Inhaltsverzeichnis:
Einleitung Seite 3
Ziel, Methoden und Charakter der Studie 4
Teil 1 : Kritische Reflexion der Literatur zum Thema Begegnung
1. Beziehung: 7
1.1. Was geschieht physiologisch bei einer Begegnung? 8
1.2. Was sind die physiologischen Grundlagen von Beziehung?
1.3. Was sind die psychologischen Grundlagen von Beziehung? 9
1.4. Was sind die anthroposophischen Grundlagen von Beziehung? 10
1.5. Zusammenfassung 11
2. Was ist Gesundheit? 13
3. Was ist Eurythmietherapie (Heileurythmie)? 14
4. Schlussfolgerung zu Teil 1 16
Teil 2 : Begegnung in der Praxis. Eine Einzelfalldokumentation
1. Eurythmietherapie in der Praxis 18
1.1. Ausgangslage
1.2. Zusammenfassung des Therapieverlaufes
1.3. Rückschlüsse darauf, was entscheidend für den Genesungsprozess
war
Fazit 24
Literaturverzeichnis 26
Anhang: 27
1. Charakteristik der wichtigsten Begriffe 27
2. Daten/ Quellen 36
Seite 2
Einleitung
In der bis heute veröffentlichten Literatur zur Eurythmietherapie wird die Begegnung zwischen Therapeut und Patient und die daraus hervorgehende Beziehungsgestaltung als Teil des therapeutischen Ansatzes kaum erwähnt. Meiner Ansicht nach wird mit diesem Thema ein wesentlicher Faktor, der zum Gelingen oder Scheitern einer therapeutischen Intervention beiträgt, angesprochen. Ich möchte mit dieser Arbeit dazu beitragen, dass die Hintergründe zur Beziehungsgestaltung und der Wert der Begegnung während der Behandlung erkennbar werden können. Die folgenden Ausführungen sollen meine Fragestellung verdeutlichen.
In seinem erfrischendem Werk über die modernen Entwicklungen in der neurobiologischen Forschung beschreibt Joachim Bauer (2006:165), dass in unseren neurobiologischen Systemen, nicht der - in der Vergangenheit immer wieder als primär dargestellte - Kampf ums Überleben, sondern Kooperation die Grundlage jeglicher neurobiologischen Entwicklung sei. Unter anderem beschreibt er die Epigenetik (die Lehre von der biochemischen Verpackung der Gene) und weist darauf hin, dass neben der klassischen Vererbung eine davon unabhängige Weitergabe von biologischen und psychologischen Merkmalen von einer Generation zur nächsten stattfindet. Dies drückt sich im späteren Leben als das spezielle Bindungsverhalten aus, welches jeder einzelne Mensch zu seinen primären Bezugspersonen entwickelt. Er schreibt in seinen Ausführungen aber auch, dass nur in der Pubertät - bei adäquater Begleitung - oder in der Psychotherapie “dem ewigen Weitergeben und Wiederholen von Mustern zu entgehen ist.“ (Bauer 2006:173)
Dies scheint mir eine etwas pessimistische Sichtweise. Sind die Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen wirklich so beschränkt?
Diese Frage möchte ich gerne weiterverfolgen, da ich in meiner Tätigkeit als Eurythmietherapeut immer wieder Erfahrungen mache, die gerade auf eine sehr wandelbare menschliche Konstitution hinweisen und weil in meiner therapeutischen Arbeit täglich Beziehung gestaltet werden muss. Den Kontext meiner Arbeit bilden meine therapeutische Praxis seit 1998 und die dort stattfindende Begegnung zwischen Klient und Therapeut.
Beziehungsgestaltung ist meines Erachtens einer der Grundpfeiler jedes therapeutischen Ansatzes.
Seite 3
Dies soll ein kleines Beispiel aus meiner Praxis verdeutlichen: Eine Klientin hatte längere Zeit Disziplinprobleme, bis ich eines Tages ganz gelassen zu ihr sagen konnte:
Ich glaube, du findest es manchmal schlimm, wenn die Erwachsenen immer wieder zu dir sagen, dass du unruhig und zappelig bist. Ich finde das kein Problem, dafür hast du viel Kraft und Lebensfreude. Du sollst hier einfach lernen dich zu konzentrieren, so dass du besser lernen kannst. (persönliche Notizen)
In dem Moment war für mich an ihrer nonverbalen Reaktion spürbar, dass sie den Eindruck hatte, dass ich sie verstanden habe. Von dem Moment an war Beziehungsgestaltung möglich und wurde eine innere Entwicklung bei der Klientin auch für ihr Umfeld wahrnehmbar.
Ziele, Methoden und Charakter der Studie:
Das Ziel dieser Studie ist das Aufzeigen der Bedeutung der Begegnung im eurythmietherapeutischen Prozess. Sie soll zeigen, ob die vermutete Wirkung der daraus folgenden Eigeninitiative und Ich -Stärkung der PatientIn im Genesungsprozess (leichtes Schielen) eintritt. Meine diesbezügliche These lautet: Nur mit gelungener Beziehungsgestaltung wird Eurythmietherapie wirksam.
Im 1. Teil dieser Studie werde ich eine Auswahl aus der Literatur zum Thema Begegnung untersuchen und mit Erfahrungswerten aus der therapeutischen Praxis vergleichen. Im 2. Teil werde ich dann an Hand einer Einzelfalldokumentation die Wirkung der Beziehungsgestaltung in der Eurythmietherapie und die Wirkung der Therapie auf die Patientin darstellen. Als Methoden und Indikatoren dienten mir:
Ich hoffe, dass diese Arbeit zu einem fruchtbaren Dialog zwischen Psychotherapeuten und künstlerischen Therapeuten anregen kann. Im Anhang werden Themen, die im Kontext dieser Arbeit nicht vollständig erfasst werden konnten, ausführlicher dargestellt. Innerhalb der Arbeit werden die Begriffe zur Verbesserung der Lesbarkeit nur in ihrer männlichen Form verwendet.
Seite 4
Motto:
„[…]Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du. Alles wirkliche Leben ist Begegnung.
(Martin Buber,. „Ich und Du“ (1923)“Das Dialogische Prinzip“ Sammelband 2006:15)
Foto 1 Langmair H.: Klientin während der Eurythmietherapie (Lautgestalt M -oben/unten)
Seite 5
Teil 1
Kritische Reflexion der
Literatur
zum Thema Begegnung
Seite 6
1. Beziehung:
Was ist Beziehung?
Eine Definition von Beziehung lautet: „Beziehung ist der Bezug in einem Bezugssystem“.
http://de.wikipedia.org/wiki/Beziehung [28.3.2009 Diese Seite wurde zuletzt am 26. März 2009 um
21:16 Uhr geändert.
Der Begriff „soziale Beziehung“ geht auf Max Weber zurück, dieser definiert: Die soziale Beziehung besteht also durchaus und ganz ausschließlich: in der Chance, dass in einer (sinnhaft) angebbaren (sic) Art sozial gehandelt wird, einerlei zunächst: worauf diese Chance beruht. ( Weber 1922:13).
Soziale Beziehung ist, sowie Weber beschreibt, in erster Linie eine Chance für soziales Handeln und definiert noch nicht die Qualität dieser Handlungsweise. Wie wir aber am obigen Zitat (Weber) ablesen können, ist die Qualität dieser Beziehungsgestaltung ausschlaggebend für die Weiterentwicklung des Menschen als soziales Wesen. Was bedeutet aber Beziehungsgestaltung in den komplexen Bezugssystemen zwischen Menschen?
Sie bedeutet, meine ich, beim Kleinkind sogar die Grundlage seines Lebens. Die grausigen Experimente des Stauferkaisers Friedrich II., der schon im 13.Jahrhundert demonstrierte, dass bei Kleinkindern, welche gepflegt wurden, aber keine liebevolle Zuwendung erleben durften, schwere Entwicklungsstörungen auftraten, erhärten meines Erachtens die oben gemachte These, dass Beziehungsgestaltung eine wesentliche Grundlage für menschliche Entwicklung und Gesundheit darstellt. Die Experimente des Stauferkaisers endeten mit dem Tod der betreuten Kleinkinder. Es wurde deutlich, dass ohne menschliche Zuwendung Kinder sich nicht zu menschlichen Wesen entwickeln können, da sie an mangelnden Entwicklungsanreizen starben. (vgl. Anhang 1.1.)
Jean Itard (1964: 186) beschreibt den grossen Leidensdruck, der bei ihm entstand, wenn er mit Viktor, einem 12jährigen Knaben, der im Wald völlig verwildert gefunden worden war, an der Ausbildung von dessen Nachahmungsfähigkeit und Aufmerksamkeit arbeitete. Die menschliche Sprache war für diesen Jungen kaum mehr erlernbar und jeder kleinste Entwicklungsschritt kostete unendliche Geduld und Zuwendung. Itard arbeitete, um diesen Jungen nur einigermassen erreichen zu können, mit kräftiger emotionaler Verstärkung und Zuwendung. Er musste feststellen, dass in diesem Alter die menschliche Sprache kaum mehr erlernbar war, konnte aber erleben, dass die Entwicklungsbereitschaft des jungen Wilden zunahm. (vgl. Anhang 1.2.)
Seite 7
1.1. Was geschieht physiologisch bei einer Begegnung?
Joachim Bauer beschreibt in seinem Werk (2006: 30), dass es zur Aktivierung der Motivationssysteme im Gehirn einen Stimulus, wie zum Beispiel den Blickkontakt eines freundlichen Menschen, braucht. Menschliche Zuwendung aktiviert unter anderem endogene Opioide, wodurch schmerzstillende Wohlfühlbotenstoffe im Gehirn aktiviert werden.
Er beschreibt drei Hormontypen, die unterschiedlich auf psychogene Stimuli reagieren. ( Bauer 2006:30)
"Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie": Psychotherapie heilt seelische Erkrankungen und hat positive Effekte auf Gehirn und Körper […] Seelische Erkrankungen bilden sich keineswegs von selbst zurück. Psychotherapie hilft nicht nur der Seele, sondern auch dem Körper, denn in einem lebenden Organismus sind alle biologischen Funktionen zutiefst "beseelt". http://www.psychotherapie-prof-bauer.de [27.3.2009]
1.2. Was sind die physiologischen Grundlagen von Beziehung?
Bauer beschreibt, dass durch Zuwendung, Anerkennung und Kooperation im Gehirn Botenstoffe frei werden, die die Leistungsbereitschaft der KlientIn erhöhen und deren hormonellen Motivationssysteme anregen.
Psychische Einflüsse führen zur Ausschüttung von hormonellen Substanzen, die eine Stress abbauende und Wohlbefinden steigernde Wirkung haben. Dopamine lösen die Lust aus, etwas zu tun.Opioide lösen die Freude am Tätigsein aus, ein starkes Wohlgefühl. Oxytozin löst aus, dass ich mich für einen anderen Menschen einsetzen möchte. (Bauer 2006:33)
Ausserdem beschreibt er, dass wir, indem wir anderen Menschen begegnen, eine direkte Wahrnehmung von seiner Persönlichkeit und von deren Wirkung auf uns selber haben. Ein ähnliches Phänomen ist die Fähigkeit der direkten Nachahmung von Bewegungen eines anderen Menschen. Die sogenannten Spiegelneuronen sind Grundlage zur Fähigkeit der emotionalen, intuitiven Resonanz. Das, was jemand empfindet, dringt direkt in mein Seelenleben ein und beeinflusst mich. (Bauer 2005:88)
(vgl. auch Anhang 1.6. und 1.7. zu den Begriffen Bindung und Übertragung)
Bauer beschreibt in seinem Werk schlussendlich 5 Grundvoraussetzungen, die es uns ermöglichen, eine gesunde Begegnung mit dem Gegenüber eingehen zu können:
Seite 8
2. gemeinsame Aufmerksamkeit gegenüber Dritten,
3. emotionale Resonanz
4. gemeinsames Handeln und
5. das wechselseitige Verstehen von Motiven und Absichten. (Bauer 2006:192)
Diese Begegnungsqualitäten bilden die seelische Grundlage dafür, dass jene oben beschriebenen Hormone im Organismus ausgeschüttet werden können.
1.3. Was sind die psychologischen Grundlagen von Beziehung?
In der Literatur werden unter anderem durch Fritz Riemann verschiedene Formen von Beziehungstypen erwähnt. Riemann unterscheidet den planenden, nach Sicherheit suchenden, den improvisierenden, den immer verzeihenden, den distanzierten, den eigensinnigen Beziehungstyp. Riemann betont aber, dass ein Mensch nicht nur eine dieser Charaktereigenschaften hat, sondern individuell und wandlungsfähig ist und z.B. einen Bereich stärken kann, der bisher nur schwach ausgeprägt war. (Riemann 1961:14)
Schon in der altgriechischen Temperamentenlehre wurden Beziehungstypen beschrieben. Riemann entspricht aber, dadurch, dass seine Beziehungstypen als Forschungsergebnis aus seiner Arbeit an der 1974 gegründeten Münchner Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie entstanden, den heute üblichen Standards. Riemann spricht folgende Grundthemen in unserem Beziehungsverhalten an:
Ewiges Weitergeben von Mustern scheint, wie in der Einleitung erwähnt, hier ein Grundthema, zu sein, Riemann spricht aber trotzdem von der „Wandlungsfähigkeit des Menschen“, indem er immer wieder danach strebt, diese Gegensätze auszugleichen. (Riemann 1961:17)
Seite 9
Arbeit zitieren:
Herbert Langmair, 2009, Begegnung - Eurythmietherapie und Strabismus, München, GRIN Verlag GmbH
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