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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Tourismus als ethnologisches Forschungsfeld 9
2.1 Definitionen von Tourismus 11
2.1.1 Die verschiedenen Reiseformen 13
2.2 Anforderungen an eine ethnologische Tourismusforschung 15
3 Tourismus und seine kulturellen Auswirkungen. 16
3.1 Kontaktebenen des Tourismus 16
3.2 Reaktionen der Gastgeber auf die Touristen 17
3.2.1.1 Demonstrationseffekt 19
3.2.1.2 Imitationseffekt 19
3.2.1.3 Akkulturation. 20
3.2.2 Veränderungen in der Sozialstruktur 21
3.3 Kommerzialisierung von Kultur 21
3.3.1 Tourist Art. 24
3.4 Die Rolle von Stereotypen im Tourismusgeschäft 25
3.5 Das Problem der Authentizität im Tourismus 26
3.5.1 Das Konzept der „staged authenticity“ 27
4 Tourismus in Peru und Cusco. 30
4.1 Das touristische Angebot Perus 32
4.1.1 Exkurs: Tourismus in Südamerika 33
4.2 Cusco als Touristenziel. 34
4.2.1 Die Geschichte des Tourismus in Cusco. 35
4.2.2 Die verschiedenen Angebote 36
4.2.3 Das touristische Publikum Cuscos 39
4.3 Tourismusinduzierte Probleme im sozial-ökonomischen
Bereich 40
5 Incanismo und Re-Indianisierung in Cusco. 45
5.1 Der Incanismo. 46
5.2 Die Re-Indianisierung. 48
5.3 Lo inca versus lo indio. 50
5.4 Die Inszenierung von Indianität. 52
5.4.1 Die indigene Bevölkerung in der Rolle der tourees 53
5.4.2 Die Mestizen als Vermittler zwischen tourees und Touristen 54
5.4.3 Die Vertreter des Staates als Protagonisten der
Re -Indianisierung. 56
5.4.4 Das Stadtbild Cuscos als Kulisse für den Tourismus 60
2
6 Veränderungen andiner Traditionen und Konzepte
f ür den Tourismus 63
6.1 Das historische Bild der Inka im Spiegel des Tourismus 64
6.2 Neuerfundene raymis als Beispiele für eine „emergent
authenticity “? 66
6.2.1 Das Inti Raymi in Cusco 67
6.2.2 Das K’intu Raymi in Wasao 68
6.3 Der turismo místico. 71
6.3.1 Traditionelle paqos im Tourismusgeschäft 73
6.3.1.1 Aufgaben eines paqo 73
6.3.1.2 Ein despacho-Ritual mit einer Touristengruppe 76
6.3.2 Neoschamanen 79
6.3.2.1 Eine „shamanistic session“ in Cusco. 80
6.4 Die Frage nach der Authentizität. 82
7 Schlussbetrachtung 84
8 Anhang 88
8.1 Karten 88
8.2 Statistik. 89
8.3 Abbildungen. 90
8.4 Verzeichnis der Karten, Statistik und Abbildungen 97
9 Literaturverzeichnis 99
1 Einleitung
Tourismus, die sogenannte „Industrie ohne Schornsteine“, beschäftigt weltweit direkt oder indirekt mehrere Millionen Menschen. Viele Staaten sind wirtschaftlich fast gänzlich von den Einkünften aus der Tourismusindustrie abhängig. Vor
allem die sogenannten Entwicklungsländer 1 sind in besonderem Maße auf die ausländischen Devisen der Touristen 2 angewiesen. Doch der Fremdenverkehr 3 hat nicht nur Einfluss auf die wirtschaftliche Situation, sondern teils auch starke Auswirkungen auf die Kultur der Reiseländer, die neben landschaftlichen oder historischen Besonderheiten als touristische Attraktion vermarktet wird. Bei der Betrachtung von Reisebeschreibungen und -prospekten wird deutlich, dass das Land Peru in erster Linie mit Bildern von archäologischen Orten wie Machu Picchu und der heutigen indianischen Andenbevölkerung repräsentiert wird. Die große kulturelle und landschaftliche Diversität findet in der Tourismuswerbung kaum Beachtung, sondern das Reiseland Peru wird auf wenige Merkmale reduziert, die sich schließlich als stereotype Vorstellungen über Land und Leute festsetzen. Folglich erwarten Peru-Reisende, dass sie diese typischen Bilder vor Ort wiederfinden, und spätestens hier setzt in den Reisegebieten eine Manipulation des touristischen Umfeldes ein. Denn von den Tourismusplanern werden verschiedene Strategien angewendet, um die Erwartungen der Reisegäste zu befriedigen und damit die Attraktivität des Landes zu untermauern. Zahlreiche Studien belegen, wie in den Reisezielen die Anpassung an die touristischen Bedürfnisse vonstatten geht. In erster Linie kommt es im infrastrukturellen Sektor beispielsweise durch den Hotel- und Straßenbau zu Umgestaltungen, aber der Fremdenverkehr zieht vor allem eine mehr oder weniger starke Veränderung des Kulturguts im Gastland nach sich. Bestimmte kulturelle Eigenheiten der Zielregion wie Tanzaufführungen oder Kunsthandwerk werden im Rahmen einer touristischen Erschließung bewusst zur Touristenattraktion umgestaltet und vermarktet.
fehlender überzeugender Alternativen beibehalten werden.
Diese Arbeit hat zum Thema, inwieweit sich die Prozesse der touristischen Anpassung auf kultureller Ebene in Cusco finden lassen. Durch seine Geschichte als ehemalige Hauptstadt des Inka-Reiches und Ausgangsort für den Besuch der weltweit bekannten Inka-Anlage Machu Picchu ist die Stadt das Zentrum des peruanischen Fremdenverkehrs geworden. Mehr als die Hälfte aller Peru-Reisenden besuchen Cusco und die Präsenz internationaler Gäste nimmt immer mehr Einfluss auf die Stadt und ihre Bewohner. Dabei fällt auf, dass sich gleichzeitig zur zunehmenden Orientierung auf die Touristen und ihre Interessen die Lokalbevölkerung erneut mit dem inkaischen Erbe und der gegenwärtigen indianischen Kultur befassen. Diese Rückbesinnung auf andine Traditionen ist in Cusco zwar kein unbekanntes Phänomen und zeigt sich bis heute im Indigenismo bzw. Incanismo, jedoch kann der Prozess der Re-Indianisierung, also der Versuch, die indianische Kultur in ihrer vergangenen oder gegenwärtigen Ausdrucksform mit einem bestimmten Ziel wieder aufzugreifen, in einer Wechselbeziehung zum Tourismus gesehen werden. Dabei stellt sich die Frage, wie und unter welchen Gesichtspunkten die andinen Traditionen im Tourismusgeschäft aufgenommen werden bzw. welche Bezüge sich eventuell zu einer allgemeinen, unabhängig vom Tourismus stattfindenden Auseinandersetzung mit der andinen Kultur in Cusco ziehen lassen.
Die Ethnologie beschäftigt sich seit nunmehr drei Jahrzehnten mit dem Tourismus bzw. mit den Auswirkungen desselben auf die Kulturen der Reiseländer. Aber erst in den letzten Jahren wurde von einer Verteufelung des Tourismus als Auslöser von Kulturwandel vor allem bei indigenen Völkern, wie De Kadt 1979 oder May 1985 in ihren Arbeiten vertreten, Abstand genommen. Neuere Studien ergeben, dass der Reiseverkehr nicht als einziger Grund für die Modernisierung bzw. Globalisierung indigener Kulturen zu betrachten ist, sondern dass er in manchen Fällen sogar eine gegenläufige Entwicklung hervorruft. Denn unter Umständen löst das touristische Interesse sogar eine Revitalisierungsbewegung bestimmter Kulturmerkmale aus; sozusagen als Gegenreaktion auf die Touristen und ihre mitgebrachte Kultur (vgl. unter anderem MacKean 1989, Friedman 1992).
Über den Tourismus in Lateinamerika gibt es bisher wenig ethnologische Ar- beiten, obwohl der internationale Reiseverkehr in dieser Region stetig zunimmt.
Vielmehr wurden allgemein gefasste Untersuchungen über den Einfluss des Tourismus auf indigene Gruppen in aller Welt verfasst (Dworschak 1994, Butler/ Hinch 1996). Auch in jüngerer Zeit wurde zu dieser Fragestellung speziell am Beispiel südamerikanischer Länder kaum publiziert, außer einem Sammelband von Santana (2000), der aber überwiegend ökonomische und geografische Themen innerhalb des Südamerika-Tourismus behandelt. Deshalb greife ich zusätzlich auf Studien zurück, die den touristischen Prozess in anderen Reisegebieten erörtern, z. B. in Kenia (Bruner 2001) oder in Ländern der Karibik und Südsee (Dworschak 1994, Kahrmann 1995), um aus den verschiedenen Resultaten Rückschlüsse zu meinem Thema zu ziehen. Entsprechend wenig ist über die Situation des Tourismus in Peru im Zusammenhang mit seinen kulturellen Auswirkungen zu finden. Neben einigen geographischen Untersuchungen aus den 1980er Jahren (Jurczek 1985, Gormsen 1987) wurden hauptsächlich wirtschaftswissenschaftliche Studien von peruanischen Wissenschaftlern erstellt, wie der Tourismussektor in Peru weiter gefördert werden könnte (Aguilar Vidangos / Hinojosa Valencia 1992). Einige peruanische Autoren prangerten die soziokulturellen Negativfolgen des Tourismus in Peru an (Lovón Zavala 1982), doch erst mit dem aufkommenden Ethnotourismus, der mit dem Besuch von indigenen Gruppen in abgelegenen Gebieten, vor allem im Tiefland, seinen Anfang nahm, wurde die Problematik des Kulturkontaktes und seine Folgen für die indigene Bevölkerung aufgegriffen (Seiler-Baldinger 1988). Allerdings fand diese Thematik auf die andinen Gebiete übertragen nur selten Interesse innerhalb der Ethnologie, und die wenigen Untersuchungen beschränken sich hauptsächlich auf die typischen Reiseziele Perus wie Cusco, Puno bzw. auf den Titicaca-See (Flores Ochoa 1996, 1999, Dransart 2000). Van den Berghe war der Erste, der sich 1980 mit dem (Ethno-) Tourismus in Cusco auseinander setzte und die verschiedenen, miteinander agierenden ethnischen Gruppen aufschlüsselte und analysierte. 1994 erstellte er eine ähnliche, aber umfassendere Studie über die Rolle der Chamula-Indianer im Tourismus von San Cristóbal de las Casas in Mexiko, und er stellte dar, wie durch den Ethnotourismus der indianischen Kultur eine geänderte Auffassung und Wertung seitens der lokalen, nicht-indianischen Bevölkerung entge- gengebracht wird.
Flores Ochoa brachte 1996 mit seinem Artikel über den Esoteriktourismus in Cusco die jüngsten Entwicklungen des Tourismus und daraus resultierende Einflüsse auf die andine Kultur erstmals international zur Sprache. Daraufhin folgten weitere Studien von Flores Ochoa und van den Berghe (1999, 2000), die sich nun speziell mit den Zusammenhängen zwischen dem Tourismus und einer Rückbesinnung auf die inkaische Kultur in Cusco beschäftigen. In Anlehnung an diese Ergebnisse habe ich mir das Ziel gesetzt, darzustellen und zu analysieren, auf welche Art sich Wechselwirkungen zwischen dem Tourismus und den Prozessen einer Wiederbelebung andiner Traditionen in Cusco zeigen. Dabei möchte ich vor allem berücksichtigen, ob durch die touristische Interaktion Veränderungen in der gegenwärtigen indianischen Tradition hervorgerufen werden und wie sich diese ausprägen.
Aufgrund mangelnder Sekundärliteratur unternahm ich von Februar bis April 2001 eine Feldstudie in Cusco, um dort Material für die Ausarbeitung meiner Fragestellung zu sammeln. In erster Linie führte ich vor Ort Interviews mit Per-
sonen, die im Tourismusgeschäft tätig sind 4 und natürlich mit Touristen selbst. Die Interviews, die ich als freie Konversation gestaltete, wurden, sofern ich von den Interviewpartnern dazu die Erlaubnis hatte, auf Kassette aufgenommen und meist sofort danach transkribiert oder, falls keine Aufnahme möglich war, während bzw. direkt nach dem Gespräch schriftlich notiert. Die Auswahl meiner Gesprächspartner war meist zufälliger Natur. So habe ich im Fall der Touristen Personen angesprochen, die ich durch ihre äußere Erscheinung bzw. ihr Verhalten als Touristen identifizieren konnte; mit Reiseleitern und anderen Personen, die im Tourismussektor arbeiten, vereinbarte ich Termine. In einigen Fällen traf ich manche Interviewpartner mehrmals, um neu aufgeworfene Fragen zu klären und meine Ergebnisse zu verifizieren. Von besonderer Bedeutung war bei meiner Untersuchung vor allem die teilnehmende Beobachtung. Nicht nur im auf die Touristen ausgerichteten Stadtbild, sondern auch während geführter Stadtrundfahren und Ausflügen ins Umland, an denen ich teilnahm, wurde deut-
schenTouristenbüro, Angestellte im Restaurant- und Hotelbereich, Mitarbeiter der nationalen Tourismusbehörde PromPerú, Universitätsdozenten der Tourismusfakultät und außerdem Hei- ler und sog. Neoschamanen, die Kontakte zu Touristen pflegen.
lich, welches Bild von Cusco für die Touristen interessant ist bzw. ihnen im Tourismusgeschäft verkauft wird.
Um mich dem Thema zu nähern, habe ich mich mit allgemeinen Theorien der Tourismusforschung in der Ethnologie auseinandergesetzt und die für meine Arbeit relevanten Ergebnisse im ersten Kapitel aufgeführt. Dabei habe ich mich eingangs mit den verschiedenen Definitionen von Tourismus beschäftigt, die in den Anfängen der ethnologischen Tourismusforschung zur Diskussion standen. In diesem Zusammenhang ist von Bedeutung, wie die Reiseform Einfluss auf die Kontaktsituation zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Touristen nimmt, da sich bei einer touristischen Interaktion verschiedene Begeg-nungsformen zwischen Touristen und Einheimischen entwickeln können. Auch die Reaktionsprozesse der gastgebenden Bevölkerung auf die Touristenkultur fallen aufgrund verschiedener Faktoren sehr unterschiedlich aus. Einerseits kann sich eine Abwehrhaltung gegenüber dem Tourismus, andererseits auch eine Begrüßung der tourismusinduzierten Modifikationen einstellen. Von besonderem Interesse sind für ethnologische Untersuchungen die Einflüsse des Tourismus auf die Gesellschaft der Zielregion und die daraus resultierenden Veränderungen im kulturellen Sektor, womit sich das dritte Kapitel der vorliegenden Arbeit beschäftigt. Durch den meist von Stereotypen und sozialen Ungleichheiten geprägten Kontakt zwischen Besuchern und Einheimischen kann es zu verschiedenen Anpassungsprozessen seitens der Gastgeber kommen. In vielen Fällen wird ein kultureller Wandel angeregt und die Orientierung an touristischen Interessen führt oft zu einer Kommerzialisierung der einheimischen Kultur. Dabei stellt sich die Frage nach der Authentizität im Tourismusgeschäft, die im letzten Kapitel nochmals aufgegriffen wird. Anhand statistischer Daten der nationalen Tourismusbehörde PromPerú werde ich im vierten Kapitel die Bedeutung des internationalen Reiseverkehrs für Peru illustrieren. Dabei gehe ich auf die verschiedenen Tourismusangebote des Landes bzw. der Stadt Cusco ein und werde u. a. erörtern, welche Probleme sich aus dem Fremdenverkehr für die einheimische Bevölkerung ergeben. Im fünften Kapitel möchte ich das Phänomen der Re-Indianisierung erklären und vom Incanismo, eine auf die Inka beschränkte Form des Indigenismo, der in Cusco eine wichtige Rolle spielt, abgrenzen. Dafür werde ich beide Begriffe definieren
und schließlich die Re-Indianisierung und seine Akteure in Cusco an konkreten Beispielen darstellen. In diesem Kontext ist die zentrale Frage, wie die andine Kultur durch den Tourismus manipuliert wird. Dies werde ich im letzten Kapitel anhand einiger Fallbeispiele einer tourismusinduzierten Veränderung der andinen Kultur exemplarisch verdeutlichen, die zum Teil auch Bezüge zu einer allgemein stattfindenden Rückbesinnung auf die lokale Kultur in Cusco aufweisen. Dabei wird sich zeigen, inwieweit die von den Einheimischen und vom Tourismusmarketing an die fremden Besucher vermittelten Inhalte selektiert und auch konstruiert werden, um ein möglichst interessantes und dadurch marktfähiges Image der Stadt Cusco zu gestalten.
Die vorliegende Arbeit verfolgt in diesem Kontext zwei Ziele: Zunächst gilt es, die kulturellen Konsequenzen des Tourismus allgemein darzustellen, wie sie in der ethnologischen Tourismusforschung Betrachtung finden. Darauf aufbauend werden am Beispiel von Cusco die aus dem Tourismus resultierenden Veränderungen und Anpassungen der lokalen Kultur nachgezeichnet, die teilweise in einem wechselseitigen Verhältnis zu einer erneuten Befassung mit der andinen Kultur stehen.
2 Tourismus als ethnologisches Forschungsfeld
An dieser Stelle wird ein kurzer Überblick über die Entwicklung und den For-schungsstand in der ethnologischen Tourismusforschung gegeben. Dabei möchte ich die verschiedenen Definitionen und Arten von Tourismus besprechen und nachzeichnen, wie sich die Haltung der Ethnologen gegenüber dem Fremdenverkehr gewandelt hat.
Obwohl der Tourismus mit den „schönsten Wochen des Jahres“ in Verbindung gebracht wird, haftet dem Begriff auch ein negatives Image an. Neben ersten Assoziationen wie Urlaub und Erholung drängen sich Gedanken an Umweltzerstörung, überfüllte Strände oder Touristenmassen auf. Deshalb bezeichnen sich auch viele Reisende selbst nicht gerne als Touristen, wie Fischer bei seiner Studie auf Samoa feststellen musste. Auf seine Frage: „Sind Sie Tourist?“ erhielt er von den dortigen Touristen sehr unterschiedliche und teilweise ausweichende Antworten. Die wenigsten wollten mit einem klaren „Ja“ antworten, sondern erklärten beispielsweise:
„Nein, ich bezeichne mich nicht als so was. Wenn man mich hier fragt, dann würde ich zwar ja sagen, weil es so schwierig ist zu erklären. Es gibt noch ein anderes Wort, ‚Reisende’ oder ‚Travellers’. Das würde ich schon eher sagen.“ (Fischer 1984: 45).
Beschimpfungen von Touristen und eine Ablehnungshaltung gegenüber dem Fremdenverkehr finden sich zahlreich in den Medien. Auch in wissenschaftlichen Abhandlungen, die sich mit den kulturellen, ökonomischen oder sozialen Auswirkungen des Tourismus auseinandersetzen, überwiegen Kritik und Ablehnung. Besonders in den Anfängen der ethnologischen Tourismusforschung wurde der Reiseverkehr als unheilbringendes Massenphänomen betrachtet, das authentische Kulturen und überlieferte Traditionen vernichtet (vgl. De Kadt 1979, Wahrlich 1984, May 1985). Ethnologen stellten sich auf die Seite der „Bereisten“ und versuchten, deren ursprüngliche Kultur vor der „Verderbung“ durch den Tourismus zu schützen. Nash (1989) bezeichnete den Tourismus sogar als „a form of imperialism“, der die gastgebende Gesellschaft tiefgreifend verändert und ausnützt:
„The tourist, like the trader, the employer, the conqueror, the governor, the educator, or the missionary, is seen as the agent of contact between cultures and, directly or indirectly, the cause of change particularly in the less developed regions of the world.” (Nash 1989: 37).
Die darin implizierte Opferrolle der Bewohner in den Reisezielen ist aber keineswegs ohne weiteres haltbar, da die Betroffenen selbst ganz anders mit
den Einflüssen aus anderen Kulturen umgehen 5 und außerdem den Tourismus als wichtigen Entwicklungsfaktor und als Übermittler modernisierender Ideen betrachten.
Eine grundlegend negative Einstellung gegenüber dem Tourismus war auch die Ursache für die relativ spät aufkommende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Wirtschaftswissenschaften zeigten zwar schon früh Interesse am Fremdenverkehr, der bis heute einer der weltweit größten Wirt-schaftsfaktoren darstellt 6 , aber sozialwissenschaftliche Disziplinen wie die Soziologie, Psychologie und auch die Ethnologie befassten sich erst seit den späten 1970er Jahren mit der Untersuchung des Tourismus. Sicherlich spielt dabei auch eine Rolle, dass die klassische ethnologische Forschungsaufgabe, nämlich die Ethnographie einer „traditionellen Gesellschaft“, im Tourismus nicht als gegeben gesehen, sondern der Tourismus eher als Störfaktor in der Erstellung dessen empfunden wurde (Kahrmann 1995: 8ff).
Im Bereich der Ethnologie stieg die Zahl der Feldforschungen in den Entwicklungsländern parallel mit der Zunahme des Reiseverkehrs in diesen Gebieten, und heute ist die ethnologische Literatur über Tourismus kaum mehr zu überblicken. Dabei ist festzustellen, dass insbesondere neuere Studien den Tourismus als ein System von interkulturellen Beziehungen auffassen, dessen Verflechtungen auf globaler Ebene berücksichtigt werden müssen. Diese sich ändernde Wahrnehmung des Fremdenverkehrs in der Ethnologie lässt sich auch anhand der verschiedenen Definitionen von Tourismus erkennen, die im Folgenden dargestellt werden.
Dienstleistungsbereich und beschäftigt weltweit mehr als 100 Millionen Menschen (Hennig 1999: 149).
2.1 Definitionen von Tourismus
Eine erste Begriffsbestimmung von Tourismus und Touristen stammt von Smith, die 1977 mit ihrem Sammelband „Hosts and guests: The anthropology of tourism“ eines der ersten und meist zitiertesten Werke über die ethnologische Tou-rismusforschung herausgegeben hat. Sie definiert einen Touristen als: „[…] a temporary leisured person who voluntarily visits a place away from home for the purpose of experiencing a change.“ (Smith 1989²: 1).
Graburn übernimmt größtenteils die Definition von Smith und vergleicht die Beweggründe für das Verreisen in fremde Länder mit religiösen Strukturen: „Tourism: A sacred journey“ (Graburn 1989: 21). Seiner Ansicht nach ist Tourismus eine notwendige Flucht aus dem Alltag und fällt somit in die gleiche Kategorie wie Spiel oder Ritual, die ebenfalls die alltägliche Normalität innerhalb einer gesellschaftlich festgelegten Struktur unterbrechen. Wie bei rituellen Handlungen ist auch die Dauer einer Reise begrenzt und stellt im Gegensatz zum alltäglichen Leben eine außergewöhnliche Situation dar (Ibid.: 11). In ähnlicher Weise argumentiert der Soziologe MacCannell, der das Reisen und hier besonders das „sightseeing“ als „modern ritual“ bezeichnet. Vergleichbar mit einer Pilgerreise werden hier nicht Andachtsorte für eine religiöse Verehrung aufgesucht, sondern die Sehenswürdigkeiten in einen fast religiösen Status erhoben („sight sacralization“) (MacCannell 1989: 43). Nash löste 1981 mit seinem Artikel „Tourism as an anthropological subject“ eine breite Diskussion über die Notwendigkeit einer ethnologischen Tourismusforschung aus. Er versuchte, die Auswirkungen des Fremdenverkehrs auf das soziokulturelle System der Gastgesellschaft zu analysieren, und reduzierte die Tourismusdefinition auf Folgendes: „Where travel and leisure intersect, tourists and tourism are produced.“ (1981: 462). Da Tourismus eine Reise voraussetzt, kommt es zum übergreifenden und interkulturellen Kontakt, und die daraus ent-
stehenden sozialen Handlungen zwischen Gastgebern 7 und Gästen sind seiner Meinung nach der Kern des touristischen Interaktionssystems, der mit ethnologischen Arbeitsmethoden analysiert werden muss (Nash 1996: 84). In neueren Publikationen wird meist auf die Definition der weltweit agierenden und größten Tourismusorganisation, die World Tourism Organization (WTO), Bezug genommen, die den Tourismus folgendermaßen umschreibt: „Tourism is defined as the activities of persons travelling to and staying in places outside their usual environment for not more than one consecutive year for leisure, business and other purposes not related to the exercise
of an activity remunerated from within the place visited.“ 8
Zusammenfassend lassen sich die Hauptmerkmale des Tourismus also wie folgt benennen:
1. die räumliche Entfernung vom eigentlichen Wohnort, 2. eine zeitliche Begrenztheit des Aufenthaltes, 3. dadurch eine Veränderung der sozialen, alltäglichen Situation, 4. keine Ausübung einer (bezahlten) Tätigkeit.
Die Vielzahl der unterschiedlichen Ansätze in der Begriffsdefinition zeigt, dass eine allgemein gültige Definition von Tourismus kaum möglich ist. Sicherlich dient es auch nicht der Sache, eine starre Definition zu propagieren, die be-stimmte Reiseformen aus- bzw. einschließt 9 , da Reisen an sich in sehr vielen unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen zu finden ist und auch stets der sozialpolitische Kontext miteinbezogen werden muss. In neueren Studien der ethnologischen Tourismusforschung wird vielmehr versucht, anhand konkreter Beispiele die Interaktion zwischen Touristen und Einheimischen aufzuschlüsseln und tourismusinduzierte Wandlungsprozesse aufzuzeigen. Aus diesen
Zielländern in das Tourismusgeschäft eingebunden sind (z. B. Angestellte im Dienstleistungsbereich) oder die sonst in Kontakt zu den Touristen stehen, und Gäste für die Touristen, werde ich in dieser Form beibehalten, obwohl sie nicht in ihrem ursprünglichen Sinne zu verstehen sind. Denn der im touristischen Rahmen stattfindende Kontakt beruht auf einer kommerziellen Ebene und nicht mehr auf dem allgemeinen Verständnis von Gastfreundschaft, auch wenn weiterhin in Reiseprospekten mit „friendliness of the natives“ geworben wird (Burns 2000: 99).
Geschäftsreise unter dem Begriff Tourismus eingeordnet werden kann oder nicht (Eugster 1984: 19).
Ergebnissen werden im Idealfall in Zusammenarbeit mit Tourismusplanern für die Erschließung neuer Ferienregionen geänderte Grundsätze bzw. alternative Reiseformen erstellt, um mögliche Negativfolgen des Tourismus gering zu halten. Inzwischen gibt es weltweit Programme unter dem Schlagwort sustainable tourism, die versuchen, den Tourismus auf die Bedürfnisse der Einheimischen anzupassen sowie ökologische Schäden gering zu halten. 10 Vor allem wird angestrebt, dass indigene Bevölkerungsgruppen mehr Mitspracherecht und Kontrollmöglichkeiten über den sie betreffenden Tourismus erhalten (vgl. Butler/ Hinch 1996).
2.1.1 Die verschiedenen Reiseformen
Die Tourismusforschung befasst sich mit einer Vielfalt von Tourismusarten, die entsprechend ihres Wesensgehaltes unterschiedliche Menschen ansprechen. Nicht nur Alter, Geschlecht, soziale und nationale Herkunft sind bei der Wahl der Reiseform ausschlaggebend, sondern auch persönliche Präferenzen. Da zudem jeder Tourist je nach Zweck und Ziel seiner Reise sein Verhalten ändert, ist eine kategorische Typologisierung der diversen Tourismusformen, wie sie die Reisebranche oder Wissenschaft erstellt hat, kritisch zu betrachten (Burns 2000: 44). Dennoch werden in der folgenden Übersicht verschiedene Tourismustypen differenziert, um deutlich zu machen, dass der Begriff Tourismus eine Vielzahl von Reiseformen und Kontaktsituationen zusammenfasst, die ihrerseits unterschiedliche Erwartungshaltungen der Reisenden beinhalten und in jeweils anderer Art und Weise auf die Gastgesellschaft wirken. In Anlehnung an Smith (1989: 4ff) werden in der unten angeführten Tabelle fünf Hauptrichtungen des Tourismus unterschieden, deren Grenzen aber fließend sind: Erholungstourismus, Öko- und Sporttourismus, Ethnotourismus und Historischer oder Kulturtourismus. Es kommt dabei nicht auf die Vollständigkeit der Übersicht an, wichtig ist hier vielmehr das Aufzeichnen der unterschiedlichen Reiseformen und -Motivationen sowie die daraus resultierende Ausprägung eines Kontaktes zwischen Einheimischen und Reisenden.
des Ökotourismus“ erklärt.
2.2 Anforderungen an eine ethnologische Tourismusforschung
Tourismus ist ein komplexes System, das nicht vom politischen, ökologischen, ökonomischen oder sozialen Hintergrund getrennt werden kann. Deshalb ist eine multidisziplinäre Herangehensweise vonnöten, um Einflüsse zu berücksichtigen, die den Kontakt zwischen Touristen und Einheimischen bestimmen (Burns 2000: 34).
Der Fremdenverkehr sollte auch im Rahmen des gegenwärtig zunehmenden Globalisierungsprozesses betrachtet werden. Denn nicht nur nationale und natürlich lokale politische und ökonomische Prozesse nehmen Einfluss auf die Situation des Tourismus eines Ziellandes, sondern auch Entscheidungen auf Makroebene haben Konsequenzen in den Reisezielen, wie bereits Nash 1981 folgerte:
„[…] this touristic process may evolve into a touristic system which itself can be embedded in some broader social context. Those who focus on one aspect of this system will be wise to keep in mind the larger contexts of which it is a part.” (Nash 1981: 462, Hervorhebung im Original).
Die Rolle der Ethnologie ist hier, die (möglichen) kulturellen Veränderungen durch den Tourismus und vor allem die unterschiedlichen Reaktions- und Interaktionsprozesse der gastgebenden Kulturen und Gesellschaften aufzuzeigen. 11 Denn schon bei der Planung von Tourismusprojekten müssen diese Aspekte und die Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung berücksichtigt werden, um die Einflüsse des Tourismus auf die lokale Gesellschaft abzuschätzen bzw. möglichst gering zu halten. 12 Dies kann z. B. dadurch geschehen, dass bereits im Voraus kulturelle Zusammenhänge in den Zielgebeiten erörtert werden und die Bevölkerung im Zielgebiet - wie auch später die Reisenden - informiert werden, wie ein respektvoller Umgang zwischen den „fremden“ Kulturen aussehen kann.
der Ziel- sowie der Quellländer aussehen kann.
rung ein zentrales Anliegen. Vgl. Vorlaufer 1996 u. a.
3 Tourismus und seine kulturellen Auswirkungen
Zunehmende grenzüberschreitende Mobilität durch Migration, Handelsbeziehungen und Tourismus schafft großen Raum für interkulturelle Kontakte. An dieser Stelle werden die Auswirkungen des Tourismus auf die Kulturen der Zielländer erläutert, die in den meisten Fällen eine Anpassung der gastgebenden Gesellschaft an die touristischen Bedürfnisse nach sich ziehen. Die Mehrzahl der hier berücksichtigten ethnologischen Studien beziehen sich auf den Tourismus in Entwicklungsländern. Zwar sind die Zielgebiete der meisten Urlaubsreisen noch immer Europa und Nordamerika, die gleichzeitig auch die Hauptquellgebiete der Auslandsreisenden sind, doch nehmen die Reisen in Entwicklungsländer beständig zu (Hennig 1997: 149). Demgemäss sind die sozialen wie kulturellen Unterschiede zwischen Reisenden und „Bereisten“ auffälliger, und, abgesehen von meist positiven ökonomischen Auswirkungen für die Empfänger-Länder, findet durch den Tourismus ein ungleicher Begegnungsprozess auf kultureller Ebene statt. Die Präsenz westlicher Touristen übt in den Entwicklungsländern aufgrund ihrer ökonomischen und politischen Überlegenheit gegenüber dem Großteil der Gastgeber einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf deren Lebensweise und Selbstkonzeption aus. Der Tourismus kann als einer der größten Kanäle für die Modernisierung und Globalisierung der weniger industrialisierten Länder bezeichnet werden, da durch den direkten, persönlichen Kontakt zwischen den Trägern verschiedener Lebensweisen die Begegnung mit dem kulturell Fremden eine weitaus stärkere persönliche Wirkung hat als beispielsweise die durch Medien übermittelten Bilder und Werte (Burns 2000: 94).
3.1 Kontaktebenen des Tourismus
Bei der Beschäftigung mit der touristischen Interaktion verschiedener Kulturträger ist zu beachten, dass sowohl die Reisenden als auch die Bevölkerung des Reiselandes innerhalb des Tourismus nur einen Teilaspekt ihrer Kultur widerspiegeln und ihr Verhalten keineswegs mit dem im Alltagsleben gleichzusetzen ist. Während der Urlaubszeit treten sich Touristen und Einheimische, also Gast und Gastgeber, in einer bestimmten Rolle gegenüber, die für beide
einen Ausnahmezustand darstellt und deshalb nicht unbedingt als repräsentativ für die jeweilige Kultur gelten kann (Lüem 1985: 59). Deshalb werden nicht nur die Kulturen der Quell- und Zielländer unterschieden; auch die sogenannte Touristenkultur findet hier eine differenzierte Betrachtung. An den Berührungspunkten dieser drei Ebenen kommt schließlich der touristische Kontakt zu-stande.
Unter der Kultur der Quellländer wird die Kultur der Touristen in ihrem Heimat-land verstanden. Sie unterscheidet sich national, regional, aber auch lokal und bildet den soziokulturellen Hintergrund des einzelnen Touristen. Ebenso wie bei der Kultur der Quellregion fasst Thiem bei der Kultur der Zielländer die unterschiedlichen Kulturen vor Ort unter einem Begriff zusammen. Die Touristenkultur dagegen existiert nur auf den Reisen selbst. Hier verändert sich während einer Reise das persönliche Verhalten, um sich in der Rolle des Touristen an die Gegebenheiten der Reise und der dortigen Kulturen und Gesellschaften anzupassen (Thiem 1994: 35). Die Reisenden bilden in diesem Moment gewissermaßen eine neue Gemeinschaft, die sich im Regelfall aus diversen Nationalitäten zusammensetzt und somit in sich wiederum ein System interkultureller Beziehungen bildet.
3.2 Reaktionen der Gastgeber auf die Touristen
Das überwiegend negativ gezeichnete Bild der Touristen in den hiesigen Medien und besonders auffallend in Untersuchungen über die Bedeutung des Tourismus als Auslöser für Kulturwandel oder Umweltzerstörung, stimmt nur eingeschränkt mit dem Touristenbild der Gastgeber überein. Wie die Einheimischen die Touristen wahrnehmen und auf sie reagieren, kann von vielen Faktoren abhängen. Unter anderem sind Anzahl und Herkunftsland der Touristen sowie ihr Reisetypus (z. B. Individual- oder Gruppenreisen) ausschlaggebend dafür, ob die Einheimischen mit Ablehnung oder Begrüßung auf die fremden Besucher und auf die damit einhergehenden Veränderungen reagieren. Schließlich spielt auch die sozial-politische Funktion, die der Tourismus im Zielland einnimmt, eine Rolle in der Haltung gegenüber den Feriengästen. Es ist schwierig, die Beziehung von Touristen und Gastgebern in ein universales System zu fassen, da sich an jedem Reiseziel sehr unterschiedliche Positionen herausbilden können.
So werden die Verbesserung der Infrastruktur im Zuge der touristischen Erschließung und besonders ökonomische Gewinne sowie die Möglichkeit der Annäherung zu fremden Kulturen als Fortschritt und positive Effekte für die eigene Gesellschaft begrüßt (Hennig 1999: 129ff).
Unter den Einheimischen kann sich aber ebenso leicht eine Ablehnungshaltung gegenüber den Touristen und deren zur Schau gestellten Lebensart entwickeln. Vor allem zeigt sich an Orten, die sehr stark von Touristen frequentiert werden und z. T. fest in den Händen der Besucher sind, ein Unbehagen über die Feriengäste, da sich die Einheimischen durch die zeitweise Überflutung ihrer Heimat von Touristen in ihrer Eigenständigkeit und kulturellen Einheit bedroht sehen. 13 Die Folge ist, dass sich bei den Einheimischen ein Gefühl der kulturellen Entfremdung durch den Reiseverkehr entwickeln kann und sich daraus eine Abwehrhaltung gegen Touristen aufbaut (Harmsen 1999: 88). Dabei werden nicht selten Negativklischees gebildet, die sich schließlich verfestigen und nur selten revidiert bzw. abgelegt werden. So berichtet Brewer von einer mexikanischen Stadt, in der die Bewohner anhand der Verhaltensmuster der Besucher ein nach Nationen geordnetes Umgangsschema mit Touristen entwickelten: „The use of ‘specific’ stereotypes is an adaption to the native’s need to deal with large numbers of culturally different tourists who remain only a short time.” (1984: 500).
Andererseits kann auch eine gegenläufige Bewegung entstehen, indem die Einheimischen versuchen, die durch die kulturelle Entfremdung bedrohten oder verdrängten Kulturelemente wiederzubeleben, um die lokale Identität zu stärken. Ein Beispiel für diesen Prozess erläutert Friedman anhand der Situation auf Hawaii. Mit dem einsetzenden Massentourismus entstand eine „anti-touristische“ Revitalisierungsbewegung, um sich von der westlichen, „amerikanisierten“ Welt abzugrenzen (1992: 845f).
Die Einheimischen passen demnach ihr Verhalten aktiv an, um mit den Touristen umgehen und von Auswirkungen durch den Tourismus profitieren zu kön-
KönigreichBhutan, das sich erst 1974 dem Welttourismus öffnete, begrenzt die Zahl der Touristen, die jährlich das Land besuchen dürfen durch eine hohe Einreisegebühr, um ökologische Schäden und sozial-ökonomische Negativfolgen zu verhindern bzw. einzugrenzen.
nen. In der Tourismusforschung wurden dafür drei theoretische Stufen der Anpassung bzw. der Reaktion der Gastgeber auf die Touristen unterschieden: der Demonstrations-, Imitations- und Identifikationseffekt 14 .
3.2.1.1 Demonstrationseffekt
Wie oben beschrieben, divergiert die Touristenkultur von der Alltagskultur der Touristen in ihren Heimatländern. Ein abweichendes Verhaltensmuster, das sich durch größere finanzielle Großzügigkeit am Urlaubsort, gelockerte Moral-vorstellungen oder einfach nur Müßiggang kennzeichnet, der ja das Urlaub-Machen ausmacht, hinterlässt bei den Gastgebern falsche Vorstellungen. Ihnen wird von den Touristen - ob gewollt oder nicht - eine Lebensform präsentiert, die sich von der dortigen, traditionellen Kultur oft sehr unterscheidet (Burns 2000: 101). Da aber nur wenige Menschen der Gastländer die Möglichkeit haben, das Leben der Touristen in ihrer Heimat kennen zu lernen, wird die Touristenkultur aufgrund der fehlenden Vergleichsperspektive als normal betrachtet, und es kommt zu Fehleinschätzungen über die wirkliche finanzielle und soziale Situation in den Quellländern. Zusätzlich verstärkt die Tatsache, dass sich die Mehrzahl der Einheimischen solch eine Reise und so viel Freizeit nicht leisten können, ihr Gefühl von finanzieller Ungleichheit und nährt ihre teils schon vorhandenen Vorurteile von den reichen und faulen Touristen (De Kadt 1979: 66). Zwar kann die Demonstration soziokultureller Unterschiede durch die Touristen allein noch keine Veränderungen in der Gesellschaft der Reiseländer verursachen, sie ist aber ein Auslöser zur Selbstreflexion über die eigene soziokulturelle Situation im Vergleich zur Touristenwelt und zieht u. U. Anpassungsversuche nach sich, die im Folgenden angeführt werden.
3.2.1.2 Imitationseffekt
Eine Reaktion auf die offensichtliche Andersartigkeit der Touristen, die je nach Grad der ethnischen und kulturellen Distanz unterschiedlich stark ausfällt, kann der Versuch der Einheimischen sein, sich der von den Touristen vorgelebten
mehr in dieser Weise vertreten, soll hier aber der Vollständigkeit halber kurz dargestellt werden.
Kultur anzunähern. Dies geschieht vornehmlich, indem sie die Touristen in ihrem Verhalten nachahmen, um die durch den Demonstrationseffekt hervorgerufenen neuen Bedürfnisse 15 zu befriedigen. Besonders Jugendliche, die für neue Einflüsse weitaus empfänglicher sind, versuchen den Lebensstil (Mode, Verhalten, Sprache, Essgewohnheiten, etc.) der um Reichtum und Müßiggang beneideten Touristen zu kopieren.
Die Imitation fremder Kulturelemente kann die Einheimischen unter Umständen in Konflikt mit ihren traditionellen Normen und Werten bringen, denn oftmals ist das vorgelebte Handeln der Touristen nicht mit der überlieferten Lebensart vereinbar oder sogar tabuisiert. Eine daraus resultierende Abwendung von der eigenen Kultur kann zu einem Entwurzelungsgefühl führen, da durch das Streben nach den neuen Vorgaben die überlieferten und etablierten Muster an Gültigkeit verlieren (Lüem 1985: 60ff).
3.2.1.3 Akkulturation
Der stetige Import fremder kultureller Elemente in die bereisten Länder kann einen Veränderungsprozess der lokalen Kultur auslösen. Akkulturation ist im weitesten Sinne eine Art des exogen generierten Kulturwandels. Durch den Kontakt verschiedener Kulturen kann es zu einem gegenseitigen Austausch von Kulturgütern oder Werten kommen, wobei dieser Prozess in den meisten Fällen asymmetrisch verläuft. Die (ökonomisch) stärkere Kultur, ohne dabei von einer kulturellen Überlegenheit zu sprechen, dominiert die schwächere und regt in ihr Veränderungen an, die sie „into something of a mirror image“ (Burns 2000: 104) wandelt. Nuñez (1989) führt als Beispiel dafür die sprachliche Akkulturation in den Reisegebieten als Indikator an, da:
„[...] the usually less literate host population produces numbers of bilingual individuals, while the tourist population generally refrains from learning the host’s language.“ (1989: 266).
Lüem bezeichnet den Tourismus in Entwicklungsländern als „Paradefall der Akkulturation“ (1985: 58), da hier ein starkes Machtgefälle zwischen Gast und
Sexualmoral) Natur sein.
Gastgebern herrscht und die Gastgesellschaft in den meisten Fällen versucht, sich nach den Bedürfnissen der Gäste zu richten.
3.2.2 Veränderungen in der Sozialstruktur
Neben Auswirkungen im kulturellen Bereich zieht der Tourismus auch Veränderungen in der Sozial- und Arbeitsstruktur der Zielländer nach sich. Durch die touristische Erschließung entstehen zwar neue Arbeitsplätze, die aber in landwirtschaftlich geprägten Regionen meist auf Kosten traditioneller Erwerbs-formen gehen. Denn wegen des gestiegenen Bedarfs an Arbeitskräften im meist ertragsreicheren Dienstleistungsbereich und anfänglich besonders im Bausektor, verliert die landwirtschaftliche Produktion an Bedeutung. Eine Folge dieser Verlagerung ist unter anderem die Landflucht vieler Arbeitnehmer und eine Abwanderung in die Touristenzentren. Doch nicht überall führt der Tourismus zu Migrationsbewegungen vom Land in die Städte. Auch viele ländliche Gebiete werden vom Tourismus entdeckt und versprechen dort neue Arbeitsmöglichkeiten. 16 Gleichermaßen beeinflusst der Tourismus durch die neue Arbeitsstruktur unter Umständen die traditionelle Arbeitsteilung der Geschlechter. Bei den Kuna-Indianern in Panama haben beispielsweise die Frauen durch die Herstellung der traditionellen molas, die weltweit auf dem Kunstmarkt beachtliche Preise erzielen, eine neue Erwerbsmöglichkeit gefunden, die ihnen ein unabhängigeres Leben und aufgrund ihres gestiegenen Sozialprestiges mehr Mitwirkung im lokalpolitischen Geschehen ermöglicht (Swain 1989: 92ff).
3.3 Kommerzialisierung von Kultur
Die Kommerzialisierung, die in der gegenwärtigen Gesellschaft in allen Bereichen stattfindet, beurteilt Objekte und Dienstleistungen nach ihrem Marktwert. Dabei werden nicht nur konventionelle Waren und Dienste vermarktet, auch kulturelle Inhalte bekommen auf dem globalen Tourismusmarkt einen Handelswert (Burns 2000: 58), weshalb auch Greenwood Kultur als eine „natürliche
wieder an, nachdem im Zeitraum von 1951 bis 1971 die Bevölkerung auf den Inseln um 37% abnahm (Hennig 1999: 145).
Ressource“ für die Tourismusindustrie bezeichnet (1989: 179). Tänze oder andere kulturelle Ausdrucksformen werden speziell für Touristen aufgeführt, um die Kultur des Gastlandes bzw. die von den Reisenden gesuchte Exotik zu präsentieren. Auch die Produktion von Kunst- oder Gebrauchsgegenständen als Souvenirkunst passt sich den Wünschen der Touristen an 17 . Diese Art von Vermarktung und Inszenierung kultureller Eigenheiten im Rahmen des Tourismus ist in allen Reiseländern zu beobachten und wird meist von außenstehenden
Tourismusplanern oder den sogenannte culture brokers 18 angeregt, die den Marktwert kultureller Besonderheiten schneller erkennen und umsetzen können. Culture brokers fungieren als Mittlerpersonen zwischen den Touristen und der lokalen Bevölkerung, da sie sich aufgrund bestimmter Fertigkeiten wie Kenntnissen in anderen Sprachen (überwiegend in den Sprachen der Nationen mit den größten Touristenzahlen) oder durch frühere Kontakte zu anderen Gesellschaftsgruppen, in der lokalen wie auch in der internationalen Gesellschaft besser zurecht finden. Dadurch können sie eventuell eine Art Führerrolle einnehmen und die Kultur vor Ort gemäß der touristischen Bedürfnisse leichter manipulieren und vermarkten (Burns 2000: 100).
Es stellt sich hierbei die Frage, wie sich die inhaltliche Bedeutung der Kulturelemente verändert, wenn diese im Tourismus vermarktet werden (Cohen 1988: 381). Greenwood zeigt am Beispiel einer baskischen Stadt, wie ein lokales Festival durch den Einfluss des Tourismus aus seinem traditionellen Zusammenhang gerissen und zu einer kommerziellen Touristenshow abgewandelt wurde. Das ursprünglich nur einmal jährlich stattfindende Fest wurde gegen den Willen der Lokalbevölkerung am Festtag gleich zweimal abgehalten, um den immer größer werdenden Touristenstrom zufrieden stellen zu können. Die Konsequenz war, dass sich in den folgenden Jahren der Großteil der Bewohner weigerte, sich an den Aufführungen zu beteiligen. Daraufhin begann die Stadtverwaltung, alle Teilnehmer des Festes finanziell zu entschädigen, um den Ausfall desselben zu verhindern. Aber durch diese Entlohnung ging für die Einheimischen der eigentliche Hintergrund des Brauchtums verloren, da aus
Randposition in der Gesellschaft Innovationen leichter einführen können (Nuñez 1989: 269).
Arbeit zitieren:
Brigitte Binder, 2002, Wechselbeziehungen zwischen Tourismus und der Re-Indianisierung in Cusco, Peru, München, GRIN Verlag GmbH
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