Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Topoi als beherrschendes Element der Darstellung Catilinas 5
3. Die Reden gegen Catilina 7
3.1. Die erste Rede gegen Catilina 8
3.2. Die zweite Rede gegen Catilina 16
3.3. Catilina und Reflexe Catilinas in der dritten und vierten Rede 22
3.3.1. Die dritte Rede gegen Catilina 23
3.3.2. Die vierte Rede gegen Catilina 25
4. Invectivae in Catilinam 28
5. Die Catilinarien als Rechtfertigungsreden 34
6. Catilina als Exemplum 35
7. In Toga Candida Die echte Invectiva in Catilinam 39
8. Catilina als Reflex Sullas Die Entstehung eines neuen Typus 42
8.1. Parallelen zwischen Sulla und Catilina 44
8.2. Cicero Marius vs Catilina Sulla 45
8.3. novitas periculi Von Sulla bis Caesar via Catilina 46
9. Catilina in den philippischen Reden 52
10. Exemplum Invektive Rüge 54
11. Fehlende Individualisierung der Topoi 58
11.1. Standartbeschimpfungen 59
11.2. Der Mord an Sohn und Ehefrau 60
11.3. Das Aussehen 61
11.4. Der Name 62
11.5. Aurelia Orestilla 63
1
12. Der Catilina Sallusts 64
13. Ciceros Catilina-Figur in Sallusts Bellum Catilinae 65
14. Eine historische Monographie als Tadelrede 70
15. Die Reden Catilinas Ein Zerrbild römischer Grundtugenden 71
15.1. Die Agitationsrede 72
15.2. Die Feldherrenrede 74
16. Die Briefe Catilinas simulator ac dissimulator 75
17. boni und improbi bei Sallust 76
18. Übereinstimmungen zwischen Ciceros und Sallusts Catilina Eine Bilanz 79
19. Die Darstellung Catilinas bei Cicero außerhalb der Catilinarien 81
19.1. Catilina in der Rede pro Murena 82
19.2. Catilina in der Rede pro Sulla 83
19.3. Catilina in der Rede pro Caelio 85
20. Die Literarisierung Catilinas 87
21. Nomen est omen 91
22. Cum tacent clamant Catilina zwischen den Zeilen 93
23. Fazit 98
Literaturverzeichnis 101
2
1. Einleitung In vorliegender Arbeit soll untersucht werden, inwiefern die Darstellung Catilinas in
den catilinarischen Reden Ciceros mit der Darstellung in Sallusts Monographie
Bellum Catilinae 1 übereinstimmt.
Ich werde zunächst zeigen, dass die Darstellung Catilinas in beiden Fällen von einer
Topik bestimmt ist, die aus der rhetorischen Tradition der Invektive stammt. Obwohl
es sich also um zwei vollkommen verschiedene Textsorten handelt, wird die jeweils
zentrale Figur mit denselben Mitteln dargestellt. Es ergibt sich die Frage, ob diese
Übereinstimmung in der Technik der Beschreibung bedeutet, dass die Zielsetzung der
Werke ebenfalls übereinstimmt.
Ich werde untersuchen, wie die Texte im Hinblick auf ihre zentrale Persönlichkeit
funktionieren und zu welchem Zweck Catilina jeweils dient.
Ich möchte dabei hinterfragen, ob das Verhältnis der beiden Werke so eindeutig ist,
wie es zunächst den Anschein hat: Cicero verfasst als Konsul eine politische
Invektive gegen seinen politischen und persönlichen Feind, Sallust nutzt die
catilinarische Verschwörung um ein Exemplum für den Niedergang des Staates zu
konstituieren. Doch wie viel von Sallusts Anliegen steckt bereits in den Reden
Ciceros? Und inwiefern folgt die Darstellung Catilinas bei beiden Autoren ein und
demselben Schema, nämlich dem der Invektive? Und handelt es sich also um
Invektiven? Oder schreibt Cicero vielleicht trotz invektivischer Metaphorik gar keine
Invektive?
Im Hintergrund steht dabei auch die Frage, was diese Texte uns über den historischen
Catilina verraten können – dürfen sie mit Recht als Quellen zu Catilina gelesen
werden oder verbietet sich dieser Ansatz? Ich will zeigen, dass eine historische
Bewertung Catilinas anhand dieser Schriften nicht möglich ist, da Catilina als ein
literarischer Typus dargestellt wird, hinter dessen Literarizität die historische
Persönlichkeit nicht fassbar wird. 2
1 Ich werde Sallusts Monographie in dieser Arbeit stets als Bellum Catilinae bezeichnen, da De Catilinae coniuratione nirgends als Titel überliefert ist und Quintilian in bello Iugurthino et Catilina überliefert (Quint. inst. 9.4.77; vgl. Vretska 1976, 23).
2 Dieser Ansatz beispielsweise bei Ungern-Sternberg in seinem Artikel im Neuen Pauly (Ungern- Sternberg, J.v., Art. „Catilina“, in: DNP 2, Stuttgart 1997: 1029 – 1031). Ganz anders hingegen Gundel im Kleinen Pauly, der aus den Informationen, die Cicero und Sallust liefern, ein komplettes Charakterbild Catilinas entwirft, ohne diesen eindeutig als literarische Figur zu kennzeichnen (Gundel, H.G., Art. „Catilina“, in: KlP 1, München 1979: 1084 – 1085).
3
Ich werde so vorgehen, dass ich zunächst einen Überblick über die Darstellung Catilinas in den catilinarischen Reden biete und diese ins Verhältnis zu Ciceros In Toga Candida setze, um so zu diskutieren, ob es sich bei den Reden gegen Catilina um Invektiven handelt oder nicht. Ich werde in diesem Kontext vor allem die Entpersonalisierung der angewandten Invektivtopoi untersuchen, die Cicero in den vier Catilinarien vornimmt.
In diesem Rahmen wird sich die Frage stellen, was diese Bearbeitung für die Zielsetzung der veröffentlichten Reden bedeutet. Ich werde betrachten, ob es sich
möglicherweise schon bei Cicero um die Statuierung eines politischen Exemplums 3 handelt und Cicero sich somit der Zielsetzung Sallusts annährt.
In diesem Zusammenhang soll auch die Beziehung zwischen Sulla und Catilina beleuchtet werden und es wird diskutiert werden, ob man Catilina als direkten Reflex Sullas sehen kann.
Zum Aspekt der Invektive und des Exemplums kommt noch der der Rüge: Ich werde der Frage nachgehen, ob die den Reden gegen Catilina unter Umständen als Rügen – suasiones – zu definieren sind, die sich gegen die improbi des Jahres 60 richten. In der Folge werde ich mich der Darstellung Catilinas bei Sallust widmen. Hierbei soll die Frage im Mittelpunkt stehen, inwiefern Sallust die ciceronische Darstellung Catilinas für seine Monographie übernimmt und was er der Catilina-Figur hinzufügt. Im Bezug auf diese Frage werde ich sowohl die Beschreibungen Catilinas analysieren, als auch die Rolle, welche die beiden Reden und die Briefe Catilinas für die Figur spielen.
Im Hinblick auf die Zielsetzung des Werkes werde ich auch hier die Parallelen zu Ciceros Reden gegen Catilina aufzeigen und abschließend die Übereinstimmungen in Sallusts und Ciceros Catilina-Bild beleuchten.
Zur Ergänzung des von Cicero vermittelten Bildes Catilinas werde ich die Reden pro Murena, pro Sulla und pro Caelio heranziehen. Dabei wird mein besonderes Augenmerk auf pro Caelio und der Frage liegen, inwiefern Ciceros Darstellung sich in dieser Rede von der in den übrigen unterscheidet.
3 Ich begreife den Terminus Exemplum wie definiert im Historischen Wörterbuch der Rhetorik: „Mit E. wird ein bestimmter Fall a’ (insbesondere ein Geschehnis [...] oder eine Person) bezeichnet, insofern dieser Fall erstens eine Konkretisierung eines allgemeinen Sachverhalts [...] oder eines Typus A darstellt [...].“ Die Verwendung Catilinas als Exemplum entspräche der Verwendung „in lebenspraktischer Funktion als Orientierungshilfe mit Autoritätsanspruch“, und zwar „als abschreckendes, negatives Exemplum“.
4
Mit den Ergebnissen der vorausgegangenen Analysen im Kopf, werde ich die
Literarisierung Catilinas thematisieren und in diesem Zusammenhang auch sein
literarisches Nachleben in der späten Republik und der frühen Kaiserzeit betrachten.
Daran wird sich die Frage nach dem ‚historischen’ Catilina anschließen. Ich werde
mich ihm über zwei Zugänge nähern: Über eine der wenigen greifbaren Tatsachen,
nämlich das Cognomen ‚Catilina’, dessen Herkunft und Bedeutung ich kurz
diskutieren will, und über die Frage cum tacent, clamant? – was kann gerade das
Auslassen bestimmter Topoi unter Umständen über L. Sergius Catilina aussagen?
2. Topoi als beherrschendes Element der Darstellung Catilinas
Sowohl Cicero als auch Sallust bedienen sich, wenn sie Catilina beschreiben, eines
Arsenals an Topoi 4 , die ausnahmslos der Invektive entstammen. Süß 5 nennt zehn wesentliche Merkmale der griechischen Schmähtopik, die sich auch in ihrem
römischen Pendant finden 6 :
(1) Der Gegner und seine Familie sind Sklaven oder stammen von Sklaven ab, (2)
Barbarische Herkunft, (3) Unangemessene Beschäftigung, Betreiben eines Gewerbes,
(4) Diebstahl 7 , (5) Sexuelle Ausschweifungen, (6) Feindschaft mit der eigenen
Familie 8 und der Heimat, (7) finsteres Wesen, „Mehrseinwollen“ 9 , (8) Eigentümlichkeiten des Aussehens, der Kleidung, des Auftretens, (9) Feigheit, (10)
Verlust des Vermögens / selbstverschuldete Armut.
Ich möchte dabei im Hinblick auf die spätrepublikanische Invektive die Behauptung
aufstellen, dass der Topos der unangemessenen Beschäftigung, anders als in den von
Süß genannten Beispielen, sich nicht unbedingt auf das Betreiben eines gemeinen
4 Der an sich offene Topos-Begriff, wie er bei Aristoteles (Arist.Top. I) begegnet, bleibt in meinen Ausführungen situativ auf die Verwendung in der Invektive beschränkt. Für eine genaue
Charakterisierung der aristotelischen formalen Topos-Auffassung vgl. Pielenz 1992, 123 – 132.
5 Süß 1910, 246 – 255. Koster 1980, 2 bezeichnet die von Süß aufgestellte Liste als „bisher nicht ersetzte Grundlage für eine Topologie der Invektive“.
6 Dass die von Süß aufgelisteten Topoi auch in der römischen Invektive verwendet wurden, zeigt dieser, indem er neun dieser Topoi am Beispiel der Pisoniana illustriert (559f.). Opelt 1965, 149 hebt
im Bezug auf Süß’ Auflistung die Unterschiede zwischen römischer Invektive und griechischer
διαβολη hervor. Die Anpassung an das römische Wertesystem zeige sich „an der Weglassung einiger der griechischen Topoi“. Ich nehme dagegen alle zehn Süß’schen Topoi als für die römische Invektive
generell verfügbar an.
7 Unter diesen Aspekt des unehrlichen Umgangs mit Gütern fällt m.E. auch die Bestechung; gerade in der späten Republik ein aktuelles tagespolitisches Thema.
8 Süß 1910, 250f. bemerkt, dass als ein µισοπολις schon der gelten könne, der sich „im kleinsten Kreise gegen Verwandte und Freunde vergeht. [...] Der schwerste Vorwurf dieser Art ist natürlich der
[...] des Vater- und Muttermords.“
9 Süß 1910, 252.
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Gewerbes beziehen muss und damit in engem Zusammenhang zu (1) und (2) steht, sondern, dass auch das falsche Betreiben der Politik, d.h. ein Verhalten nicht zum Wohle sondern zum Schaden der res publica den Politiker entehrt – er betreibt sein Gewerbe in diesem Fall auf unehrenhafte Weise und verhält sich somit nicht seinem Stande und politischem Rang entsprechend. Ich ziehe im Folgenden bei meiner Interpretation dieses Topos stets beide Möglichkeiten in Betracht.
Wie ich zeigen werde, tauchen von diesen zehn aus der griechischen διαβολη stammenden ‚Basis-Topoi’ in den von mir betrachteten Beschreibungen Catilinas mindestens sieben in mehr oder weniger starker Ausprägung auf.
Dazu kommen Beschreibungen Catilinas, die dem spezifischen Bereich der römischen Invektive entstammen. Merrill listet unter diesen in seiner Dissertation beispielsweise das Anstreben der Königsherrschaft (regnum/dominatio) und grausames Verhalten
gegenüber Mitbürgern 10 , beides Topoi, die in der Beschreibung Catilinas zentral sind. Daneben lassen sich aus der Rhetorica ad Herennium acht negative Charaktereigenschaften – „the undesirable traits of a Roman personality“ – herauslösen, die vom Redner verwendet werden können, um den Gegner in Miskredit zu bringen: audacia, amentia, furor, libido, crudelitas, luxuria, avaritia und
impudentia. 11 Alle diese topischen Charaktereigenschaften werden jeweils von Cicero wie auch von Sallust auf Catilina projeziert.
Die Herenniusrhetorik listet außerdem zehn loci der amplificatio, die man instigationis auditorum causa anwenden solle, und zwar um die Anschuldigungen zu
vergrößern. 12 Von diesen zehn loci tauchen sechs im Kontext der Beschreibung Catilinas auf: Der des Vergleiches der aktuellen Situation mit der Reaktion der Vorfahren auf ähnliche Vorkommnisse (primus locus), der, dass die Taten sich gegen alle Bürger richten (secundus locus), der, welche schlimmen Folgen die Tat mit sich bringt (tertius locus) und dass andere Frevler dem einem nachfolgen würden (quartus locus), der, dass die Tat ein facinus crudele, nefarium und tyrannicum ist (septimus locus) und schließlich der der Besonderheit des Verbrechens – wenn man so will der
novitas periculi (octavus locus). 13
10 Vgl. Merrill 1975, 98 & 169.
11 Für obiges Zitat und diese Auflistung vgl. Merrill 1975, 12.
12 Ad Her. 2.30.47. Zwar geht es hier um die Gerichtsrede, die Topik lässt sich aber, wie es ja bereits Süß tut, wenn er die aus der διαβολη stammenden Topoi an der Pisoniana illustriert, in so gut wie unveränderter Form auf die politische Invektive übertragen.
13 Ad. Her. 2.30.48-49.
6
Beschreibungen Catilinas, die sich nicht mit den genannten in der Invektive
gemeinhin verwendeten Topoi vereinbaren lassen, fehlen dagegen, wie im Rahmen
der Untersuchung deutlich werden wird, sowohl bei Cicero als auch bei Sallust
gänzlich.
Es soll nun zunächst gezeigt werden, welche Invektivtopoi gebraucht werden, um
Catilina zu beschreiben.
Das Bild Catilinas wird primär von der Darstellung in den catilinarischen Reden und
in der Monographie Sallusts geprägt. 14 Daher werde ich zunächst Ciceros Reden gegen Catilina untersuchen, danach die Darstellung Sallusts. Schließlich folgt eine
kurze Betrachtung weiterer Beschreibungen Catilinas bei Cicero, die der
Vollständigkeit halber nicht unerwähnt bleiben sollen, die aber sicherlich weniger das
hauptsächlich gültige Bild Catilinas mitbestimmt haben.
3. Die Reden gegen Catilina
Die zeitnaheste komplette Darstellung Catilinas findet sich in den vier Reden gegen
Catilina, die Cicero während seines Konsulates im Jahre 63 v. Chr. gehalten und im
Jahre 60 veröffentlicht hat. Dass Cicero diese Reden in dem Zeitraum zwischen der
tatsächlichen Verschwörung und der Veröffentlichung überarbeitet hat, wird heute
niemand mehr bestreiten wollen. 15 Es ist wichtig, dies stets im Sinn zu behalten, wenn wir uns mit der Beschreibung Catilinas befassen – die Darstellung eines Gegners wird
primär durch die Zielsetzung des Werkes bestimmt. Wir müssen davon ausgehen,
dass diese Zielsetzung im Jahr 60 eine andere war, als im Jahr 63: Als Konsul musste
es Ciceros erklärtes Ziel sein, die Gefahr, die von der Verschwörung ausging, zu
bannen und den Verursacher der Verschwörung gesellschaftlich und politisch zu
isolieren und somit unschädlich zu machen. Damit entspricht die Absicht dieser
'Original'-Reden der in der Definition der Invektive im Historischen Wörterbuch der
Rhetorik festgelegten: „Die antike rhetorische Gattung der Invektive ist durch ihre
14 Vgl. zu dieser Einschätzung Oros. hist. 6.6.5: sed hanc historiam agente Cicerone et describente
Sallustio satis omnibus notam [...] (aber diese Geschichte ist allen zur Genüge bekannt, weil Cicero sie
behandelt und Sallust sie beschreibt).
15 Büchner bemerkt dazu, dass es sich schon lange nicht mehr um das ‚dass’, sondern um das ‚wie’
handle (Büchner 1982, 407).
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Absicht definiert, eine öffentlich bedeutsame Person im Bewusstsein der Menschen
für immer vernichtend herabzusetzen.“ 16 Die catilinarischen Reden sind in den Codices mehrheitlich seit dem zehnten
Jahrhundert als Invektiven überliefert. 17 Ob es sich bei diesen Reden in ihrer uns vorliegenden Form aber wirklich um solche handelt, wird noch zu untersuchen sein.
Sie besitzen jedoch fraglos viele Merkmale von Invektiven. 18 So ist vor allem die Darstellung Catilinas von der ursprünglichen invektivischen Zielsetzung der Reden
geprägt. Einiges in dieser Darstellung weicht aber deutlich von der gängigen Praxis
der Charakterdarstellung in Invektiven ab und kann, wie ich im Folgenden zeigen
werde, einige Hinweise darauf geben, was die Zielsetzung der Reden zum Zeitpunkt
der Veröffentlichung gewesen sein mag.
3.1. Die erste Rede gegen Catilina
In der ersten Catilinaria lässt sich ein deutlicher Bruch zwischen konkreten
Anschuldigungen, die Catilinas politische Umtriebe betreffen, und privaten
Schmähungen feststellen. Zunächst etabliert Cicero die tatsächliche politische
Gefährlichkeit seines Gegners, dann wendet er sich seinem verdorbenen Charakter zu.
Es ist in der politischen Invektive üblich, den Gegner sowohl auf politischer als auch
auf persönlicher Ebene anzugreifen. Nur so war die völlige gesellschaftliche Isolation,
die das Ziel der Invektive bildet, zu erreichen: Da man in der römischen Republik
streng zwischen Privatmann und Politiker unterschied, erreicht Cicero eine
Diskreditierung seines Gegners auf beiden Ebenen, wenn er Catilina zunächst auf
politischer, dann auf persönlicher Ebene demontiert: Catilina wird so sowohl zum
hostis als auch zum inimicus. 19
Die Rede beginnt mit einer Anrede des außer Kontrolle geratenen Politikers Catilina,
der sich durch seinen furor und seine audacia (1.1) vom Senat entfremdet hat, der
16 Neumann 1998, S. 549.
17 Vgl. z.B. Maslowski 2003, 7.
18 Eine genaue Auflistung und Interpretation der invektivischen Metaphorik und Topik in den ersten zwei catilinarischen Reden liefert Tolf 1999, 57 – 64, 114 – 120.
19 Setzt man voraus, dass es Cicero in dieser Rede tatsächlich darum geht, Catilina entsprechend zu diskreditieren, dann müsste die uns vorliegende Rede in ihrer Form mit der Pisoniana und der zweiten Philippica übereinstimmen, die ihrem Anliegen entsprächen: Alle drei sind Flugschriften, die sich mit einem politischen und persönlichen Feind auseinandersetzen. Bei genauerer Betrachtung lassen sich neben vielen Gemeinsamkeiten aber Unterschiede feststellen, die zur nochmaligen Hinterfragung der Zielsetzung der veröffentlichten Version der ersten Catilinaria anregen. Einige dieser Unterschiede werden in dieser Arbeit besprochen werden.
8
zwar pro forma noch an der Senatssitzung teilnimmt, während er jedoch im Geiste bereits die Ermordung (1.2: caedes) der Senatoren plant. Cicero bezeichnet Catilina als dux hostium und zeichnet das paradoxe Bild eines feindlichen Heerführers, der sich allerdings intra moenia und sogar in senatu befindet (1.5) und so täglich das
Allgemeinwesen bedrohe. 20 Er bleibt im Folgenden beim Bild des dux hostium und lässt dieses darin kulminieren, dass er die Pläne Catilinas so definiert, dass sie ganz denen eines feindlichen Angreifers entsprechen: nunc iam aperte rem publicam universam petis; templa deorum immortalium, tecta urbis, vitam omnium civium, Italiam denique totam ad exitium et vastitatem vocas (1.12; jetzt greifst du den gesamten Staat schon offen an; du bestimmst die Tempel der unsterblichen Götter, die Dächer der Stadt, das Leben aller Bürger, schließlich ganz Italien zum Untergang und zur Verwüstung).
Cicero entwirft also zunächst das Bild eines römischen Politikers, den furor und audacia so verdorben haben, dass er zum Feind Roms geworden ist. Catilina will nicht bloß die Macht im Staat an sich reißen, er will den Staat mit militärischer Gewalt einnehmen und zerstören.
Den Übergang zum zweiten Teil, der ersten persönlichen Invektive, bildet die Darstellung der gesellschaftlichen Isolation, in der Catilina sich befindet: in qua (i.e. urbe) nemo est [...] qui te non metuat, nemo qui non oderit (1.13; in der Stadt gibt es keinen, der dich nicht fürchtet, keinen, der dich nicht hasst). Die Isolierung des
Gegners ist eines der Hauptanliegen der Invektive 21 – Cicero nimmt diese Isolation hier allerdings voraus und lässt dann gleichsam als Begründung dieses Zustandes eine geballte Ladung an Invektivtopoi folgen; er kehrt das typische Schema also um: Die Beschimpfungen lösen die Isolation nicht aus, sie begründen vielmehr ihr
Vorhandensein. 22 Die Topik des Abschnittes 1.13 – 1.14 entspricht dem regulären Inventar der Invektive: Die häusliche Schande wird erwähnt (turpitudo domestica, dedecus privatarum rerum, ignominia privata, domestica difficultas ac turpitudo), sexuell konnotierte Begierde (libido), Verbrechen (facinus, flagitium) – auch gegen
20 Die Betonung der Gefahr, die dem Staat von innen droht, findet sich auch in den früheren Reden des Konsulatjahres: leg. agr. 1.26 & Rab. perd. 33. Die catilinarische Verschwörung bot sich schließlich als perfektes Exemplum für diese Gefahr an.
21 Koster beispielsweise bezeichnet die öffentliche Diskriminierung des Gegners als zentral (Koster 1972, 37).
22 Vgl. Pis. 98, wo Cicero mit einer ebensolchen Vorwegnahme arbeitet, wenn er feststellt, dass das römische Volk Piso bereits hasse.
9
die eigene Familie (mors uxoris) – , die finanzielle Notlage (ruinae fortunarum
tuarum) und die allgemeine Lasterhaftigkeit (vitia tua). Somit tauchen in diesem
einen Satz bereits drei der von Süß identifizierten zehn Gemeinplätze der Schmährede auf: sexuelle Ausschweifungen, Feindschaft mit der eigenen Familie, Verlust des
Vermögens.
Es fällt jedoch auf, dass Cicero auf eine individuelle Ausgestaltung der
Beschimpfungen verzichtet. Stattdessen weißt er zweimal auf die Größe und Unglaublichkeit der begangenen Verbrechen hin (scelus incredibile, facinus immane),
ohne dabei im Einzelnen auf diese einzugehen.
Cicero zeichnet hier ein erstes persönliches Bild seines Gegners in einer höchst
artifiziellen Ringkomposition: Er beginnt mit der häuslichen Schande, zieht somit also eine klare Linie zwischen den bisherigen politischen Anschuldigungen und den nun
folgenden persönlichen. Das folgende Trikolon vereint Vorwürfe sexueller
Ausschweifungen und sonstiger Verbrechen, die durch das Bild der Verführung der
Jugend knapp konkretisiert werden, ohne dabei Beispiele zu nennen. Es folgt der Vorwurf der Ermordung der ersten Frau und vielleicht auch des Sohnes. Auch hier
bleibt Cicero so allgemein, wie es nur irgend möglich ist: Die Vokabel, die er für die
Ermordung benutzt ist das neutrale mors statt nex, das normalerweise den
gewaltsamen Tod bezeichnet 23 , und das zweite „unglaubliche und unmenschliche Verbrechen“ wird gar nicht explizit genannt. Kurz wird noch der finanzielle Ruin
Catilinas erwähnt, dann kehrt Cicero zum Anfang zurück, der domestica turpitudo.
Hier endet der erste persönliche Teil und Cicero geht wieder zu Catilinas Rolle als
Bedrohung des Staates über.
Die zentrale Stellung der turpitudo jeweils am Beginn und am Ende der Schmähung
ist ein deutlicher Hinweis, dass wir es hier formal mit einer vituperatio Catilinae zu
tun haben: Cicero selbst definiert in den Partitiones oratoriae turpitudo als Ziel der
vituperatio. 24 Diese erste persönliche Beschreibung Catilinas stellt sich dem Leser also als
Anhäufung rhetorischer Allgemeinplätze dar, die dazu dienen, die Figur des
skrupellosen Politikers abzurunden. Von einer Individualisierung der angeschnittenen
23 Georges 2: 1012f. und 1152.
24 Vgl. part. 71: [...] finis alterius (i.e. vituperationis) turpitudo (das Ziel der Tadelrede ist die Schande). Das Gegenstück bietet die laudatio, deren Ziel dignitas ist (vgl. de orat. 1.141). Cicero will also die dignitas Catilinas zerstören. Sallust lässt seinen Catilina diesen Angriff aufgreifen: er handle spe reliquae dignitatis conservandae (35.4; in der Hoffnung, die ihm noch gebliebene dignitas zu erhalten).
10
Topoi sieht Cicero ab. Somit dient Catilina nun auch als Schablone des
verkommenen, schädlichen Bürgers schlechthin, nachdem er im ersten Teil der Rede
bereits den Typus des maßlosen Politikers verkörperte. 25 Im folgenden Abschnitt, dem zweiten politischen, stellt Cicero anfangs wieder den
furor Catilinas in den Vordergrund, der ihn schon früher dazu getrieben habe, sich
gegen den Staat zu wenden (1.15). Danach wird, analog zum persönlichen Teil, die
Isoliertheit Catilinas betont. Diesmal ist es die politische, die ihren Höhepunkt darin findet, dass kein Senator mehr neben Catilina Platz nehmen will. Cicero stellt klar,
dass die einzig mögliche Reaktion auf derartige Ablehnung das Exil ist.
Das Wissen um die eigenen Verbrechen, so Cicero, sollte Catilina eigentlich dazu
bringen, den ihm entgegengebrachten Hass als angemessen anzusehen (1.17). 26 Hier stellt er also eine Verbindung zwischen den persönlichen Verfehlungen und der
politischen Isolation her. 27 Es folgt die Aufforderung der patria an Catilina, ins Exil zu gehen. Wieder fallen die
topischen Stichworte facinus, flagitium, nex civium, vexatio direptioque sociorum und scelus (1.18). Daneben wirft Cicero Catilina in diesem Abschnitt vor, sich nicht um
die Gesetze zu scheren, sondern diese zu zerstören. In diesen Anschuldigungen klingt
mehr als nur ein Echo von In Toga Candida nach, wo Cicero sich über Catilina
folgendermaßen äußert: caede nefaria cruentavit ( nex civium); diripuit socios ( direptio sociorum); leges quaestiones iudicia violavit ( tu non solum ad
neglegendas leges et quaestiones, verum etiam ad evincendas perfringendasque
valuisti). 28 Die Invektive gegen den direkten Mitbewerber liefert hier eindeutig den Stoff für die Beschreibung der charakterlichen Beschaffenheit Catilinas – einem solchen Mann muss alles zugetraut werden.
Es folgen Variationen der Aufforderung, ins Exil zu gehen. Als Anliegen Catilinas
nennt Cicero in 1.21 vastare – er zeichnet das Bild eines Bürgers, der, wenn man ihn
im Staate belässt, die Zerstörung desselbigen herbeiführt. Und Catilina ist der
25 Arnold schreibt, dass Sallust seinen Catilina „fast ausschließlich vom Staat her“ sehe und beurteile.
Damit erklärt er das Fehlen „fast jeglicher individueller Züge“ (Arnold 1972, 4f.). Dieselbe Komposition der Catilina-Figur ist in der ersten Catilinaria bereits zu beobachten.
26 Diese conscientia scelerum spielt sowohl bei Cicero als auch bei Sallust eine wichtige Rolle (Sall. Catil. 15.5: ita conscientia mentem excitam vastabat – so zerrüttete das schlechte Gewissen seinen aufgewühlten Geist). Auch das Konzept, dass das Wissen um die eigenen Verbrechen in den Wahnsinn führt ist literarisch: es stammt aus der griechischen Tragödie (vgl. McGushin 1977, 85).
27 Vgl. Opelt 1965, 148: „Mit der Exklusivität, Hoheit und Würde des Staatsamtes sind nach römischer Auffassung gewisse Laster, Neigungen und Eigenheiten unvereinbar.“ Der Ausschluss eines Politikers wie des ciceronischen Catilinas durch die boni, die ‚Gutgesinnten’, muss somit zwangsläufig erfolgen.
28 Ascon. 77.
11
Prototyp eines solchen Bürgers. Nachdem dieser Status nun etabliert ist, bietet es sich an, an dieser Stelle eine weitere knappe Beschreibung dieses typisierten Catilina anzuschließen und so gibt Cicero in 1.22 nochmals ein kurzes schematisches Bild Catilinas: neque enim is es, Catilina, ut te aut pudor a turpitudine aut metus a periculo aut ratio a furore revocarit (denn du bist nicht so beschaffen, dass dich Scham von Schande oder Furcht von Gefahr oder Vernunft von Raserei abgehalten hätte). Wieder ist er weit von einer wirklichen persönlichen Beschreibung der Person Catilinas entfernt, stellt vielmehr Grundsätzliches einander gegenüber: pudor und turpitudo, metus und periculum, ratio und furor. Spätestens jetzt wird deutlich, dass es Cicero um die Darstellung eines bestimmten Typus des Politikers geht, der sich nicht von pudor und ratio leiten lässt. Interessant ist, dass Cicero hier nicht den Vorwurf der Feigheit gegen Catilina erhebt, wie oben gesehen nach Süß einer der zehn Basis-Topoi der Invektive. Das Bild, dass ein römischer Politiker sich durch Furcht nicht von Gefahr abhalten lässt, scheint an sich nicht negativ. Durch seine Stellung zwischen den eindeutig negativen turpitudo und furor ist diese Furchtlosigkeit Catilinas aber eindeutig in Richtung audacia konnotiert. Trotzdem hat man hier einen Hinweis auf eine gewisse altrömische Tugend, die bei Catilina nur noch ein ins Negative verkehrtes Zerrbild einstiger Größe ist. Genau dieses Konzept wird uns bei Sallust wieder begegnen.
Die Überleitung zum zweiten persönlichen Teil bietet die Geschichte über den silbernen Adler, die Kriegsstandarte des Marius, die den Aspekt der kriegerischen Bedrohung, der schon im ersten politischen Teil im Vordergrund stand und auf den Cicero hier nochmals zurückkommt, mit abnormalem persönlichen Verhalten verbindet: quam venerari ad caedem proficiscens solebas, a cuius altaribus saepe
istam impiam dexteram ad necem civium transtulisti 29 (1.24; [die Standarte,] welche du zu verehren pflegtest, immer wenn du zu einer Mordtat aufbrachst, von deren
Altären weg du oft jene frevelhafte Rechte zur Ermordung von Bürgern erhobst). 30
29 Einen weiteren Hinweis auf seltsame religiöse Riten findet man in 1.16: quae (i.e. sica) quidem quibus abs te initiata sacris ac devota sit nescio [...] (ich weiß freilich nicht, mit welchen Riten dieser Dolch von dir gesegnet und geweiht wurde). Cicero lässt keinen Bereich von Catilinas abnormen Verhalten unberührt, weder das Privatleben, noch die Politik und schließlich nicht einmal die Religion.
30 Dass Catilina innerhalb des Pomeriums überhaupt eine Standarte als Heiligtum verehrte, wie man es im Feldlager zu tun pflegte (vgl. Tac. ann. 1.39), stellte einen schockierenden Verstoß gegen das Gebot dar, dass jegliche kriegerische Handlungen innerhalb des pomerium verboten waren, da dieses zum Bereich domi zählte (vgl. C. Kunst, Römische Wohn- und Lebenswelten, Darmstadt 2000, 78).
12
Die nex civium führt Cicero dann zu einer erneuten Betrachtung der Anlagen Catilinas.
An erster Stelle stehen hierbei die cupiditas effrenata ac furiosa und die incredibilis voluptas (1.25): Der furor, neben der audacia das erste Kennzeichen Catilinas, das Cicero in 1.1. nennt, steigert die cupiditas Catilinas, die wie ein außer Kontrolle geratenes Pferd zügellos davonstürmt und ihn schon längst mit sich riss. Cicero verwendet hier dasselbe Bild für die cupiditas, das er in 1.1 für die audacia verwendet: das des unkontrollierten und unkontrollierbaren wilden Tieres.
Im Folgenden konzentriert sich Cicero dann völlig auf die angeborene Verderbtheit Catilinas, das ingenium malum pravumque des sallustischen Catilinas. Indem er die positiven Eigenschaften, die anscheinend allgemein mit Catilina in Verbindung gebracht wurden – tua illa p r a e c l a r a patientia famis, frigoris, inopiae rerum omnium (1.26; jene deine hochberühmte Fähigkeit, Hunger, Kälte und Mangeln an sämtlichen Dingen zu erdulden) – , geschickt mit den Negativtopoi von Unzucht, Verbrechen, Ehebruch und Diebstahl (1.26: stuprum obsidere, facinus obire, insidiari somno maritorum et bonis otiosorum) in Verbindung bringt, kreiert er einen gänzlich negativen Catilina. Hierbei verfährt er so, wie es die Rhetorica ad Herennium vorschreibt: In vituperatione, si erunt haec corporis commoda, male his usum dicemus (Bei der Tadelrede werden wir, wenn es diese körperlichen Vorteile gibt,
sagen, dass diese zum Schlechten benutzt wurden). 31 Anders als Sallust geht es Cicero hier anscheinend nicht darum, die auch in der größten Verdorbenheit noch vorhandenen altrömischen Tugenden zu zeigen und ihre Zweckentfremdung zu beklagen, sondern diese Tugenden Catilinas sind laut Cicero von jeher zur Zweckentfremdung bestimmt gewesen: ad hanc te amentiam natura peperit, voluntas exercuit, fortuna servavit (1.25; die Natur schuf dich zu diesem Wahnsinn, der Wille dazu übte dich darin, das Schicksal hat dich dafür aufgespart).
Die labores, die Catilina zu ertragen im Stande ist, entsprechen denen, die wir auch bei Sallust antreffen werden. Aber bei Cicero sind sie nur jemals zum Schlechten benutzt worden, nicht nur das ingenium ist malum pravumque, sondern auch der
Körper wurde bloß durch Verbrechen gestählt. 32 Dass diesen Eigenschaften trotz ihrer Zweckentfremdung zum Schaden des Staates eine gewisse beeindruckende Note nicht abzusprechen war, sieht natürlich auch
31 Ad. Her. 3.7.14.
32 Vgl. Cic. Catil. 1.26.
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Cicero und macht sich das auch durchaus zu Nutzen, so stellt er zum Beispiel in der
dritten Rede mit ihrer Hilfe Catilina als den einzig zu fürchtenden der Verschwörer
dar (3.16f.).
Es folgt eine Rechtfertigung Ciceros gegenüber der res publica, warum er Catilina
ziehen lasse anstatt ihn sofort mit dem verdienten Tod zu bestrafen (1.27 – 1.30). In
diesem Abschnitt wird Catilina zweimal mit Schimpfwörtern betitelt, einmal mit gladiator, dann mit parricida civium. Während gladiator eine der von Cicero am
häufigsten gegen seine Gegner gebrauchten und damit wohl weniger eindrucksvollen
Beschimpfungen ist 33 , kommt die Bezeichnung parricida geballt nur in den Philippica vor, wo Antonius insgesamt zehn Mal als parricida bezeichnet wird. Im Zusammenhang mit Catilina finden wir sie dreimal in den catilinarischen Reden,
nämlich in Catil. 1.29, 2.7 und 2.22, im Bezug auf die Catilinarier in Sull. 19 und 77.
Auch für Clodius gebraucht Cicero die Bezeichnung, so zum Beispiel in Mil. 18 (latro
et parricida) und 86 (taeterrimus parricida). 34 Diese Beschimpfung bleibt also für diejenigen reserviert, die nach Ciceros Meinung
den Staat am nachhaltigsten bedrohen und somit zu Prototypen der labefactantes rem
publicam werden. Am Beginn dieser Reihe steht Catilina, dessen Darstellung
gleichsam die Basis für die Darstellungen folgender hostes patriae legt. Sowohl Clodius als auch Antonius werden von Cicero später explizit mit Catilina in
Verbindung gebracht, stellen sich aus Ciceros Sicht deutlich in dessen Nachfolge. 35 Es folgt eine Beschreibung des kranken Staates, an die sich ein sehr allgemein
gehaltener Wunsch anschließt: secedant improbi, secernant se a bonis (1.32; die Schlechten mögen weichen, sie mögen sich von den Guten absondern).
Die Auffassung, der Staat ließe sich in die moralischen Fronten der boni und improbi
einteilen, ist charakteristisch für Ciceros politisches Denken. Sie bestimmt
maßgeblich die Politik seines Konsulatsjahres. Schon früher in diesem Jahr, in den Reden zu der lex agraria, formuliert er die Bedrohung, welche die egentes und
improbi für die Gesellschaft darstellen. 36 Dem setzt er den Ruf nach concordia aller
33 Vgl. Merguet 1962, 2: 416.
34 Vgl. Merguet 1962, 3: 536.
35 Vgl. zur Verbindung Clodius-Catilina z.B. Cic. har. 42. Zum Verhältnis Antonius – Catilina vgl.
Catilina in den philippischen Reden, 49.
36 Cic. leg. agr. 1.22 & 26; 2.77 & 82 & 84 & 97.
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boni entgegen. 37 In diese Gesellschaftsauffassung gehört auch obiger programmatischer Aufruf: Ciceros Kampf gegen Catilina versinnbildlicht den Kampf
aller boni gegen die improbi. So wird Catilina zu der Schablone eines improbus. Wieder zeigt sich deutlich, dass Cicero die Rede auf eine grundsätzliche Ebene
erhebt; es geht um höhere Ziele als die Vernichtung eines politischen Gegners, der
zudem zur Zeit der schriftlichen Abfassung bereits seit gut zwei Jahren tot ist: Es geht
um den Kampf zwischen Gut und Böse.
Der gesamte Abschnitt wirkt äußerst abstrakt: Auf die wiederholte Aufforderung
secernant se a bonis und secernantur a nobis folgt eine Aufzählung der
verbrecherischen Absichten der improbi, die im topischen Bild des Niederbrennens
der Stadt ihre Klimax findet. 38 Es schließt sich der allgemeine Wunsch sit denique inscriptum in fronte unius cuiusque quid de re publica sentiat (es stehe schließlich
einem jeden auf die Stirn geschrieben, was er über den Staat denkt) an. 39 Nach dieser Grundsatzaussage wendet sich Cicero in 1.33 ein letztes Mal an Catilina
und fordert ihn auf, die Stadt zu verlassen und seinen impium bellum ac nefarium offen beginnen zu lassen.
Er schließt mit dem Anruf an Jupiter, die hostes patriae mit ewigen Strafen im Leben
und im Tode heimzusuchen.
Verfluchungen als Ende einer Invektive sind nicht die Regel. Bei der Lektüre der Stelle fühlt man sich heute sofort an Vergil, Aeneis 8, 666 - 669 erinnert, wo Catilina
im Rahmen der Schildbeschreibung des Aeneas als Büßer in der Unterwelt begegnet,
von Jupiter also tatsächlich mit aeterna supplicia versehen wurde: hinc procul addit /
Tartareas etiam sedes, alta ostia Ditis, / et scelerum poenas, et te, Catilina, minaci / pendentem scopulo Furiarumque ora trementem (nicht weit von hier fügt er auch die
Wohnsitze des Tartarus hinzu, die hohen Pforten des Dis, und die Strafen für
Verberechen, und dich, Catilina, hängend vom drohenden Felsen und zitternd vor den
Gesichtern der Furien). Auch Vergil setzt die ‚Frommen’ im Folgenden scharf von Catilina ab, nutzt die Figur also ganz im Sinne Ciceros: secretosque pios, his dantem
37 Cic. leg. agr. 1.23; 2.9 & 102.
38 Vgl. Ad Her. 4.8.12.
39 Wie man sich das vorzustellen hat, erschließt sich aus Sull. 15, wo Cicero, als er den Catilinarier Autronius beschreibt, betont, dass dieser sich nicht bloß in seinen Worten und Taten, sondern sogar durch seine Miene zeige, dass er ein inimicus sei. Vgl. auch Catilinas Verhalten in Cic. Catil. 1.2 und die Aussage in Pis. 1: Iamne vides, belua, iamne sentis quae sit hominum querela frontis tuae? (Siehst du jetzt, du Bestie, merkst du endlich, was das Problem der Menschen mit deiner Stirn ist?).
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iura Catonem (Verg. Aen. 8, 670; und abgesondert die Frommen, diesen gibt Cato
Gesetze).
Mit dem Bild der göttlichen Verfluchung am Ende der ersten Catilinaria macht
Cicero bereits einen ersten Schritt in Richtung Mythologisierung der Figur Catilina –
Vergils Darstellung des von den Göttern bestraften Catilina entspricht Ciceros Bild
des verfluchten Verbrechers: Cicero fordert die ewige Strafe, Vergil lässt diese für
den inzwischen gänzlich zur literarischen Figur gewordenen Catilina Wirklichkeit
werden. Dieser Effekt der Mythologisierung bzw. Literarisierung zeigt sich nicht nur
bei Vergil, sondern bei vielen weiteren Autoren und lag durchaus in der Absicht
Ciceros, wie später gezeigt werden wird. 40
3.2. Die zweite Rede gegen Catilina
Die Rede beginnt mit einer Beschreibung Catilinas, die mit den sprachlichen Mitteln
der Invektive, die sich im ersten Satz zusammenballen, ein erschreckendes Bild des
pervertierten Politikers entwirft: furens audacia, scelus anhelans, pestem patriae
nefarie moliens, vobis atque huic urbi ferro flammaque minitans. Hier vereinen sich
typische in der politischen Invektive gebräuchliche Wendungen wie pestis patriae,
Raserei und Vermessenheit oder die Bedrohung der Stadt durch ‚Eisen und Flamme’
mit der Metapher eines schnaubenden Tieres, das Verbrechen ausatmet. 41 Dieser unkontrollierbare, tierhaft rasende Politiker kann für den Staat nur noch eine
Gefährdung darstellen, etwas anderes als Chaos und Umsturz ist von ihm nicht zu
erwarten. Gleichzeitig betont Cicero in der Prädikatshandlung, dass diese Bedrohung
von ihm selbst beseitigt worden sei: ex urbe vel eiecimus vel emisimus (2.1; ich 42 habe ihn aus der Stadt geworfen oder hinaus geschickt). Dieses monstrum und prodigium
kann den Staat von innen nun nicht länger bedrohen. Auch diese beiden Termini
40 Vgl. Die Literarisierung Catilinas, 85ff.
41 Ein ganz ähnliches Bild begegnet in Ad Her. 4.49.62: Iste, qui cottidie per forum medium tamquam iubatus draco serpit [...] aspectu venenato, spiritu rabido, circumspectans huc et illuc, si quem reperiat, cui aliquid mali faucibus adflare [...] possit (Dieser, der täglich wie ein mit einem Kamme versehener Drache über das Forum kriecht [...] mit giftigem Blick und wütendem Atem, sich hierhin und dorthin umblickend, ob er einen finde, dem er mit seinem Rachen irgendetwas Übles anblasen könnte). Auch hier erfindet Cicero also kein neues Bild zur Beschreibung Catilinas.
42 Cicero wählt hier m.E. den Plural, um zu unterstreichen, dass er im Einvernehmen mit dem Senat und dem Volk handelte, nicht wie ein rex, der willkürlich Bürger in die Verbannung schickt. Da er andererseits selbst die Vertreibung Catilinas aus Rom als Ziel der ersten Rede definiert, scheint mir die Übersetzung in der ersten Person Singular gerechtfertigt – Cicero sieht sich durchaus als Auslöser des Wegganges.
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gehören in den „Vorstellungskreis der Störung des Staatsgleichgewichts durch den
Politiker“ 43 .
Im Folgenden wird Catilina von Cicero zunächst als dux belli domestici, dann als sica illa (2.1) bezeichnet. Er wird also vom Heerführer zur personifizierten Waffe. Damit betont Cicero nochmals die Gefahr, die von Catilina ausgeht und zwar sowohl für die Bürger als auch für die Stadt – der Staat selbst wird durch die sica Catilina bedroht. Wie die erste Rede beginnt also auch die zweite mit einem politischen Teil, in dem Catilina allerdings schon gar nicht mehr als römischer Politiker sondern vielmehr als feindlicher Angreifer erscheint, gegen den man nun endlich einen gerechten Krieg (2.1: bellum iustum, d.h. einen Verteidigungskrieg!) führen kann. Catilina sei nun endlich aus seinem Versteckt in ein apertum latrocinium getrieben worden und es bleibe ihm nichts übrig, als zur Stadt zurückzublicken, die seinem Rachen entrissen wurde und die sich ihrerseits freue, die pestis Catilina ‚herausgekotzt’ zu haben. Cicero bezeichnet Catilina weiter als hostis capitalis (2.3) und formuliert für seine Verbrechen die Todesstrafe als einzig würdige Strafe. Was er in der ersten Rede vorbereitet hat, kommt zu Beginn der zweiten also zu Tragen: Catilina ist endgültig zum hostis geworden, abgesondert von allen boni.
In 2.7 geht Cicero dann wieder zu einer persönlichen Schmähung seines Gegners über. Er läutet diesen Abschnitt mit der Beschimpfung Catilinas als sentina ein, als vom Staatsschiff ausgestoßenes Dreckswasser. Die res publica, so fährt er fort, scheine ihm, nachdem dieser eine Catilina hinaus gestoßen wurde (2.7: uno [...] Catilina exhausto), wie neu erschaffen. Es folgt eine Aufzählung der verkommenen Subjekte, deren Umgang Catilina pflegt – cum Catilina familiarissime vixerunt heißt es von ihnen; die Beziehung ist durch den Superlativ so eng, dass die Beschimpfungen sich direkt auf die Person Catilinas übertragen lassen: gladiator, latro, sicarius, parricida, adulter, corruptor iuventutis sind die Stichwörter, die auch im direkten Zusammenhang mit Catilina an anderer Stelle auftauchen. Dieser verworfene Catilina wird sodann für jeden Mord und jede frevelhafte Unzucht der letzten Jahre verantwortlich gemacht – er wird also eindeutig als Prototyp des
Verbrechers etabliert. 44 In 2.8 wendet sich Cicero dann Catilina in seiner Funktion als
43 Opelt 1965, 137.
44 Es handelt sich um einen weiteren Hinweis auf die Literarisierung der Figur, denn keiner wird
annehmen wollen, dass Catilina tatsächlich bei jeder Untat der letzten Jahre seine Finger im Spiel hatte
– im Rahmen der Beschreibung des Verbrechers schlechthin kann eine derartige Behauptung dagegen
völlig problemlos aufgestellt werden.
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corruptor iuventutis zu. Stereotyp beschreibt er Catilinas angebliches verwerfliches Sexualverhalten: qui alios ipse amabat turpissime, aliorum amori flagitiosissime serviebat (der selbst die einen aufs schändlichste liebte, der Liebe anderer aufs verworfenste diente). Gesteigert durch zwei Superlative wird das Bild eines Lüstlings
gezeichnet, wie es in keiner Invektive fehlen darf. 45 Es folgt in 2.9 der Verweis auf vertraulichen Kontakt mit Gladiatoren und Schauspielern, kaum ein standesgemäßer Umgang für einen römischen Adligen. Diese ‚allzu leichtfertigen und nichtsnutzigen’ Schauspieler und Gladiatoren sind es auch, die die Tapferkeit Catilinas preisen, die sich doch nur durch exercatio stuprorum et scelerum herausgebildet hat. Cicero bleibt bei dem Bild, das er schon in 1.26 entworfen hat: Catilinas positive Eigenschaften sind eigentlich keine, da er sie ex negativo erworben hat. Gesteigert wird der negative Eindruck hier noch dadurch, dass es die niedrigsten seiner Anhänger, Gladiatoren und Schauspieler, sind, die diese Eigenschaften loben. Catilina, so stellt Cicero abschließend fest, habe die subsidia atque instrumenta virtutis in libidine audaciaque vergeudet.
In 2.10 beschreibt Cicero die Absichten der greges flagitiosi analog zu Catilinas Absichten: bestimmt durch libidines und audaciae wollen sie caedes, incendia und rapinae. Das väterliche Vermögen haben sie durchgebracht und leben weit über ihre Verhältnisse: Cicero endet den Abschnitt mit einer grotesken Gelageszenerie: qui mihi accubantes in conviviis, complexi mulieres impudicas, vino languidi, conferti cibo, sertis redimiti, unguentis obliti, debilitati stupris eructant sermonibus suis caedem bonorum atque urbis incendia (die bei Gastmählern liegen und schamlose Frauen umarmen, schläfrig von Wein, angefüllt mit Essen, geschmückt mit Kränzen, triefend von Salbölen, geschwächt von Unzucht – in ihren Gesprächen rülpsen sie die Ermordung der Guten und die Einäscherung der Stadt aus). Jeder einzelne dieser Verbrecher ist ein Abbild Catilinas, wie er getrieben von audacia, wie er die Ermordung der Guten als Ziel vor Augen.
Im Folgenden rekapituliert Cicero kurz die Ereignisse des vorigen Tages. Catilina bezeichnet er dabei als homo audacissimus und als conscientia convictus (2.13). Er
45 Vgl. beispielsweise: sed video adulterum, video ganeonem, video parietum praesidio, video
amicorum sordibus, video noctis tenebris occultantem libidines suas. (Cic. Pis. fr.18; aber ich sehe
einen Ehebrecher, ich sehe einen Fresser, ich sehe einen, der seine Begierden im Schutze seiner
Wände, hinter der Verruchtheit seiner Freunde, im Schatten der Nacht versteckt).
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kommt also nochmals auf die conscientia scelerum zurück, die bei Sallust neben der
Verarmung zum handlungsbestimmenden Moment wird. 46 Interessant ist der Ausdruck arma audaciae in 2.14. arma wird von Cicero sonst im übertragenen Sinne nur in positiven Verbindungen benutzt (mit prudentia, auctoritas,
iudicia, leges) 47 , sodass wir auch hier eine komplette Verkehrung ins Negative erkennen können: Catilina kämpft mit den Waffen der Vermessenheit, die Waffen, die er als guter Politiker eigentlich zum Wohle des Staates einsetzen sollte, die arma prudentiae, auctoritatis, iudiciorum, legum, dienen bei ihm als arma audaciae dem Verderben des Staates, gegen den er sich nun als latrocinans (2.16) im offenen Krieg befindet. Das macht Cicero am Beginn von 2.17 nochmals deutlich, wo er Catilina in einem Satz dreimal hintereinander als hostis bezeichnet.
Es folgt die Beschreibung der Anhänger Catilinas. Vier der in 2.18 – 2.23 beschriebenen sechs Gruppen der Anhänger zeichnen sich durch ihre Verschuldung aus. Das bildet eine Verbindung zu Catilina, dessen angespannte finanzielle Situation aus der ersten Rede bereits bekannt ist (1.14). Es wird deutlich, dass diese Verschuldeteten sich von Catilina eine Verbesserung ihrer Lage versprechen, da er sich in einer ähnlichen Situation befindet. Der Leser der Reden weiß das allerdings nur, wenn er auch die erste Rede gelesen hat, da Catilinas Vermögensverhältnisse in der zweiten Rede bis dahin noch nicht erwähnt wurden. Ich denke, dass man daraus schließen kann, dass Cicero die Catilina-Figur über die Spanne der Reden hinweg entwickelt und dass man die Reden bei der Betrachtung der Darstellung Catilinas als eine Einheit betrachten muss. Erst im Zusammenspiel der vier Reden enthüllt sich das ganze Bild. Das heißt in der Konsequenz, dass es sich um eine artifizielle literarische Konstruktion handelt, nicht um Momentaufnahmen einer realen Persönlichkeit.
In 2.19 fällt, als es um das Ziel der zweiten Gruppe der Verschwörer geht, das Stichwort dominatio. Diese zweite Gruppe ist auch die, bei deren Beschreibung man sich konkret an Catilina erinnert fühlt, da Cicero direkt auf dessen vergebliche Anläufe, das Konsulat zu erlangen, Bezug nimmt: honores quos quieta re publica desperant perturbata se consequi posse arbitrantur (die Ämter, welche sie sich in einem ruhigen Staat nicht erhoffen, glauben sie in einem unruhigen Staat erreichen zu
46 Vgl. Sall. Catil. 5.7: agitabatur magis magisque in dies animus ferox inopia rei familiaris et
conscientia scelerum (sein wilder Geist wurde durch den Mangel an Vermögen und durch das Wissen
um seine Verbrechen von Tag zu Tag mehr und mehr erregt).
47 TLL 2.601.45.
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können). Dominatio können wir also auch als Ziel Catilinas annehmen. Als Staatsfeind ersehnt er es – genau wie diese zweite Gruppe – summo furore dictator oder rex zu werden. Es ist deutlich zu erkennen, wie Cicero diese zweite Gruppe
nutzt, um Catilinas verbrecherische Ziele nochmals klar zu benennen. 48 In 2.19 bezeichnet Cicero Catilina als fugitivus 49 , eine Beschimpfung, die in der Komödie häufig vorkommt, bei Cicero sonst nicht. 50 Sie gehört allerdings durchaus in die Liste der gebräuchlichen Topik der Schmährede und bezeichnet einen entlaufenen Sklaven; dass Cicero den Ausdruck sonst in seinen Invektiven nicht verwendet, hängt sicherlich mit der hohen gesellschaftlichen Stellung seiner Gegner zusammen, die
eine solche Schmähung verbietet. 51 Im Falle Catilinas ist dieser laut Cicero aber bereits so isoliert, so von allen boni abgesondert, dass er einem entlaufenen Sklaven gleichkommt. Diese Schmähung bezieht sich also natürlich nicht konkret auf Catilinas sozialen Status, sondern sie überzeichnet ihn als so von der Gesellschaft abgesondert, wie es ein entlaufener Sklave ist. Ein Bild, das sich auf all diejenigen übertragen lässt, die es auf das Verderben des Staates angelegt haben und somit eine Wand von boni vor sich haben, für die sie vogelfrei sind.
Die Dritte Gruppe bringt den Aspekt des sullanischen Hintergrundes in die Beschreibung Catilinas: Um sich zu retten, so Cicero, müssten sie Sulla von den Toten herauf rufen. Da sie sich konkret von Catilina Rettung erhoffen, rückt dieser in
die Nähe eines wiederauferstandenen Sullas. 52 Um dieses Bild mit dem nötigen Terror zu füllen, erwähnt Cicero gleich darauf die proscriptiones, die solch einen Schrecken verbreitet haben, dass nicht einmal die Tiere dergleichen mehr erdulden wollen (2.20).
Mit der fünften und sechsten Gruppe (2.22) verbindet Cicero Catilina besonders eng. Es sind dies die parricidae, sicarii, facinorosii auf der einen, die adulteri, impuri und impudici auf der anderen Seite. Es fällt auf, dass diese Gruppe, das genus proprium Catilinae, diejenige ist, die lediglich mit den standardisierten Beschreibungen der Invektivtopik beschrieben wird, ohne dass auf konkrete historische oder
48 Einem ähnlichen Zweck dient auch die Darstellung Lentulus’ in der dritten Rede. Vgl. dazu S. 22. 49 Wenn man die entsprechende Stelle so interpretiert, dass die Mitglieder dieser zweiten Gruppe ihre Position an ihren Anführer Catilina wieder abtreten müssten, dessen Untergebene sie letztlich bleiben würden. In diesem Fall wäre Catilina mit fugitivo alicui aut gladiatori gemeint.
50 TLL 6.1497.3.
51 Als Sklave beschimpft Cicero sonst nur Piso in Cic. Pis. 14.
52 Für eine ausführliche Betrachtung der Beziehungen zwischen Sulla und Catilina vgl. Catilina als Reflex Sullas – Die Entstehung eines neuen Typus, 40f.
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M.A. Nicholas Gudrich, 2008, Ingenio malo pravoque? - Die Darstellung Catilinas bei Cicero und Sallust, München, GRIN Verlag GmbH
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