Das Genre Kurzfilm als Gegenstand der
Literaturwissenschaft und des
fremdsprachigen Literaturunterrichts
- Vorschläge für einen handlungs- und
prozessorientierten Umgang mit dem
Kurzfilm "Quiero ser" von Florian
Gallenberger im Spanischunterricht der
gymnasialen Oberstufe
Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung für das Amt des
Studienrats
Vorgelegt von:
Karina Schwach
Berlin, den 31. August 2007
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2
2 Das Genre Kurzfilm
4
2.1 Definition und Geschichte des Kurzfilms
4
2.2 Kurzfilmgattungen
7
2.3 Der Film als Erzählung
8
2.4 Die Bedeutung der Kürze für die Erzählung
10
3 Der Kurzfilm als Gegenstand der Literaturwissenschaft und des fremdsprachigen
Literaturunterrichts
12
3.1 Film als Medium für den Fremdsprachenunterricht
12
3.2 Film literacy im Fremdsprachenunterricht
13
3.3 Notwendigkeit und Zielsetzungen der Filmanalyse
16
4 Filmanalyse
18
4.1 Theoretische Grundlagen
18
4.1.1 Analyse des Narrativen
18
4.1.1.1 Gestaltete Abfolge: Anfang, Hauptteil, Ende
18
4.1.1.2 Erzählzeit und erzählte Zeit
21
4.1.1.3 Figuren und Figurenkonstellation
22
4.1.1.4 Symbolik
23
4.1.2 Analyse der filmästhetischen Mittel
24
4.1.2.1 Kamera
24
4.1.2.2 Montage
27
4.1.2.3 Licht
28
4.1.2.4 Musik
28
4.2 Der Film Quiero ser
29
4.2.1 Inhaltsangabe
29
4.2.2 Handlungsverlauf in Sequenzen
30
4.2.3 Analyse des Narrativen
34
4.2.3.1 Gestaltete Abfolge: Anfang, Hauptteil, Ende
34
4.2.3.2 Erzählzeit und erzählte Zeit
38
4.2.3.3 Figuren und Figurenkonstellation
39
4.2.3.4 Symbolik
41
Inhaltsverzeichnis
4.2.4 Analyse der filmästhetischen Elemente
42
4.2.4.1 Kamera
42
4.2.4.2 Montage
45
4.2.4.3 Licht
46
4.2.4.4 Musik
47
5 Handlungs- und prozessorientierter Unterricht
50
5.1 Das Prinzip der Handlungsorientierung im Fremdsprachenunterricht
50
5.2 Handlungsorientierter Umgang mit Filmen
53
5.3 Das Prinzip der Prozessorientierung im Fremdsprachenunterricht
54
5.4 Prozessorientierter Umgang mit Filmen
56
6 Vorschläge für einen handlungs- und prozessorientierten Umgang mit dem Kurzfilm
Quiero ser
58
6.1 Eignung des Kurzfilms Quiero ser für den fremdsprachigen Literaturunterricht
58
6.2 Lernziele
60
6.3 Handlungs- und prozessorientierte Aufgabenvorschläge
60
6.3.1 Aufgaben zur Vorbereitung des Films (pre-viewing-activities)
62
6.3.2 Aufgaben während der Filmrezeption (while-viewing-activities)
63
6.3.3 Aufgaben nach der Filmrezeption (post-viewing-activities)
63
6.4 Auswertung der Aufgabenvorschläge
67
7 Resümee
71
8 Bibliographie
73
9 Anhang
76
9.1 Sieben Standbilder aus dem Film Quiero ser.
76
9.2. Überschriften auf Spanisch zu den achtzehn Sequenzen.
78
1. Einleitung
2
1 Einleitung
Filme nehmen in der heutigen Zeit einen immer größeren Stellenwert ein. Wie kein anderes
Medium bestimmen sie unser Alltagsleben und unsere Kultur: sie beeinflussen unser Denken,
Verhalten und Handeln, sie faszinieren, verführen und manipulieren. Auf diese Weise
gewinnen sie auch zunehmende Bedeutung für die Schule. Hier werden sie nicht nur als
wichtige Sozialisationsmittel, sondern auch als eigenständige ästhetische Kunstwerke mit
einem ungewöhnlich hohen Wirkungspotenzial neu entdeckt. So scheinen die Integration von
Filmen im Unterricht und die Entwicklung einer Filmkompetenz, in einem von bewegten
Bildern gesteuertem Zeitalter, in dem das ,,Sehen" wichtiger denn je ist, unabdingbar.
Insbesondere der Fremdsprachendidaktik eröffnet der Einsatz von Filmen ganz neue
Dimensionen. Mithilfe der audiovisuellen Texte können fremde Welten in das Klassenzimmer
geholt werden und den Schülern das Eintauchen in diese ermöglicht werden. So wird das
Kennenlernen der fremden Kultur und der Zielsprache zu einem lebensnahen Erlebnis, was
sich wiederum sehr positiv auf den Erwerb der fremden Sprache und das Fremdverstehen
auswirkt. Filme machen den Fremdsprachenunterricht dynamischer, authentischer, lebendiger
und sie können sowohl einen besonderen Beitrag zur Ausbildung des Seh- und Hörverstehens
als auch der Rede- und Schreibkompetenz leisten. Vorraussetzung ist ein Umgang mit dem
Medium, der seinem Kunstcharakter Rechnung trägt.
In dieser Arbeit soll ein Einblick in das Funktionsspektrum von Filmen gegeben und gezeigt
werden, wie ihr Potenzial ausgeschöpft und gewinnbringend im fremdsprachigen
Literaturunterricht eingebracht werden kann. Dabei soll das Genre Kurzfilm im Mittelpunkt
stehen. Kurzfilme eignen sich nicht nur aufgrund ihrer kurzen Filmdauer ideal für den
Unterricht, sondern bieten vor allem auch durch ihre starke Ausdruckskraft viel
Diskussionsmaterial. In den wenigen Minuten Spielzeit ziehen diese kurzen Filme den
Zuschauer in ihren Bann, erlauben ihm ein spontanes Eindringen in unbekannte Geschichten,
ermöglichen ein intensives Erleben von Spannung, Faszination sowie Erstaunen und
hinterlassen häufig einen subtilen Eindruck, der über die Rezeptionszeit hinausgeht und oft
über Jahre erhalten bleibt.
Der mexikanische Kurzspielfilm Quiero ser von Florian Gallenberger gehört zweifellos zu
den Kurzfilmen, die tiefe Bewegtheit und Betroffenheit beim Zuschauer auslösen. Deshalb
soll an seinem Beispiel gezeigt werden, was das Potenzial dieses Mediums ausmacht und
mithilfe welcher Zugangsformen der Fremdsprachenunterricht seinem Kunstcharakter gerecht
1. Einleitung
3
werden kann. Ziel ist es, nicht nur die Besonderheiten und Vorteile dieser Gattung für den
fremdsprachigen Unterricht zu verdeutlichen und Vorschläge für einen gewinnbringenden
Umgang mit diesem Medium im Unterricht zu geben, sondern auch allgemein das Interesse
für Kurzspielfilme, ob in Schule, Universität oder in der Freizeit, zu wecken.
Zunächst soll gezeigt werden, wodurch sich das Genre Kurzfilm definiert, sowie ein kleiner
Exkurs in die Filmgeschichte gemacht werden, um auf diese Weise seine Entwicklung und
heutige Situation nachvollziehbar zu machen. Außerdem werden die verschiedenen
Kurzfilmgattungen vorgestellt und die für die Arbeit relevante Gattung des Kurzspielfilms
hervorgehoben. An ihr soll verdeutlicht werden, inwiefern Filme als narrative Texte zu
verstehen sind und welchen Wert die Kürze für das Erzählen von Geschichten hat.
Anschließend wird auf die Bedeutung des Mediums für den fremdsprachigen
Literaturunterricht eingegangen und das angestrebte Lernziel einer fächerübergreifenden
Filmkompetenz genauer betrachtet. Mithilfe der Erkenntnis, dass auch Filme eine Textsorte
darstellen, soll gezeigt werden, dass mit ihnen in gleichem Maße zu arbeiten ist wie mit
Romanen, Kurzgeschichten oder Gedichten, also sowohl auf inhaltlicher als auch formaler
Ebene.
Das vierte Kapitel widmet sich der Filmanalyse. Es lässt sich unterteilen in einen
theoretischen Teil, in dem zunächst die Grundlagen analytischer Verfahren eingeführt
werden, und einen praktischen Teil, in dem diese am Beispiel von Gallenbergers Kurzfilm
Quiero ser
umgesetzt werden. Anhand einer Auswahl narrativer und filmästhetischer
Stilmittel, wie z.B. der gestalteten Abfolge des Films, dem Einsatz von Symbolen, der
Kameraästhetik oder Lichtgestaltung, soll das Potenzial des Kurzfilms demonstriert werden.
Im Anschluss an die Filmanalyse werden zwei didaktische Prinzipien vorgestellt, die einen
Umgang mit dem Medium Film ermöglichen, der seinem Kunstcharakter Rechnung trägt. Es
handelt sich dabei um den handlungs- und prozessorientierten Unterricht. In Kapitel fünf
werden zunächst die allgemeinen Merkmale der Handlungs- und Prozessorientierung
vorgestellt und dann ihre methodischen Vorzüge für die Filmarbeit hervorgehoben.
Im sechsten Kapitel sollen schließlich Aufgabenvorschläge für einen handlungs- und
prozessorientierten Umgang mit dem Kurzfilm Quiero ser gemacht werden. Sie sollen zeigen,
wie man das Potenzial eines Films durch handlungs- und prozessorientierte sowie analytische
Zugangsformen im Unterricht ausschöpfen und dem Lernenden ein intensiveres Erleben und
Verstehen von Filmen ermöglichen kann.
Das Resümee soll die in dieser Arbeit gewonnenen Einsichten zusammenfassen.
2. Das Genre Kurzfilm
4
2 Das Genre Kurzfilm
Der Kurzfilm ist ein Genre, das in der heutigen multilateralen Medienlandschaft zwar oft im
Schatten der langen Spielfilme steht, die die Kino- und Fernsehwelt beherrschen, diese jedoch
mit seinen besonderen inhaltlichen sowie filmästhetischen Mitteln auf sehr wertvolle und
unverzichtbare Weise bereichert. Das spiegelt sich auch in den filmgeschichtlichen
Entwicklungen der letzten Jahre wider, in denen der Kurzfilm und dessen mögliches
Bildungs- und Wirkungspotenzial zunehmend an Beachtung und Bedeutung in den
unterschiedlichsten Bereichen (Kino, Fernsehen, oder Schule) gewinnt.
Wer hat die Faszination, die diese Filme auf einen ausüben können, nicht schon einmal
gespürt? Man erinnert sich an die kurzen Geschichten noch lange Zeit nach ihrer Rezeption,
und wundert sich vielleicht, dass sie eine solche Begeisterung auslösen und zu einer so
intensiven Beschäftigung mit ihren Inhalten anregen können. Der Eindruck, den diese Filme
hinterlassen, bleibt oft über Jahre erhalten.
Nun stellt sich die Frage, wodurch diese Filme so faszinieren und trotz ihrer Kürze- oder
gerade deshalb- so tief bewegen können. In der vorliegenden Arbeit wird dieser Frage Stück
für Stück nachgegangen.
Zunächst sollen der Begriff des Kurzfilms definiert und ein kleiner Einblick in seine
Geschichte und gegenwärtige Bedeutung gegeben werden. Anschließend wird auf die
verschiedenen Gattungen des Kurzfilms eingegangen und hierbei die für diese Arbeit
relevante Gattung, nämlich der Kurzspielfilm, hervorgehoben. Zuletzt sollen die
Besonderheiten des Kurzspielfilms und hier insbesondere der Aspekt der ,,Kürze" für die
Umsetzung einer Geschichte in eine Filmhandlung und seine Funktion in Bezug auf den
Inhalt, die Erzählstrukturen und die Wirkung auf das Publikum dargestellt werden.
2.1 Definition und Geschichte des Kurzfilms
Der Kurzfilm definiert sich als Gegenstück zum langen Spielfilm ausschließlich über seine
Länge, unabhängig von seiner Funktion (z.B. Unterhaltung oder Bildung), seinem Inhalt (z.B.
Dokumentar- oder Spielfilm) oder seiner Machart (z.B. Animations- oder Realfilm). Daher ist
die Bezeichnung ,,Kurzfilm" erst seit der Produktion von langen Spielfilmen (ab ca. 1915)
sinnvoll. (Rother 1999, S.184) Die Grenzen der Filmdauer werden sehr verschieden gesetzt.
Laut Monaco sollte sie 1000m bzw. 36 Minuten nicht übersteigen. (Monaco 2000, S.95)
1
1
Die Filmlänge wurde damals in Filmmetern und nicht in Zeitdauer angegeben. Erst mit der Entwicklung der
Langfilme, die statt wenigen hundert Metern einige Kilometer lang sein konnten, wurde die Angabe in Minuten
eingeführt. (Heinrich 1993, S.4)
2. Das Genre Kurzfilm
5
Obwohl mit dem Kurzfilm 1895 die Filmgeschichte beginnt, findet man kaum Material zu
dieser Filmgattung. In den meisten Büchern der Filmgeschichte wird der Kurzfilm nicht
einmal erwähnt. Dies hängt damit zusammen, dass die Kürze des Films damals kein Kriterium
für die Gattungszuordnung war. Vielmehr war die Filmlänge von den technischen
Möglichkeiten abhängig.
Die ersten Kurzfilme wurden zwischen 1900 und 1908 als Teil des Unterhaltungsprogramms
eines Jahrmarkts- und Wanderkinos vorgeführt. Mit der Entstehung des großen Kinos wurden
ganze Kurzfilmketten vorgespielt, die später von den Langfilmen abgelöst wurden und bis in
die 1970er Jahre nur noch als Vorfilme vor dem eigentlichen Hauptfilm vorgeführt wurden.
(Reclams Sachlexikon des Films 2002, S.337) So negativ der Status des Vorfilms auf den
ersten Blick erscheint, so positiv war er letztendlich für diesen, denn damit rückte der
Kurzfilm in das Interesse der jungen Filmemacher und Schauspieler und wurde für sie zu
einem ,,Experimentierfeld" und ,,Talent- oder Testgebiet". (Heinrich 1993, S.6) Im Gegensatz
zum Langfilm brachte der Kurzfilm vor allem auch finanzielle Vorteile.
Erst mit der avantgardistischen Kurzfilmbewegung der 1920er und 1930er Jahre fand der
Kurzfilm als eigenständiges ästhetisches Kunstmittel mehr Beachtung und führte zu neuen
Produktionsmotivationen. Dies wurde von Künstlern in Gang gesetzt, die den Kurzfilm als
neuartiges und uneingeschränktes Experimentierfeld für sich entdeckten. Ihr Ziel war es, sich
von dem kommerziellen und publikumsorientierten Langfilm loszulösen und Neues
auszuprobieren. Es entstanden Filme ohne Handlung, d.h. ohne literarische und theatralische
Elemente, die sich nur aus Bildern zusammensetzten oder Filme, die ohne inhaltlichen
Zusammenhang Bilder und Szenen miteinander verknüpften und eher an wirre Träume und
Visionen erinnerten. (Heinrich 1993, S. 9)
Den nächsten bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung des Kurzfilms nahm der zweite
Weltkrieg. Der Kurzfilm wurde als Hilfsmittel der Propaganda eingesetzt. Es wurden nur
noch Kurzfilme mit kriegsrelevanter Thematik und einem berichtenden dokumentarischen
Charakter produziert. Die Verwendung des Kurzfilms als ,,Informationsträger" und ,,Alltags-
Dokumentation" gab dem Kurzfilm eine neue Bedeutung als Bildungsfilm. (Heinrich 1993,
S.10)
In den 1950er Jahren fungierte der Kurzfilm erneut hauptsächlich als Vorfilm. Damit passte er
sich wieder den Regeln des Unterhaltungskinos an. Es wurden hauptsächlich kurze
Komödien, Tanz- und Musikfilme, Sportserien oder Reisemagazine produziert.
In den 1980er und 1990er Jahren zeichnete sich das Genre vor allem durch das starke
Erscheinen dramatischer Kurzspielfilme aus. Sie existierten bereits vorher, fanden jedoch
2. Das Genre Kurzfilm
6
kaum Beachtung. In ihnen wird der Aspekt der Kürze als mögliches Mittel für die
Dramaturgie und den Handlungsablauf erstmals erschöpfend genutzt. In dieser Zeit verliert
der Kurzfilm allerdings ,,als künstlerisch anspruchsvolles und facettenreiches Medium" in
Kino und Fernsehen an Bedeutung. (Heinrich 1993, S.13) Er kann sich nicht gegen die Serien,
Slapstickkomödien oder Dokumentationen durchsetzen. Eine Fortführung der Produktion des
Kurzfilms findet lediglich im Bereich des Kurzspielfilms und Experimentalfilms statt. Es sind
Filme, die einen sicheren Platz auf den heutigen Filmfestivals oder speziellen
Kurzfilmfestivals, wie die 1954 gegründeten ,,Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen",
einnehmen. (Reclams Sachlexikon des Films 2002, S.338) Diese Kurzfilme werden meist nur
von einem kleinen Publikum angesehen. Es handelt sich um einen Kreis von Interessenten,
die sich mit Kurzfilmen beschäftigen und für die die Präsentation der Kurzfilme eine Art
Austauschbörse von Ideen und Anregungen darstellt. (Heinrich 1993: S.15) Das trägt zwar
nicht dazu bei, dass der Kurzfilm sich ein breiteres Publikum erschließt, doch spielen diese
Veranstaltungen allgemein eine wichtige Rolle für die Förderung der Kurzfilmproduktion.
Inzwischen findet der Kurzfilm zunehmend seinen Weg ins Fernsehen. Neben den bereits seit
längerem etablierten Werbefilmen oder den Musik- und Animationsfilmen, die vor allem auf
den Musiksendern MTV oder VIVA ausgestrahlt werden, wird nun auch der Kurzspielfilm
verstärkt in andere Fernsehprogramme aufgenommen. Auf Pay-TV-Sendern wie Premiere, bei
denen die langen Spielfilme meistens zur vollen Stunde beginnen, erscheinen die
Kurzspielfilme oft als ,,Lückenfüller", weil sie sich mit ihrem Unterhaltungs- und
Bildungspotential gut dafür eignen, das Interesse des Zuschauers über die Programmpause
hinweg bis zum Beginn des nächsten Films aufrechtzuerhalten. In den verschiedenen Ländern
finden sich auch ganze Kurzfilmsendungen, die aus einer Kette von Kurzfilmen zu einem
Oberbegriff bestehen.
2
Als autonomer Film, d.h. aufgrund seiner Eigenwirkung, wird der Kurzfilm jedoch nur noch
sehr selten eingesetzt, wenngleich sich langsam Tendenzen in diese Richtung im Programm
des Senders 3Sat zeigen.
Hier werden regelmäßig jeden Dienstagabend zur besten Sendezeit Kurzfilme von bis zu
zwanzig Minuten Länge aus aller Welt ausgestrahlt: kurze Spielfilme, Animation,
dokumentarische Arbeiten und andere interessante Mischformen.
2
Beispiele für Kurzfilmsendungen in Deutschland ,,Kurzschluss"(auf Arte), in England ,,Short & Curlies" (auf
BBC) und in Amerika ,,The Independents" (auf dem Dicovery Channel). (Heinrich 1993, S.17)
2. Das Genre Kurzfilm
7
2.2 Kurzfilmgattungen
Durch das Charakteristikum seiner Vielfalt und Unbegrenztheit ist es sehr schwierig,
allgemeine Aussagen über den Kurzfilm zu treffen. Es gibt weder feste Erzählmodelle noch
feste Vorgaben zu seiner Länge. Nichtsdestotrotz lassen sich die vielfältigen
Erscheinungsformen des Kurzfilms, ähnlich wie in der Literatur, verschiedenen Gattungen
zuordnen. Allerdings ist der Gattungsbegriff hier, bedingt durch den kontinuierlichen Wandel,
nicht fest definiert. (Zochbauer 1969, S. 8) Daher sollten die folgenden Gattungen auch nur
als weitgefasste Bereiche für Beispiele mit ähnlichen Absichten und Ideen verstanden werden.
Zu einer der wichtigsten Kategorien des Kurzfilms zählt der Kurzspielfilm. Er zeichnet sich
im Gegensatz zu den anderen Gattungen vor allem durch eine ,,klar zu definierende Handlung
und der sich daraus ergebenden Geschichte" aus. (Heinrich 1993, S.27) Zur Darstellung einer
vollständigen, fiktiven Erzählung wird hier insbesondere auf narrative und dramatische
Strukturen zurückgegriffen. Anders als bei dem Langspielfilm gibt es jedoch noch keine
Subgattungen wie etwa den ,,Kurzwestern", ,,Kurzkrimi" oder die ,,kurze Love Story"
(Hickethier 2007, S.203). Seit 1931 wird jährlich ein Oscar (eigentlich Academy Award of
Merit
) für den besten Kurzspielfilm vergeben.
Eine weitere Gattung bildet der Experimentalfilm. Einige seiner Merkmale wurden bereits
im vorangegangenen Kapitel erwähnt. Es handelt sich dabei um Kurzfilme, ,,die außerhalb der
kommerziellen Filmwirtschaft hergestellt [werden] und als künstlerische (oder ökonomische)
Experimente gelten." (Monaco 2000, S.59). Im Vordergrund der Produktion dieser Filme
steht die Umsetzung einer neuen Kunst, unter anderem auch unter dem Einsatz neuer
Technologien (wie z.B. in den Anfangsjahren des Films).
Der Animationsfilm gehört zu den am weitesten verbreiteten Kurzfilmgattungen. Seine
bekannteste und beliebteste Form sind die Zeichentrickfilme. Diesen Kurzfilmen liegt ein
gemeinsames Produktionsverfahren zugrunde, bei dem Bilder von aufeinander bezogenen
Bewegungsphasen einzeln aufgenommen werden, aber in der filmischen Projektion einen
kontinuierlichen Bewegungsablauf ergeben. (Heinrich 1993, S.23)
Der Tatsachenfilm ist ein weiterer Bereich der Kurzfilmgattungen. Er lässt sich aufteilen in
den Dokumentar-, Bildungs- und Industriefilm. Gemeinsam ist diesen Filmtypen ihre
Vermittlungsfunktion,
die
sich
unterschiedlich
ausdrückt.
Durch
den
primär
veranschaulichenden Charakter entfernt sich der Tatsachenfilm von den anderen
Kurzfilmgattungen, bei denen der künstlerisch-ästhetische Aspekt im Vordergrund steht.
2. Das Genre Kurzfilm
8
Der Bildungsfilm stellt wissenschaftliche Zusammenhänge oder Vorgänge dar, die durch die
visuelle Veranschaulichung die Aufnahmebereitschaft und -fähigkeit des Zuschauers steigern
sollen. Der Dokumentarfilm befasst sich ebenfalls mit der Darstellung von Tatsachen. Im
Unterschied zum Bildungsfilm liegen seine Themen jedoch mehr im gesellschaftlichen
Bereich und sind nicht linear vorgezeichnet.
Im Vergleich zum Bildungs- und Dokumentarfilm ist der Industriefilm in der Regel eine
Auftragsarbeit von wirtschaftlichen Unternehmen. Er zeichnet sich durch einen primär
informativen und instruktiven Charakter aus. In ihm kommt das Bild der ,,freien Wirtschaft"
oder das Betriebsgeheimnis der sich filmen lassenden Industrie zum Vorschein. (Heinrich
1993, S.24f)
Auch der Werbefilm und der Musikclip haben sich mittlerweile zu eigenen
Kurzfilmgattungen entwickelt, obwohl sie im Prinzip auch als Subgattungen des
Kurzspielfilms angesehen werden könnten, dessen Hauptmerkmal die Darstellung einer
Geschichte ist. Beide verfolgen jedoch einen übergeordneten Zweck, nämlich die
Verkaufsförderung eines Produkts, der über das Erzählen einer Geschichte hinausgeht. Der
Musikclip erhält seine autonome Berechtigung neben dem wirtschaftlichen Faktor auch durch
seine künstlerische und technische Orientierung, die aus dem Wunsch nach Abgrenzung von
anderen Clips und dem Versuch Trends widerzuspiegeln, geprägt ist. Das gleiche gilt für den
Werbefilm. Durch ihn können Produkte wirkungsvoll in eine kurze Geschichte eingebettet
und den Zuschauern in voller Funktion präsentiert werden. Die starke Finanzkraft der
Unternehmen hat den Werbefilm zu einer eigenästhetischen und experimentell orientierten
Kurzfilmgattung gemacht, bei der die künstlerische Umsetzung sogar oft vor dem
eigentlichen Produkt steht. (Heinrich 1993, S.25f)
Die Filmgeschichte und die verschiedenen Kurzfilmgattungen haben gezeigt, dass der Bereich
des Kurzfilms sehr vielfältig und unbegrenzt ist. Alles ist möglich. In dieser Arbeit wird der
Kurzspielfilm, der sich durch die Verbindung von real wirkendem Schauspiel mit einer
Handlung auszeichnet, im Vordergrund stehen. Er bedient sich bestimmter dramatischer
Erzählstrategien sowie cineastischer Mittel, auf die in den nächsten Kapiteln ausführlicher
eingegangen werden soll.
2.3 Der Film als Erzählung
Das Erzählen ist nicht nur eine spezifische literarische Tradition, d.h. es ist nicht auf die
mündliche oder schriftliche Sprache beschränkt. Erzählt werden kann ebenso durch Bilder,
Gesten und Bewegungen. Daraus ergibt sich das Verständnis des Films als Erzählung. Er
erzählt bzw. stellt dem Zuschauer nicht nur mit Sprache, sondern auch mit Bildern eine
2. Das Genre Kurzfilm
9
Geschichte dar. Damit bilden Filme eine Textsorte, die durch das Zusammenspiel von
visuellen und akustischen Ausdrucksmitteln gekennzeichnet ist. (Nünning/Surkamp 2007,
S.245).
Der Akt des Erzählens kann beschrieben werden als ein Gestalten, Erfinden und Begrenzen
eines Geschehens als in sich Geschlossenes. Dieses Geschehen wird dem Rezipienten in der
Literatur durch einen Erzähler vermittelt, im Film übernimmt dagegen die Kamera die
,,Erzählinstanz", da der Betrachter durch sie auf das Dargestellte blickt. Dabei wird dem
Zuschauer die Geschichte als eine Abfolge von Fragmenten aus einer vorgestellten Realität
präsentiert, die mithilfe spezieller Montagetechniken miteinander verknüpft werden, um am
Ende eine zusammenhängende Einheit zu bilden.
In Anlehnung an die Rezeptionsästhetik, die das Leseverstehen als einen kommunikativen
Akt versteht, bei dem der Rezipient während seines Leseprozesses unter Lenkung des Textes
selbst Bedeutungen erzeugt, Verbindungen herstellt und Geschichten erkennt, wird der Sinn
eines Films nicht durch diesen selbst vermittelt, sondern erst durch den Zuschauer aufgrund
bestimmter Bedingungen erkannt. (vgl. Hickethier 2007, S.106)
Zu diesen Bedingungen zählen unter anderem eine motivierte Anordnung und Gestaltung des
Handlungsverlaufs, die dem Betrachter ermöglichen, zwischen den einzelnen Einstellungen
und gezeigten Sachverhalten eine Brücke zu bauen. Dies ergibt sich aus dem Umstand, dass
der Film aufgrund seiner begrenzten Zeit eine Geschichte nicht in allen Einzelheiten
darstellen kann. Vielmehr wird das zu Erzählende nur in Ausschnitten und mit Auslassungen
gezeigt:
Die Geschichte, die einem Film zugrunde liegt, geht nicht nur im Gezeigten auf,
sondern umfasst auch Nichtgezeigtes. (Hickethier 2007, S.114)
Der Betrachter muss deshalb zwischen dem, was nacheinander in den Einstellungen zu sehen
ist, einen Zusammenhang herstellen, die einzelnen Elemente in ein beziehungsreiches Gefüge
einordnen und schließlich den Anfang und das Ende zueinander in einen Bezug setzen, um
daraus den Sinn zu erschließen.
Dieses In-Beziehung-Setzen bildet den eigentlichen Erzählvorgang, durch ihn wird aus
den verschiedenen Bereichen des Abbildbaren eine neue ästhetische Form geschaffen,
wird eine neue (filmische) Realität erzeugt". (Hickethier 2007, S.141)
Der Film erzählt eine Geschichte auf drei Ebenen. Neben der Ebene des Erzählens mithilfe
spezieller kameraästhetischer Mittel (Kameraeinstellung, Erzählperspektive, etc) und der
Ebene der Montage (filmische Aneinanderfügung von Erzählteilen und Einstellungen) auf die
bisher nur kurz eingegangen worden ist und die ausführlicher in Kapitel vier besprochen
werden, gibt es im Film zusätzlich die Ebene der Dramaturgie (Handlungsverlauf und
2. Das Genre Kurzfilm
10
Figurenkonstellation). Der Regisseur kann durch die erzähltechnische Anordnung des
Geschehens in einzelne Szenen, die wiederum zusammengefasst werden können in
Sequenzen, nach bestimmten Erzählmustern
3
, durch die Auswahl einer bestimmten
Figurenkonstellation und durch bestimmte Erzählmittel wie z.B. Symbole (die die
dramaturgischen Absichten unterstützen können) seine Handlung dramaturgisch aufbauen,
d.h. sie mit Spannungsbögen und besonderen Erzählmomenten versehen. (Heinrich 1997,
S.38). Hickethier beschreibt das dramatische Geschehen als eine Entwicklung, die durch das
Auftreten von Figuren, der Handlung zwischen diesen (Interaktion) innerhalb eines
begrenzten Spielfeldes, innerhalb eines Raumes und durch einen Konflikt und dessen Lösung
geprägt ist. (Hickethier 2007, S.119)
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Diskurs einer Geschichte in der literarischen
Narration anders als in der filmischen dargestellt wird: Im schriftlichen Text setzt er sich
zusammen aus schriftlichen Zeichen und Worten, im Film besteht er aus Filmbildern und
deren kunstvoller Verbindung.
2.4 Die Bedeutung der Kürze für die Erzählung
Ein wesentlicher Faktor für das Erzählen einer Geschichte ist die Zeit. Zeit und Erzählung
stehen so zueinander, dass sie sich gegenseitig bedingen. Einerseits ist die Zeit eine
Vorraussetzung für die Erzählung, da diese sich nur innerhalb der Zeit entfalten kann,
andererseits wird die Zeit von der Erzählung für ihre Zwecke genutzt und durch erzählerische
Gestaltung geformt. Man unterscheidet zwischen zwei Zeitebenen, der Erzählzeit (Zeit in der
sich die Geschichte entfaltet) und der erzählten Zeit (Zeit, die dargestellt wird).
Die Aufgabe des Betrachters ist es, während der Rezeptionszeit, d.h. der Erzählzeit, die
Geschichte der erzählten Zeit zu rekonstruieren. (Heinrich 1997, S.49)
Das Verhältnis von Erzählzeit zur erzählten Zeit muss nicht automatisch darauf schließen,
dass lange Echtzeiten nur in langen Spielfilmen umgesetzt werden können und kurze
Echtzeiten nur in Kurzfilmen. Lange Filme, die eine kurze Echtzeit präsentieren, können
tiefer auf eine mögliche Vorgeschichte eingehen und die Hintergründe einer Handlung
ausleuchten. Kurzfilme, die dagegen eine lange Echtzeit präsentieren, müssen sich sehr
selektiv mit dieser befassen und können dabei eventuell nur einen Aspekt der Geschichte
aufgreifen. (Heinrich 1997, S.51)
3
Beispiel eines dramaturgisches Erzählmusters: Ausgangssituation/Exposition (Information aus der
Vorgeschichte)- Konflikt (Grundlage der folgenden Handlung)- Wendepunkt (fortschreitende Entwicklung)-
Höhepunkt (Übergang zur Auflösung des Konflikts)- Endsituation. (vgl. Hickethier 2007, S.117-118)
2. Das Genre Kurzfilm
11
Für die Erzählstrukturen einer Geschichte ist die Bedeutung der Kürze von großem Wert. Da
es bei den Kurzformen keine ,,Standardlängen" gibt (weder in der Literatur noch im Film),
liegt die Betonung weniger auf der ,,äußeren" als auf der ,,inneren" Kürze einer Form. Unter
der inneren Kürze einer Erzählung versteht man ,,die Auswirkungen, die die formgebundene,
äußere Kürze der Darstellung, bzw. die Umsetzung einer Narration in der Erzählzeit hat."
(Heinrich 1997, S.54) Daraus ergibt sich eine Reduktion des Erzählgegenstandes als
besonderes stilistisches Mittel der Kurzformen (nach dem Prinzip ,,weniger ist mehr"). Müller
weist darauf hin, dass die Kürze der Geschichten nicht ,,quantitativ als geringer Umfang",
sondern vielmehr ,,qualitativ als sprachliche Verdichtung und konzentrierte Gestaltung" zu
verstehen ist. (Müller 1987, S.219f) Diese Bedeutung der Kürze lässt sich auch zurückführen
auf die Lyrik, wonach das Gedicht, je kürzer, desto ziselierter sein muss und desto genauer
jedes einzelne Wort treffen und zum Nachdenken anregen muss. (Heinrich 1997, S.55) Die
Kürze einer Form beeinflusst die Erzählung jedoch nicht nur in ihrer sprachlichen oder
bildlichen Prägnanz, sondern auch in ihrer narrativen Struktur. Diese ist von verdichtenden
Formmitteln geprägt, zu denen unter anderem die fragmentarische Darstellung der erzählten
Zeit, die häufige Abruptheit von Anfang und Schluss und der Rätselcharakter des Titels sowie
die Bedeutung von Symbolen als Informationsträger gehören.
Die innere Kürze der Erzählung, die zum einen durch die Reduktion des Erzählgegenstandes
und zum anderen durch die Verdichtung der Darstellung erreicht wird, kann außerdem einen
besonderen Einfluss auf den Eindruck, den die Geschichte beim Zuschauer hinterlässt,
nehmen. Dadurch, dass die Kurzformen im Gegensatz zu den Langformen den Rezipienten
mit einer weniger detaillierten Entwicklung einer Handlung versorgen, muss dieser aktiver an
der Zusammensetzung der Abläufe und Ereignisse teilnehmen und sie mit eigenen
Interpretationen und Gedanken füllen. Dies führt dazu, dass die ,,Tiefenstruktur" der
Geschichte letztlich durch den Rezipienten selbst, mithilfe seines Weltwissens hergestellt
wird und dadurch einen größeren Effekt bei ihm hinterlässt. Laut Heinrich trägt das auch ,,zu
der Eigenschaft der Kurzformen bei, dass diese über die Rezeptionszeit an sich
hinauswirken." (Heinrich 1997, S. 58)
Für den Kurzspielfilm bedeuten die hier gesammelten Merkmale der Kürze, dass dieser in
Anlehnung an die Dichtung ein Thema, eine Erfahrung oder ein Gefühl mit intensiver
Sprache und mit intensiven Bildern darzustellen hat.
3. Der Kurzfilm als Gegenstand der Literaturwissenschaft und des fremdsprachigen
Literaturunterrichts
12
3 Der Kurzfilm als Gegenstand der Literaturwissenschaft und des
fremdsprachigen Literaturunterrichts
3.1 Film als Medium für den Fremdsprachenunterricht
Das Medium Film spielt in unserer heutigen Gesellschaft eine sehr wichtige Rolle: Kultur und
Alltag
sind
stark
davon
beeinflusst.
Jugendsoziologen
sprechen
von
einer
,,fernsehsozialisierten Generation, die seit den 1960er Jahren herangewachsen ist und sich von
der durch das Buch sozialisierten Generation ihrer Eltern und Großeltern unterscheidet."
(Hickethier 2007, S.2). Angesichts dieser digitalen Revolution sollte auch der
Fremdsprachenunterricht medial und der Erwerb von Filmkompetenz (film literacy) eines
seiner Lernziele sein.
Die Notwendigkeit einer Schule ,,des Hörens, Sprechens, Lesens, Schreibens und ,Sehens'"
(Blell/Lütge 2004, S.402) bildet sich auch in den aktuellen Rahmenrichtlinien ab, in denen
das ,,Sehverstehen" (bzw. Seh-Hör-Verstehen) als eine fünfte Fertigkeit für das Sprachlernen
aufgenommen worden ist.
4
Welche Bedeutung dabei die Entwicklung einer Medienkompetenz spielt, soll im nächsten
Kapitel ausführlicher behandelt werden. Zunächst soll jedoch die Frage geklärt werden,
warum sich gerade Filme für den Einsatz im fremdsprachlichen Unterricht eignen.
Die Gründe hierfür sind vielfältig und setzen schon bei dem hohen Motivations- und
Unterhaltungsgrad von Filmen sowie der Tatsache an, dass sie für die Kinder und
Jugendlichen sehr viel attraktiver sind als andere Medien. Von Vorteil sind auch die
Vorkenntnisse, über die die Schüler und Schülerinnen bereits durch den täglichen Umgang
mit dem Medium Film in ihrer Freizeit verfügen, also ihre Rezeptionsgewohnheiten oder ihr
Filmwissen (wie z.B. die Genrezugehörigkeit), auf die der Lehrer im Fremdsprachenunterricht
zurückgreifen kann.
Filme sind zudem auch immer ,,authentische Kulturprodukte", die anhand von
Einzelschicksalen fremde Lebensweisen, Werte, Normen und Weltsichten vermitteln und dem
Lernenden somit bedeutende Einblicke in die Kultur spanischsprachiger Länder geben und die
Unterschiede zu eigenkulturellen Verhaltensweisen erfahrbar machen. (Surkamp 2004, S.3)
Ein weiteres positives Merkmal ist die plurimediale Darstellungsform von Filmen, d.h. das
Zusammenspiel von Bild, Sprache und Geräuschen. Damit heben sich die audiovisuellen
Texte deutlich von den statischen Lehrbuchtexten ab. Sie sind dynamische Konstrukte, die die
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Im aktuellen Rahmenlehrplan für das Fach Spanisch an der gymnasialen Oberstufe heißt es, dass bei dem
Umgang mit Texten und Medien neben der Lese- Schreib- und Sprechstrategien die Vertiefung des
Hörsehverstehens eine zentrale Rolle spielen sollte. (Rahmenlehrplan für die gymnasiale Oberstufe; S.5)
3. Der Kurzfilm als Gegenstand der Literaturwissenschaft und des fremdsprachigen
Literaturunterrichts
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Zielsprache durch Bilder und menschliche Begegnungen in einen Kontext einbetten, sodass
diese nicht nur authentischer erscheint, sondern auch leichter zugänglich ist, da das rein
verbale Verstehen in den kommunikativen Situationen von nonverbalen und
paralinguistischen Aspekten wie Mimik, Gestik, Körpersprache und Intonation unterstützt
wird. (Blell/Lütge 2004, S.405) Durch die starke Entlastung des rein verbalen Verstehens
eignen sich Filme auch für den Anfangsunterricht in der Fremdsprache.
Die plurimediale oder mehrkanalige Vermittlungsform von Filmen auf sprachlicher,
akustischer und optischer Ebene kann schließlich auch das ganzheitliche Lernen
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fördern, bei
dem Sinne und kognitive Fähigkeiten der Schüler gleichzeitig angesprochen werden. Die
Visualisierungen von Geschehensabläufen können dabei auch zu stärkeren emotionalen
Reaktionen und persönlichen Stellungnahmen herausfordern als das Lesen eines Buches.
Damit können Filme zu lebendigen Gesprächsanlässen im Klassenraum anregen und die
Schüler und Schülerinnen zu einer höheren Sprech- und Schreiblust motivieren.
Allerdings sollten Filme im Fremdsprachenunterricht nicht einseitig als bloßer Sprechanlass
und nur für die Vermittlung zielsprachlicher und kultureller Phänomene instrumentalisiert
oder als unterhaltsame Lückenfüller verwendet werden, sondern um ihrer selbst willen als
eigenständige ästhetische Kunstwerke anerkannt und dementsprechend behandelt werden.
Filme bieten mit ihren Themen und spezifischen Gestaltungsmitteln ein sehr komplexes
Funktionsspektrum, das sich nur entfalten kann, wenn die Schüler bewusst und aktiv mit
diesem Medium umgehen. So ist für das Verstehen der Bedeutung eines Films nicht nur eine
genaue Analyse des Inhalts, sondern auch seiner ästhetischen Gestaltungsmittel nötig.
(Nünning/Surkamp 2006, S.245) Es sollte daher mit Filmen im gleichen Maße wie mit
anderen literarischen Texten wie Romanen, Kurzgeschichten oder Dramen gearbeitet werden.
Daraus ergibt sich die Notwendigkeit des Erwerbs einer film literacy, auf die nun
ausführlicher eingegangen werden soll.
3.2 Film literacy im Fremdsprachenunterricht
Die im vorangegangenen Kapitel aufgeführten besonderen Merkmale des Mediums Film
verweisen auf seine vielfältigen Einsatzmöglichkeiten im fremdsprachigen Literaturunterricht.
Allerdings findet man oft eine starke Konzentration auf die Verwendung von Filmen zur
Ausbildung rein sprachlicher Fähigkeiten, sprich zur Förderung von Rede- und
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Unter dem ganzheitlichen Lernen versteht man nach Meyer ein ,,Lernen mit Kopf, Herz, Händen und allen
Sinnen" (Bach, 1996, S. 15). Das ganzheitliche Lernen ermöglicht eine vielfältige Sinneswahrnehmung, die den
emotionalen und kognitiven Bedürfnisse der Schüler gerecht wird.
3. Der Kurzfilm als Gegenstand der Literaturwissenschaft und des fremdsprachigen
Literaturunterrichts
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Schreibkompetenzen. Damit wird das Funktionspotenzial des Mediums jedoch noch lange
nicht ausgeschöpft.
Einer vielseitigen Nutzung von Filmen im Fremdsprachenunterricht, entspricht das Lernziel
film literacy
. Unter film literacy (Medienkompetenz oder Filmkompetenz) versteht man ,,die
Fähigkeit, bewegte Bilder zu lesen und bewusst mit dem Medium Film umzugehen".
(Nünning/Surkamp 2006, S.245) Für die Entwicklung von film literacy spielen verschiedene
Kompetenzbereiche eine besondere Rolle. Sie sollen im Folgenden als wichtige
Teilkompetenzen des übergeordneten Lernziels der Medienkompetenz bezeichnet werden. Zu
ihnen gehören:
1.
die Wahrnehmungskompetenz (bzw. das Sehverstehen),
2.
die filmästhetische und kritische Kompetenz
3.
die interkulturelle Kompetenz sowie
4.
die fremdsprachliche Handlungs- und Kommunikationskompetenz.
(Nünning/Surkamp 2006, S.275) Erst durch das Zusammenspiel der genannten
Kompetenzbereiche kann eine umfassende film literacy entfaltet werden.
Mithilfe der Wahrnehmungskompetenz sollen den Schülern und Schülerinnen die Prozesse
des intentionalen Sehens für die Sinnbildung bewusst gemacht werden.
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Hier lässt sich auf die
Erkenntnisse der Rezeptionsästhetik zurückgreifen. ,,So ist das Sehen genau wie das Lesen
immer intentional, auf persönliche Sinnstiftung gerichtet." (Schwerdtfeger 2002, S.25) Dabei
geht die Bedeutungserschließung aus der Zuschauer-Text-Interaktion hervor (siehe Kapitel
2.3), in der der Zuschauer, stimuliert durch den Film, seinen eigenen Sinn erzeugt. Die
Bedeutung des Films ergibt sich demnach zum einen aus dem Welt- und Erfahrungswissen
des Betrachters und zum anderen durch die Steuerungsmechanismen des Bildtextes, der die
Rezeption des Zuschauers durch Kameraeinstellung, Farben, Musik oder Schnittfolge lenkt.
(Blell/Lütge 2004, S.403) Die neu eingehenden Informationen über das Geschehen werden
mit den alten verknüpft und die Lücken, die durch Auslassungen (Nichtgezeigtes) entstehen,
gefüllt. Dabei befindet sich der Zuschauer in einem ständigen Prozess der Hypothesenbildung
und -prüfung. Ein reiches Weltwissen sowie ein grundlegendes filmtechnisches Wissen (auch
,,Filmizitätswissen"
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genannt), welches beispielsweise das Genrewissen oder dramaturgische
und mediale Wissen beinhaltet, können sich dabei sehr positiv auf diese
Sehverstehensprozesse auswirken. Daher beinhaltet eine fundierte Wahrnehmungskompetenz
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Blell/ Lütge sprechen auch von einem Prozess der ,,visuellenen Alphabetisierung", einem ihrer Meinung nach
,,längst überfälligen Bildungsauftrag". (Blell/Lütge 2004, S.402)
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Begriff nach Peter Ohler 1994, zitiert in Blell/Lütge 2004, S.403
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