Gliederung
I. Beschreibung der Total Furnishing Unit 1
1. Aufbau der Total Furnishing Unit 2
1.1. Das Bed-and Privacy-Modul 2 3
1.1.1. Die zentrale Steuerungseinheit 4 6
1.1.2. Zugänge zum Privacy-Bereich: Tür 1 und Tür 2 6 7
1.1.3. Die Bed-Einheit 7 8
1.2. Das Cupboard-Modul 8 9
1.3. Das Bathroom-Modul 9
1.3.1. Das Innere des Bathroom-Moduls 9 11
1.4. Das Kitchen-Modul 11 12
2. Microenvironment Microevent: der Film zur Total Furnishing Unit 13 14
II. Joe Colombos Gestaltungsphilosophie
1. Gestaltung nach Farbe, Form und Materialität 14 16
2. Die Dynamisierung des Wohnraums und die Konzeption des Open Space 16 17
3. Die Philosophie der Ausstattung (l’arredamneto) und die Konzeption
eines modularen Systems
3.1. Die Ausstattung als Überwindung des traditionellen Möbels 17 18
3.2. Der Entwurf multifunktionaler Systeme als universelle Lösung 18 20
4. Maschinenästhetik und Technikmotive 20
4.1. Audiovisuelle Medien als technisches Leitmotiv 20 21
4.2. Der Computer als Technikmotiv
und das „programmierbare“ Möbel 21 23
4.3. SPACE AGE IS HERE - Das Spaceshuttle und der Satellit
als führende Technikmotive 23 24
4.4. Inszenierte Technikwelten
James Bond und 2001 : Odyssee im Weltraum 24 25
III. Joe Colombos Weiterentwicklung von Le Corbusiers Wohnkonzepten
1. Die Neudefinition der „Wohnmaschine“ 25 26
2. Die Konzeption eines neuen Möbels gemäß Typisierung und
Standardisierung, Funktionalität, Reduktion und Materialität 26 30
2
IV. Italienisches Nachkriegsdesign (1945 1972 )
die Einordnung der Total Furnishing Unit in den designhistorischen Kontext 30
1. Die Anfänge des Nachkriegsdesigns - Vom Unikat zur Serie
1.1. Kulturelle Ereignisse vor 1945 31 32
1.2. Wiederaufbau: Der Bedarf an industriellen
Fertigungsmethoden und die Etablierung
des Bel Design (1945 1950 ) 32 34
1.3. Die Methodische Nähe zur Architektur 34 35
1.4. Die Hauptströmungen 36
2. Industrie und Produktion in den Fünfzigerjahren
La Linea Italiana und das Bel Design 37
2.1. Der Stile Olivetti 37 38
2.1.2. Arflex, Kartell:
Design zwischen Industrie und Handwerk 38 40
3. Die Sechziger Jahre
3.1. Pop Design. Kultur und Menschenbild 41 42
3.2. Space Age is here 42 43
3.3. Anti-und Radical-Design 43 44
3.3.1. Die Kultur des Sitzens in den Sechzigerjahren 44 45
3.3.2. Kunststoff als die neuen Materialien 45 46
3.4. Radical Design: Archizoom, Superstudio, UFO,
Gruppo 9999 und Sturm 46 47
6. Anti-Design für das Design:
Joe Colombo im Kontext der Designgeschichte: ein Fazit 47 49
V. Abbildungsverzeichnis 50 96
VI. Dokumentenanhang
1. Index 97 104
VII. Bibliographie 105 107
3
I. Beschreibung der Total Furnishing Unit.
Die Total Furnishing Unit 1 ist ein multifunktionaler Wohnblock, der vom italienischen Designer Joe Colombo für die Ausstellung Italy: The New Domestic Landscape 1971 - 1972 konzipiert wurde. Die Total Furnishing Unit 2 weist nach Angaben des Museum of Modern Art eine Grundfläche von 28 qm auf 3 . Sie umfasst eine Gesamtlänge zwischen 3,5 und 3,6 m und eine Gesamtbreite von 4,8 bis 4,85 m. 4
In ihrer Grundstruktur besteht sie aus vier einzelnen weißen Kunststoffmodulen, die durch gelbe Holz- und Plastikelemente untergliedert und teilweise mit farbigen Applikationen versehen sind. Neben der farbigen Akzentuierung durch bunte Licht- und Schaltereinheiten integriert Colombo multimediale Elemente wie Fernseher, Radio und Lautsprecher, die an zentralen Stellen des Wohnblocks angebracht sind. Hinzu kommen Einbauten aus Metall, Holz und Glas, die den Aufbau des Monoblocks zusätzlich untergliedern. Der Aufbau der Total Furnishing Unit ist insgesamt asymmetrisch angelegt. In seiner vertikalen und horizontalen Struktur wiederholen sich vereinzelt Elemente in Maß und Form, dennoch ist sie im Großen und Ganzen fragmentarisch.
Die Total Furnishing Unit ist Joe Colombos letzter großer Entwurf. Hier entwickelte er die Idee einer autonomen Wohnzelle von maximaler Variabilität und Flexibilität, die er in Form eines kompakten Blocks, bestehend aus einzelnen, zusammengefügten Zellen konzipierte. Alle Zellen können aus dem Block gelöst und frei im Raum verteilt, aber auch als zusammenhängendes Ganzes genutzt werden. So ergibt sich eine Vielzahl von Kombinationsmöglichkeiten, die Colombo primär sechs zentralen Gebrauchsmustern zuordnet: NIGHT, BREAKFAST, LIVING, BREAKFAST-WORK-LIVING, DINER-WORK-LIVING und PARTY. 5
Joe Colombo plante die Total Furnishing Unit als unabhängige, autark funktionierende Einheit, die aus dem Kontext des sie umgebenden Raums gelöst und typologisch genau zwischen Möbel und Architektur angesiedelt ist.
1 Siehe Abbildung 1.
2 Alle Maßangaben sind den Konstruktionszeichnungen der Abbildungen 6 und 7 zu entnehmen.
3 Die Maßangaben aus Konstruktionszeichnungen und Konstruktionsmodell der Abbildung 2 ergeben eine Grundfläche zwischen 14 und 16,8 qm. Die in der Literatur häufig zu findende Angabe einer Grundfläche von 28 qm scheint sich auf den möglichen „aktivierten“ Zustand der Total Furnishing Unit zu beziehen.
4 Die Gesamtlänge und Gesamtbreite des Objektes bezieht sich auf seinen komprimierten, zusammengefassten Zustand wie in Abbildung 1. Sie ergeben sich aus den Konstruktionszeichnungen (3,5 m x 4,85 m) und den Maßgaben der Ausstellungsfläche (3,6 m x 4,8 m), die dem Ausstellungskatalog zu Italy: The New Domestic Landscape zu entnehmen sind.
5 Siehe Abbildung 2.
4
1. Aufbau der Total Furnishing Unit 6
Die Total Furnishing Unit ist primär in vier Zellen oder Module unterteilt, die Colombo Kitchen, Cupboard, Bed and Privacy und Bathroom nennt.
Im Zentrum steht das Bed-and-Privacy-Modul 7 , das in seinem Inneren durch eine eingezogene, von beiden Seiten nutzbare Regalwand in zwei separate „Denkerzellen“ unterteilt ist. Jeweils rechts und links an das Bed-and-Privacy-Modul angeschlossen finden wir das Bathroom-, das Cupboard- und Kitchen-Modul vor.
Bathroom und Kitchen sind von Colombo sowohl als eigenständige als auch als bewegliche Module geplant worden. Sie sind jederzeit aus dem zentralen Block lösbar und können beliebig im Raum positioniert werden. Sie besitzen vier Außenwände sowie einen Eingang und sind somit abschließbar. In der architektonischen Gesamtkonzeption sind sie gegenüber dem zentralen Bed-and-Privacy-Block leicht erhöht und werden diesem in der Grundformation vorgesetzt.
Im Gegensatz zum Bed-and-Privacy-, Bathroom- und Kitchen-Block ist das Cupboard- Modulnicht als eigenständiger Raum zu verstehen. Es agiert lediglich im Rahmen der Umgestaltung des Blockes als zusätzliches raumdefinierendes Element. In der Grundeinstellung des Blockes verschwindet es zwischen Bed- and- Privacy und Kitchen und kommt erst zum Vorschein, wenn sich seitens der Bewohner Bedarf und Anspruch an den Raum geändert haben. Wird zum Beispiel der Bedarfsmodus von LIVING in NIGHT geändert, können die Betten aus der Nische unterhalb des Bed-and-Privacy-Bereichs hervorgezogen werden, und das Cupboard wird aus dem Block gelöst. Aus dem Wohnblock tritt somit ein neues Raumkonzept hervor.
Insgesamt funktioniert die Total Furnishing Unit gemäß dem Prinzip eines Schweizer Taschenmessers, indem der vom Bewohner benötigte Raum und dessen Funktion einfach aus dem Block gelöst werden kann.
1.1. Das Bed-and-Privacy-Modul 8
Im Zentrum der Total Furnishing Unit befindet sich der Bed-and-Privacy-Bereich. Vom gesamtarchitektonischen Konzept ausgehend, bildet er die zentrale Einheit des Wohnblockes. Er erstreckt sich über eine Fläche von ca. 6 qm (2,3 m x 2,6 m) und ist sowohl aus Plastik-, Holz- als auch aus Metallelementen gefertigt. Insgesamt nimmt das Bed-and-Privacy-Modul die größte Fläche innerhalb der Konzeption des Wohnblocks ein und dominiert das Objekt vor allem durch seine zentrale Anordnung zwischen Bathroom und Kitchen und seine teilweise farbige Gestaltung.
6 Siehe Abbildung 3.
7 Siehe Abbildung 4.
8 Siehe Abbildung 1.
5
Die Bed-and-Privacy-Sektion ist in vier Einheiten unterteilt: Tür 1, zentrale Steuerungseinheit, Tür 2 9 und Bed.
Die Farbgestaltung erfolgt gemäß dem Schema gelb - weiß - gelb und verleiht der zentralen Steuerungseinheit zwischen den beiden gelb lackierten Türen eine optisch hervorstechende Position.
Die Türen sind vom Bathroom- und Cupboard-Modul durch eine Art dezenten, weißen Holzrahmen nach außen hin abgesetzt. Die nach außen tretende optische Einrahmung des Bed-and-Privacy-Moduls rührt von seinem inneren Aufbau her. In der Obenansicht des Objektes 10 erkennt man, dass die weiße Holzrahmung die Verlängerung der nach außen tretenden Außenwände des Privacy-Bereichs darstellt. Werden Kitchen und Bathroom aus der Grundformation gelöst, bilden diese weiß lackierten Holzwände die Außenwände des gesamten Moduls, die den Privacy-Bereich nach außen hin abschließen. Im Gegensatz zum Kitchen-, Bathroom- und Cupboard-Modul ist der zentrale Bed-and-Privacy-Bereich nicht durch eine Decke abgeschlossen und somit von oben einsehbar. 11 Colombo versah die beiden durch ein zentral eingezogenes Regalsystem unterteilten Denkerzellen nicht mit elektrischem Licht, sodass das einfallende Licht des Außenraumes als Lichtquelle dienen muss.
Eine weitere Besonderheit, die das Bed-and-Privacy-Modul von den übrigen Raummodulen der Total Furnishing Unit absetzt, ist ein Podest, das den zentralen Privacy-Bereich optisch erhöht. Boden und Außenwände des internen Privacy-Bereichs bestehen aus gelb und weiß lackierten Spanholzplatten, und die Podesthöhe lässt den Privacy-Bereich schwer zugänglich erscheinen. Die sich unter dem Podest ergebende Nische hat neben der optischen Erhöhung des Privacy-Bereichs eine weitere Funktion: Hier können die Elemente des Bed- Bereichsverstaut werden.
So erfolgt der Zutritt zum Privacy-Bereich über das Podest, welches ausschließlich von zwei den gesamten Unterboden durchlaufenden metallenen Winkeln gestützt wird und seitlich mit den weißen Außenwänden lediglich verschraubt ist. Insgesamt macht die vorwiegend aus Holz bestehende Konstruktion des Bed-and-Privacy-Bereichs einen sehr instabilen Eindruck. Dies entspricht dem Prototyp-Charakter der Total Furnishing Unit, der keine alltägliche Benutzung vorsieht.
Eine zusätzliche Bedeutung erhält das Bed-and-Privacy-Modul durch seine zentrale Rolle in der „Programmierung“ der Gebrauchsmuster. Sie spielt in allen sechs Modi (NIGHT, BREAKFAST, LIVING, BREAKFAST-WORK-LIVING, DINER-WORK-LIVING und PARTY) eine zentrale Rolle.
9 Die Bezeichnungen „Tür 1“, „Zentrale Steuerungseinheit“ und „Tür 2“ dienen zur Orientierung innerhalb der Objektbeschreibung. Colombo selbst hat sie im Gegensatz zu den Modulen nicht benannt.
10 Siehe Abbildung 1 und 9.
11 Siehe Abbildung 4.
6
1.1.1. Die zentrale Steuerungseinheit 12
Das sockelartig erhobene Bed-and-Privacy-Modul erfährt hinsichtlich seiner frontalen Ansicht eine klassische Dreiteilung. Insgesamt scheint der zentrale Block dem Gestaltungsschema einer klassischen Fassade zu folgen: Der Bed-Bereich bildet den Sockel, auf dem die dreigeteilte Fassade thront. Im Zentrum der Hauptansichtsseite befindet sich die zentrale Steuerungseinheit, das elektronische Gehirn der Total Furnishing Unit, welche von Tür 1 und Tür 2 flankiert wird.
Die im Zentrum angeordnete zentrale Steuerungseinheit ist eine dreidimensionale, in Plastik gegossene multifunktionale Regaleinheit, die eine nach außen tretende Verlängerung der inneren Trennwand des Privacy-Bereichs darstellt. Insgesamt ist die zentrale Steuerungseinheit von drei Seiten nutzbar, und neben ihrer Funktion als Mobiliar stellt sie ein zusätzliches architektonisches Element dar.
Sie dient im Inneren des Bed-and-Privacy-Bereichs als die beiden Denkerzellen architektonisch voneinander abgrenzende Trennwand und schließt nach außen den Privacy-Bereich als Außenwand ab. In ihrer primären Funktion dient die zentrale Steuerungseinheit als multifunktionale Regaleinheit, versehen mit ausziehbaren Tischen, überwiegend medialen Elementen und Fächern für Bücher. Neben ihrer dreidimensionalen Nutzungsmöglichkeit und Multifunktionalität hebt sich die zentrale Steuerungseinheit insbesondere durch ihre Formgebung von den anderen Elementen der Total Furnishing Unit ab. 13 Ihre Formgebung folgt klaren Linien, ist geometrisiert, ihre Ecken sind im Gegensatz zu den anderen Modulen nicht abgerundet, sodass ihre scharfkantige Form klar positioniert ist und optisch hervorzutreten scheint.
Die Hauptansicht der zentralen Steuerungseinheit ist horizontal in fünf gleich große Fächer gegliedert.
In der unteren Ebene befindet sich eine kleine Regaleinheit, in deren oberem Drittel eine gelb lackierte, ausziehbare Tischplatte integriert ist und die ansonsten Stauraum für kleinere Objekte bietet. Colombos Mitarbeiter platzierte für die Ausstellung in diesem Fach einen weißen Aschenbecher und ein braunes Glasgefäß, gefüllt mit Medikamenten. Die Regaleinheit kann nur außerhalb der Tischfunktion genutzt werden, da die ausgezogene Tischplatte die Nutzung sehr erschwert. Wollte man etwas aus dem Regal herausholen, müsste man unter den ausgezogenen Tisch greifen und den Gegenstand somit quasi blind ertasten. Ist der Tisch jedoch zurückgeschoben, ist das Regal frei zugänglich und kann in seiner ursprünglichen Funktion als Aufbewahrungsfach genutzt werden. Besonders während des NIGHT-Modus, wenn das Bed zum Einsatz kommt, soll dieses Fach als zusätzliche Ablagefläche genutzt werden.
12 Siehe Abbildung 10.
13 Siehe Abbildung 5.
7
Über der kombinierten Regal-Tisch-Ebene angeordnet, befindet sich eine Art multimediale Kommunikationseinheit, bestehend aus einem Radio, einem Fernseher und einer farbigen Knopfleiste, die sich hinter einer weißen Kunststoffblende nahtlos in das Objekt einfügen. Die Multimedia-Einheit spielt eine wichtige Rolle in der Konzeption der Total Furnishing Unit. Sie ist durch ihre zentrale Anordnung auf vertikaler und horizontaler Ebene in der Architektur des Wohncubes von jeder Position aus sichtbar und ist in jeder Wohnfunktion ein integrierter Bestandteil. Innerhalb der Multimedia-Einheit findet eine eindeutige Zweiteilung statt.. Rechts neben dem Fernsehbildschirm liegen die zugehörigen Bedienelemente. Dadurch, dass auch das den Monitor einrahmende Gehäuse ausschließlich schwarz ist, erreicht Colombo einen effektiven Kontrast zwischen dem Fernseher und dem ihn umgebenden weißen Kunststoffrahmen. Der Bildschirm scheint tief in die Rahmung eingelassen und sich stark nach außen zu wölben. Insgesamt vermittelt die gestalterische Inszenierung des Fernsehers den Eindruck eines Fensters, das den Blick in das unendliche schwarze Universum gewähren will.
Lediglich 1/3 der Fläche wird dem Radio und der L-förmig angeordneten, farbigen Knopfleiste zugeordnet. Das Radio ähnelt in seiner minimalistischen Konzeption stark einem modernen Autoradio. Es hebt sich von der weißen Kunststoffumrandung durch einen dünnen schwarzen, es begrenzenden Rahmen ab. Insgesamt ist die Struktur des Radios dreigeteilt. In der Mitte befindet sich eine Art schwarzes Display, auf dem in weißer Schrift die Radiofrequenzen abzulesen sind. Ansteuern lassen sich die Frequenzen und Lautstärke durch die das schwarze Display jeweils rechts und links flankierenden weißen Räder, die als optische Abgrenzung zum schwarzen Display noch zusätzlich weiß unterlegt und ebenfalls dezent schwarz umrandet sind. Das schwarze Display nimmt die gleiche Fläche ein wie die beiden es flankierenden weißen Einheiten zusammen. Die Flächen stehen im Verhältnis 1 : 2 : 1 zueinander. Unter dem Radio parallel platziert, findet man zwei Reihen mit Knöpfen, die in der Form eines liegenden „L“ angeordnet sind, sodass in der ersten Reihe ein einzelner, leicht hervorstehender roter Knopf und in der zweiten Reihe zwei etwas vertiefte Schalterpaare zu sehen sind. Angeordnet sind diese in der Farbfolge: rot - grün - Abstand - grünrot. Leider bleibt unklar, welchen Bedienfunktionen die Schalter genau zugeordnet sind, da auch ihre scheinbar willkürliche farbliche Anordnung keinen Aufschluss darüber gibt. Allein von ihrer Anzahl lässt sich vermuten, dass sie eventuell den Lichteinheiten zugeordnet sein könnten.
Über der multimedialen Kommunikationseinheit finden sich zwei übereinander liegende Regalfächer, in denen sich ovale Metallelemente als Buchstützen befinden, an denen Zeitschriften und Bücher lehnen. An der Rückwand des Regals lassen sich kleine schwarze Vertiefungen ausmachen, ein Stecksystem, in dem sich die Buchstützen je nach Bedarf beliebig versetzen lassen.
8
Den Abschluss der zentralen Steuerungseinheit bildet eine Art Licht- und Stereopult, in dessen weißen Kunststoffrahmen verschiedenfarbige und verschieden geformte Lautsprecher, Scheinwerfer- und Knopfelemente eingelassen sind. Die Anordnung dieser Elemente erfolgt willkürlich. Zwar setzt Colombo die gleich geformten und gleichfarbigen Knopf-und Lautsprecherpaare durch ihre parallele oder paarweise Anordnung in eine Beziehung zueinander, dennoch dominiert die asymmetrische Struktur der Anordnung das Erscheinungsbild. So findet man in der oberen Hälfte, jeweils am äußeren Rand des Pults angeordnet, zwei in ihrer Form viereckig angelegte, aber in einem leichten Schwung ausbrechende schwarze Lautsprecherelemente. Zwischen den schwarzen Lautsprechern leicht nach unten versetzt, sitzt ein Scheinwerferpaar, bestehend aus einem roten Scheinwerfer in runder Form und einem weißen, eckigen Scheinwerfer, der ebenfalls zum roten Scheinwerfer leicht versetzt nach unten angeordnet ist. In der unteren Hälfte in Richtung der äußeren Ecken des Pultes angeordnet, lassen sich zwei weiße, runde Knopfpaare erkennen. In der Gesamtkonzeption der zentralen Steuerungseinheit ist das Licht- und Stereopult optisch der multimedialen Kommunikationseinheit zugeordnet. Beide Elemente setzen sich von den drei Regaleinheiten durch ihre weiße Plastikverblendung ab, sodass eine starke Kontrastierung zwischen tiefer und flacher Ebene entsteht. Ein weiterer optischer Effekt wird durch die farbige Akzentuierung der Elektronik auf dem weißen Untergrund erreicht. Wie Akroterien auf dem Giebel eines antiken Tempels thronen, thront auf Colombos Wohnmaschine ein Set verschiedenfarbiger dreh- und verstellbarer Scheinwerfer. Die Scheinwerfer bilden den höchsten Punkt des Wohncubes. Sie sind auf drei auf der Oberseite der zentralen Steuerungseinheit parallel verlaufenden Schienen befestigt und können in jede beliebige Richtung versetzt, verstellt und gedreht werden.
1.1.2. Zugänge zum Privacy-Bereich: Tür 1 und Tür 2 14
Die Zugänge zum internen Privacy-Bereich sind nach außen durch zwei gelb lackierte Holztüren kenntlich gemacht. Diese flankieren das zentrale Steuerungsmodul auf gleicher Höhe jeweils auf der rechten und linken Seite. Zusammen mit der zentralen Steuerungseinheit bilden sie die Hauptansicht des Bed-and-Privacy-Moduls und werden auf der linken Seite durch die Bathroom-Einheit und auf der rechten Seite von Cupboard und Kitchen flankiert.
Die Holztüren, die Einlass in die Denkerzellen gewähren, sind in einem auffälligen Gelb lackiert und setzen sich somit optisch auch von der sie umgebenden weißen Kunststoffrahmung stark ab. Sie sind jeweils am oberen und unteren Türende mit zwei schmalen Schar-
14 SieheAbbildung 3.
9
nieren an den weißen Außenwänden des Bed-and-Privacy-Bereichs verschraubt und lassen sich nach außen hin öffnen.
Die Tür an sich besteht aus leichtem gelb lackiertem Spanholz. Sie ist in ihrer Struktur auf 2/3 ihrer Höhe zweigeteilt, wobei das obere Türdrittel mit den unteren 2/3 verschraubt ist. Das obere Drittel erfährt eine erneute Zweiteilung durch vier vertikal zentral angeordnete, in das Holz gestanzte kleine, kreisförmige Vertiefungen, die zusätzlich Licht in das Innere des Privacy-Bereichs 15 fallen lassen.
1.1.3. Die Bed-Einheit 16
Die Bed-Einheit ist unterhalb des zentralen Privacy-Bereichs angeordnet. Sie besteht aus einem mittig platzierten, ausrollbaren Nachttischelement und zwei jeweils rechts und links des Nachttisches liegenden, ausrollbaren Betten.
Das zentrale Nachttischelement wird von beiden den Boden des Privacy-Bereichs stützenden Winkeln jeweils rechts und links begrenzt. An seiner Unterseite wurden mehrere Rollen montiert, sodass es mit Leichtigkeit je nach Bedarf ein- und ausgerollt werden kann. Neben seiner primären Ablagefunktion bietet es schubladenähnlich Stauraum für Wert- oder andere Gegenstände. In Form und Materialität ähnelt es der Gestaltung der ebenfalls mit Rollen versehenen Betten. Sowohl Nachttisch als auch Betten sind durchgehend mit einem breiten, weißen Plastikrahmen ummantelt. Der Nachttisch ist an seiner Oberseite mit einer dünnen, gelb lackierten Holzplatte verblendet, die sich je nach Bedarf auf- und zuschieben lässt. Unterbrochen wird die Rahmung des Nachttisches lediglich durch eine leichte Vertiefung an der Frontseite, die dem Benutzer als Griff dienen soll, um das Ausziehen bzw. Lösen des Nachttisches aus der Total Furnishing Unit zu erleichtern.
Die beiden Betten-Elemente sind jeweils für eine Person ausgerichtet und werden optisch stark von dem weißen Plastikrahmen dominiert. Der weiße Bettrahmen scheint durch die unsichtbar weit innen liegenden Rollen wie in einem Schwebezustand über den Boden zu gleiten. Seine organischen Rundungen, die sich in der mit gelbem Latex überzogenen Matratze wiederholen, verleihen Colombos Betten den Eindruck einer gewissen Leichtigkeit und Eigendynamik. Der weiße Bettrahmen erfährt jeweils an Kopf- und Fußende eine minimale Erhöhung, die die kurze Seite des Bettes systematisch unterdrittelt, aber vor allem die Funktion hat, die Matratze im Rahmen zu halten und dieser eine höhere Stabilität zu verleihen. Die Erhöhung kann zugleich als Griff zum Herausziehen des Bettes dienen. Auffällig ist darüber hinaus die Positiv-Negativ-Variation zwischen Bettrahmen und Nacht-
15 Daes keine Abbildungen vom Inneren des Bed-and-Privacy-Bereichs gibt, konnte ich diesen in der Beschreibung nicht berücksichtigen.
16 Siehe Abbildung 11.
10
tischrahmen: herausgehobener Mittelteil bei den Betten versus Vertiefung in der Rahmenmitte des Nachttischs.
1.2. Das Cupboard-Modul 17
Zur rechten Seite hin bildet das ausziehbare Cupboard-Modul die optische Erweiterung des zentralen Bed-and-Privacy-Bereichs. Das Cupboard hat die gleiche Höhe wie das Bed-and-Privacy-Modul, doch ist von Colombos Konzeption ausgehend als eigenständig anzusehen. Der Bed-and-Privacy-Block und das Cupboard sind zwar insgesamt gleich hoch, doch weisen sie bezüglich ihrer weiteren Maße und Gestaltung kaum Gemeinsamkeiten auf. Während das 2,3 m breite Bed-and-Privacy-Modul durch das podestähnliche Bed-Element eine Zweiteilung erfährt, besitzt das nur ca. 40 cm breite Cupboard eine durchgehend einheitliche Front.
Das Cupboard agiert als multifunktionales Element innerhalb des Wohnblocks. Eingezogen im Inneren des Wohnkubus versteckt, dient es als Kleiderschrank und ausgezogen als Trennwand zum anschließenden Kitchen-Bereich. Somit ist das Cupboard ähnlich wie die zentrale Steuerungseinheit einerseits architektonisch als Trennwand nutzbar, zugleich bietet es im als Mobiliar Stauraum für die Kleidung der Bewohner.
Insgesamt spielt das Cupboard-Modul eine bedeutende Rolle in der flexiblen Umgestaltung des Wohnraums von der allgemeinen LIVING-Funktion in die NIGHT-Funktion. In Frontalansicht, wenn das Cupboard-Modul sich verstaut im Inneren des Wohnkubus befindet, ist es lediglich als rechteckige Holzblende mit zwei im unteren Drittel angebrachten, abgerundeten Metallgriffen erkennbar.
Ausgezogen kommt der innere Schrankaufbau des Cupboard zum Vorschein. Es dient sowohl als Kleiderschrank als auch als Trennwand zum anschließenden Küchenbereich. Auffällig ist die besondere Form des Cupboard: ein Rechteck mit abgerundeten Ecken. Das Cupboard ist ein großes aus Kunststoff konstruiertes Element, das im Inneren durch drei lang gestreckte Fächer untergliedert ist. Diese Fächer übernehmen die organische Form der Gesamterscheinung und geben sie in Form ihrer Längsstreckung in einem kleineren Maßstab wieder. Jedes Element ist durch den großen, aus Plastik bestehenden Körper eingerahmt.
Die beiden äußeren Fächer weisen die gleiche Form und das gleiche Maß auf und sind durch eine gelbe, aufschiebbare Plastikblende, die als Schranktür dient, einander zugeordnet. Nach Öffnung der gelben Blenden erblickt man in beiden inneren Schrankelementen die klassische Aufteilung in Kleiderstange zum Aufhängen der Kleidung und Hutablage.
17 Siehe Abbildungen 1 und 11.
11
Arbeit zitieren:
Alexandra Forciniti, 2009, Die „Total Furnishing Unit“ (1971-1972) von Joe Colombo und die Neudefinition der Wohnmaschine, München, GRIN Verlag GmbH
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