Literaturliste 124
Anhang 131
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Abbildungsverzeichnis
ABBILDUNG 1: DER ISLAM-EXTREMISTISCHE TERRORISMUS UND SEINE ANTEILE AM
ABBILDUNG 2: RELIGIOSITÄT............................................................................................... 63
ABBILDUNG 3: EINSTELLUNGEN ZU VERSCHIEDEN RELIGIONEN UND DEM ATHEISMUS
(NEGATIVES URTEIL).................................................................................... 64
ABBILDUNG 4: ZAHLEN DER TODESOPFER UND VERLETZTEN DER ABGEFRAGTEN
TERRORANSCHLÄGE..................................................................................... 72
ABBILDUNG 5: ZAHLEN DER GEFUNDENEN TREFFER BEI „GOOGLE“ (SUCHE:
ABBILDUNG 6: BETROFFENHEIT VON ANSCHLÄGEN, ERSTE DREI NENNUNGEN
(ANGABEN IN PROZENT) .............................................................................. 74
ABBILDUNG 7: KEINE BETROFFENHEIT DURCH TERRORANSCHLAG
(ANGABEN IN PROZENT) .............................................................................. 76
ABBILDUNG 8: TERRORANSCHLÄGE, DIE DEN BEFRAGTEN WENIGER BIS ÜBERHAUPT
NICHT BETROFFEN GEMACHT HABEN (ANGABEN IN PROZENT) ..................... 78
ABBILDUNG 9: HOHE WAHRNEHMUNG SOZIALER UNTERDRÜCKUNG VON MINDERHEITEN
(ANGABEN IN PROZENT) .............................................................................. 83
ABBILDUNG 10: ABLEHNENDE EINSTELLUNG GEGEN BESTIMMTE GRUPPEN, PARTEIEN
UND ORGANISATIONEN (ANGABEN IN PROZENT) ......................................... 88
ABBILDUNG 11: POSITIVE EINSTELLUNG FÜR BESTIMMTE GRUPPEN, PARTEIEN,
ORGANISATIONEN (ANGABEN IN PROZENT) ................................................. 91
ABBILDUNG 12: KORRELATION DER RELIGIOSITÄT UND SYMPATHIE ZU BESTIMMTEN
GRUPPEN (MUSLIMISCHE BEFRAGTE)........................................................... 92
ABBILDUNG 13: KORRELATION MOSCHEEBESUCH UND SYMPATHIE ZU BESTIMMTEN
GRUPPEN...................................................................................................... 93
ABBILDUNG 14: TEILWEISE BIS HOHES VERSTÄNDNIS FÜR DIE ZIELE UND DEN
GEFÜHRTEN KAMPF (ANGABEN IN PROZENT)............................................... 94
ABBILDUNG 15: EINFLUSS DER MEDIEN AUF DIE ZUSTIMMUNG VON DEN OBEN
GENANNTEN AUSSAGEN ............................................................................... 98
ABBILDUNG 16: ZUMINDEST TEILWEISE GEWÄHRLEISTUNG DER
INTEGRATIONSMAßNAHMEN (ANGABEN IN PROZENT)................................ 106
ABBILDUNG 17: PERSÖNLICH ERFAHRENE DISKRIMINIERUNGEN (MINDESTENS EINMAL)... 109
ABBILDUNG 18: WIE ZUFRIEDEN SIND SIE MIT FOLGENDEN LEBENSBEREICHEN? .............. 111
ABBILDUNG 19: BEDEUTUNG DES FREUNDESKREISES DER MUSLIMISCHEN BEFRAGTEN.... 113
ABBILDUNG 20: BEDEUTUNG DES FREUNDESKREISES DER NICHT-MUSLIMISCHEN
Einleitung
Seit vielen Jahren warnen Islamwissenschaftler und Terrorismusforscher vor der steigenden Gefahr des islam-extremistischen Terrorismus (Vgl. Hoffman 2001; Laqueur 2001; Tibi 2002). Schon in den 1990er Jahren konnten Heitmeyer et al. beweisen, dass bei vielen jungen Türken, die desintegriert sind, die Wahrscheinlichkeit steigt, sich islam-extremistischen Gruppen zuzuwenden. Dieser Zusammenhang sollte nicht außer Acht gelassen werden, denn es ist nicht nur zu einer Steigerung von Terrorismus mit islam-religiösem Hintergrund gekommen, sondern viele Wissenschaftler sowie die Jahresberichte des Bundesinnenministeriums weisen auch auf die steigenden Mitgliederzahlen von islam-extremistischen Gruppen hin. 1 Doch kann von diesem Trend auf die ganze muslimische Gemeinschaft geschlossen werden? Gibt es überhaupt auf Seiten der muslimischen und nicht-muslimischen Wohnbevölkerung unterschiedliche Einstellungen zum Terrorismus, wenn ja, inwiefern unterscheiden sie sich voneinander und welche Ursachen sind dafür verantwortlich? Genau diese Fragen soll die Diplomarbeit beantworten. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, dieses schwierige Phänomen nicht nur theoretisch zu durchleuchten, sondern anhand einer eigenen quantitativen Befragung von Muslimen und Nicht-Muslimen herauszufinden, ob die Haupthypothese, dass Erstere den islam-extremistischen Terrorismus weniger ablehnen, sich bewahrheitet. Die Einordnung der Befragten in Muslime und Nicht-Muslime geschah durch die vor der Fragenbogenausgabe gestellte Frage, ob der Befragte Muslim oder Nicht-Muslim ist, d.h. die Unterscheidung hat nichts damit zu tun, wie religiös der Befragte ist. Sollte sich die von mir erwartete unterschiedliche Einstellung der Muslime und Nicht-Muslime zum Terrorismus bewahrheiten, besteht die weitere Aufgabe der empirischen Befragung darin, ihre Unterschiede darzustellen und zu überprüfen, ob die von mir prognostizierten Ursachen für dieses Phänomen sich bestätigen lassen.
1 Vgl. Heitmeyer, Müller und Schröder (1997) und die Jahresberichte des Bundesinnenministerium, auch zu
finden auf der offiziellen Internetseite: http://www.bmi.bund.de.
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Dabei mache ich hauptsächlich folgende Ursachen für die unterschiedliche Bewertung des Terrorismus verantwortlich:
- Wahrnehmung von Eigen- und Fremdgruppe
- Unterschiedliche Normen- und Werte durch subkultur- oder kontrakulturähnliche Verhältnisse
- strukturelle und soziale Desintegration - Identitätskrise, die eine innere Zerrissenheit auslöst
- Minderwertigkeitsgefühle, ausgelöst durch die eigene Positionswahrnehmung in der Gesellschaft
- Abwehrmechanismen zur Bekämpfung der eigenen Frustration und Minderwertigkeitsgefühle
- Wahrnehmung von sozialen Ungleichheiten und sozialer Ungerechtigkeit - Medienbeeinflussung
Meines Erachtens gibt es zahlreiche Faktoren, die für die unterschiedliche Einstellung zum Terrorismus verantwortlich sein könnten. In der Untersuchung geht es weniger darum, zu untersuchen, in welchem Maße die muslimische Wohnbevölkerung Sympathien für islamextremistische Terroristen besitzt, es geht vielmehr um erste empirische Erkenntnisse zu einem bestehenden Gesellschaftsproblem. Denn mit den Einstellungen zum Terrorismus kann aufgezeigt werden, dass die nicht-muslimische und die muslimische Wohnbevölkerung zwei sehr unterschiedliche Bevölkerungsteile der deutschen Gesellschaft verkörpern, in der ein Konfliktpotenzial auf Grund gegenseitigen Misstrauens, gegenseitiger Schuldzuweisung der Missstände und gegenseitiger Ablehnung besteht. Hieraus scheint sich ein Risiko zu ergeben, aus dem sich leicht mehr entwickeln kann als nur verschiedene Einstellungen zum Terrorismus.
Es ist dieses Konfliktpotenzial, das eine Verbreitung von Extremismus und religiösem Fanatismus in der Gesellschaft auslösen kann. So gibt es m. E. verschiedene populistische Politiker und unseriöse Medien, die mit diesem „Feuer spielen“ statt zu versuchen, dieses Problem einzudämmen, und zudem Gesetze und Meinungen fördern, die den Konflikt eher noch verstärken. Denn es ist leicht, die muslimische Wohnbevölkerung als Terrorsympathisanten zu stigmatisieren, schwieriger ist es jedoch, verantwortungsbewusst die Ursachen dafür zu finden und zu der eigenen Mitverantwortung für dieses Phänomen Position zu beziehen.
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Die vorliegende Diplomarbeit soll theoretisch und empirisch nachweisen, dass die Mehrheitsgesellschaft an den Sympathien verschiedener Muslime für islam-extremistische Gruppen eine Mitverantwortung trägt und nur wenn beide, die deutsche Mehrheitsgesellschaft und die muslimische Minderheit, daran arbeiten, dieses Konfliktpotenzial zu verringern, sowie durch eine gemeinsame und gleichberechtigte Auseinandersetzung mit diesen Konflikten Lösungen suchen, kann ein friedliches Miteinander in Zukunft ermöglicht werden. Daher ist das Ziel dieser Arbeit, nicht nur herauszufinden, inwiefern sich die muslimischen und nicht-muslimischen Befragten bei der Einschätzung des Terrorismus unterscheiden, sondern sie soll auch dazu beitragen, die inneren und äußeren Gesellschaftsprobleme der muslimischen Minderheit nachvollziehen zu können, um so zu verstehen, weshalb Terrorismus unterschiedlich wahrgenommen wird und aus welcher Motivation heraus ein Mitglied der muslimischen Minderheit Sympathien für islam-extremistische Gruppen entwickelt.
Bevor diese Unterschiede jedoch untersucht werden können, müssen in Kapitel 1 zuallererst Begriffe wie Islam, Islamismus und islam-extremistischer Terrorismus näher erläutert werden, um zu verhindern, dass es zu einer Vermischung dieser Begriffe kommt. Hierbei wurde bewusst die Begriffsbezeichnung islam-extremistischer Terrorismus gewählt, da der Begriff islamistischer Terrorismus dazu führen kann, Islam, Islamismus und Terrorismus zu verwechseln, wozu m. E. viele Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft neigen. Der Begriff „islam-extremistisch“ kristallisiert eindeutig heraus, dass es sich um eine Extremposition handelt, genau wie beim Linksextremismus und Rechtsextremismus. Der Begriff „islamistisch“ hingegen verführt dazu, die Außenposition zu vernachlässigen und den Blick stärker auf seine religiöse Komponente zu richten. Das kann zu unzulässigen Verallgemeinerungen führen und darin münden, dass kein Unterschied mehr zwischen Muslimen und Islamisten gemacht wird und dadurch die Abgrenzung zum Terroristen noch geringer wahrgenommen wird. Insbesondere solche unklare Begriffsverständnisse tragen zur Stigmatisierung der gesamten Minderheit der Muslime bei (vgl. Leibold und Kühnel, 2005). Das Fatale daran ist, dass die Muslime dadurch eher dazu motiviert werden können, zu Anhängern der Extremisten zu werden.
Nach dieser begrifflichen Trennung wird es im zweiten Kapitel um Fragen der Integration gehen. Denn verschiedene Aspekte der Integration werden u. a. als Ursachen für die unterschiedlichen Einstellungen zum Terrorismus erwartet. Erst danach besteht die Möglichkeit, im dritten Kapitel theoretisch zu erörtern, weshalb die Muslime Terrorismus unterschiedlich wahrnehmen. Die verschiedenen Theorien abweichenden Verhaltens sowie
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die Kulturkonflikttheorie und der Desintegrationsansatz bieten eine gute Basis für die Erklärung unterschiedlicher Einstellungen zum Terrorismus. Doch all diese Theorien nützen wenig, wenn sie nicht empirisch nachweisbar sind und es gar keine unterschiedliche Wahrnehmung des Terrorismus gibt.
Daher sollen im vierten Kapitel die empirischen Ergebnisse der quantitativen Befragung von 72 Muslimen und 68 Nicht-Muslimen Klarheit verschaffen. Die beiden Gruppen wurden mit Hilfe eines (teil-)standardisierten Fragebogens, der an Schulen in Duisburg und Aachen, im Stadtzentrum und Umgebung der Stadt Aachen und Duisburg, an der Universität Duisburg-Essen, an einer marokkanischen und türkischen Moschee und in einer christlichen Pfarrgemeinde verteilt wurde, befragt. Insgesamt dauerte die Erhebungsphase fünf Monate, und zwar vom Februar 2006 bis zum Juli 2006. Beide, Muslime und Nicht-Muslime, sollten einen 20-seitigen Fragebogen ausfüllen, der außer den Einstellungen zu Muslimen und Nicht-Muslimen, die Praktizierung des Islams, Medienbeeinflussung und Wahrnehmung der Muslime in der deutschen Gesellschaft auch ähnliche Fragestellungen enthielt, um die Antworten miteinander vergleichen zu können. Neben der Darstellung der empirischen Daten hat das fünfte Kapitel zum Ziel, auf die Zusammenhänge zwischen den theoretischen Ansätzen und den empirischen Ergebnissen einzugehen. Das Kapitel 6 schließt die Arbeit mit der Schlussbetrachtung ab.
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1. Definitionen und Begriffserklärungen
Um sich mit dem Thema „Einstellung der muslimischen und der nicht-muslimischen Wohnbevölkerung in Deutschland zum Terrorismus“ auseinandersetzen zu können, müssen zunächst einige Begriffe näher erläutert werden. Dabei handelt es sich nicht um allgemeingültige Definitionen und Begriffserklärungen, sondern um Ansätze, wie man sich diesen Begriffen annähern kann.
1.1 Der Islam
In der vorliegenden Diplomarbeit wird von zwei Gruppen die Rede sein, zum einen von der Wohnbevölkerung 2 , nicht-muslimischen zum anderen von der muslimischen
Wohnbevölkerung. 3 Daraus ergeben sich folgende Fragen, die erst einmal geklärt werden müssen: Was ist eigentlich ein Moslem/Muslim? Was versteht man unter dem Islam? Welche Verhaltensweisen zeichnen einen Gläubigen dieser Religion aus? Zur ersten Annäherung an den Begriff Islam soll ein Eintrag aus einem Wörterbuch einen Eindruck darüber vermitteln, was unter Islam verstanden wird:
„[Der] Islam ist eine von Mohammed im 7. Jahrhundert gestiftete Weltreligion. Nach dem
Christentum ist [der Islam] die zweitgrößte und gegenwärtig am stärksten expandierende Religion
der Welt, deren Anhänger auf mehr als eine Milliarde Menschen geschätzt werden. In Europa gibt
es etwa 35 Millionen [Angehörige] dieser Glaubensrichtung. In Deutschland beträgt die Zahl der
Muslime circa 3,3 Millionen, das sind [etwas über 4 Prozent] der Bevölkerung. Die
Selbstbezeichnung Islam bedeutet die völlige Hingabe an den Willen Gottes; derjenige, der diese
Hingabe zeigt, ist der Muslim (Microsoft Encarta Enzyklopädie Professional 2005).“
Der Islam besitzt in Deutschland eine sehr große Anhängerschaft. Das ist bemerkenswert, da noch Anfang der 1960er Jahre der Islam bei uns kaum eine Rolle gespielt hat, da damals nur knapp 15.000 Muslime in Deutschland lebten. Heute sind es über drei Millionen Menschen. Rund 500.000 von ihnen haben die deutsche Staatsbürgerschaft (vgl. Sen und Aydin 2002, Anfangsseite). Die größte Gruppe bilden die türkischen Muslime, allein sie zählen etwa 2,4
2 Unter der nicht-muslimischen Wohnbevölkerung versteht man alle Menschen, die nicht zu der
Religionsgemeinschaft des Islams gehören oder sich selbst nicht dazu zählen.
3 Zu der muslimischen Wohnbevölkerung zählt man alle Menschen, die sich der Religionsgemeinschaft des
Islams zuordnen oder dieser Religionsgemeinschaft angehören. Darunter fallen Personen aus Ländern mit
islamischem Hintergrund wie Iran, Irak, Marokko, Türkei, ehem. Jugoslawien usw., aber auch Deutsche
oder Deutsche mit ausländischer Herkunft. Die Angehörigen des Islams sind zum größten Teil Ausländer
oder gehörten vor der Einbürgerung zu dieser Kategorie. Daher ist ein Zusammenhang zu der
Ausländerproblematik nicht von der Hand zu weisen und fließt in vielen Teilen der Arbeit mit ein. In dieser
Diplomarbeit besteht trotzdem nur eine Differenzierung durch die Religionszugehörigkeit und nicht durch
den Ausländerstatus, da dieser für die Fragestellung nur eine untergeordnete Rolle spielt (s. dazu auch Sen
und Aydin 2002, S. 15).
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Millionen Mitglieder. Ebenfalls leben in Deutschland Muslime aus Bosnien-Herzegowina (167.000), dem Iran (116.000), Marokko (81.000) und Afghanistan (72.000). Zahlenmäßig folgen ihnen die Libanesen (54.000), die Iraker (51.000), die Pakistani (38.000) sowie die Syrer und die Tunesier (je 24.000). Darüber hinaus gibt es kleinere muslimische Gruppen aus Ägypten, Albanien, Jordanien, Indonesien, Serbien, Montenegro, Kroatien und Algerien sowie aus verschiedenen afrikanischen Staaten (vgl. ebd. S. 15). Durch die Zuwanderung der vergangenen 40 Jahre haben sich die Muslime zur zweitgrößten Religionsgemeinschaft in Deutschland entwickelt. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine homogene Gruppe, sondern um sehr unterschiedliche Richtungen, denen gemeinsam ist, dass sie sich alle als Muslime definieren wie beispielsweise die Sunniten, die Schiiten und die Aleviten. 4 Haben sich die Muslime bis in die 1980er Jahre vielfach selbst als Randerscheinung wahrgenommen, so lassen sich seit den 1990er Jahren verstärkt Bemühungen feststellen, sich als Religionsgemeinschaft zu etablieren. Hierzu gehört auch die Schaffung einer eigenen religiösen Infrastruktur, wie es z.B. der Zentralrat der Muslime in Deutschland versucht, indem er sich für die Vereinheitlichung des Islamunterrichtes einsetzt. Mit der enormen Steigerung von Anhängern des Islams entwickelte vor allem der Begriff „Muslime“ oder „Moslem“ eine bedeutende Rolle. So bezeichnen die meisten Menschen Anhänger des Islams als „Muslime“ oder „Moslems“, doch was bedeuten eigentlich die Begriffe „Muslim“ und „Moslem“? 5 Die Bedeutung des Begriffes wird verständlicher, wenn man die religiöse Deutung des Korans, das Tafsir Al-Quran, zu Hilfe nimmt:
„Das Wort ‚Muslim’(oder Moslems) wird abgeleitet vom Substantiv ‚Islam’ und bedeutet: jemand,
der durch seine Unterwerfung unter Allahs Willen zu vollkommenem Frieden gelangt ist. Der
Muslim ist ein Mensch, der Allah(t) als den Einzigen Gott anerkennt, sich Seinen Gesetzen und
Befehlen unterwirft und Seine Gebote befolgt (Rida 2003, S. 25).“
Beim Islam handelt es sich um eine monotheistische Religion, die für sich „beansprucht, die einzig wahre Botschaft zu sein ‚Koran 3/19’ (Tibi 2002, S. 264).“ Der Islam stellt sich über alle anderen Religionen, indem er zwar die monotheistischen Religionen des Judentums und Christentums anerkennt, jedoch bezeichnet er den Glauben des Islams als den Vollkommensten. Im heiligen Buch der Muslime, dem Koran, gibt es dazu eine Textstelle, in der den Muslimen diese Wertigkeit vermittelt wird:
„Er hat herabgesandt zu dir das Buch mit der Wahrheit, bestätigend das, was ihm vorausging;
4 Es gibt jedoch viele Muslime, für die die Aleviten keine Muslime sind, vor allem, weil für die Aleviten
bestimmte Regeln nicht gelten. So essen sie Schweinefleisch und trinken Alkohol, auch der Koran spielt für
sie eine geringere Rolle als für andere Muslime.
5 Die Begriffe Muslim oder Moslem haben die gleiche Bedeutung.
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und vordem sandte Er herab die Thora und das Evangelium als eine Richtschnur für die
Menschen; und Er hat herabgesandt das Entscheidende (Schweer 2003, S. 57).“
Somit beschreibt der Islam den Koran als übergeordnete Regelung für alle drei Weltreligionen. D.h. die Thora und die Bibel waren nur die „Anfangsversuche“, die etliche Fehler enthielten, die aber mit dem Koran wieder korrigiert wurden und nun endlich ein vollkommenes Werk geschaffen haben.
Nachdem die „Exklusivität“ des Islams aufgezeigt wurde, stellt sich die Frage, wie sich ein Muslim sieht und nach welchen Regeln er sein religiöses Leben auszurichten hat. Wie in jeder Religion gibt es auch im Islam religiöse Pflichten, an die sich jeder Gläubiger zu halten hat. So sollte jeder Muslim nach den fünf Säulen des Islams leben, den Koran lesen und sein tägliches Leben an die Textinhalte des Korans anpassen. Die fünf Säulen des Islams, die jeder achten sollte, lauten wie folgt:
1. Shahada - Glaubensbekenntnis: Die erste Säule, das Glaubensbekenntnis, ist die Basis für
die anderen. Wer öffentlich bekennt: „Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist
der Gesandte Allahs”, hat damit den Islam angenommen. Der erste Teil ist ein
Bekenntnis, das von allen Monotheisten gesprochen werden kann.
2. Salat - Rituelles Pflichtgebet: Die für das tägliche Leben wichtigste und das äußere Bild
der islamischen Welt am stärksten formende Kraft ist das Pflichtgebet, das fünfmal am
Tag verrichtet wird und für alle Muslime vom 12. Lebensjahr an verbindlich ist.
3. Zakat - Die Almosen- oder Armensteuer: Die Zakat ist eine Abgabe vom Vermögen. Sie
ist Erfüllung der sozialen Pflicht gegenüber der Gemeinschaft. Sie diente früher dem
gerechten sozialen Ausgleich zwischen reichen und armen Bevölkerungsschichten.
4. Saum - Das Fasten im Ramadan: Seit den Anfängen des Islams ist der neunte Mondmonat
des Jahres, der Ramadan, die Zeit des Fastens. Vom Morgengrauen bis zum
Sonnenuntergang darf nicht gegessen, getrunken, geraucht, kein Wohlgeruch genossen,
kein Geschlechtsverkehr ausgeübt werden. Der Mondmonat Ramadan wandert durch alle
Jahreszeiten. Jeder Muslim, der dazu körperlich in der Lage ist, muss fasten. Ausnahmen
gelten etwa für Kranke, schwangere Frauen oder Frauen, die ihre Menstruation haben.
5. Hadsch - Die Pilgerfahrt nach Mekka: Jeder Muslim soll einmal im Leben im
Wallfahrtsmonat, dem letzten Monat des islamischen Mondjahres, eine Pilgerfahrt nach
Mekka unternehmen und an den heiligen Stätten die vorgeschriebenen Riten vollziehen.
Durch den Nachvollzug der Pilgerfahrt in der gleichen Art, wie sie von Mohammed
überliefert wird, wendet sich der Gläubige zu den Ursprüngen seiner Religion zurück (vgl.
Schweer 2003, S. 12).
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Zusätzlich zu den fünf Säulen des Islams hat der Koran eine herausragende Bedeutung für den Islam. Er ist das heilige Buch Gottes, vergleichbar mit der Bibel für die Christen und der Thora für die Juden. Der Koran wurde laut Überlieferungen von Gott geschrieben und ist einheitlich. Jede Kopie des Korans entspricht im genauen Wortlaut dem Original. Der Text des Korans ist in 114 Abschnitte (Suren) untergliedert; sie wurden vermutlich nach dem Prinzip der abnehmenden Länge aneinandergereiht. Die Suren lassen sich in zwei Gruppen einteilen, je nachdem, ob sie in Mekka (610-622) oder in Medina (622-632) offenbart wurden, was in der Überschrift jeweils angegeben wird. In Mekka überwog die kurze, situationsgebundene Offenbarung, oft verbunden mit Polemik gegen das Unverständnis der Menschen und mit Gerichtsdrohungen, während in Medina längere Ausführungen über religiöse und politische Themen, aber auch legislative Texte in den Vordergrund traten. Als Hauptthemen lassen sich benennen: die Einzigartigkeit und Barmherzigkeit Gottes, die Pflichten der Muslime, biblische Gestalten wie Adam, Abraham, Moses, auch Jesus und seine Mutter Maria sowie Gericht, Hölle und Paradies (vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie Professional 2005).
Nach der Darstellung des religiösen Lebens der Muslime sind noch zwei Begriffe des Islams gerade für unsere Thematik von herausragender Bedeutung, nämlich die Begriffe „Scharia“ und „Djihad“. Sie werden oft in den unterschiedlichsten Zusammenhängen genutzt, zumeist falsch interpretiert und vor allem auch durch viele Islamisten 6 entfremdet. So nutzen viele Islamisten diese Begriffe für ihren Kampf 7 und beeinflussen dadurch die Medienberichterstattung über deren Bedeutung. Das hat wiederum dazu beigetragen, dass viele Vorurteile gegen den Islam entstanden sind.
Der erste Begriff, die „Scharia“, legt sowohl die Pflichten des Individuums fest als auch die der Gemeinschaft. Sie kann von ihrer Konzeption her als das vollständige Rechtssystem der Welt betrachtet werden. Die „Scharia“ lässt keinen Freiraum für neue Entwicklungen, denn prinzipiell gilt, dass alles, was dem Koran oder der Sunna 8 nicht widerspricht, in die
6 Was der Unterschied zwischen Muslim und Islamist ist, wird im folgenden Kapitel erklärt. Zum näheren
Verständnis soll nur kurz erwähnt werden, dass ein Muslim ein Gläubiger des Islams und ein Islamist ein
religiös islamischer Fundamentalist ist.
7 Vgl. den folgenden Internetlink, der eine Übersetzung aus Teilen des Trainingshandbuches der Al-Qaida
enthält. Internetlink: http://www.koran.terror.ms/ (Stand: 03.10.2005).
8 In der islamischen Terminologie versteht man unter Sunna das Vorbild des Propheten, seine Lebensführung,
wie sie sich in seinen Ansprüchen (qawl), Handlungen (fi’l) und Gepflogenheiten sowie dem
stillschweigenden Einverständnis (taqrir) mit dem, was in seiner Gegenwart gesagt oder getan wurde,
kundgab. Sie wurde von den Prophetengefährten und einer „Kette wahrheitsgetreuer Übermittler“ (isnad) in
den Sammlungen der Taten und Worte Muhammads (hadith) bewahrt. Einerseits stellen sie eine
authentische Erläuterung der von Gott offenbarten Gebote und Verbote im Koran dar, andererseits dienen
sie zur Verdeutlichung von Vorschriften allgemeiner Natur sowie als Ergänzung dessen, was nicht
ausdrücklich im Koran erwähnt ist (s. dazu Antes 1991, S. 63).
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„Scharia“ aufgenommen werden kann (Schweer 2003, S. 13). Doch ob die „Scharia“ wirklich diese überragende Bedeutung hat, darüber streiten sich die Islamwissenschaftler und religiösen Gelehrten. So spricht zum Beispiel der Islamwissenschaftler Bassam Tibi der „Scharia“ eine relativ geringe Bedeutung zu, indem er anmerkt:
„Das Wort Schari’a kommt nur ein einziges Mal im Koran vor; die entsprechende Stelle heißt:
‚Wir haben Dir eine Schari’a gegeben, dann leb’ dannach’ (Koran Sure al-Djathiya, Nr. 45, Vers
18). Somit ist die ‚Schari’a’ hier als Ethik und moralische Orientierung zu verstehen und nicht als
ein Rechtssystem. Die ‚Schari’a’ als Rechtsordnung wurde erst einhundert Jahre nach Abschluss
der islamischen Offenbarung entwickelt. Das Argument, die ‚Schari’a’ sei göttlich und gehöre zur
kulturellen Identität der Muslime, ist nicht haltbar. Jeder ‚Schari’a’ Experte weiß, dass es keine
einheitliche ‚Schari’a’ gibt. Denn die ‚Schari’a’ ist interpretativ (Tibi 2002, S. 188f.).“
Der zweite Begriff „Djihad“ hat seinen Ursprung im Koran und zählt zu den Begriffen, die viele in ihrer Bedeutung unterschiedlich definieren. Viele islamische Extremisten sprechen im Zusammenhang mit dem Begriff vom heiligen Krieg, andere Muslime wiederum verstehen darunter eher die Selbstanstrengung eines jeden Gläubigen, Allah näher zu kommen. Beide haben in gewisser Hinsicht Recht und Unrecht. Nehmen wir dazu wieder Bezug auf den Islamwissenschaftler Bassam Tibi, der die Funktion des Begriffes „Djihad“ wie folgt beschreibt:
„Muslime sind nach ihrer Religion verpflichtet, Da’wa/Aufruf zum Islam als Mission zur
Verbreitung des Islams zu betreiben. Das Mittel dazu ist der Djihad, was im Islam ,Anstrengung’,
nicht, wie im Westen falsch verbreitet, ‚heiliger Krieg’ bedeutet. Diese Anstrengung zur
Verbreitung des Islams kann friedlich erfolgen, und die Hidjra 9 nach Europa ist in unserer Zeit
ein Beispiel hierfür. Doch die Djihad-Pflicht darf in Notsituationen auch mit Mitteln des ,Qital’
(Kampf), also mit Gewalt, ausgeübt werden (Tibi 2002, S. 54).“
Den heiligen Krieg gibt es in diesem Zusammenhang nicht. Folgt man Schweers Erläuterungen (vgl. Schweer 2003, S. 13f.), kann nachvollzogen werden, warum viele eher den kriegerischen Aspekt des Begriffes „Djihad“ wahrnehmen. In seiner Auseinandersetzung mit dem Begriff Djihad schreibt er, dass oft der Eindruck entstand, dass der Begriff „Djihad“ gleichgesetzt wird mit einer Sanktionierung der Ungläubigen mit den Mitteln des Kampfes. Doch diese Sichtweise ist ebenso irreführend wie die weit verbreitete Ansicht, der Islam habe sich seinen Weg mit Feuer und Schwert gebahnt. Wenn es in Sure 9, 29 des Korans heißt:
„Kämpfet wider diejenigen aus dem Volk der Schrift, die nicht an Allah und an den Jüngsten Tag
glauben und die nicht als unerlaubt erachten, was Allah und sein Gesandter als unerlaubt erklärt
haben und die nicht dem wahren Bekenntnis folgen, bis sie aus freien Stücken den Tribut
entrichten und ihre Unterwerfung anerkennen“,
9 Hidjra bedeutet Auswanderung zur Verbreitung des Islams.
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so ist damit nicht die willkürliche Tötung von Juden und Christen gemeint. Der Aufruf zur Kampfbereitschaft gründet vielmehr auf der Einteilung der Welt in islamische und nichtislamische Gebiete. So unterteilt der Islam in diesem Sinne die Welt in zwei Gruppen, und zwar in die Gläubigen und die Ungläubigen, die im Koran auch oft „Götzendiener“ benannt werden. Zu den Ungläubigen zählen alle, die nicht zum Islam, Christentum oder Judentum gehören. Sie werden nicht toleriert und mit ihnen befindet man sich nach dem Koran in einem dauerhaften Konfliktzustand und stellt die Ungläubigen vor die Wahl, zu konvertieren oder sich mit dem Islam im Kriegszustand zu befinden. Diese etwas kriegerischen Worte werden besser verständlich, wenn man sich in die Zeit des Propheten Mohammed und der Entstehung des Korans versetzt.
Es war eine kriegerische Zeit, in der dem Propheten Mohammed und den ersten Muslimen gar keine andere Wahl blieb, als sich und ihre Gemeinschaft mit kriegerischen Mitteln zu verteidigen und ihre Botschaft zu schützen, ansonsten wäre die Botschaft sofort untergegangen. So kann man davon ausgehen, dass „Djihad“ nicht einfach Krieg bedeutet, sondern, wörtlich übersetzt, „sich anstrengen“. Im Kontext der entsprechenden Suren ist damit in der Regel „das Sichabmühen auf dem Weg Gottes“ gemeint, wozu auch die Anwendung von Gewalt gehören kann. Die Betonung liegt auf „kann“ und ist nicht ein Hauptbestandteil des Wortes „Djihad“. So rechtfertigt der Koran den Krieg nicht um seiner selbst willen, aber er akzeptiert ihn als gelegentlich notwendiges Erfordernis, anders gesagt, der Zweck heiligt die Mittel.
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1.2 Der Islamismus
In den Klärungen zum Begriff des Islam sind einige Male die Begriffe Islamismus und Islamist gefallen. Was sich dahinter verbirgt, soll im Folgenden thematisiert werden. Islamismus, auch islamischer Fundamentalismus genannt, ist eine Strömung innerhalb des Islams, die sich auf die Grundlagen des islamischen Glaubens und der islamischen Sitten beruft und alle Bereiche des Lebens nach diesen Prinzipien gestalten möchte. Zusätzlich beschreiben Heitmeyer et. al. den Fundamentalismus wie folgt:
„Ein generelles Kennzeichen von Fundamentalismus ist, dass er sich gegen eine vermutete
Gefährdung der eigenen kulturellen Identität und religiösen Glaubensgewissheiten formiert, um
mit allen Mitteln die Authentizität zu retten beziehungsweise zu sichern. Inwieweit es gelingt, die
Gefährdung zu erzeugen oder an solche anzuknüpfen, hängt von der Bedeutung und Qualität der
Gewissheiten ab. Solche Gewissheiten sind charakterisiert durch die immerwährende, zeit- und
raumabhängige Gültigkeit, eine unhinterfragbare, nicht reformierbare göttliche Ordnung, die
Einzigartigkeit der Religion gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften und die Rolle des
eigenen Auserwähltseins (Heitmeyer, Müller und Schröder 1997, S. 30f).“
Nun gibt es deutsche Islam-Experten, die behaupten, dass der Fundamentalismus im Islam nicht einmal als Wort in der arabischen Sprache existiere. Diese Annahme bestätigt sich jedoch nicht, da im Arabischen „Usuliyya“ [Fundamentalismus] ein in der arabischen Presse tagtäglich anzutreffender Begriff ist. Andere Termini zur Bezeichnung dieses Phänomens sind „al-Islam al-siyasi“ [der politische Islam] oder „al-Islama-wiyya“ [Islamismus] (vgl. Schwarzer 2002, S. 115).
Die zentralen politischen Ziele des Islamismus sind die Errichtung eines islamischen Staates und die Durchsetzung des islamischen Sittenkodex, der Scharia, als universelles Moral- und Rechtssystem. Die Errichtung des islamischen Staates bedeutet für die Islamisten die Errichtung einer universellen Gottesherrschaft (Hakkimiyyat Allah). 10 Dabei beruft sich der Islamismus auf den „ursprünglichen Islam” und meint damit die Texte des Korans, der Sunna mit den Lebensregeln des Propheten und die Regeln der Scharia. Insofern geht es um den Anspruch der unmittelbaren Einheit von Politik und Religion gegen die Grundlagen und die Praxis einer freiheitlichen Demokratie. Daher lehnen die meisten Islamisten sowohl die Demokratie als auch das westliche Rechtssystem ab. 11
Aus den Zielen ist erkennbar, dass die islamistische Ideologie eine weltpolitische Orientierung aufweist. Das zeigt sich in Form einer politisierten Religion,
10 Das Konzept der „Hakimiyyat Allah“ (Gottesherrschaft) ist eine Erfindung der Islamisten und kommt im
Koran nicht vor (s. dazu auch Schwarzer 2002, S. 114).
11 Dieser Sachverhalt wird umso deutlicher bei Betrachtung des Katechismus eines der bekanntesten
Islamisten. So beschreibt Abu A. Maududi (1903—1979) in seinem Katechismus, dass Islam und
Demokratie unvereinbar sind (s. dazu auch Heitmeyer, Müller und Schröder 1997, S. 107).
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„denn der Fundamentalismus im Islam kann sich darauf berufen, eine Religion zu sein, die
universelle Gültigkeit, das heißt Weltgeltung beansprucht. Daraus entwickelt sich ein Anspruch
auf eine islamische Weltordnung (Schwarzer 2002, S. 112f.).“
Gerade der Anspruch auf eine islamische Weltordnung führt dazu, dass die Islamisten auf der „politischen Bühne“ viele politische Feinde und staatliche Widersacher haben. Daher sind in vielen Ländern islamistische Bewegungen offiziell verboten, stehen unter Beobachtung oder werden - mit unterschiedlicher Intensität - verfolgt, wie z.B. die Muslimbruderschaft in Ägypten und die Milli Görüs in Deutschland. Kienzler beschreibt den politischen Weg der Islamisten wie folgt:
„Da die religiösen Fundamentalisten überzeugt sind, dass sie die besseren Antworten auf die
Fragen der Welt und die - vor Gott und den Menschen - bessere moralische Lebenspraxis haben,
sind sie oft der Meinung, diese missionarisch oder manchmal auch militant ihrer säkularen
Umwelt mitteilen oder gar aufdrängen zu müssen. Dies kann in der heutigen westlichen Welt im
Allgemeinen nur durch politische und gesellschaftliche Mittel der Macht geschehen. Deshalb ist es
verständlich, dass fundamentalistisch religiöse Gruppen Einfluss auf die Politik und die
gesellschaftlichen Kräfte nehmen wollen (Kienzler 1996, S. 23)“
und teilweise auch zu Gewalt neigen, um ihre Ziele durchzusetzen. Aber nicht alle Islamisten sind gewaltbereit. Viele von ihnen möchten ihre Ziele mit friedlichen, politischen oder religiösen Mitteln durchsetzen. Es ist daher falsch, Islamismus mit Extremismus oder gar Terrorismus gleichzusetzen. Andererseits dürfen die vergleichsweise kleinen, terroristischen Strömungen im Islamismus nicht unterschätzt werden. Sie sind verantwortlich für eine Reihe grausamer Anschläge und Attentate. Daher sind in den vergangenen Jahren vor allem die Sicherheitspolitiker zu besonders aufmerksamen Beobachtern des Islamismus geworden. So beschäftigt sich vor allem das Bundesinnenministerium immer häufiger mit den Islamisten. 12 Darauf weist auch Thamm in seinem Buch „Terrorbasis Deutschland“ hin, in dem es heißt:
„[Die]Sicherheitspolitiker beunruhigt, dass es möglicherweise 100.000 Muslime sind, die in
Deutschland das Ziel der Weltherrschaft des Islam mit politischen Mitteln anstreben. Und
schließlich treibt die Verfassungsschützer um, dass über 30.000 türkische, arabische, iranische
und andere Islamisten in diversen extremistischen Gruppen organisiert sind. Zur Gewalt bereit
sind von diesen wahrscheinlich 10% (Thamm 2004, S. 97f.).“
Das Stichwort „Gewalt“ macht auf den dritten Begriff aufmerksam, der hier näher erläutert werden soll. Hierbei handelt es sich um den „Terrorismus“, insbesondere den „islamextremistischen Terrorismus“, mit dem sich die vorliegende Diplomarbeit hauptsächlich befasst.
12 Vgl. den Extremismusbericht 2004 des Innenministeriums: „Extremismus in Deutschland“, zu finden unter
der Internetadresse: http://www.bmi.bund.de/cln_012/nn_121894/Internet/
Content/Broschueren/2004/Extremismus__in__Deutschland__Id__95150__de.html (Stand: 08.10.2005).
15
1.3 Der islam-extremistische Terrorismus
Um sich dem Phänomen des islam-extremistischen Terrorismus zu nähern, muss zuallererst geklärt werden, was unter dem allgemeinen Begriff „Terrorismus“ verstanden wird. Die Definition des Begriffes Terrorismus bringt viele Schwierigkeiten mit sich, da es keine allgemeingültige Begriffsklärung gibt. Selbst die definierten Terrorismusformen unterliegen einem ständigen Wandel und haben sich im Laufe der Zeit und von Land zu Land verändert. Hierzu zählt z.B. der Staatsterrorismus nach der Französischen Revolution, der nicht mit dem Staatsterrorismus des Iraks in den 1990er Jahren vergleichbar ist. Eine umfassende Erklärung seiner Ursachen finden zu wollen, ist daher ein müßiges Unterfangen. Deswegen wird die hier genannte Definition sehr allgemein gehalten und beschränkt sich auf bestimmte Merkmale des Terrorismus, die für alle Formen zutreffen. Das Zutreffen dieser Merkmale ist wiederum bei jedem Vorkommen von Terrorismus unterschiedlich, etwa bei Formen des Ökoterrorismus, des Staatsterrorismus, des politischen Terrorismus und des religiösen Terrorismus.
Ein Versuch, sich dem Begriff Terrorismus anzunähern, stammt von Walter Laqueur, der unter Terrorismus Folgendes versteht:
„Der Terrorismus ist auf vielerlei Art definiert worden, aber mit Gewissheit lässt er sich nur als
Anwendung von Gewalt durch eine Gruppe bezeichnen, die zu politischen oder religiösen
Zwecken gewöhnlich gegen eine Regierung, zuweilen auch gegen andere ethnische Gruppen,
Klassen, Religionen oder politische Bewegungen vorgeht (Laqueur 2001, S. 44).“
D.h. aber nicht, dass man jede Form von Gewalt mit Terrorismus gleichsetzen kann. Der Bezug zum Politischen oder zum Religiös-Politischen unterscheidet den Terrorismus von anderen Gewalttätigkeiten. Nach Hoffman ist das Ziel, politische Macht zu erreichen, eines der Hauptmotive für Terrorismus:
„Der Terrorismus ist im weithin akzeptierten heutigen Sprachgebrauch prinzipiell und seiner
ganzen Natur nach eine politische Angelegenheit. Es geht dabei unvermeidlich um Macht: um das
Streben nach Macht, den Erwerb von Macht, und den Gebrauch von Macht zur Durchsetzung
politischen Wandels (Hoffmann 2001, S. 15).“
Durch geplantes, berechnendes und systematisches Handeln möchte man andere dominieren, zwingen sowie einschüchtern, um schließlich einen fundamentalen politischen Wandel zu bewirken. Durch den psychologischen Effekt und die Öffentlichkeit ihrer Aktionen soll dieser politische Wandel erreicht werden. D.h. durch öffentliche Aufmerksamkeit, die Terroristen mit ihren Gewaltakten erzeugen, versuchen sie, die Druckmittel, den Einfluss und die Macht zu erlangen, über die sie ansonsten nicht verfügen würden, mit dem Ziel, den angestrebten
16
politischen Wandel zu bewirken.
Eine weitere Eigenschaft des Terrorismus ist, dass er darauf ausgerichtet ist, über die Opfer und Ziele des unmittelbaren terroristischen Angriffs hinaus weitreichende psychologische Effekte zu erzielen. Innerhalb eines breiten „Zielpublikums“ soll Furcht erregt werden und „die Betroffenen“ dadurch eingeschüchtert werden. Zu diesem Publikum können eine gegnerische, ethnische oder religiöse Gruppe gehören, aber auch ein ganzes Land, eine Regierung, eine politische Partei oder die öffentliche Meinung einer bestimmten Bevölkerung. Terrorismus kann daher als gewalttätiges Handeln betrachtet werden, das bewusst so präsentiert wird, dass es Aufmerksamkeit auf sich lenkt und dadurch eine Botschaft übermittelt. Daher planen Terroristen ihre Operationen so, dass diese schockieren, beeindrucken und einschüchtern, und sorgen dafür, dass ihre Taten ausreichend wagemutig und gewalttätig sind, um die Aufmerksamkeit der Medien, der Öffentlichkeit und der Politik auf sich zu ziehen. Es ist eine geplante und bewusste Form von Gewalt. Terroristen sind davon überzeugt, dass sie ihre langfristigen politischen Ziele nur durch Gewalt erreichen können. 13
Nachdem das Phänomen „Terrorismus“ erläutert wurde, kommen wir zu der Terrorismusform, mit der sich diese Arbeit hauptsächlich auseinandersetzt, dem islamextremistischen Terrorismus. Die Einordnung dieser Terrorismusform ist so schwierig, da man den islam-extremistischen Terrorismus je nach Sichtweise als eine religiöse Terrorismusform oder als eine rein politische Terrorismusform betrachten kann. Genau wie die anderen Terrorismusformen strebt der islam-extremistische Terrorismus nach Macht und politischem Wandel. Aus diesem Grund ordnet man ihn schnell dem politischen Terrorismus zu. Bei intensiver Betrachtung des islam-extremistischen Terrorismus fällt jedoch auf, dass er Merkmale besitzt, über die eine Einstufung als religiöser Terrorismus gerechtfertigt erscheint. Daher wird der islam-extremistische Terrorismus in dieser Arbeit als Mischtyp aus beiden Terrorismusformen verstanden, denn er hat einen politischen und einen religiösen Hintergrund. Diese Mischung wird vor allem dann deutlich, wenn man sich mit den Zielen des islam-extremistischen Terrorismus auseinandersetzt. Die Zielsetzung lässt zum einen eine politische, zum anderen eine religiöse Orientierung erkennen, weil der islam-extremistische Terrorismus nach Macht und Kontrolle strebt und ebenfalls durch sein religiöses Fundament wirkt. Ihr religiöser Bestandteil beruht aus der Interpretation heiliger Texte, und wird verbreitet durch geistliche Autoritäten, die den Anspruch haben, für das Göttliche zu sprechen. Diese mehr oder weniger geistlichen Autoritäten dienen daher als legitimierende
13 Siehe dazu auch Laqueur 2001, S. 54f. und Hoffman 2001, S. 172f.
17
Kraft (vgl. Hoffman 2001, S. 122).
Die Ursprünge des islam-extremistischen Terrorismus stammen aus den Erweckungsbewegungen, die eine Wiederbelebung des fundamentalistischen Islams anstrebten; vor allem durch denjenigen, die ihre Ziele mit Gewalt durchsetzen wollten. Solche Bewegungen entstanden in verschiedenen Ländern, beispielsweise auf der arabischen Halbinsel in Form des Wahhabismus 14 . Dabei bestanden die extremistischen Islamisten auf den reinen Lehren des Propheten und der strikten Einhaltung der Gesetze der Scharia. Man sah als größte Bedrohung für den Islam die Verfremdung der Religion und nicht so sehr den schädlichen Einfluss fremder Kulturen. Eine der größten Auswirkungen auf den islamischen Extremismus hatte dabei der Salafismus. Der Begriff „Salafi“ steht für den Frühislam und bezieht sich auf jene, die in den ersten Jahrhunderten nach Mohammed lebten. In religiöser Hinsicht bedeutet der Salafismus die Ablehnung von Reformen und die Säuberung des Islams von fremden Elementen. Das wirklich Neue daran war die Überzeugung der Salafis, dass sie den Islam als solchen und nicht nur eine Lehrmeinung unter vielen verträten. Staat und Gesellschaft müssten anstelle des säkularen Rechts auf den religiösen Gesetzen, d.h. der Scharia, beruhen und dieses Ziel, könne nur mit Gewalt erreicht werden. Neu war außerdem die starke Betonung des Djihad als heiliger Krieg (vgl. Laqueur 2004, S. 44f.). Nun ist nicht jeder islamische Extremist gleich ein Terrorist, doch ist der islam-extremistische Terrorismus aus diesem Islamismus entstanden und selbst terroristische Persönlichkeiten wie Osama Bin Laden sehen diese Interpretationsansätze des Glaubens als richtungweisend an. 15 Eine Besonderheit, die den islam-extremistischen Terrorismus auszeichnet, ist die Herabsetzung des Lebens auf Erden. Dadurch, dass es eine Vorstellung vom Paradies gibt, für das es sich zu sterben lohnt, verliert das Leben auf Erden an Bedeutung. Aus diesen Gründen gibt es für islam-extremistische Terroristen nachweislich weniger Hemmungen bei der Anwendung von Gewalt, außerdem sind Ziele und Feinde unspezifischer. So kann durch das Zitieren religiöser Texte außerhalb ihres Zusammenhangs jeder, der nicht die gleichen Ansichten und Ziele vertritt, zum Feind des Islams werden, ob er nun Muslim, Jude, Christ oder ein „Ungläubiger“ ist. Aus diesem Grund hat auch das eigene Leben einen geringeren Wert und das Märtyrertum eine herausragende Bedeutung. Der Tod eines Märtyrers, der für die Sache stirbt, auch wenn er Unschuldige tötet, erwartet nach der Interpretation der islamextremistischen Terroristen ein glückliches Leben im Gottesreich, denn es heißt:
14 Der Wahhabismus ist eine sehr konservative und dogmatische Richtung des Islam. Ihre Anhänger nehmen
für sich in Anspruch, die islamische Lehre authentisch zu vertreten, siehe dazu den Internetlink:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wahhabismus (Stand: 15.06.2006).
15 Vgl. dazu den Internetlink: http://www.im.nrw.de/sch/587.htm (Stand: 11.10.2005) oder
http://www.ifdt.de/0404/Artikel/hirschmann.htm (Stand: 11.10.2005).
18
„Flüsse von Milch und Wein (…) Seen von Honig und den Diensten von 72 Jungfrauen, wo der
Märtyrer das Gesicht Allahs erblicken und später mit 70 auserwählten Verwandten zusammen
sein wird. Sogar die Freuden des Alkohols, die allen irdischen Moslems verboten sind und des
Sex´ sind in diesem glorreichen Leben im Jenseits gestattet, wo die Gebote der Scharia
(islamisches Recht) nicht mehr gelten.“ 16
Gerade diese Angebote machen den islam-extremistischen Terrorismus für junge Menschen so attraktiv. Aber das ist nicht der einzige Grund dafür, warum der islam-extremistische Terrorismus an Bedeutung gewonnen hat. Die unterschiedlichen Konflikte im Nahen Osten wie beispielsweise der Israel-Palästina Konflikt und die Irak-Kriege haben ein anti-westliches Weltbild entstehen lassen. So machen viele junge Moslems den Westen für ihre desolate soziale Lage verantwortlich. Sie sehen sich ermutigt, dagegen zu rebellieren, und nutzten den Terrorismus als Möglichkeit, etwas zu verändern. War der islam-extremistische Terrorismus vor 30 Jahren kaum vorhanden, so ist er mittlerweile einer der Hauptakteure des weltweiten Terrorismus.
Bei der näheren Betrachtung von Terroranschlägen bekannter Terrorgruppen kann dieser Trend noch deutlicher aufgezeigt werden:
Abbildung 1: Der islam-extremistische Terrorismus und seine Anteile am weltweiten
Terrorismus, ausgehend von bekannten Terrorgruppen
17
16 “Wedded to Death in a Blaze of Glory - Profile: The Suicide Bomber”, Sunday Times (London),
10.03.1996, Christopher Walker, “Palestinian - Was Duped into Being Suicide Bomber“ The Times
(London), 27.03.1997, zitiert nach Hoffman 2001, S. 129.
17 Die Zahlen beruhen auf einer eigenständigen Auswertung der Datenbank des „National Memorial Institute
for the Prevention of Terrorism“ abgekürzt MIPT, zu finden unter der Internetadresse: www.tkb.org.
19
Das Diagramm zeigt, wie sehr die verübten Anschläge von Terrorgruppen mit islamextremistischem Hintergrund an Bedeutung gewonnen haben. Wie oben angedeutet, hatte der islam-extremistische Terrorismus vor 30 Jahren eine geringe Bedeutung, und nur zwei Prozent aller Terroranschläge von bekannten Terrorgruppen wurden von Gruppierungen mit islam-extremistischen Motiven und Zielen durchgeführt. Dieser Anteil vervierfachte sich in den nächsten zehn Jahren, so dass der Anteil des islam-extremistischen Terrorismus von 1985 bis 1990 auf 11 % anstieg. Die Steigerung setzt sich bis zur Gegenwart fort, so dass ihr Anteil von 2000 bis 2005 von 20 % auf 43 % stieg. Damit ist der Anteil des islam-extremistischen Terrorismus - ausgehend von bekannten Terrorgruppen - in den vergangenen 30 Jahren um mehr als das 20-fache angestiegen.
Betrachtet man zusätzlich die hohe Anzahl an Verletzten und Todesopfer, wird der Anspruch der islam-extremistischen Tätergruppen, als einer der Hauptakteure des Terrorismus zu gelten, noch deutlicher. So ist der islam-extremistische Terrorismus mitverantwortlich für einen Großteil der entstandenen Verletzten und Todesopfern. Bei den Todesopfern und Verletzten ist zwar kein stetiger Anstieg zu beobachten, doch sind die Werte im Zeitraum von 2000 bis 2005 besorgniserregend. Denn von 2000 bis 2005 erreichten die durchgeführten Terroranschläge islam-extremistischer Gruppen mit 77% bei den Verletzten und 76% bei den Todesopfern einen so hohen Wert, dass zum jetzigen Zeitpunkt ohne diese Terrorismusform die Zahl der Opfer durch Terroranschläge erheblich geringer wäre. Diese erschreckenden Zahlen, die vor allem auf die große Bedrohung des islam-extremistischen Terrorismus hinweisen, sind aber trotz alledem mit einer gewissen Skepsis zu betrachten. So spielt die Aufmerksamkeit der Medien für diesen Terrorismus eine große Rolle. Bis jetzt gibt es keine repräsentative Statistik über alle verübten Anschläge in der Welt, da mehr als 70% der Terroranschläge von Unbekannten verübt werden und die Zuordnung, ob es sich um Terrorismus oder Kriminalität im engeren Sinne handelt, nicht immer einfach ist. Daher kann die abgebildete Statistik nur die Entwicklung innerhalb der bekannten Terrorgruppen aufzeigen, die nach Verständnis der internationalen Medien und dem „National Memorial Institute for the Prevention of Terrorism“ dem Terrorismus zugeordnet wurden. 18
18 Die Uneinigkeit über eine einheitliche Definition zum Terrorismusbegriff macht eine genaue Statistik zum
Terror unmöglich. Weitere Schwierigkeiten hängen damit zusammen, dass verschiedene politische
Interessen Terrorismus unterschiedlich bewerten.
20
1.4 Zwischenfazit
Beim Islam handelt es sich um eine facettenreiche und durch Gruppen vertretene Weltreligion (Sunniten, Schiiten, Aleviten, usw.), die sich selbst - trotz aller Differenzen - als eine Gemeinschaft wahrnimmt (Umma). Jeder Muslim definiert sich als Anhänger des Islam und glaubt an Allah sowie den Propheten Mohammed und hält sich an die Regeln des Korans. Zu den Anhängern des Islam gehören auch die Islamisten, die den Islam allerdings politisieren und für die Trennung von Staat und Religion eine „Todsünde“ darstellt. Wie die Geschichte gezeigt hat, kann die Forderung nach mehr Religion in der Politik zu Gewalt führen. So gab es in allen Weltreligionen Fundamentalisten, die sich untereinander nicht allzu sehr unterschieden wie beispielsweise die Kreuzzüge des Christentums oder die Lutheraner und der deutsche Bauernkrieg. Die einen versuchen, mit friedlichen Mitteln zu überzeugen, die anderen wollen ihre Ziele mit Gewalt erreichen. Erst durch die Herabsetzung menschlichen Lebens „Andersdenkender“ oder „Andersgläubiger“ und die Bereitschaft, die eigenen Ziele auch mit Gewalt durchzusetzen, wird der Fundamentalismus - gleich welcher Religion - zum religiös-extremistischen Terrorismus. 19 Dabei wird die Hemmschwelle, Menschen im Namen der Religion zu töten, überwunden, und der islam-extremistische Terrorismus genießt durch sein transzendentales Wesen, die eigene Interpretation von den Pflichten eines Muslimen und die Herabsetzung von „Andersgläubigen“ ein hohes Gewaltpotential. Das bedeutet, der Islam ist eine Religion wie jede andere, die versucht, aus dem Menschen einen gottesfürchtigen und besseren Menschen zu machen. Der Islamismus hält den Menschen für unmündig, dies zu verinnerlichen, und versucht durch die Politisierung des Islam den Menschen zu einem besseren und gottesfürchtigen Glaubenden zu machen. Dabei legen die islamischen Fundamentalisten mit ihrer Interpretation von Religion fest, wer ein gottesfürchtiger und „besserer“ Mensch ist. Der islam-extremistische Terrorist vertritt die Ansicht, dass seine Interpretation des besseren Menschen mit Worten und friedlichen Mitteln nicht erreichbar ist und sieht in Gewalt und Schrecken die einzige Möglichkeit, jeden Menschen zu einem nach seiner Ansicht Gläubigen zu gestalten. Seiner Meinung nach ist nur die durch Gewalt erzielte politische Macht in der Lage, ihre Vorstellung von einer besseren Welt umzusetzen.
19 Der religiös-extremistische Terrorismus ist eine Terrorismusform, die meistens von oppositionellen
Minderheiten genutzt wird und durch verschiedene Regierungen, Bevölkerungsgruppen und Staaten diese
Bezeichnung erhalten hat. Die bezeichneten Terroristen lehnen diese Bezeichnung ab und sehen sich eher
als Opfer eines Staatsterrorismus oder einer sozialen und wirtschaftlichen Unterdrückung (s. dazu auch
Hoffman 2001, 44f.).
21
2. Integration und ihre unterschiedliche Wahrnehmung
Für den Begriff der „Integration“ gibt es verschiedene Theorien und Erklärungsansätze. Neben einer allgemeinen Definition werden die einzelnen Begriffsmerkmale der Integration näher erläutert, die für die in den folgenden Kapiteln aufgeführten theoretischen Erklärungsansätze und die empirischen Daten von Bedeutung sind. Nach dem Wörterbuch der Soziologie versteht man unter Integration Folgendes:
„Wiederherstellung eines Ganzen, soziologische Bezeichnung für Prozesse der verhaltens- und
bewusstseinsmäßigen Eingliederung in bzw. Angleichung an Wertstrukturen u. Verhaltensmuster
(a) durch einzelne Personen an bestimmte Gruppen oder Organisationen oder in die für sie
relevanten Bereiche einer Gesellschaft; (b) zwischen verschiedenen Gruppen, Schichten, Klassen,
Rassen einer Gesellschaft; (c) zwischen verschiedenen Gesellschaften zugunsten der
Herausbildung neuer ,höherer’ gemeinsamer kultureller Strukturen u. sozialer Ordnungen
(Hillmann 1994, S. 377f.).“
In der Definition ist die Rede von Eingliederung und Angleichung, die in der Literatur oft auch Integration und Assimilation genannt werden, wobei Integration für Eingliederung steht und Assimilation für Angleichung. Doch inwiefern unterscheiden sich die beiden Begriffe voneinander? Ein wesentlicher Unterschied besteht im gesellschaftlichen Umgang mit den Begriffen. Denn der Begriff der Integration weist eine höhere Wertneutralität auf als der Begriff der Assimilation, da dieser vor allem bei Minderheiten auf Ablehnung stößt. Gerade dieses Dilemma kennzeichnet die Problematik von Integration und Assimilation. Zu oft kommt es zu einer unterschiedlichen Bewertung der Integrationsmaßnahmen, so dass Integrationsangebote und Integrationswünsche durch die Mehrheitsgesellschaft ein Assimilationsempfinden und ein Gefühl des „zwanghaften Entzuges“ der Herkunftskultur bei Minderheiten auslösen. D.h. des einen Integration ist des anderen Assimilation. 20 Diese Begriffs- und Wahrnehmungsproblematik zeigt, dass eine Definition dieser Begriffe wichtig ist, um die Trennung von Integration und Assimilation nachvollziehen zu können. Bei einer Assimilation fordert die Mehrheitsgesellschaft, dass die Minderheit die Normen und Werte der Herkunftskultur aufgibt und stattdessen die Normen und Werte der Mehrheitsgesellschaft annimmt (vgl. Sen/Sauer/Halm 2001, S. 3). Für die deutsche Gesellschaft bedeutet das u. a. die Beherrschung der deutschen Sprache, keine Kopftücher und islamische Gewänder und die Erlaubnis für Töchter, an einer Klassenfahrt und am Schwimmunterricht teilnehmen zu dürfen.
20 Hierzu zählt, dass ein Teil der Mehrheitsgesellschaft Assimilation fordert und nur assimilierte Migranten als
Integrierte wahrnimmt. Nach der Meinung dieser Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft besitzen alle
Verweigerer der Assimilation kein Bleiberecht in der Aufnahmegesellschaft.
22
Integration hingegen kann als eine eher flexible Anpassung der vorhandenen Wertstrukturen und Verhaltensmuster an diejenigen der Mehrheitsgesellschaft verstanden werden. Dabei legt die Mehrheitsgesellschaft fest, welche Elemente zur Integration gehören sollten. In allen Bereichen, die darüber hinausgehen, besteht bei der Integration die Freiheit, sich nach eigenem Ermessen zu entfalten.
Ein vereinfachtes Beispiel für Assimilation wäre ein gebürtiger Muslim, der Alkohol und Schweinefleisch zu sich nimmt, Weihnachten feiert, nur die deutsche Sprache beherrscht und über die deutsche Staatsbürgerschaft verfügt. Ihn würden die meisten Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft als „Einen der Ihren“ bezeichnen und als solchen respektieren. Ein vereinfachtes Beispiel für Integration wäre ein Muslim, der Deutsch spricht, einen Arbeitsplatz und deutsche sowie ausländische Freunde hat, nach seiner Religion lebt, bei Feierlichkeiten Cola statt Bier trinkt und kein Schweinefleisch isst. Er zahlt wie seine Kollegen die gleichen „hohen“ Steuern und unterscheidet sich nur durch die Befolgung einiger Regelungen seiner Religion von der Mehrheitsgesellschaft. Diese sieht im Gegenzug in seinem religiösen Leben kein Problem, solange er keine Ansprüche stellt, seine Religion nur persönlich und nicht öffentlich auszuleben wie durch das Tragen von Kopftüchern und die Verweigerung des Schwimmunterrichts seiner Töchter. Damit bleibt er ein integrationswilliges Mitglied der Mehrheitsgesellschaft und stellt für sie kein Problem dar. Zusammenfassend kann man sagen, dass Assimilation dann vorliegt, wenn der Migrant alle kulturellen Einflüsse der deutschen Mehrheitsgesellschaft annimmt. Jedes gesellschaftliche Verlangen nach Assimilation bleibt aber stets ein „utopisches Unterfangen“, da die Mehrheitsgesellschaft selbst große Unterschiede aufweist, wie z.B. regionale Kulturunterschiede. So kann es beispielsweise in Köln eine „kulturelle Todsünde“ sein, ein Altbier zu bestellen, während es in Düsseldorf mit Wohlgefallen aufgenommen wird. Für die Assimilation des Migranten bedeutet dies, sich mit der Bestellung des Altbiers in Köln unbeliebt zu machen, während er in Düsseldorf zum „Einheimischen“ emporsteigt. Eine erfolgreiche Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft liegt deshalb dann vor, wenn Migranten so viele Normen und Wertvorstellungen der Aufnahmegesellschaft wie möglich anerkennen.
Eine weitere für dieses Thema relevante Betrachtung von Integration unterteilt den Integrationsbegriff in zwei Dimensionen, in soziale Integration und in Systemintegration. Die soziale Integration
„ist ein Zustand der Gesellschaft, in dem alle ihre Teile fest miteinander verbunden sind und eine
nach außen abgegrenzte Ganzheit bilden. Zu ihren Teilen gehören die einzelnen Individuen als
23
Mitglieder der Gesellschaft, die Familien, Stände, Gruppen, Klassen, Schichten, Verbände,
Vereinigungen und Parteien sowie die Teilsysteme, die auf die Erfüllung bestimmter Funktionen
spezialisiert sind, so die Systeme der Wirtschaft, der Politik, des Rechts, der Wissenschaft, der
Medizin, der Massenmedien oder der Religion (Heitmeyer, Backes und Dollase 1997, S. 66).“
Ein Beispiel für soziale Integration ist die Anerkennung eines Muslims zur Umma. Bei der systemischen Integration hat die moderne Gesellschaft das Niveau einer funktionalen Differenzierung erreicht, auf dem ihre Teilsysteme autopoietisch operieren und sich so fortlaufend selbst reproduzieren. Daher setzt sich die Integration der Gesellschaft aus einer Vielzahl von autopoietisch operierenden Teilsystemen zusammen. Daraus folgt eine Parallelität von wechselseitiger Geschlossenheit und Offenheit (vgl. Heitmeyer, Backes und Dollase 1997, S. 87). Beispiele für systemische Integration sind das kommunale Wahlrecht für Ausländer sowie die einfache und schnelle Einbürgerung der Ausländer ohne Einbürgerungstest. Denn viele der ausländischen Migranten besitzen ein niedrigeres Bildungsniveau und nur wenige von ihnen würden einen solch anspruchsvollen Wissenstest, wie etwa den vorgeschlagenen Einbürgerungstest aus Baden-Württemberg bestehen (vgl. Süddeutsche Zeitung Nr. 64: 17.03.2006, S. 10).
Dabei gelten für die beiden Integrationsgruppen folgende Merkmale:
Sozialintegration:
1. Vergemeinschaftungen (lebensweltliche Sozialmilieus)
- soziale Kohäsion von Individuen durch die Beziehungsstruktur und Interaktion von und in
Familien, Lebensgemeinschaften, Nachbarschaften, Vereinen, Freizeitgemeinschaften und Milieus
- Zuordnung nach Alter, Geschlecht usw. zu (un-)gleichen Beziehungskonstellationen und
biographischen Mustern
2. Alltagskultur (Lebensweise/Mentalität/Sprache)
- Herausbildung sinnstiftender und handlungsorientierter Werte, Weltdeutungen,
Mentalitätsformen und Ethiken der alltäglichen Lebensführung in den Prozessen der familiären
Sozialisation, in den Normen der „peer groups“ und in der Organisation der lebens- und
arbeitsweltlichen Erfahrung
- Orientierung sozialer Identitäten durch Formen der sozialen Kontrolle und durch Abgrenzung
gegen andere Milieus, Kulturgruppen, Regionalidentitäten, Ethnien, religiöse Identitäten usw.
- Klientelbindung an intermediäre Akteure wie zum Beispiel Religionsgemeinschaften
Systemintegration:
1. Vergesellschaftungen (ökonomische Positionen)
- Interdependenz und Herrschaft in wirtschaftlichen Erwerbs- und Verteilungssystemen durch
Arbeitsteilung und spezialisierte Ausbildungen, Berufe, Betriebe, Verwaltungen usw.
24
- Zuordnung zu ungleichen sozialen Positionen und Lagen (Interessen und Lebenschancen) in
Erwerbs- und Versorgungsklassen, Berufsgruppen usw.
2. Politische Herrschaft (Kampf/Legitimation/Recht)
- gesamtgesellschaftliche Repräsentation und Regulierung der Einzel- und Gruppenbedürfnisse
durch Konflikte zwischen (unmittelbaren und intermediären) Akteuren der öffentlichen Meinung,
der Interessenverbände, der Religions- und Kulturgemeinschaften usw.
- Herausbildung von Klientelbeziehungen, kulturellen Hegemonien und Integrationsideologien,
unterschieden nach Milieus, größeren Lagern und übergreifenden gesamtgesellschaftlichen
Zusammenhängen
- Herausbildung gesamtgesellschaftlicher Spannungslinien, Koalitionen, Lager und
Herrschaftsverhältnisse (vgl. Heitmeyer, Backes und Dollase 1997, S. 156).
Die Unterteilung von Integration in System- und Sozialintegration dient zum näheren Verständnis des theoretischen Teils dieser Arbeit, vor allem zum Verständnis des Desintegrationsansatzes ist diese Unterteilung wichtig.
Darüber hinaus gilt es, das sozial-psychologische und mikrosoziologische Verständnis von Integration zu berücksichtigen. Hierbei kommt es zu einer „Integrationsdichotomie“, in der sich Systemintegration und soziale Integration vermischen und als Merkmale in beiden Integrationsgruppen in Erscheinung treten. Diese Betrachtung ist für den Erklärungsansatz der relativen und absoluten Desintegration von Bedeutung. Integration besteht demnach aus den folgenden Dimensionen:
1. Wahrnehmung des subjektiven Integrationszustandes
2. Bestimmung des Integrationszustandes durch die Mehrheitsgesellschaft
Bei der Wahrnehmung des subjektiven Integrationszustandes geht es darum, wie das Individuum selbst festlegt, was es für eine Integration in eine Gesellschaft benötigt und inwiefern es diese Kriterien erfüllt. Dabei bestimmt das Individuum, welche subjektiven Kriterien erfüllt sein müssen, damit es sich als integriertes Mitglied der Gesellschaft wahrnimmt. Das Zusammenspiel der Maßnahmen, die es für das Gelingen der Integration verantwortlich macht und welche es für sich erfüllt sieht, entscheidet über seinen vorhandenen Integrationszustand. Die Frage lautet daher stets: Nimmt sich das Individuum als integrierten Teil der Gesellschaft oder nimmt es sich als desintegrierten Teil der Gesellschaft wahr?
Bei dem durch die Mehrheitsgesellschaft bestimmten Integrationszustand werden hingegen die Kriterien der Integration für jedes Individuum durch die Gesellschaft festgelegt. So regelt die Mehrheitsgesellschaft, welche Merkmale für eine Integration erforderlich sind.
25
Abhängig von der Übereinstimmung mit diesen Merkmalen wird der Integrationszustand für jede zu integrierende Person bestimmt. Ist die Übereinstimmung mit den gesetzten Integrationsmerkmalen der Mehrheitsgesellschaft hoch, so wird die zu integrierende Person als integriert wahrgenommen und als Teil der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert. 21 Gerade diese Betrachtung von Integration zeigt die Problematik der heutigen Gesellschaft. Abhängig von der Perspektive können zur Integration verschiedene Aspekte zählen, was dazu führt, dass sich das Individuum integriert oder desintegriert fühlt. Die Integration der Gesellschaft ist zu undurchsichtig, als dass es wirklich einen gemeinsamen Nenner zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheit gibt. Daher sollte Integration so wahrgenommen werden, wie sie sich gesellschaftlich darstellt, aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft und aus Sicht des zu integrierenden Individuums. Nach dieser Sichtweise gibt es keine integrierungsunfähigen Individuen, sondern nur eine differenzierte Wahrnehmung und Definition von Integration. Aus dieser Differenzierung können wiederum gesellschaftliche Konflikte und Probleme entstehen. So kann das angesprochene Konfliktpotenzial Subkulturen, Desintegration und Anomie fördern.
Zur Erläuterung dieses Sachverhalts soll ein vereinfachtes Beispiel dienen: Ein junger Mann wurde in Deutschland geboren, doch seine Eltern sind Ägypter. Er spricht nur Deutsch, feiert Weihnachten wie die meisten Kinder, isst das gleiche wie jedes deutsche Kind und unterscheidet sich nur hinsichtlich des Aussehens von den Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft. Aus den gegebenen Voraussetzungen folgt, dass die meisten Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft ihn als Deutschen wahrnehmen. Egal ob der Kontakt bei den Behörden, den Arbeitskollegen, beim Einkaufen, im Karnevalsverein oder beim Sport stattfindet, bleibt er ein akzeptiertes, toleriertes und integriertes Mitglied der Mehrheitsgesellschaft. Doch nach Jahren als voll integrierter Deutscher macht er persönliche Erfahrungen, die ihm das Gefühl vermitteln, kein Mitglied der Mehrheitsgesellschaft zu sein. Zwar nimmt diese ihn als Deutschen wahr, doch er selber zweifelt durch negative Erfahrungen an seiner Mitgliedschaft zur Mehrheitsgesellschaft. Solche Erfahrungen können z.B. folgende sein: Er wird von einem Skinhead verprügelt und als Ausländer beschimpft. In einigen Discos wird ihm der Eintritt verwehrt. Die Passkontrolle dauert länger als bei seinen deutschen Freunden, da durch sein Aussehen der Verdacht entsteht, ein potentieller Terrorist zu sein.
21 So reagieren Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft verständnislos, wenn eine Person, die in ihren Augen ein
vollintegriertes Mitglied der Mehrheitsgesellschaft ist, sich nicht als eine der Ihren bezeichnet und seine
Ausgeschlossenheit oder Andersartigkeit betont
26
Nach wiederholten Erfahrungen dieser Art folgen ein Identitätsverlust und/oder eine innerliche Zerrissenheit. Gerade junge Menschen wachsen im Spannungsfeld zweier Kulturen auf, in dem ihnen unterschiedliche Integrationsanforderungen auferlegt werden. Die innerliche Zerrissenheit und die damit verbundene Suche nach Identität können den Integrationswillen schwächen und zu einer Neubewertung führen. Die Neubewertung der Integration und die damit verbundene Hingabe zur Herkunftskultur der Migrantenkinder - in manchen Fällen ist die Hingabe bei den Migrantenkinder ausgeprägter als bei ihren Eltern, so dass zum Beispiel die Tochter anfängt, ein Kopftuch zu tragen, während das für die Mutter nie in Frage käme - stößt bei der Mehrheitsgesellschaft auf Unverständnis. Diese labile Situation im Zusammenhang mit Integration macht viele junge Muslime anfälliger für abweichende Einstellungen in Bezug auf Terrorismus, Religiosität und Nationalgefühl (vgl. Schweer und Zdun 2005, S. 20).
Das Beispiel ist nur eine Vereinfachung der subjektiven Erfahrungswelt im Zusammenhang mit Integration, die sich in der Praxis viel komplizierter und komplexer darstellt, aber sich gerade bei der Auseinandersetzung mit dem Themengebiet „Einstellungen zum Terrorismus“ anbietet. Denn Integration ist eine der Hauptursachen für die unterschiedliche Bewertung von Terrorismus. Dabei hat gerade die Identitätskrise, die viele Muslime ausländischer Herkunft durchmachen, oftmals weitgehende Konsequenzen, die nicht immer nur negativ sein müssen. Gerade die Kluft zwischen der „subjektiven Wahrnehmung der Integration“ und dem durch die „Mehrheitsgesellschaft bestimmten Integrationszustand“ schafft eine Problematik, die andere abweichende Entwicklungen folgen lassen können.
27
3. Theoretische Ansätze zur unterschiedlichen Wahrnehmung des
Terrorismus
Im Folgenden wird mit Hilfe einiger theoretischer Ansätze die These der unterschiedlichen Wahrnehmung und Bewertung des Terrorismus bei den muslimischen und nichtmuslimischen Befragten erklärt. Bei diesen Theorien handelt es sich um Folgende: - Konflikttheorie: Konfliktpotenzial der Eigen- und Fremdgruppe, Kulturkonflikt und der ethnische Konflikt
- Theorien des sozial abweichenden Verhaltens: Anomietheorie, Subkulturtheorie und Kontrakulturtheorie
- Desintegrationsansatz: Desintegrationsansatz nach Heitmeyer.
3.1 Konflikttheorie
Durch die hohe Arbeitsmigration und Zuwanderung der letzen 50 Jahre hat sich die Bevölkerung in Deutschland stark verändert. Aus einer ethnisch relativ homogenen Gesellschaft ist eine multikulturelle Gesellschaft geworden und durch die Einflüsse der Zuwanderung ergeben sich positive und negative Effekte für die Gesellschaft. Zum einen konnte die deutsche Bevölkerung z.B. von den Arbeitskräften profitieren, zum anderen brachten die neuen religiösen, sprachlichen und kulturellen Einflüsse viele Probleme mit sich, denen viele Deutsche eher ablehnend gegenüber standen (z.B. bei der Errichtung von Moscheen, bei Ausländern die kein einwandfreies Deutsch sprechen, mehrheitlich von Deutschen bewohnten Stadtteilen, die sich zu mehrheitlich von Ausländern bewohnten Stadtteilen entwickelten usw.).
Aufgrund dieser Durchmischung der Gesellschaft, die nicht nur Positives mit sich bringt, entsteht eine kulturelle Differenz, die wiederum bei extremen Unterschieden zu einem Kulturkonflikt führen kann, der freilich nicht nur negative Folgen hat, denn dieser
„Konflikt dient dazu, die Identität und die Grenzen von Gesellschaften und Gruppen zu schaffen
und zu erhalten. Der Konflikt mit anderen Gruppen trägt zur Schaffung und zur Festigung der
Gruppenidentität bei und erhält die Grenzen gegenüber der sozialen Umwelt (Coser 1972, S.
41).“
Die Annahme einer gleichen gesellschaftlichen Lebenslage begünstigt die Entwicklung und Abgrenzung gemeinsamer Interessen gegenüber denen anderer Gemeinschaften und Organisationen. Diese Interessen müssen keineswegs allen Angehörigen einer sozialen Gemeinschaft bewusst sein. Viele Interessen bleiben latent; ihre Artikulation wird im
28
Interaktionsprozess von anderen Themen überlagert und verdrängt (vgl. Endruweit 1993, S. 99). So besteht beim Zusammentreffen von Kulturen mit unterschiedlichen Verhaltensregeln die Gefahr eines Kulturkonfliktes. Die in der Minderheit befindliche Gruppe stellt fest, dass sie „anders“ ist als die dominierende u.a. in Bezug auf Religion und Kultur, Rasse, Bildung und soziale Anschauungen. Die Kulturkonfliktproblematik beschränkt sich dabei nicht nur auf die Distanz zwischen verschiedenen kulturellen Systemen, Wert- und Normvorstellungen, Einstellungen und Verhaltensweisen, sondern sie entsteht auch durch eine Distanz zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Entwicklungsstadien und Lebensweisen, die sich in Kultur und Religion ausdrücken. So empfinden gläubige Menschen, die besonders konservativ und fromm sind, den Kulturkonflikt als sehr stark (vgl. Stempel 1986, S. 37f.). Diese kulturellen Differenzierungen werden von Generation zu Generation weiter vermittelt. Sie können sich in jeder weiteren Generation verringern oder steigern, was u.a. von der Integration, den Teilnahmechancen an den Machtverhältnissen und den
Entfaltungsmöglichkeiten abhängt. So bewahren z.B. die zweite und dritte Generation zum Teil ihre Vorstellungen über die Geschlechterrollen, Ausübung der Religion und den Erziehungsmethoden bei und geben diese wieder an die nächsten Generation weiter. Der Kulturkonflikt ist aber nur einer von vielen Konflikten, der bei gesellschaftlichen Differenzen entstehen kann. Eine weitere Konfliktform ist der ethnische Konflikt.
„Ethnische Konflikte sind Konflikte zwischen Gruppen, die sich gegenseitig mittels ,ethnischer’
Merkmale abgrenzen. ,Ethnizität’ bedeutet dabei, dass die Mitglieder der betreffenden Gruppe
einen subjektiven Glauben an eine gemeinsame Abstammung teilen .(Heitmeyer und Dollase 1996,
S. 66).“
Das ist relevant, da sich in Deutschland viele Muslime als eigene Ethnie wahrnehmen, die sich nicht aus ihrer Abstammung heraus entwickelte, sondern durch Ausgrenzung und ein subjektives Zugehörigkeitsgefühl zum „einzig richtigen“ Glauben entstanden ist. Die Wahrnehmung des Islams in diesem ethnischen Konflikt teilt die Menschheit in zwei Gruppen: Muslime als Mitglieder der islamischen Glaubensgemeinschaft sind die „Auserwählten Gottes“, alle anderen werden als Fremdgruppe wahrgenommen. Zwar sind Christen und Juden Glaubensbrüder, doch gibt es außer dem Glauben an den gleichen Gott wenige Gemeinsamkeiten. Terroranschläge gegen Nicht-Muslime werden daher seltener abgelehnt als Terroranschläge mit hauptsächlich muslimischen Todesopfern. Dies ist noch eine relativ harmlose Ausprägung des Konflikts, zumal es u.a. in der deutschen Berichterstattung bei Naturkatastrophen, bei denen Deutsche unter den Todesopfern sind, auch immer zu einer besonderen Aufmerksamkeit der Medien und deutschen Gesellschaft
29
kommt, 22 obwohl aus ethischen Gründen jedes Todesopfer eines Unglücks das gleiche Bedauern verdient hätte. Zu einem ernsthafteren Konflikt kommt es erst dann, wenn ein Feindbild entsteht, demzufolge der Terrorismus gegen Nicht-Muslime als gerechter Kampf gegen Ungerechtigkeit empfunden wird, man den Kontakt zu Nicht-Muslimen meidet und versucht, nur in der eigenen Gruppe zu leben. Dabei wird jeder Kontakt zu den Nicht-Muslimen ein gezwungener oder notgedrungener Kontakt, sei er beruflicher oder privater Natur, wie zum Beispiel Einkäufe, Behördengänge, Fußballverein usw. Ein weiterer Konflikt, der durch die kulturelle Differenzierung entstehen kann, zeichnet sich aus durch die Teilhabe an Macht- und Kapitalverhältnissen einer Gesellschaft. Diese Konflikte entwickeln sich zwischen Akteuren, die sich durch institutionell vordefinierte Machtbeziehungen formieren, wie zum Beispiel soziale Gemeinschaften oder Interessenverbände. Die Ursache und die Dynamik dieser Konflikte hängen von den sich ändernden Ressourcen, Organisationsniveaus und Handlungschancen kollektiver Akteure ab. Ein Beispiel für diese differenzierten Teilhabechancen sind die in Deutschland geborenen oder schon seit längerer Zeit hier lebenden Ausländer, die sozial und strukturell benachteiligt sind und aus bestimmten Bereichen ausgeschlossen werden, etwa vom Recht zu wählen. Hinzu kommen die Bevorzugung deutscher Bewerber bei der Vergabe freier Arbeitsplätze und bei Freizeitaktivitäten u. a. der verwehrte Eintritt in Discotheken. Eine weitere Form des Konflikts kommt in einer Kontrakultur 23 zum Ausdruck. Diese Konfliktform ähnelt zwar dem ethnischen Konflikt bzw. Kulturkonflikt, führt diesen aber extremer fort, indem der Eigengruppe nicht nur eine größere Bedeutung beigemessen wird, sondern die Fremdgruppe auch als gegensätzlich wahrgenommen wird. Die Kontrakultur unterscheidet sich nicht nur hinsichtlich der Normen und Werte, sondern empfindet einige dieser Normen und Werte als verwerflich und strebt das Gegenteil an. So können gesellschaftliche Probleme unterschiedlich gewichtet werden und beispielsweise durch Politiker zu „Integrationsproblematiken“ erklärt werden. 24 Beispiele dieser gegensätzlichen Einstellungen zu gesellschaftlichen Themen finden sich viele: Individualismus (freie Entfaltung der eigenen Person) vs. Kollektivismus (die muslimische Gemeinschaft geht vor), sexuelle Entfaltung und Thematisierung von Sexualität vs. Tabuisierung von Sexualität, Freizeitaktivitäten der Mehrheitsgesellschaft vs. Ablehnung der Freizeitaktivitäten der
22 Beispiele zu diesem Sachverhalt gibt es zugenüge. Zum Beispiel der Artikel vom 1/2 April 2006 in der
Süddeutschen Zeitung mit der Überschrift „Beim Untergang eines Ausflugsbootes vor Bahrain sterben
mindestens 57 Menschen, darunter möglicherweise auch Deutsche“ (s. dazu Süddeutsche Zeitung
Wochenendausgabe 1./2.04.2006, S. 12).
23 Die Merkmale der „Kontrakultur“ werden im Kapitel „Der Subkulturansatz“ näher beschrieben.
24 Siehe dazu die Berichterstattung zum Einbürgerungstest, wo genau das thematisiert wird, z.B. der
gewünschte hessische Einbürgerungstest (Süddeutsche Zeitung 17.03.2006, S. 10).
30
Mehrheitsgesellschaft und deswegen Nutzung eigener Freizeitaktivitäten, gemeinsamer Schwimmunterricht vs. Schwimmunterricht getrennt nach Geschlechtern usw. Die genannten Konflikttypen können eine unterschiedliche Bewertung des islamextremistischen Terrorismus bei der muslimischen Wohnbevölkerung hervorrufen. Dabei verursacht die Wahrnehmung von Eigen- und Fremdgruppe in der Konflikttheorie eine unterschiedliche Bewertung von Normen und Werten. Das betrifft auch die Einstellungen zum Terrorismus. Darüber hinaus sieht ein Teil der muslimischen Wohnbevölkerung Parallelen zwischen seiner sozialen Ungleichheit und der der anderen muslimischen Völker. Die Mehrheitsgesellschaft ist der soziale Unterdrücker mit Fremdgruppencharakter und die islamischen Extremisten Vertreter der Eigengruppe, die in verschiedenen Teilen der Welt versuchen, die wahrgenommene Ungleichbehandlung durch die verschiedenen Fremdgruppen zu verringern. Dadurch kann es zu einer unterschiedlichen Bewertung terroristischer Gruppen kommen, wobei vor allem die Ziele dieser Gruppen eine Rolle spielen. Nehmen Muslime bestimmte Konflikte negativ wahr und empfinden sie Gefühle gegenüber Nicht-Muslimen, die auf einem Feindbild beruhen, werden Organisationen und Gruppierungen, die Terroranschläge gegen Nicht-Muslime durchführen, weniger negativ bewertet. Hierfür müssen Terroranschläge und islam-extremistische Organisationen und Gruppierungen nicht unbedingt positiv beurteilt werden, vielmehr kann dies bereits bei einer neutralen bzw. bei einer mehr oder weniger ablehnenden Einstellung gegenüber der nicht-muslimischen Wohnbevölkerung geschehen. Im Extremfall, d.h. bei der Wahrnehmung eines Konfliktes, wird das Feindbild verstärkt und der Muslim meidet jeden Kontakt zu Nicht-Muslimen. Er hält sich nur in seiner Eigengruppe auf und bewertet Terroranschläge gegen die Fremdgruppe positiver als die Muslime, die dieses Feindbild nicht haben.
3.2 Anomietheorie
Das Konzept der Anomie, wie es ursprünglich von Durkheim entwickelt wurde, bezieht sich auf einen Zustand relativer Normlosigkeit in einer Gesellschaft oder in einer Gruppe. Anomie meint dabei den geistigen Zustand eines Menschen, der moralisch entwurzelt ist. Als Anomie wird zudem der Zusammenbruch der kulturellen Struktur bezeichnet, der besonders dort erfolgt, wo eine scharfe Diskrepanz besteht zwischen kulturellen Normen und Zielen einerseits und den sozial strukturierten Möglichkeiten, in Übereinstimmung hiermit zu handeln, anderseits. Die Sozialstruktur gerät in Spannung zu den kulturellen Werten, da sie wert- und normadäquates Handeln den Inhabern bestimmter Positionen in der Gesellschaft
31
ohne Weiteres ermöglicht, anderen dagegen erschwert oder gar unmöglich macht (vgl. Sack und König 1979, S. 291f.). Doch was bedeutet das für die unterschiedliche Bewertung des Terrorismus?
Es gibt keine Gesellschaft, in der das Individuum auf den verschiedenen Stufen der sozialen Hierarchie in gleicher Weise zufrieden gestellt werden kann. Der Mensch braucht trotz aller Freude am Handeln, an der Bewegung und an der Anstrengung auch das Gefühl, dass seine Bemühungen nicht vergeblich sind und dass er weiterkommt. Man kommt aber nicht weiter, wenn man ohne jedes Ziel marschiert oder, was auf dasselbe hinausläuft, wenn das Ziel, das man zu erreichen sucht, mit den gegebenen Mitteln unerreichbar ist. Ein unerreichbares Ziel zu verfolgen bedeutet eine nicht endende Unzufriedenheit (vgl. Durkheim 1973, S. 280f.). Dieser Zustand beschreibt die Lage eines Großteils der Muslime in der Bundesrepublik, die ihrem Ursprung nach Ausländer oder Deutsche mit ursprünglich ausländischer Herkunft sind.
Die deutsche Gesellschaft ist eine leistungsorientierte Gesellschaft, in der nicht nur Fleiß und Ehrgeiz zählen, sondern vor allem die Voraussetzungen, die das Individuum mit sich bringt. Die Defizite, die es durch sein Elternhaus, sein soziales Umfeld, geringere Fördermöglichkeiten, sprachliche Defizite, 25 schlechtere Bildungsvoraussetzungen usw. hat, können hemmend wirken und daher die Chancen auf das Erreichen von Zielen wie z.B. einem guten Beruf, einem hohen Einkommen, Akzeptanz der Mehrheitsgesellschaft usw. mindern und in manchen Fällen unmöglich machen.
Als Ursache für das Verfehlen der hochgesteckten Ziele werden diverse Gründe vorgeschoben, die eine Art „Selbstlüge“ darstellen. So sind ihrer Auffassung nach nicht die eigenen Voraussetzungen schuld, sondern die Stigmata (Muslim, Ausländer usw.), die ihnen das Erreichen der Ziele nicht ermöglichen. Daraus entsteht für diese Personen ein Zustand instabiler Verhältnisse, die sich wiederum auf die Normgeltung auswirken, so dass der Zustand der Anomie eintritt, d.h. eine allgemeine Schwächung des Kollektivbewusstseins und allgemein geltender moralischer Überzeugungen und Handlungsmaximen (Lamnek 1996, S. 112). Aus der Schwächung des Kollektiv-bewusstseins entstehen eine zusätzliche Unzufriedenheit und Frustration.
Durch die beschriebene Frustration im anomie-theoretischen Ansatz kann es zu einer differenzierten Haltung zu verschiedenen Themen in der Mehrheitsgesellschaft kommen. Die
25 Sprachliche Defizite fallen im geringsten Maße so aus, dass der Muslim einen schwächeren Wortschatz hat
und das Schreiben in der deutschen Sprache defizitär ausfällt und im höchsten Maße sich so niederschlägt,
dass er nicht in der Lage ist, einen Satz grammatikalisch richtig auszusprechen. Dazwischen gibt es viele
verschiedene Abstufungen, die aber alle als Defizit bezeichnet werden können.
32
Einstellung zum Terrorismus ist differenziert, da durch den Anomiezustand eine Hin- und Hergerissenheit entsteht, die mehrheitsgesellschaftlich abweichende Einstellungen fördert. Dazu entwickelt sich aus der eigenen frustrierten Situation ein Verständnis für Minderheiten, mit denen man sich subjektiv verbunden fühlt. Die Gewalt solcher Terrorgruppen empfinden Muslime, die vom Anomiezustand stark betroffen sind, als Ausweg, ihr Recht durchzusetzen. Gerade bei den neuen Migrantengenerationen, die zum Teil über den deutschen Pass verfügen, besteht ein hohes Risiko, von Anomie betroffen zu sein. So möchten sie wie alle in der heutigen Leistungsgesellschaft hohe Ziele erreichen, verfügen aber nicht über die erforderlichen Mittel, um diese Absicht umzusetzen. Außerdem möchte die junge Generation der Muslime das Beste von zwei sehr unterschiedlichen Kulturen, was fast unmöglich ist. Dieses Phänomen sollen die zwei folgenden Anomietypen verdeutlichen:
Anomietyp 1: Strukturelle Frustration
Der ersten Ausländergeneration war es vor allem wichtig, Geld zu verdienen, egal um welche Arbeitsbranche es sich handelte. Viele Ausländer der 1. Generation arbeiteten in Berufen, in denen Deutsche nicht arbeiten wollten oder für die nur geringe Berufsqualifikationen erforderlich waren (z.B. Reinigungskräfte, Hilfsarbeiter in Fabriken usw.). Die nächsten Ausländergenerationen haben sich hinsichtlich ihrer beruflichen Vorstellungen der deutschen Gesellschaft angepasst und möchten sich beruflich verbessern. D.h. die neuen Migrantengenerationen wollen wie die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft eine Ausbildung erhalten oder studieren, um sich beruflich zu verbessern (siehe dazu auch Grimm und Venema 2002). Für einige gehen diese Berufswünsche in Erfüllung, doch für Viele bleibt ein Ausbildungsplatz oder eine bessere berufliche Stellung ein unerreichbares Ziel, da die neuen Migrantengenerationen in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und großer Konkurrenz chancenlos bleiben. Dadurch entsteht eine Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität, die zu hoher Unzufriedenheit führen kann.
Anomietyp 2: Kulturelle Frustration
Den zweiten Anomietyp könnte man als „inneren Kampf“ bezeichnen. Dadurch, dass viele Muslime durch zwei unterschiedliche Kulturen geprägt sind, wissen sie nicht so recht, wo sie hingehören. Daher versucht jeder für sich selbst, „Kulturprioritäten“ festzulegen und verschiedene Inhalte beider Kulturen zu mischen. So wird einerseits auf Individualität,
33
Freiheit, Selbstbestimmung und Leistungsorientierung Wert gelegt, anderseits aber auch auf die Werte der Herkunftskultur, in der vor allem die Gemeinschaft, der Glaube und die islamische Erziehung eine Rolle spielen. Das folgende Beispiel soll dazu dienen, dieses Phänomen zu veranschaulichen:
„Aduab“ ist ein Muslim, dessen Eltern ihm marokkanische Werte und Normen vermittelt haben und der durch Institutionen und den Kontakt mit der deutschen Gesellschaft westliche Werte und Normen kennen gelernt hat. Nun trifft sich „Aduab“ mit seinen anderen muslimischen Freunden und sie sprechen über das Thema „die richtige Frau fürs Leben“. Dabei spiegelt sich seine und die „Hin- und Hergerissenheit“ seiner Freunde wider. Denn „Aduab“ und seine Freunde wünschen sich eine selbständige, berufstätige und gebildete Frau, die islamische Sitten und Regeln pflegt, über wenig Erfahrungen mit Männern verfügt und dem Mann ausreichend Freiheit lässt. Auf deutsche Frauen treffen diese Vorraussetzungen ihrer Ansicht nach eher selten zu, zudem ist der kulturelle Unterschied sehr groß. So haben sie keine Lust, sich wegen ihrer Religion ständig zu verteidigen oder Ärger mit der eigenen Familie zu haben, wenn sie eine Nicht-Muslime zur Frau nehmen. Die muslimischen Frauen in Deutschland entsprechen aber meistens auch nicht ihren Vorstellungen. Denn diese wünschen sich mehr Gleichberechtigung und wollen einen Mann, der ihnen mehr bietet als ihre Väter ihren Müttern. Hinzu kommt, dass viele muslimische Frauen die gleichen Probleme wie muslimische Männer haben und einen Misch-Typ beider Gesellschaften nach ihren Vorstellungen bevorzugen, die aber ein muslimischer Mann in Deutschland selten erfüllen kann. Also denken „Aduab“ und seine Freunde, dass sie in dieser Gesellschaft nicht das finden, was sie suchen. Das führt dazu, dass sie Überlegungen hegen, sich im Herkunftsland ihrer Eltern nach einer geeigneten Frau umzuschauen. Doch dort treffen sie auf andere Probleme. Denn im Herkunftsland ihrer Eltern sind die Frauen zwar unerfahren und verfügen über eine religiöse Erziehung, bringen jedoch wenig Selbstständigkeit und Individualität mit sich. Sie sprechen nicht die deutsche Sprache und ihre geringe Selbständigkeit erfordert vom Mann, sich um alle Angelegenheiten der Frau zu kümmern: vom Arztbesuch bis zum Einkaufen des nötigen Bedarfs einer Frau. 26 Die muslimischen Frauen aus dem Herkunftsland führen selten ein „eigenes Leben“, denn sie leben bis zur Heirat bei ihren Eltern, die sich um Finanzen und sämtliche Pflichten kümmern. 27 Das Ende der Geschichte ist, dass „Aduab“ und seine Freunde Abstriche machen müssen. Denn egal, wie sie sich auch entscheiden, sie werden später unzufrieden sein, weil die erwünschte Mischung beider Seiten kaum zu finden ist.
26 Pflegemittel, Tampons, usw.
27 Das Gleiche gilt dort teilweise auch für die Männer.
34
Durch die Nichterfüllung der zumeist hochgesteckten Wünsche und Ziele, die in beiden Anomietypen verdeutlicht wurden, entsteht Frustration. Dabei gibt es zwei Frustrationstypen, zum einen die kulturelle Frustration (Anomietyp 2: entstanden aus den Problemen bei der Suche nach einem Lebenspartner, bei der Erziehung sowie der Integration in die Gesellschaft und des Sozialverhaltens), zum anderen die strukturelle Frustration (Anomietyp 1: entstanden aus den Problemen in der Berufswelt, der politischen und gesellschaftlichen Teilnahmemöglichkeiten). Die kulturelle Frustration führt meistens zu der Entscheidung, die Priorität auf eine Kultur zu legen und getroffene Entscheidungen zu bereuen. Bei der strukturellen Frustration werden schlechte Erfahrungen mit der Mehrheitsgesellschaft pauschalisiert und für die prekäre Situation verantwortlich gemacht und persönliche Gründe ausgeschlossen. 28
Diese Frustration lässt in einigen Fällen ein so genanntes „Sündenbocksyndrom“ entstehen. So schiebt man alle Unzufriedenheiten auf das Stigma des Fremdländischen. Damit nimmt das Stigma eine erklärende Funktion für alle Unzufriedenheiten und Frustrationen ein. In gesteigertem Maße führt diese Frustration zu einer Normlosigkeit gegenüber der Mehrheitsgesellschaft, einer sozialen Abspaltung durch das Befolgen anderer Normen und Werte und im extremsten Fall zu einem Feindbild. Nimmt das Stigma einmal diese Rolle ein, hat das vor allem Konsequenzen für die Bewertung des islam-extremistischen Terrorismus. So lehnen die Betroffenen der muslimischen Bevölkerung diese Terrorismusform in geringerem Maße ab. Außerdem kann es dazu führen, dass Organisationen, die solche Einstellungen fördern, zu einem „Zufluchtsort“ werden, der diesen Muslimen Stärke vermittelt und ihre Defizite durch Stolz und Zugehörigkeit zu einer starken Gemeinschaft ersetzt. Gerade in einer islamischen Gemeinschaft können sie ihr Selbstwertgefühl aufwerten und sind durch das Ausleben ihrer Religion und die moralische Unterstützung von Organisationen, die versuchen, gegen die empfundene Unterdrückung in einer „kriegerischen Atmosphäre“ Änderungen zu bewirken, Teil von etwas Großem. Ein weiterer relevanter Aspekt, der Anomie fördern kann, ist die nicht erreichbare Gleichstellung zur Mehrheitsgesellschaft. Das geschieht einerseits durch eigene Abschottung und eigene Vorurteile gegenüber der deutschen Bevölkerung wie beispielsweise Unfreundlichkeit, Rassismus, geringe Toleranz von kulturfremden Normen und Werten usw. und andererseits dem Verhalten einiger Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft, die egal welche
28 Hierzu zählen ethnische Zuordnungen wie Muslim und Ausländer gegenüber realen Gründen, wie geringere
Schulbildung, sprachliche Defizite, kleines soziales Netzwerk, das es unmöglich macht durch Beziehungen
hohe Berufsfelder zu erreichen, Beziehungsvorstellungen von gegensätzlichen Kulturen, Vermischung von
gegensätzlichen sozialen Eigenschaften verschiedener Kulturen usw.
35
Integrationsmaßnahme die Muslime auch verwirklichen, sie immer als Fremde kategorisieren. So beschreibt ein Türke in einem Interview seinen Zustand wie folgt:
„Ich kann essen wie ein Deutscher, gehen wie ein Deutscher und bleibe für Deutsche trotzdem ein
Türke.“ 29
Dies kann zu Frustration und dauerhafter Unzufriedenheit führen, aus der wiederum ein Anomiezustand entsteht, der zu abweichenden Normen und Werten führt. Es kann dadurch zu einem Abdriften in die Kriminalität kommen, aber es besteht auch die Möglichkeit, dass dieser Zustand extremistische Einstellungen fördert (vgl. Lamnek 1996, S. 106f.). Dieser Einblick in die kulturelle und strukturelle Frustration soll verdeutlichen, dass solche Anomiezustände verschiedene Folgen haben können. Die einen Muslime entwickeln daraus eine „Jetzt erst recht“-Mentalität und verfügen über einen unbegrenzten Ehrgeiz und Integrationswillen, der zur Verleugnung ihrer Herkunft führen kann. Die anderen, vor allem die psychosozial Schwächeren, entwickeln abweichende Verhaltensweisen. So entstehen auch im Hinblick auf die Bewertung des Terrorismus in der Gesellschaft unterschiedliche Typen: vom islamischen Extremisten bis hin zum Muslim, der den islam-extremistischen Terrorismus genauso negativ bewertet wie ein Nicht-Muslim. Dabei spielt offensichtlich nicht die Glaubensintensität die entscheidende Rolle, sondern vor allem der Umgang mit der eigenen Lebenssituation.
3.3 Der Subkulturansatz
Nach der Definition von Lamnek versteht man unter dem Subkulturansatz Folgendes:
„Der Subkulturansatz geht davon aus, dass in größeren komplexen sozialen Gebilden Normen,
Werte und Symbole nicht für alle Elemente dieses sozialen Systems (konkret: alle
Gesellschaftsmitglieder) gleich gelten oder gleiche Bedeutung haben. Vielmehr sind große soziale
Konfigurationen in sich strukturiert durch verschiedene Subsysteme, die sich untereinander nicht
zuletzt auch dadurch unterscheiden können, dass in ihnen unterschiedliche, differenzierte,
nuancierte Werte und Normen gelten können. Diese Werte und Normen können selbst mehr oder
weniger mit den Normen des übergeordneten Ganzen übereinstimmen, sich aber auch relativ stark
von diesen abheben. Es gibt aber immer auch einige Basiswerte und -normen, die von der
dominanten und übergeordneten Kultur übernommen werden, was die Zugehörigkeit zum
Gesamtsystem ausmacht. Subkulturen übernehmen also einige Normen der dominanten Kultur,
unterscheiden sich jedoch in anderen Werten und Normen von dieser (Lamnek 1996, S. 143).“
Die Subkultur, die im vorliegenden Zusammenhang von Interesse ist, nennt sich die „Subkultur der Muslime“. Sie entstand aus der städtischen Subkultur der Migranten und hat
29 Interview mit einem türkischen Jugendlichen aus dem Artikel „Ein Blatt im Strom“, in: Spiegel, 11/93.
36
als Identitätsersatz die politische Identifikation und ein Verständnis des Islams als rigides Ordnungssystem mitgebracht (vgl. Bayaz, Damolin und Ernst 1984, S. 70). Die „Subkultur der Muslime“ besteht aus Migranten und eingebürgerten Deutschen, die selbst aus Ländern mit einem hohen Anteil an Muslimen (z.B. Türkei, Marokko, Iran usw.) zuwanderten oder Eltern aus diesen Ländern haben. Bei ihnen entwickelte sich eine neue Identität, die einen Normen- und Wertewandel in Richtung ihrer Herkunftsreligion entstehen lässt. Dadurch vergrößert sich der Einfluss religiöser, zuweilen auch religiös-extremistischer Elemente. Die Entscheidung der Migranten oder Ex-Migranten, in den westeuropäischen Gesellschaften zu verbleiben und die Verweigerung der Mehrheitsgesellschaft, den muslimischen Migranten oder muslimischen Ex-Migranten ein gleichberechtigtes Identitätsangebot anzubieten, schafft eine eigene Identität. Damit werden zunehmend Prozesse in Gang gesetzt, in denen die ethnisch-territoriale Zugehörigkeit „Türke“ ersetzt wird durch die religiös-kosmopolitische „Muslime“ (vgl. Heitmeyer und Dollase 1996, S. 38). Durch die vielen verschiedenen Kulturen der Subkultur „Migranten“ und der unterschiedlichen Behandlung dieser großen Gruppe entwickelte sich in den vergangenen Jahren immer mehr die „Subkultur der Muslime“. Denn viele Muslime der „Subkultur Migranten“ empfinden ihre Situation in Deutschland als besonders schlecht. So nehmen sich Muslime als Menschen zweiter Klasse wahr. 30 Bestätigung dafür finden sie in ihrer Subkultur und dem besonderen Gespür, die Probleme ihrer Gruppe in eine diskriminierende Richtung zu lenken. Einige dieser Probleme bestehen nur aus Sicht ihres sozialen Umfeldes und werden von der Mehrheitsgesellschaft entweder nicht wahrgenommen oder als Anpassungsproblem definiert. Beispiele dafür gibt es genug: Schwierigkeiten mit der Ausländerbehörde, mit der deutschen Kultur, bei der Wohnungssuche, mit dem Vermieter usw. Zusammen mit der ähnlich wahrnehmenden Erfahrungswelt anderer Muslime entsteht eine Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft, die auf Gegenseitigkeit beruht. Einerseits spielt die zum Teil „ausländerdesintegrative“ Politik und Medienberichterstattung sowie eine ablehnende Grundeinstellung gegenüber Muslimen von Seiten der Mehrheitsgesellschaft eine Rolle, andererseits grenzt sich die „Subkultur der Muslime“ selbst aus und zwar durch die wahrgenommene Ausgrenzung und die Verweigerung, sich in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren. Diese Ausgrenzung wird gesucht, um sich „in den Augen vieler dieser Subkultur“ nicht an eine „moralisch verkommene“ Gesellschaft anzupassen. Die Verweigerung findet nicht überall in gleichem Maße statt, sondern ist zumeist eine „Kosten-Nutzenanpassung“ an die Mehrheitsgesellschaft. Anpassungen, in denen die Mitglieder der Subkultur Vorteile
30 Vgl. dazu die späteren empirischen Werte zu der Aussage „Als Muslim ist man in Deutschland ein Mensch
zweiter Klasse“, siehe Anhang S. 216.
37
sehen, werden genutzt, andere Anpassungen stoßen dagegen auf große Ablehnung. Dadurch entstehen unterschiedliche Werte und Normen (Anpassungen wie z.B. Annahme von staatlichen Hilfen, Konsum, Bildung, Freiheitsrechte, usw. - Nicht-Anpassungen wie z.B. Religion, Gemeinschaftsgefüge, Familienhierarchie und Familienzusammenhalt usw.). Die „Subkultur der Muslime“ besitzt viele Merkmale einer ethnischen Gruppe, die aber mehrere unterschiedliche Nationen und Kulturen verbindet. Nach einer Definition Heitmeyers beruhen ethnische Gruppen
„stets auf einer besonderen Grenzziehung: der Heraushebung von Unterschieden zu anderen
Gruppen und der Betonung der Einmaligkeit und Eigenwertigkeit der eigenen Gruppe. Anders
sind stabile Zuschreibungen und soziale Identitäten nicht möglich. Dabei können prinzipiell
beliebige äußere Merkmale als abgrenzendes Kriterium in Betracht kommen: [Kopftuch, Bart
nach Vorbild des Propheten, Religionszugehörigkeit usw.] (Heitmeyer und Dollase 1996, S. 67).“
Die „Subkultur der Muslime“ ist keine einheitliche Subkultur, sondern kommt in verschiedenen Formen vor. Diese unterscheiden sich vor allem in ihrer Beziehung zur Mehrheitsgesellschaft. In ihrer schwächsten Ausprägung unterscheidet sich diese Subkultur von den Normen und Werten der Mehrheitsgesellschaft nicht wesentlich und wird auch kaum von ihr ausgegrenzt (z.B. Muslime mit hoher beruflicher Stellung wie Ärzte). In ihrer extremsten Form hat sie Anzeichen einer Kontrakultur, und es wird schwierig zu entscheiden, ob sie überhaupt noch eine Subkultur ist (z.B. Mitglieder von islam-extremistischen Vereinen wie Kalifenstaat). In diesem Fall ist der Grad der Abweichung von den Normen und Werten der Mehrheitsgesellschaft sehr hoch, und es findet eine gegenseitige Ausgrenzung statt. So besteht z.B. bei extrem religiösen Muslimen eine stärkere Abgrenzung als bei moderat religiösen Muslimen. Daher kann zur „Subkultur der Muslime“ folgender Sachverhalt festgestellt werden:
Die „Subkultur Muslime“ umfasst nicht die Gesamtheit der Bevölkerung muslimischer Herkunft. Es gibt verschiedene Subkulturen, die sich je eine eigene (und gemischte) politische, gesellschaftliche und kulturelle Identität schaffen. Dabei kann dem Islam auch ein minderer oder folkloristischer Platz zugewiesen werden oder er kann ganz ignoriert werden. Wie jede Identitätsbehauptung funktioniert auch der Islam als Abgrenzungssystem und konkurriert mit anderen möglichen Konfigurationen. Er hat jedenfalls nichts Monolithisches: Es gibt scharfe Konflikte auch innerhalb islamischer Gruppen und Vereine; seine Führer, Iwans, Mullahs, Laien haben ganz verschiedene Vorstellungen davon, wie die heterogene Bevölkerungsgruppe muslimischer Herkunft zu einer Gemeinschaft zu fügen sei (vgl. Heitmeyer und Dollase 1996, S.202). Doch was macht diese Subkultur aus und was reizt ihre Mitglieder sie der Mehrheitsgesellschaft vorzuziehen?
38
In der „Subkultur der Muslime“ erreichen sie Annerkennung und Selbstvertrauen. So stellt der Anschluss an diese Subkultur für einige Muslime einerseits eine Neutralisationstechnik dar, die Komplexe, Wahrnehmung sozialer Ungleichheit und Versagenssituationen kompensiert. Andererseits rechtfertigt sie Feindseligkeit und Aggression gegen jene, deretwegen die Selbstachtung ihrer Mitglieder leidet (vgl. Lamnek 1996, S. 157f.). In der Subkultur erhalten ihre Mitglieder die Selbstbestätigung, etwas Wert zu sein, und sie fühlen sich auch nur unter diesen Mitgliedern wohl. In der sozialen Umgebung der Subkultur zählen ihre Werte und Normen und dadurch fällt ihnen die Erreichung von Respekt und Akzeptanz leichter als in der Mehrheitsgesellschaft. Nach Cohen streben alle
„danach, als vollgültige Angehörige einer Gruppe anerkannt und respektiert zu werden, z.B. [als
Muslim, Türke], Vereinsmitglied usw. Für jede solche Rolle gibt es bestimmte Verhaltensweisen
und Überzeugungen, die ebenso überzeugend und wirksam, wie Uniformen, Abzeichen und
Mitgliedsausweise als Merkmale der Zugehörigkeit dienen. In dem Maße, in dem wir uns nach
derartigen Zugehörigkeiten sehnen, neigen wir dazu, diese Merkmale zu übernehmen und sie in
unser Verhalten und unseren Bezugsrahmen einzubeziehen. Viele unserer religiösen
Glaubenssätze, ästhetischen Maßstäbe, Sprachnormen, politischen Doktrinen, Geschmacks- und
Anstandsregeln entspringen dieser Motivation (Cohen 1961, S. 41).“
Daraus entsteht eine lose Gemeinschaft, die nicht unbedingt viele Gemeinsamkeiten haben muss, sich aber mit den Gemeinsamkeiten, die vorhanden sind, identifiziert. Zu diesen Gemeinsamkeiten zählt, dass sie den islamischen Glauben haben, jeder für sich schon einige Diskriminierungen erlebt hat und Schwierigkeiten vorhanden sind, sich in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren. 31
In der „Subkultur der Muslime“ erreichen die Mitglieder durch die sich immer von neuem erweisende Nützlichkeit der gruppenhaften Lösung von Anpassungsproblemen ein gewisses Maß an Gruppensolidarität, so dass der Gruppenzusammenhalt vorhanden bleibt. Nur in der wechselseitigen Beziehung mit denen, die seine Wertmaßstäbe teilen, erfährt der betroffene Muslim die Bestätigung der sozialen Gültigkeit seiner Überzeugungen und eine gesellschaftliche Anerkennung seiner Lebensweise (vgl. Cohen 1961, S. 49f.). Nach Heitmeyer und Dollase wähnen sich viele ausländische Jugendliche aufgrund vielfältiger negativer Erfahrungen (z.B. kein Eintritt in Diskotheken, geringe Arbeitsmarktchancen usw.) häufig in einer sozial randständigen Position (vgl. Heitmeyer und Dollase 1996, S.343). Die ethnische Fremdzuschreibung wird so unter Umständen zum Auslöser für die Bildung einer ethnischen Identität. Als Reaktion auf Ausgrenzungen kann eine Distanzierung von der Mehrheitsgesellschaft und die Etablierung ethnischer Normen und Verhaltensstandards erfolgen. Der Teil der jüngeren Generation, der in der Moschee mit der Gemeinschaft betet
31 Wobei sich die Stärke der Probleme bei jeder Person unterscheidet.
39
und an religiösen Zeremonien teilnimmt, wird sich einer breiten Gemeinschaft zugehörig fühlen. Aber nicht nur für die Jugendlichen wird die islamische Gemeinschaft zu einer großen Familie, sondern für alle, die sich nach Zugehörigkeit und Akzeptanz sehnen. Gerade dieses Zugehörigkeitsgefühl, die gesellschaftliche Verachtung von Zugehörigen zu dieser Subkultur, 32 die neue Arbeitsmoral und gut organisierte Hilfeleistungen sowie die Unterstützung bei der Lösung sozialer Konflikte unter der Leitung von Vorständen in der Moschee machen die Subkultur für sie so anziehend.
Einige Muslime fühlen sich einerseits der Mehrheitsgesellschaft gegenüber minderwertig und andererseits von ihr ausgeschlossen. In der „Subkultur der Muslime“ können sie dieses Gefühl mindern und durch Rückhalt der islamischen Gemeinschaft sicherer und selbstbewusster werden. Gerade dadurch findet ein erbitterter ideologischer Kampf statt, der auch Folgen hat für das Verhältnis zwischen denjenigen, die Muslime sind, und denjenigen, die keine sind. Die Nicht-Muslime, so behaupten viele, wollen nicht, dass der Islam an Stärke gewinnt und sehen die Angst vor dem Islam als eine Bestätigung ihres Denkens. Im verlorenen Kampf um die Gleichberechtigung in der Mehrheitsgesellschaft wird versucht, durch Abwehrmechanismen in anderen Bereichen wie Religion zu glänzen. Deshalb führt es auch nicht zu Minderwertigkeitsgefühlen, wenn der gleichberechtigte Status in anderen Bereichen nicht vorhanden ist. Schließlich sei es nicht wichtig, dass Muslime beruflich, politisch und gesellschaftlich nicht die gleichen Teilnahmechancen besitzen. Wichtig sei vielmehr, sich als Muslime zu vervollkommnen. Diese Vervollkommnung gibt die Möglichkeit, in der Gesellschaft die Identität, die vom Alltagsleben aufgezwungen wird, zu ändern. Nur die feste Identität mit der „Subkultur der Muslime“ kann der Ausgrenzung standhalten (vgl. Heitmeyer und Dollase 1996, S. 459). Wie schon im theoretischen Teil der Kulturkonflikttheorie angedeutet, kann bei zunehmender Empfindung von Andersartigkeit und Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft eine Gegenreaktion entstehen. In einem solchen Zustand wird nicht mehr versucht, der Mehrheitsgesellschaft anzugehören. Mit der Mehrheitsgesellschaft verbinden sich in diesem Zusammenhang nur negative Assoziationen und sie wird für das eigene Scheitern oder für die eigene desolate Situation verantwortlich gemacht. Das führt dazu, dass sich aus den Abwehrmechanismen eine Gegenreaktion entwickelt, die aus der Subkultur eine Kontrakultur entstehen lässt. Die Mitglieder dieser Kontrakultur schaffen eine Neutralisationstechnik, die ein gesteigertes Feindbild projiziert, das der Mehrheitsgesellschaft ablehnend gegenübersteht und versucht, den Kontakt zu ihr auf ein Minimum zu reduzieren,
32 Durch das mediale Bild und persönlichen Erfahrungen als Muslim extrem eingestuft zu werden, geben sich
viele der „Stigmaempfundenen“ diesem Eindruck hin und versuchen, dieses Bild auch zu erfüllen.
40
Arbeit zitieren:
Sascha Hodjati, 2006, Die Einstellung der muslimischen und der nicht-muslimischen Wohnbevölkerung in Deutschland zum Terrorismus, München, GRIN Verlag GmbH
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