INHALT
Cassandra Fedele 43 Vorwort 11
Die Zierde Italiens
Maria Gaetana Agnesi 13
Dian Fossey 45
Berühmt durch
Die berühmteste die Agnesische Hexe
Gorillaforscherin
Mary Anning 16
Anna Freud 48
Englands frühe Saurierjägerin
Die Begründerin
Laura Bassi 19
der Kinderpsychoanalyse
Die erste Professorin Europas
Biruté Galdikas 51
Charlotte Bühler 22
Die berühmteste
Orang-Utan Forscherin Die Wegbereiterin
der humanistischen Psychologie
Dorothy Garrod 53
Emilie du Châtelet 26
Die Expertin
für die Altsteinzeit Die Newton-Venus
Gerty Cori 29
Maria Goeppert-Mayer 56
Sie löste das Rätsel Die erste
der magischen Zahlen Medizinnobelpreisträgerin
Jane Goodall 59 Marie Curie 32
Die berühmteste Die erste Frau
Schimpansen-Forscherin mit zwei Nobelpreisen
Caroline Herschel 62 Helene Deutsch 35
Die Frau Die Kennerin
die Kometen jagte der Frauenpsyche
Shere Hite 65 Amalie Dietrich 38
Die Kennerin Die deutsche
der weiblichen Sexualität Australienforscherin
Dorothy Hodgkin 68 Gertrude Belle Elion 41
Die Meisterin Die Entwicklerin
der Kristallstruktur-Durchleuchtung pharmakologischer Klassiker
4
Hypatia 72
Margaret Mead 103
Die erste Mathematikerin Die „große alte Dame
der Anthropologie“
Irène Joliot-Curie 74
Lise Meitner 107
Die Entdeckerin
der künstlichen Radioaktivität Die Frau,
die die Uranspaltung
Kathleen Kenyon 77
erklärte
Die große Ausgräberin
Maria Sibylla Merian 110
im Nahen Osten
Die erste
Sofja Kowalewskaja 80
deutsche Insektenforscherin
Die Pionierin
Johanna Mestorf 114
der Mathematik
Die erste
Elisabeth Kübler-Ross 84
deutsche Museumsleiterin
Sie linderte
Margarete Mitscherlich 117
die Furcht vor dem Tod
Deutschlands
Mary Leakey 88
renommierteste
Auf den Spuren Psychoanalytikerin
der Vormenschen
Maria Montessori 119
Ruth Levi-Montalcini 91
Die Entdeckerin
Die erfolgreichste des „Montessori-Phänomens“
amerikanische Embryologin
Elisabeth Noelle-Neumann 121
Maria Gräfin von Linden 94
Die erste
Die erste deutsche „Doktorin Meinungsforscherin
der Naturwissenschaften“ Deutschlands
Ada Byron Countess Christiane Nüsslein-Volhard 125
of Lovelace 97
Die erste deutsche
Die erste Programmiererin Medizinnobelpreisträgerin
Barbara McClintock 100
Annemarie Schimmel 127
Das „Genie
Die berühmteste
der Genetik“
Orientalistin Deutschlands
Rosalyn Sussman Yalow 133
Weitere Wissenschaftlerinnen 137
Literaturverzeichnis 158
Der Autor 161
Baronesse de Beausoleil – Joce- lyn Bell-Burnell – Ruth Benedict – Ida Bognár-Kutzián – Sophia Brahe – Annie Jump Cannon – Margaret Cavendish – Agnes Mary Clerke – Hedwig Conrad-Martius – Anne Conway – Maria Cunitz – Jeanne Dumée – Maria Clara Eimmart – Mileva Einstein – Rhoda Erdmann – Williamina Fleming – Rosalind Frank- lin – Sophie Germain – Marija Gimbutas – Marianne Grunberg- Manago – Elisabeth Hevelius – Hil- degard von Bingen – Grace Hopper – Margaret Huggins – Marie Jahoda – Maria Kirch – Ilse Knott-Ter Meer – Ilona Kovrig – Marie-Jeanne Lalande – Pia Laviosa-Zambotti – Marie Paulze de Lavoisier – Henrietta Leavitt – Nicole-Reine Lépaute – Anna Morandi Manzolini – Maria die Jüdin – Maria Mitchell – Mary Wortley Montagu – Amália Mozsolics – Margaret Morse Nice – Emmy Noether – Ida Noddack – Eleanor Ormerod – Louise de la Madeleine
DANK
Für Auskünfte, kritische Durchsicht Andreas Dether, Dorum
von Texten (Anmerkung: Deutsches Historisches Institut Rom
Etwaige Fehler gehen zu Lasten des Christiane Eichenberg,
Verfassers), mancherlei Anregung, Psychologisches Institut der
Diskussion und andere Arten der Hilfe Universität Köln
danke ich herzlich:
Dipl.-Ing. Thomas Felte,
Wilhelm-Foester-Sternwarte e. V.
Rüdiger Articus,
Berlin
Hamburger Museum für Archäologie Edith Fleckenstein-Sternsdorff, M. A.
und die Geschichte Harburgs, Kulturanthropologie/
Hamburg
Europäische Ethnologie,
Louis Azzopardi,
Johann-Wolfgang-Goethe-Universität
National Tourism Organization – Frankfurt am Main
Professor Dr. Volkmar Fritz, Malta, Valetta
Fachbereich Evangelische Theologie Michael Barth,
und deren Didaktik der Lehrer für Mathematik und Physik
Justus-Liebig-Universität Gießen, am Gymnasium Sarstedt
Institut für Evangelische Theologie Werner Baumbauer, Mackenrodt
Juergen Franssen,
Rolf-Ingo Behnke,
Universität Heidelberg Diplom-Bibliothekar,
Dr. rer. nat. Manfred Gaida, Stadtbibliothek Salzgitter
Extraterrestrik (Space Science), Falk Berger,
DLR Bonn-Oberkassel
Sigmund-Freud-Institut,
Matthias Galm GbR, Bruchsal Forschungsinstitut für Psychoanalyse
Professor Dr. Peter Gutjahr, und ihre Anwendungen,
Universitätskinderklinik, Mainz Frankfurt am Main
Peter Chr. Hammelsbeck, Marta Cavazza,
Department of Philosophy, The Jane Goodall Institute,
Jane Goodall Roots & Shoots e. V., University of Bologna
München
Centre Georges Pompidou,
Sabine Happ, M. A.,
Bibliothéque publique d'information,
Rheinische Friedrich-Wilhelms- Paris
Universität Bonn, Archiv Roger Clarke,
Dr. Angelika Heinrich, Admin Secretary,
Lyme Regis Philpot Museum, Prähistorische Abteilung,
Lyme Regis
Naturhistorisches Museum Wien
Klaus Peter Creamer,
Ulrike Hertlein, Kulturreferat,
Beltz Presse, Weinheim Deutsche Botschaft Nairobi
8
Dr. Shere Hite,
Monika Oehme,
Sexualforscherin und Autorin, Universitätsbibliothek Marburg,
Hite Research, Paris
Katalogsaal/Auskunft
Jennifer Kerns,
Polityka, Warschau
Development Office,
Doris Probst, Mainz-Kostheim
Sonja Probst,
Newnham College, Cambridge
Britta Lohmann, Göttingen Johannes-Gutenberg-Universität,
Caroline Lüderssen,
Mainz
Redaktion Italienisch,
Stefan Probst, Mainz-Kostheim
Frankfurt am Main
Alexander Pullen,
Archives Assistant, Central Archives, Dr. Margarete Maurer,
The British Museum, London Rosa-Luxemburg-Institut, Wien
Dr. med. Margarete Mitscherlich- Dr. Pierre Radvanyi, Paris
Nielsen, Psychoanalytikerin, Dr. Helmut Rechenberg,
Frankfurt am Main
Max-Planck-Institut für Physik,
Dr. Michael Müller-Karpe, Werner Heisenberg-Institut, München
Römisch-Germanisches Dr. Elisabeth Ruttkay,
Zentralmuseum Mainz
Prähistorische Abteilung,
Professorin Dr.
Naturhistorisches Museum Wien
Elisabeth Noelle-Neumann, Wolfgang Schibel,
Institut für Demoskopie Allensbach, Bibliothek, Universität Mannheim
Gesellschaft zum
Professorin Dr. Annemarie Schimmel,
Studium der öffentlichen Meinung Islamwissenschaftlerin
mbH, Allensbach am Bodensee und Orientalistin, Bonn
Philipps-Universität Marburg, Katharina Schmidt-Loske,
Fachbereich Psychologie Diplom-Biologin, Bonn
Professorin Dr. rer. nat. Christiane Dr. Michael Schönhut,
Nüsslein-Volhard, Max-Planck- Fachbereich IV. Ethnologie,
Institut für Entwicklungsbiologie, Universität Trier
Tübingen
Professor Dr. Friedemann Schrenk,
Dr. K. Obermayr,
Hessisches Landesmuseum
Europa-Schule, Rhein-Main-Schule Darmstadt
Dr. Obermayr, Wiesbaden Dr. Peter Schröter,
Dr. Onora O’Neill,
Anthropologische Staatssammlung,
Newnham College, Cambridge München
Professor Dr. Wolfgang Nellen, Dr. Raymond Seltz,
Universität Kassel
Centre National de la Recherche
Bernd Neu, Archivar, Ingelheim Scientifique (C.N.R.S.), Bonn
Barry Shell,
Research Communications Manager, Centre For Systems Science, Simon Fraser University, Burnaby Dr. Wolfgang J. Smolka, Ludwig-Maximilians-Universität, Universitätsarchiv, München Stadtarchiv Zürich Stadtbücherei Kiel Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten, Dokumentation Anne Thomson, Newnham College Archives, Cambridge Dr. Renate Tobies, Universität Kaiserslautern, Fachbereich Mathematik Cordula Tollmien, Autorin, Hannoversch Münden Ullstein, Dokumentation und Bibliothek, Berlin Dilys MacKinnon Vass, Executive Director, The Jane Goodall Institute, Lymington Hants Annette Vogt, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin Kendall P. Watts, Staff Assistant, Registrar’s Office, Massachusetts General Hospital, Boston Dr. Nancy S. Weitz, Cavendish Society, England Dr. Rupert Wild, Staatliches Museum für Naturkunde, Stuttgart
VORWORT
Pionierinnen in Wissenschaft
und Technik
Erstaunlich wenig bekannt ist immer noch, welche bedeutenden Leistungen tüch- tige und kluge Frauen in Wissenschaft und Technik vollbracht haben. Dies liegt wohl daran, dass dieses Thema in Nachschlagewerken, Handbüchern und Lexika oft nicht gebührend oder gar nicht behandelt wird. Ob die zumeist männlichen Autoren dieser Werke dies unwissentlich oder absichtlich getan haben, lässt sich nicht klären.
Trotzdem hat es immer wieder couragierte und geniale Frauen gegeben, denen es gelungen ist, die Schranken des von Männern beherrschten Systems zu durchbre- chen und ihren mathematischen, naturwissenschaftlichen oder technischen Interes- sen nachzugehen. Sei es die erste Mathematikerin Hypatia in Ägypten, die erste europäische Professorin Laura Bassi in Italien, die erste Programmiererin Ada Byron Countess of Lovelace in England oder die Kometenjägerin Caroline Herschel in Deutschland.
Das vorliegende Taschenbuch „Superfrauen 5“ will die großen Leistungen, die Frauen in Wissenschaft und Technik zuzuschreiben sind, mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Es präsentiert 41 Lebensläufe in Wort und Bild sowie zahlreiche weitere kurze Hinweise auf verdienstvolle Forscherinnen. Es schildert, wie mühsam sich tapfere Frauen einen Platz in der Wissenschaftsgeschichte erkämpften.
Ernst Probst
11
Maria
Gaetana Agnesi
Berühmt durch
die „Agnesische Hexe“
A ls erste Mathematikerin Italiens
Philosophie und Naturwissenschaft ging Maria Gaetana Agnesi diskutierte. Seine zweite, musikalisch (1718–1799) in die Annalen der Wis- sehr talentierte Tochter Maria Teresa senschaft ein. Sie verfasste viel beach- (1720–1795) spielte bei „akademi- tete wissenschaftliche Werke und schen Abenden“ Cembalo. Die Mutter machte eine Formel bekannt, die nach starb nach der Geburt ihres achten ihr als „Agnesische Hexe“ benannt Kindes, als Maria Gaetana erst 14 Jahre wurde. Während der letzten Jahrzehnte alt war.
ihres Lebens widmete sie sich der 1738 erschien das Werk „Propositiones Religion und der Wohltätigkeit.
Philosophicae“ von Maria Gaetana Maria Gaetana Agnesi wurde am 16. Agnesi, in dem sie unter anderem das April 1718 als erstes Kind eines Phänomen des Polarlichts behandelte Professors für Mathematik in Mailand und merklich von den damals üblichen geboren. Der Vater erkannte früh ihre Erklärungen abwich. Beim Polarlicht große Begabung und förderte sie, handelt es sich um eine nächtlich zu indem er für sie angesehene Gelehrte beobachtende Leuchterscheinung in als Privatlehrer engagierte. Maria den polaren Gegenden der Nordhalb- Gaetana galt als Wunderkind, weil sie kugel (Nordlicht) und Südhalbkugel bereits als Neunjährige Vorlesungen in (Südlicht).
Latein hielt und als junges Mädchen Mit 21 Jahren wollte Maria Gaetano sieben Sprachen beherrschte.
Agnesi ins Kloster gehen, doch ihr Der stolze Vater gründete in seinem Vater konnte ihr diesen Wunsch ausre- Haus einen Salon, in dem Maria den. Unter den Bedingungen, sie wolle Gaetana mit gelehrten Gästen über sich einfach und bescheiden kleiden
13
dürfen sowie nicht ins Theater, zu Mathematiker und Astronom Isaac
Bällen oder zu anderen gesellschaftli- Newton (1643–1727) behandelte die
chen Ereignissen gehen müssen, wid- „Versiera“ schon vor Maria Gaetana
mete sie sich weiter der Wissenschaft. Agnesi, doch diese wurde erst durch
1740 erschien die Publikation eines die gründliche Untersuchung Agnesis
anderen Autors über das Nordlicht, der allgemein bekannt.
sich die zwei Jahre zuvor geäußerten Als man Papst Benedikt XIV. (1675–
Ansichten von Maria Gaetana Agnesi 1758) Kopien der Arbeiten von Maria
zu eigen machte. Giovanni Crivelli Gaetana Agnesi schickte, beglück-
(1691–1743) nahm in einer neuen wünschte er die 30-Jährige und ernann-
Ausgabe seines Werkes „Elementi di te sie zur Honorarprofessorin an der
Fisica“ die Untersuchungen Agnesis Universität Bologna, an der bereits ihr
über das Nordlicht auf. Damit ent- Vater als Mathematikprofessor gewirkt
sprach er einer Bitte der extrem hatte. Dort lehrte sie allerdings nie-
zurückhaltenden Maria Gaetana, die mals, obwohl die berühmte Physikerin
befürchtete, man könne sie bei einer Laura Bassi (1711–1778) sie mehrfach
eigenen Publikation des Plagiats be- darum bat.
zichtigen. Die wissenschaftlichen Veröffentli-
Der Ruhm von Maria Gaetana Agnesi chungen von Maria Gaetana Agnesi
wurde durch ihr 1748 veröffentlichtes wurden unter der Schirmherrschaft der
zweibändiges Werk „Instituzioni anali- „Académie Royale des Sciences“ in
tiche“ („Grundlagen der Analyse“) die französische Sprache übersetzt.
begründet. Darin behandelte sie Alge- Ungeachtet dessen lud man sie
bra sowie analytische Geometrie, Inte- jedoch nicht dazu ein, sich dieser
gral- und Differentialrechnung. Diese renommierten Pariser Akademie anzu-
Arbeit widmete sie der österreichi- schließen.
schen Herrscherin Maria Theresia Nach dem Tod ihres Vaters 1752 zog
(1717–1780), die ihr zum Dank ein sich Maria Gaetana Agnesi aus der
Kristallkästchen mit Diamanten und Öffentlichkeit zurück. Die junge, un-
einem Diamantring schenkte. Im Er- verheiratete und sehr religiöse Frau gab
scheinungsjahr ihrer „Instituzioni ana- ihre wissenschaftlichen Ämter ab, stu-
litiche“ wählte man sie in die „Akade- dierte Theologie und half armen,
mie der Wissenschaften“ zu Bologna. kranken und heimatlosen Menschen,
Berühmt wurde Maria Gaetana Agnesis vor allem Frauen, und versorgte ihre
Formel für die „kubische Kurve“, die zahlreichen jüngeren Brüder. Ihr Vater
unter der Bezeichnung „Agnesische hatte in drei Ehen insgesamt 21 Kinder
Hexe“ Aufsehen erregte. Maria gab gezeugt. Anfangs wohnte sie mit eini-
dieser Kurve wegen deren geschwun- gen ihrer Schutzbefohlenen im Eltern-
gener Gestalt den Namen „Versiera“. haus, später zog sie mit vier von ihnen
Daraus entstand irrtümlich der Aus- in ein Miethaus.
druck „Hexe“, weil das Wort „Versie- 1771 übernahm Maria Gaetana Agnesi
ra“ im Italienischen auch diese Bedeu- in Mailand die Leitung der Frauenab-
tung hat. Der englische Physiker, teilung des „Pio Albergo Trivulzio“,
14
eines Heims für alte und geisteskranke Mailand. Zu Ehren der berühmten
Menschen. Sie verfasste mehrere Mathematikerin wurde später ein Kra-
christliche Werke, die in der „Ambrosi- ter des Planeten Venus benannt. In
ana-Bibliothek“ von Mailand aufbe- manchen Büchern wird sie als „erste
wahrt werden und unveröffentlicht Mathematikerin“ bezeichnet. Doch in
blieben. Wirklichkeit gebührt diese Ehre der
Am 9. Januar 1799 starb Maria Gaetana griechischen Mathematikerin und Phi-
Agnesi im Alter von 80 Jahren in losophin Hypatia (370–415).
15
Mary Anning
Englands
frühe Saurierjägerin
G roßbritanniens erfolgreichste Fos-
sind unvollständig und widersprüch- siliensammlerin des 19. Jahrhun- lich. Manche Darstellungen ihres Le- derts war Mary Anning (1799–1847) bens wurden erfunden.
aus Lyme Regis an der Küste von Eine der unglaublich klingenden Ge- Dorset. Einmal wurde sie sogar als die schichten über Mary Anning handelt „größte Fossiliensammlerin, die die davon, sie sei im Alter von einem Jahr Welt kannte“, bezeichnet. Die rührige zusammen mit ihrem Kindermädchen Hobby-Paläontologin spürte Aufsehen vom Blitz getroffen worden. Das erregende Reste von prähistorischen Kindermädchen kam dabei angeblich Fischen, Meeres- und Flugechsen aus ums Leben, die kleine Mary dagegen der frühen Jurazeit vor mehr als 200 konnte, nachdem man sie in warmes Millionen Jahren auf, die sie präparier- Wasser getaucht hatte, wiederbelebt te und an zahlungskräftige Interessen- werden. Vor dem Unfall soll sie ein ten verkaufte. Mit vielen Gelehrten teilnahmsloses Kind gewesen, nachher ihrer Zeit ist sie befreundet gewesen. jedoch lebhaft und intelligent gewor- Mary Anning kam am 21. Mai 1799 als den sowie prächtig gewachsen sein. eines von zehn Kindern des Kunst- Das Fossiliensammeln an den Klippen tischlers Richard Anning (1766–1810) der Küste nahe ihres Heimatortes lernte und seiner Frau Mary in Lyme Regis Mary von ihrem Vater, der dort zur Welt. Von diesen Jungen und viele Funde barg und damit Handel Mädchen erreichten nur zwei, nämlich betrieb. Die Suche nach Fossilien in Mary und ihr Bruder Joseph (1796– der Gegend von Lyme Regis war ein 1849), das Erwachsenenalter. Die gefährliches Unternehmen. Dabei Schilderungen über Marys Kindheit musste man unter einsturzgefährdeten
16
Klippen und bei wechselnden Gezeiten sei außergewöhnlich, wie gründlich
– teilweise im Wasser watend – nach diese junge Frau ihre Wissenschaft
Funden Ausschau halten. Der Vater von betreibe. In dem Augenblick, in dem
Mary starb 1810 im Alter von nur 44 sie irgendeinen Knochen finde, wisse
Jahren. sie sofort, worum es sich handle. Sie
Bereits als elfjähriges Mädchen fand fixiere die Knochen in einem Rahmen
Mary Anning 1811 den größten Teil des mit Zement und fertige dann Zeichnun-
Skeletts von einem Fischsaurier der gen an.
Gattung „Ichthyosaurus“, ihr Bruder 1828 barg Mary Anning in den Kliffs
hatte schon ein Jahr zuvor Teile davon von Lyme Regis Skelettreste eines
entdeckt. Als Glücksfall für die in Flugsauriers ohne Schädel. Dieser
Armut lebende Familie Anning erwies Fund aus der frühen Jurazeit wird in der
sich 1817 die Bekanntschaft mit dem Literatur oft als erster englischer Flug-
professionellen Fossiliensammler Li- saurier bezeichnet. In Wirklichkeit sind
eutenant-Colonel Thomas Birch die ersten Flugsaurierreste aus Groß-
(1769–1829). Er veräußerte seine Kol- britannien schon 1827 von dem Arzt
lektion bei einer Auktion und schenkte und Fossiliensammler Gideon Mantell
den bedürftigen Annings den Verkaufs- (1790–1852) aus Lewes beschrieben
erlös. worden. Allerdings deutete er die im
Ab Mitte der 1820-er Jahre betrieb Tilgateforest entdeckten Flugsaurierre-
Mary Anning – statt ihrer Mutter – ste fälschlicherweise als Vogelkno-
allein den Fossilienhandel. Ihr Bruder chen.
Joseph verdiente damals als Marys Annings Flugsaurierfund wur-
Möbelpolsterer seinen Lebensunter- de von dem Oxforder Professor Willi-
halt. Mary verkaufte die meisten der am Buckland (1784–1856) erworben
von ihr entdeckten und präparierten und von ihm 1829 in den Berichten
Funde an Museen, Wissenschaftler und der „Geologischen Gesellschaft“ in
reiche Privatsammler. London als neue Art der Gattung
1823 stieß Mary Anning in den Klippen „Pterodactylus“ („Flugfinger“) be-
von Lyme Regis auf einen nahezu schrieben. Buckland hatte 1824 bereits
kompletten Plesiosaurier (Ruderech- den ersten Dinosaurier, den Raubdi-
se), der später „Plesiosaurus macroce- nosaurier „Megalosaurus“ („Großech-
phalus“ genannt wurde. Dabei handelte se“) aus England, publiziert. Wegen der
es sich ein räuberisches Meeresreptil großen Krallen an den kleinen Fingern
aus der frühen Jurazeit. Als der renom- bezeichnete Buckland die neue Flug-
mierte französische Paläontologe Ge- sau-rierart als „Pterodactylus macro-
orges Cuvier (1769–1832) erstmals nyx“.
eine Zeichnung von diesem Fossil sah, Als 1858 dem englischen Paläontolo-
bezweifelte er dessen Echtheit. gen Richard Owen (1804–1892) weite-
re Flugsaurierreste derselben Art aus Nach einem Besuch 1824 in Lyme
Lyme Regis, darunter auch solche mit Regis schrieb Lady Harriet Sivester,
Schädeln, vorgelegt wurden, erkannte die Frau des Stadtrichters von London,
er rasch, dass sich der Schädel von der über Mary Anning in ihr Tagebuch, es
17
bisher nur aus Solnhofen in Bayern durchwandern und nach Fossilien Aus-
bekannten Gattung „Pterodactylus“ schau zu halten.
merklich unterschied. Daraufhin gab er Gegen Ende ihres Lebens wurden
den Flugsauriern aus Lyme Regis Mary Anning auch wissenschaftliche
wegen ihrer zwei verschiedenen Zahn- Ehren zuteil. 1838 nahm man sie
formen im Gebiß den Namen „Dimor- in die „British Association for the
phodon“ („Zweiformenzahn“). Diese Advancement of Science“ auf. Die
Flugsaurier erreichten zu Lebzeiten „Geological Society of London“ er-
eine Länge von etwa einem Meter und nannte sie 1846 zum ersten Ehrenmit-
eine Flügelspannweite bis zu 1,40 glied des neuen „Dorset County Muse-
Meter. ums“.
Außerdem glückte Mary Anning in Am 9. März 1847 starb Mary Anning
Lyme Regis der Fund eines fossilen im Alter von 47 Jahren in Lyme Regis
Fisches der Gattung „Squaloraja“ aus an Brustkrebs. Ihr Nachruf wurde im
der frühen Jurazeit. Diese Gattung „Quarterly Journal of the Geological
besaß sowohl Merkmale von Haien als Society“ veröffentlicht. Diese Gesell-
auch von Rochen. schaft hatte bis 1904 keine Frauen
Sämtliche damaligen renommierten aufgenommen. Auf Mary Anning soll
britischen Geologen sind mit Mary der bekannte englische Zungenbrecher
Anning befreundet gewesen. Viele von „She sells sea shells on the sea shore“
ihnen verbrachten ihre Ferien in Lyme („Sie verkauft Meeresmuscheln am
Regis, um mit Mary die Klippen zu Meeresstrand“) gemünzt sein.
18
Laura Bassi
Die erste
Professorin Europas
E uropas erste Professorin war die
no Tacconi (1689–1782) bei einem italienische Physikerin Laura Ma- Hausbesuch der Familie Bassi die ria Catarina Bassi (1711–1778). Im kluge Laura auf. Der Mediziner hatte Alter von 20 Jahren erwarb sie 1732 die Zwölfjährige bei der Behandlung innerhalb weniger Monate den Doktor- von deren Mutter gebeten, zu notieren, titel, habilitierte sich und erhielt den was er ihr über die Krankheit und die Professorentitel. Die ungewöhnlich in- vorgesehene Therapie sagen werde. telligente Frau heiratete einen Medizi- Daraufhin legte Laura ihm sowohl ner und Philosophen, brachte acht einen in Französisch als auch in Latein Kinder zur Welt, von denen drei verfassten Text vor.
starben, und zog fünf davon groß, ohne Der tief beeindruckte Arzt unterrichtete ihre wissenschaftliche Laufbahn zu – mit Erlaubnis der Eltern – Laura unterbrechen.
sieben Jahre lang in Logik, Metaphysik Laura Maria Catarina Bassi wurde am und Physik, ohne dass die Öffentlich-
31. Oktober 1711 als einziges Kind
keit davon erfuhr. Professor Tacconi eines Juristen in Bologna geboren. Der wollte das Ergebnis seiner Ausbildung erste, der ihr ungewöhnliches Talent auch anderen vorführen. Aus diesem bemerkte, war ein älterer Vetter, der Grund lud er 1732 einige Kollegen der den Priesterberuf ergriffen hatte. Der Universität in Lauras Elternhaus zu Geistliche brachte Laura die lateinische einer Diskussionsrunde ein.
Sprache bei. Im Alter von acht Jahren Die Gelehrten, die Laura Bassi zuhause beherrschte sie bereits die gesamte befragten, zeigten sich von ihrem Grammatik.
Wissen sehr beeindruckt. Sie baten 1725 fiel dem Medizinprofessor Caeta- deren Vater und Mutter, die erstaunli-
19
chen Kenntnisse ihrer Tochter in einer Francesco Maria Zanotti (1692–1777),
öffentlichen Diskussion demonstrieren der Philosoph und Sekretär der Akade-
zu lassen. Nach anfänglichem Zögern mie in Bologna, schrieb seinen Bruder
stimmten die Eltern diesem Vorhaben am 14. Juni 1732, die Bologneser seien
zu. Am 12. April 1732 diskutierte bei dem übertriebenen Lob für Laura
Laura im Rathaus von Bologna mit vier Bassie verrückt worden. Sie könnte die
Geistlichen und drei Wissenschaftlern an sie gestellten Erwartungen nicht
zwei Stunden lang gekonnt in fließen- erfüllen. Reisende, die nach Bologna
dem Latein über Metaphysik und kamen, besuchten Laura. Die deutsche
Moralphilosophie. Sie musste 49 The- Theaterleiterin Luise Gottsched (1713–
sen verteidigen und alle dazu gestellten 1762) äußerte sich eher abfällig über
Fragen beantworten. Kämpferisch ver- sie. Dagegen verfasste die deutsche
trat sie unter anderem die Ansichten Poetin Christine Ziegler (1695–1760)
des englischen Gelehrten Isaac Newton ein „Lobgedicht auf Laura Bassi“.
(1643–1727), der bewiesen hatte, dass 1738 heiratete Laura Bassi den Medizi-
der Schwung des Mondes in seiner ner und Philosophen Guiseppe Verati
Bahn um die Erde und der Fall eines (1707–1793). Die Verbindung mit dem
Apfels auf den Boden auf dieselbe weder reichen, noch vornehmen oder
Ursache zurückzuführen sind: die Gra- berühmten Verati brachte ihr viel Spott
vitation. ein. Aber Verati war offenbar der
Die Prüfung im Rathaus ging als richtige Mann für Laura, die mit ihm
„Laura Bassis erster Triumph“ in die eine glückliche und kinderreiche Ehe
Annalen der Wissenschaft ein. Sie führte.
beeindruckte die Gelehrten von Bolo- 1745 erhielt Laura Bassi eine von 24
gna so sehr, dass sie beschlossen, Laura bezahlten Wissenschaftlerstellen an der
zur regulären Doktorprüfung zuzulas- Universität von Bologna. Fortan wid-
sen. Vier Wochen später fand die mete sie sich der Mechanik, Pneuma-
zweite große Diskussion zur Erlangung tik, Hydromechanik, Optik und Elektri-
der Doktorwürde statt. Danach fuhr zitätslehre. Außerdem lehrte sie die
Laura in einem 18 Kutschen umfassen- griechische Sprache, führte in die
den Festzug von der Universität zum Dichtkunst ein und suchte auf Reisen
Rathaus, wo ihr festlich die Doktor- sowie in Briefen die Nähe der schöpfe-
würde verliehen wurde. rischen Geister in Europa.
Zwei Monate später folgten nach einer Ab 1749 gab Laura Bassi in ihrem
dritten Diskussion die Habilitation und Haus private Vorlesungen in Physik. In
die Berufung von Laura Bassi als den Berichten der Akademie von
Ehrenmitglied auf einen Lehrstuhl für Bologna wurden ihre Abhandlungen
Philosophie an der Unversität von „De problemate qudodam hydrometri-
Bologna, der ältesten Hochschule Eu- co“ und „De problemate quodam
ropas. Damit war sie 1732 die erste mechanico“ (1757) veröffentlicht. Mit
Professorin Europas. Kurz danach ver- vielen renommierten Wissenschaftlern
fügte die Akademie einen Aufnahme- und Gelehrten ihrer Zeit stand sie im
stopp für Frauen. Briefwechsel.
20
1776 erhielt Laura Bassi den „Lehr- Frau des Jahrhunderts und als Wunder
stuhl für Experimentalphysik“ mit ih- des Intellekts. Am 21. November 1778
rem Gatten als Stellvertreter. Zeitge- starb Laura Bassi im Alter von 67
nossen würdigten sie als gelehrteste Jahren in Bologna.
21
Charlotte Bühler
„Die Wegbereiterin
der humanistischen Psychologie“
Z u den bedeutendsten Kinder- und
Zu Beginn ihres Studiums träumte Jugendpsychologinnen der Welt Charlotte Malachowski von einer Uni- zählte die aus Deutschland stammende versitätsprofessur. Falls dies nicht Charlotte Bühler (1893–1974), gebore- möglich sein sollte, wollte sie Gymna- ne Malachowski. Sie beschäftigte sich siallehrerin werden. In Kiel besuchte mit dem Lebenslauf und mit den sie das nahe der Universität liegende Lebenszielen des Menschen und gilt Lehrerinnenseminar und verlobte sich als Wegbereiterin für die humanistische mit einem Studienkollegen. Doch nach Psychologie. Nach ihr wurde der von einem fast nur aus Studenten bestehen- ihr entwickelte „Bühlersche Welt- den Regimentseinsatz an der Ostfront Spiel-Test“ benannt, mit dem sie das kehrte der Verlobte psychisch schwer Seelenleben von Kindern und Jugendli- gestört zurück, und es kam zur Tren- chen erforschte. nung.
Charlotte Malachowski kam am 20. Im Herbst 1915 reiste Charlotte Mala- Dezember 1893 als ältestes von zwei chowski für Studien zu ihrer geplanten Kindern des jüdischen Regierungsbau- Dissertation über „Denkprozesse“ nach meisters Hermann Malachowski und München, wo sie der Universitätslehrer seiner Frau Rose, geborene Kristeller, Oswald Külpe (1862–1915) mit gro- in Berlin zur Welt. Ihre Mutter, die ßem Interesse für ihre Arbeit aufnahm. unter ihrer eigenen mangelhaften Aus- Fortan befasste sie sich vor allem mit bildung litt, meldete sie für das Gym- den Arbeiten des aus Meckesheim in nasium an. Nach dem Abitur studierte Baden stammenden Psychiaters und Charlotte ab 1913 in Freiburg im Neurologen Karl Bühler (1879–1963), Breisgau, Berlin, Kiel und München. auf die sie 1914 in der Berliner
22
Universitätsbibliothek aufmerksam ge- Charlotte dem Sohn Rolf Dietrich das
worden war. Ihrer Freundin Maria Leben.
Dieckmann sagte sie, dieser Mann Mit ihrer Arbeit „Entdeckung und
wolle genau dasselbe wie sie, und sie Erfindung in Literatur und Kunst“
wüsste gerne, wo er sei. habilitierte sich Charlotte Bühler 1920
Charlotte ahnte zu jener Zeit nicht, dass als erste Privatdozentin Sachsens an
Karl Bühler der Assistent von Oswald der „Technischen Hochschule“ in
Külpe und außerordentlicher Professor Dresden. Dank der finanziellen Unter-
am „Psychologischen Institut“ war, stützung ihrer Eltern konnte sie eine
weil Bühler damals als Stabsarzt an der Haushaltshilfe, Amme und später eine
Front diente. Nach dem plötzlichen Gouvernante für ihre zwei Kinder
Tod von Külpe am 30. Dezember 1915 beschäftigen.
wurde Bühler zurückberufen, über- Ab 31. August 1922 wirkte Karl Bühler
nahm vorübergehend die Leitung des als ordentlicher „Professor der Philoso-
Instituts und interessierte sich sehr für phie“ an der Universität Wien. In der
Charlottes Arbeiten. Folgezeit arbeiteten Karl und Charlotte
Bereits zwei Wochen nach seiner am „Psychologischen Institut“, an der
Rückkehr hielt der 37-jährige Professor Lehrerakademie der Stadt Wien, wo
Karl Bühler auf dem Weg durch den ihnen ein Laboratium für ihre For-
Englischen Garten in München um die schungen offen stand, und in der
Hand der 22 Jahre alten Studentin Kinderübernahmestelle der Stadt Wien.
Charlotte Malachowski an. Er blieb an Nach ersten Kontakten zu Forschern in
einem großen Baum stehen, stellte die den USA wurde Charlotte Bühler 1924/
Milchkannen, die er trug, auf die Erde, 1925 ein einjähriger Forschungsaufent-
und erklärte, sie sei genau jene, auf die halt als Fellow der „Sarah Lawrence
er gewartet habe: eine Frau, die mit ihm Rockefeller Foundation“ an der Co-
seine Interessen teilen könne und die lumbia-Universität in New York er-
ihn als Mensch anzöge. möglicht. Von 1930 bis 1938 wirkte sie
Am 4. April 1916 feierten Charlotte als außerordentliche Professorin in
Malachowski und Karl Bühler ihre Wien. 1935 folgte ein weiterer For-
Hochzeit. Danach bezogen beide eine schungsaufenthalt in den USA.
Wohnung in Schwabing und stellten In Wien betrieb Charlotte Bühler mit
dort ihre beiden Schreibtische im zahlreichen Schülern durch Auswer-
Wohnzimmer nebeneinander. 1917 tung von Tagebüchern Jugendlicher
kam die Tochter Ingeborg zur Welt.
und durch Verhaltensforschung kinder-
1918 promovierte Charlotte Bühler und jugendpsychologische Studien.
mit „summa cum laude“ zum „Doktor Gemeinsam mit den Kinder- und
der Philosophie“ und wandte sich Jugendpsychologinnen Hildegard Het-
der Kinder- und Jugendpsychologie zu. zer (1899–1991) und Lotte Schenk-
Im selben Jahr folgte Karl Bühler Danzinger (1905–1992) entwickelte
einem Ruf an die „Technische Hoch- sie „Kleinkindertests“ (1932), die bis
schule“ in Dresden, wohin auch seine heute angewendet werden.
Familie übersiedelte. 1919 schenkte Während eines beruflichen Aufenthalts
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im März 1938 in London hörte Charlot- und die geistige Trennung von seiner
te Bühler die Nachricht vom Anschluss früheren Wirkungsstätte unüberwind-
Österreichs an das Deutsche Reich. Ihr bar gewesen. Charlotte konnte lange
Mann wurde nach einer Hausdurchsu- Zeit von Wien nur mit Tränen sprechen.
chung durch die „Geheime Staatspoli- 1942 übernahm Charlotte Bühler die
zei“ („Gestapo“) am 23. März 1938 in Leitung der psychologischen Abteilung
„Schutzhaft“ genommen und im April des Zentralkrankenhauses von Minnea-
aus politischen und weltanschaulichen polis in Minnesota. 1945 wurde sie
Gründen beurlaubt. amerikanische Staatsbürgerin. Von
Mit Hilfe eines zum Nazi gewordenen 1945 bis 1953 arbeitete sie als Chef-
Norwegers, der früher in Österreich psychologin des „County General Hos-
Generalkonsul gewesen war, erreichte pitals“ in Los Angeles (Kalifornien)
Charlotte Bühler nach sechseinhalb und von 1950 bis 1958 als „Professorin
Wochen die Freilassung ihres Mannes für Psychiatrie“ an der Universität von
aus dem Gefängnis. Im Oktober 1938 Südkalifornien in Los Angeles, an der
trafen sich ihr Gatte, ihre Tochter und auch ihr Mann lehrte
sie in Oslo wieder. Als eine gemeinsa- Charlotte Bühler schrieb zahlreiche
me Berufung an die Fordham Universi- Bücher und veröffentlichte viele Arbei-
ty in New York für Herbst 1938 nicht ten über ihr Fachgebiet in wissen-
zustande kam, ging Karl Bühler an eine schaftlichen Zeitschriften und Sam-
andere Universität in den USA, wäh- melwerken. Das Verzeichnis ihrer Pu-
rend Charlotte vorerst in Norwegen blikationen umfasst 168 Arbeiten, von
blieb. denen mehrere in 21 Sprachen über-
Noch im Jahre 1938 übernahm Char- setzt wurden.
lotte Bühler eine Professur an der Zu Charlotte Bühlers bekanntesten
Lehrerakademie Trondheim in Norwe- Werken gehören unter anderem „Das
gen und zugleich an der Universität Märchen und die Phantasie des Kin-
Oslo. 1940 bat Karl Bühler seine Frau des“ (1918), „Das Seelenleben des
in Telegramm dringend, sie solle Jugendalters“ (1922), „Kindheit und
möglichst bald zu ihm nachkommen. In Jugend“ (1928), „Der menschliche
den USA befürchtete man damals Lebenslauf als psychologisches Pro-
bereits den Einmarsch der Deutschen blem“ (1933), ein Standardwerk der
in Norwegen. Am 29. März 1940 praktischen und experimentellen Psy-
verließ Charlotte Oslo, bald danach – chologie, „From birth to maturity“
am 10. April – wurde Norwegen von (1935), „Praktische Kinderpsycholo-
den Deutschen besetzt. gie“ (1937), „Kind und Familie“
In den USA erhielt Charlotte Bühler (1938), „Entwicklungsteste“ (1952) so-
eine Professur am „St. Catherine Col- wie „Kindheitsprobleme und der Leh-
lege“ von St. Paul in Minnesota, wo rer“ (1952). Mit ihrem Band „Psycho-
zuvor ihr Mann eine Stelle bekommen logie im Leben unserer Zeit“ (1962)
hatte. Das Ehepaar fühlte sich in seiner erreichte sie Bestseller-Auflagen.
neuen Heimat nicht wohl. Für Karl Am 24. Oktober 1963 starb Karl
Bühler war die erzwungene Emigration Bühler im Alter von 84 Jahren in Los
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Angeles. Obwohl er immer ein wenig nisbefriedigung, selbstbeschränkende
im Schatten seiner Frau stand, war auch Anpassung, schöpferische Expansion
er ein bedeutender Psychologe gewe- und Aufrechterhaltung der „inneren
sen. Er hatte als einer der ersten die Ordnung“. Letzteren Begriff prägte sie
geistige Entwicklung des Kindes mit selbst.
Hilfe von Testverfahren untersucht. Nach ihrer Emeritierung führte Char-
Außerdem war er erstmalig zu einer lotte Bühler bis 1971 eine private
genauen Unterscheidung des durch Praxis in Beverly Hills (Kalifornien),
„Dressur“ Angelernten und dem Ler- siedelte im selben Jahr nach Deutsch-
nen des Kindes durch selbstständiges land über und praktizierte bis zu ihrem
„Sinnerfassen“ gelangt und hatte so Tod in Stuttgart, wo ihr Sohn Rolf
Instinktmäßiges und Intellekt in der Dietrich eine Professur an der Techni-
Entwicklung scharf voneinander abge- schen Hochschule innehatte. Am 3.
grenzt. Februar 1974 starb sie im Alter von 80
Anfang Juli 1964 sprach Charlotte Jahren in Stuttgart.
Bühler vor Professoren und Studenten
der „Pädagogischen Hochschule“ in Die Porträts von Charlotte Bühler,
Heidelberg, wo sie die Patenschaft für Gerty Cori, Helene Deutsch, Gertrude
die psychologische Arbeitsgruppe Belle Elion, Anna Freud, Elisabeth
„Weg zum Kind“ übernahm, die ihren Kübler-Ross, Ruth Levi-Montalcini,
Namen erhielt.
Margarete Mitscherlich, Maria
In einem stark beachteten Vortrag über Montessori, Christiane Nüsslein-
den Ablauf des menschlichen Lebens Volhard und Rosalyn Sussman Yalow
stellte Charlotte Bühler „vier Grund- stehen auch in meinem Buch „Super-
tendenzen des Lebens“ heraus: Bedürf- frauen 6 – Medizin“.
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Emilie
du Châtelet
Die „Newton-Venus“
Z u den frühesten und berühm-
Emilie beherrschte bereits mit zwölf
testen Physikerinnen von Frank- Jahren fließend Latein, Italienisch,
reich gehörte Emilie du Châtelet Englisch, Spanisch und Deutsch. Früh
(1706–1749), geborene Gabriele Emi- interessierte sie sich für Metaphysik,
lie Le Tonnelier de Breteuil. Ihren Mathematik und Musik. Außerdem
Publikationen ist es zu verdanken, dass erhielt sie Unterricht im Fechten,
die Arbeiten des englischen Physikers, Reiten und Turnen, was damals für ein
Mathematikers und Astronomen Isaac Mädchen unüblich war.
Newton (1643–1727) weit verbreitet Im Alter von 16 Jahren wurde Emilie
wurden. Zu den großen Bewunderern am Hof von König Ludwig XV. (1710–
von Emilie zählte der Preußenkönig 1774) eingeführt, wo sie Glücks- und
Friedrich II. der Große (1712–1786), Kartenspiele lernte. Damals machte sie
der sie voller Respekt als „Newton- sich auch mit den Werken des französi-
Venus“ verehrte.
schen Philosophen René Descartes
Gabriele Emilie Le Tonnelier de Bre- (1596–1650) vertraut.
teuil kam am 17. Dezember 1706 als Am 12. Juni 1725 heiratete die 18-
viertes Kind des Barons Louis-Niclas jährige Emilie den zehn Jahre älteren
de Breuteil und seiner Frau Alexandra- Marquis Florent-Claude du Châtelet,
Elisabeth, geborene de Froulay, in Paris Graf von Lemont und Seigneur de
zur Welt. Ihr Vater diente am Hof des Cirey (1695–1766), der als General-
„Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. (1638– leutnant in der königlichen Armee
1715) als Protokollchef und später als diente. 1726 gebar sie eine Tochter.
Erster Sekretär.
1727 und 1734 jeweils einen Sohn, von
Die ungewöhnlich groß gewachsene denen der jüngere bald danach starb.
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Das Ehepaar Châtelet ging bald ge- Laboratorium und eine Bibliothek mit
trennte Wege. Emilie wurde die Gelieb- Zehntausenden von Büchern ein, setzte
te von Louis François Armand du seine Studien fort und lud Naturwis-
Plessis, Herzog von Richelieu (1698– senschaftler und Philosophen ein. In
1788), einem Großneffen des Kardinals einem eigens dafür errichteten Theater
Armand Jean du Plessis, Herzog von wurden Voltaires neue Stücke vor
Richelieu (1585–1642), und engem einem kleinen Kreis und oft mit Emilie
Berater Ludwigs XV. in der weiblichen Hauptrolle uraufge-
Von ihrem Liebhaber wurde Emilie zu führt. Durch die Liaison mit Voltaire
naturwissenschaftlichen Studien er- stieg der Bekanntheitsgrad von Emilie
muntert. Sie ließ sich von Professoren und schaffte sie den Durchbruch als
der Pariser „Sorbonne“ in Naturphilo- Physikerin.
sophie, Mathematik und Physik unter- In ihrer Publikation „Institutions de
richten. Bald zählte sie zum Kreis des physique“ (1740) erläuterte Emilie du
Physikers und Astronomen Pierre Lou- Châtelet anonym die Ideen von Isaac
is de Maupertius (1698–1759), der Newton. Außerdem übersetzte sie sein
1736 die Richtigkeit der Hypothese Werk „Philosophiae naturalis principia
von Isaac Newton über die Abplattung mathematica“ in die französische Spra-
der Erde durch eine Gradmessung in che. Es erschien erst zehn Jahre nach
Lappland nachwies. ihrem Ableben unter dem Titel „Princi-
Treffpunkt der Pariser Naturwissen- pes mathématiques de Newton“
schaftler, Philosophen und Mathemati- (1759).
ker war damals das „Café Gradot“, wo Voltaire sagte über seine intelligente
auch die Freunde von Maupertius Lebensgefährtin: „Wahrhaftig, Emilie
regelmäßig Diskussionen führten. Ob- ist die göttliche Geliebte voller Schön-
wohl dieses Lokal von Frauen nicht heit, Geist, Mitgefühl und all den
aufgesucht werden durfte, erschien anderen weiblichen Tugenden, doch
Emilie 1733 zum Treffen von Mauper- wünschte ich oft, sie wäre weniger
tius und seinen Studenten und wurde gelehrt und ihr Verstand weniger
prompt des Hauses verwiesen. Als sie scharf“.
in männlicher Garderobe das „Café Friedrich II. der Große schrieb an
Gradot“ besuchte, wurde sie aber seinen Freund Voltaire, dass sich
akzeptiert. Emilie an ihn erinnere, sei sehr schmei-
In dem von Theaterleuten besuchten chelhaft für ihn. Er solle ihr versichern,
„Café Procope“ lernte Emilie 1733 den dass er sie außerordentlich hochachte,
französischen Philosophen Voltaire denn Europa zähle sie ja den großen
(1694–1778), der eigentlich François Männern(!) zu. Dann fügte er hinzu:
Marie Arouet hieß, kennen und lieben. „Was könnte ich der Newton-Venus,
Da Voltaire wegen seiner kritischen der erhabensten Wissenschaft im Ge-
Schriften die Verhaftung drohte, zog wande der lieblichsten Schönheit, den
Emilie 1734 mit ihm aus Paris in sein Reizen und der Grazie der Tugend
Schloss Cirey in der Champagne. abschlagen?“ Außerdem schenkte er
Emilie sein Porträt.
Auf Schloss Cirey richtete das Paar ein
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Voltaire war oft zu Gast bei Friedrich am Hof des früheren polnischen Kö-
II. der Große in Rheinsberg. Allerdings nigs Stanislaus (1647–1766) begegnet
kam er stets ohne Emilie du Châtelet, war. Von ihm wurde sie als 43-Jährige
die der preußische König nicht einlud, noch einmal schwanger. Kurz vor
weil sie ihm trotz ihres Geistes als zu ihrem Tod übergab sie das mit Anmer-
leichtfertig erschien. kungen versehene Übersetzungsmanu-
Mehrfach beklagte Emilie du Châtelet skript der „Principes mathématiques de
die mangelhafte Ausbildung von jun- Newton“ dem Bibliothekar der Pariser
gen Frauen. Sie fragte, warum Jahrhun- „Bibliothek du Roi“.
derte lang kein gutes Gedicht, keine Am 10. September 1749 starb Emilie
gute Tragödie, kein bedeutendes histo- du Châtelet im Alter von 42 Jahren
risches Werk, kein schönes Gemälde wenige Tage nach der Geburt einer
und kein erwähnenswertes Buch über Tochter in Lunéville am Kindbettfie-
Physik von einer Frau angefertigt ber. Das Baby lebte nicht lange. Nach
worden sei. Mit einem von ihr entwor- ihrem Tod weinte Voltaire, er habe
fenen wissenschaftlichen Programm nicht nur seine Mätresse, sondern die
wollte sie den Missstand, der die halbe Hälfte seiner selbst verloren. Emilie sei
menschliche Rasse aus der Gemein- ein großer Mann gewesen, dessen
schaft verstößt, beheben. einziger Fehler es gewesen sei, eine
1747 verliebte sich Emilie du Châtelet Frau zu sein, meinte er. Zu Ehren
in einen Freund Voltaires, den Dichter von Emilie du Châtelet sind Plätze in
Marquis Jean François de Saint-Lam- Paris und ein Krater auf der Venus
bert (1716–1803), dem sie in Lunéville benannt.
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Gerty Cory
Die erste
Medizinnobelpreisträgerin
D ie erste Frau, die den „Nobelpreis
Mit 16 Jahren beschloss Gerty Radnitz, für Medizin“ entgegennehmen das Abitur – in Österreich „Matura“ konnte, war die aus der Tschechoslo- genannt – zu machen und Chemikerin wakei stammende amerikanische Ärz- zu werden. Zwei Jahre lang lernte sie tin Gerty Cori (1896–1957), geborene zu Hause Latein, Mathematik, Physik Gerty Theresa Radnitz. Sie erhielt und Chemie, bevor sie 1914 am diese hohe Auszeichnung zusammen Tetschen-Realgymnasium in Prag die mit ihrem Mann, dem deutsch-ameri- Reifeprüfung bestand. Noch im selben kanischen Mediziner und Physiologen Jahr schrieb sie sich an der „Deutschen Carl Ferdinand Cori, und dem argenti- Universität“ in Prag ein und studierte nischen Mediziner Bernardo Alberto Medizin.
Houssay. Zur selben Zeit wie die rothaarige Gerty Theresa Radnitz wurde am 15. Gerty Radnitz begann auch ein blonder August 1896 in Prag geboren, das junger Mann, dessen Vater eine mee- damals noch zur österreich-ungari- resbiologische Station in Triest leitete, schen Monarchie gehörte. Ihr Vater sein Medizinstudium in Prag: Carl Otto Radnitz leitete eine Zuckerfabrik. Ferdinand Cori (1896–1984). Ihn faszi- Gerty war die älteste von drei Töchtern, nierten der Charme, die Intelligenz, die ihre jüngeren Geschwister hießen Lotte Vitalität und der Sinn für Humor seiner und Hilda. Bis zum Alter von zehn Kommilitonin, die Wanderungen, das Jahren erhielt Gerty im Elternhaus Skifahren und Bergsteigen liebte. Bald durch Privatlehrer Unterricht, dann waren beide beim Studium und in der besuchte sie eine private Mädchen- Freizeit unzertrennlich.
schule. 1917 wurde Carl Cori als Sanitätsoffi-
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zier in die österreichische Armee Schicksal des Glukosemoleküls beim
eingezogen. Nach dem Ende des Aufbau und Abbau des Glykogens im
Ersten Weltkrieges konnte er 1918 sein tierischen Körper. Frau Cori erforschte
Studium fortsetzen. Zu Beginn des und beschrieb eine Form der Glyko-
Jahres 1920 promovierte Gerty Radnitz genspeicherkrankheit (Cori-Krank-
zum „Doktor der Medizin“, auch Carl heit).
Cori beendete damals sein Studium. Ab 1943 war Gerti Cori wissenschaftli-
Die beiden zogen nach Wien und che Assistentin. 16 Jahre später als ihr
heirateten. Gatte erhielt auch sie 1947 eine volle
Anschließend arbeitete Gerty Cori Professur: Sie wurde 1947 zur „Profes-
zwei Jahre lang als Kinderärztin am sorin für Biochemie“ an der Washing-
„Karolinen-Kinderspital“ in Wien, wo ton University ernannt. Diese Funktion
sie an Schilddrüsenerkrankungen lei- bekleidete sie ein Jahrzehnt lang bis zu
dende Kinder untersuchte. Ihr Mann ihrem Ableben.
wirkte im Untersuchungslabor der Im Sommer 1947 fuhr das Ehepaar
Wiener Universitätsklinik. In der Frei- Cori nach Colorado in die Rocky
zeit unternahmen die Eheleute Skitou- Mountains zum Bergsteigen. Anders
ren und Kletterpartien in den österrei- als sonst scheiterte Gerty diesmal am
chischen Bergen. 4300 Meter hohen Snow Mass: Sie litt
1922 trat Carl Cori eine Stelle als unter Atembeschwerden, fühlte sich
Biochemiker am „Staatlichen Krebs- schwach und schwindelig. Es waren
forschungszentrum“ in Buffalo am die ersten Anzeichen einer seltenen und
Eriesee im amerikanischen Bundes- unheilbaren Knochenmarkserkrankung
staat New York an. Wenige Monate namens Myelofibrose.
später folgte ihm seine Frau, die er als Das Ehepaar Cori wurde im Dezember
Assistentin am Krebsforschungszen- 1947 für seine Forschungen über
trum unterbrachte. 1928 erhielt das Kohlehydratabbau im Muskel mit dem
Paar die amerikanische Staatsbürger- „Nobelpreis für Medizin“ ausgezeich-
schaft. net. Es teilte sich diese hohe Auszeich-
Im Jahre 1931 wurde Carl Cori als nung mit dem argentinischen Physiolo-
Pharmakologieprofessor an die „Wa- gen Bernardo Alberto Houssay (1887–
shington University School of Medici- 1971), der für seine Arbeiten über die
ne“ in St. Louis (Missouri) berufen. Bedeutung des Hypophysenvorderlap-
Seine Frau durfte zwölf Jahre lang für pens für den Zuckerstoffwechsel eben-
ein symbolisches Gehalt in seinem falls den „Nobelpreis für Medizin“
Forschungslabor mitarbeiten. Im Som- erhielt.
mer 1936 kam Tom, der einzige Sohn Nach der Verleihung des Nobelpreises
des Ehepaares Cori, zur Welt.
sagte Carl Cori in seiner Dankesrede:
In St. Louis erforschten Carl Ferdinand „Unsere Forschungen haben sich größ-
und Gerty Cori gemeinsam den Kohle- tenteils ergänzt, und einer ohne den
hydratstoffwechsel und die Funktion anderen wäre nie so weit gekommen,
der Enzyme in tierischen Geweben. wie wir es nun geschafft haben.“ Vom
Speziell interessierten sie sich für das Preisgeld in Höhe von 24460 US-
30
Dollar wünschte sich der elfjährige Posten an, wollte aber seine Gattin
Sohn Tom eine Dampflok als seinen nicht mitbeschäftigen, daraufhin
Anteil. schlug er das Angebot empört aus.
Ein mit den Coris befreundeter Journa- 1950 wählte man Gerty Cori zum
list, schrieb einmal, die geistigen Direktor der „National Science Found-
Prozesse der beiden Eheleute griffen ation“. Ihre folgende Forschungsarbeit
ineinander, so dass sie gemeinsam führte 1952 zur Aufklärung der Mole-
denken und sprechen würden. Ohne kularstruktur des Glycogen. Gerty Cori
seine lebhafte und begeisterungsfähige erlag am 26. Oktober 1957 im Alter
Frau mochte der eher zurückhaltende von 61 Jahren einem Nierenversagen,
Carl Cori nicht arbeiten. Einmal bot das die Folge ihrer Knochenmarkser-
ihm eine Universität einen gut doierten krankung war, in St. Louis.
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Marie Curie
Die erste Frau
Mit zwei Nobelpreisen
A ls Begründerin der Radiochemie
sucht. Im Alter von 16 Jahren verließ und des medizinischen Einsatzes Marya die Schule als Klassenbeste und von Röntgenstrahlen gilt die aus Polen wurde für ihre Leistungen mit einer stammende französische Physikerin Goldmedaille bedacht. Danach finan- Marie Curie (1867–1934), geborene zierte sie jahrelang als Hauslehrerin bei Marya Salomée Sklodowska. 1903 einer reichen polnischen Familie auf erhielt sie zusammen mit ihrem Mann dem Land das Medizinstudium ihrer den „Nobelpreis für Physik“ und 1911 Schwester Bronia in Paris.
allein den „Nobelpreis für Chemie“. Nachdem Bronia ihr Studium abge- Sie war die erste Frau, der man zwei schlossen und eine Arbeit als Erziehe- Nobelpreise verlieh. Auf sie geht der rin gefunden hatte, folgte die 24- Begriff „Radioaktivität“ zurück. jährige Marya 1891 ihrer Schwester Marya Salomée Sklodowska kam am 7. nach Paris, um an der „Sorbonne“ November 1867 als jüngstes von fünf Mathematik und Physik zu studieren. Kindern eines Gymnasialprofessors in In Polen hatten Frauen damals keinen Warschau zur Welt. Ihr Vater Wladis- Zugang zu Hochschulen.
law Sklodowska unterrichtete Mathe- In Paris hungerte sich Marya in einer matik und Physik an einem Warschauer kalten Mansarde im „Quartier Latin“ Gymnasium, ihre Mutter Bronislawa durch. Zeitweise aß sie nur Brot und leitete in dem Haus, in dem die Familie Obst, dachte aber nicht daran, in ihre beengt lebte, ein Mädchenpensionat. Heimat zurückzukehren. 1893 absol- Als Marya zehn Jahre alt war, starb ihre vierte sie als erste Frau das beste Mutter, die ihr zu Lebzeiten wenig Examen in Physik und 1894 in Mathe- Liebe entgegenbrachte, an Schwind- matik. Außerdem erhielt sie das mit
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Ernst Probst, 2001, Superfrauen 5 - Wissenschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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Zweite Moderne oder Postmoderne?
Ein Architektur–Diskurs
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Fachbuch, 77 Seiten
Karl August Lingner - Leben und Werk eines sächsischen Großindustriell...
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Forschungsarbeit, 125 Seiten
Russlanddeutsche Evangelikale - Band 1
Grundzüge des historischen und...
Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte
Forschungsarbeit, 204 Seiten
Eignungsdiagnostisches Gutachten zur Berufseignung von Tina E.
Psychologie - Beratung, Therapie
Ausarbeitung, 78 Seiten
Kompetenz- und Motivationsentwicklung von Mitarbeitern als elementares...
Am Beispiel der Personalentwic...
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Ausarbeitung, 25 Seiten
Doris Probst's Text Superfrauen 5 - Wissenschaft ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
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