Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis I
Abk ürzungsverzeichnis III
0. Vorbemerkung 1
1. Theoretische Grundlagen 2
1.1 Das Leitbild nachhaltiger Entwicklung 2
1.1.1 Geschichte des Begriffs 3
1.1.2 Ökologische und soziale Probleme als Entstehungshintergrund des Leitbilds
nachhaltiger Entwicklung und deren Zusammenhang mit wirtschaftlichem Handeln 4
1.1.3 Zentrale Aspekte des Leitbilds nachhaltiger Entwicklung 6
1.1.3.1 Inter- und Intragenerationelle Gerechtigkeit 6
1.1.3.2 Retinitätsprinzip und zentrale Dimensionen der Nachhaltigkeit. 7
1.1.3.3 Managementregeln und Nachhaltigkeitsstrategien. 8
1.1.3.4 Die Bedeutung individuellen Handelns 9
1.2 Bildung 10
1.2.1 Der Bildungsbegriff nach ROTH 10
1.2.2 Das Konzept der kategorialen Bildung nach KLAFKI. 11
1.3 Bildung und nachhaltige Entwicklung - eine erste Synthese 13
1.4 Der Wirtschaftslehreunterricht. 13
2. Handlungsbeeinflussende Faktoren im Hinblick auf ein nachhaltiges Handeln 16
2.1 Konstrukte und Erklärungsansätze der Psychologie 16
2.1.1 Klassifikationskriterien menschlichen Handelns 17
2.1.2 Situative Barrieren. 18
2.1.3 Kognitionen und Affekte 18
2.1.4 Wahrnehmung und Lernen. 19
2.1.4.1 Wahrnehmung 19
2.1.4.2 Lernen 20
2.1.5 Wissen. 21
2.1.6 Motivation. 22
2.1.7 Attributionsprozesse 24
2.1.8 Das Selbst. 25
2.1.9 Einstellungen. 27
2.1.10 Normen und Werte 28
2.2 Die Theorie autopoietischer Systeme nach Luhmann. 30
I
2.2.1 Beobachtung als systemspezifische Unterscheidung 30
2.2.2 Komplexität und Kontingenz 31
2.2.3 Autopoiesis und Selbstreferenz 32
2.2.4 Soziale und psychische Systeme - Beziehungen und Unterschiede 32
2.2.4.1 Semantische Codes 33
2.2.4.2 Reflexion 34
2.3 Psychologische Erklärungsansätze und Systemtheorie - eine erste Synthese im Hinblick
auf das Handeln 34
2.4 Systemtheorie als Erklärungsansatz für die Eigensinnigkeit des ökonomischen
Teilsystems 35
2.5 Das Sinnmodell der fortschrittsfähigen Organisation nach KIRSCH. 36
3. Bildung für nachhaltige Entwicklung 37
3.1 Zentrale Aspekte einer Bildung für nachhaltige Entwicklung. 38
3.2 Bildung für nachhaltige Entwicklung im Rahmen des Wirtschaftslehreunterrichts. 39
3.2.1 Grundsätzliche Vereinbarkeit ökonomischer Bildung mit einer Bildung für
nachhaltige Entwicklung 39
3.2.2 Ziele und Abgrenzung einer Bildung für nachhaltige Entwicklung im Rahmen des
Wirtschaftslehreunterrichts. 40
3.2.3 Die moralische Dimension einer Bildung für nachhaltige Entwicklung im Rahmen
des Wirtschaftslehreunterrichts. 42
3.2.4 Handlungsbeeinflussende Faktoren im Zusammenhang mit einer Bildung für
nachhaltige Entwicklung im Rahmen des Wirtschaftslehreunterrichts. 43
3.2.4.1 Wissen. 44
3.2.4.2 Einstellungen, Normen und Werte 49
3.2.4.3 Wahrnehmung und Lernen. 51
3.2.4.4 Motivation, Attribution und das Selbst 52
3.2.5 Didaktische und methodische Konsequenzen. 54
3.2.5.1 Didaktische Konsequenzen 54
3.2.5.2 Methodische Konsequenzen. 56
3.2.6 Konsequenzen für die Wirtschaftspädagogik. 57
4. Fazit. 59
Literaturverzeichnis 61
Ehrenw örtliche Erklärung 67
II
Abkürzungsverzeichnis
BLK Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung
BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung
BMU Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
bspw. beispielsweise
bzgl. bezüglich
bzw. beziehungsweise
d.h. das heißt
etc. et cetera
f. folgende
ff. fortfolgende
H. Heft
Herv. Hervorhebung
i.d.R. in der Regel
i.O. im Original
Kap. Kapitel
o.g. oben genannt
S. Seite
s.o. siehe oben
SRU Rat der Sachverständigen für Umweltfragen
UN United Nations
v.a. vor allem
Verf. Verfasser
vgl. vergleiche
z.B. zum Beispiel
zit. zitiert
III
0. Vorbemerkung
„Bildung ist eine unerläßliche Voraussetzung für die Förderung einer nachhaltigen Entwicklung und die Verbesserung der Fähigkeit des Menschen, sich mit Umwelt- und Entwicklungsfragen auseinanderzusetzen.“ 1
Dieser Satz, der dem 36. Kapitel der Agenda 21 entnommen ist, soll verdeutlichen, welche Bedeutung der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung zugemessen wird. 2 Mittlerweile beschäftigen sich viele Wissenschaftsdisziplinen mit Bildung für eine nachhaltige Entwicklung; besonders hervorzuheben ist hier vor allem die Ökopädagogik. 3 Auch die Wirtschaftspädagogik befasst sich mit diesem Thema, allerdings hauptsächlich in Bezug auf die berufliche Bildung. Was einen allgemeinen Wirtschaftslehreunterricht betrifft, scheint hier eine Lücke zu bestehen, welche im Rahmen dieser Arbeit zumindest ansatzweise geschlossen werden soll.
Zielsetzung dieser Arbeit ist es, einerseits die Grundlagen für eine Bildung für nachhaltige Entwicklung herauszuarbeiten, andererseits deren Möglichkeiten und Grenzen im Rahmen des Wirtschaftslehreunterrichts auszuloten. Damit soll versucht werden, sowohl einen theoretisch fundierten Unterbau für eine Bildung für nachhaltige Entwicklung zu skizzieren als auch Folgerungen für eine Umsetzung im Rahmen des Wirtschaftslehreunterrichts zu ziehen. Dieses Vorhaben erscheint bereits aufgrund der vorgegebenen quantitativen Restriktionen dieser Arbeit beinahe vermessen; angesichts des schier grenzenlosen Umfangs der Thematik und der in diesem Umfang zu bearbeitenden Theorien bleibt alleine die Möglichkeit, nötige theoretische Grundlagen in aller gebotenen Kürze darzustellen.
Im 1. Kapitel dieser Arbeit wird ein kurzer Überblick über das Leitbild nachhaltiger Entwicklung und die hier vertretene Bildungsauffassung gegeben, diese in einem ersten Schritt verknüpft sowie in den Wirtschaftslehreunterricht eingeführt.
Davon zunächst scheinbar unabhängig werden im 2. Kapitel handlungsbeeinflussende Faktoren aus psychologischer und systemtheoretischer Perspektive (die nicht nur in Bezug auf das
Entwicklung für allgemeinbildende Schulen vorgelegt hat, dessen Ziel der Erwerb von Gestaltungskompetenz ist. Dieses Konzept wird im Rahmen eines 5-jährigen Förderprogramms der BLK (1999-2004) an 180 sich beteiligenden allgemeinbildenden Schulen eingesetzt. Vgl. de Haan (2002), S. 5 ff. Dennoch wird im Rahmen dieser Arbeit nicht dem Entwurf von DE HAAN gefolgt, da dies nicht spezifisch auf den Wirtschaftslehreunterricht zugeschnitten ist.
1
Handeln eine für diese Arbeit wesentliche Grundlage darstellt) genannt sowie die Systemthe-orie als Erklärungsansatz für die Eigensinnigkeit gesellschaftlicher Teilsysteme dargestellt.
Im 3. Kapitel werden die einzelnen Perspektiven des 1. Kapitels zu einer Bildung für nachhaltige Entwicklung verknüpft, die Passung zum Wirtschaftslehreunterricht hergestellt sowie die Möglichkeiten und Grenzen einer ökonomischen Bildung für nachhaltige Entwicklung unter Zuhilfenahme der im 2. Kapitel herausgearbeiteten relevanten Faktoren skizziert.
Im 4. Kapitel erfolgt eine kurze, abschließende Stellungnahme des Verfassers.
Die dieser Arbeit zugrundeliegende erkenntnistheoretische Position ist konstruktivistisch. Es wird davon ausgegangen, dass die reale Welt nicht per se abgebildet, sondern Wirklichkeit auf der Basis vorhandener kognitiver Strukturen konstruiert wird. 4 Diese Wirklichkeitskonstruktionen finden im Rahmen einer Kultur und bestimmter sozialer Verhältnisse und Interaktionen statt, die sich auch auf wissenschaftliche Erkenntnis auswirken; die hier vertretene Auffassung des Konstruktivismus ist daher die eines sozialen Konstruktivismus. 5 Im Rahmen dieser Position geht es nicht um Wahrheit, sondern um Viabilität. Es kann keinen absoluten Wahrheitsanspruch im Sinne einer Übereinstimmung der Erkenntnis mit der Realität geben; an dessen Stelle tritt die Viabilität: Was sich als passend, kohärent und kompatibel erweist, wird angenommen.
1. Theoretische Grundlagen
In diesem Kapitel wird das Fundament für die weitere Arbeit gelegt, indem die wesentlichen Grundbegriffe nachhaltige Entwicklung, Bildung sowie der Wirtschaftslehreunterricht inhaltlich dargestellt werden.
1.1 Das Leitbild nachhaltiger Entwicklung
„Die Menschheit steht an einem entscheidenden Punkt ihrer Geschichte. Wir erleben eine zunehmende Ungleichheit zwischen Völkern und innerhalb von Völkern, eine immer größere
der Existenz einer realen Welt ausgegangen.
Sprache auf die Erkenntnis haben; im Rahmen der noch zu erörternden psychologischen Theorien kann dies ebenso nur kurz angesprochen werden. Vgl. Kap. 2.1.4.1.
2
Armut, immer mehr Hunger, Krankheit und Analphabetentum sowie eine fortschreitende Schädigung der Ökosysteme, von denen unser Wohlergehen abhängt.“ 6
Mit diesen Worten beginnt die Agenda 21, das von 179 Staaten unterzeichnete zentrale Abschlussdokument der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung, die 1992 in Rio de Janeiro stattfand. Sie stellt ein globales Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert dar, mit dem sowohl der Schädigung der Ökosysteme als auch der zunehmenden sozialen Ungleichheit entgegengewirkt werden soll. Sie zielt auf eine nachhaltige Entwicklung ab und wurde zu einer wichtigen neuen Orientierungsgröße in Politik, Wirtschaft, Forschung und Wissenschaft. 7
1.1.1 Geschichte des Begriffs
Nachhaltige Entwicklung ist die mittlerweile im deutschen Sprachraum am weitesten verbreitete und auch in der deutschen Fassung der Rio-Dokumente verwendete Übersetzung des englischen Begriffs sustainable development. 8 Dieser entstammt ursprünglich der Forstwirtschaft des 18./19. Jahrhunderts. 9 Der Ursprung des Leitbildes nachhaltiger Entwicklung ist jedoch später zu verorten; seine Entstehung steht in engem Zusammenhang mit zwei Diskussionen, die in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts begannen: Die Diskussion um den Nord-Süd-Ausgleich, die sich mit der Frage eines gerechten Ausgleichs zwischen Industrie- und Entwicklungsländern beschäftigt sowie die Diskussion um die Endlichkeit natürlicher Ressourcen, Naturzerstörung und das rapide Bevölkerungswachstum. 10
Popularität erlangte der Nachhaltigkeitsbegriff durch den 1987 erschienene Bericht „Unsere gemeinsame Zukunft“ der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, der auch als wichtiger auslösender Faktor für die 1992 in Rio de Janeiro abgehaltene UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung gilt. 11
gisch tragfähig. Vgl. Huber (1995), S. 10, Fischer (1998), S. 9 sowie Gebhard (1999), S. 44 f.
onsrate des Waldes nicht überschritt. Vgl. Breidenbach (1996), S. 108.
wird von vielen Autoren jedoch das Jahr 1972 betrachtet, in dem der Bericht “Grenzen des Wachstums” des Club of Rome veröffentlicht wurde, die erste Umweltkonferenz der UN in Stockholm statt-fand und die Aktivitäten des Umweltprogramms der UN aufgenommen wurden.
der Weltkommission herrührt, bekannt; vgl. BLK (1999), S. 15.
3
1.1.2 Ökologische und soziale Probleme als Entstehungshintergrund des Leitbilds nachhaltiger Entwicklung und deren Zusammenhang mit wirtschaftlichem Handeln
Wie bereits die in gebotener Kürze dargestellte Geschichte des Begriffs vermuten lässt, kann das Leitbild nachhaltiger Entwicklung als aufkeimende Antwort auf die wachsenden sozialen und ökologischen Probleme gesehen werden, welche durch anthropogene Eingriffe zumindest mitverursacht wurden. Der Bericht „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome aus dem Jahre 1972 kann wohl als das Werk gelten, mit dem zum ersten Mal eine breite Öffentlichkeit auf die vorherrschenden ökologischen und sozialen Probleme aufmerksam gemacht wurde.
Eine vollständige Aufzählung sämtlicher Probleme würde hier zu weit führen, jedoch seien an dieser Stelle einige exemplarisch erwähnt: 12
• Ökologische Probleme: Klimaveränderungen, Biodiversitätsverlust, Süsswasserverknappung, Bodendegradation
• Soziale Probleme: Armut, Benachteiligung sozialer Gruppen, unwürdige Arbeitsbedingungen 13
Wie sich unschwer erkennen lässt, sind dies nur relativ globale Oberbegriffe, unter denen viele Probleme zusammengefasst sind.
Die vorherrschenden ökologischen Probleme sind zwar bekannt, doch besteht bzgl. der Zusammenhänge im globalen Ökosystem noch Forschungsbedarf. Aufgrund der ungeheuren Komplexität dieser Zusammenhänge und den hier nicht selten auftretenden räumlichen und zeitlichen Unterschieden zwischen Verursachung und Wirkung 14 erscheint es durchaus möglich, dass weitere ökologische Problematiken in Zukunft zu Tage treten könnten.
Durch anthropogene Einwirkung verursachte ökologische Probleme lassen sich primär als Folge von Ressourcenübernutzungen erklären. Eine Kategorisierung natürlicher Ressourcen kann nun grob einerseits anhand der Ressourcenfunktion als Quelle oder Senke, andererseits anhand der Regenerierbarkeit als erneuerbar oder nicht erneuerbar erfolgen.
rend, da ökologische und soziale Probleme teils eng miteinander verbunden sind bzw. sich wechselseitig bedingen können.
Milliarden Menschen, mit weniger als einem US-Dollar am Tag auskommen; 20 % der Kinder in den ärmsten Ländern sterben, bevor sie fünf Jahre alt sind; die Hälfte aller Kinder in den Entwicklungsländern ist unterernährt; das Durchschnittseinkommen in den 20 reichsten Ländern beträgt das 37-fache des Durchschnittseinkommens in den 20 ärmsten Ländern - eine Kluft, die sich in den letzten 40 Jahren verdoppelt hat. Vgl. Elliesen (2003) (ohne Seitenangabe).
CO 2 -Emissionen verursachte globale Erderwärmung hingewiesen.
4
Die vorherrschenden sozialen Probleme sind vielseitig; Kategorisierungsversuche erscheinen hier relativ schwierig. Auf Basis einer Kategorisierung nach anthropogeographischen Kriterien lassen sich einerseits Disparitäten zwischen Ländern/Regionen bzw. Ländergruppen (die Disparitäten zwischen Industrie- und Entwicklungsländern), andererseits Disparitäten innerhalb derselben feststellen. 15
Hinsichtlich der sozialen Probleme sind besonders deren kulturelle und entstehungsgeschichtliche Hintergründe zu betrachten. Im Hinblick auf die Disparitäten zwischen Ländern/Regionen bzw. Ländergruppen ist dabei in historischem Sinne weit zurückzublicken; besonderes Augenmerk kommt hierbei der Kolonialisierung zu, deren Mitverantwortlichkeit für die heutige Situation vieler Entwicklungsländer (z.B. Monokulturen im Exportsektor etc.) sicherlich nicht zu bestreiten sein dürfte.
Zur wechselseitigen Bedingtheit ökologischer und sozialer Probleme sei hier exemplarisch lediglich die armutsbedingte Landübernutzung erwähnt, welche Bodenerosion verursacht, deren indirekte Konsequenz wiederum weitere Verarmung der Bevölkerung ist.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ökologische und soziale Probleme oft einhergehen. Wesentliche Bedeutung bzgl. der Verursachung selbiger kommt wirtschaftlichem Handeln zu, sowohl seitens der Konsumenten, als auch seitens der Produzenten. Die Volkswirtschaftslehre und die Ökologische Ökonomie analysieren die (externen) Effekte, die Handlungen von Akteuren des Wirtschaftssystems auf einzelne Ökosysteme bzw. das globale Ökosystem haben. 16 Dadurch, dass natürliche Ressourcen nicht mit ihren wahren, sondern zu geringen bzw. keinen Kosten in die Optimierungskalküle der wirtschaftlich handelnden Akteure eingehen, kommt es zu deren Übernutzung. 17 Diese Übernutzung steht in eklatantem Widerspruch zur Tatsache, dass das Wirtschaftssystem langfristig nur auf Basis eines intakten Ökosystems existieren kann; im kurzfristigen Gewinn- und Nutzenmaximierungskalkül der Akteure im Wirtschaftssystem wird dies jedoch nicht berücksichtigt. Die kurzfristige ökonomische Rationalität des Maximierungskalküls widerspricht somit einer langfristigen Rationalität,
logischen Systems betrachtet werden. Da das offene ökonomische System auf die Quellen und Senken des geschlossenen ökologischen Systems zurückgreift, bildet dieses auch die Grenze für das Wachstum des ökonomischen Systems. Die Wachstumsgrenzen des ökonomischen Systems, auf die schon im 1972 erschienenen Bericht „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome hingewiesen wurde, scheinen zumindest teilweise bereits erreicht zu sein, da der Einfluss des Ökonomischen Systems mittlerweile dazu geführt hat, dass natürliche Kreisläufe und damit „...auch die künftigen Lebens- und Wirtschaftsbedingungen der Menschen weltweit bedroht sind.“ [Gebhard (1999), S. 4]. Vgl. hierzu auch Willke (1994), S. 49 f.
wirtschaftlichen Optimierungskalkül erfolgt.
5
welche auf den Bestandserhalt der Gesellschaft und somit auch des Wirtschaftssystems selbst abzielt.
Wirtschaftliches Handeln ist somit in seinen Konsequenzen nicht ausschließlich auf das Wirtschaftssystem bezogen; diese erstrecken sich auch auf dessen Umwelt und können einerseits ökologischer, andererseits sozialer Art sein. 18 Im Zusammenhang mit dem Leitbild nachhaltiger Entwicklung ist dies von besonderer Bedeutung.
1.1.3 Zentrale Aspekte des Leitbilds nachhaltiger Entwicklung
Das Konzept nachhaltiger Entwicklung ist eine regulative Idee, eine Vision für die Gestaltung einer möglichen und wünschenswerten Zukunft, kurz: ein Leitbild. In der wissenschaftlichen Literatur findet sich mittlerweile eine kaum mehr überschaubare Vielfalt an Definitionen zum Leitbild nachhaltiger Entwicklung, die sich teils nur begrifflich, teils aber auch inhaltlich unterscheiden. Eine erste inhaltliche Annäherung liefert der Brundtland-Bericht (s.o.), in dem nachhaltige Entwicklung beschrieben wird als „...Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ 19
1.1.3.1 Inter- und Intragenerationelle Gerechtigkeit
Bereits in diesem ersten Zugriff wird ein erster Aspekt deutlich: Den Bedürfnissen künftiger Generationen wird eine hohe Bedeutung zugemessen. Dies ist der zukunftsethische Aspekt des Leitbildes nachhaltiger Entwicklung, der auf intergenerationelle Gerechtigkeit abzielt.
Jedoch wird nicht nur Gleichheit bzgl. der Lebenschancen zwischen einzelnen Generationen, sondern auch innerhalb einer Generation angestrebt; als gegenwartsethischer Aspekt des Leitbilds nachhaltiger Entwicklung steht somit die Forderung nach intragenerationeller Gerechtigkeit.
Hieraus folgt jedoch keineswegs eine einheitliche inhaltliche Sichtweise einer nachhaltigen Entwicklung, sondern es finden sich die unterschiedlichsten Positionen, sei es hinsichtlich der vertretenen ethischen Grundposition (ökozentrisch oder anthropozentrisch), sei es hinsichtlich des zugrundeliegenden Gerechtigkeitskonzepts (Bedürfnis-, Leistungs- oder Verteilungsge-
spätererStelle dargestellt werden; vgl. Kap. 2.2.
6
rechtigkeit) oder sei es hinsichtlich des Primats intra- oder intergenerationeller Gerechtigkeit. 20
Betont werden muss, dass das Leitbild nachhaltiger Entwicklung keinesfalls auf eine rein ökologische Komponente reduziert werden darf (auch wenn diese ein essentieller Bestandteil des Leitbilds ist); ebenso zentral wie die ökologische Komponente, welche direkt aus dem zukunftsethischen Aspekt ableitbar ist, da ein intaktes globales Ökosystem die zentrale Le-bensgrundlage (nicht nur) für künftige Generationen darstellt, ist die aus dem gegenwartsethischen Aspekt folgende soziale Komponente, welche auf einen Abbau sozialer Disparitäten abzielt.
1.1.3.2 Retinitätsprinzip und zentrale Dimensionen der Nachhaltigkeit
Da nun wirtschaftliches Handeln, wie bereits oben erwähnt, in seinen Folgen nicht ausschließlich auf das Wirtschaftssystem beschränkt bleibt, sondern auch ökologische sowie soziale Auswirkungen hat, ist im Rahmen des Leitbilds nachhaltiger Entwicklung das Retinitätsprinzip von zentraler Bedeutung: Aufgrund der vielfältig vernetzten Zusammenhänge innerhalb des globalen Ökosystems, zwischen diesem und den menschlichen Gesellschaftssystemen sowie innerhalb dieser ist es unerlässlich, diese holistisch zu betrachten, um auch die Wechselwirkungen zwischen ökologischem, ökonomischem und sozialem System zu erfassen und somit die Verantwortbarkeit der Auswirkungen entscheiden zu können. 21 Die jeweiligen, in diesen Systemen angestrebten Ziele sollen nicht voneinander abgespalten, sondern in einem globalen Zusammenhang miteinander vernetzt und integrativ betrachtet werden. Dies impliziert nun einerseits eine globale Betrachtungsweise, andererseits sind stets kulturelle Belange einzelner Gesellschaften mit zu berücksichtigen. Insgesamt kann somit von drei zentralen Dimensionen des Leitbilds nachhaltiger Entwicklung gesprochen werden: der ökonomischen, der ökologischen und der sozialen Dimension. 22
bzw. Mischformen finden lassen. Vgl. Fischer (1998), S. 50 ff. sowie Birnbacher/Brudermüller (2001), S. 20 ff. zur ethischen Grundposition, Huber (1995), S. 87 f. zum Gerechtigkeitskonzept sowie zum Konflikt zwischen inter- und intragenerationeller Gerechtigkeit de Haan (1998), S. 135 f.
mension. Vgl. BLK (1998), S. 20 ff. Unstrittig ist, dass im Leitbild nachhaltiger Entwicklung sowohl eine globale als auch eine kulturelle Perspektive einschlägig zu berücksichtigen sind (s.o.); der Auffassung, sie als eigenständige Dimensionen zu betrachten, wird hier nicht gefolgt (die Eigenständigkeit der globalen und kulturellen Dimension wird auch in der Machbarkeitsstudie „Berufsbildung für eine nachhaltige Entwicklung“ des BMBF bezweifelt). Vgl. BMBF (2001), S. 31.
7
Als Ziele einer nachhaltigen Entwicklung sind für die ökonomische Dimension etwa eine Steigerung der Lebensqualität anstelle quantitativen Wirtschaftswachstums (dies ist mit nachhaltiger Entwicklung nicht vereinbar, da eine weitere Übernutzung der natürlichen Ressourcen die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit immer mehr gefährdet; als unmittelbare Konsequenz für eine nachhaltige Entwicklung ergibt sich zunächst in Bezug auf das ökonomische System eine „... Abkehr vom traditionellen wirtschaftlichen Wachstums- und Fortschrittsmodell.“ 23 ), ein hoher Beschäftigungsgrad und Preisniveaustabilität zu nennen; als zentrales Ziel im Rahmen der ökologischen Dimension gilt die Erhaltung des Naturkapitals; die Ziele im Rahmen der sozialen Dimension beziehen sich auf die Verwirklichung inter- und intragenerationeller Gerechtigkeit und den Abbau sozialer Disparitäten, z.B. soziale Sicherheit, Wohlstand, Frieden und Gleichberechtigung. 24
1.1.3.3 Managementregeln und Nachhaltigkeitsstrategien
Zur Umsetzung der ökologischen Ziele wurden Managementregeln und Nachhaltigkeitsstrategien formuliert. Die Managementregeln stellen Bedingungen für anthropogene Eingriffe in das globale Ökosystem dar und beziehen sich auf den Abbau erneuerbarer und nicht erneuerbarer Quellen, das Ausmaß der Nutzung von Senken, die zeitliche Dimension anthropogener Eingriffe sowie auf die Vermeidung von Gesundheitsgefährdungen. 25 Von den Nachhaltigkeitsstrategien, welche nach FISCHER entwickelt wurden, um die Managementregeln realisieren zu können, seien hier die vier populärsten kurz angeführt: 26
• Die Effizienzstrategie, die auf eine Steigerung der Ressourcen- und Energieproduktivität abzielt.
• Die Suffizienzstrategie, die eine umweltverträglichere Gestaltung von Konsum- und Lebensstilen anstrebt.
• Die Konsistenzstrategie, deren Ziel die Vereinbarkeit anthropogener Stoff- und Energieströme mit den natürlichen Stoffwechselprozessen ist.
• Die Permanenzstrategie, deren Ansatzpunkte langlebigere bzw. dauerhaftere Produkte und Materialien sind.
8
Ähnlich konkretisierte Leitlinien zu ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeitszielen liegen jedoch bisher nicht vor.
Zur Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung ist eine globale Zusammenarbeit unvermeidlich, da die sozialen, ökologischen und ökonomischen Auswirkungen der Wirtschafts- und Lebensweise einer Nation nicht auf deren Region, Gesellschaft und Kultur beschränkt, sondern global sind. Wesentliche Bedeutung kommt hier der Schaffung geeigneter Rahmenbedingung seitens der politischen Handlungsträger zu.
1.1.3.4 Die Bedeutung individuellen Handelns
Im Rahmen des Leitbilds nachhaltiger Entwicklung ist jedoch dem individuellen Handeln eine mindestens ebenso große Bedeutung zuzumessen, die umso größer wird, je weiter der Prozess der Globalisierung, also das „...erfahrbare Grenzenloswerden menschlichen Handelns...“ 27 fortschreitet, da die Konsequenzen individuellen Handelns immer mehr globaler Natur sind. 28 Somit ist für eine nachhaltige Entwicklung das verantwortliche Handeln von Individuen von zentraler Bedeutung; da individuelle Freiheit, hier konkret auf das Entscheiden und Handeln bezogen, zugleich Bedingung wie (soziales) Ziel einer nachhaltigen Entwicklung ist, kann eine nachhaltige Entwicklung nicht seitens politischer Handlungsträger „oktroyiert“ werden (wobei hier keinesfalls geleugnet wird, dass seitens dieser geschaffene Rahmenbedingungen im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung unterstützend wirken können), sondern muss auf gesellschaftlicher Ebene diskutiert werden, da eine nachhaltige Entwicklung letztlich von der Gesellschaft getragen werden muss. Deutlich wird hier, dass die Bedeutung, die dem Individuum zukommt, sich keineswegs alleine aus dessen Konsumhandlungen ableitet, sondern auch aus dessen Partizipation am gesamtgesellschaftlichen Diskurs.
Bereits aus dieser besonderen Bedeutung, die verantwortlichem individuellem Handeln im Rahmen des Leitbilds nachhaltiger Entwicklung zukommt, kann auch die Bedeutung von Bildung im Zusammenhang mit einer nachhaltigen Entwicklung abgeleitet werden, welche das Leitbild impliziert. Auch im Rahmen der Agenda 21 spielt Bildung für eine nachhaltige Entwicklung eine zentrale Rolle; ihr wurde darin nicht nur ein eigenes Kapitel gewidmet, sondern
nennen, begonnen bei Nahrungsmitteln (v.a. Frischwaren) über Textilien und Bekleidung bis hin zu Automobilen, Computern, Möbeln etc., deren Wertschöpfung teilweise oder auch ganz in anderen Ländern stattfindet bzw. dazu benötigte Rohstoffe aus anderen Ländern importiert werden, wodurch sich z.B. durch den Konsum eines solchen Artikels Auswirkungen ökonomischer, ökologischer und/oder sozialer Art auf die Wertschöpfungsregionen ergeben können. Vgl. hierzu auch Kap. 3.2.4.1.
9
auch in anderen Kapiteln wird immer wieder auf die Bedeutung von Bildung für eine nachhaltige Entwicklung hingewiesen.
1.2 Bildung
Der Bildungsbegriff - ein Begriff, dessen Geschichte bis zu Platon zurückreicht und der einen vielfachen Bedeutungswandel erfuhr - nimmt innerhalb der Pädagogik eine zentrale Stellung ein und ist aus dieser Disziplin nicht wegzudenken. 29 Dies war jedoch nicht immer so; besonders in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts war der Bildungsbegriff in heftige Kritik geraten. 30 Dass der Bildungsbegriff diesen Angriffen standhielt, liegt an seinem besonderen Gehalt, der über den anderer pädagogischer Begriffe wie Qualifikation oder Kompetenz hinausgeht. Bildung dient im Rahmen der Pädagogik als übergeordnete Orientierungs- und Beurteilungskategorie für pädagogische Maßnahmen; Bildung ist somit der oberste Maßstab.
1.2.1 Der Bildungsbegriff nach ROTH
Im Gegensatz zur Erziehung, welche stets in einem bestimmten Kommunikations- und Handlungszusammenhang erfolgt, bezeichnet des weiteren der Bildungsbegriff einerseits den Prozess sowie andererseits das Ergebnis; die starke prozessuale Komponente wird besonders bei ROTH deutlich, der Bildung beschreibt als „...nicht endende[n; G.H.] Entwicklungszustand, der den Menschen befähigt, möglichst umfassend die Welt zu erkennen, sich in ihr zurechtzufinden, sich mit den Problemen der Welt und mit den Fragen der Zeit auseinanderzusetzen, sie zu verstehen sowie wertend und verantwortungsvoll damit umzugehen.“ 31
Ebenso lassen sich hieraus die beiden wesentlichen Aspekte des Bildungsbegriffs extrahieren:
• Aneignung und Gestaltung von Kultur
• Entfaltung der Persönlichkeit
Aneignung und Gestaltung von Kultur umfasst einerseits eine rezeptive Komponente, d.h. die Auseinandersetzung mit materiellen, sozialen sowie geistigen kulturellen Errungenschaften (Regeln, Deutungsmuster, Sprache, Gebäude, etc.), um dadurch die Welt erkennen, sich darin zurechtfinden sowie die Probleme der Welt und die Fragen der Zeit verstehen zu können. Ein rein rezeptives Aneignen von Kultur wäre jedoch verkürzt und an sich noch nicht „bildungs-
10
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Gerhard Hirschmann, 2003, Grundlagen, Möglichkeiten und Grenzen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung im Rahmen des Wirtschaftslehreunterrichts, München, GRIN Verlag GmbH
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