeit abzusprechen und konfrontierten den spanischen Episkopat mit der Auffassung, dass nur HLQH ÄhEHUHLQVWLPPXQJ PLW GHU U|PLVFKHQ .LUFKHQRUGQXQJ GHQ ULFKWigen kultischen Vollzug und dLHHLJHQH5HFKWJOlXELJNHLWJDUDQWLHUH³ 34 Die Berufung auf die römische Kirchenordnung und damit auf den Apostel Petrus bestärkte die fränkische Kirche in ihrer Überzeugung, neben der byzantinischen Kirche ein wesentlicher Bestandteil der
31 Vgl. Ebd., S. 148-150.
32 Vgl. Ebd., S. 153f.
33 Der Adoptianismus ist eine theologische Lehre, wonach Jesus Christus nicht Gottes Sohn ist, sondern YRQLKPÄDGRSWLHUW³ZXUGH9JO0H\HUV1HXHV/H[LNRQ%G6
34 Engels 1980, S. 161.
Gesamtkirche zu sein. Wurde die petrinische Apostolizität in der fränkischen Kirche zunächst ins Feld geführt, um dem Papsttum gegenüber dem Kaisertum eine gewisse Eigenständigkeit einzuräumen, diente sie nun dazu, den Vorrang der Franken zu begründen. Den außerrömischen Kirchenordnungen blieb zu ihrer eigenen Selbstbehauptung keine andere Lösung, als sich um einen Nachweis ihrer eigenen Apostolizität zu bemühen. Dazu musste der Apostel die Landeskirche gegründet haben und zusätzlich im Land begraben liegen.
Im nordspanischen Königreich Asturien, das die muslimischen Angriffe erfolgreich abwehren konnte, befand sich die asturische Kirche, die im Begriff war, sich der Vormachtstellung des Metropoliten von Toledo zu entziehen, in einer Zwickmühle: Zwar hatte der asturische Hof in dem Mönch Beatus einen entschiedenen Gegner des Adoptianismus. Jedoch war die asturische Kirche in ihrer Meinung gegenüber dieser Lehre gespalten. Erkannte die fränkische Kirche den Adotianismus als orthodox an, so könnte sich die asturische Kirche nur schwer einer Anerkennung des Toledaner Lehrprimats entziehen; würde die fränkische Kirche hingegen die Lehre verwerfen, so hätte sie sich auch gegen die gotisch-mozarabische Kirchenordnung, wie sie auch in Asturien existierte, ausgesprochen. Im Jahre 794 wurde der Adoptianismus auf dem Frankfurter Konzil verurteilt. Ein Jahr später begann König Alfons II. von Asturien seine Residenz Oviedo nach dem Vorbild Toledos auszubauen und beabsichtigte damit, die untergegangene Westgotenherrschaft fortzusetzen und die unverfälschte gotische Kirchenordnung wiederherzustellen. Nach der Loslösung von Toledo brauchte die asturische Kirche nun noch einen Nachweis ihrer Apostolizität, um die eigene Kirchenordnung gegenüber den fränkischen Ansprüchen zu behaupten. Die lateinischen Apostelkataloge bezeugen die Missionstätigkeit des Apostels in Spanien und Beatus von Liébana verbreitete diese Nachricht in seinen Kommentaren zur Apokalypse. Was nun in letzter Konsequenz fehlte, war die Auffindung des Grabes des Apostels. Engels sieht in den Bestre- EXQJHQGHU DVWXULVFKHQ .LUFKH HLQH hEHUHLQVWLPPXQJ LKUHU =HLW ÄZHQQ VLH LQQHrhalb des zweiten oder dritten Jahrzehnts des 9. Jahrhunderts das Grab der Mission des Apos- WHOV-DNREXV KLQ]XIJWH³ 35 Seiner Meinung nach bestand der Sinn des beginnenden *UDENXOWHV GDULQ ÄGHU JRWLVFK-mozarabischen Kirchenordnung, wie das asturische Reich sie repräsentierWH HLQHQ DSRVWROLVFKHQ 8UVSUXQJ ]X JHEHQ³ 36 Fraglich ist nur,
35 Ebd., S. 169.
36 Ebd.
warum das Grab ausgerechnet im unbedeutenden Santiago und nicht in der Residenzstadt Oviedo verehrt wurde. Plausibel erscheint dabei die Hypothese EnJHOVÄGDVVGDV Grab ± unter welchen Vorzeichen und mit welch geringem Bekanntheitsgrad auch immer ± an der endgültigen Stelle schon länger vorhanden geweVHQVHLQPXVV³ 37
3.1.2. Exkurs: Der Strukturwandel der mittelalterlichen Gesellschaft
Um die weitere Entwicklung der Pilgerfahrt verstehen zu können, ist es wichtig, einen Blick auf die sich verändernden Verhältnisse und Strukturen der mittelalterlichen Gesellschaft zu werfen. Im 11. und in den darauf folgenden Jahrhunderten kommt es im europäischen Raum zu grundlegenden Veränderungen, die auch auf das religiöse Bewusstsein der Menschen und daher auch auf die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela Auswirkungen zeigen. 38 Zunächst zeichnete sich ein starker Bevölkerungszuwachs zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert ab, der allerdings nicht durch primäre Quellen oder Statistiken dokumentiert ist, sich aber insbesondere aus Veränderungen im Bereich der Landwirtschaft ableiten lässt. Die Toponomastik, die Ansiedlerverträge zwischen Grundherren und Bauern und der vom Klerus für neu gewonnene Anbauflächen auferlegte Neubruchzehnte sind Anzeichen für die Erweiterung von Ackerflächen und damit ein indirekter Hinweis auf einen Bevölkerungszuwachs. Aber nicht nur die landwirtschaftliche Entwicklung, sondern auch der Fortschritt in der Textilherstellung, die Erweiterung des Bauwesens und vor allem die Entstehung neuer Städte lassen ein Steigen der Bevölkerungszahlen erkennen. Jacques Le Goff beziffert dieses Wachstum von 46 Millionen im Jahre 1050 auf 62 Millionen um 1200 und bis auf 73 Millionen um 1300. 39
Die Fortschritte in der Landwirtschaft, wie die Dreifelderwirtschaft und der Einsatz von Werkzeugen, hatten größere Ernteerträge zur Folge, die wiederum verkauft werden mussten und daher zu einer Belebung des Handels und der Wirtschaft führten. Es ent-standen regelmäßige Märkte und Messen und es bildeten sich große und wichtige Handelsstraßen heraus; Luxusgüter, wie Gewürze und Pelze, nahmen einen wichtigen Stellenwert in der Gesellschaft ein; das Kredit- und Wechselwesen entwickelte sich zu einem Geschäftszweig, deren Betreiber sich Bankiers nannten; Städte wurden zu wichti- 37 Ebd.
38 Für die folgenden Darstellungen der Strukturveränderungen im Mittelalter Vgl. Le Goff 1974, S. 19-54.
39 Vgl. Ebd., S. 39.
gen Handelszentren und so stiegen auch ihre Einwohnerzahlen; die Arbeitsteilung wurde zur Grundlage der Stadt. Der Bevölkerungszuwachs bewirkte aus der Sicht von Ro- EHUW3O|W]ÄGLH)UHLVWHOOXQJYRQ$UEHLWVNUlIWHQGLHYRUKHUIUGHQ+HUUHQKRIGDV.ORs-
WHUGLH6WDGWRGHUDXIGHP)HOGWlWLJZDUHQ³ 40 Dies wiederum führte zu einer erhöhten Mobilität und motivierte die gläubigen Christen, zu heiligen Stätten aufzubrechen. Eine Wallfahrt wurde aber auch aus unfreiwilligen Motiven unternommen, wenn die durch die Bevölkerungsvermehrung hervorgerufene Armut die Menschen dazu nötigte, ihre Heimat zu verlassen.
3.1.3. 5HFKWVVFKXW]GHU3LOJHUXQG9HUlQGHUXQJGHV%HJULIIVÄ3LlJHU³ Auf der Ideologischen Ebene kommt es im Zusammenhang mit der erhöhten Mobilität in der Gesellschaft des Mittelalters zu gewissen Veränderungen. Der wirtschaftliche Aufschwung und die religiöse Entwicklung erforderten ein gewisses Maß an Sicherheit, so dass die Kirche nicht nur die Priester, Mönche und Kleriker, die Bauern und Lasttiere, sondern auch Händler und Pilger unter den Schutz des Gottesfriedens, der Treuga Dei, stellte. 41 In diesem Zusammenhang verbesserten sich die äußeren Bedingungen der Pilger zu einem umfassenden Rechtsschutz, auch wenn diese Entwicklung nur zum geringsten Teil vom kirchlichen Recht ausging. 42 Ludwig Schmugge fasst die Privilegien der Pilger zusammen: 43 Pilger genossen Aufschub von Gerichtsprozessen während ihrer Reise, sie durften Pilgerkleidung tragen, mit Exkommunizierten verkehren, die Messe eines jeden Priesters hören und während des Interdikts die Beichte ablegen. Robert Plötz ergänzt die Privilegien der Pilger noch um die Abgabenfreiheit auf den Pilgerwegen, das Recht auf freie Wahl der Unterkunft und auf Abfassung eines Testaments sowie die Sicherung der Habe im Todesfall. 44 Besondere Unterstützung erhielten die Jakobspilger von den weltlichen Herrschern Spaniens. Sie ließen nicht nur Brücken an den Pilgerstraßen erbauen, sondern sorgten sich zusätzlich um die Sicherung der Straßen gegen Wegelagerer und Raubritter. 1161 wurde eigens zum Schutz der Jakobspilger der spanische Ritterorden des hl. Jakob gegründet. 45 Einen interessanten Einblick lässt
40 Plötz 1981/82, S. 132.
41 Vgl. dazu Le Goff 1974, S. 54; vgl. insbesondere: Hoffmann 1964.
42 Vgl. Schmugge 1979, S. 20.
43 Vgl. Ebd., S. 21.
44 Vgl. Plötz 1981/82, S. 134/135.
45 Vgl. Wohlhaupter 1934, S. 227.
die auf territorialem Gewohnheitsrecht aufgebaute Rechtssammlung Libro de los fueros de Castiella gewähren. 46 'RUWZHUGHQVR]XVDJHQLQHLQHU)RUPYRQÄ)DOOVWXGLHQ³HLQH Reihe von Vorschriften und Gerichtsurteilen vorgetragen. 47 Der Bevölkerungszuwachs im 11. Jahrhundert und die Gewährung gewisser Privilegien ließ auch die Pilgerzahlen auf den Jakobswegen nach Santiago de Compostela ansteigen. Im Zuge dieser wachsenden Popularität erkennt Ludwig Schmugge einen Bedeu-tungswandel des Begriffs peregrinus. 48 Aus den Texten der Antike und des Alten wie Neuen Testaments ist peregrinus GHPQDFKPLWÄ5HLVHQGHU³RGHUÄ)UHPGOLQJ³]XEHr- setzen,während sich ab dem 11. Jahrhundert die Wortbedeutung ändert und peregrini den unserem SpracKYHUVWlQGQLVHQWVSUHFKHQGHQÄ3LOJHU³EH]HLFKQHW5REHUW3O|W]NRQstatiert, dass die ursprüngliche Bedeutung des Wortes dabei keineswegs verloren ging, sondern nur um den religiösen Aspekt erweitert wurde. 49 Auch die historischen Quellen geben oftmals keine Eindeutigkeit in der Verwendung zu erkennen, so dass bei der Übersetzung Vorsicht geboten ist: Die gedankenlose Gleichung peregrinus = Pilger grenzt nach der Aussage von Plötz ans Unverantwortliche. 50 Es ist erneut Robert Plötz, der den Einfluss der Massenpilgerbewegung auf den mittelalterlichen Zeitgeist unterstreicht:
Die frommen Reisen zu heiligen Stätten haben im Hochmittelalter offensichtlich so
sehr die Erscheinungsform der peregrinatio und des peregrinus bestimmt, dass so-
wohl die ursprüngliche Bedeutung (Fremder) wie auch die ziellose Pilgerschaft (pe-regrinatio als asketisches Prinzip der Heimatlosigkeit) in den Hintergrund traten. 51
3.1.4. Der mittelalterliche Pilgerführer
Die Entstehung von Pilgerführern mit Anleitungen zur richtigen Ausführung einer Pilgerschaft und Hinweisen zur Bevölkerung, zu Unterkünften und zur Qualität der Nahrungsmittel im fremden Land deuten auf eine steigende Popularität der Jakobswege hin.
46 Vgl. Ebd.
47 Die Tatsache des schlechten Rufs der Gasthäuser am Jakobsweg lässt sich durch die häufigen Fallbeispielen bestätigen, die sich auf die rechtliche Regelung zwischen Pilger und Wirt beziehen. So muss meist der Wirt den Beweis erbringen, nicht in Diebstählen am Pilger beteiligt gewesen zu sein und im Zweifelsfall den Pilger entschädigen. Vgl. Ebd. S. 227-229.
48 Vgl. Schmugge 1979, S. 18.
49 Vgl. Plötz 1981/82, S. 129.
50 Vgl. Plötz 1978, S. 105.
51 Plötz 1981/82, S. 129.
Die wichtigste Quelle für die Untersuchungen der mittelalterlichen Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela ist das Jakobsbuch. Die folgende kurze Darstellung der einzelnen Kapitel ist den umfassenden Analysen von Klaus Herbers entnommen.
52
Die Verfasserfrage des Jakobsbuchs ist bis heute nicht geklärt. Der Titel
Codex Calixtinus
des im 12. Jahrhundert entstandenen Buches suggeriert Papst Calixt II. (1119-1124) als angeblichen Autor, was allerdings bezweifelt werden darf. Die in der Forschung etablierte Bezeichnung des Werkes als
Liber Sancti Jacobi
geht auf Joseph Bédier zurück. Der aus insgesamt fünf Büchern bestehende und 225 Seiten umfassende
Liber Sancti Jacobi
beginnt mit dem umfangreichen ersten Buch, das Predigten, liturgische Texte und Messformulare beinhaltet. Im zweiten Buch folgt eine Zusammenstellung von 22 Wundergeschichten des Heiligen, für deren Auswahl sich der Verfasser verantwortlich zeigt. In einem Vorwort beteuert er, nur die schönsten und wahrsten Wunder ausgewählt zu haben. Das dritte und relativ kurze Buch beschreibt und belegt die Translation des Leichnams des Apostels nach Santiago de Compostela. Der vierte Teil des Jakobsbuches, der so genannte Pseudo-Turpin, wird als einziges Buch nicht Papst Calixt II. zugesprochen, sondern dem zur Zeit Karls des Großen lebenden Erzbischof Turpin von Reims. Es berichtet von Karl dem Großen, der während des Spanienfeldzugs 778 angeblich das Apostelgrab von den Muslimen befreit hat. Im Mittelpunkt stehen insbesondere die Schlachten Karls gegen die Ungläubigen, die in den altfranzösi-
VFKHQÄ&KDQVRQVGHJHVWH³u.
a.im Rolandslied, weiter wirkten. Besonders interessant aber ist das fünfte Buch des
Liber Sancti Jacobi.
Klaus Herbers bezeichnet diesen Teil
DOVÄ3LOJHUIKUHU³GHUHLQHHUVWH$QOHLWXQJIUHLQH3LOJHUIDKUWQDFK6DQWLDJRGH&Rm-
posteladarstellt. Er umfasst elf Kapitel, in denen die Wege mit ihren Ausgangspunkten in Frankreich, die einzelnen Tagesetappen, die guten und schlechten Flüsse, die zu besuchenden heiligen Leichname und Reliquienstätten entlang des Weges, die Kathedrale in Compostela und weitere zu beachtende Dinge beschrieben werden. Mieck konstatiert, dass die Pilgerführer des Mittelalters nicht als Informationsquelle von den Pilgern benutzt wurden und verweist
ÄGDVEHOLHEWH%LOGGHVPLWHLQHP3LOJHr-
führerversehenen Compostela-)DKUHUV
>«@
bis etwa 1500 ins Reich der LegenGH³
53
Seiner Meinung nach konnten aktuelle Informationen nur von den Pilgern selbst geliefert werden. Die Kommunikation auf den Pilgerwegen erfolgte durch mündlichen Aus-
52 Vgl.Herbers 1998, S. 23-36.
53 Mieck 1978, S. 511.
tausch auf den Wegen, vor allem in den Herbergen und Hospitälern. Die zurückkehrenden Pilger berichteten den Santiagoreisenden, was sie unterwegs zu erwarten hätten. So verbreiteten sich Informationen sehr schnell.
3.2. Die Räumliche Ebene
Auf der Räumlichen Ebene werden das Wegenetz und die Unterkünfte der mittelalterlichen Pilgerfahrt näher untersucht. Dabei ist es wichtig zu klären, welche Straßen von den Pilgern benutzt wurden und wie sich die Unterbringung der Pilger im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. Zudem ist es von Bedeutung, den Zusammenhang der Entwicklung eines Unterkunftsnetzwerkes mit der zunehmenden Anzahl der Pilger aufzuzeigen.
3.2.1. Das Wegenetz
Klaus Herbers beschreibt die Entwicklungen der Jakobswege aus den Heeres-, Geleit-und Handelsstraßen heraus. 54 Der navarresische Herrscher Sancho el Mayor eroberte Gebiete der Muslime zurück und legte eine direkte Straße, die nicht mehr den alten Römerstraßen folgte, von den Pyrenäen bis nach Nájera an, um den Pilgern den bisherigen Umweg zu ersparen. Die neue Route diente zugleich den militärischen Interessen des Herrschers: Sie ließ nicht nur die Pilger, sondern auch die Heere im Kampf gegen die Mauren schneller vorankommen. Im so genannten Pseudo-Turpin aus dem 12. Jahr-hundert wird der Jakobsweg als Trennungslinie zwischen dem Heer Karl des Großen und dem der Mauren beschrieben und dadurch die militärische Bedeutung des Jakobsweges unterstrichen. Des Weiteren kamen die Geleitbriefe im Mittelalter neben den Fürsten, die häufig nicht aus diplomatischen Gründen an fremden Höfen anzutreffen waren, sondern um Schutz zu erlangen und die Geleitstraßen benutzen zu können, auch den Pilgern zugute. Zudem bestand zwischen Pilgerfahrt und Handelsfahrt eine enge Verknüpfung, da Pilger und Händler gleichermaßen die Straßen nach Santiago benutzten. Tatsache ist, dass die Pilger in der Wahl ihrer Wege nicht festgelegt waren, aber meist bereits vorhandenen Straßen folgten. Dabei wurden nicht nur die großen Handels-
54 Vgl. Herbers 1993, S. 1-26.
und Geleitstraßen, sondern ebenso kleine Viehwege benutzt. Neue Wege entstanden auch in Abhängigkeit der Popularität von bestimmten Heiligtümern. Um den Verlauf der Jakobswege nachzuvollziehen, wird der mittelalterliche Pilgerführer Liber Sancti Jacobi in der Übersetzung von Klaus Herbers herangezogen. 55 Der dort beschriebene Routenverlauf verweist auf eine überregionale Bedeutung und gilt als erster fest etablierter Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Denn erst im ausgehenden 11. Jahrhundert wurde die muslimische Gefahr so weit in den Süden zurückgedrängt, 56 dass die Pilger nicht mehr bedroht waren und der Verlauf der Pilgerwege nicht mehr ständigen Veränderungen unterlegen war. Die Jakobswege bestanden aus vier Hauptrouten, die ihre Ausgangspunkte im heutigen Frankreich hatten: St. Gilles bei Arles, Le Puy, Vézelay und Tours. Die erste Route verlief von St. Gilles über Montpellier und Toulouse und überquerte die Pyrenäen als einzige über den Somportpass. Die zweite Route startete in Le Puy und führte über Conques und Moissac, die dritte Route begann in Vézelay und führte über Limoges und Périgueux und die vierte verlief von Tours über Poitiers und Bordeaux. Die zuletzt genannten drei Routen vereinten sich in Ostabat zu einem einzigen Weg, der die Pyrenäen über den Cisapass überquerte und im heutigen spanischen Puenta la Reina mit der ersten Route zum camino francés verschmolz. Laut Klaus Herbers verdienen die Routen über Vézelay und Le Puy am ehes- WHQGHQ1DPHQÄ3LOJHUZHJ³GDVLHDPKlXILJVWHQYRQ3LOJHUQEHQXW]WZXUGHQXQGZe-
nigerwirtschaftlichen Zwecken dienten. 57 Weiterhin nennt der Pilgerführer, ausgehend vom Cisapass, dreizehn Etappen nach Santiago de Compostela. Die jeweiligen Etappenziele waren Viscarret, Pamplona, Estella, Nájera, Burgos, Frómista, Sahagún, León, Rabanal, Villafranca, Triacastela, Palas de Rey und Santiago de Compostela. Bei näherer Betrachtung wird deutlich, so Yves Bottineau, dass diese Etappen viel zu lang erscheinen und nicht einmal für einen berittenen Reiter innerhalb eines Tages zu schaffen ZDUHQ ,KUHU 0HLQXQJ QDFK ZXUGHQ VLH LQ GLHVHU )RUP GDUJHVWHOOW ÄXP GHU HQGORVHQ
Reise mehr Attraktivität zu verleiKHQ³ 58
Nach Darstellung der Hauptrouten der Jakobswege innerhalb Spaniens und Frankreichs stellt sich nun allerdings noch die Frage nach der Entwicklung der Routen im
55 Vgl. Herbers 1998, S. 101-184.
56 Vgl. Bottineau 1987, S. 52.
57 Vgl. Herbers 1993, S. 12.
58 Bottineau 1987, S. 88.
gesamteuropäischen Raum. Heinrich Kanz unterscheidet für die Herausbildung der Ersten Europäischen Kulturstraße drei Phasen, die er in Gründung, Gestaltwerdung und Verwirklichung unterteilt. 59 Die Phase der Gründung bezieht sich auf die Routenbeschreibung im Liber Sancti Jacobi und die Phase der Verwirklichung beinhaltet die Ernennung der Jakobswege zur Ersten Europäischen Kulturstraße, die Identifizierung der historischen Pilgerwege und den Ausbau der touristischen Infrastruktur. In der Phase der Gestaltwerdung, vom 12. bis zum 17. Jahrhundert, vollzog sich die geographische Ausdehnung der Jakobswege im Zusammenhang mit der Entwicklung Santiago de Compostelas zu einer der drei größten Pilgerfahrten. Dabei blieben die Verläufe der vier Hauptrouten mit ihren Ausgangspunkten in Frankreich erhalten und bildeten weiterhin den Kern der eigentlichen Jakobswege. Die Straßen und Wege, die sich außerhalb Spaniens und Südfrankreichs, also über ganz Europa erstreckten, können und sollten unter Beachtung der Schwierigkeit der eindeutigen Identifikation nicht als Jakobswege, sondern als Zubringerstraßen bezeichnet werden.
Die Ausdehnung der Pilgerfahrt auf den gesamteuropäischen Raum ist nach Heinrich Kanz am besten exemplarisch durch den ersten deutschen Pilgerführer von Hermann Künig von Vach, entstanden im Jahr 1495, veranschaulicht. 60 Laut Kanz unterscheidet Künig dabei zwiVFKHQGHUÄ2EHUVWUDH³GLHYRQ(LQVLHGHOQLQGHU6FKZHL]EHU*HQI den Cisapass und den spanischen camino francés 61 IKUWH XQG ]ZLVFKHQ GHU Ä1LHGHr-VWUDH³ GLH DXI GHP 5FNZHJ YRQ 6DQWLDJR ELV %XUJRV GDQQ EHU %RUGHDX[ 7RXUV Paris, Brüssel, Maastricht bis nach Aachen verlief. Kanz erkennt darin eine allgemeine konstruktive Erweiterung der Hauptrouten durch Zubringerstraßen, die Entstehung von neuen Anfangsorten und Sammelpunkten, sowie die Ausdehnung der Pilgerwege auf die heutigen Gebiete der Schweiz, Belgien und Deutschland. Klaus Herbers bestätigt den Pilgerbericht von Künig in seiner Funktion als Pilgerführer aufgrund seines anleitenden Charakters. 62 Es liegt daher nahe, dass die von Künig vorgeschlagenen Routen von weiteren deutschen Pilgern benutzt wurden und sie sich als Zubringerstraßen etablierten.
Die Ausdehnung der Jakobswege durch Zubringerstraßen zeigt ebenfalls die Untersuchung von Volker Honemann über den deutschen Spanienreisenden und Santiagopil-
59 Vgl.Kanz 1995, S. 35-48.
60 Vgl. Ebd., S. 40-46.
61 Camino francés ist die Bezeichnung des spanischen Jakobsweges von Puente la Reina bis Santiago de Compostela
62 Vgl. Herbers 1988, S. 49.
ger Sebastian Ilsung. 63 Dessen Reise begann 1446 in Palmarum mit der ersten Etappe nach Memmingen und der direkten Weiterreise durch die Schweiz nach Zürich, Luzern und Bern. Honemann konstatiert für Ilsung einen ähnlichen Routenverlauf, wie er später bei Hermann Künig von Vach auftaucht. Ilsung begab sich jedoch nicht auf direktem Weg nach Santiago; er streifte Grenoble, durchquerte Nîmes und Gerona, umging damit die Pyrenäenüberquerung und traf in Barcelona ein. Von dort stattete er Montserrat einen Besuch ab, begab sich in das 160 km südlich von Barcelona gelegene Tortosa und reiste entlang des Flusses Ebro in den Norden nach Navarra, um in einem Ort nahe Pamplonas einzukehren. Seine Reise nahm nun den Verlauf des bekannten Jakobsweges mit dem Ziel Santiago de Compostela, allerdings mit einigen weiteren Abstechern in das Umland bzw. bis nach Toledo. Diese Umwege sind allerdings nicht zufällig, sondern unterlagen einer sorgfältigen Vorausplanung: Nach Honemann liegt es so nahe, ÄGDVV,OVXQJLQGLSORPaWLVFKHU0LVVLRQXQWHUZHJVZDU³ 64 Die Spanienreise Ilsungs wird weiter unten als Beispiel einer Gelegenheitspilgerfahrt angeführt.
3.2.2. Die Unterkünfte
'LHDOWH2UGQXQJGHUÄIUHLZLOOLJHQ³*DVWOLFKNHLWZDUQDFK3H\HUEnde des 11. Jahrhunderts dem zunehmenden Reiseverkehr nicht mehr gewachsen. Zwischen dem 11. und ausgehenden 14. Jahrhundert kommt es zu einer Veränderung der Gastfreundschaft: Es stellt sich allmählich eine eingeschränkte Gastfreundschaft ein, die schließlich von einer kommerziellen Gastlichkeit abgelöst wurde. 65 Zunächst waren es Privatpersonen oder Klöster, denen es aufgrund der christlichen Nächstenliebe auferlegt war, Glaubensgenossen aufzunehmen und zu verpflegen. Um vor Missbrauch zu schützen, gab es relativ bald Einschränkungen dieses Pilgerrechts. So mussten Pilger ein Empfehlungsschreiben mit sich führen und bei einem Verbleib von mehr als drei Nächten Arbeit verrichten. 66 Besonders in siedlungsleeren Räumen waren die Klöster eine wichtige Unterkunft für die Pilger. Sie waren dazu verpflichtet, die Pilger aufzunehmen und wie Christus zu behandeln. Benedikt von Nursia gründete im Jahr 530 ein Kloster und stellte in der ÄRegel 816³ Normen für die Beherbergung von Fremden auf, die für alle Klöster im
63 Vgl. Honemann 1988, S. 61-96.
64 Ebd., S. 75.
65 Vgl. Peyer 1982, S. 265-288.
66 Vgl. Ohler 1987, S. 117.
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Magister Tobias Klein, 2005, Der Jakobsweg - Von der Pilgerfahrt zur Europäischen Kulturstraße, München, GRIN Verlag GmbH
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