Magisterarbeit
Warum sitzt man in Opernhäusern auf gepolsterten Sitzen, riecht
Geschichte und hörtsieht Musik?
Gedanken zu einer Synmodalästhetik
erarbeitet am Musikwissenschaftlichen Seminar
der Humboldt-Universität zu Berlin
vorgelegt von
Stephan Aderhold
11. Juli 2002
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort ...2
2. Synästhesie ein Begriff mit 11 Buchstaben ...5
2.2. Erklärungsmodelle ...13
2.3. Über die Häufigkeit des Auftretens von Synästhesie ...18
2.4. Synästhesie ist (k)eine Krankheit ...22
3. Audiovisuelle Wahrnehmung, Synästhesie und Gesamtkunstwerk ...31
3.1. Film, Gesamtkunstwerk und Synästhesie ...35
3.2. Synästhesie, intermodale Analogie und Paradigma ...41
3.3. Audiovisualität ...46
4. Die Synmodalästhetik ...68
4.1. Zur Standortbestimmung einer Synmodalästhetik ...74
5. Die Ästhetik der Atmosphären ...86
5.1. Subjekt und Objekt in der Atmosphäre ...93
5.2. Subjektiv, Objektiv, Synjektiv ...98
5.3. Synästhet und Synästhetiker ...103
5.4. Die Eigenschaft eines Objekts als dessen Bestimmung ...105
5.5. Die Wahrnehmung der ästhetischen Atmosphären ...116
5.6. Musik und Atmosphäre ...120
5.7. Kommunikative Atmosphären ...133
6. Resümee ...138
7. Literaturverzeichnis ...141
1. Vorwort.
Der ungewöhnliche Titel dieser Magisterarbeit beinhaltet alle fünf grundlegenden Sinne menschlicher Wahrnehmung, wenn man bereit ist, das Schmecken dem Riechen zu subsumieren. Will der geneigte Leser das Gustatorische als eigenständigen Sinn betrachtet wissen, dann sei darauf verwiesen, daß nach dem zweiten Bild des zweiten Aktes der Oper La Traviata von Giuseppe Verdi, also genau in dem Moment als die Existenz von Alfredos Eklat auf dem Fest von Flora eingefroren wird,1 ein Gang an das Büffet zu Stärkung und zu Genuß anempfohlen wird. Allerdings reichen cirka 20 Minuten Pause selten um das erhoffte Glas Champagner zu ergattern, zumal wenn man nur die billigen Karten des vierten Rangs sein eigen nennen kann. Dafür kann die Hoffnung auf ein distinguiertes Abendessen nach der Vorstellung, also nach der Rückkehr der Personen und der Handlung in das Kontinuum der Geschichtlichkeit, oder einfacher: nachdem der rote Vorhang, natürlich nach Stürmen des Applauses, gefallen ist, aufkeimen. Nicht selten kommt es dann vor, daß nach kulturellem Genuß, oder Konsum – je nachdem – der Streß des Arbeitstages dem Gefühl der Erholung Platz machen muß. Dann noch ein gutes Gespräch über die stimmlichen Qualitäten der Violetta und des Alfredos, natürlich auch über die Inszenierung, das Bühnenbild, die Beleuchtung und man ist sich einig: ein Opernbesuch kann viel mehr Kunstgenuß bieten als der perfekte Pavarotti aus der Retorte. Gerade die kleinen Unsauberkeiten in der Höhe sind ja geradezu die Expertise für das Erleben des Originals. Hat man leider keine Begleitung für den Opernbesuch und das nachfolgende Abendessen, schließlich gelangen Opern nicht morgens um Viertel Zehn zur Aufführung, gefunden, dann schreibt man seine Erlebnisse in einem Brief nieder oder flüchtet sich nach Hause vor den heimischen Fernseher. Dann bleibt aber wenigstens die Erinnerung an eine Opernaufführung und die Erinnerung an die Atmosphäre, die in der Garderobe herrschte, als alle Operngäste, meist zu zweit, sich eilig auf den Weg machten. Vielleicht war es die Atmosphäre der Einsamkeit, schließlich hüllten sich die meisten Paare in ihr feinstes Tuch. Oder aber es war eine Atmosphäre der Erhabenheit – der Stuck an den Wänden wurde so feinsinnig ausgeleuchtet und man atmete ja pure Geschichte: denn die Skulpturen an der Wand sind aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert.
Wurde die Beschreibung eines Opernbesuches und nicht allein die Deskription und Analyse einer Oper an den Anfang dieser Arbeit gestellt, dann geschah dies aus der Einsicht heraus, daß alle musikalischen Gattungen, ob komponiert oder improvisiert, nicht ‚für die Schublade hergestellt wurden’. Der den Werken, Kunstartefakt oder Kulturprodukt, inhärente Zweck, zur Aufführung zu gelangen und damit der Öffentlichkeit zugänglich zu werden, nährt eine andere Einsicht. Die Einsicht, daß jedwede Art von Rezeption oder Konsum nicht allein an das Werk sondern vielmehr auch an die externen Begleitumstände gebunden ist. Alle ästhetische Betrachtung verfehlt ihre Bestimmung, wenn sie allein werkimmanent vollzogen wird: sie verharrt in Analyse. Das Kunstwerk oder das Kulturprodukt wirkt nicht in einem Vakuum sondern ist abhängig von äußerlichen Variablen. Diese Variablen können ihrer Struktur nach eher objektiv oder subjektiv sein. So fällt bei einem Opernbesuch nicht minder als die Inszenierung bspw. die Temperatur des Zuschauerraumes ins Gewicht. Objektiv kann diese für die Allgemeinheit zu hoch sein, subjektiv wird sie von jedem einzelnen Zuschauer anders empfunden und bewertet. Dieses sicherlich übertriebene Beispiel verdeutlicht aber die Konsequenzen, die eine Beschreibung aller Umstände von Rezeption zu tragen hat. Das Mittel, das so etwas zu leisten in der Lage sein soll, ist das der Synmodalästhetik. Ihr Zentralbegriff ist der der Atmosphäre.
Verstand Immanuel Kant, in der Tradition Alexander Baumgartens, noch Ästhetik als sinnliche Erkenntnis aus der ästhetischen Erfahrung, so hat in der Geschichte der Ästhetik eine Verschiebung zugunsten der Theorie der Künste, des Schönen und der Urteile stattgefunden. Diese Verlagerung weg von den sinnlichen Wahrnehmungsqualitäten hatte durchaus Berechtigung innerhalb festgefügter Kunst-, Werk- und Formbegriffe. An dieser Stelle hat aber der Hebel der Moderne und der Postmoderne ganze Arbeit geleistet und es ist abzusehen, daß die Entwicklung der Auflösungstendenzen weiter voranschreitet. Zum einen ist hier technologischer Fortschritt aber auch vor allem schwindende Bindungskraft von Werten und Normen als Ursache zu sehen. Die Wahrnehmung und Beobachtung sollte ob dieser schnellen Entwicklungen wieder in den Vordergrund treten. Dabei soll eine tradierte Urteilsästhetik keinesfalls verleugnet werden; sie kann allerdings nur zu Ergebnissen gelangen, wenn eine Theorie von Kunst und Kultur sich auch als Theorie der sinnlichen Wahrnehmung versteht. Nun ist aber Wahrnehmung ihrerseits wiederum an eine Materialhaftigkeit des ihr Präsentierten gebunden. Beides kann der erwähnte Begriff der Atmosphäre integrieren. Die angesprochenen Auflösungstendenzen der Formen und der enorme technologische Fortschritt machen es aber erforderlich, daß mit einem holistischen Verständnis von Wahrnehmung operiert wird. Dieses lastet sich der Begriff der Synmodalästhetik an, der in diesem Verständnis auf eine Basis des Anerkennens aller Sinne gestellt wird. Daß in vorliegenden rezeptiven Situationen einzelne Sinne stärker angesprochen werden als andere, in der Oper wären dies der auditive und der visuelle, sollte nicht darüber hinweg täuschen, daß die anderen Sinne nicht auch ihre Dienste tun. Zumindest ist es denkbar, daß in der Zukunft mit geeigneten Mitteln in einer Opernaufführung auch der olfaktorische Sinn, zur Verdeutlichung des Duftes der Kamelie, die Violetta Alfredo übergibt, herangezogen wird. In Anbetracht der technologischen Entwicklungen sei nur auf die nicht unvorstellbaren Utopien von Virtualität verwiesen. Die Bedeutung der Wahrnehmung in solch einer Vorstellung ist ebenso eminent wie in der realen Welt.
Auf dem Weg zur methodologischen Verdeutlichung eines die Wahrnehmungssinne verdeutlichenden Systems liegt das Phänomen der Synästhesie. Es wird nicht verhehlt, daß die Synästhesie einen entscheidenden Einfluß auf die Konstitution dieser Gedanken gehabt hat. Das Wissen um eine von der Allgemeinheit abweichenden Wahrnehmungsform, bspw. die der audiovisuellen Rezeption versus die des synästhetischen Farbenhörens, hat die Idee und Vorlage für eine alle Sinne integrierende Struktur geliefert. Deshalb wird dieses Phänomen wie der aus ihr hervorgegangene ästhetische Begriff, der die physiologische Tatsache bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt(e), betrachtet.
2. Synästhesie – ein Begriff mit 11 Buchstaben. Oder: der Versuch einer Begriffslokalisierung.
Eine klare und eindeutige Begriffsbestimmung von Synästhesie ist notwendig. Gerade im Kontext der vorliegenden Arbeit muß ein eindeutiger Begriff, von dem was Synästhesie ist, gewährleistet sein. Daß in der Literatur verschieden weitgefaßte Begriffe von Synästhesie existieren ist nicht nur das Dilemma dieses Begriffes, leider.
[...]
1 Eine Besonderheit der Musik ist es, nur in dem Moment ihres Erklingens eine materielle Existenz zu besitzen. Das Verklingen löst die Musik von ihrem Material und ihre Ontologie überführt sich damit in die metaphysische Kenntnis, in das Wissen von ihrer Existenz.
Arbeit zitieren:
Stephan Aderhold, 2002, Warum sitzt man in Opernhäusern auf gepolsterten Sitzen, riecht Geschichte und hörtsieht Musik? - Gedanken zu einer Synmodalästhetik, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Gericht und Hierarchien bei Fr...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hauptseminararbeit, 25 Seiten
Die 'Querelle des Anciens et des Modernes' im Frankreich des ...
Kunst - Uebergreifende Betrachtungen
Hausarbeit, 18 Seiten
Unterrichtseinheit für die Grundschule: Bedeutsame Ernährungsregeln
Unterrichtsentwurf, 14 Seiten
Stephan Aderhold hat den Text Warum sitzt man in Opernhäusern auf gepolsterten Sitzen, riecht Geschichte und hörtsieht Musik? - Gedanken zu einer Synmodalästhetik veröffentlicht
Stephan Aderhold hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare