Kurzfassung
Gegenstand dieser Arbeit ist die Untersuchung aktueller Software-Evluationsmethoden, insbesondere von Usability-Tests, auf die Eignung der besonderen Verhaltensweisen von Webseiten, die AJAX einsetzen. Dazu wird ein Überblick über nahezu sämtliche bekannten Software-Evaluationsmethoden gegeben und diese Methoden mit zwei Verfahren im Detail auf die Eignung überprüft. Im ersten Verfahren erfolgt eine Bewertung der möglichen Informationen, die mit einer Evaluationsmethode gewonnen werden können, auf die Relevanz für die Bewertung von AJAXbasierten Webseiten. Das zweite Verfahren bewertet gemeinsame Eigenschaften der verschiedenen Methoden, wie den anfallenden Aufwand bei der Auswertung. Im Ergebnis zeigt sich, dass bisher keine der verfügbaren Methoden für Usability-Tests den Anforderungen für die Evaluation AJAXbasierter Webseiten gerecht werden kann. JavaScript-Proxy basierte Methoden erreichen jedoch recht gute Bewertungen. Darüber hinaus eignet sich das Ergebnis dieser Arbeit der Bestimmung der Effektivität der untersuchten Methoden. Zum Schluss der Arbeit wird ein Entwurf für eine Methodenkombination skizziert, welche sich für den Einsatz der Evaluation von AJAX-basierten Webseiten eignen könnte.
Schlagworte: AJAX, Usability, Mensch-Maschine Interaktion, Evaluation, Kriterienkatalog, Usability-Test, JavaScript-Proxy, Webserver-Protokolle, Protokolle lauten Denkens, Beobachtung
Abstract
Within this thesis, recent methods for evaluation of software, especially methods for usability testing, are analyzed for the sake of suitability to evaluate the special behaviors of AJAX bases websites. At first an overview about nearly all available evaluation methods is given. These methods are rated in detail by two different techniques in suitability for evaluating AJAX websites. The first technqiue is a list of criterias which are based on the different types of information which can be acquired by the analyzed evaluation methods. All criterias are rated by their relevance for analyzing the usability of AJAX websites. The second technique rates common properties of all methods, like the amount of effort which has to be taken to analyze the produced data. The results show that none of the analyzed methods complies with all the requirements for the evaluation of AJAX websites. The best rated methods are JavaScript-Proxy bases methods. In addition the results of this thesis can be used to specify the effictivity of the analyzed methods. At the end of this thesis a combination of methods is designed which should comply with all requirements for the evaluation of AJAX websites.
Keywords: AJAX, usability, human-computer interaction, evualation, list of criterias, usability-test, JavaScript-proxy, webserver-logs, think aloud procotols, observing
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis 8
Tabellenverzeichnis 9
1 Einleitung 10
1.1 Motivation und Zielsetzung 10
1.2 Aufbau der Arbeit 12
2 Theoretischer Zusammenhang 14
2.1 AJAX 14
2.2 Der Begriff Usability 15
2.2.1 Standards 16
2.3 Usability von Webanwendungen 17
2.4 Expertenorientierte Methoden 18
2.4.1 Cognitive Walkthrough 19
2.4.2 Heuristische Evaluation 20
2.4.3 Usability Walkthrough 20
2.4.4 Heuristischer Walkthrough 21
2.4.5 Partizipatives Design und Kooperative Evaluation 22
2.4.6 Expertenorientierte Methoden und AJAX? 23
2.5 Methoden für Usability-Tests 24
2.5.1 Methoden über automatische Aufzeichnung im Computer 25
2.5.1.1 Monitoraufzeichnung (Screen recording) 25
2.5.1.2 Maustracking 26
2.5.1.3 Aufzeichnung von JavaScript-Ereignissen mit Proxy-Software 27
2.5.1.4 Webserver Logfile-Analyse 27
2.5.2 Benutzerobservation Befragung 27
2.5.2.1 Protokolle Lauten Denkens (Think Aloud Protocol) 27
2.5.2.2 Beobachtung des Benutzerverhaltens 28
2.5.2.3 Befragung der Benutzer 29
2.5.3 Biometrische Verfahren 30
2.5.3.1 Aufzeichnung von Gesichtsausdrücken per Videoauswertung 32
2.5.3.2 Aufzeichnung der Augenbewegungen (Blickregistrierung / Eye-Tracking) 32
2.5.3.3 Pupillometrie 32
2.5.3.4 Elektrokardiogramm (EKG) und Atemfrequenz 33
2.5.3.5 Hautleitfähigkeit / Hautleitwert / Elektrodermale Aktivität 34
4
Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
2.5.3.6 Aufzeichnung von Gesichtsausdrücken mit Elektro-Myographie (EMG) 34
2.5.4 Methoden in Entwicklung 35
2.6 Usability Metriken in Webanwendungen 36
3 Vergleich von Usability-Testmethoden 39
3.1 Bewertungsmethode Kriterienkatalog 39
3.2 Methodenvergleich mit Kriterienkatalog 39
3.2.1 Kriterienkatalog 40
3.2.2 Erläuterung der Kategorien des Kriterienkataloges 40
3.2.3 Erläuterung der Kriterien des Kriterienkataloges 41
3.2.3.1 Aufgaben 41
3.2.3.2 Geschwindigkeit 41
3.2.3.3 Physiologie und Psychologie 42
3.2.3.4 Steuerelement-Verwendung 43
3.2.4 Prüfung des Kriterienkatalogs 44
3.2.4.1 Die Beurteilung erfolgt durch einen - im Idealfall - geschulten Fachmann 44
3.2.4.2 Die Kriterien sind vollständig, valide und reliabel 44
3.2.4.3 Die Kriterien liegen in strukturierter Form vor und sind in Kategorien unterteilt 44
3.2.4.4 Die Kriterien sind einzeln als Prüfinstrumente anwendbar 44
3.2.4.5 Im Idealfall gibt es einen umfangreichen Katalog zu einer Kurzprüfliste 45
3.2.4.6 Die Kriterien sind sachlich korrekt, verständlich, treffend und knapp formuliert 45
3.2.4.7 Der Katalog ist einfach und im Idealfall elektronisch auswertbar. Voraussetzung
hierfür ist unter anderem, dass die Kriterien in Sachzusammenhänge vorstrukturiert und die
Bewertungsskalen einfach konstruiert sind (z B. Ja-Nein Antworten) 45
3.2.4.8 Der Katalog verfügt über sogenannte Filter, d h. Mechanismen die eingangs den
betreffenden Anwendungsbereich, Zielgruppe, und ähnliches erfragen und so den Anwender
von vornherein zu den für ihn individuell relevanten Kriterien erfüllen. Diese Filter sind für
eine Qualitätsprüfung außerordentlich effektiv. 45
3.2.4.9 Der Kriterienkatalog ist sprachlich und grafisch einwandfrei und übersichtlich zu
bearbeiten. 45
3.2.5 Bewertung der Usability Testmethoden anhand des Kriterienkataloges 46
3.2.6 Diskussion von Auffälligkeiten 47
3.2.7 Prüfung der Methode 47
3.2.8 Datenanalyse Kriterienkatalog-Auswertung 47
3.3 Erweiterter Methodenvergleich 49
3.3.1 Methoden über automatische Aufzeichnung im Computer 54
5
Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
3.3.1.1 Monitoraufzeichnung (Screen recording) 54
3.3.1.2 Maustracking 56
3.3.1.3 JavaScript-Aufzeichnung 57
3.3.1.4 Webserver Logfile-Analyse 59
3.3.2 Benutzerobersavation und Befragung 61
3.3.2.1 Protokolle Lauten Denkens (Think Aloud Protocol) 61
3.3.2.2 Befragung der Benutzer 62
3.3.2.3 Beobachtung des Benutzerverhaltens 63
3.3.3 Biometrische Verfahren 64
3.3.3.1 Aufzeichnung von Gesichtsausdrücken per Videoauswertung 64
3.3.3.2 Aufzeichnung der Augenbewegungen (Blickregistrierung / Eye-Tracking) 66
3.3.3.3 Elektrokardiogramm (EKG) 67
3.3.3.4 Hautleitfähigkeit / Hautleitwert / Elektrodermale Aktivität 68
3.3.4 Ergebnisse und Datenanalyse 68
3.4 Hypothese zur JavaScript-Laufzeit 70
3.4.1 Erhebungsmethode 71
3.4.2 Datenanalyse 74
4 Entwurf einer geeigneten Methodenkombination für AJAX-Usability Tests 77
4.1 Datenerhebungsmethoden 77
4.1.1 JavaScript-Daten 77
4.1.2 Webserver Protokolldaten 78
4.2 Datenstruktur 79
4.2.1 JavaScript-Daten 79
4.2.2 Webserver-Protokolldaten 80
4.2.3 Vereinigung von JavaScript- und Webserver-Protokolldaten 84
4.2.4 Verknüpfen von Daten weiterer Methoden und Ausblick 86
5 Fazit 88
5.1 Ergebnisse der Arbeit 88
5.2 Reflexion der Vorgehensweise 90
5.3 Ausblick 91
Literaturverzeichnis 92
Anhang A 100
A 1 Erklärung zur Abschlussarbeit 100
A 2 Analyse AJAX Funktionalitäten der TOP10 Webseiten 100
6
Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
A 2 1 Google 100
A 2 2 YouTube 100
A 2 3 Ebay 102
A 2 4 Wikipedia 102
A 2 5 Facebook 103
A 2 6 Yahoo 103
A 2 7 Amazon 104
A 2 8 Spiegel Online 104
A 2 9 Web de 105
A 2 10 Studiverzeichnis 105
A 3 Messergebnisse der Webseiten 106
A 4 Code-voÇ ch W ÆÇ 107
7
Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1 : Veröffentlichungen und Zitierungen zu dem Thema Web Usability Abgerufen aus dem
ISI Web of Science am 05 10 2009 . http://www isiknowledge com
Abbildung 2 : Veröffentlichungen und Zitierungen zu dem Thema Web Usability Abgerufen aus dem
ISI Web of Science am 09 10 2009 . http://www isiknowledge com
Abbildung 3 : Laden einer Seite nach Anfrage über HTTP GET oder POST
Abbildung 4 : Dynamisches Nachladen mittels XMLHttpRequest
Abbildung 5 : Verändern über das Document Object Model (DOM)
Abbildung 6 : Kriterien für Softwarequalität nach ISO 9126
Abbildung 7 : Arbeitsweise des JavaScript-Proxys von CHEESE
Abbildung 8 : Emotions- und Stressverarbeitung im Gehirn nach LeDoux
Abbildung 9 : Bewertung der Usability-Testmethoden anhand des Kriterienkataloges
Abbildung 10 : Bildschirmfoto des Microsoft Expression Encoder 3
Abbildung 12 : Bildschirmfoto des Web Utilization Miners (WUM) von Spiliopoulou
Abbildung 13 : Bildschirmfoto der RealTime FaceDetect Demo 4 5 1 des Fraunhofer IIS
Abbildung 14 : Foto des Chronos Eye Tracking Device (Chronos Vision GmbH , 2009 )
Abbildung 15 : Fotos des Eyegaze Analysis System (Interactive Minds Dresden GmbH, 2009 )
Abbildung 16 : Vergleich der Ergebnisse nach dem Kriterienkatalog und den Eigenschaften
Abbildung 17 : Anteil verschiedener Datentypen (MIME-Typen) des HTTP-Datentransfers eines
eingeloggten Benutzers bei Facebook com, gemessen mit Fiddler2 am 27 08 2009
Abbildung 18 : JavaScript-Profilierung eines Aufrufs von Facebook com als eingeloggter Benutzer
Abbildung 19 : JavaScript-Profilierung von Facebook com als Baumstruktur
Abbildung 20 : Gemessene relative JavaScript Lauf- und Transferzeit
Abbildung 21 : Datenmodell der Webserver-Protokolle in der 2. Normalenform
Abbildung 22 : Datenmodell für die Analyse von Webserver-Protokolldateien und JavaScript
Protokolldaten
Abbildung 23 : AJAX DropDown-Liste in Google
Abbildung 24 : Statistiken und Daten werden in YouTube zu einem Kurzfilm nachgeladen
http://www youtube com/watch?v 5tf qUpaGNY Abruf am 07 09 2009 um 11 :40
Abbildung 25 : Nachgeladene Statistiken in YouTube
Abbildung 26 : Angebot auf dem Internet Auktionshaus Ebay (Ebay Inc , 2009 )
Abbildung 27 : Suchfunktion auf Wikipedia
Abbildung 28 : Startseite des sozialen Netzwerks Facebook
Abbildung 29 : Startseite von Yahoo Deutschland
Abbildung 30 : Produktsuche des Internetversandhandels Amazon de
Abbildung 31 : Ausschnitt von der Startseite des Internetmagazins Spiegel Online
Abbildung 32 : Suchmaske auf der Startseite von Web de
Abbildung 33 : Startseite des Studiverzeichnis
8
Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1 : Unterschiede zwischen Internetseiten und Desktop-Anwendungen (Schweibenz Thissen,
2003 , S. 62 67 ) 18
Tabelle 2 : Frequenzbandbänder der Nervenfunktionen im Herzkreislaufsystem 33
Tabelle 3 : Kriterienkatalog zur Bewertung von Usability-Methoden für AJAX 40
Tabelle 4 : Bewertungspunkte für den Kriterienkatalog 46
Tabelle 5 : Bewertung der Usability-Test Methoden anhand des Kriterienkataloges 46
Tabelle 6 : Bewertungsmatrix für eine Kombination von Methoden 49
Tabelle 7 : Ausstattung eines PCs zur Monitoraufzeichnung für einen Usability-Test 56
Tabelle 8 : Bewertung der einzelnen Usability-Testmethoden nach Eigenschaften 68
Tabelle 9 : Vergleich der Ergebnisse nach dem Kriterienkatalog und den Eigenschaften 69
Tabelle 10 : Transferzeit von Facebook com gemessen mit Fiddler2 71
Tabelle 11 : Top 10 Internetseiten, ermittelt durch Alexa Internet am 27 08 2009
http://www alexa com/topsites/countries/DE 73
Tabelle 12 : Datenfelder für die JavaScript-Erfassung 78
Tabelle 13 : Vorschlag für Ereignisse, die der JavaScript-Proxy mitprotokollieren sollte 78
Tabelle 14 : Datenfelder implementiert im Microsoft IIS nach W3 C Entwurf für Webserverprotokolle
79
Tabelle 15 : Erstes SQL-Abfrageergebnis aus der JavaScript-Daten Tabelle 80
Tabelle 16 : Felder aus Webserver-Protokolldaten, die normalisiert werden können 82
Tabelle 17 : Ausschnitt eines Webserver-Protokolls mit Webserver-Session ID und JavaScript-Session
ID 83
Tabelle 18 : Gemessene Performance-Daten der Webseiten 105
Tabelle 19 : Relative Messergebnisse der Webseiten sowie Anzahl AJAX-Funktionen 105
9
Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
1 Einleitung
1.1 Motivation und Zielsetzung
Die Verbreitung von Computern ist in vielen Bereichen hoch, in Deutschland verfügten im Jahr 2007 82% aller Haushalte über einen Computer (Eurostat, 2009). Im privaten Bereich findet das Internet als Verwendungsmöglichkeit des Computers eine sehr große Beliebtheit. Im Jahr 2007 verfügten 71% aller Haushalte in Deutschland über einen Internetzugang (Eurostat, 2008), im Jahr 2008 wuchs dieser Wert sogar auf 75%. Das Interesse an diesen Technologien ist angesichts der vielfältigen und ständig mehr werdenden Verwendungsmöglichkeiten ungebrochen.
Einer Studie der öffentlich rechtlichen Sender ARD und ZDF nach sind die beliebtesten Anwendungsmöglichkeiten eines Internetzugangs die Nutzung von Suchmaschinen, der Versand und Empfang von EmaioUc]v(Z}]u/vvµ(v^µv]Ì]oP]Z^µZvZ]uuv Angeboten. Insgesamt umfasst die Liste nachgefragter Anwendungen 24 Punkte (ARD/ZDF-Medienkommission, 2009).
Die Bedienung von Computern und Webseiten ist trotz großer Beliebtheit jedoch oft schwierig. Immer wieder werden Webseiten geschaffen, welche von den Benutzern schwierig bis gar nicht zu bedienen sind. Beispielsweise ging im Jahr 2003 die neue Internetseite der Bundesagentur für Arbeit online, diese sollte es Arbeitssuchenden ermöglichen offene Stellen im Internet zu suchen und den Arbeitgebern sollte die Möglichkeit gegeben werden offene Stellen anzulegen. Diverse Fehler in der Internetseite bauten bei den Nutzern jedoch sehr große Hürden auf (Waldraff, 2003). Dass dies kein Einzelfall ist zeigte bereits 1994 eine Studie in kleinem Rahmen, in welcher drei Personen bestimmte Informationen auf den Internetseiten verschiedener großer Unternehmen auffinden sollten. Dabei wurden auf sämtlichen Internetseiten Mängel in der Bedienbarkeit festgestellt (Nielsen J. , 1994).
Um zu Grunde liegenden Ursachen für diese offensichtlichen Probleme zu erforschen entstand das &ZP]cth]o]Ç^UÁoZ̵ch]o]Ç^µvu]̵Densch-Maschine Interaktion
(Human Computer Interaction (HCI)) gehört. In einer Veröffentlichung aus diesem Bereich zeigen Flavián et al beispielsweise, dass die Bedienbarkeit einer Webseite einen Einfluss auf das Vertrauen der Benutzer in die Angebote des Anbieters hat (Flavián, Guinalíu, & Guerra, 2006). Die Bedienbarkeit von Internetseiten kann sich somit direkt auf den Erfolg einer Webseite auswirken.
Die Darstellung in Abbildung 1 zeigt, dass bis 2007 ein starkes Wachstum an Veröffentlichungen und Zitierungen zum Thema Web Usability zu verzeichnen war. Nach diesem Vorläufigen Hoch sind die Veröffentlichungen zu diesem Thema Rückläufig und auch die Zahlen der Zitierungen stagnieren nahezu. Das Nachlassende Interesse Bereich ist schwierig zu erklären, da die Probleme der Bedienbarkeit von Webseiten noch lange nicht gelöst sind. Möglicherweise wurde dieses Thema nur durch einen neuen Trend verdrängt.
10 Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
Abbildung 1: Veröffentlichungen und Zitierungen zu dem Thema "Web Usability". Abgerufen aus dem ISI Web of Science
Abbildung 2: Veröffentlichungen und Zitierungen zu dem Thema "Web Usability". Abgerufen aus dem ISI Web of Science am 09.10.2009. http://www.isiknowledge.com
Ein solcher neuer Trend, um die Bedienbarkeit von Webseiten zu Verbessern und ein besonderes Nutzungserlebnis erzeugen zu können, ist Asynchronous JavaScript Technology and XML (AJAX). Mit :y ov ]Z }Pvvv cZ]Z /vv o]]}v^ ~Z/U ÁoZ sich durch eine
Bedienbarkeit auszeichnen, die einer direkt auf dem Computer installierten Anwendung gleicht. Dies zeichnet sich durch schnelle Antwortzeiten und einem konsistenten Erscheinungsbild von Webseiten während der Bedienung aus (Paulson, 2005). Das Interesse an AJAX schnellte genau in dem Zeitraum hoch, in dem Web Usability an Interesse verlor (siehe Abbildung 3). In verschiedenen Studien wurden für AJAX-basierte Internetseiten bessere Werte für die Benutzerzufriedenheit im Vergleich zu statischen Internetseiten ermittelt. (Kluge, Kargl, & Weber, 2007) untersuchten mit AJAX erweiterte Eingabefelder, welche die Eingaben automatisch vervollständigen.
11 Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
(Kasemvilas & Firpo, 2009) ermitteln anhand eines Blogs, in einer Version mit und einer Version ohne, AJAX ebenfalls eine gesteigerte Zufriedenheit für die AJAX-Version, konnten jedoch keine Verbesserung der Arbeitsgeschwindigkeit feststellen.
Die genannten Publikationen nennen auch Schwachpunkte von AJAX, so gehen architekturbedingt bisher gewohnte Funktionalitäten für den Benutzer einer Internetseite verloren. Zum Einen führt ein Klick auf den Zurück-Knopf im Webbrowser nicht mehr zum letzten angezeigten Inhalt, sondern der letzten Seite, die vor der Verwendung von AJAX angezeigt wurde. Zum Anderen ist es nicht möglich auf AJAX-basierte Inhalte über Browser-Favoriten bzw. Lesezeichen zuzugreifen. Dennoch ist die Zufriedenheit bei der Benutzung einer AJAX-Webseite deutlich erhöht, im Vergleich zu einer statischen Webseite.
Zu den Studien ist ebenfalls anzumerken, dass in beiden Fällen nur bestimmte AJAX-Funktionalitäten zu der statischen Version einer Webseite nachgerüstet wurden, ein Vergleich einer vollständig mit AJAX ausgestatteten Webseite mit einer statischen Version findet nicht statt. Ebenso werden weitere Probleme, die bei dem Einsatz von AJAX auftreten können, nicht erwähnt. Durch die Verwendung von AJAX ist es erforderlich eine Webseite mit größeren Mengen JavaScript-Code auszustatten, was den anfallenden Datentransfer beim Laden der Seite erhöht und zusätzliche Ausführung von JavaScript-Code auf dem Browser zur Folge hat.
~
Als Ziel dieser Diplomarbeit war ursprünglich vorgesehen, in einem Usability-Test zu untersuchen, ob bei der Verwendung von AJAX bei der vollständigen Umsetzung auf einer Internetseite tatsächlich Performanceprobleme auftreten. Dies sollte die Fragestellung beantworten, ob die Verwendung von AJAX wirklich generell zu der oft erwähnten Verbesserung der Bedienbarkeit führt. Dazu sollten, wie bei den anderen Studien auch, eine AJAX-Version und eine statische Version der zu untersuchenden Webseite evaluiert werden. Während der Recherche nach Evaluationsmethoden stellte sich heraus, dass derzeit keine Methode existiert, mit der sich dieses Vorhaben umsetzen ließe.
Die Zielsetzung dieser Arbeit ist somit die Untersuchung vorhandener Software-Evaluationsmethoden auf die Eignung die Bedienbarkeit von AJAX-basierten Internetseiten ermitteln zu können. Ein weiteres Ziel dieser Arbeit ist die Behauptung zu überprüfen, ob AJAX-basierte Webseiten einen signifikanten Anteil von JavaScript beinhalten, welcher einen Einfluss auf die Geschwindigkeit der Webseite haben kann. Auf eine Überprüfung, ob dieser Einfluss auf die Geschwindigkeit Auswirkungen auf die Benutzerzufriedenheit hat, wird verzichtet. Stattdessen wird eine Methode skizziert, mit der sich eine solche Untersuchung durchführen ließe.
Dennoch soll die Fragestellung, ob AJAX tatsächlich den oft angepriesenen Mehrwert in der Bedienbarkeit bietet, diese Arbeit begleiten.
1.2 Aufbau der Arbeit
Die Arbeit ist neben dieser Einleitung in einen theoretischen Teil (Kapitel 2), den Vergleich von Methoden für Usability-Tests (Kapitel 3) sowie den Entwurf einer geeigneten Methode für die Evaluation von AJAX-basierten Webseiten (Kapitel 4) gegliedert.
12 Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
Im theoretischen Teil werden die Begriffe AJAX und Usability genauer erläutert. Auf die Begriffserklärung folgt ein Überblick über bekannte Software-Evaluationsmethoden und die Einordnung der Methoden in Kategorien. Die für die spätere Betrachtung relevanten Methoden für Usability-Tests werden dabei genauer beschrieben. Neben einer Betrachtung des aktuellen Forschungsstandes für die einzelnen Methoden werden Zusammenhänge aus verschiedenen Wissenschaften erläutert, um die Arbeitsweise der Methoden verständlich darstellen zu können.
Im dritten Kapitel werden die im theoretischen Teil vorgestellten Methoden für Usability-Tests auf ihre Eignung zur Evaluierung AJAX-basierter Webseiten untersucht. Die Bewertung erfolgt mittels eines Kriterienkataloges und im Anschluss mit der Betrachtung ausgewählter gemeinsamer Eigenschaften aller Methoden. Weiterhin werden im dritten Kapitel die zehn populärsten Internetseiten auf ihre AJAX-Komponenten und damit verbundene Komplexität untersucht.
Im vierten Kapitel wird eine Methode vorgeschlagen, welche die im dritten Kapitel festgestellten Schwachpunkte der bekannten Methoden abdeckt und somit für die Evaluation von AJAX-basierten Webseiten gut geeignet sein müsste. Für die Methode wird sowohl eine mögliche Architektur wie auch eine mögliche Datenbasis beschrieben, welche die Analyse im Vergleich zu bekannten Methoden vereinfachen soll.
Das fünfte Kapitel stellt den Abschluss dieser Arbeit dar. Die Ergebnisse der Arbeit werden reflektiert und ein Ausblick auf weitere mögliche Arbeiten gegeben, die auf den Ergebnissen aufsetzen können.
13 Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
2 Theoretischer Zusammenhang
2.1 AJAX
AJAX ist ein Begriff, der sich um das Jahr 2005 zusammen mit dem von OZ Zeilly geprägten Begriff "Web 2.0" entwickelt hat 1 . Als AJAX-Technologie werden zahlreiche Technologien bezeichnet, die mit JavaScript in Verbindung stehen. Dies sind nach (Paulson, 2005) und (O' Reilly, 2005) unter anderem:
N Zuvor als Dynamic HTML (DHTML) bezeichnete Effekte, wie aufklappbare Menüs. Für die dynamische Anzeige wird das Document-Object-Model (DOM) mit JavaScript manipuliert N JavaScript basierende Elemente, wie Eingabe-Validierung oder Einblendung von Kalendern N Nachladen von Daten über einen XMLHttpRequest
o Konsumierung von Webdiensten
o Transfer in Extensible Markup Language (XML), Darstellung teilweise mit Extensible Stylesheet Language Transformations (XSLT)
o Anzeigen von Daten in Fenstern, Auswahllisten und anderen Steuerelementen 2
o Filterfunktionen in Tabellen
o Verändern von Teilen der Seite (Update-Panel / AJAX-Panel)
N Veränderung des optischen Erscheinungsbildes von Teilen der Seite durch Manipulierung von CSS mittels JavaScript
Die Innovation von AJAX Technologien besteht primär in der Möglichkeit dem Benutzer bei einer Aktion das komplette Laden einer Internetseite zu ersparen und Teile direkt nachzuladen. Eine Webanwendung, die keine AJAX basierenden Technologien verwendet, erfordert bei der Absendung einer Aktion des Benutzers meistens eine komplette HTTP Post Anfrage. Diese wird an den Server gesendet, verarbeitet, und an den Benutzer zurück gesandt. Hat der Browser nicht sämtliche eingebetteten Elemente, wie Grafiken oder Style, zwischengespeichert, folgen auch noch eine Reihe von HTTP GET Anfragen an den Server, bis die Seite komplett neugeladen ist.
1 d]uKZZ]ooÇÀ((vo]Zîììñ]vv]loU]vuvP]((ctîXì^oµ (O' Reilly, 2005)
2 Ein Steuerelement ist der kleinste funktionelle Baustein auf einer HTML basierten Internetseite. Steuerelemente können Schaltflächen, Listen, Eingabefelder oder auch interaktive Bilder sein
14 Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
Unter Verwendung der AJAX Technologie XMLHttpRequest lässt sich der Umgang mit der Webseite für den Benutzer verbessern, indem nur ein Teil der Seite nachgeladen wird. Somit Verkürzt sich die Antwortzeit, es fällt weniger Datentransfer (Traffic) an und der Benutzer sieht während des kompletten Vorgangs weiterhin die Internetseite. x x x x x x x x x x x x x x x
x x x x x x x x x
Abbildung 4: Dynamisches Nachladen mittels XMLHttpRequest
Weitere AJAX Techniken machen eine Server-Anfrage komplett überflüssig, sodass der Benutzer sofort eine Reaktion der Webanwendung bekommt. Dies trifft unter anderem auf die dynamische Validierung von Eingaben zu, so kann dem Benutzer bereits während der Eingabe mitgeteilt werden, dass die Eingabe ungültig ist (z.B. ein unzulässiges Datum in der Vergangenheit) oder die Eingabe von Buchstaben kann in Feldern, die nur Zahlen enthalten dürfen, sofort verhindert werden. Weiterhin werden Serveranfragen überflüssig, wenn Funktionen beim Laden der Seite versteckt mit geladen x x x x x x x x x x werden und während der Interaktion bei Bedarf angezeigt werden (z.B. ein dynamischer Kalender.)
x x x x x x x x x x
x x x x x x
In dieser Diplomarbeit werden unter dem Begriff AJAX sämtliche Technologien zusammengefasst, welche einen HTTP POST durch einen XMLHttpRequest ablösen oder eine Serveranfrage gänzlich ersparen.
2.2 Der Begriff Usability
Die Usability ist ein primäres Konzept in der Mensch-Maschine-Interaktion und umfasst das Ziel Systeme einfach erlernbar und leicht bedienbar zu gestalten (Preece, Rogers, Sharp, Benyon, Holland, & Carey, 1994, S. 14). Der englische Begriff cUsability^ lässt sich in die deutsche Sprache mit cBenutzerfreundlichkeit^ übersetzen, für gewöhnlich wird jedoch auch in der deutschen Literatur der englische Begriff genutzt.
Der Begriff Usability wurde vor allem durch Jakob Nielsen bekannt, welcher unter anderem das laut Google Scholar mehr als 5.000 Mal (Google Inc., 2009) zitierte Buch "Usability Engineering" im Jahr
15 Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
1994 veröffentlich hat (Nielsen J. , 1994). Nielsen beschreibt in diesem Buch, wie auf die Usability von Anwendungen bereits in frühen Entwicklungsphasen geachtet werden und wie die Usability in Usability-Tests gemessen werden kann. Die von Nielsen beschriebenen Testmethoden eignen sich für das Testen von graphischen Desktop-Anwendungen.
Auch wenn Nielsen der Usability zu Popularität verhalf, war diese mehrere Jahre zuvor bereits ein oft publiziertes Thema. Autoren im Fachgebiet der Mensch-Maschine-Interaktion beschäftigen sich bereits länger mit den Problemen bei der Bedienung von Computern und mit Methoden, diese Probleme erkennen und messen zu können. So wurde bereits 1983 eine Software von IBM vorgestellt, welche es erlaubt, die Tastatureingaben zeitlich zu protokollieren und die gewonnenen Daten in eine Usability-Analyse einfließen zu lassen (Neal & Simons, 1983).
Im 1988 veröffentlichten Buch c,v}}l}(,µuv-}uµ/v]}v^~,/ werden zahlreiche Methoden für die Software-Evaluation mit Usability-Tests und Usability-Experten vorgestellt. Darunter sind das Beobachten und Filmen von Benutzern, die Aufzeichnung von Protokollen lauten Denkens, Fragebögen, Partizipatives Design und auch die Konsultierung von Experten (Gould, 1988). Diese Methoden wurden in den darauf folgenden Jahren weiterentwickelt und finden heute weiterhin Anwendung; diese und weitere Methoden werden in den Abschnitten 2.4 und 2.5 vorgestellt.
2.2.1 Standards
Mit zunehmender Verbreitung von Computern in Unternehmen geriet die Benutzerfreundlichkeit von Hard- und Software auch in den Fokus von Standards. Im Jahr 1991 veröffentlichte die internationale Organisation für Standardisierung (ISO) zusammen mit der Internationalen Elektrotechnischen Kommission (IEC) erstmals eine Serie von vier Normen 3 zur Definition externer und interner Qualität von Software. Die Normen mit der Bezeichnung ISO/IEC 9126 wurden mit dem Ziel geschaffen, eine Zusammenstellung von Definitionen für die Evaluation von Softwarequalität zu erstellen (Abran, Khelifi, Suryn, & Seffah, 2003). Die in ISO/IEC 9126 vorgestellten Definitionen wurden in sechs Kategorien eingeteilt, von denen eine die Usability eines Software Produktes ist. In der Darstellung der Kriterien in Abbildung 6 ist zu sehen, dass Usability in der Norm über die Verständlichkeit der Software, die Erlernbarkeit, die Bedienbarkeit, die Attraktivität und die Konformität zu Usability-Normen definiert wird.
Ein weiterer Standard im Bereich der Mensch-Maschine Interaktion ist die 1992 veröffentlichte ISO 9241. Die ISO 9241 definiert Vorrausetzungen für die ergonomische Arbeit am Bildschirmarbeitsplatz. Es finden sich dabei sowohl Vorrausetzungen für die Gestaltung von Peripherie-Kompetenten, über die der Benutzer mit dem Computer interagiert, als auch Prinzipien für die Gestaltung von Softwareoberflächen und der Kommunikation mit dem Benutzer.
Bei der Betrachtung von Standards muss jedoch berücksichtigt werden, dass diese von Gremien entworfen, aber nicht wissenschaftlich untersucht wurden. Die Qualität von Standards kann somit durchaus angezweifelt werden (Pfleeger, Fenton, & Page, 1994).
3 Normen und Standards sind Synonyme
16 Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
Preece et al. äußern ebenfalls Kritik an den Standards zur Mensch-Maschine-Interaktion. Zum Einen basieren diese auf den Eigenschaften von bestehenden Hard- und Software-Produkten und sind nicht übertragbar auf neue technologische Errungenschaften. Ebenso wird in den Standards nicht genau beschrieben, wie bestimmte Werte zu ermitteln sind (Preece, Rogers, Sharp, Benyon, Holland, & Carey, 1994, S. 506-507).
2.3 Usability von Webanwendungen
Der Trend Usability-Tests von Desktop-Software auf Webseiten auszudehnen entwickelte sich um das Jahr 2000. Ein weiteres oft zitiertes Buch (Google Inc., 2009) von Nielsen erschien 1999. In dem Titel "Designing web usability: The practice of simplicity" werden Design-Empfehlungen für die Komponenten von Internet- und Intranetseiten gegeben, jedoch noch keine Methoden für Web-Usability-Tests erwähnt. Auch sein neuerer Titel aus dem Jahr 2006 "Prioritizing Web Usability" geht dieses Thema noch nicht an.
Anders als Nielsen haben die Autoren Schweibenz und Thissen im Jahr 2003 den damals aktuellen Stand der Web-Usability-Forschung beleuchtet. Die Autoren erläutern unter der Fragestellung "Was ist bei Web Usability anders", dass die klassische Software-Ergonomie nicht auf Internetseiten angewandt werden kann, da sich Internetseiten stark von klassischen Desktop-Anwendungen unterscheiden. Die Hauptunterschiede sind in Tabelle 1 aufgelistet.
17 Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
Tabelle 1: Unterschiede zwischen Internetseiten und Desktop-Anwendungen (Schweibenz & Thissen, 2003, S. 62-67)
Diese Unterschiede zeigen, dass Webseiten einen wesentlich dynamischeren Charakter, als Desktop-Anwendungen besitzen. Desktop-Anwendungen sind in der Regel auf bestimmte Funktionen begrenzt, klarer strukturiert und durch einheitliche Oberflächengestaltung intuitiv bedienbar. Der Anspruch, Webseiten mit einem individuellen Design schön oder ästhetisch werden zu lassen, führt zu vielen verschiedenen Bedienmöglichkeiten, die der Benutzer nicht von einer Webseite auf die nächste übertragen kann (Schweibenz & Thissen, Qualität im Web, 2003).
Es ist daher anzunehmen, dass auch an die Usability-Testmethoden bei Internetseiten andere Anforderungen gestellt werden, als bei Desktop-Anwendungen. Diese Frage wird von Schweibenz und Thissen jedoch nicht aufgegriffen, die Autoren stellen in einem späteren Kapitel expertenorientierte Methoden aus der Usability-Forschung vor. Diese Methoden werden im nächsten Abschnitt vorgestellt.
Die bisher erwähnten Veröffentlichungen hatten noch keinen Bezug zu AJAX. Durch die verstärkte Verwendung von AJAX-Technologien haben sich die die Rahmenbedingungen für die zuvor bewährten Testmethoden nochmals geändert. Das Testen von Webanwendungen mit hohem JavaScript-Anteil stellt neue Anforderungen an die Testmethoden. Dies betrifft sowohl Software-Tests (Marchetto, Ricca, & Tonella, 2008), als auch die Aufzeichnung des Benutzerverhaltens für Usability-Tests (Atterer, Wnuk, & Schmidt, 2006). In dem Artikel von Atterer et al wird erstmals die Aufzeichnung von JavaScript Ereignissen als neue Methode für AJAX-Usability-Tests beschrieben, jedoch in der Literatur wenig aufgegriffen. Weder die Vor- noch die Nachteile werden diskutiert.
Aktuelle Literatur zur Usability von Webanwendungen greift weiterhin nur die bekannten klassischen Methoden und die bereits zuvor erwähnten Methoden zur Bewertung von Webseitenstrukturen auf (Jacobsen, 2007, S. 207-224), (Tullis & Albert, 2008, S. 57-80).
2.4 Expertenorientierte Methoden
Mit expertenorientierten Methoden lassen sich Produkte auf Gestaltungsprobleme durch Zuhilfenahme von Experten untersuchen. In der Literatur liest man als Bezeichnung für die expertenorientierten Methoden ch]o]Ç/v]}v^ nach Jacob Nielsen, cvoÇ]ZDZ}^ in der Psychologie oder cW]]ÀÀoµ]}v^ nach Jenny Preece.
18 Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
Für die Usability-Analyse von Webseiten können im Wesentlichen vier verschiedene Typen von Experten zu Rate gezogen werden:
N Interface-Experten sind spezialisiert für die Begutachtung des Designs von Benutzungsoberflächen
N Usability-Experten sind spezialisiert auf die Identifizierung von Usability-Problemen N Fach-Experten verfügen über das Fachwissen einer bestimmten Anwendung. Bei der Bewertung einer Personalmanagement-Anwendung kann beispielsweise ein Mitarbeiter aus der Personalabteilung als Fach-Experte herangezogen werden N Doppel-Experten vereinen Expertenwissen auf zwei der oben genannten Punkte
Zusammen mit einem oder mehreren Experten lässt sich ein Software-Produkt innerhalb weniger Tage evaluieren. Verglichen mit der Durchführung von Usability-Tests ist der Aufwand geringer und ohne die Einbeziehung von Benutzern und der Notwendigkeit bestimmte Geräte und Produkte nutzen zu müssen verbunden. Insgesamt sind dadurch die Kosten einer expertenorientierten Evaluation geringer. (Schweibenz & Thissen, Qualität im Web, 2003, S. 88-90)
Für die expertenorientierte Evaluation existieren mehrere Methoden, die in den folgenden Abschnitten vorgestellt werden.
2.4.1 Cognitive Walkthrough
Die Methode des Cognitive Walkthrough geht auf Polson und Lewis zurück, welche diese anhand eines Modells des explorierenden Lernens bei der Mensch-Maschine-Interaktion entwickelten. Das Modell basiert auf der Annahme, dass der Benutzer eines Systems ein bestimmtes Ziel verfolgt und die nötigen Bedienschritte dafür nicht kennt. Das Problem, die richtigen Bedienschritte heraus zu finden, löst der Benutzer indem er das System erkundet, bestimmte Aktionen auswählt, durchführt, und anhand der Ergebnisse der Aktionen lernt, mit welchen Schritten er vorwärts kommt und welche er rückgängig machen kann (Lewis, Polson, Wharton, & Rieman, 1990) (Polson, Lewis, Rieman, & Wharton, 1991).
Basierend auf der Annahme, dass Benutzer die Bedienung eines Software-Produktes durch explorierendes Lernen, anstatt der Teilnahme an Schulungen oder dem Lesen von Bedienungsanleitungen, erlernen, untersuchen die Gutachter beim Cognitive Walkthrough die Bedien- und Erlernbarkeit des Produktes.
Um einen Cognitive Walkthrough durchgehen zu können, ist von einem Produkt mindestens ein Papierprototyp erforderlich, mit dem die geplante Software-Oberfläche nachempfunden werden kann. Ein Produktdesigner gibt den Gutachtern die Bedienungsschritte vor, die ein Benutzer für die Durchführung bestimmter Aufgaben durchzuführen hat.
Während der Arbeit mit dem Produkt wird von den Gutachtern das explorierende Verhalten eines Benutzers unter der Annahme simuliert, dass der Benutzer in der Lage ist die Aufgaben zu erfüllen. Die Gutachter ermitteln dabei auch welchen Grad von Vorwissen ein Benutzer benötigt, um das Produkt bedienen zu können und nicht an Interaktionsproblemen zu scheitern. Das explodierende Verhalten wird durch die vorgegebenen Bedienschritte allerdings auch eingeschränkt. Um die Gutachter bei der Aufgabe, die nächsten Schritte des Benutzers annehmen zu können, zu
19 Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
unterstützen stellen Polson et al auch eine Zusammenstellung von Fragen bereit, die sich der Gutachter bei Evaluation stellen kann (Polson, Lewis, Rieman, & Wharton, 1991, S. 19-24).
Es wird ein Protokoll über sämtliche Bedienungsschritte und mögliche Gedanken der Benutzer erstellt. Die wertvollsten Informationen aus dem Protokoll lassen sich aus Fehlbedienungen ableiten, welche Fehler und Missverständlichkeiten in der Konzeption der Software-Oberfläche aufzeigen. Die Ergebnisse des Walkthrougs können mit den Produktdesignern zum Schluss diskutiert werden, um mögliche Verbesserungen in der Gestaltung der Oberfläche zu erarbeiten (Schweibenz & Thissen, 2003, S. 90-100).
2.4.2 Heuristische Evaluation
Bei der heuristischen Evaluation wird das gesamte Produkt auf die Erfüllung bestimmter Usability-Richtlinien (Heuristiken) von einer Expertengruppe überprüft. Im Vergleich mit dem Cognitive Walkthrough werden nicht nur einzelne Funktionen eines Produktes, sondern nach Möglichkeit alle Funktionen bewertet.
Es existiert eine Vielzahl von möglichen Heuristiken, nach denen ein Software-Produkt geprüft werden kann. Eine sehr umfangreiche Zusammenstellung von 944 Heuristiken für Software-Design wurde 1986 von Sidney Smith und Jane Mosier entwickelt (Smith & Mosier, 1986). Eine solche Vielzahl von Heuristiken kann jedoch dazu führen, dass die Experten beim Begutachten der Software nicht alle Heuristiken berücksichtigen können.
Speziell für Webapplikationen und Internetseiten wurden von der Society for Technical Communication im Jahr 2000 die Heuristiken für Web Kommunikation veröffentlicht (van der Geest & Spyridakis, 2000) 4 . Diese Heuristiken enthalten spezielle Richtlinien für die Text- und Bildverständlichkeit, der Hypertextnavigation, des Webdesigns und für das Usability-Testen auf Webapplikationen. Die Richtlinien sind zu einem großen Teil am Inhalt der zu überprüfenden Internetseite orientiert und enthalten Aussagen und Hinweise für die Untersuchung der Lesbarkeit und Erkennbarkeit von Inhalten, dem logischen Aufbau von Internetseiten, dem Rollenverhältnis von Autor und Leser oder auch für die Glaubwürdigkeit von Inhalten.
Mit einem ausgesuchten Satz von Heuristiken können die Gutachter (Experten) das Software-Produkt im Detail analysieren und Verstöße gegen die Heuristiken festhalten. Jeder Gutachter ist dazu angehalten den entdeckten Verstößen einen Schweregrad zuzuordnen, womit sich am Ende der Evaluation die Liste entdeckter Fehler nicht nur kategorisieren, sondern auch priorisieren lässt. (Schweibenz & Thissen, 2003, S. 100-109)
2.4.3 Usability Walkthrough
Der Usability Walkthrough wurde von Karat et al als eine zweistufe Evaluationsmethode beschrieben. Die Methode wurde mit dem Ziel entworfen eine möglichst große Anzahl von Usability-Problemen zu identifizieren und gleichzeitig die Kosten und damit den Zeitaufwand für eine Evaluation gering zu halten. (Karat, Campbell, & Fiegel, 1992)
4 Eine deutsche Übersetzung ist frei zugänglich auf der Internetseite des Fachverbandes für technische Kommunikation und Informationsentwicklung (Schweibenz, Heuristiken für Web-Kommunikation, 2001)
20 Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
Der Usability Walkthrough wird in zwei Phasen durchgeführt. Die erste Phase entspricht einer heuristischen Evaluation, für die zwölf ausgesuchte Usability Guidelines als Heuristiken dienen. In der zweiten Phase wird ähnlich einem Cognitive Walkthrough vorgegangen. Die Gutachter erhalten eine Liste von Szenarien mit Aufgabenbeschreibungen, die bewältigt werden müssen. Die Aufgaben werden in einer zufälligen Reihenfolge ausgehändigt und müssen in dieser Reihenfolge abgearbeitet werden. Der Gutachter hat die Möglichkeit Aufgaben abzubrechen oder zu überspringen (Sears, 1997, S. 218).
Karat et al führen für ihre Studie sowohl einen Usability Walkthrough, als auch einen Usability-Test durch, wobei in der Studie nicht erwähnt wird, welche Methoden für den Usability-Test angewandt wurden. Im Ergebnis wurden durch den Usability Walkthrough zwar weniger Usability-Probleme entdeckt, als durch den Usability-Test, jedoch konnte der Usability Walkthrough mit einem wesentlich geringeren Zeitaufwand durchgeführt werden (Karat, Campbell, & Fiegel, 1992).
2.4.4 Heuristischer Walkthrough
Der heuristische Walkthrough wurde von Andrew Sears entworfen, um die Vorteile der Heuristischen Evaluation, des Cognitive Walkthrough und des Usability Walkthroughs mit einander zu kombinieren (Sears, 1995).
Die heuristische Evaluation wird von Sears als zwar leicht verständlich, aber unstrukturiert und nur durch eine Liste von Heuristiken angeleitet kritisiert. Als Folge dieser simplen Herangehensweise kommen häufig auch wenig erfahrene Personen, statt Experten, bei der Evaluation zum Einsatz. Diese Personen halten sich oft strikt an die Heuristiken und klassifizieren alle Verstöße gegen Heuristiken als Usability-Probleme, auch wenn es sich um gar keine handelt. Der Cognitive Walkthrough gleicht, laut Sears, die Unstrukturiertheit der heuristischen Evaluation aus, definiert die Aufgaben aber zu strikt. Aufgrund der detaillierten Definition ist es nur beschränkt möglich das explorierende Verhalten tatsächlich zu simulieren (Sears, 1997, S. 218).
Bei dem heuristischen Walkthrough wird, ähnlich wie bei dem Usability Walkthrough, in zwei Phasen vorgegangen. Die erste Phase ähnelt dem Cognitive Walkthrough und enthält weniger Strenge Vorgaben für die Aufgaben und Bedienschritte. Dem Gutachter wird eine Liste von priorisierten Aufgaben ausgehängt, die zu bearbeiten sind. Die Reihenfolge der Bearbeitung kann der Gutachter selbst bestimmen, sollte sich jedoch im Groben an die Prioritäten halten. Den Gutachtern werden vier Fragen bereitgestellt, um die nächsten Schritte des Benutzers abzuschätzen:
1. Können die Benutzer wissen, was im nächsten Schritt getan werden muss? 2. Bemerken die Benutzer, dass ein Steuerelement für die Bedienung des nächsten Schrittes verfügbar ist? Ist das Steuerelement gut zu erkennen?
3. Wenn die Benutzer das Steuerelement bemerken weiß dieser wie er es zu benutzen hat? 4. Wenn die Benutzer das Steuerelement korrekt bedienen: bemerken sie, dass ein Fortschritt stattgefunden hat? Gibt die Anwendung ein optisches Feedback?
Die zweite Phase ist eine heuristische Evaluation. Die Gutachter prüfen die Software-Oberfläche auf die Konformität zu Heuristiken, verfügen dafür aber über das Wissen aus der ersten Phase. Mit diesem Wissen ist es den Gutachtern eher möglich einzuschätzen, ob ein Verstoß gegen eine Heuristik tatsächlich ein Usability-Problem ist (Sears, 1997, S. 220-221).
21 Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests
2.4.5 Partizipatives Design und Kooperative Evaluation
Die Methode des Partizipativen Designs wurde von Enid Mumford veröffentlicht. Mumford definiert Partizipatives Design selbst wie folgt: cXXXZv]vPresponsibilityfor the design of a new work system to Zuo}ÇÁZ}ÀvµooÇZÀ}}]X_ (Mumford, 1981, S. 5)
Das Partizipative Design schließt die Benutzer in ein frühes Stadium der Entwicklung eines neuen Software-Systems ein und ist daher keine reine expertenorientierte Methode. Mumford nennt vier Gründe, die dafür sprechen, die Benutzer eines neuen Systems in den Entwurf mit einzubeziehen:
1. Personen haben ein moralisches Recht ihr absehbares Schicksal zu steuern. Dies trifft auf den Kontext des Arbeitsplatzes zu
2. Es ist ratsam jedem Mitarbeiter die Möglichkeit zu geben über seine Aktivitäten entscheiden zu können
3. Die wirklichen Experten für das Design von Aufgaben sind die Personen, welche die Aufgaben auch wirklich ausführen
4. Die Involvierung von Mitarbeitern in die Gestaltung von Arbeitsprozessen ist ein Motivationsfaktor, der zu mehr Produktivität und Effektivität führt
Mumford teilt das Partizipative Design in drei Typen auf, die sich am Grad der Involvierung von Benutzern orientieren:
N Das konsultative Design ist ein Ansatz, bei dem eine Software und ihre Prozesse im Wesentlichen von System-Designern entworfen werden. Den Designern wird mitgeteilt, welche Bedürfnisse die Benutzer bei der Bedienung einer neuen Software und ihrer Arbeitsweise haben, sodass diese mit einbezogen werden können. Die Informationen werden in einer Arbeitszufriedenheitsanalyse erhoben, einer Methode die ebenfalls von Mumford entworfen wurde (Mumford, 1972). Eine direkte Involierung von Benutzern in den Designprozess ist bei dem konsultativen Design nicht gegeben
N Beim repräsentativen Design wird in die Gruppe der Systemdesigner ein Vertreter aus jeder Benutzergruppe eines Systems aufgenommen. Diese Vertreter können den Designprozess mitgestalten
N Beim Konsens System Design wird wie beim repräsentativen Design vorgegangen. Zusätzlich haben die Vertreter die Aufgabe die Vorschläge und Entwürfe der Software und von Arbeitsprozessen mit ihren Kollegen durchzusprechen. Ferner besteht die Aufgabe die Vorschläge und Anregungen der Kollegen mit in den Prozess zu tragen. Dieses Vorgehen soll die Einbeziehung sämtlicher künftiger Benutzer in den Designprozess gewährleisten.
Eine weitere Methode, welche Benutzer in das Design von Software-Oberflächen mit einbezieht, ist die Kooperative Evaluation. Im Gegensatz zum Partizipativen Design ist die Kooperative Evaluation nicht ausschließlich für die Erstellung neuer Software-Systeme entworfen worden, sondern auch für die Verbesserung vorhandener Benutzungsoberflächen. Ebenso zielt die kooperative Evaluation nur auf die Verbesserung der Benutzungsoberfläche ab, die Abläufe und Prozesse der Software werden von dieser Methode nicht betrachtet.
Ihren Ursprung hat die Methode bei Wright und Monk, diese haben die kooperative Evaluation als eine Mischung aus der benutzerorientierten und expertenorientierten Evaluation entworfen. In zwei Studien wurden Designer und Benutzer eines Systems dazu angehalten einen Prototypen
22 Diplomarbeit von Mark Aslan Kuschel
Arbeit zitieren:
Mark Aslan Kuschel, 2009, Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Digitalisierung der deutschen Wohnzimmer
Entwicklungstand und Vor- und ...
Medien / Kommunikation - Medienökonomie, -management
Hauptseminararbeit, 26 Seiten
Eine medienökonomische Analyse der Auswirkungen von IPTV
Medien / Kommunikation - Medienökonomie, -management
Diplomarbeit, 93 Seiten
Balanced Scorecards als Steuerungsinstrument im Medienbereich
Medien / Kommunikation - Medienökonomie, -management
Seminararbeit, 25 Seiten
Die Übertragung von Sportveranstaltungen im Internet zur Schaffung von...
Sport - Medien und Kommunikation
Diplomarbeit, 97 Seiten
Usability Evaluation - Identifizierung von Nutzungsproblemen mittels E...
Diplomarbeit, 170 Seiten
Mark Aslan Kuschel's Text Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Mark Aslan Kuschel hat den Text Bewertung von AJAX Steuerelementen anhand von Usability-Tests veröffentlicht
Mark Aslan Kuschel hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare