Diplomarbeit
Eine kritische Analyse der Bilanzierung
von Humankapital nach IFRS
vorgelegt von:
Stephan Schwitte
Abholtermin:
26. August 2009
Abgabetermin:
18. November 2009
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis ... II
Abkürzungsverzeichnis ... IV
1
Problemstellung...1
2
Grundlagen der Analyse...2
2.1
Definition und Abgrenzung grundlegender Begriffe ...2
2.1.1
Immaterielle Werte ...2
2.1.2
Humankapital ...4
2.2
Zielsetzung und Grundsätze der Rechnungslegung nach IFRS ...6
3
Bilanzierung von Humankapital nach IFRS ...7
3.1
Bilanzierung von Humankapital als immaterieller Vermögenswert ...7
3.1.1
Ansatzkonzeption und Zugangsarten immaterieller Vermögenswerte ...7
3.1.2
Anwendung der Ansatzkonzeption auf Humankapital ...8
3.1.2.1
Abstrakte Bilanzierungsfähigkeit von Humankapital...8
3.1.2.2
Konkrete Bilanzierungsfähigkeit von Humankapital ...13
3.1.3
Bilanzierung von Humankapital in Abhängigkeit der Zugangsart ...14
3.1.3.1
Zugang von Humankapital durch Einzelerwerb ...14
3.1.3.2
Zugang von Humankapital durch Selbsterstellung ...16
3.1.3.3
Zugang von Humankapital im Rahmen eines Unternehmens-
erwerbs...18
3.1.4
Exkurs: Bilanzierung von Spielervermögen im Profisport ...20
3.2
Humankapital als Bestandteil der Anschaffungs- oder Herstellungskosten
aktivierungsfähiger Vermögenswerte ...22
3.3
Berichterstattungspflichten über Humankapital ...23
4
Kritische Würdigung der Bilanzierung von Humankapital vor dem
Hintergrund der Primärgrundsätze der IFRS ...25
4.1
Relevanz ...25
4.2
Verlässlichkeit ...30
4.3
Vergleichbarkeit ...32
4.4
Zusammenfassende Würdigung ...33
5
Möglichkeiten und Grenzen einer erweiterten bilanziellen und
außerbilanziellen Abbildung von Humankapital ...34
5.1
Erweiterte bilanzielle Abbildung von Humankapital ...34
5.2
Erweiterte Berichterstattung in außerbilanziellen Informationsinstrumenten ...38
6
Zusammenfassung und Ausblick ...39
Literaturverzeichnis ...41
Abkürzungsverzeichnis
a.F.
alte Fassung
Abzgl.
abzüglich
AK/HK
Anschaffungs- und Herstellungskosten
amend.
Änderung
Aufl.
Auflage
BB
Betriebs Berater (Zeitschrift)
BFuP
Betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis (Zeitschrift)
BGB
Bürgerliches Gesetzbuch
BilReG
Bilanzrechtsreformgesetz
bspw.
Beispielsweise
bzw.
beziehungsweise
c.p.
ceteris paribus
d.h.
das heißt
DB
Der Betrieb (Zeitschrift)
DRS
Deutsche Rechnungslegungsstandards
DStR
Deutsches Steuerrecht (Zeitschrift)
e.V.
eingetragener Verein
ED
Exposure Draft
et al.
et alii (und andere)
F&E
Forschung und Entwicklung
f.
folgende
F.
Framework
FB
Finanz-Betrieb (Zeitschrift)
Gem.
gemäß
GewO
Gewerbeordnung
ggf.
gegebenenfalls
GoF
Geschäfts- oder Firmenwerte
grds.
grundsätzlich
GuV
Gewinn- und Verlustrechnung
HGB
Handelsgesetzbuch
hrsg. v.
herausgegeben
i.S.d.
im Sinne des
i.V.m.
in Verbindung mit
IAS
International Accounting Standards
IASB
International Accounting Standards Board
IASCF
International Accounting Standards Committee Foundation
IFRS
International Financial Reporting Standards
insb.
Insbesondere
IRZ
Zeitschrift für Internationale Rechnungslegung (Zeitschrift)
Kap.
Kapitel
KapG.
Kapitalgesellschaft
KoR
Zeitschrift für internationale und kapitalmarktorientierte Rech-
nungslegung (Zeitschrift)
Nr.
Nummer
o.g.
oben genannt
PiR
Praxis der internationalen Rechnungslegung (Zeitschrift)
rev.
revised (überarbeitet)
RIW
Recht der Internationalen Wirtschaft (Zeitschrift)
Rn.
Randnummer
S.
Seite
StuB
Steuern und Bilanzen (Zeitschrift)
u.a.
unter anderem
US
United States
US-GAAP
United States Generally Accepted Accounting Principles
v.
von, vom
VFE-Lage
Vermögens-, Finanz- und Ertragslage
Vgl.
vergleiche
WiSu
Das Wirtschaftsstudium (Zeitschrift)
WPg
Die Wirtschaftsprüfung (Zeitschrift)
ZfB
Zeitschrift für Betriebswirtschaft (Zeitschrift)
ZfCM
Zeitschrift für Controlling & Management (Zeitschrift)
ZGE
Zahlungsmittelgenerierende Einheiten
ZWF
Zeitschrift für wirtschaftlichen Fabrikbetrieb (Zeitschrift)
- 1 -
1
Problemstellung
Der durch die multiplen Veränderungen im Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschehen
bedingte Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft geht mit einer erhöhten
Bedeutung immaterieller Werte für den Leistungsprozess von Unternehmen einher.
1
Immaterielle Werte wie Kundenbeziehungen, Marken und Humankapital stellen für
eine wachsende Zahl an Unternehmen zentrale Erfolgsdeterminanten dar
2
und beeinf-
lussen als Werttreiber maßgeblich die Höhe des Unternehmenswertes, so dass sich
dieser zunehmend weniger durch materielle und finanzielle Vermögenswerte be-
stimmt.
3
Daher beziehen nicht zuletzt potentielle Investoren, die ihre Investitionsent-
scheidung regelmäßig am Wert eines Unternehmens ausrichten, immaterielle Werte
verstärkt in ihr Entscheidungskalkül ein.
4
Da es als einziger immaterieller Wert unmittelbar an den im Unternehmen beschäf-
tigten Mitarbeitern gebunden ist, nimmt Humankapital innerhalb der immateriellen
Werte eine exponierte Stellung ein.
5
Obschon die Belegschaft eines Unternehmens
vielfach in der Öffentlichkeit u.a. in Folge der medialen Berichterstattung über be-
triebliche Restrukturierungs- oder Rationalisierungsmaßnahmen lediglich als reiner
Kostenfaktor für Unternehmen wahrgenommen wird,
6
zeigen die in den letzten Jah-
ren stetig gestiegenen betrieblichen Investitionen in die Aus- und Weiterbildung von
Mitarbeitern, dass Unternehmen im mitarbeiterbezogenen Humankapital zunehmend
einen wesentlichen Wettbewerbsfaktor sehen.
7
Dieser Bedeutungsgewinn von Hu-
mankapital wird durch empirische Studien bestätigt, die Humankapital als bedeu-
tendste Komponente der immateriellen Werte einstufen
8
und ihm dadurch den stärk-
sten Einfluss auf den langfristigen Unternehmenserfolg beimessen.
9
1
Vgl. H
ALLER
,
A.,
Immaterielle Vermögenswerte, S. 562; M
ARX
,
J., Anlagewerte, S. 2379.
2
Vgl. E
SSER
,
M./H
ACKENBERGER
,
J., IFRS und US-GAAP, S. 402; H
ALLER
,
A.,
Immaterielle Ver-
mögenswerte, S. 562; Ähnlich K
EITZ
,
I.
V
., Ansatz von immateriellen Gütern, S. 2.
3
Vgl. S
TOI
,
R., Immaterielle Werttreiber, S. 175; S
CHMIDBAUER
,
R., Vermögenswerte, S. 1442.
4
Vgl. D
AWO
,
S./H
EIDEN
,
M., Berichterstattung, S. 1716.
5
Vgl. P
ERSCH
,
P.-R., Humankapital, S. 37 f.
6
Vgl. S
CHÜTTE
,
M., Vorschlag zur Begriffsklärung, S. 241.
7
Vgl. D
ÜRNDORFER
,
M./N
INK
,
M./W
OOD
,
G., Human-Capital-Management, S. 24-26; M
ERTINS
,
K./A
LWERT
,
K., Wissensbewertung, S. 578.
8
Befragt wurden jeweils Unternehmen sowie externe Adressatengruppen. Vgl. F
ISCHER
,
T.
M./
B
ECKER
,
S., Wissensorientierte Berichterstattung, S. 45 f.; P
W
C
ET AL
., Markenbewertung, S. 11.
Ähnlich auch W
AGNER
,
M., Finanzanalyse, S. 22 f., der hierzu einen Branchenüberblick aufzeigt.
9
Vgl. G
ÜNTHER
,
T.
W./B
EYER
,
D./M
ENNINGER
J., Information on Intangibles, S. 10 f.
- 2 -
Den Rechnungslegungssystemen wird im Rahmen dieser Entwicklung vielfach vor-
gehalten, dass sie immaterielle Werte im Allgemeinen und Humankapital im Speziel-
len ungeachtet ihres gestiegenen Stellenwertes nur unzureichend bilanziell abbil-
den.
10
Verfechter dieser Ansicht verweisen hierbei auf die bei Unternehmen regelmä-
ßig beobachtbare enorme Divergenz zwischen der Marktkapitalisierung und dem
Buchwert des Eigenkapitals.
11
Wenngleich diese Marktwert-Buchwert-Lücke partiell
auf börsenpsychologische Effekte und stille Reserven aktivierungsfähiger Vermö-
genswerte zurückzuführen ist,
12
resultiert ein nicht unwesentlicher Anteil dieser
Wertlücke aus bilanziell unberücksichtigten immateriellen Werten des Humankapi-
tals.
13
Dies wirft die Frage auf, inwiefern die Bilanzierungsvorschriften tatsächlich
die Ursache für die bilanzielle Nichtberücksichtigung bilden.
Ziel dieser Arbeit ist es, die Bilanzierung von Humankapital nach den Rechnungsle-
gungsvorschriften der IFRS
14
vorzustellen und diese vor der Zielsetzung und den
Grundsätzen der IFRS kritisch zu analysieren. Darauf aufbauend werden Reforman-
sätze entwickelt, welche weiterführende Möglichkeiten der Abbildung von Human-
kapital im Jahresabschluss aufzeigen.
2
Grundlagen der Analyse
2.1
Definition und Abgrenzung grundlegender Begriffe
2.1.1
Immaterielle Werte
Für den Analysegegenstand ,,Humankapital" existiert weder im anglo-
amerikanischen noch im deutschen Rechnungslegungsschrifttum ein terminologisch
und inhaltlich einheitlich abgegrenzter und allgemein anerkannter Oberbegriff. Zum
Beispiel werden einerseits englischsprachige Begriffe wie ,,Intellectual Capital"
15
und
10
Vgl. B
AYER
,
K., Humanvermögen, S. 2.
11
Vgl. K
IVIKAS
,
M./W
ULF
,
I., Wissensbilanzierung, S. 42.
12
Vgl. Vgl. H
ALLER
,
A.,
Immaterielle Vermögenswerte, S. 562; P
ICOT
,
A/S
CHEUBLE
,
S., Rolle des
Wissensmanagements, S. 22; Ähnlich H
AAKER
,
A., Reform des IAS 38, S. 258.
13
Vgl. M
AUL
,
K.-H./M
ENNINGER
,
J., Intellectual Property, S. 529.
14
Dieser Arbeit zugrundegelegt werden deutsche kapitalmarktorientierte Unternehmen i.S.d.
§ 290 I HGB, die gem. § 315a I HGB verpflichtend einen IFRS-Konzernabschluss aufzustellen
haben und darüber hinaus einen Konzernlageberichtes nach § 315 HGB erstellen müssen.
15
Vgl. u.a. E
DVINSSON
,
L./M
ALONE
,
M.
S., Intellectual Capital, S. 22.
- 3 -
,,Intellectual Property"
16
sowie ,,Intangibles"
17
und ,,Intangible Assets"
18
als Obergrif-
fe verwendet. Andererseits dienen aber auch deutsche Termini wie ,,Immaterielle
Güter"
19
und ,,Immaterielle Ressourcen"
20
als Oberbegriff.
21
Da den genannten Be-
griffen nicht abgrenzungsfreie, teils widersprüchliche Definitionen zugrunde liegen,
22
wird nachfolgend der Oberbegriff ,,immaterielle Werte" verwendet, da dieser auf-
grund seiner allgemeinen Formulierung die anderen Begriffe und der damit verbun-
denen Inhalte zu subsumieren vermag.
Immaterielle Werte sind definiert als nicht-monetäre Werte ohne (wesentliche) phy-
sische Substanz, die unabhängig von ihrer individuellen Bilanzierungsfähigkeit Er-
folgspotentiale für ein Unternehmen darstellen.
23
Die Problematik der ,,Stofflosig-
keit"
24
dieser Werte, die sich in der dargelegten negativen definitorischen Abgren-
zung gegenüber materiellen und finanziellen Werten widerspiegelt, führt im Schrift-
tum zu einer Vielfalt an Kategorisierungsansätzen, die sich zwar teils erheblich in ih-
ren Detaillierungsgraden und in der Terminologie unterscheiden, jedoch eine weitge-
hend einheitliche Grundstruktur aufweisen und dem Humankapital jeweils eine ei-
genständige Kategorie zuweisen.
25
Grundlegend für diese Arbeit ist die Systematisie-
rung des Arbeitskreises ,,Immaterielle Werte im Rechnungswesen" der Schmalen-
bach-Gesellschaft, welche immaterielle Werte in Humankapital, Kundenkapital, Lie-
ferantenkapital, Prozesskapital, Innovationskapital, Standortkapital und Investoren-
kapital unterteilt.
26
Diese Komponenten zeigen die den immateriellen Werten eines
Unternehmens innewohnenden wirtschaftlichen Vorteile auf, die sich einerseits aus
Beziehungen zu wesentlichen internen und externen Stakeholdern (Mitarbeiter, Kun-
den, Lieferanten, Kapitalgeber) ergeben und andererseits aus unternehmensinternen,
16
Vgl. u.a. M
AUL
,
K.-H./M
ENNINGER
,
J., Intellectual Property, S. 529.
17
Vgl. L
EV
,
B., Intangibles, S. 5; K
ÜTING
,
K./D
ÜRR
,
U., Intangibles in der Bilanzierungspraxis, S. 1.
18
Vgl. u.a. D
AUM
,
J.
H., Intangible Assets, S. 17.
19
Vgl. D
AWO
,
S., Immaterielle Güter, S. 5 f.; L
UTZ
-I
NGOLD
,
M., Externe Rechnungslegung, S. 6-8.
20
Vgl. u.a. K
AHRE
,
B./S
CHWETJE
,
J.-N., Immaterielle Ressourcen, S. 123 f.
21
Für einen Überblick über die Terminologie im Schrifttum vgl. K
AUFMANN
,
L./S
CHNEIDER
,
Y.,
Intangible Unternehmenswerte, S. 28-32.
22
Vgl. S
CHÜTTE
,
M., Vorschlag zur Begriffsklärung, S. 240.
23
Vgl. H
ALLER
,
A.,
Immaterielle Vermögenswerte, S. 562 und 564.
24
Vgl. K
ÜTING
,
K./U
LRICH
,
A., Abbildung von Vermögensgegenständen, S. 953.
25
Vgl. S
CHÄFER
,
H./L
INDENMAYER
,
P., Bewertung von Humankapital, S. 11-13.
26
Vgl. A
RBEITSKREIS
,,I
MMATERIELLE
W
ERTE IM
R
ECHNUNGSWESEN
"
DER
S
CHMALENBACH
-
G
ESELLSCHAFT FÜR
B
ETRIEBSWIRTSCHAFT E
.V., Kategorisierung immaterieller Werte, S. 990 f.
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