Diplomarbeit von Christine Gehrke | Fachbereich Flächen- und Textildesign
Seite 3
Ausgangspunkt
...4
Teil 1: Bestandsanalyse: vier Fallbeispiele aktuellen Designs
1. 1 Bless: Pelzperücke ...7
1.2 Fabrics interseason: Collection constructed normality # modern nerves ...13
1.3 Front Design: Sketch Furniture ...18
1.4 5.5 designers: Second Life ...23
Fazit I ...28
Teil 2: Cultural Hacking: Eine geeignete Erklärung?
Der Begriff und seine Herleitung ...30
Die Betrachtungsperspektive ...34
Die Absicht ...35
Cultural Hacking: Eine Kritik ...39
Fazit II ...41
Teil 3: Kunst und Design versus Cultural Hacking
Marcel Duchamp: Pionier des Cultural Hackings? ...43
Der Flaschentrockner ...43
Marcel Duchamps Kunst- und Lebensphilosophie ...47
Fazit III ...51
Droog Design Alternative Designansätze ...53
Vergleichende Betrachtung ...54
Schlussbetrachtung ...58
Anhang
Literatur-& Quellennachweis ...60
Inhalt
Seite 4
Ausgangspunkt
Die Grenzen zwischen Kunst und Design lösen sich auf, die Aufgabenfelder werden
neu defi niert: Was ist Kunst, was ist Design? Wer ist Künstler, wer ist Designer?
Kann Design Kunst sein? Können Künstler Designer sein? Und welche Rolle haben
die Konsumenten? Fragen, auf die auch die meisten Künstler und Designer keine
eindeutigen Antworten wissen.
Noch zu Zeiten des Funktionalismus waren die Rollen klar verteilt: Künstler
arbeiteten daran, die Wahrheit hinter den Dingen in ihren Werken dem Betrachter
zur Anschauung zu bringen, zweckfrei und ohne Rücksicht auf die Wirkung. Die
Designer übernahmen dagegen im Sinne von angewandter Kunst die Erklärung
der konkreten Welt, indem sie sich um die Gestaltung von Produkten kümmerten, die
zur Benutzung bestimmt waren. Der Gebrauch und die Funktion bestimmten dabei
entscheidend Ästhetik und Gestaltung. Noch heute defi niert Meyers Taschenlexikon
Design als ,,Entwurf bzw. Gestaltgebung eines Gebrauchsgegenstandes
(einschließlich Farbgebung); insbesondere die moderne, zweckmäßige, funktional-
schöne Formgebung industrieller Produkte."
1
Im Lexikon Internationales Design
heißt es: ,,Der Begriff bezeichnet die Gestaltung von Gegenständen aller Art nach
den Kriterien von Funktionalität, z.B. Ergonomie und Ästhetik. Nicht zuletzt in
Hinblick auf die Marktchancen eines Produktes zielt der Designer auf eine möglichst
optimale Verschmelzung beider Kategorien."
2
Oder Das Neue Duden-Lexikon
Design schreibt: ,,Entwurfsskizze für ein Industrieprodukt. Das Design soll zugleich
funktional richtig und ästhetisch schön sein."
3
Und heute? In einer Zeit, in der Komplexität und Unübersichtlichkeit zunehmen
und viele gesellschaftliche Übereinkünfte verloren gegangen sind, suchen Menschen
nach Antworten auf diese Herausforderungen, nach neuen Sicherheiten und
Orientierungspunkten. Wo der Einsatz von digitaler Datenverarbeitung und
Mikroelektronik dazu führt, dass das Funktionieren der Dinge immer weniger
begreifbar ist, kommt auch Design eine neue Aufgabe zu. Die Verschmelzung und
1
Meyers Taschen Lexikon. Hg. von Meyers Lexikonredaktion. Bd. 3, Ausgabe in 12 Bd.. Mannheim/Leipzig/Wien/
Zürich 1996, S. 696.
2
Lexikon Internationales Design. Hg. von Thomas Heider/ Markus Stegmann/ René Zey, Hamburg 1994,S. 88f.
3
Das neue Duden-Lexikon. Hg. von Meyers Lexikonredaktion. Bd. 2, Ausgabe in 10 Bd.. Mannheim/Wien/Zürich
1991, S. 759.
Seite 5
Optimierung von Funktionalität und Ästhetik als Arbeitsauftrag an den Designer
greift unter den aktuellen Vorzeichen zu kurz, denn die einstmals originären
Nutzungsanforderungen an Produkte haben sich unter den Bedingungen der
fortlaufenden Individualisierung, Globalisierung und Digitalisierung der Umwelt
in den letzten Jahren grundlegend verändert. Die Selbstdefi nition über Produkte
und Marken hat alle Bereiche der unmittelbaren Lebensgestaltung u.a. Mode,
Wohnen, Kochen, Freizeit und Sport ergriffen. Gleichzeitig steht jedem jederzeit
eine wachsende Anzahl von Produkten zur Verfügung. Immer öfter gilt: the design
is the message.
Designer reagieren auf die neuen Herausforderungen allerdings unterschiedlich.
Einige widmen sich der Optimierung der Nutzerfreundlichkeit von Produkten
oder geben sich dem Spiel der Möglichkeiten hin, immer auf der Suche nach
neuen Verführungsideen. Andere versuchen, sich kritisch mit den Folgen der
technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander zu setzen, indem
sie Gebrauchsgegenstände mit einem eigenen ideellen Wert, einem Sinn jenseits
von Funktionalität und Brauchbarkeit ausstatten. Im gleichen Maße wie diese
Ebene an Bedeutung gewinnt, treten Aspekte der funktional-schönen Formgebung
in den Hintergrund. Produkte sind dabei nicht so sehr einem Gestaltungsprozess
unterworfen, sondern werden zu Gegenständen künstlerischer Untersuchungs-
anordnungen, die den Nährboden neuer Designideen darstellen.
Projekte dieser Art bilden den Ausgangspunkt meiner Arbeit. Sie sind in ihrer
äußeren Erscheinung indifferent und lassen sich zumeist nicht mehr eindeutig der
Gattung Design oder Kunst zuordnen. An vier aktuellen Arbeiten aus Mode- und
Produktdesign im Weiteren Phänomene genannt sollen die neuen Designansätze
und ihre Wirkungsweise aufgezeigt werden. Dabei wird insbesondere untersucht, wie
Design im Wechselspiel moderne Entwicklungen aufnimmt bzw. selbst beeinfl usst.
Inwiefern sich dadurch das Verhältnis von Design und Kunst verändert, soll u.a.
anhand der künstlerischen Refl ektionen zum Thema Brauchen und Gebrauchen
untersucht werden, die bei vielen Avantgarde-Designern heute unverzichtbarer
Bestandteil ihrer Arbeiten sind.
Seite
Seite 66
Im Einzelnen geht die Bestandsanalyse der vier Fallbeispiele folgenden Fragen
nach:
- Mit welchen Mitteln wird der Designbegriff gebrochen, verändert und
erweitert?
- Welche neuen Wirkungen entstehen daraus?
- Ist Design unter den jeweils beschriebenen Bedingungen noch zu
gebrauchen und zu verkaufen?
- Welchen individuellen Gewinn hält die neue Ästhetik für den Nutzer und
Betrachter bereit?
Diese Phänomene werden in Beziehung gesetzt zu den Ready-mades von Marcel
Duchamp, einem der Wegbereiter der künstlerisch-konzeptionellen Verbindungen
von Kunst und Design. Sein Werk, das eng mit seiner Kunst- und Lebensphilosophie
verknüpft ist, wird vorgestellt und am Beispiel des Designernetzwerks Droog
werden Verbindungslinien zur kritischen, subversiven Arbeit der aktuellen Design-
Avantgarde aufgezeigt.
Während diese dabei ist, die Grenzen und Möglichkeiten von Design neu
auszuloten, haben Marketingexperten seit längerem das wirtschaftlich nutzbare
Kreativ-Potenzial der kritischen Kunst- und Designbewegung erkannt. Mit Hilfe
der Strategie des Cultural Hacking versuchen sie, neue Ideen zu akquirieren und für
das eigene Unternehmen nutzbar zu machen. In einem Exkurs, basierend auf der
Essaysammlung ,,Cultural Hacking: Kunst des Strategischen Handelns"
4
, werden
Voraussetzungen, Vorgehensweisen und Chancen dieser Strategie beschrieben und
bewertet. Damit ist das Spannungsfeld skizziert, in dem sich zukunftsweisendes
Design entwickeln muss.
4
Cultural Hacking: Kunst des Strategischen Handelns. Hg. von Franz Liebl, Thomas Düllo. Wien/New York 2005.
Seite
Seite 77
Abb. 1: BLESS: Pelzperücke, 1996. Aus dem Internet unter: URL: http:www.bless-service.de
(previous products abgerufen am 23. Juli 2007)
Teil 1: Bestandsanalyse: vier Fallbeispiele aktuellen Designs
1.1 BLESS: Pelzperücke
1.1 BLESS: Pelzperücke
Seite 8
Das Label BLESS aus Berlin entwirft 1996 Kopfschmuck aus edlem Tierfell, dessen
Musterung an einen Dachspelz erinnert. Die kunstvoll gearbeitete Kopfbedeckung
aus Tierhaaren ist dem Kopf des Trägers in der Art einer Perücke angepasst und wird
dadurch Teil seines Körpers. Sie bestimmt und verändert die Außenwirkung des
Trägers entscheidend.
Der Betrachter kann sich den fremden, animalischen Reizen, die damit verbunden
sind, kaum entziehen. Der Träger selbst wird, ungeachtet seines sonstigen Outfi ts,
zumindest für den Bruchteil einer Sekunde, zum Tier. Gleichzeitig werden
Erinnerungen wach an die Vokuhila-Frisur der 80er Jahre, in denen Männer kurze
Haare vorn mit langer Nackenpartie hinten trugen.
5
Durch die unterschiedlichen
Assoziationen stark irritiert, ist sich der Betrachter nicht sicher, ob es sich bei
dem Kopfschmuck um ein modisches Accessoire, eine Perücke oder die ironische
Imitation einer Frisur handelt, die man schon fast vergessen hatte.
Modisches Accessoire? Im Rahmen des Modedesigns werden Accessoires in der
Regel auf die Grundgarderobe, z.B. Anzug oder Mantel, abgestimmt, sie werden
beliebig getauscht, kombiniert und der jeweiligen Stimmung angepasst. Sie ergänzen
andere Produkte und dienen dem Gesamteindruck. Die Pelzperücke hingegen
behauptet ihren eigenen Wert und ihre eigene Bedeutung. Sie bleibt autonom
und bestimmt fast unabhängig von anderen Utensilien den Gesamteindruck des
Trägers. Ihre Besonderheit und Exklusivität wird noch dadurch unterstrichen, dass
die Pelzperücke in limitierter Edition handwerklich gearbeitet wurde, also keine
Massenware des Designs ist.
Perücke? In der Regel besteht der Zweck einer Perücke in der Imitation oder
Optimierung der natürlich gewachsenen Haare des Menschen durch Natur- oder
Kunsthaar. Der von Bless entworfene Kopfschmuck ersetzt jedoch das eigene
Haar durch feines Tierhaar, das als solches erkannt wird, auch wenn sich Tier-
und Menschenhaar in diesem Fall stark ähneln. Animalisch, fein und geistreich,
sind Assoziationen, die sich dem Betrachter aufdrängen. Nicht Imitation und
Teil 1: Bestandsanalyse: vier Fallbeispiele aktuellen Designs
5
Zu ihren Trägern gehörten George Michael, MacGyver und Dieter Bohlen, später Profi -Fußballspieler und ihre
George Michael, MacGyver
George Michael, MacGyver
Fans. Aus einer begrenzten Erscheinung entwickelte sich durch die weltweite Verbreitung von Fußball
ein internationales Phänomen. So bezeichnete man die Frisur in Dänemark als Bundesliga-Haar; in Norwegen,
Schweden: Eishockeyfrisur; in den Niederlanden: Deutsche Matte; in Israel: Vorhang und in Österreich: Wiese.
(Vgl. Wikipedia abgerufen am 21. Juni 2007)
Seite 9
6
Anthropologie (von griechisch: ánthropos Mensch und lógos Lehre), ist frei übersetzt die Wissenschaft vom
Menschen. Die einzelnen Disziplinen zusammenfassend wird unter diesem Oberbegriff die wissenschaftliche
Erklärung dessen verstanden, was der Mensch ist. Charakteristisch für die Anthropologie ist ihre (auf I. Kant
zurückgehende) Spaltung in einen materialistisch-physischen Zweig und einen idealistisch-pragmatischen
Zweig: die Naturwissenschaften beschreiben den Menschen aus der Evolutionstheorie heraus als ein zwar
hoch entwickeltes, sich aber nur quantitativ vom Tier unterscheidendes Wesen, während die Geisteswissenschaften
in der Freiheit der Entscheidung und der Selbstbestimmung, d.h. in der Personalität, das spezifi sch menschliche
Wesen entdecken, welches sich qualitativ vom Tier unterscheidet. In Deutschland wird unter dem Universitätsfach
Anthropologie im Unterschied zu den angelsächsischen Ländern ausschließlich die biologische oder physische
Anthropologie verstanden. (Vgl. wikipedia abegerufen am 21. Juni 2007)
7
Vgl. Mode und Kostüm Lexikon. Hg. von Ingrid Loschek. Stuttgart 1994, S. 372.
Verbergen sind also der Zweck dieser Kopfbedeckung, sondern die Behauptung des
Andersartigen, des Fremden.
Pelzperücke! Weder handelt es sich trotz aller Künstlichkeit bei dem vorliegenden
Kopfschmuck um ein ausschließlich modisches Accessoire, das auf die restliche
Garderobe abgestimmt wird, noch erfüllt der Haarschmuck den üblichen Zweck
einer Perücke, das eigene Haar zu imitieren oder zu optimieren. Tatsächlich
wird die Pelzperücke
neuer Teil des Körpers des Trägers, beginnt mit dessen
Persönlichkeit zu verschmelzen und diese zu verändern. Damit verlässt der Designer
sein angestammtes Terrain der Mode bzw. der Gebrauchsgegenstände. Stattdessen
begibt er sich in den Bereich der Anthropologie
6
und erforscht die Wirkung und
Magie seiner neuen
Körperteile, lotet die Grenzen zwischen Mensch und Tier neu
aus. Dazu besinnt sich Bless auf Verhaltensweisen, Bräuche und Rituale unserer
Vorfahren. Schon für Menschen in der Jüngeren Altsteinzeit besaßen Tierfelle nicht
nur wegen ihrer Schutzfunktion gegen Kälte einen hohen Wert. Man schrieb den
Tierfellen Kräfte zu, die auf menschliche Träger übergehen konnten. Die Erbeutung
bestimmter Felle hob deshalb das soziale Ansehen der Jäger, die die Felle trugen,
um so ihre Jagderfolge zur Schau zu stellen. Ihren Glaubensvorstellungen zufolge,
gehen die symbolische Kraft und der Geist des getöteten Tieres vom Fell auf den
Träger über. Zu jeder Zeit wurden Pelze deshalb als Statussymbole für Privilegierte
verwendet. Im ägyptischen Altertum stellte zum Beispiel ein um den Körper gelegtes
Leopardenfell mit Kopf und Klauen die Zeremonientracht hoher Würdenträger dar.
In griechisch-archaischer Zeit galt das Fell des Nemeischen Löwen von Herakles
als undurchdringlich und war deshalb ein besonderer Ausdruck seiner Stärke. Aus
diesem Grund zeigten sich Herrscher und Feldherren bis ins 18. Jahrhundert hinein
mit dem Fell des Löwen.
7
Diese Gedanken nimmt Bless auf und interpretiert sie
mit der
Pelzperücke neu. Der Träger der Pelzperücke verzichtet auf die soziale
Teil 1: Bestandsanalyse: vier Fallbeispiele aktuellen Designs
Seite 10
und erotische Funktion
8
seiner eigenen Haare, die ein einzigartiges Merkmal jedes
Menschen darstellen. Denn für gewöhnlich gilt die eigene Frisur als ein Zeichen der
Individualität und als Ausdruck der kulturellen und gesellschaftlichen Identität.
Die Ästhetik und die Symbolik des Tierfells verändert die persönliche Identität des
Trägers. Da eine Frisur und keine modische Form aus Pelz den direkten Bezug zum
Körper des Menschen herstellt, vermischt sich scheinbar die Identität des Menschen
mit der des Tieres. Die
Pelzperücke hebt so die eindeutige Trennung von Mensch
und Tier auf und stellt damit in gewisser Weise das naturwissenschaftliche Weltbild
spielerisch in Frage. Denn traditionell grenzt sich der Mensch bewusst vom Tier
ab, da er sich selbst als ein dem Tier übergeordnetes Lebewesen versteht. Ferner
bewirkt die Unisexform
9
der Pelzperücke eine Aufl ösung der unmissverständlichen
geschlechtlichen Bestimmung des Trägers, so dass im übertragenen Sinne sein
geistiger Charakter betont wird. Paradoxerweise gewinnt die
Pelzperücke gerade
aus der Provokation ihre besondere Kraft. Dazu trägt vor allem die doppeldeutige
Wirkung des Tierfells bei. Einerseits provoziert das inkorrekte Verhalten echten Pelz
zu tragen, andererseits treten die Identität des Menschen und des Tiers mittels der
Pelzperücke scheinbar widerspruchsfrei miteinander in Verbindung. Dieser Aspekt
bewirkt, dass sich ihr Träger auf ironische Weise in eine Reihe mit den
martialischen
Praktiken aus der Steinzeit stellt. Die
Pelzperücke signalisiert deshalb einen höchst
ambivalenten Selbstausdruck, der als besondere Stärke auf den Träger und seine
Umwelt weitergegeben wird. Diese Aussagen werden auf einer anderen Ebene
selbstbewusst und ironisch gebrochen, indem Assoziationen zu den Vokuhila-
Frisuren der 80er Jahre zugelassen und gefördert werden. BLESS revolutioniert mit
der Pelzperücke, die ganz auf die Ähnlichkeit von Pelz und Menschenhaar setzt,
die Vokuhila-Frisur und erlöst diese durch Veredelung von ihrem
Proll-Image. Wer
eine derart gewandelte Vokuhila-Frisur im neuen Jahrtausend trägt, bekundet seine
Coolness gegenüber der Außenwelt. Genau wie früher die Schamanen mit der Welt des
Geistes steht der Träger dieser
Pelzperücke mit den Codes der Mode in Verbindung.
Teil 1: Bestandsanalyse: vier Fallbeispiele aktuellen Designs
8
Musliminnen verdecken ihr Haar aus diesem Grund.
9
Die Pelzperücke kann sowohl von Männern als auch von Frauen getragen werden. Vergleichbar mit der
kultischen Bedeutung der Schamanenkappe, die die Verbindung ihres Trägers mit der Welt des Geistes ausdrückt.
Seite 11
Ihr Träger identifi ziert sich einerseits mit der Vokuhila-Frisur, andererseits distanziert
er sich durch die Verwendung einer jederzeit abnehmbaren Perücke von ihr. Mit
Hilfe der Pelzperücke können sich ihre Träger neue Identitäten schaffen und diese
jederzeit verändern. In diesem Zusammenhang verkörpert die Pelzperücke eine
höchst individuelle und intellektuelle Variante einer viel geschmähten
Angeberfrisur.
Jedenfalls verleiht die
Pelzperücke jenseits jeder Ausgangssituation jedem Kopf
einen eigenwilligen Charakter, so dass ihr Einsatz zu einer Aufwertung der Perücke
schlechthin beitragen könnte, die i.d.R. von vielen eher aus Not, möglichst unentdeckt
und schamhaft getragen wird.
Neben der
Pelzperücke umfasst das Repertoire von BLESS Bekleidung für Stühle,
Stiefelsocken, eine Hängemattencouch und ein Portemonnaie für die Ohren. Das Neue:
Produkte von BLESS werden gleichermaßen auf internationalen Modenschauen, in
Galerien und auf Kunstveranstaltungen präsentiert. Denn die scheinbar unorthodoxe
Mission lautet: ,,BLESS is a project that presents ideal and artistic values by products
to the public."
10
Mit diesem Standpunkt widersetzt sich BLESS der traditionellen
Vorstellung von Design als Mittel zum Realisieren eines funktionalen Zweckes.
Es geht stattdessen um das Sichtbarmachen von Unterschieden und Bedeutungen,
also um Kunst. So erklärt BLESS die Vermittlung dieser Botschaften auch zu dem
wichtigsten Zweck der eigenen Produktgestaltung.
11
Zur Philosophie von BLESS
gehört es trotzdem oder gerade deswegen nicht, Massenartikel herzustellen, sondern
limitierte Editionen zu entwerfen. Das Label BLESS unterstützt mit ähnlichen
Spezialprodukten die Kollektionen anderer Mode-Designer und sogar großer
Marken wie Adidas, Nike und Levi´s. Den Anfang machte die
Pelzperücke, als sie
sich in einer Anzeige des internationalen Design-Magazins
I.D. die Aufmerksamkeit
des Avantgardedesigners Martin Margiela verschaffte. Zu Ruhm gelangte sie auf der
Prêt-à-porter in Paris 1997/1998, als Martin Margiela sie in seiner Winterkollektion
präsentierte.
12
Teil 1: Bestandsanalyse: vier Fallbeispiele aktuellen Designs
10
BLESS, zit. nach: BLESS-Service: About BLESS. Nachzulesen im Internet: URL: http://www.bless-service.de
(abgerufen am 21. Juni 2007)
11
Vgl. Fashion Now: i-D selects the world's 150 most important designers. Edited by Terry Jones & Avril Mair.
Taschen 2002, S. 211.
12
Vgl. BLESS-Service: About BLESS. Nachzulesen im Internet: URL: http://www.bless-service.de
(abgerufen am 21. Juni 2007)
Seite
Seite 12
12
BLESS zeigt ein neues Verständnis für Design, indem es die symbolische Bedeutung
eines Gegenstandes in den Vordergrund stellt. Gegenwärtig erscheint der Gebrauch
von Pelz in der Mode losgelöst von seiner ursprünglichen Symbolik, denn
Naturreligionen und ihre symbolischen Formen haben kaum noch eine Bedeutung
für westliche Gesellschaften, weil sie in der Regel als unaufgeklärt bzw. vormodern
gelten. Deshalb grenzt sich eine
normale Pelzkappe oder Pelzmütze durch ihre
modische Form von den Haaren des Trägers ab, nicht zuletzt um die Trennung des
Menschen vom Tier eindeutig zu markieren und die Schmuck- und Statusfunktion
des Pelzes zu betonen. Die Pelzperücke dagegen knüpft an uralte Vorstellungen an,
erprobt die Wirkungen neu und weist damit auf Dimensionen jenseits der reinen
Funktionalität hin.
Teil 1: Bestandsanalyse: vier Fallbeispiele aktuellen Designs
0 Kommentare