Bild, Sprache, Schrift
zum Sprachverständnis in der zeitgenössischen deutschsprachigen Bildtheorie
Magisterarbeit
Von Daniel Brockmeier
Wintersemester 09/10
Abgabedatum: 28.12.2009
2
Ich danke meinen Eltern,
die sich gegen ignorante Lehrer durchsetzten,
die mir erheblich dabei halfen meine Lese- Rechtschreibschwäche zu überwinden,
und die mir mit viel Unterstützung, Geld und noch mehr Geduld halfen,
mein Studium zu absolvieren.
Danke für alles!
3
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung...
S. 5
1.1 Warum Bilder?...
1.2 Argumentationsverlauf...
1.3 Eingrenzung des Untersuchungsgegenstands...
1.4 Prämisse: Bezugnahme als grundlegende Fähigkeit zum Symbolisieren...
S. 5
S. 9
S. 10
S. 12
2. Grundlagen: Medientheorie...
S. 14
2.1 Wie hängen die Begriffe ,,Medium" und ,,Zeichen" zusammen?...
2.2 Sind Bilder, orale Sprache und Schrift Medien?...
2.3 Beeinflusst die Wahl des Mediums den präsentierten Inhalt?...
S. 17
S. 21
S. 24
3. Schrift und Sprache...
S. 29
3.1 Fluktuanz und Persistenz...
3.2 Unterschiede in der kommunikativen Situation...
3.3 Die Schrift konstituiert die sprachliche Tatsache...
3.4 Analog und digital...
S. 30
S. 33
S. 35
S. 38
3.4.1 Die Theorie der Notation...
3.4.2 Alphabetschrift und orale Sprache im Spektrum der Symbolsysteme...
S. 38
S. 41
4
4 Zum Sprachverständnis in der Bildtheorie...
S. 46
4.1 Der semiotische Ansatz...
S. 47
4.1.1 Oliver Scholz' Thesen zur Sprache...
4.1.2 Klaus Sachs-Hombach zur
spezifischen Differenz von Bildern und Sprache...
S. 47
S. 52
4.1.2.1 Zur Möglichkeit einer Bild-Syntax...
4.1.2.2 Klaus Sachs-Hombachs Thesen zur Bild-Semantik...
S. 53
S. 64
4.2 Der wahrnehmungstheoretische Ansatz... S. 70
4.2.1 Das Bild als nursichtbarer Gegenstand...
4.2.2 Das Bild als wahrnehmungsnahes Zeichen...
S. 70
S. 78
4.3 Der anthropologische Ansatz...
S. 86
5. Konklusion: Bild, Sprache und Schrift...
S. 90
5.1 Unterschiede in der kommunikativen Situation...
5.2 Fülle...
5.3 Dauerhaftigkeit und Starre...
5.4 Digital und analog...
5.5 Das Rätsel der Bedeutung...
5.6 Nicht anwendbare Begriffe...
5.7 Zum besonderen Verhältnis von Schrift und Bild...
5.8 Text und Textur in Bezug auf Bilder...
S. 90
S. 91
S. 92
S. 93
S. 94
S. 95
S. 96
S. 98
6. Nachwort: Das Bild als Gegenstand und Zeichen...
S. 100
Bibliographie...
S. 104
5
1. Einleitung
1.1 Warum Bilder?
,,Buchtitel wie Iconic Turn (2004) signalisieren, dass seit einiger Zeit ein neues Interesse am
Bild entstanden ist, in dem manche bereits einen bevorstehenden Umschwung des
Philosophierens erkennen wollen, der vergleichbar ist der ,Wende zur Sprache', dem Linguistic
Turn, der seit Frege und Wittgenstein die Art, in der Philosophen ihr Handwerk betreiben, in
weiten Bereichen verändert hat."
1
Mit dieser Analyse tritt Hans-Julius Schneider in eine lange Reihe von Autoren, welche in der
jüngeren Vergangenheit eine neugewonnene epistemologische Relevanz des Bildes betonten.
So pflichtet etwa Martin Seel bei:
,,Innerhalb und außerhalb der Philosophie wird seit einiger Zeit lebhaft über das Bild und
verwandte Phänomene diskutiert, deren Verhältnis zum Bild noch weitgehend ungeklärt ist, wie
etwa Film, Videoclip, ,interaktiver' Bildgebrauch, Computerdesign oder Cyberspace. Ein Grund
für das Interesse an diesem Thema ist die rapide Veränderung der Bildwelten, mit denen wir
leben. Diese Veränderung hat großen Einfluß auf die Wirklichkeiten unseres Lebens [...]"
2
Und auch Klaus Sachs-Hombach, dem wir in dieser Arbeit gewissermaßen eine der
Hauptrollen zusprechen, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Besagte Hauptrolle wird er
einnehmen, da er sich einen gewissen Stellenwert erarbeitet hat aufgrund zahlreicher
Publikationen und Herausgeberschaften innerhalb des Teils der Geistes- und
Kulturwissenschaften, der das Bild erforscht. Der Stellenwert schlägt sich nicht zuletzt in
einer breiten Rezeption nieder. Dieser Klaus Sachs-Hombach also diagnostiziert natürlich
ebenfalls:
,,Seit einiger Zeit rückt die Bild-Forschung unter den Schlagworten ,imagic turn' [...], ,pictorial
turn' [...] oder ,iconic turn' in den Blickpunkt des öffentlichen wie des wissenschaftlichen
Interesses."
3
Dieses neugewonnene Interesse am Bild führt dazu, dass sich mehr und mehr eine eigene
Bildtheorie
oder gar -wissenschaft herauskristallisiert, die sich als unabhängig von der
Ästhetik oder Kunstgeschichte versteht und versucht, die medialen Grundeigenschaften von
Bildern zu klären.
Doch beim Versuch einer Begriffsbestimmung des Bildes stellt sich ,,in den laufenden
interdisziplinären Bemühungen" heraus, dass eben diese Begriffsbestimmung ,,alles andere
als einfach ist".
4
Was nicht zuletzt eben jener Interdisziplinarität geschuldet ist. Dass sich im
Diskurs über Bilder (noch) kein einheitliches Vokabular ausgebildet hat,
5
hängt m. E. direkt
damit zusammen, dass unter anderen Philosophen, Kunsthistoriker, Künstler, Sprachwis-
1
H. J. Schneider 2006; S. 884. Schneider gibt zwar nicht an, worauf er sich mit ,,iconic turn (2004)" beruft,
meint aber wohl: Burda und Maar 2004.
2
Seel 2000; S. 255.
3
Sachs-Hombach 2006; S. 9.
4
Vgl. H. J. Schneider 2006; S. 884.
5
Vgl. Liptow 2008; S. 695.
6
senschaftler und Psychologen sich alle zu Wort melden, aber von unterschiedlichen Prämissen
ausgehen, verschiedene Terminologien verwenden und sich auf einen jeweils anderen
Theorienkanon berufen.
Daher ist es zu einer unter bildtheoretisch interessierten Forschern weitverbreiteten Strategie
zur Festlegung eines Forschungsfundaments gekommen, die darin besteht, den Begriff des
Bildes zunächst von anderen Zeichentypen abzugrenzen. Insbesondere gilt dies für die
Sprache. So konstatiert Martin Seel:
,,Jede Bildtheorie muß zum einen klären, wie sich Bild-Gegenstand und Bild-Darbietung
zueinander verhalten, und andererseits, wie sich Bild-Darbietung zu anderen, etwa sprachlichen
Darstellungen verhält."
6
Oliver Scholz verdeutlicht, warum dieser Ansatz innerhalb der Bildtheorie so populär
geworden ist. Er trage nämlich zu der großen, allgemeinen Frage bei.
,,Ein Klärung des Bildbegriffs wird natürlicher Weise von der traditionellen, schon von Platon
gestellten Frage ,Was ist ein Bild?' ihren Ausgang nehmen. Diese Frage gehört zu den ältesten,
aber auch den am wenigsten geklärten Fragen der gesamten Geistesgeschichte."
7
Scholz kritisiert an dieser Was-Ist-Frage, dass sie ohne Einbettung in einen konkreten
Untersuchungszusammenhang zu unbestimmt sei.
8
Daher sei es sinnig, diese Frage in
Teilfragen zu zergliedern. Drei dieser von Scholz vorgeschlagenen Teilfragen lauten:
·
Wie unterscheiden sich Bilder von anderen Phänomenen?
·
Wie unterscheiden sich Bilder von anderen Zeichen?
·
Wie unterscheiden sich Bilder insbesondere von wortsprachlichen Zeichen?
9
Die Frage bleibt aber, warum Bilder explizit von Sprache unterschieden werden sollen und
nicht von anderen Symbolsystemen, wie zum Beispiel Musik.
10
Diese Strategie wird m. E.
gerade deshalb gewählt, weil die Sprachwissenschaft im Gegensatz zur angestrebten Bildwis-
senschaft eine etablierte Disziplin ist, mit einem mehr oder weniger unumstrittenen
Forschungsparadigma und einem elaborierten Theorienkanon. So versucht man zu klären, was
ein Bild ist, indem man linguistische Teildisziplinen wie Syntax, Semantik oder Pragmatik
auf Bilder überträgt und nach Analogien und Unterschieden sucht.
11
Doch genau an dieser Stelle kommt das Problem auf, welchem wir uns in dieser Arbeit
vornehmlich widmen werden. Denn dabei offenbart sich allzu oft eine zu naive Auffassung
vom Forschungsgegenstand ,,Sprache". Insbesondere wird kaum zwischen oraler Sprache und
6
Seel 2000; S. 260. Seel versteht unter ,Bild-Gegenstand' nicht, wie viele andere Autoren, das Sujet eines
Bildes, sondern den Bild-Träger, das Objekt ,Bild'. Er exemplifiziert damit die oben angesprochenen Probleme
in der heterogenen Terminologie.
7
Scholz 2004; S. 13.
8
Vgl. Scholz 2004; S. 14.
9
Vgl. Scholz 2004; S. 15.
10
Ein Weg, den Nelson Goodman in seinen ,Sprachen der Kunst' gegangen ist und über den er dann im
Nachhinein auch die Unterschiede zwischen diesen beiden Symbolsystemen und der Sprache ausmachen konnte.
Vgl. Goodman 1997, insbesondere S. 101 ff.
11
Vgl. Sachs-Hombach. 2006; S. 100 ff.
7
Schrift unterschieden. Zur vorläufigen Erläuterung, warum dies ein Problem darstellt, soll
noch einmal Martin Seel herangezogen werden:
,,Das Bild von einem Regenschirm ist dem Regenschirm-Ding und seiner Wahrnehmung näher
als der Begriff (oder die Erläuterung des Begriffs) ,Regenschirm' der von ihm bezeichneten
Sache; dennoch gehört es wie Begriff und Text dem Reich der Zeichen an, die sich auf etwas
beziehen, das im Akt des verbalen oder piktoralen Bezugs nicht anwesend sein muß. Das Bild
ist sowenig wie das Wort ein Ersatz für das Ding. Dennoch gehört er zur Wahrnehmung eines
Bildes, daß wir auf seine jeweilige (und manchmal individuelle) Erscheinung achten, während
wir Worte einfach lesen können, ohne ihrer graphischen Ausführung eigens Beachtung zu
schenken."
12
Wenn Seel also derart den medialen Unterschied zwischen Bildern und der Sprache zu
erfassen versucht, dann spricht er ohne dies zu bemerken ganz offensichtlich von Schrift,
die man wie Bilder sehen kann, und nicht von oraler Sprache. Da sich aber Wahrnehmen
nicht im Sehen erschöpft, sondern Hören durchaus einschließt, verliert die These
möglicherweise an Plausibilität.
Ein Bild stellt ein visuelles Medium dar, während orale Sprache ein akustisches ist.
Entsprechend sind beide im Hinblick auf ihre ,,Wahrnehmungsnähe" gar nicht so leicht
vergleichbar, wie es zunächst den Anschein hat. Um aber dieses Kriterium der ,,Wahr-
nehmungsnähe" als Unterscheidungsmerkmal beizubehalten, vergleichen Theoretiker, die
diesem Ansatz folgen, Bilder stets implizit mit Schrift.
Daran schließen sich dann die Fragen an, die es fortan zu klären gilt: Besteht denn in dieser
Verwechslung ein Problem? Gilt, was hier über die Schrift geäußert wird, nicht für die
Sprache als solche, in all ihren medialen Erscheinungen insgesamt? Und selbst falls das nicht
der Fall ist, warum sollte man dann Bilder mit oraler Sprache vergleichen? Genügt ein
Vergleich mit der Schrift nicht möglicherweise, um den Begriff des Bildes mit schärferen
Rändern zu versehen?
Die These, die in dieser Arbeit vertreten und geprüft wird, lautet, dass gesprochene und
geschriebene Sprache zwei verschiedene Medien sind
. Ferner, dass Medien sich ihrem Inhalt
gegenüber nicht neutral verhalten, sondern diesen entscheidend prägen. Aus diesem Grund
können Erkenntnisse, die anhand der Schrift gewonnen werden, nicht auf die Sprache an sich
übertragen werden. Ferner darf die orale Sprache als das Medium unseres Denkens und
Handelns nicht ausgeklammert werden, insbesondere, wenn was vielfach geschieht
Thesen über die Unterschiede von Sprach- und Bildkompetenz aufgestellt werden. Natürlich
12
Seel 2000; S. 280. Die hier konstatierte Wahrnehmungsnähe ist eine These von Klaus Sachs-Hombach, die
sich breiter Beliebtheit innerhalb der Bildtheorie erfreut. Ihrer Untersuchung wird im weiteren Verlauf dieser
Arbeit der Stellenwert eingeräumt, der ihr aufgrund dieser weiten Verbreitung gebührt.
Vgl. Sachs-Hombach 2006; S. 10.
8
kann eine Untersuchung der medialen Unterschiede von Schrift und Bild auch fruchtbar sein
und sie wird uns in dieser Arbeit auch abschließend beschäftigen, aber dabei darf eben nicht
aus dem Blick geraten, dass sich dieser Vergleich zwischen Bildern und der Schrift abspielt
.
Doch damit noch nicht genug, denn es gilt schließlich noch zu berücksichtigen, welche
besondere Rolle die Alphabetschrift, als nur eines von vielen existierenden Schriftsystemen,
hierbei spielt.
Kehren wir um die These, die fortan vertreten werden soll, kurz zu verdeutlichen noch
einmal zu Martin Seels Vergleich der Wahrnehmungsnähe von Bildern und Sprache zurück.
Im Lichte unserer These beginnt dieser Vergleich zu hinken. Denn wie wir sehen werden,
sind die Bezugnahmeformen beider Medien (Alphabetschrift und Bild) komplexer, als dass
sie beide einfach ein Ding repräsentieren das eine Medium werde demnach motiviert durch
dieses Ding, und das andere soll arbiträr sein. Einerseits kann das Abbild, denn nur dieses
kommt für einen Vergleich in Frage, nicht aus seiner doppelten Rolle entfliehen, neben der
eigenen repräsentativen Funktion selbst immer durch sprachliche Ausdrücke denotiert zu
werden. Andererseits muss das alphabetschriftliche Wort neben seiner Aufgabe, einen
semantischen Wert zu exemplifizieren, immer auch ein orales Wort repräsentieren.
13
Ob der Begriff der Wahrnehmungsnähe dafür geeignet ist, zwischen Sprache und Bildern zu
unterscheiden, werden wir genauso untersuchen, wie wir weitere überprüfungswürdige
Analysen zu dieser Unterscheidung aufzeigen, gegebenenfalls korrigieren und so das Medium
Bild zwischen Schrift und oraler Sprache neu ausrichten werden.
13
Vgl. Stetter 2005a; S. 127.
9
1.2 Argumentationsverlauf
Zunächst werden wir im Kapitel 2 sowohl die Bildtheorie als auch die Sprachwissenschaft in
den Rahmen einer allgemeinen Medientheorie stellen. Es wird also von der Prämisse
ausgegangen, dass Bilder und Sprache Medien sind. Denn will man in Zukunft Fragen
beantworten, wie sie Hans Julius Schneider stellt
,,In welchen Situationen ziehen wir ein Bild einer verbalen Beschreibung vor; wo ist es
umgekehrt, und was sind die Gründe dafür? Können Bilder dort einspringen, wo die Sprache
versagt? In welchem Sinne haben bildliche und verbale Darstellungen überhaupt ,Inhalte', in
welchem Sinne können sie ,denselben Inhalt' haben?"
14
, so ist diesen Fragen voranzustellen, worin die spezifische Differenz von Bildern und
Sprache besteht. Diese Frage lässt sich nun sinnvoll reformulieren, indem wir fragen, worin
die medialen Unterschiede zwischen Bildern und Sprache liegen. Um dies beantworten zu
können, muss aber zunächst die grundsätzliche Frage zur Medialität beantwortet werden, ob
und gegebenenfalls wie das Medium das Mediatisierte, also seinen Inhalt oder seine Botschaft
beeinflusst.
Im vorherigen Abschnitt haben wir bereits vorweggenommen, dass es nicht nur sinnvoll ist,
zwischen den Medien Bild und Sprache zu unterscheiden, sondern auch zwischen den Medien
Schrift und orale Sprache. Im Kapitel 3 werden wir sehen, warum diese Unterscheidung
zwischen oraler Sprache und Schrift notwendig ist und so die These von der Medien-
neutralität der Sprache widerlegen.
15
Die so gewonnenen Begriffe werden im darauffolgenden und zentralen Kapitel 4 mit den
Thesen zeitgenössischer Bildtheorien verglichen. Ziel soll es dabei sein, diese bildtheo-
retischen Thesen zu prüfen. Dabei werden die drei Hauptströmungen der Bildtheorie
exemplarisch einzeln geprüft.
Ist die Prüfung der These, dass die Bildtheorie an einer falschen Auffassung vom Gegenstand
Sprache krankt, gelungen, wird anschließend im Kapitel 5 untersucht, welche Konsequenzen
durch einen revidierten Sprachbegriff für die Theorie vom Bild entstehen. Die Medien Bild,
Sprache und Schrift sollen so in ein neues Verhältnis zueinander gesetzt werden.
Im Kapitel 6 schließlich soll in einem Nachwort noch einmal detailliert auf die sehr
populäre so genannte ,,wahrnehmungstheoretische Strömung"
16
der Bildtheorie eingegangen
werden. Dort werden abschließend zwei zentrale Begriffe dieser Strömung, der
14
H. J. Schneider 2006; S. 884.
15
Vgl. zur Medienneutralitätsthese etwa Scholz 2004; S. 106/107 oder Sachs-Hombach 2006; S. 99.
16
Vgl. Wiesing 2005; S. 17 ff.
10
,,nursichtbare [sic!] Gegenstand"
17
und das ,,wahrnehmungsnahe Zeichen"
18
im Rahmen der
Ergebnisse von Kapitel 5 neu beleuchtet.
1.3 Eingrenzung des Untersuchungsgegenstands
Die Anzahl der Publikationen zum Forschungsgegenstand ,,Bild" ist schier unüberschaubar.
Lambert Wiesing spricht sogar von einer ,,ständig steigende[n] Flut an wissenschaftlichen
Publikationen über Bilder",
19
und auch ich stieß bereits bei meiner ersten Recherche auf über
350 relevante Titel. Daher möchte ich mich in meiner zentralen Untersuchung auf deutsch-
sprachige Publikationen nach dem Jahr 2000 beschränken, die in Stichproben anhand promi-
nenter Vertreter und ihrer Thesen dargelegt werden. Anders einzuordnende Veröffentlich-
ungen werde ich nur heranziehen, sofern dies für ein besseres Verständnis sinnvoll ist.
Diese Eingrenzung birgt natürlich die Gefahr der mangelnden Repräsentativität der
untersuchten Werke. Dem soll aber entgegengewirkt werden, indem die drei
Hauptströmungen, die sich in der zeitgenössischen Bildtheorie ausmachen lassen, einzeln
behandelt werden. Bei diesen Strömungen handelt es sich um den semiotischen, den
wahrnehmungstheoretischen und den anthropologischen Ansatz.
20
Ferner werden
exemplarisch Autoren ausgewählt, deren Theorien mir aufgrund hoher Rezeption relevant
erschienen. Dennoch ist nicht ausgeschlossen, dass weitere wichtige Vertreter der Bildtheorie
durch die getroffene Auswahl vernachlässigt wurden. Der Status der vorliegenden
Untersuchung kommt daher im Kapitel 4 nicht über den einer Stichprobe hinaus.
Als zweite Einschränkung des zu untersuchenden Sachverhalts muss ferner der Bildbegriff
selbst eingeschränkt werden. Denn ,,Bild" kann vieles bedeuten. Der Begriff kann für
Gemälde und Fotografien genauso stehen wie für Spiegel und Schatten, Ideal- oder Vorbilder,
sprachliche Bilder also Metaphern oder Phantasiebilder und Vorstellungen. Es handelt
sich bei diesen Phänomenen um sehr verschiedene Kategorien von Bildern. Für eine
umfassende Untersuchung aller dieser Phänomene fehlt hier der Raum, denn es ergeben sich
jeweils sehr spezifische Probleme.
Was sprachliche Bilder und Vorbilder betrifft, so schließe ich sie aus den Untersuchungen
aus, da es sich bei diesen beiden Begriffen selbst um Metaphern handelt, für deren
17
Vgl. Wiesing 2005; S. 31.
18
Vgl. Sachs-Hombach 2006; S. 10.
19
Wiesing 2005; S. 11.
20
Diese Einteilung geht auf Lambert Wiesing zurück. Vgl. Wiesing 2005; S. 17. Es sind natürlich andere
Einteilungen möglich und auch vorgenommen worden. Vgl. etwa Sachs-Hombach 2001. S. 16 ff. oder Scholz
2000. S. 618-696. Bei meiner Lektüre erwies sich die gewählte Einteilung aber als zweckmäßig.
11
Verständnis ein vorrangiges Verständnis der buchstäblichen Verwendung des Bildbegriffs
sicher von Vorteil ist.
Ferner tun sich bei jeder Art von Vorstellungsbildern unzählige ungelöste Fragen auf. Klaus
Sachs-Hombach diagnostiziert zutreffend: ,,Soweit es um eine Definition des Bildbegriffs
geht, ist der Verweis auf interne Bilder auch wenig hilfreich, da er das Problem nur in
unzugänglicheres Gelände verlagert."
21
Sofern im Folgenden nicht explizit auf eine andere
Verwendung hingewiesen wird, handelt es sich also um einen Bildbegriff, der ausschließlich
artifizielle Gegenstände umfasst, also Bilder, die von Menschen gemacht wurden und von
verschiedenen Menschen betrachtet werden können
.
Allerdings werden wir im Kapitel 4 sehen, wie eng der Begriff der Vorstellung von einigen
Bildtheoretikern mit dem artifiziellen Bildbegriff verknüpft wird. Weshalb wir uns dort mit
dieser Verknüpfung eingehender beschäftigen werden und diese einer Kritik unterziehen. Die
Beschränkung auf künstlich geschaffene Bilder zählt schließlich auch sogenannte natürliche
Bilder wie Schatten und Spiegelungen nicht zum Untersuchungsgegenstand. Zwar ließe sich
dieses Phänomen sicher im Rahmen einer auf Bezugnahmeformen basierenden Theorie wie
sie hier vertreten wird klären, es fehlt aber schlicht der Raum, um es zu behandeln. Klaus
Sachs-Hombach bringt das aufkommende Problem, wenn man natürliche Bilder als unter den
Bildbegriff fallend auffasst, auf den Punkt. Er verweist dabei auf Leonardo Da Vincis
Empfehlung, ,,bei der Betrachtung alter Mauern die verschiedensten phantastischen und
wundersamen Gestalten [zu] erblicken".
22
Würden wir also unseren Bildbegriff so weit
fassen, müssten wir jeden beliebigen Mauerabschnitt, in dem wir etwas zu sehen glauben, in
die Untersuchung einbinden, wodurch der Bildbegriff entgrenzt würde und diese
Untersuchung zu einer schier unlösbaren Aufgabe würde.
23
21
Sachs-Hombach 2006; S. 37. Wir werden allerdings sehen, dass Sachs-Hombach sich selbst nicht an diesen
Vorsatz hält.
22
Vgl. Sachs-Hombach 2006; S. 90.
23
Vgl. Sachs-Hombach 2006; S. 91.
12
1.4 Prämisse: Bezugnahme als grundlegende Fähigkeit zum
Symbolisieren
Wie bereits dargelegt, ist die Forschung am Bilde eher ein Forschungsfeld als eine Disziplin.
Ihr fehlen also ein klares Paradigma und ein akzeptierter Theorienkanon. Ferner äußern sich
Vertreter aus den verschiedensten Fachrichtungen zum Thema, die über sehr heterogene
Terminologien verfügen. Daher werde ich fortan nur den Terminus Bildtheorie gebrauchen,
um dieses Forschungsfeld und seine Vertreter zu bezeichnen und nicht den ebenfalls beliebten
Ausdruck Bildwissenschaft, der eher einen angestrebten Status als einen gegenwärtigen
Zustand beschreibt.
24
Weiterhin muss man, will man sich nicht in philosophische Grabenkämpfe begeben, den
unterschiedlichen Terminologien und den dahinter stehenden Traditionen in diesem weiten
Feld mit einigem Wohlwollen begegnen. Es soll in dieser Arbeit also nicht in erster Linie
darum gehen, ob etwa die Phänomenologie Husserls
25
als Prämisse für eine Bildtheorie oder
aber psychoanalytische Prämissen
26
logisch wie epistemologisch konsistent sind. Statt dessen
möchte ich lieber prüfen, ob die in Kapitel 4 vorgestellten Terminologien in ihrer weltbe-
schreibenden Funktion der hier verwendeten Terminologie, die weitgehend an Nelson
Goodman und die sprachanalytische Philosophie anknüpft, wirklich überlegen sind, wie es
ihre Verfasser behaupten.
27
Oder ob diese Terminologien sich nicht wenigstens teilweise in
unsere übersetzen lassen, was natürlich nur mehr oder weniger der Fall sein kann.
Denn die Prämisse dieser Arbeit basiert auf der Einsicht Nelson Goodmans, dass wir keine
Ordnung in der Welt vorfinden, sondern ihr eine aufprägen, weshalb nicht von entscheidender
Bedeutung sein kann, ob ein Bild etwa ein wahrnehmungsnaher Gegenstand ist, oder doch ein
konventionelles Zeichen, sondern welche Sichtweise uns voranbringt in diesem noch wenig
kartographisierten Land.
,,In einem solchen Kontext behaupte ich weniger eine Überzeugung und bringe keine These
oder Doktrin vor, sondern schlage eine Kategorisierung oder ein Organisationsschema vor und
lenke die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Weise, unsere Netze so auszulegen, daß wir
damit möglicherweise signifikante Ähnlichkeiten und Unterschiede einfangen können."
28
Mit der dargelegten Prämisse geht einher, dass diese Kategorisierungen auf Bezugnahmen als
grundlegende Fähigkeit zum Symbolisieren basieren.
,,Unter einem Symbolsystem versteht er [Goodman, DB] ein Symbolschema ein Bild, eine
Partitur, eine Skizze, ein Diagramm, einen sprachlichen Ausdruck, einen Tanz, eine Geste, ... ,
24
Vgl. Sachs-Hombach 2006; S. 14 ff und 67 ff.
25
Wovon Lambert Wiesing ausgeht. Vgl. Wiesing 2005; S. 28 ff.
26
Hiervon geht wiederum Hans Belting aus. Vgl. Belting 2007a; S. 15 ff.
27
Vgl. etwa Wiesing 2005; S. 30 ff. und Belting 2004. S. 116 ff.
28
Goodman 1984; S. 157.
13
das auf ein Bezugnahmegebiet bezogen wird. Erst innerhalb dieser Konstellation wird etwas zu
einer Darstellung, gewinnt eine Aufführung Ausdruck, ein Wort Bedeutung. Was unter Worten
wie ,Repräsentation', ,Symbol', ,Zeichen' zu verstehen ist, dies hängt von der Stellung und der
Beschaffenheit des Symbols oder Zeichens, eben des als Darstellung Genommenen, innerhalb
eines stets mehr oder weniger komplexen Systems von Referenzen ab. Goodman ist damit den
entgegengesetzten Weg zu dem gegangen, den die Semiotik genommen hat: Diese kommt in
allen ihren Ansätzen zu einer stets komplexer werdenden Systematik von Zeichen. Goodman
dagegen führt alle Darstellungsweisen, alle Repräsentationen, Abbilder, selbst formale
Symbolik auf eine einzige und zwar logische Relation zurück, auf die Denotation, die Beziehung
zwischen dem Begriff und der Menge von Objekten, die unter ihn fallen."
29
Demnach gibt es zwar eine Unzahl an verschiedenen Symbolformen, doch alle lassen sich auf
eine bestimmte kognitive Leistung zurückführen: die ,,Bezugnahme auf Weltausschnitte", die
von Menschen in ihrem Verständnis dieser Symbole geleistet wird.
30
Von dieser Prämisse ausgehend werden wir prüfen, wie die zeitgenössische Bildtheorie die
Unterschiede zwischen Sprache und Bildern verortet.
29
Stetter 2005a; S. 9.
30
Vgl. Stetter 2005a; S. 21.
14
2. Grundlagen: Medientheorie
In dieser Arbeit sollen die medialen Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Bildern, oraler
Sprache und Schrift behandelt werden, mit dem Ziel, den gängigen Sprachbegriff der
zeitgenössischen Bildtheorie einer kritischen Analyse zu unterwerfen. Doch bei der Analyse
der drei Begriffe ,,Bild", ,,orale Sprache" und ,,Schrift" schleicht sich ein vierter ein, den zu
explizieren sich lohnen könnte: der Begriff des Mediums. Denn so leicht dieser Ausdruck
vielen Autoren in den zeitgenössischen Geisteswissenschaften von der Hand geht, so
chronisch unscharf ist er. Bevor wir uns also den Unterschieden von Bildern, Schrift und
Sprache zuwenden, gilt es zu klären, was ein Medium ist.
Es gibt unter den zum Medium forschenden Wissenschaftlern verschiedene Strategien, eine
Antwort auf die Frage zu liefern, was ein Medium ist. Eine erste gängige Strategie, eine
Antwort zu finden, ist der Weg über die Etymologie des lateinischen Ausdrucks. Diesen Weg
verfolgt etwa Reinhard Margreiter:
,,Im Fall des lateinischen Wortes ,medium' bezeichnet dieses vorerst etwas Topologisches: eine
geographische Mitte, somit einen Ort der Begegnung, einen Ort also, der Unterschiedliches
zusammenbringt und miteinander in Beziehung setzt. Medium ist, so gesehen, Bedingung der
Möglichkeit von Vermittlung, d.h. der Koordination und des Kompromisses, aber auch der
Auseinandersetzung und des Kampfes zwischen Mit- und Gegenspielern. Schließlich kann
Medium auch das Werkzeug oder Mittel meinen, mit dem und durch das vermittelt wird."
31
Doch dieser Definitionsversuch führt in eine wie es scheint missliche Lage. Es folgt
daraus das, was man den ,,weiten Medienbegriff" nennt. Denn, orientiert man sich an dieser
Definition, so fällt beispielsweise auch eine Bushaltestelle als Ort, der Menschen und Fortbe-
wegungsmittel zusammenbringt, oder gar Licht, das zwischen Oberfläche eines Dings und
dem Auge vermittelt, unter den Begriff. Eine Konsequenz, die nur wenige Medientheoretiker
tragen wollen. Margreiter beklagt selbst die Entgrenzung des Begriffes, die aus dieser weiten
Definition folgt.
32
Christian Stetter erläutert, worin die Probleme des weiten Medienbegriffs liegen. Er wendet
sich gegen diesen, um ,,der Gefahr zu begegnen, die in dem weiten, metaphorischen
Sprachgebrauch liegt, wenn wir etwa das Licht als Medium unseres Sehens bezeichnen. Dann
droht sich unsere Welt des Erkennens, Handelns und Konstituierens in unendliche
Verschachtelungen von Medien der verschiedensten Kategorien aufzulösen. Am Ende wäre
alles Medium und nichts."
33
Und auch Lambert Wiesing schlägt in die gleiche Bresche, indem
31
Margreiter 2003; S. 152.
32
Vgl. Margreiter 2003; S. 154.
33
Stetter 2005a; S. 73.
15
er konstatiert, dass durch den weiten Begriff alles zum Medium werde, wodurch der Begriff
letztlich beliebig werde.
34
Eine Einengung des Begriffs scheint also geboten, um ihm so schärfere Konturen zu
verleihen. Die entsprechende Strategie in der Medientheorie setzt am alltagssprachlichen
Begriff vom Medium an. Denn betrachtet man diesen alltagssprachlichen Begriff, so lässt sich
wenigstens extensional recht klar sagen, was darunter fällt: Medien sind zum Beispiel
mathematische Rechnungen, Sprache, Romane, Filme, Homepages, Speichermedien,
Partituren, CDs, Fernsehen, Bilder oder Theater.
35
Doch was ist all diesen Medien
gemeinsam, wie lässt sich der Begriff ,,Medium" also definieren? Nach Lambert Wiesing
folgt aus dieser extensionalen Bestimmung des Begriffs, dass der alltagssprachlichen
Auffassung nach Medien Kommunikationsmittel seien.
36
Eine griffige Definition für Kommunikation liefert wiederum Hadumod Bußmann. Demnach
ist Kommunikation ,,[j]ede Form von wechselseitiger Übermittlung von Information durch
Zeichen/Symbole zwischen Lebewesen [...] oder zwischen Menschen und Daten verarbei-
tenden Maschinen."
37
Wenn aber Medien Kommunikationsmittel sind, ferner Kommunikation
mittels Zeichen oder Symbolen vonstatten geht, ist dann Medium schlicht ein anderer Begriff
für Symbol oder Symbolsystem?
Reinhard Margreiter vertritt genau diese These:
,,Statt von einem Medium oder Code kann man auch von einem Zeichen- oder Symbolsystem
sprechen. Wobei sich diese vier Begriffe nicht völlig, aber doch weitgehend decken. Sie
beschreiben jeweils aus leicht veränderter Perspektive ein einziges, facettenreiches und
dennoch in sich zusammenhängendes Phänomen."
38
Diese ,,weitgehende" Gleichsetzung von Medium und Symbolsystem wiederum ist gleich von
zwei Seiten der Kritik ausgesetzt. Auf der einen Seite bestreitet Lambert Wiesing, dass die
Begriffe Medien und Zeichen überhaupt zusammenhängen, so seien etwa Bilder keine
Zeichen:
,,Der Gedanke ist eindeutig: Wer ein Bild herstellt, schafft nicht ein Zeichen, sondern eine
besondere Art von Gegenstand: ein Bildobjekt, ein imaginäres Haus oder wie Fiedler sagen
würde: ein ,Sichtbarkeitsgebilde'. Er schafft ein nursichtbares Haus, einen Gegenstand aus
reiner Sichtbarkeit."
39
Andererseits seien sie aber Medien:
,,Bilder werden in [der] wahrnehmungstheoretischen Tradition [der Bildtheorie; DB] als ein
Medium verstanden, mit dem sich ein physikloser, aber doch sichtbarer Gegenstand sui generis
34
Vgl. Wiesing 2005; S. 149.
35
Vgl. zu dieser Aufzählung Wiesing 2005; S. 150ff.
36
Vgl. Wiesing 2005; S. 150.
37
Bußmann 2002; S. 354.
38
Margreiter 2003; S. 155.
39
Wiesing 2005; S. 31. Er bezieht sich auf Fiedler 1991.
16
herstellen läßt, welcher nur unterschiedlich angesprochen wird: nämlich als Bildobjekt,
imaginäres Ding, reine Sichtbarkeit oder falsche Einheit."
40
Dieser Position zufolge ist der Zeichencharakter zumindest nicht notwendig für Medien,
konkret: für das Medium Bild. Dann kann aber von einer weitgehenden Gleichsetzung der
beiden Begriffe ,,Medium" und ,,Symbolsystem", in der Weise, die Margreiter beschreibt,
nicht die Rede sein.
Auf der anderen Seite scheint auch das rege Interesse an der Untersuchung von Medien nicht
ohne Weiteres verständlich, wenn es sich bloß um ein Synonym für den Begriff
,,Symbolsystem" handeln würde. In diesem Fall wäre die Medientheorie nichts anderes als
eine Neuetikettierung der Semiologie. Reinhard Margreiter, der diese Position vertritt, sieht
darin allerdings kein Problem und vergleicht den Übergang von der Symbol- zur
Medientheorie mit dem linguistic turn:
,,Symbolsysteme haben sowohl eine bedeutungshafte wie eine sinnlich-materielle Seite. Wird
Letztere eigens und ausdrücklich in den Blick genommen, lassen sich Symbolsysteme als
Medien beschreiben und umgekehrt."
41
Doch die ,,sinnlich-materielle Seite" von Symbolen wurde seit jeher auch schon von
Sprachwissenschaft und Semiologie untersucht, wenn diese den signifiant analysierte. Zum
Beispiel machen Phonetik und Phonologie nichts anderes, als die sinnlich-materielle Seite
sprachlicher Äußerungen auf der subsemantischen Ebene zu untersuchen. Sie untersuchen, wo
und wie verschiedene Laute artikuliert werden, und welche Funktionen ihnen beim Sprechen
zukommen. Die Bedeutung spielt für die Phonetik gar keine und für die Phonologie nur eine
marginale Rolle, wenn es darum geht, zu entscheiden, welchem Laut eine bedeutungs-
unterscheidende Funktion zukommt. Dennoch wäre es nicht ohne Ironie, ausgerechnet die
Phonologie zur eigentlichen Medientheorie auszurufen, wie wir im Kapitel 3 noch sehen
werden.
Betrachtet man die rege Diskussion des Medienbegriffs in den vergangenen zwei Jahrzehnten,
so scheint es, dass sich mehr mit dem Begriff ,,Medium" verbindet, als nur ein neues Wort für
signifiant
. Im Hinblick auf diese Arbeit werden also im Weiteren folgende Fragen von
Interesse sein:
- Wie hängen die Begriffe ,,Medium" und ,,Zeichen" zusammen?
- Sind Bilder, orale Sprache und Schrift Medien?
- Und beeinflusst die Wahl des Mediums den präsentierten Inhalt, oder verhält es sich
diesem gegenüber neutral?
40
Wiesing 2005; S. 33.
41
Margreiter 2003; S. 170.
17
2.1 Wie hängen die Begriffe ,,Medium" und ,,Zeichen" zusammen?
,,
[E]
s gibt keine Zeichen ohne ein Medium[...]"
42
Diese These stellt Sybille Krämer auf, doch sie ist weit davon entfernt, eine Austauschbarkeit
der Begriffe ,,Medium" und ,,Zeichen" zu behaupten. Stattdessen ist ihre These die folgende:
,,Das Medium verhält sich zur Botschaft, wie die unbeabsichtigte Spur sich zum absichtsvoll
gebrauchten Zeichen verhält [...]."
43
Dieser zentrale Satz wird uns noch in Abschnitt 2.3 beschäftigen, wenn wir uns um die sinn-
generierenden Aspekte von Medien bemühen werden. Wenn wir aber den Unterschied
zwischen Medium und Zeichen wirklich erfassen wollen, muss es hier zunächst um eine
Definition von ,,Medium" gehen, die es uns zuallererst einmal ermöglicht, diesen Begriff von
dem des Zeichens zu unterscheiden, um dann im nächsten Abschnitt der Frage nachzugehen,
ob unter anderem Bilder Medien sind. Die Antwort, die Sybille Krämer dazu bereithält, lautet:
,,Die ,stummen', die materialen Strukturen von Medien stellen geschichtlich sich wandelnde
Vorräte von Unterscheidungsmöglichkeiten bereit, in deren Spektrum erst Zeichen gebildet,
fixiert und übermittelt werden können, sich also die raum-zeitlich situierte Performanz unseres
Zeichenverhaltens wirklich vollzieht."
44
Das ist leider alles andere als klar, es klingt fast, als sei das Medium das Papier, während das
Zeichen die Tinte darstellt. Urteilen wir aber nicht voreilig, sondern gehen wir das Zitat
Schritt für Schritt durch. Zumindest behauptet Sybille Krämer schon einmal, dass Medien aus
,,materialen Strukturen" bestünden, was uns mit Blick auf Saussures Zeichenbegriff erneut
näher zum signifiant führt und weg vom signifié.
45
Diese Position hatte auch, wie oben
gesehen, Margreiter vertreten.
46
Krämer behauptet weiter, dass es sich bei Medien um
,,Vorräte von Unterscheidungsstrukturen" handle. Damit beruft sie sich auf die Medientheorie
von Martin Seel.
47
Dieser definiert Medium folgendermaßen:
,,Medien eröffnen jeweils ein Spektrum von Differenzen, denen im Wahrnehmen, Erkennen und
Handeln eine Gestalt zugewiesen werden kann. Medien stellen eine offene Reihe von
Unterschieden oder Abstufungen einer bestimmten Art bereit [...], innerhalb derer etwas als
etwas Bestimmtes aufgefaßt oder angestrebt werden kann [...]."
48
Ein Beispiel, das Seel dazu bringt, ist die Sprache. Diese stelle etwa unterschiedliche Worte
bereit, mittels derer wir eine bestimmte sprachliche Äußerung tätigen können.
49
Bestimmte
Sätze könnten nur gebildet werden, wo ein mehr oder weniger reichhaltiges Vokabular zur
Verfügung stehe.
42
Krämer 1998; S. 78/79.
43
Krämer 1998; S. 81.
44
Krämer 1998; S. 90.
45
Vgl. Saussure 1967; S. 76 ff.
46
Vgl. Margreiter 2003; S. 158.
47
Vgl. Seel 1998; S. 244 ff.
48
Seel 1998; S. 244.
49
Vgl. Seel 1998; S. 244.
18
,,Medien sind also keine Instrumente, mit denen etwas erreicht oder zugänglich wird, das auch
anders erreicht werden könnte. Medien sind konstitutiv für die Handlung, die in ihrem Element
ausgeführt wird. Ohne [...] Sprache hätten wir nichts zu sagen. Medien, mit einem Wort, sind
Elemente, ohne die es das in einem Medium Artikulierte nicht gibt."
50
Kehren wir aber zu Sybille Krämer zurück. Diese konstatiert, Seel folgend, dass durch jenes
bereitgestellte Spektrum von Differenzen die Grundlage geschaffen werde, um Zeichen
überhaupt zu bilden, zu fixieren und zu übermitteln.
Bei der näheren Betrachtung der materialen Strukturen stellt auch Krämer fest, dass Medien
,,Mittler" seien und unterscheidet sie von technischen Instrumenten oder Werkzeugen, welche
Mittel darstellten.
51
,,Wenn wir ein technisches Instrument einsetzen, so machen wir mit diesem Instrument etwas;
ein Instrument wird gebraucht und zurückgelassen, es bleibt der zu bearbeitenden Sache
durchaus äußerlich. Wenn wir hingegen eine Botschaft empfangen, so ist diese ,in' einem
Medium gegeben. In einem Medium ist etwas eingetaucht und von ihm so durchdrungen, daß
es außerhalb des Mediums nicht zu existieren vermag. Auf ein Instrument findet man sich
verwiesen, seiner bedient man sich; und was mit ihm bearbeitet wird, hat eine vom Werkzeug
durchaus ablösbare Existenz. An ein Medium dagegen ist man gebunden, in ihm bewegt man
sich; und was in einem Medium vorliegt, kann vielleicht in einem anderen Medium, nicht aber
gänzlich ohne Medium gegeben sein. So gibt es keine Sprache jenseits der Rede, der Schrift
oder der gestischen Artikulation."
52
Medien seien keine technischen Instrumente, sondern Apparate:
,,Apparate [...] effektieren nicht einfach das, was Menschen auch ohne Apparate schon tun,
sondern erschließen etwas, für das es im menschlichen Tun kein Vorbild gibt und an diesem
Tun vielleicht auch gar keinen Maßstab findet."
53
Wo Werkzeuge Arbeit sparten, da eröffneten Medien Welten. Mit Blick auf den Kontext
sollten wir ergänzen: symbolische Welten. Das bedeutet, Medien übermitteln nicht bloß Sinn,
sie erzeugen diesen erst. Doch dann kann das oben gewählte Beispiel von Papier und Tinte
nicht stimmen, um das Verhältnis von Medium zum Zeichen zu klären, denn nicht das Papier
bringt den Sinn hervor, sondern die Schrift.
Hier scheint es lohnend, noch einmal zum Anfang zurückzukehren und den Begriff des
Kommunikationsmittels etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Denn diesen Zusammenhang
zwischen Medium und Mittel haben alle hier angeführten Medientheoretiker konstatiert.
Christian Stetters Medientheorie bringt uns den entscheidenden Schritt voran, denn er
untersucht en detail das Verhältnis von Medium und Mittel, wendet sich dabei aber explizit
gegen die Definition des Mittels als eines Dings:
,,[D]as Medium verhält sich zum Mediatisierten ähnlich wie das Mittel zum Zweck und ist doch
etwas kategorial anderes. Entgegen dem alltäglichen Sprachgebrauch ist, phänomenologisch
betrachtet, das Mittel nicht einfach ein Ding, zum Beispiel ein Handwerkszeug. Es ist eine
Handlung, ein Verfahren, in dem Dinge benutzt werden, um einen bestimmten Zweck zu
50
Seel 1998; S. 246.
51
Vgl. Krämer 1998; S. 83.
52
Krämer 1998; S. 83/84.
53
Krämer 1998; S. 84/85.
19
erreichen. Als solche ist das Mittel ein zeitliches Ereignis. Insofern steht es zum korrelativen
Zweck in einer bestimmten zeitlichen Relation: es geht ihm voraus."
54
Dass das Mittel dem Zweck zeitlich vorausgeht, bedeute etwa, dass man kochen muss, bevor
man essen kann, wobei die Handlung des Kochens und nicht etwa der Topf das Mittel zum
Zweck sei. Doch im Gegensatz dazu stünden Medium und Mediatisiertes in einer anderen
zeitlichen Relation.
,,Medium und Mediatisiertes bilden zusammen je ein einziges Ereignis, genau eine Performanz,
nicht verschiedene. Medium ist die Geige nur, wenn und indem sie gespielt wird. Liegt sie im
Kasten oder in einer Ausstellung, so ist sie nichts als ein Instrument. Das Mittel ist somit der
eine Grenzwert, der den Begriff des Mediums einschachtelt."
55
Demnach ist ein Medium kein Gegenstand, wie es in den bisherigen Definitionsversuchen
durchklang, es ist eine Handlung, ein Vollzug, wobei Stetter den materiellen Aspekt von
Medien auch nicht gänzlich ausblendet, ihm aber einen neuen Platz zuweist.
,,So hat man also in erster Näherung unter einem Medium das Sichvollziehen einer Operation
über oder in einem materiellen Substrat zu verstehen, über einem Apparat oder auch einem
Konglomerat von Dingen, sodaß in diesem Vollzug etwas Wahrnehmbares von bestimmter
Gestalt erzeugt wird[...]."
56
Christian Stetter fährt fort in seiner Unterscheidung zwischen Mittel und Medium. Nach der
phänomenologischen Unterscheidung, wonach Mittel und Zweck nacheinander stattfinden,
Medium und Mediatisiertes sich aber zeitgleich abspielen, liefert Stetter noch eine
modallogische Unterscheidungsmöglichkeit: Während das Mittel hinreichende Bedingung für
seinen Zweck sei, verhalte es sich bei einem Medium nicht so. Letzteres sei hingegen
notwendige Bedingung für das Mediatisierte.
57
Zum erfolgreichen Vollzug müsse neben dem
Medium noch etwas anderes kommen. Diese Beschränkung des Mediums auf die zeitliche
Einheit mit dem Mediatisierten einerseits und die logische Beschränkung auf die notwendige
Bedingung andererseits seien im Übrigen auch der Grund für die Schwierigkeit, eine tragende
Definition des Begriffs zu finden.
58
Das, was zum Medium noch hinzukommen müsse, sei die Kompetenz dessen, der sich eines
Mediums bedient. Sie erst bilde die hinreichende Bedingung für das Gelingen des
Performanzereignisses, was auch der Grund dafür sei, dass Medien zu verschwinden
scheinen.
,,Das philosophische Problem, das der Begriff des Mediums aufwirft, liegt offenbar in der
Paradoxie, daß das Merkmal des Gelingens, das die medial konstituierte Performanz doch
auszeichnen soll, nicht ihrer Medialität zugerechnet wird sondern [...] durchaus zu Recht der
Kompetenz dessen, der sich des Mediums bedient. Dies macht das Medium so blaß, läßt es
scheinbar spurlos hinter das Mediatisierte zurücktreten."
59
54
Stetter 2005a; S. 67.
55
Stetter 2005a; S. 68.
56
Stetter 2005a; S. 69/70.
57
Vgl. Stetter 2005a; S. 71.
58
Vgl. Stetter 2005a; S. 70 f.
59
Stetter 2005a; S. 73.
20
Medien seien schließlich aber nicht alle Performanzereignisse, sondern lediglich solche, ,,in
denen irgendwelche Bedeutung, Repräsentation oder Information erzeugt wird."
60
,,Damit wäre der Bereich des medial Erzeugten auf den von Darstellungen in welch weitem Sinn
auch immer zu begrenzen. Dies entspricht auch kategorial dem bis hierher entwickelten Begriff
des Mediums: Darstellung ist nach Goodman stets an Performanz, weil an Inskription
gebunden."
61
So gelingt es Stetter in seiner abschließenden Definition des Begriffs, das Verhältnis
zwischen Medium und Symbol, bzw. Symbolsystem aufzuklären.
,,Ein Medium [...] ist eine in Operation gesetzte Apparatur, sodaß durch diese Operation etwas,
nämlich eine Darstellung von bestimmter Gestalt hervorgebracht wird. Medien in diesem Sinne
sind, verkürzt gesprochen, symbolisierende Performanzen, genauer gesagt: das, was an der
performance reiner Vollzug ist."
62
Mit anderen Worten, der Vollzug, in welchem Symbole hervorgebracht werden, ist das
Medium dieser Symbole. Doch das, was hervorgebracht wird, sind Darstellungen.
Sind Darstellungen und Zeichen oder Symbole nun das gleiche, oder sind es verschiedene
Dinge? Was die Darstellung betrifft, so wird dort etwas immer als etwas dargestellt. Ist das
ein Unterschied zum Symbolisieren, wo etwas ein Symbol für etwas ist? Nelson Goodmans
Sprachen der Kunst
können uns hierüber Auskunft geben. Goodman zufolge ist der Kern von
Darstellung jeder Art die Denotation.
63
Denotation wiederum ist die Relation zwischen einem
Etikett und den Objekten, die darunter fallen, die durch es bezeichnet werden. Dies ist, mit
anderen Worten, eine extensionale Definition für Symbolisierung. Entsprechend können wir
in unserem Kontext Darstellung und Symbol synonym verwenden. Der Zusammenhang
zwischen Medium und Symbolen ist also dergestalt, dass Medien die Performanzen sind, die
Symbole hervorbringen.
Ausgehend von dieser Definition lässt sich nun die Frage beantworten, ob die drei
Untersuchungsobjekte dieser Arbeit Medien sind.
60
Stetter 2005a; S. 74.
61
Stetter 2005a; S. 74. Vgl. auch Goodman 1997; S. 140.
62
Stetter 2005a; S. 74.
63
Vgl. Goodman 1997; S. 15 ff.
21
2.2 Sind Bilder, orale Sprache und Schrift Medien?
Basierend auf der Definition des Mediums als ,,symbolisierende Performanz"
64
muss man
diese Frage wohl eigentlich mit ,,Nein" beantworten. Denn Medien sind demnach jene
Performanzen, die erst orale Sprache, Schrift und Bilder hervorbringen das Sprechen,
Schreiben und Malen. Orale Sprache, Schrift und Bilder sind jeweils über andere Apparaturen
entstandenes Mediatisiertes, sie sind Darstellungen, mithin Symbole.
65
Wobei sich ein erster
kategorialer Unterschied zwischen Schrift und Bildern einerseits und oraler Sprache
andererseits auftut.
Denn bei Schrift und Bildern auf der einen Seite bleibt eine Darstellung zurück, die die
Performanz überdauert. Doch bei oraler Sprache auf der anderen Seite verschwindet die
Darstellung wieder mit der Performanz. Diesen Unterschied zwischen dauerhaften Medien
und solchen, die flüchtig sind, werden wir anhand der Unterschiede zwischen oraler Sprache
und Schrift im Kapitel 3 noch näher untersuchen. Hier aber interessiert uns noch ein anderer,
damit zusammenhängender Aspekt. Wenn das Medium Schrift eine Performanz ist, die im
Niederschreiben von Sinneinheiten besteht, welche wiederum diese Performanz überdauern,
dann muss doch auch beim Rezipieren des Ergebnisses eine solche Performanz stattfinden.
Christian Stetter vermag auch diesem Sachverhalt im Bezug auf Schrift einen begrifflichen
Rahmen zu geben, indem er zwischen ,,Text" und ,,Textur" unterscheidet.
66
,,Schreiben hat stets die Form der Konstruktion eines Textes, und diese besteht in der Verknüpf-
ung von Elementen Wörtern, Sätzen, sonstigen Zeichen zu einer Textur. Text ist dasjenige,
was geschrieben und verstanden wird, die Textur ist dasjenige, was geschrieben ist und
gelesen wird."
67
Das persistente Ergebnis der Schrift, das die Performanz überdauert, ist also die Textur. Erst
wenn diese lesend verstanden wird denn man kann schließlich durchaus lesen ohne zu
verstehen wird aus ihr in einer zweiten Performanz wieder Text. Eine interessante Frage, die
sich nun anschließt, lautet: wie verhält es sich beim Bild? Gibt es bei ihm etwas, das dem
Verhältnis von Textur und Text entspricht? Wir werden diese Frage im Kopf behalten und uns
ihr im Kapitel 5 wieder zuwenden.
Doch zunächst gilt es noch einmal zum Verhältnis zwischen den Medien und den durch sie
hervorgebrachten Zeichen zurückzukehren. Denn, wie oben gesehen, bestreitet Lambert
Wiesing, dass Bilder Zeichen sind und behauptet zugleich, sie seien Medien. Schauen wir
64
Stetter 2005a; S. 74.
65
Allerdings sehe ich kein Problem darin, dem gängigen Sprachgebrauch zu folgen und vom Medium Bild oder
vom Medium Schrift zu sprechen, solange wir dabei nicht vergessen, dass diese Medien auf
Performanzereignisse zurückgehen, wir also um im oben gewählten Bild zu bleiben nicht das Papier für das
Medium und die Tinte für das Symbol halten.
66
Vgl. Stetter 1997; S. 273 ff.
67
Vgl Stetter 1997; S. 294.
22
Wiesings Argumente en detail an. Im Wesentlichen kritisiert er, derjenige, welcher Bilder als
Zeichen auffasse, mache voreilig aus einer Analogie eine Identität.
68
,,Muß man einem Bild einen Inhalt oder eine Bedeutung zuweisen? Muß man die Darstellung
als Inhalt interpretieren? Ist das, was ein Bild darstellt, allein dadurch, daß das Bild dieses
darstellt, der Inhalt eines Zeichens? Hat man dadurch, daß man auf einer Fläche eine
Darstellung sieht, dieser Fläche schon einen Sinn zugewiesen? Wenn dies so wäre, wären alle
Bilder immer Zeichen."
69
Unter Berufung auf Husserl versteht Wiesing Darstellung im Bild nicht als eine Form von
Sinn oder Inhalt, sondern als ein ,,Bildobjekt".
70
,,Der Grund für diese Deutung der Darstellung als ein vermeintes [sic!] Objekt ist gleichermaßen
einfach wie überzeugend: Das Bildobjekt kann man sehen; so erscheint es jedenfalls dem Bild-
betrachter: als Objekt einer Wahrnehmung. Hingegen einen Sinn oder einen Inhalt kann man
nicht sehen. Denn der Sinn eines Zeichens ist eine Regel, wie man sich mit dem Zeichen auf
etwas beziehen kann. Regeln können aber nicht wahrnehmbar sein. Deshalb ist für Husserl
eine bildliche Darstellung nicht eine Form von symbolisiertem Sinn, sondern eine Form
artifizieller Präsenz."
71
Hier müssen wir uns noch einmal Schritt für Schritt Wiesings Medientheorie anschauen, um
diesem auf den ersten Blick nicht unplausiblen Einwand zu begegnen. Wiesing sagt, Bilder
seien keine Zeichen, da Zeichen Sinn oder Bedeutung haben, was man nicht sehen könne.
Bildliche Darstellung sei hingegen sichtbar. Statt dessen seien Bilder Medien, die physiklose,
nursichtbare Gegenstände herstellten.
72
Medien generell definiert Wiesing wiederum als
ihrem Inhalt gegenüber neutrale Kommunikationsmittel. Sie seien Mittel besonderer Art, die
die Trennung von ,,Genesis und Geltung" ermöglichten.
73
Die Trennung von Genesis und
Geltung sei die Möglichkeit, ,,mittels physikalisch beschreibbarer Produktionstechniken etwas
herzustellen, das keine physikalischen Eigenschaften hat [...]"
74
Geltung wiederum definiert
Wiesing äußerst vage als das, was zu sein scheint, was aber eben keine physikalischen
Eigenschaften hat.
75
Geltung sei ,,artifizielle Selbigkeit", und Medien seien die Mittel zur
Herstellung dieser artifiziellen Selbigkeit.
76
Mit anderen Worten, Medien würden erlauben, an
verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten nicht bloß das gleiche, sondern dasselbe zu
produzieren.
77
,,Das von Medien sichtbar gemachte ist prinzipiell anderer Art als das, was ohne Medien
sichtbar ist. Man sieht dem, was von einem Medium sichtbar gemacht wurde, an, daß es von
68
Vgl. Wiesing 2005; S. 29.
69
Wiesing 2005; S. 29.
70
Vgl. Wiesing 2005; S. 30. Sowie Husserl 1984, S. 436f.
71
Wiesing 2005; S. 31.
72
Vgl. Wiesing 2005; S. 33.
73
Vgl. Wiesing 2005; S. 154.
74
Wiesing 2005; S. 155.
75
Vgl. Wiesing 2005; S. 155.
76
Vgl. Wiesing 2005; S. 157.
77
Wiesing 2005; S. 158.
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