Die Notwendigkeit einer
durchdachten Stadtplanung zum
Ortsbildschutz
Verdeutlicht an architektonischen Beispielen des 10.
Wiener Gemeindebezirks
Bachelorarbeit zur Erlangung des Grades Bachelor of Science an der
Fakultät für Architektur und Raumplanung der Technischen Universität
Wien
Studienrichtung: Raumplanung und Raumordnung
von Dolores Stuttner
Dezember 2009
Bachelorseminar Dolores Stuttner
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung
S. 3
1.1.
Kurzfassung
S. 3
1.2.
Abstract
(English)
S. 3
1.3.
Problemstellung S. 4.
1.4.
Zielformulierung S. 4
2.
Ist ,,gute" Stadtplanung für ein stimmiges Ortsbild wichtig? Was sind die
Auswirkungen von unbedachter/schlechter Planung auf das Ortsbild?
S. 4
2.1.
Vorteile/Nachteile einer umfassenden Gestaltungsfreiheit
S. 9
2.2.
Auswirkungen der Stadtplanung auf die Psyche des Menschen
S. 10
3. Grundlegendes zur Gegend des 10. Wiener Gemeindebezirks
S. 13
3.1. Charakteristische Merkmale des Ortsbildes
S. 16
4. Was macht ein stimmiges Ortsbild aus? Wodurch wird das Ortsbild
gestört/zerstört?
S. 18
4.1. Beispiele für stimmige und unstimmige Ortsbilder ( Wien allgemein) S. 22
4.2. Beispiele für gelungene und nicht gelungene Stadtgestaltung
im
10.
Wiener
Gemeindebezirk
S. 24
5. Die größten Bausünden des 10. Wiener Gemeindebezirks einzelne
Bauwerke, die das Gesamtbild eines Stadtteils (zer)stören
S. 28
6.
Fazit
S. 30
7.
Begriffsglossar
S. 31
8.
Quellen
S. 33
2
Bachelorseminar Dolores Stuttner
1. Einleitung
Die Raumplanung stellt in der heutigen Zeit eine wichtige und unentbehrliche
Disziplin dar. Sie wird angewendet, um die architektonischen und planerischen
Gestaltungsvorhaben zu lenken und diesbezüglich einen Rahmen zu definieren
sowie Vorgaben zu machen.
Warum durchdachte Vorgehensweisen und leichte Beschränkungen in der Planung
wichtig sind, um Bauvorhaben in einem entsprechenden Rahmen zu halten und
weshalb absolute Gestaltungsfreiheit für das Bild einer Stadt nicht förderlich ist und
für die Bewohner ungünstige Auswirkungen haben kann, soll hier näher erläutert
werden.
1.1. Kurzfassung
Mit dieser schriftlichen Arbeit, die im Rahmen des Bachelorseminars während des 6.
Semesters des Studiums Raumplanung und Raumordnung verfasst wurde, soll die
Wichtigkeit einer durchdachten Stadtplanung ermittelt und dies am Beispiel des 10.
Wiener Gemeindebezirks näher veranschaulichet werden.
Hierzu will zuallererst aufgezeigt werden wie gute Stadtplanung überhaupt definiert
werden kann und welche Auswirkungen diese planerische Disziplin auf das Stadt-
und Ortsbild haben kann. Anschließend sollen die Vor- und Nachteile einer
umfassenden Gestaltungsfreiheit definiert werden und aufgezeigt werden, was für
Konsequenzen Diese haben kann.
Dann wird genauer auf die Gegend des 10. Bezirks und detailliert auf
charakteristische Merkmale dieses Stadtteils eingegangen.
Der Hauptteil der Arbeit wird sich damit befassen, was ein gutes Orts- und Stadtbild
überhaupt ausmacht. Ebenfalls soll erläutert werden, wie Nachteilige Ortsbilder
zustande kommen und welche Auswirkungen das auf die Umgebung/den Menschen
haben kann.
Als letztes werden noch die größten Bausünden des 10. Wiener Gemeindebezirks
aufzählen und an ihnen verdeutlicht, welchen Einfluss sie auf das Ortsbild haben und
wie sie Dieses negativ beeinflussen.
1.2. Abstract (English)
In this work, that I wrote within my studies "Raumplanung und Raumordnung" I want
to discuss the advantages and disadvantages of freedom of art in architecture and
spatial planning. I want to analyse this topic with taking the 10
th
district of Vienna as
an example.
First I will show how good planning can be defined and what influence this discipline
has on a townscape and I will also discuss the consequences.
Later I will write about the surrounding of the 10
th
district and its characteristics.
The main part of my work is about what defines a good townscape and what
influences a suboptimal planned town has on the inhabitants of these areas.
3
Bachelorseminar Dolores Stuttner
The last chapter will be about the worst architecture and buildings in the 10
th
district
and influences these have on the townscape.
1.3. Problemstellung
Gestaltungsfreiheit hat, wenn sie praktiziert wird, einige Vorteile, wie beispielsweise
das grenzenlose Ausleben der Kunst des Architekten oder Planers, so dass der
Kreativität keine Grenzen gesetzt werden. Daraus ergeben sich jedoch zwangsweise
Nachteile im Stadtbild, die oft auf Kosten der Einwohner gehen.
In dieser Arbeit soll aus diesen Gründen geklärt werden warum durchdachte
Stadtplanung von großer Wichtigkeit ist, was ein Ortsbild braucht, damit es
lebenswert und strukturiert erscheint, wie sich die Stadtgestalt auf die Psyche
auswirken kann und warum Einschränkungen in der Architektur und Raumplanung
von großer Bedeutung sind. Verdeutlicht werden soll dies vor allem am Beispiel des
10. Wiener Gemeindebezirks.
1.4. Zielformulierung
Ziel dieser Arbeit soll sein, dass aufgezeigt wird, wie wichtig durchdachte
Stadtgestaltung und Architektur für das Ortsbild aber vor allem auch für die
Bewohner von Städten an sich ist. Außerdem wird auf die Vorteile sowie Nachteile
architektonischer und planerischer Gestaltungsfreiheit eingegangen und erwähnt, wie
diese in Maßen zu einem besseren Stadtbild beitragen kann. Es wird zudem
aufgezeigt, wie einzelne Bauwerke negativen Einfluss auf die ganze Umgebung
haben können und somit zu großen Störfaktoren für ein stimmiges Ortsbild werden
können. Weiters soll durch das Studieren relevanter Literatur und Aufzeigen von
architektonischen Beispielen ein Bewusstsein für die Notwendigkeit einer gut
konzipierten Raumplanung geschaffen werden.
2. Ist ,,gute" Stadtplanung für ein stimmiges Ortsbild wichtig? Was sind die
Auswirkungen von unbedachter/schlechter Planung auf das Ortsbild?
Einleitend lässt sich sagen, dass ein ordnender Aspekt in der Stadtplanung sehr
wichtig im Bereich der architektonischen und planerischen Gestaltung ist.
Es soll jedoch auch erwähnt werden, dass es schwer ist zu definieren, was ,,gute"
Stadtplanung überhaupt ausmacht. Meistens setzt sich Diese nämlich aus mehreren
Komponenten, die in der räumlichen Planung berücksichtigt werden müssen,
zusammen.
Ein Ortsbild muss immer mehrere Elemente beinhalten, die passend
zusammenspielen sollten um letzten Endes stimmig zu wirken.
4
Bachelorseminar Dolores Stuttner
Die Definitionen von ,,guter Stadtplanung" sind sehr zahlreich. Ein Zitat besagt: ,,Gute
Stadtplanung habe das Ziel, lebende und Lebenswerte Städte zu gestalten (..)."
1
Auf der Homepage des Bürgerbeirats von Wiesbaden wird gute Stadtplanung so
definiert, dass sie zugunsten der Menschen, welche in der Stadt arbeiten und leben,
das Erbe des Ortes pflegt, seine Identität stärkt und behutsam weiterentwickelt, dabei
jedoch nie die Gesamtheit aus dem Auge verliert.
Aus jenen Definitionen lässt sich herauslesen, dass Stadtplanung im Dienste der
Einwohner steht und die Stadt auch für Diese attraktiv gestalten und lebenswert
machen muss. Sie muss Erhaltenswertes erkennen und erhalten und effektiv mit
neuen Elementen verknüpfen.
Aus soziologischer Sicht wird eine Stadtplanung sogar nur dann gut, wenn auch die
Betroffenen Einwohner in den Entscheidungsprozess miteinbezogen werden.
Nun soll erläutert werden, auf welche Komponenten eines Stadtbildes während eines
Planungsprozesses geachtet werden muss.
,,Das Vorstellungsbild der Umwelt enthält die folgenden drei Komponenten:
Identität, Struktur und Bedeutung. (...) Ein brauchbares Bild erfordert zunächst die
Identifizierung eines Gegenstandes, die es möglich macht, ihn von anderen
Gegenständen zu unterscheiden und als Separat-,,Wesen" zu erkennen. Wir nennen
dies ,,Identität" nicht im Sinn der Übereinstimmung mit irgendetwas anderem,
sondern im Sinn von ,,Individualität" oder ,,Ganzheit"."
2
Bezogen auf das Ortbild ist damit gemeint, dass jeder Stadtteil etwas Individuelles,
Markantes braucht, das ihn quasi einzigartig macht. Dies kann beispielsweise ein
Gebäude sein, das schon lange Zeit besteht (in der Regel über einen Zeitraum von
100 Jahren), aber besonders gut erhalten ist, also eine Art Denkmal oder auch eine
Bebauung, die sich in seiner Höhe etwas von der umliegenden Baustruktur
unterscheidet. Es können aber auch landschaftsplanerisch besonders schön
gestaltete Straßen oder auch eine spezielle Anordnung der Häuser und Plätze sein,
die das Stadtbild spannend und somit individuell erscheinen lassen.
Werden jene Elemente in der Planung nicht berücksichtigt kann es sein, dass der
Ortsteil einige Einbußen bei der Identität machen muss und somit sehr unwillkürlich
gestaltet und verloren wirkt. Der Städtebau und die Raumplanung sollten vor allem in
der Umgestaltung bestehender Komponenten berücksichtigen, dass die für die
Identitätsbildung wichtigsten Bausteine erhalten bleiben.
,,Zweitens muss das Bild eine räumliche oder strukturelle Beziehung des
Gegenstandes zum Beobachter und zu anderen Gegenständen enthalten. Und
schließlich muss der Gegenstand für den Beobachter irgendeinen Sinn haben
entweder praktisch oder gefühlsmäßig. (...)
Da der Nachdruck auf der physischen Umgebung als der unabhängigen Variablen
1
www.wien.gv.at/stadtentwicklung/rainer_stipendium/index.htm, 2.12.09, 15:38
2
Hierzegger, 2004, S. 92
5
Bachelorseminar Dolores Stuttner
liegt, beschäftigen wir uns mit den physischen Qualitäten, die mit den Eigenschaften
der Individualität und der Struktur des geistig geschauten Bildes in Zusammenhang
stehen. Wir kommen dabei zur Definition einer Eigenschaft, die als ,,Einprägsamkeit"
(...) bezeichnet werden könnte: jener Eigenschaft, die mit großer Wahrscheinlichkeit
in jedem Beobachter ein lebendiges Bild dieses Gegenstandes hervorruft."
3
Aus dieser Aussage ist zu schließen, dass die Gestalt einer Stadt, um in konstantem
Maße vollendet zu wirken, immer eine entsprechende Beziehung zum Betrachter
haben muss. Damit ein so genanntes ,,lebendiges Bild" von der Stadt für den
Benutzer entsteht, muss eine Form der Individualität im Ortsbild vorherrschen,
genauso wie entsprechende Strukturen im Raumgefüge, die dem Stadtteil ein
einprägsames Aussehen verleihen. Solche Strukturen müssen einerseits einen guten
Überblick über die Situation geben, um ein Sicherheitsgefühl zu erzeugen als auch
bestimmte Rückzugswinkel ermöglichen. Dies kann durch Platz- und
Straßenkonstruktionen erreicht werden, wie sie von dem Architekten und Stadtplaner
Camillo Sitte vorgeschlagen wurden. Dies sind auf der einen Seite unsymmetrisch
entworfene Platzgestaltungen sowie auf der anderen Seite verwinkelte Straßen,
welche eine gewisse Spannung in das Ortsbild mit einbringen. Es wurde jedoch auch
das Prinzip des Freihaltens der Mitte vorgeschlagen, was heißt, dass prägnante und
große Objekte, wie beispielsweise Statuen oder Brunnen, eher am Rand eines
Platzes erbaut werden sollen.
Nach Michael Trieb ist die Grundlage eines Stadtbildes, das sich im Gedächtnis der
benutzenden Individuen einprägen soll, die Stadtgestalt, vermittelt über die
Stadterscheinung. Er definiert jene drei Komponenten wie folgt:
,,Sie präsentiert die urbane Umwelt. Man kann sie als die Konfiguration all jener
Kräfte, Faktoren, Elemente oder Signale betrachten, die außerhalb des
Bezugspunktes Mensch liegen und auf die dieser möglicherweise oder tatsächlich
reagiert. Folgerichtig gehören zu den Elementen urbaner Umwelt ebenso materielle
wie immaterielle Faktoren, physikalische Phänomene ebenso wie etwa
wirtschaftliche oder soziale Aspekte, insoweit sie direkt oder indirekt sinnlich
wahrnehmbar sind. Genauer betrachtet, weist die urbane Umwelt auf der Ebene der
Stadtgestalt einen physikalisch, topologisch und metrisch definierbaren Aspekt auf,
der ökologischer, technologischer, wirtschaftlicher, kommunikativer oder sozialer Art
sein kann."
4
Hier wird beschrieben, dass eine Stadt sich aus mehr Bausteinen zusammensetzt als
durch rein technisch orientierte Architektur oder undurchdachte Anordnung von
Gebäuden. Es gibt mehrere Ebenen durch welche die Stadterscheinung definiert
wird. All jene Merkmale haben gemeinsam, dass sie von außen auf den Menschen
einwirken können und Dieser so auf sie entsprechend reagieren kann. Daraus geht
hervor, dass die Stadtplanung auch eine äußerst heikle Disziplin sein kann, bei der
sehr behutsam vorgegangen werden muss, damit alle Aspekte, die auf das
Individuum einwirken, auch wirklich berücksichtigt werden können. Diese Faktoren
3
Hierzegger, 2004, S. 92
4
Trieb, Stadtgestaltung, Bauweltfundamente 43, 1974
6
Bachelorseminar Dolores Stuttner
können auch wirtschaftlicher oder sozialer Natur sein, die oftmals nicht direkt
wahrgenommen werden.
In der Stadtplanung sollte jedoch auch die Gestalt der Stadt als eigenständige Ebene
Beachtung finden. Definiert wird Diese folgender Maßen:
,,So kann abschließend die Ebene der Stadtgestalt als die der vorhandenen
städtebaulichen Umwelt beschrieben werden, die die Gesamtheit der
Umweltelemente umfasst, mit denen der Mensch (...) in Wechselwirkung treten kann.
Die Stadtgestalt ist unabhängig von einem wahrnehmenden Subjekt, ihr funktionaler
Aspekt kann weitgehend wertfrei beschrieben werden, ihr physikalisch-
mathematischer Aspekt kann darüber hinaus gezählt, gemessen und klassifiziert
werden; so umfasst sie ausschließlich die den Menschen umgebenden Realitäten
sichtbarer und unsichtbarer Art. Zur Ebene der Stadtgestalt gehört in diesem Sinne,
auf die Stadtplanung bezogen, nicht nur die äußere Erscheinung, zu ihr gehören
auch die ihr zugrunde liegenden Nutzungen und die daraus resultierenden
Aktivitäten."
5
Jene Beschreibung der Stadtgestalt bezieht sich darauf, dass in einem Ort nicht
vordergründig die Erscheinung und Gestalt das Wichtigste ist, sondern dass den
Aktivitäten eines Ortes und an einem Platz mindestens genauso viel Beachtung
geschenkt werden muss. Es ist demnach zwar aus rein geometrischer Sicht gut
wenn beispielsweise eine Grünzone perfekt gestaltet ist, jedoch bringt das gesamt
gesehen wenig, wenn niemand vorhanden ist, der sie entsprechend nutzen kann
oder sie gesichtslos erscheint und sich daher nicht in das Ortsbild zu integrieren
weiß.
,,Die Stadterscheinung ist der für einen Beobachter wahrnehmbare, von seinen
Wahrnehmungsmöglichkeiten abhängige Teil der Stadtgestalt, das effektive
Ereignisfeld dreidimensional verteilter, potentieller vorgegebener Informationen."
6
Dieser Abschnitt besagt, dass die Stadt von jedem Menschen individuell
wahrgenommen wird, obwohl einige grundlegende Informationen bereits vorgegeben
sind. Das Aussehen und die Wirkung eines Ortes hängen demnach zu einem großen
Teil vom Individuum selbst ab.
,,Insofern besitzt die Stadterscheinung intersubjektive Realität und stellt als solche die
Basis aller sozialwissenschaftlichen Untersuchungen dar. Für den Betrachter, seine
Aktionen und Reaktionen hat also allein die Stadterscheinung Bedeutung. In ihr wird
die Umwelt zu einer unmittelbar empfundenen Qualität, die abhängig ist von der
Summe der durch die Umweltelemente und ihre Beziehungen zueinander
ausgelösten Reize. Inwieweit diese Reize auslösbar sind, hängt von der
Wahrnehmungskapazität des Beobachters und den Wahrnehmungsbedingungen im
Moment der Wahrnehmung ab. Inwieweit diese Reize ausgelöst werden, ist
zusätzlich von der Wahrnehmungsbereitschaft des Beobachters abhängig. Die
5
Hierzegger, 2004, S. 95
6
Hierzegger, 2004, S. 95
7
Bachelorseminar Dolores Stuttner
postulierte intersubjektive Realität ist auf der Ebene der Stadterscheinung dann
gegeben, wenn mehrere Beobachter von dem gleichen Standpunkt aus, gleiche
Wahrnehmungsbedingungen, gleiche Wahrnehmungskapazität und gleiche
Wahrnehmungsbereitschaft vorausgesetzt, einen Teil der vorhandenen Umwelt in
gleicher Weise wahrnehmen."
7
Hier wird näher auf die individuelle und auch kollektive Wahrnehmung einzelner
Personen eingegangen und deren Auswirkung auf die Beurteilung der Qualität eines
Stadtbildes. Angesprochen wird in jenem Kontext außerdem die postulierte
intersubjektive Realität, welche sich aus der gleichen Wahrnehmungsweise mehrer
Individuen vom selben Standpunkt aus mit gleichen Bedingungen beim Beobachten
und Erleben ergibt.
Daraus ist zu schließen, dass jene Realität nicht immer einfach zustande kommt und
es einige Faktoren als Voraussetzung braucht, damit Menschen ein annähernd
ähnliches Raumerlebnis haben.
Angesprochen wird zudem die Stadterscheinung, die für die Benutzer der Stadt
einen wichtigen, wenn nicht den wichtigsten, Aspekt darstellt. Unter ebendieser wird
jener Teil eines Stadtgefüges verstanden, der von den Individuen direkt
wahrnehmbar ist. Elemente, die sich dem Blickfeld entziehen, zählen hier nicht dazu.
Die Stadterscheinung ist der Aspekt, der in der Stadtplanung und Architektur von
großer Wichtigkeit ist, da auf jenen Teil schon mit geringen Veränderungen großer
Einfluss genommen werden kann (siehe Kapitel 4.). Beispielsweise ist das Anbringen
von Straßenbeleuchtung für einen größeren Stadtteil gesamt gesehen nur ein kleiner
Eingriff, für einen Einwohner, der mit einer bestimmten Stadterscheinung vertraut ist,
handelt es sich um eine nicht unbedeutende Veränderung (die sowohl positiv als
auch negativ sein kann).
Die Weiterentwicklung der Stadterscheinung ist das Stadtbild, das wie folgt definiert
wird:
,,Der Begriff des Stadtbildes steht für das mentale Substrat dessen, was der Mensch
in seiner individuellen Strukturierung unter durch bewusste und unbewusste
Intentionen bestimmten Gesichtspunkten aus der physischen Realität abstrahiert hat.
Diese ist als geistiges und gefühlsmäßiges Abbild der Stadterscheinung die konkrete
Wirklichkeit des Städters."
8
Damit ist gemeint, dass es das eine Stadtbild nicht gibt, sondern, dass die
Erscheinung eines Ortsbildes immer von dem Menschen abhängt, der sie
wahrnimmt. Da jede Person eine andere Vorgeschichte und somit Verbundenheit zu
bestimmten Standorten besitzt, sind die Assoziationen sowie die (positive wie
negative) Wahrnehmung immer etwas unterschiedlich. Beispielsweise wird ein Ort
von einer Person, welche dort etwas Positives erlebt hat bzw. ein Erfolgserlebnis
hatte, immer in guter Erinnerung bleiben. Dies ist oft unabhängig von der
Stadtgestalt.
7
Hierzegger, 2004, S. 95 f.
8
Hierzegger, 2004, S. 96
8
Bachelorseminar Dolores Stuttner
,,Als Produkt einer ständigen Wechselbeziehung zwischen dem Menschen und seiner
Umwelt wird damit die Ebene des Stadtbildes ebenso durch die kulturelle, soziale,
funktionelle und räumliche Struktur der Stadtgestalt bestimmt wie durch die
physische, psychische und intellektuelle Eigenart des beobachtenden Individuums."
9
Als Stadtbild definiert Michael Trieb (in Anlehnung an Kevin Lynch) also die
Wahrnehmung und Vorstellung, die sich ein beobachtendes und im räumlichen
Gefüge fortbewegendes Individuum von einer Stadt oder einer urbanen
Gegebenheit, vom Ortsbild, macht. Diese individuellen Modelle der externen Realität
sind für die Orientierung im städtischen Raum von großer Bedeutung.
Veränderungen der Stadtgestalt können dadurch gezielt vorgenommen werden, so
dass ihre Prägekraft gestärkt und das Stadtbild zunehmend verbessert wird.
Ein neuer Trend in der Stadtplanung ist es auch, ganze Stadtteile zu entwerfen und
detailliert durchzuplanen. Die zukünftigen Bewohner ziehen also in eine völlig
durchgeplante Umgebung. Allerdings funktionieren solche so genannten
,,Retortenstädte" nicht immer so, wie es ursprünglich vorgesehen war, sie werden
oftmals sogar ganz anders genutzt.
Aus diesem Grund darf die es in der Raumplanung auch nie ganz konkrete Vorgaben
bezüglich der Nutzung oder gar totale Einschränkungen geben. Meistens ist es auch
so, dass künstlich entstandene Gegenden weniger attraktiv sind als natürlich
gewachsene Raumgefüge.
Als Lösung für dieses Problem wird oftmals ein konzeptioneller Städtebau
vorgeschlagen. Das heißt, dass eine Idee nur im Dialog mit den Beteiligten
verwirklicht wird, so dass kein fixes städtebauliches Bild entsteht, sondern viel eher
eine städtebauliche Strategie.
Abschließend lässt sich sagen, dass die Stadtplanung sowie der Architektur sehr
wichtige Disziplinen sind, solange sie durchdacht und gut konzipiert sind.
Dies geschieht primär dadurch, dass sie einer Stadt Struktur zu verleihen und bei
Neubauten darauf geachtet wird, dass sich diese in das Ortsbild integrieren, so dass
nicht die Individualität einer Stadt verloren geht. In erster Linie muss bei Planungen
natürlich auf die späteren Nutzer und deren Bedürfnisse Rücksicht genommen
werden.
Jedoch ist die spezifische Wahrnehmung der Gestalt einer Stadt nicht nur von der
Architektur abhängig, sondern auch von Assoziationen, Erlebtem und auch sozialem
Hintergrund. Dies lässt den Schluss zu, dass es eine perfekte Stadtplanung gar nicht
gibt, da jedes Individuum den Stadtraum auf andere Weise erlebt und mit einem Ort
immer eine Bandbreite an verschiedenen Erinnerungen vorhanden ist.
2.1.
Vorteile/Nachteile einer umfassenden Gestaltungsfreiheit
Umfassende Gestaltungsfreiheit ist so definiert, dass der/die ArchitektIn/PlanerIn
ohne gesetzliche Vorgaben (durch beispielsweise den Flächenwidmungs- oder
9
Hierzegger, 2004, S. 96
9
0 Kommentare