Die psychosozialen Auswirkungen von Stottern
bei Erwachsenen
Mag. Natascha Bradler
eingereicht zur Erlangung des akademischen Grades
,,Bachelor of Science in Health Studies" (BSc)
Studiengang Logopädie
FH JOANNEUM
Graz, 2010
Ich danke
meinen Eltern
für eure Unterstützung in den Höhen und Tiefen dieses Studiums und dafür, dass ihr an mich
glaubt.
Karl Heinz
für deine Liebe, deinen Humor und deine Ruhe, ohne die mir vieles schwerer fallen würde.
Julia und Kristin
für eure Freundschaft und die Treffen unserer Lerngruppe.
Log. Renate Kohlbacher & Mag. Harald Lothaller
für Ihre motivierende, wertschätzende und kompetente Betreuung bei dieser Arbeit.
Kurzzusammenfassung
Diese Bachelorarbeit setzt sich mit den psychosozialen Folgen des Stotterns bei Erwachsenen
auseinander. Es wurde eine Fragebogenuntersuchung mittels der Arbeitsversion des EESE
(Erfassung der Erfahrungen von stotternden Erwachsenen) durchgeführt, um folgende Fragen
aus Sicht stotternder Erwachsener zu beantworten: Wie nehmen stotternde Erwachsene ihre
beobachtbare Stottersymptomatik, ihre Reaktionen auf das Stottern und die Schwierigkeiten,
mit denen sie im täglichen Leben konfrontiert sind, wahr? Welche Kommunikationsprobleme
treten im Alltag auf? Wie wirkt sich die Redeflussstörung Stottern auf die Lebensqualität
dieser Erwachsenen aus?
Die Untersuchung macht deutlich, dass Stottern ein komplexes und individuelles
Krankheitsbild ist und in vielen Bereichen Auswirkungen auf das Leben und Verhalten
Betroffener hat. Jede/r betroffene Erwachsene hat seine/ihre ganz persönliche
Stotterproblematik, reagiert in verschiedenen Lebensbereichen dementsprechend anders und
fühlt sich unterschiedlich stark belastet.
Für eine erfolgreiche Therapie ist daher die ehrliche Auseinandersetzung damit, wie und in
welchem Ausmaß Stottern das Leben im jeweiligen Fall beeinflusst, Voraussetzung - sowohl
auf Seiten der KlientInnen als auch auf Seiten der TherapeutInnen. Dieses Bewusstsein bildet
die Basis einer ganzheitlichen Therapie.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung ... - 1 -
1.
Grundlagen zum Thema Stottern ... - 2 -
1.1.
Ätiologie des Stotterns ... - 2 -
1.2.
Die Symptome des Stotterns ... - 3 -
1.3.
Der Entstehungsmechanismus von Stottern ... - 5 -
1.4.
Therapiemethoden bei Erwachsenen ... - 6 -
2.
Sozialpsychologische Aspekte des Stotterns ... - 8 -
2.1.
Stottern ein dialogisches Problem ... - 8 -
2.2.
Stottern aus Sicht Sprachgesunder ... - 11 -
2.3.
Stottern aus Sicht chronisch Stotternder ... - 14 -
3.
Methode ... - 17 -
3.1.
Die Online-Befragung ... - 17 -
3.2.
EESE Erfassung der Erfahrungen von stotternden Erwachsenen... - 17 -
3.2.1. Was untersucht der EESE? ... - 18 -
3.2.2. Wozu wurde der EESE entwickelt? ... - 18 -
3.2.3. Wie wird der EESE durchgeführt und ausgewertet? ... - 19 -
3.2.4. Welche Abschnitte hat der EESE? ... - 19 -
4.
Ergebnisse ... - 20 -
4.1.
Allgemeine Informationen... - 20 -
4.2.
Reaktionen auf das Stottern ... - 22 -
4.3.
Kommunikation in täglichen Situationen ... - 25 -
4.4.
Lebensqualität ... - 27 -
5.
Diskussion ... - 29 -
Literaturverzeichnis ... - 34 -
- 1 -
Einleitung
Stottern ist eine Erfahrung, die jede/r von uns schon einmal gemacht hat. Jede/r kann sich an
Situationen erinnern, in denen er/sie gestottert hat, sei es aus Müdigkeit, Angst oder
Verlegenheit, weil man zu viel Alkohol getrunken hat oder weil man sich Hals über Kopf
verliebt hat. Wird eine Kommunikationssituation als verunsichernd empfunden, ist der Dialog
nicht mehr gelassen und locker, stattdessen beschleunigt sich die Artikulation, man verhaspelt
sich, man hat Wortfindungsstörungen und manchmal ,,verschlägt es einem komplett die
Sprache" oder ,,es bleibt einem das Wort im Hals stecken".
Was aber im Fall von Sprachgesunden in vereinzelten Kommunikationssituationen passiert,
prägt - situationsabhängig und inkonstant - einen großen Teil der Alltagskommunikation
einer stotternden Person. Redeflussgestörte machen immer wieder die Erfahrung, dass
Dialoge misslingen und sie in kommunikativen Situationen erfolglos sind. Der daraus
resultierende psychosoziale Stress kann unterschiedliche negative Auswirkungen auf die
Lebensqualität der Betroffenen haben (Scherer, 2003, S. 89ff).
Die vorliegende Bachelorarbeit beschäftigt sich damit, wie stotternde Erwachsene ihre
beobachtbare Stottersymptomatik, ihre Reaktionen auf das Stottern und die Schwierigkeiten,
mit denen sie im täglichen Leben konfrontiert sind, wahrnehmen. Welche
Kommunikationsprobleme treten im Alltag auf? Wie wirkt sich die Redeflussstörung Stottern
auf die Lebensqualität dieser Erwachsenen aus?
Um diese Fragen aus der Sicht Betroffener behandeln zu können, wurde eine
Fragebogenuntersuchung durchgeführt. 22 stotternde Erwachsene füllten online die aktuelle
Arbeitsversion des Einschätzungstests EESE (Erfassung der Erfahrungen von stotternden
Erwachsenen) aus und ermöglichten damit einen Einblick in die Erlebniswelt Stotternder.
Die Ergebnisse dieser Bachelorarbeit sollen LogopädInnen dabei helfen, die Komplexität des
Krankheitsbilds Stottern zu erfassen und sie dafür sensibilisieren, in welcher Weise Stottern
das Leben ihrer KlientInnen beeinflusst. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen bei der
Behandlung des Stotterns unterstützen und dazu beitragen, das ganzheitliche Verständnis
dieser Redeflussstörung zu verbessern.
- 2 -
1.
Grundlagen zum Thema Stottern
1.1.
Ätiologie des Stotterns
Stottern ist eine Redeflussstörung, die in etwa 75% der Fälle zwischen dem dritten und
fünften Lebensjahr auftritt. Schon in der Kindheit stottern doppelt so viele Jungen wie
Mädchen, wobei das Stottern bei Mädchen früher auftritt. Bis zum Alter von acht Jahren neigt
Stottern besonders bei Mädchen zur spontanen Remission - bis zum Erwachsenenalter
verändert sich das Verhältnis kontinuierlich, sodass es schließlich bei Männern vier- bis
fünfmal häufiger zu finden ist als bei Frauen. Bei ca. 1,3% der Kinder kommt es zur
Chronifizierung des Stotterns und man geht davon aus, dass etwa 1% der Erwachsenen
chronisch stottert (Benecken, 2004, S. 624; Ptok, Natke & Oertle, 2006, S. 1216).
Die Ursachen für die Entstehung von Stottern sind bis heute nicht endgültig geklärt, allerdings
scheinen genetische Faktoren eine wichtige Rolle zu spielen. In Studien konnten
Dispositionsorte für Stottern auf mehreren Chromosomen nachgewiesen werden, die auch
geschlechtsspezifisch unterschiedlich auftreten (Neumann, 2007, S. 6). Ochsenkühn & Thiel
betonen aber, dass Stottern multifaktoriell bedingt ist und neben der Genetik auch Störungen
erworbener Fähigkeiten und Umwelteinflüsse zur Entwicklung dieser Redeflussstörung
beitragen. Konkret sprechen sie von Störungen der zentralen Wahrnehmungsentwicklung,
Störungen der feinmotorischen Koordination von Atmung, Stimme und Artikulation,
Störungen der psychosozialen Entwicklung und Zusammenhängen mit den
psycholinguistischen Fähigkeiten des Kindes (2005, S. 26ff). Beispiele für umweltbedingte
Belastungen sind negatives elterliches Verhalten, häufig wiederkehrende Erwartungen und
Ansprüche an das Kind, die es nicht erfüllen kann, und häufige Änderungen der
Familienkonstellation (Sandrieser & Schneider, 2001, S. 23).
Kohlbrunner spricht sich für eine ausgeprägte psychosomatische Genese aus, da Stottern
typischerweise in bestimmten Situationen auftritt, etwa beim Sprechen vor Publikum, in
dialogischen Situationen, bei milden Graden von Ärger oder während kognitiv komplexen
Aussagen des/der Stotternden. Im Unterschied dazu gibt es auch Situationen, in denen
Stottern schwach oder gar nicht auftritt, unter anderem im Selbstgespräch, beim Singen, beim
Sprechen mit einem Kind oder beim Rollenspiel (2004, S. 6ff).
- 3 -
Im Unterschied zum eben beschriebenen idiopathischen Stottern (engl. ,,developmental
stuttering") kann Stottern auch plötzlich durch einen Schlaganfall, ein Schädel-Hirn-Trauma,
Epilepsie oder einen Hirntumor ausgelöst werden. Auch im Zuge von Demenz oder einer
neurologischen Erkrankung, wie z.B. Morbus Parkinson und Morbus Alzheimer, kann
Stottern auftreten. In diesem Fall spricht man von neurogenem Stottern (engl. ,,neurogenic"
oder ,,organic stuttering"). Außerdem wird Stottern häufig syndromspezifisch, z.B. im
Zusammenhang mit einer geistigen Behinderung, als Sprachauffälligkeit beschrieben. Bei
Morbus Down liegt die Auftretenswahrscheinlichkeit beispielsweise bei etwa 40%.
Wird Stottern durch ein traumatisches Erlebnis ausgelöst, spricht man von einer weiteren
Form des Stotterns, dem traumatischen oder psychogenen Stottern. Ausgelöst durch eine
besondere Belastungssituation ein Trauma tritt eine Redeflussstörung auf, die mit dem
Ende der Stressphase wieder abklingt, sodass sich kein ständiger Leidensdruck aufbaut.
Psychogenes Stottern kann auch mit verschiedenen psychischen Störungen, wie z.B.
Angstneurosen, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen, assoziiert sein (Benecken, 2004,
S. 624; Friedrich, Biegenzahn & Zorowka, 2008, S. 316; Zückner & Ebel, 2001, S. 110ff).
1.2.
Die Symptome des Stotterns
Beim Stottern werden von der Umwelt hör- bzw. sichtbare äußere Symptome und innere
Symptome, die von anderen nicht unmittelbar beobachtet werden können, unterschieden. Zu
den äußeren Symptomen zählen Kernsymptome (engl. ,,core behaviour") und
Begleitsymptome (syn. Sekundärsymptome). Im Folgenden werden die Kernsymptome kurz
erklärt:
x Repetitionen: Wiederholung von Lauten (,,k-k-k-kann"), Silben (,,ka-ka-kann") und
einsilbigen Wörtern (,,kann-kann-kann").
x Prolongationen: Hörbare Unterbrechungen des Redeflusses, bei der ein Laut, meist ein
Kontinuant am Anfang eines Wortes, auffällig gedehnt wird (,,ffffffffahren", ,,Aaaabend").
Eine Prolongation kann bei Stotternden bis zu mehreren Sekunden anhalten und so
mehrfaches Nachatmen erfordern.
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