Das Handelsprodukt Zyklon B
Eigenschaften, Produktion, Verkauf, Handhabung
von Dr. Horst Leipprand
2008
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 Einleitung ... 2
Kapitel 2 Zuerst gab es Zyklon A ... 4
Kapitel 3 Ab 1922 hieß das neue Produkt Zyklon B ... 4
Kapitel 4 Moderne Schädlingsbekämpfung mit Zyklon B ... 6
Kapitel 5 Der Markt für Zyklon B expandiert ... 8
Kapitel 6 Das Zyklon B-Konzept: Trägerstoff, Blausäure-Wirkstoffgemisch, Blechdosen, Transportvorschriften und Gesamtverpackung ... 13
Kapitel 7 Eigenschaften und Handhabung von Zyklon B ... 36
Kapitel 8 Die Produktion ... 37
Kapitel 9 Die Hersteller von Zyklon B und Trägerstoff ... 49
Kapitel 10 Der Verkauf ... 52
Kapitel 11 Zusammenfassung ... 57
Kapitel 12 Quellenverzeichnis ... 59
Kapitel 13 Anhänge 1, 2 ... 70, 79
Kapitel 1 Einleitung
Im Folgenden wird versucht, das Handelsprodukt Zyklon B möglichst wirklichkeitsnah zu beschreiben. Hautsächliche Grundlage dafür ist die wissenschaftliche Fachliteratur der Jahre 1922 – 1945. Zusätzliche Informationen ergaben sich bei der Besichtigung des Geländes und der noch erkennbaren baulichen Anordnungen und Gebäude der Firmen, die für Zyklon B den Trägerstoff und die Blausäure und daraus das fertige Zyklon B hergestellt haben. Das Produkt wurde in der Zeit in Deutschland in Dessau und im heutigen Tschechien in Kolin produziert und im In- und Ausland verkauft.
Es geht um ein Schädlingsbekämpfungsmittel, dessen wirksamer Bestandteil
Blausäure ist, eine leicht siedende wasserklare hochgiftige Flüssigkeit
(Siedepunkt 25,7°C). Äußerlich sah Zyklon B aus wie ein leicht rötlicher bis
gelblicher feuchter Grieß. Verpackt war es in gewöhnlichen Blechdosen wie sie
noch heute für viele Nahrungsmittel üblich sind. Man trug Gasmasken zum Öffnen
der Dosen und schüttete das blausäurehaltige feinpulvrige grießförmige oder
körnige Produkt in gut verschlossenen Räumen auf vorbereitete Papierunterlagen
in dünner Schicht aus. Die Blausäure verdampfte fast vollständig in 1 bis 2
Stunden und wirkte z.B. in Schiffen, Mühlen, Kasernen, Museen, Wohnungen usw.
als Gas gegen Schädlinge im Raum, in Kleidern, Betten, Möbeln, wurmstichigem
Holz, wertvollen Büchern, Schmetterlingssammlungen usw.. Laufend wurden Details
des Handelsproduktes geändert. Der Trägerstoff bestand aus ein bis drei
gesteinsmehlähnlichen Einsatzstoffen (hauptsächlich Kieselgur und/oder Gips).
Zeitweise war der Trägerstoff pulverförmig, zeitweise grießähnlich und zeitweise
sah er aus wie sehr kleine Spielwürfel. Die Flüssigkeit, die im Trägerstoff
aufgesaugt war, war kompliziert zusammengesetzt. Sie bestand zwar immer
hauptsächlich aus Blausäure, aber verschiedene Verunreinigungen und Zusätze, die
enthalten waren oder zugegeben werden mussten, wurden in der Zeit von 1922 bis
1945 so oft geändert, dass man in dem Punkt nicht eindeutig weiß, wie das
Handelsprodukt zu einem bestimmten Zeitpunkt im Detail zusammengesetzt war.
Dosen gab es sehr unterschiedlicher Größe, Angegeben wurde auf den Dosen der
Gehalt an Zyanid, dem Bestandteil der Blausäure, der als Gift wirkt. Die
Dosengrößen lagen zwischen 50 g und 1200 g Zyanid. Im Durchschnitt wogen die
fertig gefüllten Dosen etwa dreimal so viel wie der angegebene Gehalt an Zyanid.
Auch bei den Dosen hat sich im Laufe der Zeit einiges geändert. Zeitweise waren
sie innen mit Gummi beschichtet oder mit einer anderen Schutzschicht versehen.
Später waren es gewöhnliche Weißblechdosen. Die Blechstärke war mindestens am
Anfang doppelt so groß wie die gewöhnlicher Konservendosen. Auf den Dosen musste
das Befülldatum eingeprägt sein. Sie durften nur ein Jahr lang verwendet werden.
Sie mussten strenge Festigkeits- und Dichtigkeitsprüfungen der Reichsanstalt für
Materialprüfung in Berlin erfüllen. Zum Versand mussten sie in festen Holzkisten
mit Abstandshaltern verpackt werden. Die Beschriftung von Dosen und Kisten war
gesetzlich genau vorgeschrieben. Zum Versand durfte nur Zyklon B kommen, bei dem
die Blausäure durch geeignete Zusätze vor gefährlichen Zerfalls- und
Polymerisationsreaktionen geschützt war. Über den Gehalt an Geruchswarnstoffen
gab es keine bindenden Vorschriften. Außerdem musste eine strikte
Versanddokumentation eingehalten werden.
Die Produktbezeichnung war nicht immer eindeutig. Man bezeichnete es zwar
meistens mit „Zyklon B“, aber auch das Wort „Zyklon“ taucht häufig auf, vor
allem in Werbeannoncen der Vertreiberfirma Degesch (Deutsche Gesellschaft für
Schädlingsbekämpfung). Auch die Bezeichnung „Zyklon-Verfahren“ war üblich.
Außerdem gab es eine Zeit lang das Produkt „Zyklon C“, bei dem ein Bestandteil
des flüssigen Wirkstoffgemisches, der so genannte Geruchswarnstoff, ein anderer
und höher dosiert war.
Zyklon B wurde in sehr viele Länder exportiert. Es gab noch eine Sonderform, vor
allem für den Export nach USA, vor allem für Schiffsbegasungen. Als Trägerstoff
wurden für dieses Produkt kein grießförmiger Stoff sondern Weichpappescheiben
verwendet, die sehr ähnlich wie runde Bierdeckel aussahen. Diese wurden getränkt
mit der Flüssigkeit aus Blausäure und Zusätzen und wie das grießförmige Produkt
in Blechdosen verpackt. Man bezeichnete es als „Discoids“ oder „Zyklon-Discoids“.
[...]
Arbeit zitieren:
Horst Leipprand, 2008, Das Handelsprodukt Zyklon B , München, GRIN Verlag GmbH
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