,,Ich lass´ mir meinen Kopf nicht nehmen..."
Eine erweiterte Sicht der ambulanten Jugendhilfe
auf männliche Jugendliche
unter besonderer Berücksichtigung struktureller Störungen
Master-Thesis
vorgelegt von
Oliver Hülsermann
Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Fachbereich Aufbau- und Kontaktstudium
Studiengang Psychosoziale Beratung
Abgabe der Arbeit: 04.05.2009
1
Abstract
In seiner Master-Thesis geht Oliver Hülsermann der Frage nach, wie der Umgang
mit strukturell gestörten 14-18-jährigen männlichen Jugendlichen im Rahmen
ambulanter sozialpädagogischer Jugendhilfemaßnahmen nach dem SGB VIII
gelingen kann. Dazu wird ein Handlungskonzept vorgelegt, dem u. a. neben dem
Stand der aktuellen Forschung hinsichtlich männlicher Adoleszenz auch die Ansätze
der strukturbezogenen Psychotherapie und die operationalisierte psychodynamische
Diagnostik im Kindes- und Jugendalter (OPD-KJ) zugrunde liegen. Das Konzept
enthält eine auf diese Grundlage gestützte sozialpädagogische Diagnostik, diverse
Handlungshilfen für die Unterstützung strukturell gestörter männlicher Jugendlicher
im Rahmen der ambulanten Jugendhilfe und eine umfangreiche Auflistung zentraler
Qualifikationen des professionellen Helfers. Mit dem Handlungskonzept wird das
Ziel verfolgt, den Rahmen der Handlungsmöglichkeiten einer ambulanten
sozialpädagogischen Jugendhilfemaßnahme hinsichtlich strukturell gestörter
männlicher Jugendlicher auszubauen. Die ambulante Hilfe soll so bedarfgerechter
ausgestaltet und in ihrer Vorgehens- und Sichtweise erweitert werden.
Der Herleitung und Entwicklung des Handlungskonzepts geht die rechtliche
Verortung ambulanter sozialpädagogischer Hilfen, eine Darstellung allgemeiner und
typisch männlicher Wesensmerkmale der Adoleszenz sowie die Vorstellung der
Definition, der Diagnostik und der Behandlung struktureller Störungen voraus.
Die Master-Thesis führt den Terminus der ambulanten sozialpädagogischen
Jugendhilfe als Sammelbegriff für verschiedene nicht (teil-)stationäre Hilfen ein und
definiert ihn vor dem Hintergrund des SGB VIII. Dabei wird auch ein Blick auf den
Beratungsprozess und die Hilfeplanung im Jugendamt geworfen. Daran anschließend
erfolgt die nähere Betrachtung der Menschen, die als Zielgruppe für eine ambulante
Jugendhilfemaßnahme in Frage kommen: Die Gruppe der 14-18-jährigen
Jugendlichen. Diesbezüglich werden zum einen die Adoleszenz im Allgemeinen und
zum anderen relevante Aspekte der Adoleszenz männlicher Jugendlicher in den
Fokus gerückt. Ausgehend von typischen Inhalten, Themen und Verläufen der
Adoleszenz und in Abgrenzung zu diesen, erfolgt die Definition der strukturellen
Störung. Unter Berücksichtigung ihrer Herkunft und ihres Wesens werden
Diagnostik, Behandlung und Therapie der strukturellen Störung vorgestellt.
2
Das Handlungskonzept für Helfer in der ambulanten Jugendhilfe überträgt die
Strategien und Vorgehensweisen der Diagnostik und Behandlung, die aus der
operationalisierten psychodynamischen Diagnostik im Kindes- und Jugendalter
resultieren, in den sozialpädagogischen Kontext. Von dieser Basis her kommend,
enthält das Handlungskonzept neben einer umfassenden ressourcen- und
störungsorientierten sozialpädagogischen Diagnostik auch Vorschläge für eine
adäquate Hilfeplanung im Jugendamt. Zudem werden die Chancen und Grenzen
einer ambulanten Hilfe für strukturell gestörte männliche Jugendliche, die Relevanz
der Beziehung zwischen Helfer und jugendlichem Klienten, die zentralen
Kompetenzen und Qualifikationen des Helfers und die Möglichkeiten einer
interdisziplinären Vernetzung beleuchtet.
In his master-thesis Oliver Hülsermann tries to answer the question how the dealing
with structural disordered male adolescences (14 to 18 years old) in a not stationary
facility according to SGB VIII, should be developed to a successful outcome. To that
he presents a concept based on the relevant research concerning male adolescence,
on approaches of psychotherapy referring to individual structure and on
operationalizing psychodynamic diagnostics of infancy and adolescence (German
OPD-KJ operationalisierte psycho-dynamische Diagnostik im Kindes- und
Jugendalter).
The presented concept contains a social educational diagnostic based on the
described background, on various helpful instructions concerning the backing of
structural disordered male adolescences and on a comprehensive listing of key skills
for the professional aide. In his concept Oliver Hülsermann pursues the aim to
amplify the possibilities of not stationary facilities for structural disordered male
adolescences. The not stationary facilities should, according to the presented
concept, be tailored to fit the demanded needs. Its procedures and perceptions
should be enlarged.
The derivation and the development of the concept is preceded by a legal designation
of not stationary facilities, by a description of typical male characteristics during
adolescences as well as by a short view on definition, diagnostics and therapies for
structural dysfunction.
3
In his master thesis the author introduces the term of not stationary social
educational facilities as a collective term for different not
stationary (also not partial
stationary facilities). He defines this term according to SGB VIII. To do that a view is
cast on the process of advising and the planning of support at the youth welfare
departments. Afterwards there is following a closer look at the people who could be
the target group for not stationary facilities: The group of 14 to 18 year old youths.
Concerning this matter there is a focus at adolescence in general, as well as
description of relevant aspect of male adolescence. Based on typical matters, themes
and issues and also in dissociation from the described points follows a definition of
structural dysfunction. Considering its origin and its character the possibilities of
diagnostics, therapies and treatments of structural dysfunction are being described.
The described concept of action for aides in not stationary facilities assigns the
strategies and approaches from diagnostic and treatment, resulting from
operationalised psychodynamic diagnostic of infancy and adolescence, into the
social educational context. Developing the thesis from this basis the concept of
action contains, next to a comprehensive orientation on resources as well as on
dysfunctions for a social educational diagnostic, also suggestions for an adequate
planning of support at the youth welfare departments. Furthermore the chances and
the limits of not stationary facilities for structural disordered male youths are shown.
The relevance of the relationship between the aide and the juvenile client, the
important skills and qualifications of the aide possibilities for multidisciplinary
networks are being illuminated.
4
Inhalt
ABSTRACT
1
INHALT
4
0. EINLEITUNG
8
0.1 Zentrale Frage und Ziel der Master-Thesis
8
0.2 Inhaltliches Vorgehen
9
0.3 Vorbemerkungen
11
1. GRUNDLAGEN UND FORMEN DER AMBULANTEN
SOZIALPÄDAGOGISCHEN JUGENDHILFE
12
1.1 Definitionen und gesetzliche Grundlagen
12
1.1.1 Die Kinder- und Jugendhilfe als Teil des Sozialrechts
12
1.1.2 Fokus und wesentliche Inhalte des SGB VIII Kinder- und Jugendhilfe
13
1.1.3 Hilfe zur Erziehung
16
1.1.3.1 Beratung und Bewilligung
16
1.1.3.2 Der Hilfeplan
17
1.2 Ambulante sozialpädagogische Jugendhilfe
19
1.2.1 Definition
19
1.2.2 Erziehungsbeistandschaft und Betreuungshilfe
20
1.2.3 Intensive Sozialpädagogische Einzelbetreuung
21
1.2.4 Betreutes Einzelwohnen
23
1.2.5 Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche
23
1.2.6 Fazit und Postulat
25
2. ZWISCHEN KINDHEIT UND ERWACHSENSEIN -
JUGENDLICHE ZWISCHEN 14 UND 18 JAHREN
28
2.1 Das Wesen und die Gestalt der Adoleszenz im Allgemeinen
28
2.1.1 Die Adoleszenz im Spiegel der Fachliteratur
28
2.1.2 Entwicklungsfelder in der Adoleszenz
31
2.1.3 Entwicklungsschritte in der Adoleszenz
34
2.1.3.1 Der Charakter adoleszenter Entwicklungsschritte
34
2.1.3.2 Entwicklungsfelder und Entwicklungsschritte Eine Übersicht
35
2.1.4 Die Rolle der Umwelt in der Adoleszenz
38
2.1.4.1 Der Protagonist und die Konstrukteure der Adoleszenz
38
2.1.4.2 Räume der Adoleszenz
40
2.1.4.3 Das sozialökologische Modell nach Baacke
42
2.1.4.4 Das Umweltmodell nach Bronfenbrenner
44
2.2 Relevante Aspekte der Adoleszenz männlicher Jugendlicher
46
2.2.1 Männliche Adoleszenz und Herkunftsfamilie
46
2.2.1.1 Familie und adoleszente Prozesse
46
2.2.1.2 Herkunftsmilieu und Entwicklung
47
2.2.1.3 Familienthema Adoleszenz
53
2.2.1.3.1 Geschlechtsidentifikation in der Kindheit
53
5
2.2.1.3.2 Die Rolle des Vaters
56
2.2.1.3.3 Die Bedeutung der Mutter
58
2.2.1.3.4 Die elterliche Beziehung und das Familiensystem
59
2.2.2 Die körperliche Entwicklung und Reifung
62
2.2.2.1 Biologische Veränderungen und Wachstum
62
2.2.2.2 Körperkompetenz und Körperlichkeit
66
2.2.3 Faktoren männlicher Adoleszenz
68
2.2.3.1 Der Umgang mit Angst
68
2.2.3.2 Aggression
69
2.2.3.3 Narzissmus als Entwicklungshilfe
70
2.2.3.4 Tagträume und Größenphantasien
73
2.2.4 Die Bedeutung der Peer
74
3. KOMPETENZ UND QUALIFIKATION DER PÄDAGOGISCHEN
FACHKRAFT
78
3.1 Allgemeine Kompetenzen und Qualifikationen
78
3.1.1 Sachkompetenz
78
3.1.2 Selbstreflexive Kompetenz
79
3.1.3 Soziale Kompetenz
80
3.1.4 Kreative Kompetenz
80
3.1.5 Selbstfürsorgliche Kompetenz
81
3.2 Spezielle Qualifikationen männlicher pädagogischer Fachkräfte
82
3.2.1 Vorbild, Modell und Beispiel
82
3.2.2 Die Verpflichtung zur Selbstreflexion
83
3.2.3 Faktoren der Selbstreflexion
84
4. STRUKTURELLE STÖRUNGEN MERKMALE UND AUSLÖSER
87
4.1 Die Entwicklung struktureller Fähigkeiten
87
4.1.1 Der Strukturbegriff
87
4.1.2 Die frühe strukturelle Entwicklung
88
4.1.3 Ich-Funktionen und Affekte
91
4.1.4 Kindliche Bindungstypen
92
4.2 Beeinträchtigungen und Störungen
94
4.2.1 Pathogene Bedingungen
94
4.2.2 Konkrete Risikofaktoren
96
4.2.3 Idealtypisch gesund, neurotisch beeinträchtigt, strukturell gestört
97
4.3 Jugendliche mit strukturellen Störungen
99
4.3.1 Die Adoleszenz als zweite Chance
99
4.3.2 Strukturniveaus und Störungsbilder
100
4.3.3 Zunahme und Stabilität von Störungen im Jugendalter
101
4.3.4 Symptombeschreibungen und Diagnosestabilität
103
4.3.5 Gesellschaftliche Aspekte
104
5. DIE OPERATIONALISIERTE PSYCHODYNAMISCHE
DIAGNOSTIK IM KINDES- UND JUGENDALTER (OPD-KJ)
107
5.1 OPD-KJ Ein allgemeiner Überblick
107
5.1.1 Ziele und Methode
107
5.1.2 Qualifizierung des Diagnostikers
108
6
5.1.3 Entwicklungskonzeption und Altersstufen
109
5.1.4 Entwicklungsgedanke und Befunderhebung
111
5.2 Die vier psychodynamischen Achsen der OPD-KJ
113
5.2.1 Achse Beziehung
113
5.2.1.1 Hintergrund
113
5.2.1.2 Operationalisierung und Befunderhebung
114
5.2.2 Achse Konflikt
117
5.2.2.1 Hintergrund
117
5.2.2.2 Operationalisierung und Befunderhebung
118
5.2.3 Achse Struktur
121
5.2.3.1 Hintergrund
121
5.2.3.2 Operationalisierung und Befunderhebung
123
5.2.4 Achse Behandlungsvoraussetzungen
125
5.2.4.1 Hintergrund
125
5.2.4.2 Operationalisierung und Befunderhebung
125
5.2.5 Der Umgang mit den Ergebnissen der Diagnose
127
6. DAS HANDLUNGSKONZEPT FÜR PÄDAGOGISCHE
FACHKRÄFTE IN DER AMBULANTEN JUGENDHILFE
129
6.1 Einleitung
129
6.2 Ressourcen- und Problemorientierung
131
6.3 Die Module des Handlungskonzepts
133
6.3.1 Modul 1 Die Fallanfrage
133
6.3.2 Modul 2 Das Erstgespräch
135
6.3.2.1 Abgrenzung zum Hilfeplangespräch
135
6.3.2.2 Die pädagogische Fachkraft und das Erstgespräch
136
6.3.3 Modul 3 Die sozialpädagogische Anamnese
136
6.3.3.1 Arbeitsregeln
136
6.3.3.2 Mögliche Fallen
137
6.3.3.3 Das besondere Setting der ambulanten Jugendhilfe
138
6.3.3.4 Die Sammlung anamnestischer Informationen und Fakten
138
6.3.3.4.1 Der Anamnesebogen
138
6.3.3.4.2 Die Genogrammarbeit
139
6.3.3.4.3 Dokumente und Unterlagen
140
6.3.4 Modul 4 Die sozialpädagogische Diagnose
140
6.3.4.1 Grundlagen und Voraussetzungen
140
6.3.4.1.1 Das Verhältnis zwischen Anamnese und Diagnose
140
6.3.4.1.2 Der prozesshafte Charakter der sozialpädagogischen Diagnose
141
6.3.4.1.3 Diagnose und Beziehung
141
6.3.4.1.4 Das Diagnosesetting
142
6.3.4.1.5 Nonverbales Verhalten in der Diagnose
143
6.3.4.1.6 Die Beteiligung weiterer Personen an der Diagnose
143
6.3.4.2 Das Diagnoseverfahren
144
6.3.4.2.1 Allgemeiner Hintergrund
144
6.3.4.2.2 Ebene Hilfevoraussetzungen
145
6.3.4.2.2.1 Hintergrund
145
6.3.4.2.2.2 Befunderhebung
146
6.3.4.2.3 Ebene Beziehung
148
6.3.4.2.3.1 Hintergrund
148
6.3.4.2.3.2 Befunderhebung
149
6.3.4.2.3.2.1 Dyadische Beziehungen
149
6.3.4.2.3.2.2 Beurteilung des Selbstbezugs
150
6.3.4.2.3.2.3 Eigenbeurteilung des Selbstbezugs
150
6.3.4.2.3.2.4 Resonanz des Fachkraft
151
7
6.3.4.2.4 Ebene Konflikt
151
6.3.4.2.4.1 Hintergrund
151
6.3.4.2.4.2 Befunderhebung
152
6.3.4.2.4.2.1 Schritt 1 Intensität und Vorhandensein eines Konflikts
152
6.3.4.2.4.2.2 Schritt 2 Die Verarbeitungsmodi der Konflikte
153
6.3.4.2.4.2.3 Schritt 3 Die wichtigsten Konflikte
154
6.3.4.2.5 Ebene Struktur
154
6.3.4.2.5.1 Hintergrund
154
6.3.4.2.5.2 Befunderhebung
155
6.3.4.3 Zusammenfassung und Sortierung der Diagnoseresultate
155
6.3.4.3.1 Erstellung einer Gesamtübersicht
155
6.3.4.3.2 Prioritäten
156
6.3.5 Modul 5 Die Problembearbeitung
157
6.3.5.1 Das Verfahren zur Problembearbeitung
157
6.3.5.2 Beziehung als Wirkvariabel
158
6.3.5.2.1 Grundhaltungen und Herangehensweisen
158
6.3.5.2.2 Beziehung und strukturelle Störung
159
6.3.5.2.3 Positionen der pädagogischen Fachkraft
160
6.3.5.3 Kompensatorische Strategien
161
6.3.5.4 Zuständigkeiten und Vernetzung
161
6.3.5.5 Das Hilfeplangespräch
163
6.3.5.6 Unterstützung der pädagogischen Fachkraft
164
7. FAZIT UND AUSBLICK
166
ABKÜRZUNGEN
169
LITERATURVERZEICHNIS
170
ANHANG
178
A 1 Befunderhebungsbogen der OPD-KJ auf der Achse Beziehung
179
A 1.1 Dyaden
179
A 1.2 Resonanz des Untersuchers
180
A 1.3 Selbstbezüglicher Kreis (intrapsychisch)
181
A 1.4 Triaden
182
A 2 Befunddokumentation der OPD-KJ-Achse Konflikt
183
A 3 Befunddokumentation OPD-KJ-Achse Struktur
184
A 3.1 Bogen zur Befunderhebung auf der Achse Struktur
184
A 3.2 Auswertung der Achse Struktur
185
A 4 Befunderhebung auf der Achse Behandlungsvoraussetzungen
186
A 5 Erfassungsformular der Anamnese des Handlungskonzepts
187
A 6 Formulare der Diagnose des Handlungskonzepts
189
A 6.1 Befunderhebungsformular der Ebene Hilfevoraussetzungen
189
A 6.2 Befunderhebungsformular der dyadischen Beziehungen
190
A 6.3 Befunderhebungsformular Selbstbezug Fachkraftbeurteilung
192
A 6.4 Befunderhebungsformular Selbstbezug Eigenbeurteilung
193
A 6.5 Befunderhebungsformular der Resonanz der Fachkraft
194
A 6.6 Befunddokumentation der Ebene Konflikt
195
A 6.7 Befunderhebungsformular der Ebene Struktur
196
A 6.8 Formular zur Zusammenfassung der Resultate
201
8
,,Ich hab´ keine Ahnung, was ihr von mir wollt.
Jeden Tag gehe ich in die Schule,
abends hänge ich mit meinen Kumpels ab
und Geld krieg ich von meinen Eltern.
O.k., meine Noten könnten ein bisschen besser sein.
(Jan, 16 Jahre, in einem Hilfeplangespräch)
0. Einleitung
0.1 Zentrale Frage und Ziel der Master-Thesis
Im Mittelpunkt einer ambulanten sozialpädagogischen Jugendhilfemaßnahme steht
von Beginn an neben den formulierten Zielen auch die Beziehung zwischen dem
Jugendlichen und der zuständigen pädagogischen Fachkraft. Diese Beziehung ist von
beiden Beteiligten zu erarbeiten und zu gestalten. Eine tragende Beziehung ist die
Grundlage für einen gelingenden Hilfeverlauf und für die Arbeit an den mit dem
Jugendamt gemeinsam vereinbarten Hilfeplanzielen.
Je intensiver sich die Arbeit an diesen Zielen im Verlauf der Hilfe gestaltet und je
länger die Hilfe läuft, umso deutlicher zeigt der Jugendliche seine individuellen
Fähigkeiten, Erlebens- und Verhaltensweisen.
Somit wird auch immer klarer erkennbar, ob und wie weit er in der Lage ist, sich in
die Beziehung zur pädagogischen Fachkraft zu begeben. Probleme oder Defizite in
der Beziehungsgestaltung oder eine möglicherweise vorliegende Beziehungs-
unfähigkeit verdeutlichen sich zunehmend.
Die Art und Weise der Beziehungsgestaltung und die damit verbundene
Affektregulierung und Konfliktfähigkeit eines 14-18-jährigen Jugendlichen sind
mitunter nicht nur von dessen Adoleszenz geprägt. Sie können auch auf eine
strukturelle Störung verweisen, die häufig auf schon früh erworbene dysfunktionale
Beziehungsmuster zurückzuführen ist. Diese Muster werden dann in der aktuellen
Beziehung zur Fachkraft immer öfter wirksam.
Die Übertragungen von problematischen Beziehungserfahrungen und Konflikt-
bewältigungsstrategien eines strukturell gestörten Jugendlichen stellt die zuständige
pädagogische Fachkraft vor eine große Herausforderung. Sie erhält ambivalente
Beziehungsangebote, erfährt z. B Ablehnung, Bedrohung oder Vereinnahmung.
Eventuell überschreitet oder missachtet der Jugendliche die Grenzen des
9
Miteinanders erheblich, indem er sie heftig beschimpft, auf der persönlichen Ebene
angreift oder extrem anhänglich wird. Möglicherweise zeigt sich der Jugendliche im
Konfliktfall höchst aggressiv, massiv übergriffig oder in sich selbst zurückgezogen.
Eine Fachkraft kann sich in solchen oder ähnlichen Situationen sehr hilflos und
überfordert fühlen.
Die vorliegende Master-Thesis greift dieses Thema auf und widmet sich der Frage,
wie der Umgang mit strukturell gestörten 14-18-jährigen männlichen Jugendlichen
im Rahmen der ambulanten sozialpädagogischen Jugendhilfe gelingen kann.
Dazu wird ein Handlungskonzept vorgelegt, dem neben dem Stand der aktuellen
Forschung hinsichtlich Adoleszenz auch die Ansätze der strukturbezogenen
Psychotherapie und die Grundlagen der operationalisierten psychodynamischen
Diagnostik im Kindes- und Jugendalter (OPD-KJ) zugrunde liegen.
Ausgehend von dieser Basis sind in dem Konzept u. a. eine sozialpädagogische
Diagnose und ein Verfahren zur Problembearbeitung enthalten.
Das Handlungskonzept verfolgt damit das Ziel, den Rahmen der Handlungs-
möglichkeiten in der ambulanten sozialpädagogischen Jugendhilfe in der Betreuung
von (strukturell gestörten) männlichen Jugendlichen auszubauen. Die ambulante
Hilfe soll so bedarfsgerechter ausgestaltet und in ihrer Vorgehens- und Sichtweise
erweitert werden.
0.2 Inhaltliches Vorgehen
Die Master-Thesis setzt sich im 1. Kapitel zunächst mit dem Begriff der ,,ambulanten
sozialpädagogischen Jugendhilfe" auseinander. Der Terminus wird definiert und in
den Kontext des SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfe) gestellt.
Grundlagen, Betreuungsstrukturen und Betreuungsrahmen der einzelnen ambulanten
Hilfeformen für 14-18-jährige Jugendliche werden vorgestellt und vom Gesetz her
betrachtet.
Innerhalb des 2. Kapitels erfolgt die nähere Betrachtung der Adoleszenz im
Allgemeinen und der Gruppe der adoleszenten männlichen Jugendlichen im
Speziellen. Einen wesentlichen Bestandteil bildet dabei die Darstellung der
Entwicklung in den verschiedenen Bereichen des menschlichen Lebens, die ein
männlicher Jugendlicher im Verlauf der Adoleszenz zu bewältigen hat. Unter
Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes, kommen u. a. neben der
geschlechtsspezifischen Entwicklung in der Adoleszenz auch die psychosozialen
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