Inhaltsverzeichnis
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EINLEITUNG 3
1 DER PÄDAGOGISCHE BLICK AUF DIE EINSTIEGSSITUATION
EINER NEUEN LEHR- LERNEINHEIT 5
1.1 Der pädagogische Blick 7
1.2 Grundvoraussetzungen von Lernen 10
1.2.1 Verarbeitungsprozesse 10
1.2.2 Aufmerksamkeit 13
1.2.3 Bedeutungsvolles Lernen 14
1.2.4 Motivation 16
1.3 Zusammenfassung der verschiedenen Lernprozesse 20
2 EXPLORATION DER UNTERRICHTSSITUATION 23
2.1 Arbeitsschritte und Verfahren des Diagnostizierens 25
2.2 Erfassung der Einstiegssituation 27
3 GESTALTUNG VON EINSTIEGSSITUATIONEN 31
3.1 Kriterien eines guten Unterrichtseinstiegs 31
3.2 Elaboration der Unterrichtsinhalte 33
3.3 Einsichtiges Lernen fördern - der szenische Einstieg 35
FAZIT 38
LITERATURVERZEICHNIS 40
Einleitung
„So, heute beginnen wir mit dem Thema Rechtskunde in der Krankenpflege“ lautet häufig der erste Satz eines Lehrenden zu Beginn der neuen Lerneinheit. Die Lernenden sitzen da, und für den ein oder anderen ist nach dieser Ankündigung, die im manchen Ohren schon fast als Drohung anklingt, die Stunde, der Tag oder sogar das ganze Thema gelaufen. Lehrer und Teilnehmer quälen sich durch den Stoff, finden nicht so recht zusammen, sind gelangweilt und Störungen treten auf.
Alle Unterrichtsinhalte der Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege sind nach den gesetzlichen Richtlinien vorgegeben. Sie bilden die Grundlage für professionelles Pflegehandeln. Professionalität wird hier verstanden „[…] als eine situative Kompetenz […] wissenschaftliche fundierte und abstrakte Kenntnis in konkreten Situationen angemessen anwenden zu können.“ 1
Die vorliegende Arbeit beschreibt, anhand welcher Orientierungspunkte der Lehrende den Einstieg in eine neue Lehr- Lerneinheit plant. Darin wird der Begriff ‚pädagogischer Blick’ erörtert und es werden generelle Lernvorgänge und -voraussetzungen dargestellt. Welche Rolle die pädagogische Diagnostik dabei spielt, um diese Unterrichtssituation zu erfassen, wird weiterhin ausgeführt. Eine Auswahl von Handlungsmöglichkeiten soll Alternativen anregen, um den Lehrenden und Lernenden einen einschläfernden Einstieg in ein neues Thema zu ersparen.
Um die Arbeit wissenschaftlich zu untermauern wurde die Literaturrecherche über den Online Bibliothekskatalog der Katholischen Fachhochschule und das Internet durchgeführt. Die Recherche erfolgte
1 WEIDNER „Professionelle Pflegepraxis und Gesundheitsförderung“ S.49
3
über die Schlagworte ‚Einstiegsituationen’, ‚Unterrichtsbeginn’, ‚Lernen’ und ‚Pädagogische Diagnose’. Die Recherche ergab Quellen aus Monographien, Zeitschriften und Online-Dokumenten deren
Literaturverzeichnisse wiederum auf weitere Quellen überprüft und gesichtet wurden.
Um einen ungestörten Lesefluss zu ermöglichen, wird hier in einer allgemeinen Form von Lehrenden und Lernenden gesprochen. Das bezieht sich ausdrücklich auf beide Geschlechter.
4
Der pädagogische Blick auf die Einstiegssituation einer neuen Lehr-
1Der pädagogische Blick auf die Einstiegssituation einer neuen Lehr- Lerneinheit
„Wie fang ich es bloss an?“ überlege ich intensiv als ich mich in folgender Situation wieder finde: Zu Beginn des ersten Praxissemesters in der Pflegepädagogik stehe ich vor dem Unterricht in einer mir völlig fremden Ausbildungseinrichtung. Die Praxisaufgabe besteht darin eine kleine Einheit mit einem Umfang von sechzehn Stunden im Oberkurs der Gesundheits- und Krankenpflege zu unterrichten. Das Thema lautet: „Pflege von Patienten mit Seh- und Hörbeeinträchtigungen“ Ich stelle schon nach kurzem Nachdenken fest, welche Bedeutung das Thema für den pflegerischen Alltag hat. Denn viele Klienten der Pflege sind Betroffene von Augen- und Ohrenerkrankungen und müssen mit den daraus resultierenden Einschränkungen leben.
Um darauf einzugehen und damit umgehen zu können, hat das Thema für die praktische Tätigkeit in der Pflege eine wichtige Bedeutung. Die Vermittlung von ‚Handlungsfähigkeit im Umgang mit Betroffenen’ als mein Hauptziel des Unterrichts lehnt sich an die These, dass die Handlungsfähigkeit eines Menschen maßgeblich durch das explizite und das implizite Wissen bestimmt ist, an. 2 In der Bedingungsanalyse stellt sich auf Nachfrage bei den Kollegen heraus, dass die Teilnehmer eher still sind und im Unterricht kaum Fragen stellen. Sie beteiligen sich wenig aktiv und schreiben lieber von der Tafel ab.
Bis zum Examen ist es nur noch ein halbes Jahr und ich frage mich: Interessiert sie dieses Thema überhaupt? Können auch sie die Bedeutung für ihr Pflegehandeln erkennen? Inwiefern betrachten die Lernenden selbst die Inhalte als wichtig? Für ihr Examen, für das Erreichen ihres Ausbildungsziels oder für ihre tägliche Arbeit auf der Station? Werden sie
2 vgl. SCHNEIDER/BRINKER-MEYENDRIESCH/SCHNEIDER „Pflegepädagogik. Für Studium und Praxis“ S.90
- 96
5
Der pädagogische Blick auf die Einstiegssituation einer neuen Lehr-
mirüberhaupt zuhören? Das führt mich weiter zu der tiefgründigeren Frage: Wie kann ich herausfinden ob sie das Thema interessiert, und wie kann ich ihnen vermitteln, dass das Thema elementar und wichtig für ihr professionelles Pflegehandeln ist?
„‚Mein Mentor sagte immer, dass man die Schüler dort abholen solle, wo sie stehen. Aber bisher habe ich keinen kennen gelernt, der mir sagen konnte, wo meine Schüler stehen.‘“ 3 Wie lässt sich nun herausfinden, wo Lernende stehen? Und wie kann dieses Wissen, welches der Lehrende auswählt und zur Handlungsgrundlage erklärt, von einem Lernenden erworben werden? Wie kann neues Wissen an Lernende herangetragen werden, damit lernen gewollt wird und überhaupt stattfinden kann?
In der Schweiz wurde gerade eine Studie abgeschlossen, die eine ähnliche Fragestellung aufweist. Die Schweizer stellen hier einen neuen Begriff vor, bzw. fordern die Fähigkeit der ‚adaptiven Lehrkompetenzen’. ‚Adaptiv’ meint genauere Kenntnisse darüber, was Lehrende befähigt, in der jeweiligen Schulsituation unter Berücksichtigung möglichst vieler lernrelevanter Faktoren angemessen zu reagieren. ‚Angemessen’ bedeutet zweierlei: Zum einen soll die Lehrperson flexibel auf die situativen und personellen Faktoren reagieren, so dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler etwas lernen und verstehen. Zum zweiten sollte dies so geschehen, dass die Lernenden aus den Handlungen der Lehrperson heraus gleichzeitig etwas über das Lernen selbst, bzw. Strategien, sich in verschiedenen Situationen selbst zu helfen, etwas lernen. Letzteres ist mit dem Begriff ‚Lern- und Lösungsstrategien’ gemeint. 4
Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass Lernende, die von Lehrenden mit hoher adaptiver Lehrkompetenz unterrichtet werden, mehr lernen.
3 MEYER „Praxisband“ S.132
4 vgl. BECK http://www.phs.unisg.ch/org/phs/phsweb.nsf/SysWebRessources/ Adaptive+Lehrkompetenz/$FILE/AL-Text.pdf S.2
6
Der pädagogische Blick auf die Einstiegssituation einer neuen Lehr-
Daneben wirkt sich diese Fähigkeit besonders in Klassen mit sehr verschiedenen Lernvoraussetzungen positiv aus. Als Kernkompetenzen für Lehrende werden Diagnose, Begleitung und die Beratung von Lernenden gefordert. Der Fähigkeit zur Diagnose fällt besonderes Gewicht zu, wobei die Lehrenden optimal auf die Lernenden abgestimmte Lehr-Lernarrangements gestalten und darin die Rolle von Lernbegleitern und -beratern übernehmen sollen. 5
1.1 Der pädagogische Blick
Zunächst einmal muss festgestellt werden, dass es für Lehrende verschiedene Perspektiven und Sichtweisen auf den Unterricht und die Lernenden gibt. Aus diesen Perspektiven heraus resultiert wiederum ein entsprechendes Handeln. Die unterschiedlichen Perspektiven basieren auf den unterschiedlichen erziehungswissenschaftlichen Theorien und äußern sich durch verschiedene Aspekte 6 :
Fähigkeit der Autonomie des Menschen
Vermeidung von ungerechtfertigter Machtausübung
Effizienz und Effektivität pädagogischer Maßnahmen
Befindlichkeit des zu Bildenden
Beziehungsgefüge zwischen zu Bildenden und Pädagogen
Gestaltung der Lernumgebung
Annahmen zur Entwicklung eines Menschen im Hinblick auf ein
gesinnungshaft definiertes Menschenbild
Der Terminus ;pädagogischer Blick’ stellt „[…] nicht allein eine modische Attitüde dar, sondern [ist] Indiz für das Bedürfnis, sich mit Hilfe bestimmter
5 vgl. VOGT
http://www.phs.unisg.ch/org/phs/phsweb.nsf/SysWebRessources/handout_al_Abschluss/$FILE/al_abschluss_ beteiligte_handout.pdf S.4; BECK http://www.phs.unisg.ch/org/phs/phsweb.nsf/SysWebRessources/ Adaptive+Lehrkompetenz/$FILE/AL-Text.pdf S.2 - 6
6 vgl. HEFFELS „Pädagogisch Denken, Sehen, Handeln“ S.14
7
Der pädagogische Blick auf die Einstiegssituation einer neuen Lehr-
Konzepte Orientierungen und Übersichten zu verschaffen und die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu klären. Dies liegt sicher im Interesse von Pädagogen, die, wenn sie handeln, jeweils Rechenschaft darüber abgeben müssen, warum sie so handeln, wie sie handeln.“ 7
Lehrende handeln, wenn sie ihren Unterricht planen und daraufhin durchführen. Die hier behandelte Fragestellung nach der Situation der Schüler und der Attraktivität des zu lehrenden und zu lernenden Themas ist durch die oben genannten Perspektiven des Lehrenden geprägt. Der Fokus liegt auf der Gestaltung des Beginns einer neuen Lehr- Lerneinheit.
HEFFELS beschreibt diesen Fokus als den pädagogischen Blick: „Der Pädagoge erfasst durch seinen pädagogischen Blick das zu Fördernde, das Herauszubildende, das zu Entwickelnde oder dasjenige, was durch sein Handeln beim zu Bildenden Verhalten ändern oder abstellen soll, oder diesen zum Überdenken oder Veränderung von Wertungen veranlassen soll.“ 8 Nach dieser Definition wird deutlich, dass der pädagogische Blick weit mehr meint, als sich darüber Gedanken zu machen ob das Thema für den Lernenden interessant ist.
Der pädagogische Blick hat eine deutlichere Reichweite, stellt sozusagen die „Tiefenschärfe“ dar. Pädagogisch zu blicken bedeutet, das zu Fördernde, Herauszubildende und zu Entwickelnde zu erfassen. Es geht also um einen aktiven Wahrnehmungsprozess der Lehrenden. Das Wort ‚Blick’ drückt ein kurzes hinsehen oder auch schauen aus. Ursprünglich bedeutete der Begriff ‚Blitz’ oder ‚Blick der Augen’. Jedoch lässt sich der Ursprung bis auf die Bedeutung ‚glänzen’, ‚leuchten’ oder auch ‚heller Lichtstrahl’ zurückführen. 9 Im gegebenen Fall wirft der pädagogische Blick sozusagen einen Lichtstrahl auf die Situation und den Lernprozess der Lernenden zu Beginn einer neuen Lehr-Lerneinheit.
7 POPP „Kommunikative Didaktik“ S.23
8 HEFFELS „Pädagogisch Denken, Sehen, Handeln“ S.17
9 vgl. DROSDOWSKI „Duden Herkunftswörterbuch. Etymologie“ S.87
8
Der pädagogische Blick auf die Einstiegssituation einer neuen Lehr-
‚Pädagogisch Blicken’ ist ein aktiver Prozess, der das pädagogische Handeln angesichts der Situation initiiert. „Das pädagogische Handeln nimmt mithin seinen Ausgangspunkt mit dem pädagogischen Blick, mit dem der Pädagoge aufgrund seiner Professionalität für sich bestimmen muss, was von ihm als lern- oder förderungsnotwendig angesehen wird und in durch ihn zu initiierende Lernprozesse einfließen soll.“ 10 Es handelt sich also um einen Bestimmungs-Prozess. Das, was dort wahrgenommen wird, beeinflusst die Entscheidung, wie zu Handeln ist und orientiert sich dabei am Lernenden. 11
Auf diese Weise wird die Zweiseitigkeit und damit Dynamik des Begriffs deutlich. Der pädagogische Blick
1. leitet die Aufmerksamkeit auf den Lernenden und dessen Lernprozesse.
2. gibt dem Lehrenden daraufhin Orientierung und Ausrichtung fürs sein konkretes pädagogisches Handeln.
Diese Dynamik des Begriffs findet sich im Unterrichtsprozess wieder und offenbart dort das Potential des pädagogischen Blickes.
Die Handlung des Lehrenden steht also durch den pädagogischen Blick immer in Beziehung zur gegebenen Situation und orientiert das Handeln an der Wahrnehmung aber auch der persönlichen Perspektive des Lehrenden. Um nun einen Kontakt zum Lernenden herzustellen, braucht es die Fähigkeit herauszufinden, wo der Lernenden steht, und methodische Konzepte um einen Anschluss herzustellen.
10 HEFFELS „Pädagogisch Denken, Sehen, Handeln“ S.17
11 vgl. HEFFELS „Pädagogisch Denken, Sehen, Handeln“ S.17
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Arbeit zitieren:
Mareike Hümmerich, 2008, Der pädagogische Blick zu Beginn einer neuen Lehr-Lerneinheit, München, GRIN Verlag GmbH
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