Universität Konstanz
Fachbereich Wirtschaftswissensc
Lehrstuhl für Wirtschaftspädago
Das Berufsb
K
Struk
Modernisierung
Wissenschaftliche Arbeit zur
im Fachbereich Wirtsch
Verfasser:
Jan Wisch
Bearbeitungszeit:
27.08.2009
Konstanz, 27.10.2009
schaften
gogik
fsbildungssystem in Indien:
Kulturelle Prägungen,
rukturelle Besonderheiten,
ngsprozesse und -notwendigkeiten
r Erlangung des Grades eines Diplom-Handel
schaftswissenschaften der Universität Konstan
chmann
e
ln
0
9 27.10.2009
f.
f.
elslehrer
anz
Gewidmet dem Andenken an meinen Großvater.
Mein ganz besonderer Dank gehört meinen Eltern.
III
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis ... III
Abkürzungsverzeichnis ... V
Abbildungsverzeichnis ... VII
1
Einführung ... 1
2
Gesellschaftliche Entwicklungsfaktoren Indiens ... 3
2.1
Historische Entwicklung Indiens ... 3
2.1.1
Vorgeschichte, Induskultur und die Einwanderung der Aryas ... 3
2.1.2
Das Altertum ... 6
2.1.3
Das Mittelalter: Indien im Zentrum des Delhi-Sultanats... 7
2.1.4
Die frühe Neuzeit: Indien im Zeitalter der Mogulherrschaft ... 9
2.1.5
Die britische Kolonisierung Indiens ... 11
2.1.6
Indien seit der Unabhängigkeit ... 13
2.2
Kulturelle Prägungen ... 13
2.2.1
Das Kastensystem in Indien ... 13
2.2.2
Religionen in Indien ... 17
3
Entwicklung und strukturelle Prägungen des indischen Berufsbildungssystems ... 18
3.1
Frühzeitliche Bildungseinflüsse vor 1854 ... 18
3.2
Anfänge einer strukturierten beruflichen Bildung ... 20
3.3
Entwicklung des Berufsbildungssystems von 1854 - 1947 ... 24
3.4
Berufsbildungsentwicklung nach der Unabhängigkeit 1947 ... 34
3.5
Neue Bildungspolitik 1985 ... 42
3.5.1
Modernisierungsnotwendigkeiten 1985 ... 42
3.5.2
Modernisierungsprozesse der neuen Bildungspolitik 1985 ... 45
3.6
Das heutige Berufsbildungssystem ... 49
4
Elemente der Berufsbildung in Indien ... 53
4.1
Das Berufsbildungssystem im öffentlichen, organisierten Sektor ... 53
4.1.1
Darstellung der einzelnen Elemente ... 53
4.1.2
Situationsanalyse und Identifizierung von Verbesserungspotentialen ... 58
IV
4.1.3
Möglichkeiten zur Verbesserung der Effektivität des Systems ... 63
4.2
Berufliche Bildung in anderen Sektoren ... 69
4.2.1
Berufliche Bildung im nicht organisierten Sektor ... 69
4.2.2
Private Berufsbildungseinrichtungen ... 72
5
Aktuelle (staatliche) Modernisierungsprozesse ... 74
5.1
National Policy on Skill Development (NPSD) ... 74
5.1.1
Leitbild, Ziele und Schwerpunkte ... 75
5.1.2
Erweiterungsmaßnahmen zur Erhöhung der Schülerzahl ... 76
5.1.3
Qualität und Relevanz ... 76
5.1.4
Maßnahmen zur Kompetenzzuweisung... 78
5.1.5
Kritische Betrachtung der NPSD ... 78
5.2
Skills Development der Confederation of Indian Industry (CII) ... 80
5.2.1
Komponenten der Leitidee ... 81
5.2.2
Schlüsselprinzipien der Leitidee ,,Licence to Practice" ... 82
5.2.3
Training und Zertifizierungsmodelle ... 83
5.2.4
Kritische Betrachtung der CII-Maßnahmen ... 84
6
Schlussbetrachtung ... 85
Literaturverzeichnis ... VIII
Anhang ... XI
Anlage 1
Die Struktur des Bildungssystems in Indien um 1973 ... XI
Anlage 2
Berufsfelder und -bilder um 1985 in Indien ... XI
Anlage 3
Zuständigkeiten für die berufliche Ausbildung ... XII
Anlage 4
Verantwortungen im Rahmen der NSDP ... XIII
Anlage 5
Zuständigkeiten innerhalb der NPSD ... XIV
Anlage 6
Aufgabenbereich des ,,Skill Development Trust" ... XX
Anlage 7
Organisationsstruktur der ,,India@75-Agenda" ... XXI
V
Abkürzungsverzeichnis
Abb.
Abbildung
AICTE
All India Council for Technical Education
ATI
Advanced Training Institutes
AVI
Accredited Vocational Institutes
BAT
Boards of Apprenticeship Training
BVE
Bureau of Vocational Education
bzw.
beziehungsweise
CAC
Central Apprenticeship Council
CDC
Curriculum Development Center
Chr.
Christus
CII
Confederation of Indian Industry
CIVE
Central Institute of Vocational Education
CP
Community Polytechnics
CSS
Centrally Sponsored Scheme
CTS
Craftsmen Training Scheme
DGET
Directorate General of Employment and Training
DWCRA
Programme for Development of Women and Children in Rural Areas
EIC
East Indian Company
FICCI
Federation of Indian Chambers of Commerce and Industry
IMC
Institutional Managing Committee
INK
Indischer Nationalkongress
IRDP
Integrated Rural Development Programme
ITC
Indian Training Center
ITI
Indian Training Institutes
JRY
Jawahar Rozgar Yojana
JSS
Jan Shikshan Sansthan
JVCE
Joint Council for Vocational Education
JVS
Junior Vocational Schools
MHRD
Ministry of Human Resource Development
Mio.
Million
VI
MoLE
Ministry of Labour and Employment
Mrd.
Milliarde
n.
nach
NAC
National Apprenticeship Certificate
NCERT
National Council of Educational Research and Training
NCVE
National Council for Vocational Education
NCVT
National Council of Vocational Training
NGO
Non-government Organisation
NIOS
National Institute of Open Schooling
NPSD
National Policy on Skill Development
NQF
National Qualifications Framework
NSDC
National Skill Development Corporation
NTC
National Trade Certificate
NVQF
National Vocational Qualifications Framework
OBE
Open Basic Education
PUC
Pre-University Certificate
Rs.
Rupien (Indische Währungseinheit)
SCERT
State Council of Educational Research and Training
SCVE
State Council for Vocational Education
SCVT
State Council for Vocational Training
SIVE
State Institute of Vocational Education
SSLC
Secondary School Leaving Certificate
SVS
Senior Vocational Schools
TRYSEM
Training of Rural Youth for Self-Employment
u.a.
unter anderem
USD
US-Dollar
v.
vor
z.B.
zum Beispiel
z.T.
zum Teil
VII
Abbildungsverzeichnis
Abbildungen:
2.1:
Siedlungsschwerpunkte der Induskultur 2600 v.Chr.
S. 4
2.2:
Das Maurya-Reich zur Zeit seiner größten Entwicklung
S. 6
2.3:
Das Mogulreich um 1700
S. 11
2.4:
Kastenstruktur der indischen Gesellschaft
S. 16
3.1:
Bildungsstruktur in Indien 1854
S. 26
3.2:
Lehrplaninhalte des ,,+2"-Zweiges 1976
S. 38
3.3:
Reformvorschläge für die Berufsbildung 1978
S. 40
3.4:
Kursaufbau des beruflichen Zweiges der ,,Higher Secondary
Education" (,,+2") 1978
S. 42
3.5:
Die Organisationsstruktur der Berufsbildung 1986 nach der
Neuen Bildungspolitik
S. 48
4.1:
Das Bildungs- und Berufsbildungssystem in Indien
S. 55
4.2:
Vergleich der Abgangszahlen im Arbeitsmarkt 2001
S. 59
4.3:
Interne Effektivität ITI vs. ITC
S. 60
4.4:
Probleme der Unternehmen richtig qualifizierte Facharbeiter
zu finden
S. 61
7.1:
Komponenten der Leitidee
S. 8
1
1
1
Einführung
Der indische Arbeitsmarkt leidet aktuell unter einem Facharbeitermangel, da die Nach-
frage durch den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg gewachsen ist. Obwohl jährlich 12
bis 13 Mio. junger Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen, haben ca. 3,1 Mio. (MoLE
2009, S.6) 2005 von ihnen eine berufliche Ausbildung erhalten. Die Anerkennung und
das Vertrauen der Industrie in die staatlichen Ausbildungsinstitute ist mangelhaft, so
erhalten, trotz des angesprochenen Facharbeiterunterangebots, weniger als die Hälfte
der Absolventen an staatlichen Berufsbildungsinstituten einen Arbeitsplatz.
Die indische Industrie misstraut dem eigenen Ausbildungssystem. Geringe bis keine
Zusammenarbeit bei der Erstellung der Lehrpläne, die nicht-konkurrenzfähige Qualität
und Produktivität der Auszubildenden, kompetenzschwache Ausbilder, die veraltete
Ausstattung der Institute und die Kompetenzkonflikte zwischen den unzähligen staatli-
chen Instanzen erlauben eine kritische Hinterfragung des aktuellen Systems.
Folglich scheint eine Strukturverbesserung des indischen Berufsbildungssystems, wel-
che teilweise in Zusammenarbeit mit der ,,Confederation of Indian Industry" (CII) als
Vertreter der Industrieunternehmen und der indischen Regierung bereits umgesetzt
wird, nötig. Sie fordert, das landesweite Netz der beruflichen Bildungsinstitute zu mo-
dernisieren und zu erweitern, eine optimierte, stärkere Einbindung der indischen Indust-
rie in die berufsbildenden Denkweisen und die Entwicklung von Lehrplänen nach in-
dustriellen (internationalen) Standards. Im Rahmen dieser Modernisierungsprozesse
entwickelte der Staat die ,,National Skill Development Policy", die im März diesem
Jahres vom indischen Kongress verabschiedet wurde. Die Industrie versucht mit der
,,India@75: The Emerging Agenda" ihrerseits durch verschiedene Maßnahmen die Ef-
fektivität des Berufsbildungssystem in Indien zu erhöhen und unterstützt hierbei, in en-
ger Kooperation mit dem Staat, den Leitgedanken: ,,Making India the Skills Capital of
the World".
Zunächst soll sich die Diplomarbeit mit der historischen Entwicklung des Subkontinents
und des bestehenden indischen Berufsbildungssystems, sowie den daraus resultierenden
erforderlichen Entwicklungen hinsichtlich eines zwingend notwendigen Modernisie-
rungsprozesses, beschäftigen. Hierbei muss ebenso kurz auf das kulturell stark in der
indischen Gesellschaft verankerte Kastensystem eingegangen werden, da dieses, obwohl
offiziell von der Regierung verboten, im Mittelpunkt vieler aktueller Entscheidungen
2
unterschwellig und somit einen nicht zu vernachlässigten Einfluss auf die aktuelle be-
rufsbildungspolitische Situation hat.
Anschließend erfolgt eine Darstellung und kritische Hinterfragung der aktuellen Aus-
bildungsinstrumente der Regierung und das sich daraus gebildete Misstrauen der indi-
schen Industrie. Weiterhin wird auf die Lehrpläne mit mangelhaft nutzbaren, marktun-
rentablen Inhalten, die unterentwickelten und veralteten Ausbildungseinrichtungen, die
unzureichend ausgebildeten Lehrer und den Kommunikationskonflikt der Institute auf
staatlicher und nationaler Ebene, eingegangen. Eine Erörterung möglicher Reformansät-
ze mit dem Gebiet einer verbesserten staatlichen und nationalen Koordination der Bil-
dungsorgane, in dem Thema der staatlichen Unabhängigkeit der Ausbildungsbetriebe,
sowie die Entwicklung eines nationalen Qualifikationsrahmen, wie er auf europäischer
Ebene schon stattfindet, folgt dem. Dargestellt werden soll auch, inwieweit das Prog-
ramm geeignet erscheint, durch aktive Änderungs- und Anpassungsprozesse des jetzi-
gen Systems den dargestellten Berufsbildungskonflikt zwischen der Industrie und den
staatlichen Ausbildungsinstituten zu entspannen, um dadurch die demografischen Ver-
hältnisse Indiens (mehr als 1,1 Mrd. Einwohner; 500 Mio. Menschen unter 19 Jahre)
optimal nutzen zu können.
3
2
Gesellschaftliche Entwicklungsfaktoren Indiens
Gesellschaftliche Faktoren und Entwicklungsprozesse eines Landes prägen das Berufs-
bildungssystem, wodurch eine vorgezogene Darstellung der historischen Entwicklung
sowie eine Einführung in das anthropologisch wertvolle Kastensystem unumgänglich
sind. Basierend auf ein fachkundiges Hintergrundwissen ist es anschließend möglich,
die später dargestellten Fakten und Ergebnisse konstruktiv zusammenhängend zu ver-
stehen und verständliche Schlüsse aus den dargestellten Erarbeitungen abzuleiten.
2.1
Historische Entwicklung Indiens
Die indische Geschichte soll im Folgenden von der ersten Niedersetzung im Industal bis
hin zur Unabhängigkeit von Großbritannien 1947 dargestellt werden, um die kulturellen
Prägungen der indischen Gesellschaft zu verdeutlichen.
2.1.1
Vorgeschichte, Induskultur und die Einwanderung der Aryas
Aufgrund neuester Ausgrabungen und Forschungsergebnissen wurde die Erstbesiedlung
Südasiens
1
(einfachste Bauern mit Getreideanbau) auf das 7. Jahrtausend v. Chr. be-
stimmt. Dieser ersten Phase der frühgeschichtlichen Entwicklung Nordwestindiens folg-
ten drei weitere, die neben der ,,Seßhaftwerdung nomadisierender Viehzüchter und dem
Beginn organisierenden dörflichen Lebens und Ackerbaus im östlichen Baluchistan
über [die] dörfliche Zusammenballungen zur Entwicklung erster Städte im Industal,
deren planmäßiger Erweiterung zu großen urbanen Zentren der Harappa Kultur und
schließlich zu deren Untergang [führte]" (K
ULKE
, R
OTHERMUND
2006, S.29). Der
zweite entscheidende Schritt, die Ansiedlung am Indus, geschah Mitte des 4. Jahrtau-
sends v. Chr. und war geprägt durch die Entwicklung des regionalen Handwerks und
des interregionalen (-nationalen) Handels bis nach Zentralasien bzw. dem Vorderen
Orient. Der Prozess einer ersten, dauerhaften Urbanisierung des Industales, woraus die
Entstehung eines ersten großen Südasiatischen Reiches, mit den (Industal-) Hauptstäd-
ten Mohenjo Daro und Harappa, resultierte, erlebte seinen Höhepunkt 2600 v. Chr.,
dessen Reichweite im Kartenbild (Abbildung 2.1; nächste Seite) dargestellt ist. Das da-
malige Leben in den Gemeindezentren war kulturell bereits hochentwickelt (fast jedem
1
Auch als Vorderindien bezeichnet; wird im Norden, Nordwesten und Nordosten durch das Gebirge vom
restlichen Asien getrennt.
Haus standen sowohl ein Bad al
anordnung in den Gemeindezen
struktur (Vgl. R
OLLY
1986, S.55
Essentiell für den Niedergang de
sowohl eine sich verschlechter
der Industalkultur haben. Selbst
ben den Untergang dieser ersten
von den darauffolgenden Kulture
S.9)
Die Einwanderung und Nieders
sowie Europa in das Industal im
duskultur den nächsten Höhepun
2
,,So erfreute [man sich damals] eine
einem Badezimmer oder zumindest ein
Abfluss angelegt war. [...] Dieser Gen
stadtweites System der Entwässerung
gen zur Straßenseite hin, damit ihre Ab
te Kanalisation geleitet werden konnte"
Abbildung 2.1: Siedlungsschwerpunkte
Quelle: W
IKIPEDIA
als auch Kanalisation zur Verfügung
2
) und die G
entren verweist schon hier auf eine hierarchisch
55).
der Induskultur zu Beginn des 2. Jahrtausends v.
ternde Umweltsituation, als auch klimatische
schlagsrückgang)
wirtschaftlich-soz
rückgehender Ge
trag, keine Konso
der Verwaltung
Heeres) Faktoren,
in den Untergang
dustales einwirkt
merkenswert ist,
eigentliche
Ind
nicht gänzlich e
war, sondern vie
relle Rituale und
formen des Hin
die noch heute da
der indischen Bev
prägen, ihre Wu
st damalige Ordnungssysteme (Maße und Gewi
ten indischen Geschichtsepoche überstanden und
uren und Einwanderern übernommen. (Vgl. K
UL
ersiedlung der (Indo-) Arya aus Klein- oder M
im 2. Jahrtausend v. Chr. stellt nach dem Zeitalte
unkt der indischen Frühgeschichte dar, der gleic
nes bequemen, aus Ziegelsteinen gefertigten Sitz-Klosetts
einen Badeplatz, dessen Ziegelstein-Boden mit leichtem G
enuss wurde noch durch die beruhigende Tatsache erhöh
g zu verfügen. Die Toiletten und Badeplätze eines jeden
Abwässer in diese, für damalige Verhältnisse genial durch
te" (R
OSINY
1982, S.24).
kte der Induskultur 2600 v.Chr.
IA
(2009a)
4
e Gebäude-
che Sozial-
v. Chr. war
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g)
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Getreideer-
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wichte) ha-
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LKE
2005,
Mittelasien
lter der In-
eichauf mit
tts. [Das] zu
Gefälle zum
öht, über ein
n Hauses la-
chkonstruier-
5
dem Untergang und dem damit korrelierenden Ende der Induskultur begann. Die Aryas
3
eroberten das Land von den Eingeborenen gewaltsam, errichteten eine Landwirtschafts-
und Viehkultur und ,,prägten die weitere Entwicklung [Indiens] bis heute: sie versklav-
ten zum großen Teil die eingeborenen Volksstämme, führten das Kastensystem ein und
schrieben in ihrer Sprache Sanskrit die Veden, die erste literarische Quelle indischer
Kultur und das Fundament des religiösem Hinduismus, nieder" (R
OLLY
1986, S.56).
Die erste Ära dieser geschichtlichen Periode wird als die frühvedische Zeit, in Anleh-
nung an die Veden
4
, die die Entwicklung der seminomadisch agierenden Aryas, von der
gewaltsamen Einwanderung im Nordwesten Indiens bis hin zur Erstehung erster Reiche
und der Urbanisierung des mittleren Gangestales, in der vedischen Gesellschaft ge-
nauestens darstellt. In den Veden wird die Entwicklungsgeschichte der seminomadisch
agierenden Aryas, von der gewaltsamen Einwanderung im Nordwesten Indiens bis hin
zur Erstehung erster Reiche und der Urbanisierung des mittleren Gangestales, in der
vedischen Gesellschaft genauestens darstellt.
Primär war der Siedlungsschwerpunkt der vedischen Gesellschaft der heutige Punjab,
das Fünfstromland, wo mit Hilfe von Bewässerungsanlagen und Brandrodung (für eine
effizientere Nutzung der Landwirtschaft) die Urbanisierung der Gemeinden
vorangetrieben wurde und durch die Entdeckung einer landwirtschaftlich möglichen
Nutzung des Eisens Anfang des 1. Jahrtausends, konnte die vedische Gesellschaft bis in
das mittlere Gangestal vordringen, womit ein weiterer Abschnitt dieser geschichtlichen
Periode, die spätvedische Zeit, begann. Sie wurde geprägt durch ,,enge und
folgenschwere Kontakte mit der unterworfenen einheimischen Bevölkerung, weiterhin
soziale Differenzierungen, das Aufkommen von Handwerk und Handel, das Entstehen
kleiner territorialer Fürstentümer und ,,Residenzorte" sowie der Beginn neuer
philosophischer Spekulationen" (K
ULKE
, R
OTHERMUND
2006, S.55).
Durch den sozialen Differenzierungsprozess, der mit den Begebenheiten des Kastenwe-
sens verstärkt wurde, entflammten innerhalb (Vorherrschaft über bzw. Führungsrolle in
3
Die Einwanderung der Aryas in das Industal hat zwei langfristige demografische Konsequenzen für
Indien: ,,First, they occurred a fundamental shift in the demographic centre of gravity from the Indus
valley into the Gengetic plain. Indeed, from the sixth century BC onwards the Gangetic plain has been the
subcontinent's most densely settled part. Second, the Aryan expansion eventually had a huge impact on
the subcontinent's social geography. Indo-European languages became predominant throughout the north
and west, leaving Dravidian languages to be spoken mainly in the south. In Addition, whereas Aryan
kinship laid great stress upon the male line and the tight control of women, southern kinship systems
allowed women greater social freedom" (D
YSON
, C
ASSEN
, V
ISARIA
2004, S.16).
4
Die Namensgebung (Veden) ersteht aus der ältesten indoeuropäischen Literaturgattung, die für Histori-
ker als eine der wertvollsten Quellenangaben über die frühe Kultur der (vedischen) Gesellschaft in Indien
gelten.
6
den einzelnen Stamm) und außerhalb (Verteidigung gegenüber anderen Stämmen) der
einzelnen (Arya-) Stämme schwere Machtkämpfe, aus denen das Konzept des ,,Janapa-
da", welches die damaligen Bewohner mitsamt ihren ,,Stammesland"
5
bezeichnete, re-
sultierte.
2.1.2
Das Altertum
Die ersten Großreichsbildungen der indischen Geschichte, die Erneuerung des städti-
schen Kulturgedankens (nach dem Niedergang der frühen Indusstädte) und dem intensi-
ven Kontakt Indiens mit allen Großregionen Asiens prägten das Altertum (von 500 v.
Chr. bis 500 n.Chr.). Kulturell betrachtet ist dieser epochale Abschnitt ein Höhepunkt
der indischen Geschichte, da er
mit dem Leben und der Lehre
Buddhas beginnt und der Kano-
nisisierung weiterer Bereiche der
hinduistischen Kultur endet (Vgl.
K
ULKE
2005, S. 17).
Die Staatenbildung in Nordin-
dien, die final in der Bildung des
ersten Großreichs Indiens endete,
wird in fünf Epochen unterteilt:
Die im oberen Abschnitt bereits
genannte Bildung der Janapada-
Fürstentümer vollzog sich zu
Anfang des Altertums im 9. bis
7. Jahrhundert v. Chr., aus denen
nach vereinzelten Machtkämpfen
die Mahajanapada, die einer
Funktion der zweiten Urbanisie-
rungsprozesses entsprechen, um
das frühe 5. Jahrhundert v. Chr. entstanden. Unter diesen (insgesamt 16) Mahajanapadas
entflammte im Laufe des 5. Jahrhunderts v. Chr. ein erbitterter Machtkampf, der mit
5
Janapada setzt sich aus den Begriffen ,,jana" (Stamm) und ,,pada" (Fußstapfen, hier: Boden) zusam-
men. Mit Fußstapfen ist das umliegende Land gemeint, dass auch vor feindlichen Übergriffen beschützt
werden musste. Am Ende dieses Entwicklungsprozesses stand der Grad der ,,Mahajanapada".
Abbildung 2.2: Das Maurya-Reich zur Zeit seiner größten Expansion
Quelle: CRYSTALINKS (2009)
7
dem Sieg Magadhas um 400 v. Chr. endete, der ihm somit die Herrschaft über Nordin-
dien vermittelte. Dieser ersten nordindischen Großreichsbildung folgte die Maurya-
Dynastie, die diesen schrittweisen Expansionsverlauf mit der Bildung des ersten ge-
samtindischen Großreiches (siehe Abbildung 2.2; vorherige Seite) unter Kaiser Ashoka
(268-233 v.Chr.) abschloss.
6
Ashoka ist neben diesem geschichtsträchtigen Ereignis weiterhin für die kulturelle Ex-
pansion des buddhistischen Glaubens bekannt, da er Botschafter in die Nachbarländer
(bis in den Mittelmeerraum) entsendete und im eigenen Land eine Vielzahl von Felsen
und Säuleninschriften errichten ließ. Das Löwenkapitell aus Ashokas Säuleninschriften
ist heute das Staatswappen der Indischen Union
7
(Vgl. E
BENDA
, S.23). Nach dem Zer-
fall des Maurya-Reiches zersplitterte sich das Großreich erneut in einzelne (Groß-)
Fürstentümer, die sich an die Staatenbildung der ,,Mahajanapadas" anlehnte.
Einer langen Lebenszeit der Mahajanapadas folgend, lebten Teile Zentralindiens und
Nordindiens im 4. und 5. Jahrhundert unter der Gupta-Dynastie, die sich von der West-
bis zur Ostküste erstreckte und einen regen, profitablen und internationalen Seehandel
(bis nach Rom) vollzog. Ferner erlebte die indische Kultur durch die Entstehung großar-
tiger indischer Schöpfungen (u.a. die klassische sitzende Buddha-Figur), neben der Er-
richtung frühmittelalterlicher hinduistischer Tempelarchitektur, einen Höhepunkt. Mit
dem Einfall der Hunnen in Nordwestindien wurden die überlebenswichtigen Handels-
routen ausgelöscht und das Herzstück des Gupta-Reiches vernichtet, gleichbedeutend
mit dessen Untergang und dem Ende dieses epochalen Abschnitts.
2.1.3
Das Mittelalter: Indien im Zentrum des Delhi-Sultanats
Unter den sich bildenden vier Großregionen
8
, die gleichmäßig über den Subkontinent
verteilt waren, herrschten ausgeglichene Machtverhältnisse, da sie durch Zwischenre-
gionen oder Berg- / Dschungelregionen von einander getrennt waren, was zu einer Sta-
6
Ein Ereignis in dem dargestellten staatlichen Expansionsprozess dieser geschichtlichen Periode hatte
keinen direkten Einfluss auf die eigentliche Großreichsbildung, muss aber, aufgrund der kulturellen Prä-
gungen, erwähnt werden. Im Rahmen seiner Persieneroberung drang Alexander der Große 327 über den
Hindukush in Nordindien ein, ein Ereignis, dass indirekte Folgen auf die indische Kultur zur Folge hatte.
,,Die hellenistisch-provinzialrömischen Einflüsse späterer Jahrhunderte auf die indische Kunst sind eben-
so zu nennen wie das europäische Indienbild, das bis in das Mittelalter von den Bereichen des Indienzu-
ges Alexanders geprägt wurden" (K
ULKE
2005, S.21).
7
Seit der Unabhängigkeit Indiens 1947
8
Die vier Großregionen in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts waren: das nordindische Zweistromland
(das heutige Uttar Pradesh), die ostindische Gangestiefebene (das heutige Ostbihar und Bengalen), die
westliche Hochebene Zentralindiens (das heutige Maharashtra und Nord-Karnataka) und die Südostküste
(das heutige Tamil Nadu) (Vgl. E
BENDA
, S. 46)
8
bilisierung der (vier) Großmächte beitrug, da eine territoriale Bedrohung des Nachbarn
nicht erdenklich war. Die dadurch resultierende Möglichkeit der Konsolidierung ist
mitunter für den Ursprung der regionalspezifischen Sprachen, Literaturwerke und
Kunststile, die Indien noch heute in der Gegenwart so einzigartig erscheinen lässt, ver-
antwortlich und erscheint somit als einer der Gründe für die heutige kulturellen Vielfalt
in Südasien.
Gegen Ende des frühen Mittelalters fiel Mahmud (Provinzgouverneur der Turkvölker)
vom Hindukusch über Nordindien ein, plünderte und zerstörte viele reiche Städte dieser
Region. Seine insgesamt 17 Kriegszüge hatten zwar keine Erweiterung einer islami-
schen Herrschaft in Nordindien zur Folge, das nördliche Großreich zerfiel indes daran
und nachfolgende territoriale Machtkämpfe schwächten diese Region zusätzlich, womit
es für nachrückende Kriegsherren trivial erschien, den fruchtbaren Norden Indiens für
sich zu beanspruchen und den historischen Verlauf Indiens zu prägen.
Mit der Gründung des unabhängigen Delhi-Sultanats
9
im Jahr 1206 unter Qutb-ud-din
Aibak wurde der Fokus der indischen Geschichte in den Norden zurückgelegt, nachdem
Jahrhunderte lang die einzelnen regionalen Großreiche parallel über Südasien ge-
herrscht haben. Die hiermit korrelierende Ausbreitung des Islams bis in das Gangestal
und den südlichen Subkontinent hinein, prägt den Beginn dieser zeitlichen Epoche, wo-
durch die hinduistische Kultur und staatliche Entwicklung verdrängt, aber nicht vernich-
tet wurde. Somit entstanden seit dem Delhi-Sultanat zwei konkurrierende politische und
kulturelle Systeme parallel nebeneinander, ein Umstand der bis in die Gegenwart zu
vielmals blutigen Konflikten führte (Vgl. E
BENDA
, S.62).
Iltutmish, Nachfolger Aibaks, wehrte das erste Eindringen mongolischer Heere, unter
der Führung Tschingis Khans ab
10
, womit eine bedeutende (mongolische) Änderung der
indischen Geschichte vermieden werden konnte.
Die historisch wichtigste Gegebenheit der beiden Sultane (Aibak und Iltutmish) war die
Wiederherstellung eines Großreiches mit der Hauptstadt Delhi in Nordindien, wie es
seit Mitte des 7. Jahrhunderts (Gupta-Reich) nicht mehr existiert hatte und dessen Hö-
hepunkt unter der Khalji-Dynastie (1290-1320) mit Ala-ud-din Khalji als Herrscher
erreicht wurde. Er vermochte es weiterhin, sowohl die hereinfallenden Mongolen abzu-
9
Und dem hiermit verbundenen Weg zu einer erneuten gesamtstaatlichen Entwicklung Indiens
10
Zu jener Zeit galten die mongolischen Streitkräfte als befürchtet und konnten nur mit größtem takti-
schem und kämpferischem Geschick besiegt werden.
9
wehren, als auch Zentral- und Südindien
11
zu erobern. Korrelierend mit dem Tod Khal-
jis ging die Macht des Delhi-Sultanats bergab. Sein Nachfolger (Muhammad bin Tugh-
luq) versuchte letztlich noch die Umsiedlung der Hauptstadt von Delhi nach Daulatabad
(250 km östlich des heutigen Mumbais)
12
, doch der Untergang des Delhi-Sultanats
konnte nicht gestoppt werden und endete 1338 durch Timur der Delhi zerstörte und des-
sen Bevölkerung fast vollkommen vernichtete (Vgl. K
ULKE
, R
OTHERMUND
2006,
S.216 ff.).
Nach der Niederlage Delhis erlangten alle Regionen Indiens ihre Unabhängigkeit zu-
rück, wodurch die Fürstentümer wieder ihre Macht konsolidieren konnten und im Süden
Indiens die zwei Großreiche, das Bahmaniden-Sultanat (1347) in Zentralindien und Vi-
jayanagara (1346) in Südindien, entstanden. Das Vijayanagara-Reich war das mächtigs-
te hinduistische Reich in der südindischen Geschichte. Ohne diese starke, territoriale
Form des Hinduismus, wäre der Islam noch weiter in den Süden gedrungen.
13
2.1.4
Die frühe Neuzeit: Indien im Zeitalter der Mogulherrschaft
Die Entstehung des Mogulreiches in Indien ist auf den Mongolen Baber, der wie die
Vielzahl der Indieneroberer über den Hindukusch in den Nordwesten Indiens einfiel, auf
das Jahr 1526 zurückzuführen.
Ein weiterer, imposanter Herrscher zu jener Zeit war Akbar, der in seiner fast 50-
jährigen Herrschaft bis 1605 eine der wichtigen Epochen der indischen Geschichte skiz-
zierte. Sein außenpolitisches Geschick, welches zu jener Zeit für Frieden in Nordindien
und insofern für eine innere Konsolidierung sorgte, führte das Mogulreich zu einem
Großreich von Bengalen bis nach Südafghanistan sowie in Teile Zentralindiens. Durch
seine Toleranz und Akzeptanz des Hinduismus konnte er bewirken, dass das Mogul-
reich zu einen indischen Reich, mit gemeinsamer Unterstützung der Muslime und Hin-
dus wurde, im Gegensatz zur vorherigen Fremdherrschaft des Delhi-Sultanats (Vgl.
K
ULKE
2005, S.79).
11
Diese plötzliche Expansion des Sultanats unter Ala-ud-din um 1300 lief innerhalb weniger Jahre in
ähnlich atemberaubender Geschwindigkeit ab wie die Eroberung Nordindiens unter Aibak. Ala-ud-dins
Ehrgeiz war es, als ,,zweiter Alexander" in die Geschichte einzugehen. Diesen Titel ließ er auch in seine
Münzen prägen und im öffentlichen Gebet ausrufen (Vgl. K
ULKE
, R
OTHERMUND
2006, S. 217)
12
Diese Zwangsumsiedlung endete in einem Fiasko, da er seinen Machteinfluss im Norden verlor und
seine Machtansprüche im Süden nicht fixieren konnte. Die Rückkehr nach Delhi innerhalb weniger Jahre
empfand man als Schwäche und leitete die Unabhängigkeit des Südens und Ostens vom Delhi-Sultanat
ein.
13
Die heutige Religionsverteilung eines eher islamischen Nordens und hinduistischen Südens ist eine
Teilfolge dieser geschichtlichen Entwicklung.
10
Akbars Sohn Jahanagir orientierte sich an der außenpolitischen Ruhe seines Vaters und
konsolidierte die innere Herrschaft weiter. In seine Amtszeit fällt der erste Kontakt mit
der englischen ,,East India Company" und der holländischen ,,Vereenigde Oostindische
Compagnie", deren Ziel es war, das portugiesische Handelsmonopol
14
mit Indien zu
brechen, und selbst effektive Handelspositionen mit Fürsten aus Zentral- und Südindien
bzw. dem Mogulreich zu entwickeln.
Durch die Verschärfung des islamischen Glaubens unter Aurangzeb 1659 im Reich ent-
zog er sich der Loyalität seiner hinduistischen Mehrheit in der Bevölkerung, was zu
einer Spannung zwischen der muslimischen Regierung und der hinduistischen Bevölke-
rung führte. Es entstanden somit autonom neue indische (hinduistische) Großmächte
seitens der Moguln, wie das der Marathen.
15
Die Marathen schafften es unter ihrem mi-
litärischen Führer Shivajis, die Ausdehnung des Mongolenreiches zu stoppen und so
den Plan Aurangzebs, den gesamten Subkontinent einzunehmen, zu stören.
Für Aurangzebs ,,Mogulgroßreichgedanken" stellten sie ein großes Hindernis dar. Erst
nach der Einnahme der anderen Fürstentümer Bijapur und Golkonda schaffte er es, die
Marathen zu besiegen und deren Unterwerfung zu erzwingen, wodurch er 1689 den
Höhepunkt seiner Macht erlangte. Anstatt zurück nach Delhi zu marschieren und das
Reich von dort aus zu regieren, entschied er sich für einen Verbleib in Zentralasien, um
dort die örtlichen Aufstände der überwiegend vertriebenen, ländlichen Marathen zu
bekämpfen.
Dieser Entschluss erwies sich insofern als Fehler, da er weder im Norden, noch im
frischeroberten Zentralindien die richtige Vorherrschaft hatte, womit er in eine Vielzahl
von Kämpfen verwickelt wurde, bei denen er trotzdem zwischenzeitlich die südindische
Nayak-Dynastie besiegte und das Mogulreich zu jener Zeit seine größte Ausdehnung
(die größte in der indischen Geschichte der Großreichsbildungen) hatte (siehe Abbil-
dung 2.3; nächste Seite).
14
Die Portugiesen besetzten seit 1510 Goa, das der Mittelpunkt ihres an der Küste sich ausbreitenden,
indischen Handelsreich wurde.
15
,,Der Aufstieg der Marathen im 17. Jahrhundert ist beispielhaft für die Entstehung neuer, indigener
Staatsstrukturen im Windschatten der imperialen Großreichsbildung der Moguln, die meist in schwer
kontrollierbaren geographischen ,,Nischen" ihren Ursprung nahmen und sich geschickt durch wechselnde
militärische Allianzen zu lokalen und bisweilen regionalen Machtfaktoren entwickelten" (K
ULKE
2005,
S.89).
11
Es kann hier von einer ,,Existenz zweier konkurrierender Herrschaftssysteme" (E
BEN-
DA
, S.92) gesprochen werden, da er die Marathen nicht vollständig bezwingen konnte,
zu der sich in jener Zeit eine
dritte hinzufügte: Die britische
Ostindienhandelskompanie
gründete drei befestigte Nie-
derlassungen
in
Calcutta,
Bombay und Madras um 1660
und setzte damit den ersten
Meilenstein für die spätere
koloniale Eroberung Indiens.
Der Zerfall des Mogulreiches
vollzog sich nach Aurangzebs
Tod im Jahre 1707 in unbe-
schreiblicher Schnelle, ein
Vorgang der erneut in einer
territorialen Aufteilung in die
einzelnen Fürstentümer / Re-
gionalmächte, zwischen denen
Machtkämpfe um die Vorherr-
schaft über Indien entflamm-
ten, endete. Eine dezentrale Situation, die die britische Handels- und Kaufleute auszu-
nutzen wussten (Vgl. E
BENDA
, S.96).
2.1.5
Die britische Kolonisierung Indiens
Vom 17. Jahrhundert an befanden sich französische, holländische und britische Ostin-
dienhandelsgesellschaften auf dem Subkontinent, die es zuerst auf den Handel abgese-
hen hatten, allerdings entzündete sich mit dem geplanten Ziel der Rohstoffsicherung der
Wille, das Land oder zumindest größere Regionen zu beanspruchen und militärisch zu
erobern. Unter der Führung von Robert Clive fand der Übergang von der indischen
Handelsgesellschaft zu den ersten Anfängen der britischen Kolonialmacht statt.
16
Die
britische ostindische Handelsgesellschaft befand sich stets in einen Mehrfrontenkrieg
16
Er schlug 1757 die Bengalen in Plessey und erhielt 1765 die Steuerhoheit über die Region.
Abbildung 2.3: Das Mogulreich um 1700
Quelle: WIKIPEDIA (2009b)
12
mit den französischen Söldnertruppen und hinduistischen bzw. muslimischen Lokal-
mächten.
Die britische Kolonialregierung benötigte für die völlige Erschließung des indischen
Subkontinents einen funktionierenden, feinstrukturierten Beamtenapparat, für die ,,loyal
civil servants" nach britischen Gedanken ausgebildet werden mussten. Hinsichtlich der
Bildungspolitik verhalfen die Briten dem indischen Territorium zu einem Modernisie-
rungsprozess, auf den später intensiv eingegangen wird. Dem rasanten Expansionspro-
zess stellte sich der Aufstand kleinerer indisch-britischer Armeen gegenüber (1857).
Diese Rebellion, die in einem Aufstand endete, wurde schnell unterdrückt und gilt heute
noch als das Symbol des Kampfes gegen die britische Kolonialherrschaft. Hieraus resul-
tierend wurde die ,,East Indian Company" (EIC) aufgelöst (1858) und das Gebiet direkt
der britischen Krone unterstellt (1877 wurde Queen Victoria Kaiserin von Indien) (Vgl.
W
AGNER
2006, S.22).
,,Die komplexen Symbolwelten der Rückbesinnung auf alte Werte und der Ethik demo-
kratischer Selbstbestimmung in der Vermittlung zwischen Kastenhindus, Unberührba-
ren, Muselmanen und Fremdländern, verstand vor allem die synthetische Figur Mahat-
ma Gandhi (1869-1948) für den nationalen Freiheitskampf zu vereinigen. Seine Wider-
standsform war die des Satyagraha
17
" (R
OLLY
1986, S.71).
Durch die Gründung eines indischen Nationalkongresses (INK) im Jahr 1885 entstand
eine wichtige politische Gesamteinheit für die indische Oberschicht aus dem ganzen
Land, welches als wichtiges Instrument für die Bekämpfung gegen die Briten genutzt
werden konnte. Viele Reformen, u.a. die ,,Morley-Minto-Reform" (1909), leiteten grö-
ßere Mitspracherechte indischer Eliten ein. Dem INK stand die Muslim-Liga gegenüber,
die beide für ihren (hinduistische und islamische) Unabhängigkeitsgedanken kämpften.
Während des zweiten Weltkrieges verschlechterte sich die Beziehung zwischen der
Muslim-Liga und dem INK, da sich Jawaharlal Nehru und Mahatma Gandhi (beide
INK) für eine Unabhängigkeit Indiens mitsamt aller Religionen und Gruppen einsetzten,
demgegenüber die islamistische Vertretung mit ihrer ,,Pakistan-Resolution", die aus der
,,Zwei-Nationen-Theorie" hervorging, diesem Gedanken widersprach. Nach dem Ende
des zweiten Weltkrieges ging der Unabhängigkeitsprozess rapide voran und endete in
17
Lange Fasten- und Enthaltsamkeitsaktionen, die über die Internalisierung und Austragen des feindli-
chen Übels den Sieg durch Leiden herbeiführen sollten, indem der Feind, offensichtlich durch die Mühen
des asketischen Trägers von dessen Werthaftigkeit überzeugt, zur Aufgabe genötigt wird.
13
der Unabhängigkeit zweier Staaten, Indien und Pakistan 1947 (Vgl. W
AGNER
2006,
S.23).
Am 15. August 1947 erhielt Indien die Unabhängigkeit von den Briten.
18
,,Kein anderes
Land, das aus Kolonialherrschaft entlassen wurde, hatte eine politische Organisation
aufzuweisen, die über eine vergleichbare soziale Basis und einen so weitgespannten
überregionalen Parteiapparat verfügte" (K
ULKE
, R
OTHERMUND
2006, S.391). Diesem
Fortschritt muss man allerdings kritisch gegenüber stehen, denn ,,der Fortschritt, den
Indien erfuhr, wurde [...] durch die kulturelle Arroganz, die rassische Abqualifizierung
und die ökonomische Ausbeutung durch die Kolonisatoren erheblich geschmälert"
(R
OLLY
1986, S.73). Außerdem ,,haben sich [die Briten] an diesem gewaltigen Land
vielfach versündigt, weniger aus böser Absicht, sondern aus Ignoranz, rassistischer Ar-
roganz und natürlich aus Gier nach wirtschaftlichen Gewinnen" (M
ÜLLER
2006, S.35).
2.1.6
Indien seit der Unabhängigkeit
Prägend für die indische Demokratie ist es, dass sie unter der Voraussetzung einer Mas-
senarmut und der multi-ethnischen Gesellschaft gegründet wurde. ,,Aufgrund des gerin-
gen Einkommensniveau, der Defizite im Bildungsbereich und der zahlreichen ethni-
schen und religiösen Auseinandersetzungen hätte Indien eigentlich den Weg eines auto-
ritären Systems gehen müssen, den es jedoch abgesehen von der kurzen Zeit des Aus-
nahmezustandes zwischen 1975 und 1977 vermieden hat" (W
AGNER
2006, S.37). Seit
den erstmals durchgeführten Wahlen 1951/52 sind bis dato fünfzehn Parlamentswahlen
durchgezogen wurden, die mehrmals zu Regierungswechseln führte.
2.2
Kulturelle Prägungen
2.2.1
Das Kastensystem in Indien
Ein prägendes Merkmal Indiens ist neben seiner Sprachenvielfalt und dem heutigen
wirtschaftlichen Aufschwung das Kastenwesen, dessen Auswirkungen und Einflüsse in
die indische Gesellschaft auf allen Stufen zu unzähligen (anthropologischen) Diskussio-
nen führten und führen. Um diese Strukturen und das Sozialwesen Indiens zu verstehen
18
,,Am 14.August 1947, kurz vor Mitternacht, wandte sich Jawaharlal Nehru mit einer Rede vor der ver-
fassungsgebenden Versammlung, die vom Radio übertragen wurde, an die indische Nation: ,,Long years
ago we made a tryst with destiny, and now the time comes when we shall redeem our pledge, not wholly
or in full measure, but very substantially. At the stroke of the midnight hour, when the world sleeps, India
will awake to life and freedom. A moment comes, which comes but rarely in history, when we step out
from the old to the new, when an age ends, and when the soul of a nation, long suppressed, finds utter-
ance" (W
AGNER
2006, S.24).
14
ist eine Beschreibung des Kastenwesen unumgänglich, deren ,,konventionelle Sichtwei-
se [...] eine atomistische [ist], d.h. die individuellen Kasten [müssen] werden isoliert
voneinander betrachtet [werden]" (U
RHAHN
1985, S.21).
Merkmale die an das Kastensystem angelehnt sind:
-
,,Mitgliedschaft in einer Kaste ist ein zugeschriebener und generell nicht er-
werbbarer Status;
-
Eine Kaste ist endogam;
-
Jeder Kaste ist traditionell einer ganz bestimmten Berufsrolle zugeschrieben;
-
Formen und Möglichkeiten des Sozialverkehrs zwischen Kasten sind durch
Interaktionsregeln definiert" (N
EELSEN
1976, S.56).
Dadurch, dass den Kasten häufig gleiche oder ähnliche Berufsrollen zugesprochen wer-
den, können sie insoweit mit dem deutschen Zünften des Mittelalters verglichen werden
(Vgl. M
ÜLLER
2006, S.137).
Begründend auf die erneute soziale Differenzierung der Aryas zu den Einheimischen
verweisen anthropologische Wissenschaftler den Ursprung des Kastensystems in die
Zeitebene der frühvedischen Zeitepoche (2. Jahrtausend v.Chr.), in der es bereits eine
Untergliederung der Gesellschaft in die freien Stammesangehörigen (vis), den Stam-
mesadel und die Krieger (ksatriya), den Stammesfürsten (rajan) und den Priestern
(brahmanen) gegeben hat. Mit der einsetzenden, dauerhaften Seßhaftwerdung im Gan-
gestal (Ende des 2.Jahrtausends v.Chr.) versuchten die Priester und Krieger ihre soziale,
obere Stellung den Gemeinfreien (vaishyas) und der einheimischen Bevölkerung (shud-
ras) durchzusetzen und zu konsolidieren, welches als die Entwicklungs- und Geburts-
stunde des Kastensystems betrachtet wird. ,,Es ist bezeichnend, dass diese wohl eher als
,,Stände" zu verstehenden Kasten die Bezeichnung ,,varna" trugen, was soviel wie ,,Far-
be" bedeutet. [Denn] mit dieser auf rituelle und soziale Abgrenzung der dunkelhäutigen
Ureinwohner abzielenden ,,Ständeordnung" war die Grundlage für die künftige Entste-
hung Tausender endogamer, auf Geburtszugehörigkeit (jati) beruhender, berufsspezifi-
scher Kasten geschaffen, eine Entwicklung, die bis in die Gegenwart anhält" (K
ULKE
2005, S.13). Allerdings sind die Varna nicht mit dem heutigen Kastenwesen gleichzu-
setzen, sondern als ursprünglich eigene Stände zu betrachten, welche erst später den
eigentlichen Kasten zugeordnet und subsumiert wurden.
Das Kastenwesen an sich hat somit seinen Ursprung im Hinduismus, die Namensge-
bung lässt sich allerdings auf die Portugiesen, die als erste Europäer Indien entdeckten,
zurückführen, da ,,Kaste" vom portugiesischen Wort ,,casto" abstammt, dass ,,keusch"
15
oder ,,rein" bedeutet. Sie ,,bezeichneten damit die rituelle Distanz sowie die Endogamie
der verschiedenen Gruppen, die sie auf dem Subkontinent beobachteten" (W
AGNER
2006 S.31).
Das Kastensystem wird durch die zwei Kategorien ,,jati" und ,,varna" geprägt. Die
,,varna" (übersetzt: Farbe), kann aus den Schriften und Mythen des Hinduismus abgelei-
tet werden. Demnach sind aus dem Urmenschen ,,Purusha" die vier Kasten (varnas)
entsprungen, wobei die Brahmanen (Priesterkaste) den Mund symbolisieren, Kshatriya
(Kriegerkaste) für die Schultern steht, Vaishya (Händlerkaste) seine Schenkel symboli-
siert und die Shudras (Kaste der Bediensteten) seine Fußsohlen darstellen, wodurch sich
ebenfalls die hierarchische Struktur ergibt. Neben den vier ,,varnas" existieren mehrere
Gruppen außerhalb des Systems, wie die Unberührbaren (Scheduled Castes oder Dalits)
oder die Stammesbevölkerung (Scheduled Tribes oder Adivasis), die sich hierarchisch
unterhalb der Shudras befinden (Vgl. E
BENDA
, S.31ff.). Die Brahmanen, Kshatriya und
Shudras zählen zu den ,,Zweimalgeborenen", da sie nach ihrer natürlichen Geburt, eine
weitere, spirituelle Geburt erleben.
19
Die ,,varnas" müssen eher als theoretischer Überbau bezeichnet werden und könnten
alleine die Vielfalt des indischen Kastenwesens nicht charakterisieren. Die real existie-
renden Kasten werden vielmehr durch die ,,jati" symbolisiert, die bestimmten ,,varnas"
untergeordnet sind und somit gleichfalls ihre soziale Gesellschaftsstellung erreichen.
Die einzelnen Kasten bilden in sich abgeschlossene soziale Einheiten mit spezifischen
Verhalten- und Ehrenkodex, wie z.B. die Endogamie (Heirat nur innerhalb der Kaste)
sowie Kommensalität (Regelung mit wem und von wem Nahrung aufgenommen wer-
den darf). Die unterschiedlichen Kastenklassen waren im dörflichen Arbeitsalltag durch
die eigenen traditionellen Berufe miteinander gekoppelt (jajmani-system). Hierbei ent-
stand die Klassifizierung der Berufsgruppen in ,,unrein" (arbeiten mit Schmutz oder
ähnlichen) und ,,rein", das sich ebenfalls an die soziale Hierarchie anlehnte (Vgl.
E
BENDA
, S.33).
Mit dem Kastensystem wurde die obere Eliteschicht (upper class) gebildet, da damals
die ,,brahmanen" die Macht über das Wissen, die ,,ksatriyas" die politische Macht und
die ,,vaishyas" eine finanzielle Macht besaßen. Kastengruppen, die heute hauptsächlich
in den Bildungsstrukturen vorzufinden sind (Vgl. S
INGH
, S
HARMA
1988, S.68).
19
,,Gemeint ist eine religiöse Weihe, vergleichbar mit der christlichen Konfirmation, bei der die Heran-
wachsenden sich mit den Mysterien ihrer Religion beschäftigen und die heilige Schnur erhalten. [...] Der
vierten Kaste, den Shudras, ist diese Zeremonie verwehrt. Sie bleiben Einmalgeborene und haben den
Angehörigen der oberen drei Schichten zu dienen" (I
HLAU
2006, S.47).
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