„Um 1910 müssen ein paar besonders gute Jahrgänge gewesen sein. Sie haben Mädchen hervorgebracht mit leicht athletischen Schultern. Sie gehen so hübsch in ihren Kleidern ohne Gewicht, herrlich ist ihre Haut, die von der Schminke nur erleuchtet scheint, erfrischend das lachen um die gesunden Zähne und die Selbstsicherheit, mit der sie paarweise durch das nachmittägliche Gewühl der Tauentziehnstraße und des Kurfürstendamms treiben; nein, treiben ist nicht das richtige Wort. Sie machen „crawl“, wenn die anderen Brustschwimmen machen. Scharf und glatt steuern sie an die Schaufenster heran. Wo haben sie nur die hübschen Kleider her, die Hüte und Mäntel?“ (Franz Hessel, „Spazieren in Berlin“, 1929)
Theoretische Diplomarbeit
1 . E i n l e i t u n g 3
2 . H i s t o r i s c h e A u s g a n g s p u n k t e
- 2.1: Preußische Uniformproduktion
- 2.2: Jüdische Textilhandelstradition
- 2.3. Anfänge der Serienproduktion von Bekleidung
- 2.4: Die ersten Berliner Konfektionshäuser im 19. Jahrhundert
- 2.3-1: Herrmann Gerson
- 2.3-2 : Nathan Israel
- 2.3-3: Gebrüder Manheimer
- 2.3-4: Rudolph Hertzog
3. Die Berliner Modebranche in den Zwanziger Jahren 13
- 3.1: Industrie ohne Fabriken: Berliner Konfektionsfirmen in den zwanziger Jahren 13
- 3.2: Der Verband der deutschen Modenindustrie 17
- 3 . 3 : B e r l i n - P a r i s 2 0
- 3.4: Die Berliner Durchreise
- 3.5: Mode, Bühne und Film 21
- 3 . 6 : B e r l i n e r M o d e p r e s s e
- 3 . 7 : W a r e n h a u s k u l t u r
- 3.7-1: Hermann Tietz (Hertie)
- 3.7-2: Wertheim
- 3.7-3: Das Kaufhaus des Westens
4 . D i e „ N e u e F r a u “
- 4.1: Weibliche Angestellte: Verkäuferinnen und Sekretärinnen
- 4 . 2 : A r b e i t e r i n n e n
- 4.3: Frauenberufe in der Berliner Konfektions- und Modebranche
5. Die Berliner Damenmode der 1920er Jahre
- 5.1: Schönheitsideale
- 5 . 2 : W ä s c h e
- 5 . 3 : T a g e s m o d e
- 5 . 4 : S p o r t m o d e 5 5
- 5 . 5 : A b e n d m o d e 5 7
1
Theoretische Diplomarbeit
- 6 5 . M ä n t e l 5 9
7 - 5 . : A c c e s s o i r e s
8 - 5 . : S c h m u c k 6
6 . A b s c h l i e ß e n d e B e m e r k u n g e n 6 7
Literaturverzeichnis und Abbildungsnachweis 70
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Theoretische Diplomarbeit
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit wurde als theoretische Diplomarbeit im Fachbereich Modedesign an der Kunsthochschule Berlin Weißensee verfasst. Betreuende Professoren waren Gab- riele Jaenecke und Rolf Rautenberg.
Entscheidend für die Wahl des Themas waren ein persönliches Interesse an Frauenge- schichte und der Mode der 1920er Jahre, die Lektüre des Romans „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun und nicht zuletzt der zufällige Fund eines kleinen Stilratge- bers mit dem Titel „Die perfekte Dame“, der 1928 von der Autorin Paula von Reznicek verfasst wurde. Die Autorin stammte offenbar aus so genannten „besseren Kreisen“, dies erschließt sich zum einen aus ihrem Adelstitel, zum anderen aus ihren Texten, in denen zum Beispiel kostspielige Freizeitaktivitäten wie Opern- und Theaterbesuche, Fernreisen und Autofahren als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Auch wenn Rezniceks Ratschläge nur für eine verschwindend kleine, vermögende Schicht von Frauen umsetz- bar gewesen sein mögen, spiegeln sie doch die erfrischend ironische Sicht einer Augen- zeugin auf die Zeitumstände wieder. Ich habe sie daher mehrfach zitiert.
Ziel der Arbeit sollte es sein, nicht nur ein Stück Berliner Stadtgeschichte zu dokumentie- ren, sondern auch die „neuen“ Formen der Damenmode der Zwanziger Jahre im Zusam- menhang mit der speziellen Berliner Situation zu betrachten. Zentrale Fragen waren dabei:
Welche Wurzeln hat die Berliner Konfektionsbranche und wie war ihre Produktionsweise? Inwiefern kann man von einem speziell Berliner Modestil sprechen? Welche Schnittstel- len bestanden zu anderen wirtschaftlichen und kulturellen Bereichen? Welche Zusam- menhänge bestanden zwischen modischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, spe- ziell in Bezug auf das Alltags- und Arbeitsleben von Frauen? Was bedeutet der Begriff „Neue Frau“ und in wie fern trifft dieses vielfach überlieferte Klischee auf die reelle Situa- tion von Frauen zu?
Die Recherche gestaltete sich nicht immer einfach. Zum einen, weil sich bis heute wenige originale Kleidungsstücke aus Berliner Konfektionsbetrieben erhalten haben, zum ande- ren weil im Zuge der politischen Entwicklungen seit 1933 offenbar nur sehr wenig Inte- resse an einer Aufarbeitung des Themas bestand. Was nicht durch Arisierung und Krieg verloren ging, verschwand im geteilten Berlin auf andere Weise. Qualifizierte Literatur zu dem Thema liegt eher begrenzt vor, ebenso verhält es sich mit Abbildungen, die eindeutig Berliner Mode zeigen. Bei der Wahl der Abbildungen habe ich vorausgesetzt, dass Schön- heitsideal und Modestil der zwanziger Jahre dem Leser im Allgemeinen bekannt sind. Es war mir wichtig, möglichst nur Stücke aus der Berliner Konfektionsbranche zu zeigen. Ich habe zu einem großen Teil auf Abbildungen aus dem Bestandskatalog der Kostümsamm- lung des Berlin Museums zurückgegriffen, da diese Abbildungen wohl am besten einen Eindruck von der hohen Qualität der Berliner Bekleidungsherstellung vermitteln. Ergän- zend wurden Illustrationen verwendet, die von Künstlerinnen stammen, die in den Zwan- ziger Jahren in Berlin lebten und arbeiteten.
Über die Berliner Konfektionsbranche kann man nicht sprechen, ohne die verheerenden Folgen der Arisierung und Vertreibung jüdischer Konfektionäre durch die Nationalsozialis- ten zu thematisieren. Dieser Themenbereich wird in meiner Arbeit zwar angeschnitten, ich habe meine Schwerpunkte aber anders gesetzt und erwähne ihn nur am Rande. Diesen Teil der Berliner Geschichte aufzuarbeiten ist für professionelle Autoren und His- toriker ein mühevolles Stück Arbeit, das nicht immer mit Wohlwollen betrachtet wird. Die Brisanz der Thematik war mir bis zur Lektüre von Uwe Westphals Buch „ Berliner Konfek- tion und Mode“ nicht bewusst.
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Theoretische Diplomarbeit
2. Historische Ausgangspunkte
Die serienmäßige Herstellung von Bekleidung war im beginnenden zwanzigsten Jahrhun- dert durchaus keine Neuheit mehr. Mit der Erfindung der mechanischen Spinnmaschine „Spinning Jenny“ von James Hargraves 1767 und des ersten mechanischen Webstuhls von Dr. Edmund Cartwright 1785 wurden bereits im 18. Jahrhundert die Grundsteine für die Industrialisierung der Textilbranche gelegt. Versuche zur Entwicklung einer mechani- schen Nähmaschine können bis ins Jahr 1790 zurückverfolgt werden, als sich der Eng- länder Thomas Saint die erste funktionsfähige Kettenstichnähmaschine für Schuhmacher patentieren ließ. Erster Nähmaschinenfabrikant war der Franzose Barthelemy Thimon- nier, der 1830 eine Nähmaschine zum Patent anmeldete und ein Unternehmen aufbau- te, das sowohl Nähmaschinen als auch maschinell genähte Uniformen für die französi- sche Armee produzierte. Hier deutet sich bereits die Verknüpfung der Uniformproduktion und der Entwicklung der Textilindustrie an. 1851 gründete Isaac Merritt Singer die Firma I. M. Singer & Co, die Nähmaschinen herstellte. Singers Partner Edward Clark entwickelte 1856 den ersten Ratenzahlungsplan, das heißt die Nähmaschinen konnten auf Raten gekauft werden, die Kaufentscheidung wurde somit sehr erleichtert. Die ersten amerika- nischen Nähmaschinen kamen um 1853 nach Deutschland, wo sie von deutschen Fir- men nachgebaut und weiterentwickelt wurden. Der für damalige Verhältnisse hohe An- schaffungspreis für eine Nähmaschine lag um 1900 bei etwa 100 Mark. Dem gegenüber stand der durchschnittliche Wochenlohn einer Näherin von weniger als 10 Mark. Häufig stellte der Auftraggeber der Näherin eine Nähmaschine zur Verfügung, deren Anschaf- fungspreis dann mit einem Teil des Lohns verrechnet wurde. Das sich dieses Verfahren oft zu Ungunsten der Näherin auswirkte ist anzunehmen. Ohne Nähmaschine hätte die Erwerbsgrundlage gefehlt, mit Nähmaschine stand die Heimarbeiterin jedoch in der Schuld ihres Auftraggebers und war unter Umständen dessen Willkür ausgesetzt. Den- noch sollte nicht außer Acht gelassen werden, das die Erfindung der Nähmaschine eine gewisse „Demokratisierung“ der Mode nach sich zog, zumindest im Sinne einer breiteren Verfügbarkeit erschwinglicher, modischer Kleidung.
Begünstigt durch preiswerte, in großen Mengen verfügbare textile Rohstoffe aus den Kolonien, insbesondere der Baumwolle, und die Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte, entwickelte sich die Textilindustrie zu einem der wichtigsten Wirtschaftszwei- ge Europas. Es entstand eine Schicht von Arbeitern, die große Teile der Beschäftigten der Textilbranche stellte. Zusätzlich zur Technisierung der Bekleidungsproduktion förderten auch der modische Wandel, die Vereinfachung der Silhouetten und der Verzicht auf das Korsett ab der Jahrhundertwende die Herstellung von Konfektionskleidung mit Einheits- größen.
In Berlin bestanden über die Entwicklungen im Rahmen der allgemeinen Industrialisie- rung des Textilsektors hinaus weitere günstige Vorraussetzungen für die Weiterentwick- lung der Konfektionsbranche. Die Herstellung und der Verkauf von Bekleidung hatten in der Stadt bereits eine lange Tradition, die sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt. Als Residenzstadt des Preußischen Königs hatte Berlin ein reges gesellschaftliches und kulturelles Leben, was die Nachfrage nach Modeartikeln verstärkte. Ein Strom an Zuzie- henden aus ländlichen Gebieten gewährleistete einerseits billige Arbeitskräfte, anderer- seits einen vergrößerten Absatzmarkt für preiswerte Kleidung. Weitere Faktoren waren die preußische Uniformproduktion und die jüdische (Textil-) Handelstradition.
2.1: Die preußische Uniformproduktion
Die Serienproduktion von Bekleidung in Berlin geht unter anderem auf die massenhafte Anfertigung von Uniformen für die preußische Armee ab dem 17 Jahrhundert zurück. Uniformen wurden nach der so genannten „Blauen Patrone“, einem empirisch entwickel-
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Theoretische Diplomarbeit
ten Schnittmuster mit bestimmten Standardmaßen, zugeschnitten. Die Bezeichnung „Blaue Patrone“ entwickelte sich in Anlehnung an das blaue Zuckerhutpapier, aus dem die Schnittschablonen bestanden. Um den großen Bedarf an Uniformen decken zu kön- nen, wurde außerdem bereits damals nach einem System gearbeitet, das eine Vorform des späteren Zwischenmeistersystems darstellt: Die Uniformen wurden von Zunftbetrie- ben hergestellt, die sich an genaue Lieferfristen halten und mit dem vom Staat zugeteil- ten Material auskommen mussten. Der preußische Staat zahlte den Uniformschneidern einen geringen Stücklohn. Zwar konnten die Schneider aus einer einzelnen Uniform kei- nen großen Profit ziehen, die kontinuierliche Nachfrage nach Uniformen gewährleiste aber eine gewisse Stabilität der Einkünfte für die Produktionsbetriebe. Die sprichwörtli- che preußische Sparsamkeit und die Tatsache, dass preußische Soldaten bestimmten Körpermassen gerecht werden mussten, förderten eine Stoff sparende, rationalisierte Fertigungsweise nach standardisierten Maßen. Die Qualitätsanforderungen an Material und Verarbeitung waren sehr hoch, wenn man bedenkt, welch starker Abnutzung die Uniformen ausgesetzt waren.
Laut Brunhilde Dähn sollen viele der weiblichen Angehörigen der Soldaten mit niedrige- ren Rängen wiederum der Uniformkonfektion zugearbeitet haben, in dem sie in Heimar- beit für die Uniformschneidereien Tressen und Besätze nähten. 1 Das ist nicht unwahr- scheinlich, zumal Frauen sämtlicher gesellschaftlicher Schichten traditionell in Handar- beitstechniken ausgebildet waren und die häusliche Handarbeit in einkommensschwä- cheren Familien eine - wenn auch nach außen oft geheim gehaltene – Erwerbsquelle darstellte.
Nicht nur die ersten Standardschnitte, auch der erste Einsatz einer Nähmaschine in Berlin 1853 gehen auf die preußische Armee zurück. So berichtete die Herrenzeitschrift „Phoenix“:
„Die patentierte, amerikanische Nähmaschine nimmt fortwährend das Interesse der Beteiligten Gewerbe in Anspruch. Zugleich hat sich das oekonomische Departement des königlichen Kriegsministeriums veranlasst gefunden, ein Exemplar dieser Maschine anzukaufen und zu diesem Zweck drei Mann kommandiert, um dieselbe in der Maschi- nenbauanstalt des Herrn Baermann, Berlin, Koepenickerstraße 71, einzuüben.(…)Die Resultate, welche auf diese Weise erzielt worden sind, haben den königlichen Oberstlieu- tenant Herrn von Ilyner bewogen, dieselbe der Armee zur allgemeinen Anwendung zu empfehlen.“ 2
2.2: Die Jüdische Textilhandelstradition
1288 gründete sich die Berliner Schneidergilde und erhielt den so genannten Gildebrief von den Brandenburgischen Markgrafen. Darin wurde festgelegt, dass niemand das Schneidergewerbe ausüben dürfe, ohne Mitglied der Gilde zu sein. Der Verkauf fertiger Kleidungsstücke auf dem Wochenmarkt wurde verboten, dafür aber auf dem Jahrmarkt erlaubt. Der Handel mit gebrauchten und vorgefertigten Kleidern wurde vor allem von Juden betrieben, da ihnen die Aufnahme in die christlichen Handwerkszünfte verwehrt blieb. Mit der steigenden Nachfrage nach Bekleidung in den wachsenden Städten wuchs auch der Konkurrenzkampf zwischen zünftigen Schneidern und jüdischen Kleiderhänd- lern. Diese waren nicht an die Preisabsprachen und Reglementierungen der Zünfte ge- bunden und waren deshalb in Bezug auf die Preisgestaltung flexibler. Lieferanten der Textilhändler waren die von den Zünften als „Störer“ und „Pfuscher“ bezeichneten illega- len, d.h. nicht-zünftigen Schneider, die zum Beispiel ebenfalls jüdischen Glaubens oder
1 Vergleiche: Brunhilde Dähn; „Berlin Hausvogteiplatz. Bei den Kleidermachern in Berlin“; Göttingen ;1968
2 „Phoenix, Modenzeitung für Herrenbekleidung“, 1853; zitiert in s.o.
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eingewandert waren. Während ein sehr kleiner Teil jüdischer Unternehmer das Privileg erhalten hatte, mit Seidenstoffen handeln zu dürfen, lebte der größte Teil der jüdischen Bevölkerung recht- und mittellos am Rande der Gesellschaft. Juden waren aus der städti- schen Gemeinschaft ausgeschlossen und wurden im wirtschaftlichen Leben nur gedul- det, sofern sie im Sinne der Preußischen Regierung zur positiven Entwicklung der Wirt- schaft beitrugen. Trotz der Vorbehalte gegen jüdische Händler hatte aber speziell der Altkleiderhandel eine nicht zu unterschätzende gesellschaftliche Funktion, denn die umherziehenden Händler verbreiteten nicht nur politische sondern auch modische Neu- igkeiten von Ort zu Ort.
Ein kleiner, staatswirtschaftlich nützlicher Teil der jüdischen Bevölkerung genoss die Privilegien eines „ordentlichen Schutzjuden“ 3 , der Großteil blieb jedoch weiterhin rechtlos und wurde widerwillig geduldet. Eine rechtliche Gleichstellung von Juden und Christen in Preußen erfolgte erst 1812 mit dem „Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem preußischen Staate“ („Emanzipationsedikt“), 4 wobei Juden aber weiterhin vom Staatsdienst ausgeschlossen blieben. Von da an war es allen einheimischen Juden erlaubt, Land zu erwerben, ihren Wohnort frei zu wählen und ein freies Gewerbe auszu- üben. Infolge des „Emanzipationsediktes“ kam es in den zwanziger Jahren des 19. Jahr- hunderts zu einer massenhaften Zuwanderung von Juden aus dem nicht preußischen Posen. Da viele der Posener Juden Schneider waren bedeutete dies einen Zuwachs an Arbeitskräften und neu gegründeten Zulieferbetrieben für die aufstrebende Berliner Kon- fektion. Nicht nur ein Teil der Konfektionäre, auch einige der Warenhausunternehmer hatte familiäre Wurzeln in Posen, darunter auch Oskar Tietz, dessen Unternehmen in den 1920er Jahren das größte Berlins werden sollte.
Juden lebten traditionell in ganz Europa verteilt und pflegten ihre Geschäftsbeziehungen nicht nur im Inland. Im Laufe der Zeit bauten die deutsch-jüdischen Konfektionäre enge, mitunter sogar freundschaftliche Geschäftsbeziehungen zu Lieferanten und Käufern im Ausland auf, die für die Konfektionsindustrie wichtige Anregungen aus dem Ausland und einen erweiterten Absatzmarkt bedeuteten.
2.3: Anfänge der Serienproduktion von Bekleidung in Berlin
Die Berliner Konfektionsindustrie hat ihre Wurzeln nicht nur in der Serienproduktion von Uniformen sondern auch in der Wäsche- und Mantelproduktion.
Die (Leib-)Wäschekonfektion entwickelte sich im 19. Jahrhundert aus dem Handel mit Leinen und Fertigwaren wie Spitzen. Nachdem die Leinenhändler zunächst nur die Mate- rialien verkauft hatten, aus denen Frauen in häuslicher Handarbeit die Wäsche ihrer Familien selbst anfertigten, ging vermutlich speziell die wohlhabende Kundschaft bereits in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts dazu über, die Wäsche nicht mehr im eigenen Hause zu fertigen (oder fertigen zu lassen), sondern diese bei den Leinwand- händlern in Auftrag zu geben. Diese Wäsche war meist nach Maß gefertigt und wurde in so genannten „Nähschulen“ hergestellt. Nach Einführung der Gewerbefreiheit in Preußen 18… wurden die Wäschestücke dann nicht mehr bei den „Nähschulen“ in Auftrag gege- ben sondern bei Heimarbeiterinnen. Mit zunehmender Nachfrage nach vorgefertigter Wäsche ging man dazu über, nach Standardmaßen und auf „Vorrat“ zu produzieren. Einer Serienproduktion kam dabei entgegen, das Wäsche keine individuelle Passform haben musste, sondern lose auf der Haut lag, zumal das Form gebende Kleidungsstück, also das Korsett der Damen, über der Leibwäsche getragen wurde. Ab den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts soll es schließlich eine Wäschekonfektion in größerem
3 Juden konnten den so genannten „Judenbürgerbrief und damit Bürgerrechte erwerben. Während gewöhn-
liche Schutzjuden diese Rechte nur auf Lebzeit erwerben konnten, konnten „ordentliche Schutzjuden“ ihr
Bürgerrecht weitervererben
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Theoretische Diplomarbeit
Maßstab gegeben haben. 5 Zu den Konfektionsfirmen, die auf Grundlage der Wäschekon- fektion entstanden sind gehört zum Beispiel auch das Unternehmen Nathan Israel.
Die Mantelkonfektion entwickelte sich aus der Herstellung und dem Vertrieb von Capes, Schals und Pellerinen. Diese bedurften ebenso wie Wäsche keiner genauen Passform, da sie zunächst nur relativ lose über die Krinolinenkleider des 19. Jahrhunderts drapiert wurden. Die so genannte „Shawlmode“ verbreitete sich etwa ab Ende des 18. Jahrhun- derts zu den Chemisenkleidern des Empire in Europa. „Longshawls“ oder Langschals waren reich verzierte Umschlagtücher aus Seide, Samt und Cashmere.
Entscheidenden Auftrieb erhielt die Serienproduktion von Bekleidung durch die zuneh- mende Vereinfachung der Damenmode Ende des 18. Jahrhunderts. Solange die Da- menmode komplizierter Unterkonstruktionen wie Korsetts, Krinolinen und Tournüren bedurfte war sie größtenteils nicht industriell umsetzbar. In dem Maße wie sich Schnitt- konstruktion, Verarbeitungstechnik und Maschinen entwickelten, kamen nach und nach auch anspruchsvollere Kleidungsstücke wie Blusen und Röcke zu den konfektionierten Mänteln hinzu. Es konnten auch vorgefertigte Röcke mit dazugehörigem Material für das Oberteil des Kleides gekauft werden. Mit dem Wegfall der extrem körperbetonten Silhou- etten in der Damenmode wurden die Schnitte der Kleider einfacher und mussten nicht mehr maßgenau an die Trägerin angepasst werden. Damit wurde die industrielle Beklei- dungsproduktion maßgeblich erleichtert. In den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahr- hunderts erreichte die Vereinfachung der Silhouette einen vorläufigen Höhepunkt.
Zwar hatte es zuvor bereits zahlreiche Versuche von Künstlern und Medizinern gegeben, eine korsettlose Mode zu etablieren, die entsprechenden Kleider blieben aber weiterhin einer kleinen, begüterten Gruppe vorbehalten. In diesem Zusammenhang kommt der Konfektion eine besondere Rolle bei der Verbreitung einer körperfreundlichen Mode zu. Einerseits kamen die lockeren, schlichten Entwürfe von Vordenkern der Mode wie Coco Chanel der preiswerten Serienproduktion entgegen. Andererseits wurde diese neue Mode durch die Konfektion einem breiteren Publikum zugänglich.
2.4: Die ersten Berliner Konfektionshäuser im 19. Jahrhundert
Bereits in den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Berliner Konfektionsfirmen gegründet. Laut einem Bericht der „Ältesten der Berliner Kaufmannschaft“ belief sich der Jahresumsatz der Berliner Konfektionsbranche 1867 auf 5 Mio. Taler. Bereits 1857 hatte man sich dem Export nach Österreich geöffnet, ab 1860 wurde nach Amerika geliefert. 1871 zählten die „Ältesten“ 60 Engros - Geschäfte (also Großhandelsgeschäfte) für Damenkonfektion, die von etwa 600 Zwischenmeistern und 6000 Arbeiterinnen und Arbeitern beliefert wurden. Amerika, England, die Nieder- lande, die Schweiz, Russland und Skandinavien importierten Berliner Konfektionsklei- dung. 1875 belief sich der Umsatz im Export auf 10 Mio. Mark, der inländische Umsatz auf 13 Mio. Mark Die Ursachen dafür lagen unter anderem im Ausbruch des deutsch- französischen Krieges 1870. Da Paris von der deutschen Armee eingeschlossen war, gaben die internationalen Einkäufer ihre Bestellungen in Berlin auf. Zudem hatte sich seit Anfang der Fünfziger Jahre die Nähmaschine rasant verbreitet und ermöglichte eine umfangreichere, schnellere Produktion von Kleidung. In dem Maße, wie die Konfektions- unternehmen wuchsen, siedelten sich auch zunehmend Zulieferbetriebe für Stoffe, Zuta- ten und Posamenten, Putzmacher und Kunstblumenhersteller an. 1890 gab es in Berlin 133 Betriebe für Damenkonfektion und 238 Geschäfte für Damenmäntel; einschließlich der Groß- und Einzelhandelsgeschäfte und der Geschäfte, die auf den Export spezialisiert
5 Vergleiche Karin Hausen: „Zur Sozialgeschichte der Nähmaschine“, überarbeitete, gekürzte Fassung des
Aufsatzes in : Geschichte und Gesellschaft 4, 1978
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waren. In dieser Zeit entwickelte sich der Hausvogteiplatz zum Zentrum der Berliner Konfektionsbranche. Das Konfektionsmilieu wurde als sehr lebendig und dem kulturellen und gesellschaftlichen Leben gegenüber sehr aufgeschlossen beschrieben. Viele der großen Konfektionsunternehmer betätigten sich als Mäzene und richteten umfangreiche Sozialleistungen für ihre Angestellten ein. Ihre internationalen Handelsbeziehungen wirk- ten sich zudem positiv auf die Entwicklung des kulturellen Austauschs über die deut- schen Grenzen hinaus aus.
Ein Großteil der Konfektionsunternehmen fiel nach der Machtergreifung Hitlers der so genannten Arisierung zum Opfer. In der nationalsozialistischen Propaganda wurde be- hauptet, die Konfektion sei „verjudet“, was jedoch nicht den tatsächlichen Verhältnissen entsprach. 6 Jüdische Firmen wurden konfisziert, in scheinbar „korrekten“ Verfahren weit unter Wert an „arische“ Unternehmer verkauft oder aber die jüdischen Firmeninhaber vertrieben oder unter Vorwänden verhaftet. Die Nationalsozialisten erhofften sich große Deviseneinnahmen aus dem Konfektionsexport, der bis dahin einen großen Teil des Gesamtumsatzes der Konfektionsbranche ausgemacht hatte. Diese Rechnung ging je- doch nicht auf, da die nunmehr „arischen“ Besitzer der Konfektionsfirmen nicht auf die langjährige Erfahrung und die, über viele Jahre hinweg aufgebauten und gepflegten, internationalen Geschäftsbeziehungen der jüdischen Unternehmer zurückgreifen konn- ten. Da auch in Unternehmen christlicher Konfektionäre häufig Juden angestellt waren, oder aber Firmen von zwei Geschäftspartnern geleitet wurden, von denen je einer jüdi- schen und einer christlichen Glaubens war, traf die Arisierung nicht nur die jüdischen Konfektionsfirmen. Zusätzlich bekamen die deutschen Firmen nun im Ausland Konkur- renz durch von emigrierten jüdischen Konfektionären neu gegründete Unternehmen, die ihren alten Kundenstamm vom neuen Standort weiterbelieferten. Langfristig führte die Arisierung zur Auflösung der bis dahin international anerkannten und erfolgreichen Berli- ner Konfektionsbranche.
Im Folgenden sollen die wichtigsten Firmen der Gründerjahre der Berliner Konfektion kurz näher vorgestellt werden.
2.4-1: Hermann Gerson
Abb. 1.: Vorführ- und Verkaufsraum der Firma Gerson um 1890
Abb. 2: Herrmann Gerson
6 Vergleiche Uwe Westphal in „ Berliner Konfektion und Mode 1836-1939. Die Zerstörung einer Tradition“
2. Auflage 1992
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Hermann Gerson war Sohn eines jüdischen Kaufmanns aus Königsberg und kam 1835 unter dem Namen Hirsch Gerson Levin zusammen mit seinen sechs Brüdern nach Berlin. Noch im selben Jahr erwarb er den so genannten Judenbürgerbrief und gründete 1836 an der Königlichen Bauakademie Nr. 6 ein Geschäft für Seidenstoffe, Stickereien, Spitzen und französisches Leinen.1841erweiterte Gerson sein Angebot auf konfektionierte – also nach Standardmaßen vorgefertigte - Damenmäntel. Das Unternehmen florierte, wurde 1848 zum Hoflieferanten erklärt und konnte in ein Geschäftshaus am Werderschen Markt umziehen. Zu dieser Zeit beschäftigte Gerson bereits 5 Handwerksmeister, 3 Di- rektricen, 120-140 Werkstattarbeiter und –Arbeiterinnen und 100 Kommis und Aufseher für die Ladenräume und den Warenversand. Außerhalb des eigenen Hauses produzierten 1500 Schneider und Näher in Heimarbeit, die Gersons 150 Zwischenmeistern zuarbeite- ten. 1860 konnte das Unternehmen 10 Mio. Taler Umsatz verbuchen. Hermann Gerson wird als geschäftstüchtiger, durchsetzungsfähiger Mann mit großem modischem Gespür beschrieben. Bereits Jahrzehnte bevor es den Beruf des Mannequins gab, erlaubte er attraktiven weiblichen Angestellten seines Hauses, Kleider aus der Modellabteilung bei Bällen leihweise „auszuführen.“ Auf diese Weise konnten neue Moden geschickt lanciert und das Haus Gerson bei einer gleichermaßen anspruchsvollen wie kaufkräftigen Ziel- gruppe beworben werden. Die nur ein Mal getragenen Kleider wurden anschließend zu einem reduzierten Preis verkauft. Um mit der Pariser Mode Schritt halten zu können, unternahm Hermann Gerson Reisen nach Paris und Lyon, wo er Stoffe einkaufte und sich über modische Neuheiten informierte. Brunhilde Dähn gibt in Ihrem Buch „Berlin Haus- vogteiplatz“ die Aufzeichnungen des Krefelder Seidenfabrikanten Karl Weiß wieder, der eng mit Hermann Gerson zusammenarbeitete und ihn häufig auf Geschäftsreisen zu den französischen Stofffabrikanten begleitete:
„Bei Dufour in Lyon(…) stellte mich Gerson als seinen Bruder vor, was den Verkäufer offensichtlich verblüffte und mich zu einem nur schwer zu unterdrückenden Lachen hinriss. Man stelle sich vor, ich, ein hochgeschossener Blonder Hüne und er, der kleine, rundliche, schwarzlockige Jude. Aber Gerson ließ nicht von solchen Kleinigkeiten abhal- ten, er verlangte kurzerhand die Nouveautés zu sehen und schnitt ungeniert unter den Augen des Verkäufers mit einer schnell hervorgezogenen Schere kleine Stücke ab. Ehe dieser ob solcher Unverfrorenheit protestieren konnte ließ Gerson sich weiße Damaste – also klassische Ware – zeigen und bestellte rundweg für 10.000 Franc in diesen Artikeln, sozusagen als Ausgleich für seine Räubereien. Die Ausbeute auf Papier geklebt, Fehlen- des dazu gezeichnet und schon ist die Kollektion für die nächste Saison fertig. (…) Die deutschen Modeblätter hätten mehrere tausend Taler für diesen Schatz gegeben“ 7
Die Methoden, an Informationen über modische Neuigkeiten aus Frankreich zu gelangen, werden im Abschnitt „Berlin – Paris“ noch etwas näher erläutert werden.
Nach dem Tod Hermann Gersons im Jahr 1861 wurde die Firmenleitung zunächst von seinen Brüdern übernommen. 1889 trat Phillip Freudenberg in das Unternehmen ein, der in seiner Heimatstadt Elberfeld bereits ein Kaufhaus gegründet hatte und auf Vorschlag der Gebrüder Gerson hin die Leitung des Unternehmens übernehmen sollte. Freudenberg ließ das Geschäftshaus am Werderschen Markt modernisieren und trieb die Entwicklung der Firma voran. Ebenso wie Gerson bewies auch Freudenberg ein ausgeprägtes Gespür für Zeitgeist und Marketing. Er initiierte beispielsweise eine Automobilausstellung im eigenen Kaufhaus, selbstverständlich lieferte die Firma Gerson die entsprechende Auto- garderobe gleich dazu. Auch der Besuch von Paul Poiret, der 1911 seine korsettlosen Modelle von eigenen Mannequins in Berlin vorführen ließ geht auf eine Einladung Freu- denbergs zurück.
7 Vergleiche: Brunhilde Dähn, a. a. O.
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2.4-2: Nathan Israel
Nathan Israel entstammte einer alteingesessenen jüdischen Berliner Familie, sein Groß- vater Israel Jakob hatte bereits 1741 einen der bereits erwähnten Schutzbriefe erworben und einen Handel für Stoffe und Leinen gegründet. Aufbauend auf dem großväterlichen Unternehmen eröffnete Nathan Israel 1815 in der Jüdengasse 18 einen Altkleiderhandel. 1818 zog die Firma zum Molkenmarkt 2 um, wo Israel ein Geschäft für Leinen- und Haushaltswäsche eröffnete. Das Unternehmen florierte und musste 1843 aus Platzman- gel erneut umziehen. Das neue Geschäftshaus befand sich in der Spandauerstraße 26/29. Zwischen 1864 und 1895 wurden die Grundstücke Spandauerstraße 29 und 30 sowie Königsstraße 11/12 dazu gekauft. Das Unternehmen Israel entwickelte sich zu einem großen Kauf- und Versandhaus für Konfektionskleidung. Bis zum Bau des Wert- heimkaufhauses in der Leipziger Straße muss das Kaufhaus Israel das größte Kaufhaus Berlins gewesen sein. Es hatte in etwa die Grundfläche des neueren Teils des Nikolaivier- tels und befand sich direkt gegenüber dem Berliner Rathhaus. Ab 1895 befand sich im zweiten Stockwerk des Hauses eine separate Großhandels-Abteilung für Damen- und Kinderkonfektion, im dritten und vierten Stock waren Konfektionswerkstätten unterge- bracht. Im Kaufhaus Israel war vom teuren Modellkleid bis zur preiswerten Stapelware alles zu haben, jede Preisklasse wurde bedient.
Abb. 3: Nathan Israel.
Abb. 4: Blick in einen der Lichthöfe des Kaufhauses Israel
Bis 1907 blieb das Haus samstags geschlossen, da die jüdische Familie Israel den Sab- bat feierte. Für Angestellte wurden an diesen Samstagen Weiterbildungsangebote einge- führt, beispielsweise Kurse in Fremdsprachen und Buchführung oder Vorträge zu ver- schiedensten Fragen der Lebensführung. Daneben finanzierte das Unternehmen einen betriebseigenen Tennisplatz und ein Bootshaus in Strahlau und stellte seinen Beschäftig- ten eine Bibliothek und Clubräume für die Freizeitgestaltung zur Verfügung. Ziel der Fir- menleitung war es, ein gutes Betriebsklima zu schaffen. Auch wenn diese Leistungen
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natürlich den Angestellten des Hauses vorbehalten blieben und nicht für die unzähligen Heimarbeiter zur Verfügung standen, war die Firma Israel in Bezug auf betriebliche Sozial- leistungen sehr fortschrittlich. Das Unternehmen blieb im Besitz der Familie Israel, bis es 1938 der Arisierung durch die Nationalsozialisten zum Opfer fiel. Letzter Leiter der Firma war Wilfried Israel, der durch unermüdliches Engagement Zehntausenden verfolgten Juden das Leben rettete. Er kam in 1948 in einem Flugzeug ums Leben, das von der Wehrmacht abgeschossen wurde.
2.4-3: Rudolph Hertzog
Das Unternehmen Rudolph Hertzog war eines der wenigen christlichen Unternehmen aus den Gründerjahren der Konfektion. Rudolph Hertzog stammte aus einfachen Verhältnis- sen und wurde 1815 am Mühlendamm geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre gründete er 1839 seine Firma in der Breitestraße 15. Hertzog war einer der ersten Kon- fektionäre, die mithilfe von Zeitungsannoncen gezielt für ihr Unternehmen warben. Er war Neuem gegenüber aufgeschlossen und gehörte zu den ersten Autofahrern, Telefonbesit- zern und Luftpostnutzern Berlins. Sein Unternehmen galt als pedantisch organisiert, zahlte seinen Mitarbeitern aber auch faire Gehälter und bot ihnen ähnlich wie die Firma Israel umfangreiche Sozialleistungen. Einmal monatlich besuchte die gesamte Beleg- schaft auf Firmenkosten kulturelle Veranstaltungen wie Theater- oder Opernaufführun- gen. Neben einer Rentenkasse standen den Angestellten einmal jährlich bezahlter Urlaub und betriebliche Übernahme von Heilungskosten im Krankheitsfall zu. Nach dem Tod Rudolph Hertzogs wurde die Firma von seinem Sohn Rudolph Hertzog II und seinem Enkel Rudolph Hertzog III geleitet. 1908 wurden die Räumlichkeiten um die Grundstücke Brüderstraße 33 und Breitestaße 15 erweitert, so dass das Haus über eine Verkaufsflä- che von 15. 875 qm verfügte. Zum Vergleich: das Berliner KaDeWe hat heute eine Ge- samtfläche von rund 60.000 qm. 1912 wurde eine Abteilung eingerichtet, die sich aus- schließlich mit dem Export nach Südamerika beschäftigte. Im Laufe des 19. Jahrhunder- tes hatte es mehrere Auswanderungswellen gegeben, im Zuge derer zehntausende Deut- sche nach Lateinamerika ausgewandert waren. Populäre Auswanderungsländer waren vor allem Brasilien, Chile und Argentinien. Die emigrierten Deutschen integrierten sich nicht in die jeweilige Gesellschaft der Einwanderungsländer sondern gründeten zunächst rein deutsche Siedlungen und führten ihr Leben entsprechend den kulturellen Verhältnis- sen im Heimatland fort. Sie sprachen zum Beispiel weiterhin deutsch, kauften deutsche Möbel und stellten deutsche Pfarrer und Lehrer ein. Es ist daher denkbar, dass sie sich auch in deutsche Konfektion kleideten. Dies könnte eine Erklärung für die Einrichtung der Südamerika-Abteilung sein.
Die Erneuerung der Verkaufskultur zu Beginn des 19. Jahrhunderts äußerte sich bei Hertzog unter anderem darin, dass das Haus einen Erfrischungsraum einrichtete, in dem die Kundschaft mit Kaffee, heißer Schokolade, Limonade und Eis bewirtet wurde. 1914 verfügte die Firma über 2000 Angestellte, das sind so viele wie das KaDeWe heute be- schäftigt. Als eines der wenigen christlichen Konfektionsunternehmen der Gründergene- ration konnte die Firma Hertzog der Arisierung durch die Nationalsozialisten entgehen.
2.4-4: Gebrüder Manheimer
Die Brüder David, Moritz und Valentin Manheimer waren Söhne des jüdischen Kantors David Manheimer und gründeten 1837 die Firma Gebrüder Manheimer, die Herren- schlafröcke produzierte. 1839/40 trennten sich die Brüder, Valentin gründete die Firma „Valentin Manheimer“ während David und Moritz das ursprüngliche Unternehmen weiter- führten. Valentin Manheimer etablierte sich schnell als Damenkonfektionär und wurde 1873 zum Kommerzienrat und 1884 zum geheimen Kommerzienrat ernannt. In den
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Theoretische Diplomarbeit
Nachrufen zu seinem Tod 1889 wurden seine besonderen Verdienste um die Öffnung der Berliner Konfektion für den Export gewürdigt. Nach Valentin Manheimers Tod wurde die Firma zunächst von seinen Brüdern Alfred, Ferdinand und Gustav übernommen, ging aber 1904 schließlich an Ferdinand als Alleininhaber über. Letzter Inhaber des Hauses war Ferdinands Sohn Adolf Manheimer, der von Kunden und Angestellten scherzhaft „König Adolf“ genannt wurde und das Haus bis 1931 führte, bis es aufgrund der wirt- schaftlich schlechten Lage geschlossen werden musste. Nachdem er seine Gläubiger ausgezahlt hatte erwarb er ein Konfektionshaus in Magdeburg, wo er sich 1932 – bank- rott - an seinem Schreibtisch erschoss.
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Theoretische Diplomarbeit
3. Die Berliner Modebranche in den 1920er Jahren
3.1: Industrie ohne Fabriken: Die Berliner Konfektionsfirmen in den zwanziger Jahren
Schon die ersten Berliner Konfektionsfirmen arbeiteten nach dem so genannten Verlags- oder Zwischenmeistersystem. Der Begriff „Verlag“ leitet sich ab von „Vorlage“, das heißt, der Auftraggeber tritt mit Material oder Bezahlung in „Vorlage“ beziehungsweise Vorleis- tung. Charakteristisch für diese Produktionsform ist die Trennung von Produktion und Vertrieb. Das Produkt wird aus den vom Verleger – also dem Konfektionär – zur Verfü- gung gestellten Materialien hergestellt und anschließend an ihn geliefert. Damit entfällt für den Produzenten die Verantwortung für die Weitervermarktung und den Materialein- kauf, für den Verleger entfallen die direkten Personal- und Maschinenkosten. Vorformen des Verlagssystems existierten bereits im Mittelalter, speziell im Bereich der Tuchwebe- rei, besonders verbreitet war es aber im 18. Jahrhundert. In den Städten ansässige Kaufleute nutzten die durch die Abschaffung des Frondienstes auf dem Land frei wer- denden Arbeitskräfte, um die hohen Preise und strengen Reglungen der städtischen Zünfte zu umgehen. Vor allem Weber und Spinner in ländlichen Regionen arbeiteten für Verleger. Da der Bedarf an Textilien im bäuerlichen Milieu traditionell selbst gedeckt wurde, bestand auf dem Land ein hoch entwickeltes textilhandwerkliches Können und die benötigte Ausrüstung wie Spinnräder und Webstühle war meist schon vorhanden. Im Gegensatz zu den zünftigen Handwerkern in den Städten waren die ländlichen Textil- handwerker meist unorganisiert, denn die geografischen Gegebenheiten erschwerten Zusammenschlüsse zu Interessengemeinschaften. Die Verleger konnten deshalb immer niedrigere Stückpreise durchsetzten und die Waren zu immer billigeren Preisen verkau- fen. Die städtischen Zünfte gerieten dadurch unter enormen Preisdruck, bis schließlich auch die Zunftbetriebe begannen, im Verlagssystem zu arbeiten.
Im Falle des Berliner Zwischenmeistersystems fungierte der Konfektionär beziehungs- weise das Konfektionshaus als Verleger. „Konfektionär“ war ein Lehrberuf, die Lehrzeit betrug drei Jahre und führte durch alle Abteilungen eines Konfektionshauses. Je nach Berufserfahrung und wirtschaftlichem Erfolg konnten die Konfektionäre sehr hohe Gehäl- ter durchsetzen, mitunter warben sich die Firmen ihre Konfektionäre auch gegenseitig ab. Ein Designstudium wie heute gab es in den Anfängen der Bekleidungsindustrie nicht. Erst 1920 wurde die erste Modeklasse an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemu- seums Berlin eingerichtet, Leiter des Studiengangs war Otto Haas-Heye vom Modehaus Alfred-Marie.
Der Konfektionär war häufig künstlerischer und kaufmännischer Leiter eines Konfekti- onshauses in einer Person. Alternativ konnte ein Konfektionsunternehmen auch von zwei Geschäftspartnern geleitet werden, in diesem Fall war jeweils einer der Partner für den kreativen beziehungsweise für den kaufmännischen Teil der Unternehmensleitung zu- ständig. Große Firmen hatten ganze Entwurfsabteilungen, die heutigen Designteams entsprachen. Der Konfektionär bestimmte die modische Linie, Materialien, Dekoration und Schnitt und gab die Fertigung seiner Entwürfe außer Haus. Die fertige Ware kam dann ins Konfektionshaus zurück und wurde von dort aus im Groß- und Einzelhandel vertrieben. Entwurf, Schnittgestaltung, Materialauswahl und Preiskalkulation erfolgten im Konfektionshaus. Anschließend wurden Prototypen gefertigt, häufig im Konfektionshaus selbst, um Entwurf, Passform und Verarbeitungsweise prüfen zu können. Waren diese Kontrollen abgeschlossen, wurden Stoffe, Zutaten und Schnitte an die Zwischenmeister ausgegeben. Zwischenmeister waren gelernte, selbständige Schneidermeister, die in ihren Werkstätten Schneider und Näher beschäftigten. Häufig wurden auch die Zwi- schenmeister zu Verlegern, indem sie die zugeschnittenen Teile außer Haus gaben. Diese wurden dann für die teure Modellkonfektion in kleineren Werkstätten oder für das preis- werte Stapelgenre in Heimarbeit zu einem geringen Stücklohn verarbeitet. Der Produkti-
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Arbeit zitieren:
Diplom Designerin Nora Fiege, 2008, Berliner Mode und Konfektion in den 1920er Jahren, München, GRIN Verlag GmbH
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