Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 1
1.1 Ziel der Arbeit 2
1.2 Aufbau 2
2. Demographischer Wandel 3
2.1 Gegenstand der demographischen Forschung 3
2.1.1 Demographie 4
2.1.1.1 Geschichte der Demographie. 5
2.1.2 Der erste und der zweite Demographische Übergang 7
2.2 Die Komponenten des demographischen Wandels. 9
2.2.1 Fertilität 10
2.2.1.1 Geschichte der Fertilität. 11
2.2.2 Migration 13
2.2.2.1 Geschichte der Migration 15
2.2.3 Mortalität 16
2.2.3.1 Geschichte der Mortalität 17
2.2.4 Altersstruktur der deutschen Bevölkerung 19
2.2.4.1 Entwicklung der Altersstruktur 20
2.3 Die demographische Entwicklung in Deutschland 21
2.3.1 kurzfristige bis mittelfristige Entwicklung 23
2.3.2 langfristige Entwicklung 25
2.4 Zwischenfazit 26
3. Demographischer Wandel in der Arbeitswelt 28
3.1 Demographischer Wandel und Arbeitskräfteangebot 29
3.1.1 Grundlagen und aktuelle Lage 29
3.1.2 Projektion des Arbeitskräftepotenzials 31
ÄbOWHUH UEHLWQHKPHU 34
3.3 Zwischenfazit 38
II
4. Vorstellung von Reformansätzen 40
4.1 Entwicklung der Arbeitsförderung 42
4.2 Darstellung der Instrumente 45
4.2.1 Ansätze für ältere Arbeitslose 45
4.2.1.1 Instrumente zur Verbesserung der Beschäftigungssituation 45
4.2.1.2 arbeitsrechtliche Maßnahmen 47
4.2.2 Ansätze für ältere Arbeitnehmer 48
4.2.2.1 Qualifizierungsmaßnahmen 48
Ä5HQWHPLW 49
5. Bewertung der Instrumente und mögliche Handlungsoptionen 51
5.1 Bewertung der Instrumente 51
5.1.1 Instrumente zur Erhöhung der Beschäftigungschancen und fähigkeit 52
5.1.1.1 Kombilohn für Ältere 52
5.1.1.2 Eingliederungszuschuss für Ältere 54
5.1.1.3 Förderung beschäftigter Arbeitnehmer 56
5.1.1.4 Befristungsregelung für Ältere 58
5.1.2 Anreiz zur Verringerung des früheren Erwerbsausstiegs 59
5.2 mögliche Handlungsoptionen 62
6. Schlussbetrachtung 65
Anhang 69
Literaturverzeichnis 72
III
Tabellenverzeichnis :
Tabelle 1: Annahmen der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung
Tabelle 2: Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials
Tabelle 3: Instrumente für ältere Arbeitslose und ältere Arbeitnehmer
Tabelle 4: Teilnehmer an Maßnahmen für Ältere
Abbildungsverzeichnis :
Abbildung 1: Modell des ersten und zweiten Demographischen Übergangs
Abbildung 2: Entwicklung der Bevölkerungszahl bis 2050
Abbildung 3: Veränderung der Altersstruktur
Abbildung 4: Entwicklung der Altersstruktur des Erwerbspersonenpotenzials
Abbildung 5: Entwicklungen ausgewählter Quoten für 55- bis unter 65-jährige
Abbildung 6: zusammengefasste Geburtenziffer von 1952 bis 2006
Abbildung 7: Wanderungssaldo der ausländischen Personen über die Grenzen
Deutschlands
Abbildung 8: Entwicklung der Lebenserwartung seit 1871
Abbildung 9: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland 2006
Abbildung 10: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland von 1910 bis 2050
Abbildung 11: Beschäftigungsquoten nach Alter (55 - 64 Jahre)
IV
1. Einleitung
Ältere Arbeitnehmer und der Arbeitsmarkt ist ein Themenkomplex der durch den demographischen 1 Wandel und seinen Auswirkungen auf die Bevölkerung und folglich auch auf die Erwerbsbevölkerung in der heutigen Zeit zunehmend an Bedeutung gewinnt. Der demographische Wandel wird verstanden als eine Entwicklung, die im Kern das Altern der Bevölkerung mit der Perspektive ihrer Schrumpfung beinhaltet. Hervorgerufen wird die zunehmende Alterung durch die niedrige Geburtenrate und die steigende Lebenserwartung. Deutschland war das erste Land auf der Welt, in dem ohne Fremdeinwirkung mehr Menschen gestorben als geboren wurden. Dies als Geburtendefizit bezeichnete Ereignis trat in Deutschland erstmals 1972 auf (Brig 2005: 1). Bis zum Jahr 2003 wurde dieses Geburtendefizit noch durch einen positiven Wanderungssaldo übertroffen und führte somit zu einem Anwachsen der deutschen Bevölkerung (Korcz/Schlömer 2008: 156). Seitdem sinkt die deutsche Bevölkerungszahl kontinuierlich, wenn auch langsam. Kurzum, die deutsche Bevölkerung wird relativ altern und sich absolut Unterjüngen.
Auf diesen Prozess hat Franz-Xaver Kaufmann (Schweizer Soziologe) bereits 1960 mit seiner These der Überalterung der Gesellschaft aufmerksam gemacht (Schimany 2003: 14). Seine These fand in der Fachwelt wie auch der damaligen Gesellschaft (noch) kein Gehör. Anfang der 1980er begann Meinhard Miegel (Sozialwissenschaftler) mit der Erforschung des demographischen Wandels und wies mehrfach auf die einschneidenden bevorstehenden Veränderungen hin. 2 Dies wurde ebenso wenig zur Kenntnis genommen. Erst mit Beginn der Krise der Rentenversicherung und der Diskussion über deren unsichere Finanzierung, Anfang der 1990er Jahre, wurde das Thema allmählich auf die politische Agenda gesetzt. 3 Aber noch 1999 merkte Herwig Birg (Professor für Bevölkerungsforschung an der Universität Bielefeld) an, dass dieses Thema von der deutschen Politik und Gesellschaft nahezu ignoriert und tabuisiert würde. 4 Mittlerweile liegen die Fakten auf dem Tisch und die Botschaft ist angekommen, das Thema ist hinreichend bekannt und wird breit in der Öffentlichkeit und Politik diskutiert.
1 9RUZHJ]XQHKPHQ LVW GHU +LQZHLV GDVV LQ GHU /LWHUDWXU GLH %HJULIIH Ä'HPRJUDSKLH³ XQG Ä'HPRJUDILH³
nebeneinander verwendet werden. Im Folgenden wird der %HJULIIÄ'HPRJUDSKLH³YHUZHQGHt.
2 Interview mit Meinhard Miegel Ä'LH:HOW³YRP6.
3 Anfang 1992 wurde die Enquete-.RPPLVVLRQ Ä'HPRJUDSKLVFKHU :DQGHO ± Herausforderungen unserer
lOWHUZHUGHQGHQ*HVHOOVFKDIWDQGHQ(LQ]HOQHQXQGGLH3ROLWLN³LQV/HEHQJHUXIHQ'LH.RPPLVVLRQVROOWHLP
Auftrag der Bundesregierung die Bevölkerungsentwicklung aufbereiten und bewerten, welche Folgen sich
daraus ergeben,
4 Ä)UDQNIXUWHU5XQGVFKDX³YRP-DKUJDQJ1U]LWLHUWQDFK)UHYHO
1
Die demographische Entwicklung wird nahezu alle Bereiche unserer Gesellschaft betreffen und diese vor große Herausforderungen stellen. Kommende Veränderungen werden auch nicht vor dem Arbeitsmarkt halt machen, denn die demographischen Entwicklungen determinieren das künftige Arbeitskräftepotenzial. Auf diese Veränderungen gilt es sich einzustellen. Das Phänomen der alternden Belegschaften ist bereits heute auf dem Arbeitsmarkt anzutreffen und dieser Prozess wird sich weiter beschleunigen (INQA 2008: 3). Um der Herausforderung des demographischen Wandels entgegenzuwirken sind in der letzten Zeit die älteren Arbeitnehmer verstärkt in den Fokus der politischen Diskussion gerückt. Der demographische Wandel erzwingt eine wachsende Erwerbsbeteiligung der Älteren und somit auch eine verlängerte Lebensarbeitszeit. In der betrieblichen Praxis ist die Botschaft noch nicht überall angekommen, aber gerade die Unternehmen müssen sich auf die anstehenden Veränderungen einstellen, denn sie werden künftig mit einer im Durchschnitt älteren Belegschaft arbeiten und planen müssen. In letzter Zeit sind viele (politische) Maßnahmen in die Wege geleitet worden, um die Erwerbsbeteiligung und eine verlängerte Lebensarbeitszeit der Älteren zu ermöglichen. Ob diese Maßnahmen allein ausreichen um die Arbeitsmarktsituation der Älteren zu verbessern ist zurzeit noch fraglich.
1.1 Ziel der Arbeit
Das Ziel der Arbeit ist es, einen Überblick über die Auswirkungen des demographischen Wandels auf den deutschen Arbeitsmarkt unter besonderer Berücksichtigung der älteren Arbeitnehmer zu geben. Vor diesem Hintergrund gilt es, eine Reihe von Fragen zu beantworten. Wie wird sich künftig unsere Bevölkerung entwickeln und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für den Arbeitsmarkt? Wie stellt sich die gegenwärtige Arbeitsmarktsituation der älteren Arbeitnehmer dar? Welche Maßnahmen hat die Politik in die Wege geleitet, um auf die demographische Herausforderung im Hinblick auf ältere Arbeitnehmer zu reagieren? Wie sind diese Maßnahmen zu bewerten und gibt es möglicherweise Verbesserungsmöglichkeiten? Auf diese Fragen will die vorliegende Arbeit eine Antwort geben.
1.2 Aufbau
Diese Arbeit gliedert sich in sechs Kapitel. Im Anschluss an die Heranführung an das Thema werden im zweiten Kapitel der demographische Rahmen und die künftige
2
Entwicklung umrissen. Ausgehend von den Ergebnissen der künftigen Entwicklung werden im dritten Kapitel die Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt und die gegenwärtige Situation der älteren Arbeitnehmer dargelegt. Kapitel vier stellt die gegenwärtigen arbeitsmarktpolitischen und teils arbeitsrechtlichen Maßnahmen für ältere Arbeitnehmer vor. Diese werden dann in Kapitel fünf bewertet und diskutiert. Ebenso werden mögliche Handlungsoptionen aufgezeigt. Abschließend werden die Schlussfolgerungen zusammengefasst.
Im Folgenden wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit im Text überwiegend die männliche Form verwendet. Die Angaben beziehen sich dennoch immer auf die weibliche und männliche Person. Des Weiteren wird auf eine geschlechtliche Differenzierung weitestgehend verzichtet. Der Bezugsrahmen dieser Arbeit ist Deutschland und bezieht sich auf den Wissensstand vom Februar 2009.
2. Demographischer Wandel
Im folgenden Kapitel werden der demographische Rahmen und die künftige Entwicklung umrissen. Beginnend mit einer Darlegung eines Überblicks über den Gegenstandsbereich der demographischen Forschung, folgt darauf die Veranschaulichung der Komponenten die den demographischen Wandel determinieren. Auf diesen Komponenten aufbauend wird anhand der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes von 2006 aufgezeigt, wie sich die deutsche Bevölkerung künftig entwickeln wird. Abschließend wird ein Zwischenfazit gezogen.
2.1 Gegenstand der demographischen Forschung
Um einen detaillierten Blick auf die demographische Entwicklung in Deutschland werfen zu können, bedarf es der Darlegung des Gegenstandsbereichs dieser wissenschaftlichen Disziplin. Zusätzlich wird ein kleiner Überblick über die Geschichte der Demographie geliefert. Abschließend wird der ÄGHPRJUDSKLVFKH hEHUJDQJ³ skizziert um aufzuzeigen, dass bereits Mitte der 1940er Jahre im Kontext der Formulierung des demographischen Übergangs auf das Phänomen des demographischen Wandels aufmerksam gemacht wurde.
3
2.1.1 Demographie
Der Begriff Ä'HPRJUDSKLH³ 5 stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet ÄVolk beschreiben³, wobei das Wort Ädemos³ für ÄVolk³ und Ägraphein³ für Äschreiben/beschreiben³ steht (Hauser 1982: 17).
Demographie ÄLVWGLHHPSLULVFKH$QDO\VHXQGDNDGHPLVFKH/HKUHYRQBevölkerungen, von ihren Strukturen und Veränderungen sowie von deren Ursachen und Folgen³ (Mackensen 1998: 11). Eine Ä%HY|ONHUXQJEH]HLFKQHW>«@GLH*HVDPWKHLWGHU3HUVRQHQLQQHUKDOEHLQHV bestimmten (regional abgegrenzten) Bereichs³ (Bolte 1969: 115). Primär hat die Demographie ein Interesse an ProzessenÄGLHGHQ:DQGHO YRQ3RSXODWLRQHQEHVWLPPHQ Geburten7RGHVIlOOH:DQGHUXQJHQ³ (Mueller 1993: 1).
In der Demographie wird zwischen der Darstellung von Bevölkerungsprozessen und Bevölkerungsstrukturen differenziert. Die Bevölkerungsprozesse beschreiben die Bevölkerungsbewegungen wie Geburten, Sterbefälle oder Wanderungen (Migration). +LHUXQWHU ZLUG QRFK ]ZLVFKHQ GHU ÄQDWUOLFKHQ³ %HY|ONHUXQJVEHZHJXQJ Geburten, Sterbefälle XQG GHU Äräumlichen³ %HY|ONHUXQgsbewegung (Zu- und Abwanderungen) unterschieden (Klohn 2006: 8). Neben den Bevölkerungsprozessen gibt es die Bevölkerungsstruktur. Hier wird die Bevölkerung nach demographischen Merkmalen gegliedert. Ä1DWUOLFKH .ULWHULHQ³ VLQG $OWHU *HVFKOHFKW XQG HWKQische Zugehörigkeit. ÄSR]LDOH RGHU ZLUWVFKDIWOLFKH .ULWHULHQ³ VLQG GLH *OLHGHUXQJ QDFK 6FKXOELOGXQJ Erwerbstätigkeit, Beruf, Einkommen usw. (Ebd.). Zwischen den Bevölkerungsprozessen XQG GHU %HY|ONHUXQJVVWUXNWXU EHVWHKW HLQH ZHFKVHOVHLWLJH $EKlQJLJNHLW GD ÄGLH demographischen Ereignisse Umfang und Zusammensetzung einer Bevölkerung fortlaufend verändern³ (Schimany 2003: 29). Mithilfe von Kennzahlen wird beschrieben, ÄZLH VLFK HLQH %HY|ONHUXQJ LQ LKUHP 8PIDQJ XQG 6WUXNWXUHQ GXUFK EHVWLPPWH GHPRJUDSKLVFKH (UHLJQLVVH YHUlQGHUW³ (Micheel 2005: 44), weswegen die Demographie auch als statistisch fundierte Bevölkerungslehre verstanden wird (Esenwein-Rothe 1982: 1). Kurz gesagt: Die Bevölkerungswissenschaft interessiert sich für alles, was sich in Zahlen erfassen und messen lässt (INQA 2005: 13).
Die Demographie wird als interdisziplinäres Forschungs- und Studiengebiet verstanden (Höpflinger 1997: 11ff.). Faktisch lassen sich die demographischen Entwicklungen oft nur durch den äquivalenten Einbezug von Geschichte (historische Demographie), Statistik (Bevölkerungsstatistik), Ökonomie (Bevölkerungsökonomie), Politik
(Bevölkerungspolitik) und Soziologie (Bevölkerungssoziologie) richtig erfassen und verstehen. Mackensen VSULFKWGHVZHJHQYRQHLQHUÄ0XOWLGLV]LSOLQ³E]ZYRQHLQHPJDQ]HQ
5 'LH%HJULIIHÄ'HPRJUDSKLH³XQGÄ%HY|ONHUXQJVZLVVHQVFKDIW³ZHUGHQV\QRQ\PYHUZHQGHW
4
Ä%LRWRSGHU%HY|ONHUXQJVZLVVHQVFKDIWHQ³0DFNHQVHQ 1998: 156f.). Die Demographie ist meist auf die Ergebnisse der anderen Wissenschaften angewiesen, vor allem auf die ELRORJLVFKHQ :LVVHQVFKDIWHQ XQG GLH 6R]LDOZLVVHQVFKDIWHQ ÄGD GLH HQWVFKHLGHQGHQ demographischen Ereignisse Geburt und Tod biologische Ereignisse sind, deren Veränderungen sowohl durch biologische wie soziale Faktoren bestimmt wird >«@³(Roeske 1969: 315).
Die Bevölkerungswissenschaft ist eine staatsnahe, politikberatende und politisierende Disziplin. Daten über die Entwicklung und Struktur einer Population gehören zum grundlegenden Informationsbereich für viele Bereiche, z.B. für den Staat, die Wirtschaft oder die Gesellschaft. Für das wirtschaftliche Geschehen sind demographische Gegebenheiten von Bedeutung, weil sie Grundinformationen über die Menschen als Arbeitskräfte, Einkommensbezieher und Konsumenten liefern (Grobecker/Krack-Rohberg 2008: 11).
Demographen beschreiben, analysieren und prognostizieren die Entwicklungen von Bevölkerungen. Deshalb werden sie bisweilen auch als Bevölkerungswissenschaftler bezeichnet. Ein Ziel der Demographen ist es, regelmäßige Muster und Gesetzmäßigkeiten im Zustand und in der Entwicklung der Bevölkerung zu finden. Sind diese Muster gefunden, kann eine Prognose über die zukünftige Entwicklung angestellt werden.
2.1.1.1 Geschichte der Demographie
Die Anfänge der Demographie liegen sehr weit zurück. Die älteste Überlieferung einer Volkszählung stammt aus den Jahren 2225 v. Chr. aus China, wo nach einer Überschwemmungskatastrophe eine Registrierung der Bevölkerung stattfand (Schimany 2003: 30).
Johann Peter Süßmilch (1707 ± 1767) und Thomas Robert Malthus (1766 ± 1834) gehören zu den Gründervätern der Bevölkerungswissenschaft. Süßmilch (Statistiker, Demograph) intensivierte damals die Einrichtung und Führung der Geburts-, Heirats- und Sterberegister im damaligen Preußen. Sein Hauptwerk Ä'LH *|WWOLFKH 2UGQXQJ LQ GHQ 9HUlQGHUXQJHQ des menschlichen Geschlechts, aus der Geburt, Tod und Fortpflanzung desselben HUZLHVHQ³ YRQ PDFKWH LKQ ]XP Ä%HJUQGHU GHU ZLVVHQVFKDIWOLFKHQ Bevölkerungsstatistik in Deutschland, Bahnbrecher für die Auffassung der Statistik als Wissenschaft³ XQG ]XP EHGHXWHQGHQ Ä9RUOlXIHU GHU PHGL]LQLVFKHQ XQG GHU PDWKHPDWLVFKHQ6WDWLVWLN³ (vom Brocke 1998: 37). Süßmilch vertrat die Meinung, dass die ]XQHKPHQGH%HY|ONHUXQJÄJRWWJHZROOWXQG]XJOHLFKVLFKHUHs Zeichen des Glücks und der
5
:RKOIDKUWGHV9RONHV³ (Ebd.) sei. Er errechnete die erste Bevölkerungsprognose und sagte eine Obergrenze von 7 Milliarden Menschen auf der Erde voraus. Malthus 6 (britischer Ökonom) bediente sich an der Arbeit Süßmilchs, interpreWLHUWH VLH DEHU ÄDXI GLDPHWUDO HQWJHJHQ JHVHW]WH :HLVH³ 7 (vom Brocke 2008: 1) Sein pessimistisches Ä%HY|ONHUXQJVJHVHW]³ stellte die Lehre Süßmilchs infrage, indem er die Auffassung vertrat, dass die Bevölkerung stets über den Nahrungsspielraum anwächst und nur durch Kriege, Seuchen, Hungersnot oder präventive Maßnahmen, wie z.B. sexuelle Enthaltsamkeit, begrenzt werden kann (vom Brocke 1998: 39/49). Um die Theorie von Malthus entbrannte eine hitzige Diskussion, die bis heute anhält. Die Theorie von Malthus war, laut vom Brocke, nicht so wichtig, sondern eher die Rezeptionsgeschichte der Folgezeit und Birg bezeichnet die Theorie von Malthus sogar als falsch (Birg 2006: 12). Die Bevölkerungswissenschaft als Fachwissenschaft entstand in Deutschland erst im 19. Jahrhundert im Rahmen der Gründung der ersten Statistischen Ämter (1801 Bayern, 1805 Preußen usw.) und durch die staatswissenschaftlich-statistischen Universitätsseminare (vom Brocke 2008: 2). Ihren bisherigen Höhepunkt an nationaler Förderung erreichte die Bevölkerungswissenschaft LP Ä'ULWWHQ 5HLFK³ PLW dem Missbrauch dieser für die Gleichsetzung der Rassenhygiene, Eugenik und der damaligen nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik. Dies führte zu einer Selbstisolierung der deutschen Bevölkerungswissenschaft, von der sich weiter entwickelten Forschung im Ausland sowie dem Verlust vieler Bevölkerungswissenschaftler aufgrund Verfolgung, Vertreibung und Emigration. Die Bevölkerungswissenschaft wurde in dieser Zeit politisch instrumentalisiert und bekam eine nie zuvor da gewesene staatliche Anerkennung (Schimany 2003: 45), umso tiefer war danach ihr Fall. Von diesem Niedergang hat sich die Bevölkerungswissenschaft bis heute nicht erholt. Nach 1945 fristete die Demographie lange Zeit ein Schattendasein, was vor allem an der Nichtverarbeitung, der Verdrängung und dem Verschweigen der nationalsozialistischen Vergangenheit Mitte des 20. Jahrhunderts lag.
Die Nachkriegsjahre waren geprägt von privaten Initiativen und Forschungsbilanzen angesehener Fachvertreter. Beispielsweise gründete Hans Harmsen (1899 ± 1989) 1952 die Ä'HXWVFKH*HVHOOVFKDIWIU%HY|ONHUXQJVZLVVHQVFKDIW³ und als weitere Anregung dienten die Bevölkerungslehren von Ungern-Sternberg/Schubnell 8 und Mackenroth 9 (vom Brocke
6 Hauptwerk von Malthus: ÄAn Essay on the Principle of Population, as it Affects the Future Improvement of
Society with Remarks on the Speculations of Mr. Godwin, M. Condorect and other Writers´, 1798.
7 Die Bevölkerung vermehrt sich in geometrischer Progression, die Nahrungsmittelmenge dagegen nur in
arithmetischer Reihe.
8 ÄGrundriss der Bevölkerungswissenschaft (Demographie)³
9 ÄBevölkerungslehre. Theorie, Soziologie und Statistik der Bevölkerung³
6
1998: 15). 1973 wurde dann das dem Bundesministerium des Inneren unterstehende ÄBundesinstitut für Bevölkerungsforschung³ (BIB) in Wiesbaden gegründet. Das BIB erforscht bevölkerungsrelevante Aspekte, stellt ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse der Bundesregierung zur Verfügung und berät sie in nationalen und internationalen Bereichen (Rosen 1998: 37). 1996 wurde GDV Ä0D[-Planck-,QVWLWXW IU GHPRJUDSKLVFKH )RUVFKXQJ³ in Rostock gegründet, welches als Zentrum internationaler bevölkerungswissenschaftlicher Forschung fungiert (vom Brocke 1998: 1). In Deutschland besteht bezüglich der wissenschaftlichen Institutionalisierung noch Nachholbedarf bspw. im Vergleich zu Frankreich mit seinen mehr als 50 Lehrstühlen für Demographie, dem nur fünf deutsche Lehrstühle gegenüber stehen. 10 Durch die bescheidene Verankerung der Demographie an den deutschen Hochschulen ist die Demographie ÄHUVW DXI GHP :HJ ]X HLQHU HLJHQVWlQGLJHQZLVVHQVFKDIWOLFKHQ'LV]LSOLQ³ (Birg 1989: 53). Über die demographische Forschung in der DDR ist nur wenig Literatur vorhanden, obwohl der erste Lehrstuhl für Demographie in der damaligen DDR entstanden ist (1969 in Berlin-Karlshorst an der ÄHochschule für Ökonomie³).
2.1.2 Der erste und der zweite Demographische Übergang
Die Theorie des demographischen Übergangs HQJOÄGHPRJUDSKLF7UDQVLWLRQ³bezeichnet Äjenen Wandel der Bevölkerungsstruktur, der sich im Zuge der Industriealisierung und Modernisierung einer Gesellschaft erfaKUXQJVJHPl HLQVWHOOW³ 6FKPLG . Kennzeichnend hierbei ist der Wandel von hohen zu niedrigen Geburten- und Sterberaten. Die Theorie des demographischen Übergangs geht auf den französischen Demographen Adolphe Landry (1934) zurück, wurde später von Warren S. Thompson (1929) sowie Frank W. Notestein (1962) weiterentwickelt (Hradil 2006: 38) und ist damit für viele 'HPRJUDSKHQ VRJDU GDV ÄEHGHXWHQGVWH XQG DOOJHPHLQVWH 6WFN GHU %HY|ONHUXQJVWKHRULH³ (Mackensen 1972: 76). Die Theorie GHV Äersten demograSKLVFKHQhEHUJDQJV³ stützt sich auf Beobachtungen, die im Laufe der Industrialisierung in einigen Staaten Europas gemacht wurden. 11 Es stellte sich heraus, dass Gemeinsamkeiten und Regelmäßigkeiten auftraten. Der erste demographische Übergang erfolgte mit dem Wandel von einer Agrargesellschaft zu einer Industriegesellschaft, in Deutschland um 1900. Dieser Übergang ist der Ausgangspunkt für den heutigen Alterungsprozess.
10 An den Universitäten Bamberg, Bielefeld, Berlin (Humboldt-Universität) und Rostock (zwei Lehrstühle).
11 In Frankreich wurden diese Beobachtungen im 19. Jahrhundert zuerst gemacht. Es folgten Großbritannien,
Deutschland, Österreich-Ungarn und im frühen 20. Jahrhundert dann Süd- und Osteuropa.
7
Aus der heutigen Sicht hat die die demographische Transition fünf Phasen. Im Folgenden werden diese kurz vorgestellt (nach Cromm 1988: 171f.).
Ergänzt wurde dieses Modell von dem Niederländer Dirk J. Van den Kaa und dem Belgier 5RQ /HVWKDHJKH XP GHQ ÄzZHLWHQ GHPRJUDSKLVFKHQ hEHUJDQJ³ Gemäß diesem Modell sinkt nach der Posttransformativen Phase des Äersten demographischen Übergangs³ die Geburtenrate nochmals und gerät dauerhaft unter die Sterberate (Hradil 2006: 39). Hierdurch kommt es zu einer Bevölkerungsschrumpfung, die durch fortwährende Zuwanderung mehr oder weniger kompensiHUW ZLUG 'HU Äzweite demographische hEHUJDQJ³ DXFK DOV Äzweiter Geburtenrückgang³ bezeichnet, ist auf einen schnellen Geburtenrückgang zwischen 1965 und 1975 zurückzuführen und auf einen Individualisierungstrend in der Gesellschaft in Folge der Modernisierung (Dobritz et al. 2008: 8). Die Sterblichkeit der älteren Menschen hat in dieser Zeit ein so niedriges Niveau erreicht, dass ihnen hierdurch die Möglichkeit gegeben wurde, zusätzliche Lebensjahre zu gewinnen (Ebd.: 10).
In der Zeit zwischen den beiden demographischen Übergängen ist die Geburtenhäufigkeit relativ stabil, trotz der beiden Weltkriege und erheblichen gesellschaftlichen Verwerfungen (Walle/Eggen/Lipinski 2006: 35).
8
Kritik kommt bei dem Gesichtspunkt auf GDVV ÄZHGHU $XVVDJHQ EHU GLH %H]LHKXQJ zwischen Modernisierungsgrad und Stadium des Bevölkerungsvorganges, noch über die Dauer der transformativen Phasen³ (Cromm 1988: 172) gemacht werden. Das Modell kann zwar in wenigen Sätzen beschrieben werden, gibt jedoch keine Begründung. Weiterhin wird nicht berücksichtigt, dass das Modell nicht auf jedes Land übertragbar ist (regionale Besonderheiten, Differenzen zwischen den Gesellschaften). ÄStreng genommen handelt es sich somit nicht um eine Theorie, weil der zu erklärende Sachverhalt theoretisch nicht fundiert wird, sondern um eine generalisierende Beschreibung eines historischen Vorgangs, deren heuristischer Wert für die Klassifizierung und Typologisierung von %HY|ONHUXQJVYRUJlQJHQMHGRFKXQEHVWULWWHQLVW³ (Schimany 2003: 83) Die Annahmen des demographischen Übergangs sind somit ÄQXU HLQH HPSLULVFKH 9HUDOOJHPHLQHUXQJ GHU demographischen GHVFKLFKWHGHUYRUQHKPOLFKZHVWOLFKHQ:HOW³ (Hauser 1982: 235).
2.2 Die Komponenten des demographischen Wandels
Die demographische Entwicklung wird von den Komponenten Geburtenrate (Fertilität), dem Wanderungssaldo (Migration) und der Lebenserwartung (Mortalität) beeinflusst. Das Zusammenwirken dieser drei Komponenten prägt die Altersstruktur einer Bevölkerung. Nimmt man die Summe des Wanderungssaldos, d.h. die Differenz zwischen Fort- und Zuzügen, und die Summe des Geburten- oder Sterbeüberschusses, ergibt dies dann die Entwicklung der Bevölkerungszahl. Die demographischen Faktoren werden dabei von
9
ökonomischen, politischen, ökologischen, sozioökonomischen usw. Determinanten beeinflusst (Höpflinger 1997: 17f.).
In den folgenden Kapiteln werden die demographischen Komponenten Fertilität, Migration und Mortalität vorgestellt und ein geschichtlicher Überblick über deren Entwicklung geliefert um die bisherige und künftige Entwicklung besser verdeutlichen zu können, denn diese ist weitestgehend durch die demographischen Ereignisse der letzten Jahrzehnte vorgezeichnet. Neben diesen Komponenten wird zusätzlich auf die Altersstruktur eingegangen, da diese für die weitere Entwicklung der Bevölkerung ausschlaggebend ist (Schwarz/Kannenwischer 2005: 50).
2.2.1 Fertilität
Den größten Einfluss auf die Bevölkerungszahl hat die Fertilität. Das Wort Fertilität 12 kommt vom lateinischen fertilis und bedeutet fruchtbar, ergiebig, befruchtend (Reader´s Digest 2002 (Band 5): 338). Hillmann definierW )HUWLOLWlW DOV Ä)RUWSIODQ]XQJVLQWHQVLWlW HLQHU %HY|ONHUXQJ³ +LOOPDQQ 2007: 247). In der Demographie bezeichnet Fruchtbarkeit die Zahl der Lebendgeburten je Frau und nicht, wie im biologischen Sinne, die potenzielle Fähigkeit sich fortzupflanzen (Hoßmann et al. 2009: 14). Die Fertilität wird durch die Geburtenhäufigkeit und durch die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter determiniert (Schwarz/Kannenwischer 2005: 52/53). Als demographische Indikatoren dienen die allgemeine und altersspezifische Geburtenrate sowie die Gesamtfertilitätsrate (zusammengefasste Geburtenziffer). Die Geburtenbilanz misst die Differenz zwischen der Anzahl der Lebendgeborenen und der Anzahl der Sterbefälle in einem bestimmten Zeitraum. Ist die Differenz positiv liegt ein Geburtenüberschuss vor, ist sie negativ ein Geburtendefizit.
In der Demographie LQWHUHVVLHUW YRU DOOHP GLH )UDJH ÄLQZLHZHLW VLFK >«@ Frauengenerationen durch die Geburt von Kindern und unter Berücksichtigung des Sterberisikos in der von ihnen durchlebten Zeit reproduziert haben.³ (Schwarz 1991: 149) Die Zahl der Geburten 13 KlQJW HVVHQWLHOO YRQ GHU GXUFKVFKQLWWOLFKHQ .LQGHU]DKO DE ÄGLH )UDXHQ LP /DXIH LKUHV /HEHQV ]XU :HOW EULQJHQ³ 0Q] 2007: 1) Gemessen wird dies anhand der Ä]XVDPPHQJHIDVVWHQ *HEXUWHQ]LIIHU³ 14 (englisch: Total fertility rate (TFR)) für einzelne Kalenderjahre. Ä6LHLVWGLH6XPPHGHUDOWHUVVSH]LILVFKHQ*HEXUWHQ]LIIHUQDOOHU
12 Die %HJULIIHÄ)UXFKWEDUNHLW³XQGÄ)HUWLOLWlW³werden synonym verwendet.
13 Gemeint sind nur lebend geborene Kinder.
14 'LH%HJULIIHÄ*HVDPWIUXFKWEDUNHLWVUDWH³XQG Ä)HUWLOLWlWVUDWH³ werden synonym verwendet und später mit
TFR abgekürzt.
10
Frauen im Alter zwischen 15 und 49 Jahre [Internationaler Standard] in einem Kalenderjahr.³ (Micheel 2005: 45) Die TFR gibt DQ ÄZLH YLHOH .LQGHU MH )UDX JHERUHQ würden, wenn für ihr Ganzes Leben die altersspezifischen Geburtenziffern des jeweils EHWUDFKWHWHQ -DKUHV JHOWHQ ZUGHQ XQG HV NHLQH 6WHUEOLFKNHLW JlEH³ Dobritz et al. 2008: 77) Sie zeigt neuere Trends im Geburtsverhalten zeitnah, lässt sich räumlich gut vergleichen und lässt kurzfristige Schwankungen, die sich im Laufe eines Krieges, von Wirtschaftskrisen oder politischen Umbrüchen ergeben, deutlich hervortreten. In modernen Gesellschaften ist eine durchschnittliche Kinderzahl von 2,1 15 Kindern pro Frau erforderlich, um die Elterngeneration vollständig zu ersetzen (Bestandserhaltungsniveau). Derzeit liegt die TFR laut Statistischem Bundesamt in Deutschland bei 1,37 Kindern je Frau (2007), das bedeutet jede Kindergeneration ist ca. um ein Drittel kleiner als ihre Elterngeneration. Laut Statistischen Bundesamt wurden in Deutschland 2007 684.862 Kinder geboren. 16
Die Geburtenrate von ausländischen Kindern die keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen war in den 1970er Jahren fast doppelt so hoch wie die der deutschen Kinder (Wahl 2003: 7). Mittlerweile liegen die Zahlen wieder näher beieinander.
2.2.1.1 Geschichte der Fertilität
Zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ereigneten sich zwei Geburtenrückgänge (zurückzuführen auf die beiden demographischen Übergänge). Diese führten zu dem heutigen niedrigen Geburtenniveau von 1,37 Kindern SUR )UDX 'HU ]ZHLWH *HEXUWHQUFNJDQJ ZLUG DXFK DOV Ä(XURSHV VHFRQG 'HPRJUDSKic 7UDQVLWLRQ³ Dobritz et al. 2008: 37) bezeichnet, da er europaweit zu verzeichnen war. Bekam eine deutsche Frau 1850 noch im Durchschnitt mehr als 5 Kinder, waren es 1960 GXUFKVFKQLWWOLFKÄQXU³QRFK(KPHU
Die Geburtenrate blieb bis etwa 1875 relativ konstant hoch, was hauptsächlich daran lag, dass noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nicht einmal mehr als die Hälfte aller Geborenen das Erwachsenenalter erreichte (Ebd.). Erst danach, bedingt durch den Rückgang der Kinder- und Säuglingssterblichkeit, erhöhten sich die Kinderzahlen. Anfangs langsam beginnend, ab 1905 etwas stärker (Hradil 2006: 48). Die beiden
15 Diese bestandserhaltende Geburtenziffer muss etwas oberhalb von 2 liegen, weil regelmäßig mehr Jungen
als Mädchen geboren werden.
16 https://www-genesis.destatis.de/genesis/online/online;jsessionid=
CEC4F3FAD7C94224B88052DD41CD58D2.tcggen2?operation=abruftabelleBearbeiten&levelindex=2&lev
elid=1239895673992&auswahloperation=abruftabelleAuspraegungAuswaehlen&auswahlverzeichnis=ordnu
ngsstruktur&auswahlziel=werteabruf&werteabruf=Werteabruf (Zugriff am 23.02.2009).
11
Weltkriege hatten einen beträchtlichen Geburtenrückgang zur Folge, aber mit der Nachkriegszeit 17 sprangen die Geburtenzahlen wieder in die Höhe (siehe Abb. 9).
+HUYRUJHUXIHQ GXUFK GDV Ä:LUWVFKDIWVZXQGHU³ XQG HLQHU RSWLPLVWLVFKHQ *UXQGVWLPPXQJ NDPHVLQGHU=HLW]ZLVFKHQXQG]XPVRJÄ%DE\-%RRP³+UDGLOGHU
von Statistikern als die geburtenstarken Jahrgänge bezeichnet wird. Die TFR stieg daraufhin bis Mitte der 1960er Jahre auf 2,5 Kinder je Frau (Pötzsch 2007: 16) und die Geburtenzahlen erreichten im Jahr 1964 ihren Höhepunkt mit 1.065.437 Lebendgeborenen. 18 0LWGHU(LQIKUXQJGHUÄ$QWLEDE\SLOOH³und einem gesellschaftlichen Wandel endete diese Entwicklung. Die TFR verringerte sich drastisch und es kam ]ZLVFKHQ XQG ]XP VRJ Ä3LOOHQNQLFN³ Ä]ZHLWHU GHPRJUDSKLVFKHU hEHUJDQJ³) (Dobritz et al. 2008: 24). In dieser Zeit sank die TFR von 2,4 auf 1,4 (siehe Abb. 6), das heißt unter das für die Bestandserhaltung notwendige Niveau. An dieser niedrigen Geburtenrate hat sich bis heute nichts Wesentliches mehr geändert. Demographen nennen GDV $EVLQNHQ GHU )HUWLOLWlW XQWHU GHQ :HUW YRQ Ä/RZHVW )HUWLOLW\³ .DXIPDQQ 07: 109). Ab diesem Wert wird es aufgrund eines demographischen Verstärkereffekts schwierig den regressiven Trend umzukehren.
Bis zum Anfang der 1970er Jahre verlief die Entwicklung der TFR in der DDR und der BRD in etwa gleich (siehe Abb. 6). Aber bedingt durch die pronatalische Familienpolitik (bezahlte Freistellung von Müttern in der Erwerbsarbeit; Verbesserung der Kinderbetreuung usw.), stieg in der DDR die TFR bis 1980 auf 1,94 Kinder/Frau, während sich in der BRD die TFR bei ca. 1,4 Kindern pro Frau einpendelte (StBA 2006b: 28). Bis zur Wende 1989 sank auch in der DDR die TFR wieder leicht. Danach hat sich das Gebärverhalten der ostdeutschen Frauen nachhaltig verändert und ging von damals 1,57 auf 0,77 (1993) zurück (Ehmer 2004: 45). Begründet wurde diese Entwicklung durch die unsichere wirtschaftliche Lage und den Wegfall von bis dahin gewährten Vergünstigungen für junge Familien (Ragnitz 2008: 5). %LUJ IJW ]XVlW]OLFK GLH ÄQHXH )UHLKHLW³ DQ %LUJ 2001: 48). Mitte der 1990er Jahre kam es wieder zu einem Anstieg der Geburtenhäufigkeit in den neuen Ländern und zwar auf 1,31 Kinder pro Frau im Jahre 2004 (StBA 2006b: 28). Einige Gründe für den Rückgang der Geburten sind der gesellschaftliche Wertewandel, die Emanzipation der Frau, die gesellschaftliche Akzeptanz von Kinderlosigkeit, die schlechten Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, verbesserte Bildungschancen für Frauen und die Einführung der Antibabypille (Geißler 2002: 57f.; Münz 2007: 5; Hradil 2006: 51).
17 Gilt ab hier nur für die Bundesrepublik 1945 ± 1989.
18 https://www-genesis.destatis.de/genesis/online/
online;jsessionid=F90828B525E6CB8DB85FC95E9B0671FE.tcggen2?operation=abruftabelleBearbeiten&le
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zeichnis=ordnungsstruktur&auswahlziel=werteabruf&werteabruf=Werteabruf (Zugriff am 15.02.2009).
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2.2.2 Migration
Wanderungen sind in der Zukunft die einzige Quelle demographischen Wachstums, aber gleichwohl eine sehr instabile Komponente der Bevölkerungsentwicklung, da sie schwer vorhersehbar ist.
Der Begriff Migration 19 kommt vom lateinischen Wort migrare bzw. migratio und bedeutet wandern, wegziehen, Wanderung (Reader´s Digest 2002 (Band 12): 39). Migration ist eine auf Dauer angelegte räumliche Veränderung des Lebensmittelpunktes im engeren oder weiteren geographischen Raum (Beijer 1969: 1261) und erfolgt i.d.R. dann, ZHQQÄHLQH*HVHOOVFKDIW>HLQ6WDDW@GLH(UZDUWXQJHQLKUHU0LWJOLHGHUQLFKWHUIOOHQNDQQ³ (Kröhnert 2007: 1) Migrationsbewegungen verändern die Bevölkerungszahl wie auch die Bevölkerungsstruktur (Höpflinger 1997: 97). Sie N|QQHQ HLQH Ä$XVJOHLFKV- und (UJlQ]XQJVIXQNWLRQ³KDEHQGLHHLQHQÄ$EEDXUHJLRQDOHUhEHUVFKXVVEHY|ONHUXQJRGHUGLH $XIIOOXQJ UHJLRQDOHU /HHUUlXPH GXUFK 9HUODJHUXQJ³ .|OOPDQQ0DUVFKDOFN herbeiführen kann. Grundsätzlich beschreibt die Migration eine Form der Mobilität, diese wird in räumliche Mobilität (Wanderungen/Migration) und soziale Mobilität (Positionsverschiebungen in einem sozialen System) unterteilt (Schwarz/Kannenwischer 2005: 85/86). Wichtig ist im Rahmen des demographischen Wachstums nur die räumliche Mobilität, mit den drei Typen der Migration: Einwanderung, Auswanderung, Binnenwanderung.
Man unterscheidet internationale Migration bzw. Außenwanderungen über die Grenzen eines Landes und Binnenwanderungen über die Grenzen von Teilgebieten eines Landes. Wanderungsentscheidungen haben immer auf zwei Gebiete, Staaten oder Gesellschaften einen Bezug, nämlich der Zu- und Abwanderungsregion. Dies führte zur Entstehung der sog. Ä3XVK-Pull-+\SRWKHVH³ /EHFNH6WU|KOHLQ HLQ $QVDW] ]XU WKHRUHWLVFKHQ Erklärung und Beschreibung von Migrationsbewegungen. Diese Theorie geht davon aus, ÄGDVV EHVWLPPWH$EVWRXQJVIDNWRUHQ3XVKHLQHU+HUNXQIWVUHJLRQ >]%$UEHLWVORVLJNHLW, Krieg, usw.] in Kombination mit Anziehungsfaktoren (Pull) einer Zielregion [z.B. Arbeit, Frieden, usw.@ IU :DQGHUXQJVHQWVFKHLGXQJHQ YHUDQWZRUWOLFK VLQG³ (Hoßmann et al. 2009: 29). In erster Linie sind bei der Migration strukturelle/ökonomische Faktoren verantwortlich, da Länder mit einer stabilen wirtschaftlichen Entwicklung i.d.R. einen positiven Wanderungssaldo aufweisen können. Der Wanderungssaldo hat einen großen Einfluss auf die Bevölkerungsentwicklung. Er bezeichnet die Differenz zwischen den Zuzügen nach und den Fortzügen aus Deutschland, auch Außenwanderungssaldo genannt.
19 'LH%HJULIIHÄ0LJUDWLRQ³XQGÄ:DQGHUXQJ³ZHUGHQV\QRQ\PYHUZHQGHW
13
Erhebungsgrundlage sind die An- und Abmeldeformulare der jeweiligen Meldeämter und die amtliche Zuzugs- und Fortzugsstatistik.
Wie bereits erwähnt, ist die Migration verglichen mit den anderen demographischen Faktoren eine Komponente mit größeren Unsicherheiten und ist somit erheblichen Schwankungen unterworfen, da sie von politischen, demographischen, ökologischen, ökonomischen usw. Rahmenbedingungen im Inland und im jeweiligen Herkunftsland der Zuwanderer abhängt. Konkrete künftige Entwicklungen in der Migration und ihre Auswirkungen sind somit schwer vorherzusagen. Betrachtet man aber die Zu- und Fortzüge nach bzw. aus Deutschland getrennt, bleibt festzuhalten, dass die Zuzüge großen Schwankungen unterworfen sind und die Fortzüge im Zeitverlauf dagegen stabil geblieben sind. Grundsätzlich ist die zuziehende Bevölkerung jünger als die fortziehende und es kommt dadurch zu einem Verjüngungseffekt der Außenwanderung (Priebe 2006: 23). Nach internationaler Übereinkunft sind folgende Personengruppen von der Wanderungsstatistik ausgenommen: die in fremden Ländern anerkannten und akkreditierten Journalisten, ausländische Studenten, im diplomatischen Dienst tätige Personen anderer Länder (Esenwein-Rothe 1982: 155). Von der Außenwanderung abzugrenzen sind (tägliche) Pendelwanderungen (zur Arbeit, zur Schule usw.), saisonale Wanderungen (Saisonarbeit) und die Ortsveränderung (z.B. Umzüge in eine näher gelegene Umgebung/Stadt oder Umzug in der gleichen Gemeinde) (Ebd.: 157). Auf die Binnenwanderung wird nur kurz eingegangen, denn sie hat zwar ebenso wie die Außenwanderung einen Einfluss auf die Bevölkerungs- bzw. Altersstruktur, aber nur in regionaler Hinsicht. Das Ziel dieser Arbeit ist die Gesamtsituation Deutschlands darzustellen und nicht regionale Situation.
Die Binnenwanderung unterscheidet sich von der Außenwanderung dadurch, dass keine Staatsgrenzen übertreten werden (Faßmann 2007: 1) und dass sich damit die Bevölkerungszahl in Deutschland nicht verändert (StBA 2008c: 15). Die Binnenwanderung verläuft geographisch und demographisch entlang klarer Linien, von Nord nach Süd und von Ost nach West und in den letzten Jahren war eine Suburbanisierung (Stadt-Umland-Wanderung) zu beobachten. Der Bevölkerungsrückgang war bisher in Ostdeutschland stärker als in Westdeutschland (1989 bis heute), weswegen es in Ostdeutschland zu einer demographischen Alterung kam, die darin begründet ist, dass hauptsächlich die junge Bevölkerung den Osten verlässt.
Laut dem Migrationsbericht von 2007 war der Außenwanderungssaldo für das Jahr 2007 in Deutschland positiv und lag bei 43.912, während 636.854 Menschen abwanderten zogen 680.766 Menschen zu (BAMF 2007: 16).
14
2.2.2.1 Geschichte der Migration
Noch bis ins frühe 20. Jahrhundert war Deutschland ein Auswanderungsland (Ehmer 2004: 27), aber diese Entwicklung hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich verändert. Mittlerweile hat sich Deutschland zu einem Einwanderungsland entwickelt, zu einem Land, Ädessen Bevölkerung erheblich durch internationale Wanderungen und deren Folgen JHSUlJWLVW³.RUF]6FKO|PHU
Die deutsche Einwanderungsgeschichte begann in der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs (Hradil 2006: 56). In der Zeit von 1945 bis 1949 (Nachkriegswanderungen) sind ca. 12 Mio. Vertriebene und Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nach Deutschland gekommen (8 Mio. nach Westdeutschland, 4 Mio. nach Ostdeutschland) (Ebd.). Mit dem Bau der Berliner Mauer (1961) endete die meist arbeitsbedingte Ost-West-Wanderung zwischen der DDR und der BRD. Der daraus folgende Rückgang der ostdeutschen Arbeitskräfte erforderte eine massive Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte (Gastarbeiter), vornehmlich aus den Mittelmeerländern, um die expandierende Wirtschaft Westdeutschlands befriedigen zu können. Die Anwerbung erfolgte mit dem Ziel, dass der Aufenthalt der Gastarbeiter zeitlich begrenzt sein sollte. Die DDR warb ebenfalls ab den 1960er Jahren sog. Vertragsarbeiter an, vorwiegend aus Polen, Mosambik, Ungarn und Vietnam. Aufgrund des Ölpreisschocks und der damit einhergehenden Wirtschaftskrise Anfang der 1970er Jahre kam es in der Bundesrepublik 1973 zu einem sog. Anwerbestopp für die Ä*DVWDUEHLWHU³ %0*6 , siehe Abb. 7). Trotz dieses Anwerbestopps blieben viele Gastarbeiter und aus ihnen wurden De-facto-Einwanderer. In dieser Zeit verließen mehr Menschen die Bundesrepublik als zugewandert sind, obwohl es zu zahlreichen Familiennachzügen der Gastarbeiter kam (Dobritz et al. 2008: 13). Die politischen Umbrüche Ende der 1980er Jahre führten zu einem deutlichen Anstieg der Zuwanderung nach Deutschland (siehe Abb. 7), überwiegend aus Osteuropa ((Spät-) Aussiedler) (BMGS 2003: 54) und 1992 wurde der Höhepunkt der Zuwanderung verzeichnet mit mehr als 1,2 Mio. Immigranten und rund 300.000 deutschstämmigen Personen (Wanderungssaldo von ca. 800.000) (Dobritz et al. 2008 : 56). Zwischen den 1980er und frühen 1990er Jahren kamen vermehrt Flüchtlinge und Asylbewerber nach Deutschland. Dies lag zum Einen an den Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien und zahlreichen politischen Flüchtlingen (Hradil 2006: 57). Seit 2000 ist in 'HXWVFKODQG HLQ hEHUJDQJ ]XU VRJ ÄDNWLYHQ³ 0LJUDWLRQVSROLWLN ]X YHU]HLFKQHQ 0LW GHU Einführung des neuen Staatsbürgerschaftsrechts (2000), der Greencard (2000) oder durch das neue Zuwanderungsgesetz von 2005 mit seiner Novelle von 2007 sank in den darauf folgenden Jahren die Zahl der Zuzüge kontinuierlich.
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Arbeit zitieren:
Diplom-Sozialwirt Sebastian Krell, 2009, Demographischer Wandel und ältere Arbeitnehmer in Deutschland , München, GRIN Verlag GmbH
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