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diesem zentralen Text unserer jüdisch-christlichen Tradition um die Unterscheidung zwischen der falschen und rechten Sorge, die je nach Lebenssituation sich zu einer tiefen Angst verdichten kann! Diese Unterscheidung von rechter und falscher Sorge bzw. Angst liess mich weiterdenken und vorab möchte ich festhalten:
Ängste und Sorgen müssen überwunden werden! Es ist nicht so, dass ich ein solches Bestreben ablehne, im Gegenteil und ich möchte dies auch mit eigenen Erfahrungen bestätigen:
In unserem Freundeskreis hatte eine Frau im Alter von rund 40 Jahren panische Ängste. Sie konnte zum Beispiel weder mit dem Zug noch mit dem Auto durch einen Tunnel fahren. Sie konnte in keine Gondel einer Seilbahn mehr einsteigen, keinen Lift mehr benützen und ein vollbesetzter Zug oder eine vollbesetzte Strassenbahn löste bei ihr eine panische Angstattacke aus. In dieser Situation werde ich nie und nimmer sagen: Ohne Angst ist das Leben nur ein Spiel. Nein, hier bei dieser Frau war es wichtig, dass die Angst überwunden wurde durch sorgfältige Therapien, was dann auch mit viel Geduld und Zeit gelungen ist. Heute, nach wiedererlangter Gesundheit, ist es kaum mehr vorstellbar, was es einmal bedeutet hat, unter einer solch panischen Angst gelitten zu haben.
Solche panischen Ängste führen zu einer völligen Lähmung der Betroffenen, sind nicht mehr unkontrollierbar und lebensgefährlich. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir vor etwas Bestimmtem Angst haben (z.B. Autofahren) oder ob uns die Angst aus "heiterem Himmel" überfällt und wir eigentlich nicht genau sagen können, wovor wir Angst haben - es sei denn vor der Angst selbst. Angemessenes Reagieren oder Handeln ist dann unmöglich geworden, was zu erheblichen Problemen bei der Arbeit oder im Umgang mit anderen führt. Eine häufige Folge davon ist: Depression. Mit einer solchen Angst ist das Leben grauenhaft und extrem leidvoll. Trotzdem...
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Ohne Angst ist das Leben nur ein Spiel...
Geschrieben hat diesen Satz der in der letzten Zeit bekannt gewordene höllandische Autor Leon de Winter (geboren 1954, Filmemacher, seit 1976 freier Schriftsteller) in seinem Buch Sokolows Universum. Ein Satz, der provoziert, weil es viele Beispiele dafür gibt, die begründen, warum wir Angst fürchten und die uns auffordern, die Angst zu überwinden.
- Angst vor Fehlern kann mein Leben lähmen und dazu führen, dass ich mich nicht mehr getraue, etwas anzupacken.
- Angst vor Menschen kann mein Leben total einsam machen.
- Angst vor der Bürde und den Aufgaben des nächsten Tagen kann mich depressiv und lebensunfähig machen.
- Angst vor dem Fliegen, die sogenannte Flugangst, verunmöglicht es mir, in ein Flugzeug zu steigen.
- Angst vor der Zukunft lässt mich apathisch werden.
Solche Ängste lähmen uns, halten mich gefangen, zerstören und verunmögliche Leben.
Der Satz von Leon de Winter verweist auf die positive Dimension der Angst. Das kann heissen:
Die Angst richtet meine Aufmerksamkeit auf das, was mir Angst macht und zwingt mich, innezuhalten. Die Angst lässt mich fragen: Was ist hier los? Wovor fürchtest du dich? Was fürchtest du? Hier bekommt die Angst eine neue Qualität. Sie macht aufmerksam auf mögliche Gefahren oder Gefährdungen. An einem kleinen Beispiel aus meiner Lebensgeschichte möchte ich erklären, was das bedeuten kann. Im Alter von ungefähr 20 Jahren habe ich mit meinem Bruder manche Hochtouren mit den Skier gemacht und auf einer Tour mussten wir einen ziemlich spitzen Grad überschreiten. Wir waren mit einem Seil miteinander verbunden und haben dabei Folgendes vereinbart. Wenn der vordere rechts vom Grad fällt, springt der andere auf die linke Seite, um so den vorderen vom tödlichen Absturz zu bewahren. Wenn
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wir nur etwas Angst gehabt hätten, wären wir auf diesen abstrusen Gedanken nicht gekommen. So bewahrt uns die Angst vor Unvorsichtigkeiten. Bei dieser Gratüberquerung haben wir wirklich mit dem Leben gespielt. Die Angst hätte verhindert, so unser Leben aufs Spiel zu setzen.
Ein anderes Beispiel hat mir eine junge Frau vor kurzem erzählt. Sie will einerseits, dass ihre in den Kindergarten gehende Tochter keine Angst hat vor fremden Menschen bekommt. Andererseits wäre es aber doch wichtig, dass ihre Tochter ein bisschen Angst hat, die vorsichtig macht, damit sie nicht mit allen mitgeht.
Mit der Angst erhält das Leben eine besondere Achtsamkeit und Aufmerksamkeit, eine Tiefenschärfe, die dem Handeln entweder seinen gefährlichen Leichtsinn nimmt oder zu Vorsicht führt.
Angst in diesem Sinne gesehen ist ein sinnvolles und hilfreiches Gefühl, das uns vor Gefahren warnt und durch angemessene Reaktion vor deren Folgen schützt. Angst bedeutet somit, die Folgen meines Handelns genau zu betrachten und ich wünschte mir, dass der Präsident der USA etwas mehr Angst vor seiner militärischen Macht gehabt hätte. Vielleicht ist es ja so, dass die Angst vor einem neuen 11. September 2001 durch Macht überspielt wird, anstatt auf diese Angst sorgfältig zu hören und sich zu fragen, was denn diese Angst zu bedeuten hat. Genau das habe ich bei meinem längeren Aufenthalt in den USA im letzten Jahr unmittelbar erfahren. Viele Menschen in Amerika haben eine panische Angst vor neuen Anschlägen und überspielen diese Angst mit geradezu hysterisch anmutenden Massnahmen und einem Machtgehabe, das Angst nicht wahrhaftig zulässt, vielmehr diese systematisch verschüttet und somit auch kreative und wirksame Lösungen verhindert.
Eine erste Zusammenfassung: Ohne Angst ist das Leben nur ein Spiel. Angst ist lebenswichtig und lebensnotwendig. Eine gesunde Angst hilft, mein Leben auf eine achtsame, verantwortungsvolle und ehrfurchtsvolle Art und Weise zu leben. Wo die Angst unterdrückt wird, sei dies persönlich oder auf politischer Ebene, da
Arbeit zitieren:
Helmut Kaiser, Prof. Dr., 2003, Ohne Angst ist das Leben nur ein Spiel, München, GRIN Verlag GmbH
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