Dialog
zur Qualitätssicherung im sozialpädagogischen Alltag
Fig. 2
Rosenblattmetamorphose; vom Blatt zum Blütenblatt
Teil 1: Verschiedene Perspektiven zum Dialog in sozialpädagogischen Einrichtungen (Theorieteil)
Teil 2: Unterschiedliche Qualitäten von Dialog und Dokumentation (Praxisteil)
Endredaktion:
Russikon, 20.12.2010 Herbert Langmair bewegungspraxis@web.de
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Inhaltsverzeichnis:
S e i t e :
Sufi - Betrachtung 4
E i n l e i t u n g 5
Zielsetzung und Charakter der Diplomarbeit 6
Teil 1: Verschiedene Perspektiven zum Dialog in sozialpädagogischen
Einrichtungen
Projektplan „Dialog“ 7
1. Kommunikation/Dialog/Beziehungsdienstleistung
1.1. Was ist Kommunikation? 7
1.2. Was ist ein Dialog? 8
1.3. Was ist eine Beziehung? 9
1.4. Was sind die Voraussetzungen für einen gesunden Dialog? 11
1.5. Was ist eine gelebte Beziehungsdienstleistung? 12
1.6. Grundlagenarbeit im Team
1.7. Wann wird ein Gespräch zum Verhör? 14
2. Dialog/ Kooperation/ Ich - Atem
2.1. Die Rolle des Dialogs als Grundlage der Sozialpädagogik 16
2.2. Die spirituelle Dimension des Dialogs 17
2.3. Der Ich - Atem 18
2.4. Die neurobiologische Forschung und der kooperative Mensch 19
2.5. Ich - Atem und Schulung der Aufmerksamkeit im Dialog 20
2.6. Die Frage ist: „Wie können wir mit diesem Paradoxon umgehen?“ 21
2.7. Spielregeln um dialogische Kompetenzen entwickeln zu können 24
3. Reflexion zu Teil 1 25
Teil 2: Unterschiedliche Qualitäten von Dialog und Dokumentation
Projektplan „Dialog und Dokumentation“ 26
Abk ürzungsverzeichnis
4. Dialog und Dokumentation im Betrieb
4.1. Auswertung von Fragebögen und Interviews 27
4.2. Inhaltliche Auswertung der Fragebögen und Interviews 29
4.3. Meine Interpretation der Auswertungen 29
4.4. Interpretation von Mitgliedern des Leitungsteams 33
4.5. Gespräch und Dokumentation - Schlussfolgerung 34
4.6. Der Prozess zwischen Befrager und Befragten 35
4.7. Persönliche Reflexion und Akzeptanz von Veränderungsprozessen im Betrieb
3 6
4.8. Die Grundlagen der Betreutenbetrachtung 37
4.9. Zusammenfassung der Ergebnisse für SR und LT
4.10. Implementierung der Ergebnisse im Betrieb
5. Die Dynamische Betreutenbetrachtung 38
6. Reflexion zu Teil 2
Danksagung 43
F a z i t 4
7. Anhang 45
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Sufi Betrachtung
In einem dunklen Haus ein Elefant sich befand; Aus Indien gebracht, zur Schau er dort stand
In Scharen die Menschen gingen, um ihn zu sehen; Alle ins dunkle Haus hinein, um dort zu spähen
Mit den Augen sie ihn jedoch nicht erfassten; Drum die Hände sie nahmen, um ihn zu tasten.
Die Hand des einen den Rüssel berührte; Glaubte, dass er ein Abflussrohr gar spürte.
Nach dem Ohre griff des andren Hand; Sagte: „Ein Fächer ist’s, mir gut bekannt.“
Nun tastete das Bein die Hand des Dritten; Sagte: „Eine Säule ist der Elefant, unumstritten!“
Ein anderer wieder spürte den Rücken schon; Sagte:: „In der Tat, der Elefant ist wie ein Thron“
Einer nach dem anderen erfühlte ein Körperteil; Nutzte seinen Verstand, verkündete ein Urteil
Sie waren uneinig, jeder ihn anders begriff; Der eine nannte ihn „Dal“ der andere „Alif“ *
Hielte jeder eine brennend’ Kerze in der Hand; Zur gleichen Meinung wären sie jäh imstand.* Dschalaluddin Rumi (1207-1273)
*Dal und Alif sind Buchstaben des persischen Alphabets *Alif - alternative Schreibweise: Irfan Aus: http://articles.sufism.info/de/reality.htm 12.3.2009
Unterschiedliche Perspektiven von VertreterInnen unterschiedlicher Bereiche einer Institution, eines Unternehmens bewirken oft Missverständnisse. Jeder meint. Genau zu wissen, wo die Probleme liegen und was als nächstes zu tun ist. Diese, durch den bekannten islamischen Dichter Rumi bearbeitete Sufi- Betrachtung endet mit folgendem Satz: „Hielte jeder eine brennend’ Kerze in der Hand; Zur gleichen Meinung wären sie jäh imstand.“ Bei komplexen Systemen befasst sich ein grundlegender Wahrnehmungs-wandel nicht mehr ausschliesslich mit den einzelnen Teilen sondern mit dem Funktionieren des Ganzen. Statt auf dem Detail, liegt der Fokus auf der dynamischen Komplexität.
Die dynamische Komplexität wird vor allem durch den ständigen Dialog der Partner erfasst.
Einleitung
SozialpädagogInnen sind nicht unbedingt Menschen, die gerne Bücher und berufsethische Abhandlungen lesen; ihr Arbeitsfeld ist die direkte Interaktion untereinander und mit ihren Klienten. Ich hoffe, dass diese Arbeit trotzdem den Zugang zum sozialpädagogischen Berufsfeld finden kann. Meine Intention war es, nachdem die letzten Jahre eine managementorientierte Ausrichtung im Vordergrund stand, den Fokus auf unser Kernaufgabe, die Beziehungsgestaltung mit unseren Klienten, zu richten.
Ich kann eine Pflanze auf zwei unterschiedliche Arten betrachten: Stängel, Blätter und Blütenbereich lassen sich beschreiben, katalogisieren und einordnen. Aber ich kann auch beschreiben, wie sich die Blätter vom Keimblatt ausgehend, immer mehr vergrössern, im oberen Bereich zur Blüte hin wieder verkleinern, wie der Stängel erst in grossen Abständen von Blatt zu Blatt wächst und im blütennahen Bereich plötzlich wieder kürzere Abstände entstehen.
Über diese Art der Erscheinung der Pflanze nachsinnend, könnte man den Ein druck bekommen, als ob zwei Zeiten in einem lebendigen Organismus wirken, einerseits die fortschreitende, das Material zur Entfaltung bringende, und andererseits die aus der Zukunft hereinwirkende, die formende, das Wesen der Pflanze als Ganzheit offenbarende Zeit.
Wir können somit zwei unterschiedliche Arten menschlichen Denkens erkennen. Die eine Art beschäftigt sich mit der gewordenen, gestalteten, wäg-und messbaren Welt. Hier wird analysiert, logisch gedacht, Kosten und Nutzen miteinander abgewogen.
Diese Art zu denken hat uns die moderne technische und technologische Entwicklung gebracht, uns von mittelalterlichen Glaubenssätzen und Dogmen befreit und den einzelnen Menschen aus der Abhängigkeit von Gemeinschaften emanzipiert.
Die zweite Art des Denkens hat einen betrachtenden Charakter und versucht die Pflanze als lebendigen Organismus wahrzunehmen. Verschiedene zeitliche Phasen der Pflanze werden für den Betrachter sichtbar und zu einem „Tableau“ zusammengeschaut,
als ob die Pflanze eine Ganzheit wäre, nicht nur fortschreitend mit der Zeit, sondern aus der Zukunft heraus sich hereinbildend in der Sichtbarkeit erscheint in der polaren Spannung zwischen verschiedenen Kräften, das Bild der jeweiligen Pflanze.
Diese zweite Art zu Denken ist eine Möglichkeit, einen lebendigen Organismus zu beschreiben, darüber hinaus eine Möglichkeit, die Verhältnisse zwischen verschiedenen lebendigen Organismen zu erfassen, vielleicht aber auch die einzige Möglichkeit, Prozesse wirklich sichtbar werden zu lassen, die sich zwischen Menschen abspielen.
Was könnte es für Arbeitsgemeinschaften, vor allem im sozialen Bereich bedeuten, mit dieser Art des Denkens auf Prozesse zu schauen, die sich zwischen Menschen abspielen?
In den letzten 15 Jahren hat sich eine managementorientiert Kultur in sozialen Institutionen entwickelt, die Ordnung und Transparenz in
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verschiedensten Lebensbereichen schaffen konnte. Bei der daraus ent-standenen Betriebsamkeit, scheint aber der einzelne Mensch, die Gestaltung der Beziehung untereinander, aus dem Bewusstsein verschwunden zu sein. Wegen hauptsächlicher Konzeptarbeit, Qualitätssicherung und Optimierung des Leistungsangebots haben wir uns von dem entfernt, was sich prozesshaft unter KlientInnen und MitarbeiterInnen entwickelt, wenn Raum dafür geschaffen wird.
Vielleicht kann eine dialogisch aufgebaute Unternehmenskultur, welche im obigen Sinne eine neue Art des Denkens entwickelt, etwas dazu beitragen, dass Menschlichkeit wieder ins Zentrum der sozialpädagogischen Bemühungen gerückt werden kann.
Diese Arbeit möchte dazu ermuntern, dass soziale Institutionen wieder den Mut zur Beziehungsdienstleistung entwickeln.
Das Entwickeln der dialogischen Kompetenzen innerhalb des Unternehmens ist eine der Methoden, die es uns ermöglichen wird, unsere sozialpädagogische Kernaufgabe neu zu ergreifen.
Diese neuen Entwicklungen sollten nicht die bereits erarbeiteten, standardisierten Dokumentationsformen verdrängen, sondern ihnen den richtigen Stellenwert innerhalb der Institution geben und dieselben um den Aspekt der gelebten Beziehungsdienstleistung ergänzen. Zur Vertiefung einzelner Fragestellungen werden im Anhang Themen erklärt, die innerhalb der Arbeit zu wenig berücksichtigt werden konnten. Sophia Gubaidulina beschreibt in dem Film „Sophia - Biographie eines Violinkonzertes“. - (SF1:28.9.2008) Es geht dabei um das Violinkonzert „In tempus presens“ einer eigenen Komposition -: „Es gibt einen Klangraum, von dem ist die hörbare Musik nur ein Abklatsch. Was von diesem Klangraum hörbar werden kann, will sich immer verflüchtigen“
(Bei den letzten Worten greift sie verzweifelt in ihre Haare, als wollte sie sagen: Wie kann ich nur diesen Prozess verständlich machen?) Ich hoffe, dass der Leser die folgenden Versuche eines ganzheitlichen, die dynamische Komplexität des Lebens mit einbeziehendes Denkens, in sein Denken integrieren kann.
Ziel und Charakter der Diplomarbeit
Die Pflanzenbetrachtungen (siehe Anhang goetheanistische Betrachtungsweise), die Sufi - Geschichte und die Aussage von Sophia Gubaidulina geben die Art der Betrachtungsweise an, mit der ich versuchen werde, das Thema Dialog zu ergründen. Ich möchte verschiedene Perspektiven zum Thema Dialog innerhalb einer sozialpädagogischen Einrichtung erfassen und mir ein Urteil bilden, welche Form der Kommunikation eine Institution braucht, deren Kernaufgabe Beziehungsdienst leistung ist.
Siehe Anhang 7.1. „Goetheanismus“ und 7.2. Was ist der künstlerische Prozess? Im 1. Teil werden Literatur und eigene Erfahrungen verglichen und unterschiedliche Standpunkte bearbeitet, die Tragweite des Themas ausgelotet. Im 2. Teil wird geht es darum, ob sich, die Annahmen des ersten Teils durch die Berichte aus dem Betrieb bestätigen lassen. Das Thema Dialog und Dokumentation wird die Möglichkeit geben die aufgeworfenen Fragen praxisnah zu gestalten.
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Selbstbeobachtungen beim Dialog mit den MitarbeiterInnen werden in die Betrachtung einfliessen können. Arbeitshilfen: Fragebögen und deren Auswertung: Interviews von einigen Mitarbeitern und deren Auswertung Beobachtungen zum Thema im sozialpädagogischen Alltag durch die MitarbeiterInnen
Ich werde in dieser Arbeit von „sozialpädagogischen Einrichtungen“ sprechen. Ähliches gilt meiner Meinung nach auch bei anderen „Non - Profit_ Organisationen“. Ich möchte diesen Begriff aber nicht verwenden, weil er die „Wirtschaftlichkeit“ einer Organisation ins Zentrum rückt. Mein Fokus soll aber der Mensch bleiben. siehe Anhang 7.2.6
Teil 1: Verschiedene Perspektiven zum Dialog in sozialpädagogischen Einrichtungen Projekt Dialog:
1. Ziel: Literatur und eigene Erfahrungen werden miteinander verglichen, unterschiedliche Standpunkte bearbeitet und die Tragweite des Themas ausgelotet.
2. Methode: Studium der Literatur, vergleichende Darstellung und Urteilsbildung darüber, welche Kommunikationsform einem Unternehmen entspricht, in dem der Mensch im Zentrum steht. Praxiserfahrung wird in der Reflektion berücksichtigt.
1. Kommunikation, Dialog, Beziehung
1.1. Was ist Kommunikation?
„Der Begriff „Kommunikation“ stammt aus dem Lateinischen
communicare und bedeutet „teilen, mitteilen, teilnehmen lassen, gemeinsam machen, vereinigen“. In dieser ursprünglichen Bedeutung ist mit „gemeinsam machen, „teilnehmen lassen“ eine Sozialhandlung von Lebewesen oder Menschen gemeint.“…
„Kommunikation“ Wikipedia online (letzte Änderung am 12.5. 08) Für diese Arbeit genügt diese Version des Begriffs „Kommunikation“. Der Au-tor ist sich aber bewusst, dass sich seit den 1940er Jahren dieser Begriff um Signalübertragung von technischen Geräten, um den „Austausch von Informationen“ und um die „Transaktionsanalyse“ erweitert hat. Ausserdem wird
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Kommunikation seit den 1980er Jahren als die „Kunst überzeugen zu können“ im wirtschaftlichen und politischen Feld angesehen. Daraus haben sich die modernen Marketing - und PR Formen entwickelt, die in dieser Arbeit ebenfalls nicht berücksichtigt werden.
„Information und Kommunikation“ Wikipedia online (letzte Änderung am 5.12.08 )
1.2 Was ist ein Dialog?
[Ein Dialog (von altgriech. dialégesthai: sich unterhalten, sich unterreden; dialogein: einander zurechnen) ist eine mündlich oder schriftlich zwischen zwei oder mehreren Personen geführte Rede und Gegenrede.]
Aus Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Dialog (Letzte Änderung am 23.12.2008) Teilen, mitteilen, einander teilnehmen lassen sind bereits wesentliche dialogische Kompetenzen innerhalb einer Organisation, die in der Begleitung, Entwicklung, Bildung und Pflege von Menschen zur Kernaufgabe gehören. Durch die moderne Kommunikationswissenschaft sind viele Wege erschlossen worden, die Kommunikation innerhalb eines Betriebs verbessern zu können. Die Frage bleibt aber, welche Folgen durch diese fortschreitende „Bewusstwerdung“ innerhalb eines Betriebs entstehen können. Man spricht heutzutage von einer enormen Informationsflut, die nicht zu bewältigen ist. Die Anonymität zwischen den MitarbeiterInnen, vor allem in grossen Betrieben, nimmt zu und der Einzelne scheint sich immer weniger für den Betrieb zu interessieren.
Es scheint, als ob diese Bewusstwerdung auf der anderen Seite ein Herablähmen der Kompetenzen hervorruft, die durch das oben charakterisierte „teilen, mitteilen, einander teilnehmen lassen“ dargestellt wurden. Und es sieht so aus, als ob „ gegenseitige Verbindlichkeit“ nicht über ein stetes Wachsen des Bewusstseins entstehen kann, sondern eher aus einem Sich -verbinden, aus gegenseitiger willentlicher, nicht nur bewusster Bindung entsteht. Direkter Dialog, eine Sozialhandlung zwischen Menschen, scheint viel brauchbarer für unsere Aufgabe innerhalb sozialer Institutionen zu sein, als wir uns das in den letzten Jahren eingestanden haben.
Ich hoffe, dass dieser Tatbestand im Verlauf meiner Recherchen mit unterschiedlichen Mitteln sichtbar werden kann. Wenn jede Kommunikation zwischen Menschen in der Begegnung zwischen Sender und Empfänger einen kreativen Prozess oder einen Lernprozess auslösen kann und die dialogischen Kompetenzen des Einander- Teilnehmen -Lassens zulässt, werden wir in Zukunft dieser Bewegung dazwischen mehr Aufmerksamkeit schenken müssen. siehe Anhang 7.1. Martin Buber
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dungsverhalten zugrunde.
Die heutigen Forschungsergebnisse der neurobiologischen Forschung, unter anderen von Joachim Bauer kommentiert, weisen darauf hin, dass das Urbedürfnis von lebendigen Organismen eben nicht Kampf, wie es immer wieder von Charles Darwin beschrieben wurde, sondern Kooperation ist.
Martin Buber schreibt in seinem berühmten Werk „Ich und Du“ ….Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du. Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ Buber,M. (1923) Sammelband (2006:15)
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1.4. Was sind die Voraussetzungen für einen gesunden Dialog?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich ein gesunder Dialog nur entfalten kann, wenn die Gesprächspartner einander Raum für unterschiedliche Stand punkte geben können. Es geht dabei um Anerkennung, aber gleichzeitig auch darum die eigenen Standpunkte einbringen zu können, die der Anderen zu spiegeln und um die Bereitschaft etwas Neues entstehen zu lassen.
Ähnliche Kriterien finden sie auch bei Karl Martin Dietz
„Dialogische Führung“ Siehe 7.1
Voraussetzung für einen gesunden Dialog scheint also zu sein, dass wir uns einander zuwenden und dass wir gegenseitige Anerkennung signalisieren. Wesentlich scheint auch zu sein, dass die Gesprächspartner einander vertrauen können und dass Verschwiegenheit gewährleistet ist. Dass aber auch die Ergebnisse des Gesprächs transparent kommuniziert werden und ernsthaft um ihre Umsetzung gerungen wird. Gegenseitige Verbindlichkeit wird zur Grundlage des Dialogs, wie er hier dargestellt wurde. Da sehen wir, dass schon vom Sprachgeist der Bezug geschaffen wird, der gerade erarbeitet worden ist. Verbindlichkeit kommt von Verbundenheit, Bindungen eingehen wollen und können.
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1.5. Was ist eine gelebte Beziehungsdienstleistung?
Im Dienstleistungsbetrieb meine ich, kann ein Produkt nur gut vermarktet wer den, wenn es ein gutes Produkt ist und wenn neben den fachlichen auch sozi-ale, kommunikative Kompetenzen des Verkäufers spürbar werden. Ich wende mich eher an den Betrieb, der Vertrauen einflösst und Verbindlichkeit ausstrahlt. In der Sozialpädagogik wird, von dieser Seite betrachtet, der unterstützungsbedürftige Mensch zum Produkt. Unsere Aufgabe ist es die KlientIn nen zu begleiten, zu fördern, zu pflegen. Neue Entwicklungsschritte anzuregen und einzufordern und durch die Gestaltung der Beziehung eine anregende, häusliche Atmosphäre zu schaffen. SozialpädagogInnen können, wie ich in meiner pädagogischen und agogischen Praxis immer wieder fest stellen konnte, in verstärktem Masse erleben, dass Kundenzufriedenheit und Vertrauen in ihre fachlichen und sozialen Kompetenzen Gelingen und Misslingen von pädagogischen und agogischen Prozessen beeinflusst. Die Erwartungshaltung von KlientInnen, ihrer Eltern und anderer Bezugssysteme beeinflussen meinen Erfolg im Umgang mit denselben. Auf der anderen Seite beeinflusst meine Erwartungshaltung, mein Vertrauen oder Misstrauen in ei nen Menschen ebenfalls dessen Offenheit, Leistungsfähigkeit und Selbstvertrauen. Qualität in der Beziehungsgestaltung wird nicht durch „harte“, sondern durch „weiche“ Faktoren messbar. Was zwischen den Menschen sich abspielt muss gestaltet werden und führt zum „Erfolg“. Ich spüre, ob in einem Betrieb eine gute Stimmung lebt, ob sich deren BewohnerInnen wohlfühlen und sich, gemäss ihrer Kompetenzen weiter entwickeln können.
Nicht durch Konzepte und Marketingstrategien, sondern durch die gelebte Beziehungsgestaltung wirkt ein Betrieb auf BewerberInnen attraktiv. Sie spüren ob sie da hinein passen, oder nicht. Das Bauchgefühl scheint dabei immer wieder eine grosse Rolle zu spielen.
Bis heute wurde in den Erziehungswissenschaften immer wieder betont, dass Beziehungsgestaltung nicht messbar sei. Das einzige taugliche Messinstrument scheint die Kundenzufriedenheit zu sein. Gibt es noch andere Messinstrumente?
Für mich ist die Kultur, die innerhalb eines Betriebs spürbar wird, solch ein Messinstrument. Das Streben nach dialogischen Grundwerten ermöglicht, unter anderem eine Kultur, die menschliche Entwicklung fördert. Subjektive, menschliche Faktoren scheinen in sozialpädagogischen Einrichtungen eine wesentliche Rolle zuspielen.
Eine Kultur die sich am Subjekt und nicht an objektiven, nur äusserlich messbaren Faktoren entfalten kann, birgt in sich die Möglichkeit den Klienten wirklich wahr zu nehmen und nachhaltige Veränderungsprozesse einzuleiten. Die Führungsstrategien innerhalb der Institution sollten eine Basis schaffen auf dem sich gelebte Beziehungsdienstleistung entfalten kann. siehe Anhang 7.2.5 1.6. Grundlagenarbeit im Team:
Eines dieser Führungsinstrumente innerhalb von sozialpädagogischen Einrichtungen ist die Fallbesprechung im Team. Grundlagenarbeit im Rahmen einer Einzelfallbesprechung kann sichtbar machen, wie wir gemeinsam durch ein offenes, Gespräch einen Raum schaffen, in dem Platz für unterschiedlichste Formen der Darstellung der Betreuten und Annahmen über die/den jeweilige/n Betreute/n möglich sind.
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In der Phase der Darstellung des „Bildes“, welches wir im Team über die/den Betreute/n entwickeln, hat oberste Priorität: das eigene Urteil über diese Person zurückzuhalten. Es geht darum, wirklich hinzuschauen und zu beschreiben, was ich sehe. Das kann sehr unterschiedlich ausfallen, ist aber von grösster Bedeutung in der Phase, in der es später bei gemeinsamer Urteilsbildung, nicht um puren Meinungsaustausch, sondern darum geht, an das Wesentliche im Umgang mit der jeweiligen BewohnerIn heranzukommen. Ein Schutzraum wird geschaffen, Widersprüchliches stehen gelassen, Offenheit für Neues ermöglicht, etc.
Im Team wird gemeinsam geübt, was wir in der Arbeit mit unserem Klientel immer wieder brauchen werden, ein dialogisches Verhältnis zu mir selber, zum Anderen und zu meiner Aufgabe zu entwickeln.
Was wir in den jeweiligen Teams oft als ein verblüffendes Ergebnis, vor allem bei Besprechungen von jungen Kindern oder Menschen mit einer Behinderung erlebten, ist, dass der jeweilige Klient am nächsten Tag anders auf MitarbeiterInnen, MitbewohnerInnen oder BewohnerInnen reagiert, als ob das Ringen im vorhergehenden Gespräch etwas bei ihm/ihr ausgelöst hätte. Siehe Anhang 7.3.7 „Die Betreutenbetrachtung“
möglichen, immer die hohe Präsenz zu erreichen, die es braucht, um in ein echtes dialogisches Verhältnis miteinander zu kommen. Ausserdem meine ich auch, dass wir uns von idealisierten Zielvorstellungen verabschieden könnten, die aus einer„Über - Ich - Haltung“ formuliert wurden. Wir könnten vielleicht etwas entspannter im Alltag miteinander umgehen, wenn wir mit menschlichen, allzu menschlichen Tatsachen spielerisch umgehen könnten. Darum ist es wünschenswert, dass den Führungspersönlichkeiten das ganze Spektrum vom Verhör bis zum offenen Dialog in seinen verschiedenen Formen als Handwerkzeug zur Verfügung steht. Eine der wichtigsten Grund-voraussetzungen bei Gesprächen ist, dass wir vor oder im Gespräch entscheiden können welches jetzt die relevante Gesprächsform sein wird. Folgende Frage wirkt wie eine Art Kompass:
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1.7. Wann wird ein Gespräch zum Verhör?:
„Werden Misstrauen oder Vertrauen die Grundlage unseres zu führenden Gespräches sein?“
Dementsprechend wird sich die Strategie, die für das jeweilige Gespräch nötig sein wird, entwickeln. Ich möchte jetzt in den nächsten beiden Abschnitten die beiden extremsten Gegensätze von Gesprächsformen ausleuchten. Wie Licht und Schatten stehen sich die beiden Themen Verhör und Dialog gegenüber. Was in dem einen Bereich wirksames Mittel ist, um zu einer Begegnung kommen zu können, wirkt im anderen Bereich nicht förderlich. Es kann in der Gesprächspraxis sein, dass einander offen zugeneigte Partner plötzlich auf einen Punkt stossen, den einer von ihnen ausleuchten möchte. Da erleben wir in der dialogischen Gesprächspraxis, dass sich beide Bereiche durchdringen, nie ganz voneinander zu trennen sind. Grundhaltung für ein Gespräch wird aber, wenn wir uns klar wird, dass das Bindungsbedürfnis an erster Stelle steht, so wie im Kasten von 1.3 beschrieben, und dass die wirksamste Form des Dialogs aus gegenseitiger Kooperation, nicht aus einer Haltung des Kampfes (kalter/ heisser Konflikt) heraus entsteht.
Ausgangslage ist ein durch die Umstände gewachsenes oder durch Einzelereignisse ausgelöstes Misstrauen. Hier kehren sich die für einen gesunden Dialog erforderlichen Grundhaltungen um. Die Begegnung derjeniger,die ins Gespräch miteinander kommen, wird verhindert dadurch, dass Misstrauen sich als Barriere zwischen beide stellt.Die Grundbotschaft der Leitungsperson an die/den Betroffene/n ist eine Misstrauenserklärung. Darum
heiten zwischen nonverbalem und verbalem Ausdruck zu erkennen, auszuwerten und für den Verlauf des Gesprächs zu nutzen, um möglichst viele In-formationen vom Gegenüber zu erhalten.
Der Täter scheint erleichtert zu sein, dass er einen Gesprächspartner gefunden hat, jetzt will er mehr erzählen. Die Barriere des Misstrauens wird durchbrochen.
Dieser überraschende Vorgang kann uns im Ansatz dorthin führen, wie eine Gesprächssituation sein könnte, in der die Ausgangslage zum Gespräch Vertrauen ist.
Die nonverbale Körpersprache wird wichtiger Indikator, ob in einem Gespräch „Vertrauensqualität“ vorhanden ist oder nicht. Wir müssen vielleicht noch irgendwo „nachhaken“, wenn die Übereinstimmung zwischen Inhalt und Körpersprache nicht eintritt. Die Qualität der Begegnung wird im Gespräch erst durch dieses feine Spiel von Körpersprache und Stimme sichtbar/hörbar. Zusammenfassend kann gesagt werden: Erst in dem Moment, in dem eine Begegnung zwischen den Gesprächspartnern stattfindet, entsteht Vertrauen und die Möglichkeit sich für das Andere öffnen zu können. Die Mittel, wie man zu dieser Vertrauensqualität kommen kann, sind unterschiedlich und am Beispiel des Verhörs in einer Extremvariante dargestellt. In einem Verhör, in einer Verhandlungssituation, in einem Streitgespräch wird Distanz eingesetzt um Widersprüchlichkeiten aufzudecken. Das Ziel bleibt aber auch hier, dass wir schlussendlich das Gegenüber verstehen können. In einem Dialog entsteht Nähe, eine gegenseitige Verbindlichkeit, die es uns ermöglicht, gestärkt aus dem Gespräch zu kommen. Gleichzeitig sind Lernprozesse angeregt, die neue kreative Impulse auf der Handlungsebene auslösen. Ich gehe mit neuen Ideen an die Arbeit.
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Herbert Langmair, 2009, Dialog - zur Qualitätssicherung im sozialpädagogischen Alltag, München, GRIN Verlag GmbH
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