- I -
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis. III
Abk ürzungsverzeichnis IV
1 Problemstellung 1
2 Erziehungs- und sozialisationstheoretische Überlegungen. 4
2.1 Abgrenzung der Begriffe Erziehung und Sozialisation. 4
2.2 Migrationsforschung in der erziehungswissenschaftlichen Forschung 5
3 Migration in Deutschland 8
3.1 Geschichtliche Anmerkungen. 8
3.1.1 Europas wandernde Arbeiter 8
3.1.2 Von fremden Arbeitern zu Migranten. 10
3.2 Migrationsforschung. 11
3.2.1 Individualistische Sichtweise 12
3.2.2 Systemische Sichtweise. 14
4 Entwurf eines sozioökologischen Modells zur Erfassung von
Schulerfolgsdeterminanten in Migrantenschullaufbahnen. 17
4.1 Bronfenbrenners sozioökologisches Modell als Modell bikultureller
Entwicklungsprozesse. 17
4.2 Determinanten des Exosystems 21
4.3 Determinanten des Mesosystems. 27
4.4 Determinanten des Mikrosystems. 28
4.5 Individuelle Schülermerkmale 41
4.6 Zusammenfassende Interpretation 42
- II -
5 Prozess der Integration unter dem Gesichtspunkt der
Zweisprachigkeit und des Bilingualismus. 44
5.1 Begriffsbestimmung 44
5.2 Selbstkonzept bei ausländischen Heranwachsenden 47
5.3 Prozess des Zweitspracherwerbs 50
5.3.1 Spracherwerbsbedingungen im Integrationsprozess unter
Ber ücksichtigung des Selbstkonzeptes. 50
5.3.2 Modelle zweisprachiger Erziehung. 52
5.3.3 Sprachunterricht multinationaler Regelklassen unter Submersions-
Bedingungen. 55
5.3.4 Motivationsbezogene Aspekte 56
5.3.5 Auswirkungen der sozialen Kontakte auf den Zweitspracherwerb. 57
5.4 Deutsch als Muttersprache, Zweitsprache oder Fremdsprache 58
6 Förderungsprogramme zur Verbesserung der
Rahmenbedingungen der Integration. 60
6.1 Die Organisation der Sprachförderung. 60
6.2 Staatliche Institutionen 63
6.2.1 Sprachverband Deutsch e.V. 63
6.2.2 Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge. 65
6.3 Maßnahmen innerhalb des Schulwesens 68
6.3.1 Deutsch für Ausländer als Zusatzfach. 68
6.3.2 Unterricht in der Muttersprache als Zusatzfach. 69
6.4 Weitere Förderungsmöglichkeiten. 72
7 Fallanalyse 75
7.1 Methodische Vorüberlegungen. 75
7.2 Migrationsbiographie. 77
7.3 Schulische Entwicklung in der Heimat und in Deutschland 78
7.4 Auswirkungen der Determinanten der ökologischen Systeme auf den
Schulerfolg der Explorandin. 80
8 Zusammenfassende Interpretation und Ausblick. 83
Literaturverzeichnis 86
Abb. ................................ Abbildung
bspw. ................................ beispielsweise
bzw. ................................ beziehungsweise
d.h. ................................ das heißt
gem. ................................ gemäß
Hrsg. ................................ Herausgeber
Kap. ................................ Kapitel
M1 ................................ Migrantenkinder- und Jugendliche, die in ihrem Herkunftsland geboren und dort eingeschult worden sind
M2 ................................ Migrantenkinder, die kurz vor oder nach Schulbeginn in ihrem Herkunftsland in das Aufnahmeland migrierten
M3 ................................ Migrantenkinder, die bereits im Aufnahmeland geboren
m.E. ................................ meines Erachtens
o.ä. ................................ oder ähnliches
sog. ................................ sogenannte(n)
u.a. ................................ unter anderem
Vf. ................................ Verfasser
VHS ................................ Volkshochschule
z.B. ................................ zum Beispiel
z.T. ................................ zum Teil
- 1 - 1Problemstellung
Die Industrieländer der westlichen Welt sind schon seit Jahrzehnten aufgrund nationaler und internationaler Strukturveränderungen der Wirtschaft auf eine Zuwanderung von Arbeitskräften aus technisch weniger entwickelten Ländern angewiesen. Obwohl i n der Regel diese Migration 1 als zeitweilige und damit vorübergehende Notwendigkeit wahrgenommen und von einer Rückwanderung der eingereisten ausländischen Arbeitskräfte ausgegangen wurde, sehen sich die Industrienationen i nzwischen vor die Tatsache gestellt, dass sich die übergroße Mehrheit der Arbeitsmigranten im Zuge der Familienzusammenführung zu einem beständigen Teil der Gesellschaft entwickelt hat und mit fortwährender Aufenthaltsdauer der zunächst als „Gäste“ angesehenen Migranten auch die Zahl der nachgezogenen oder hier geborenen Kinder gestiegen ist.
Diese Deutschland bzw. Europa betreffenden Migrationsbewegungen, welche ind ividuelles Herbeisehnen der Verbesserung der Lebensbedingungen und eine Triebkraft menschlicher Entwicklung darstellen, werden unterschiedlich als Wanderungen von Arbeitsmigranten, (Spät-)Aussiedlern, Flüchtlingen, Asylbewerbern etc. b ezeichnet und damit separiert. In dieser Arbeit werden sie jedoch als unterschiedliche Ausprägungen eines Phänomens verstanden: Der Migration.
Migration als die befristete oder dauerhafte Verlagerung des Lebensmittelpunktes in eine andere Kultur und die daraus entstehenden Probleme und Spannungen gehören zu den sensiblen Bereichen des wirtschaftlichen und sozialen Zusammenlebens einer Gesellschaft. Die eigene Heimat freiwillig oder gezwungenermaßen zu verlassen und „in der Fremde“ eine neue Existenzgrundlage zu finden, ist oft ein aufwändiges sowie bisweilen leid- und spannungsgeladenes Unterfangen; individuelle und gesellschaftliche Ausgrenzung gilt es beiseite zu räumen oder wenigstens zu umgehen. Mit welchen Problemen dieser Anpassungs- und Integrationsprozess häufig behaftet ist, zeigt schon allein die Tatsache, dass es erhebliche Schwierigkeiten bereitet, die
1 In dieser Arbeit wird der Begriff „Migration“ - soweit als möglich - anstelle des deutschen Wortes
„Wanderung“ gebraucht, um die Mehrdeutigkeit des letzteren und die evtl. damit verbundenen Miss-
verständnisse auszuschließen.
- 2 -Migrantenjugendlichen definitorisch zu beschreiben. Einige willkürlich ausgewählte Titel von Veröffentlichungen zum Thema Migrantenjugendliche sollen dies verdeut-lichen: „Das verhaltensgestörte Gastarbeiterkind“, „Die tickende soziale Zeitbom-be“, „Orientierungsprobleme ausländischer Juge ndlicher“ oder „Zwischen Ghetto und Knast“. Demnach handelt es sich bei Migrantenjugendlichen um eine verlorene Generation, Wanderer zwischen zwei Kulturen - oder ist dies eine Fehleinschät-zung?
Die Gesellschaft reagiert auf die Integrationskonflikte mit Förderungsmaßnahmen für Migrantenkinder, die hinsichtlich ihrer integrationspolitischen Maßnahmen in zwei Aufgabenfelder zu unterscheiden sind: 1. Verbesserung der Integration bereits Zugewanderter und 2. Anbietung von Integrationsleistungen für zukünftige Zuwanderer. Diese Maßnahmen beschränken sich jedoch lediglich in schulischen Zusatzangeboten im Fach Deutsch (für Ausländer) und bleiben auch aufgrund der Tatsache, dass sie nur einen Aspekt der Integration betrachten, größtenteils erfolglos. Die Beherrschung von Deutsch als Kommunikationssprache stellt allerdings für die ausländische Bevö lkerung den immer noch wichtigsten Faktor zur Integration in die deutsche Gesellschaft dar. Mangelnde Kenntnisse der deutschen Sprache erhöhen sowohl die soziale Distanz, bedingt durch den rechtlichen Status als „Ausländer“, als auch die kulturelle Distanz, welche sich durch Merkmale der Sprache und der unterschiedlichen Wert- und Normvorstellungen ausdrückt. Die Frage der erfolgreichen gesellschaftlichen Integration der Migranten bedarf einer umfassenderen Lösung.
Ich werde im folgenden versuchen darzulegen, dass Mehrsprachigkeit nicht zu einem Hindernis für die Integration und den Schulerfolg werden muss, sondern vielmehr als Basis dienen kann, sofern eine mehrsprachige Erziehung sorgfältig geplant und nicht dem Zufall überlassen wird.
Zentrales Anliegen ist es die Einflussfaktoren auf den Schulerfolg für Migranten darzustellen, die Spracherwerbsproblematik als eine Determinante des Schulerfolgs zu kennzeichnen und die aktuell bestehenden Förderungsmaßnahmen (auch auf ihre Schwächen hin) zu untersuchen, um daraus resultierend Handlungsanweisungen generieren zu können.
- 3 -Insgesamt sollen folgende forschungsleitende Fragen beantwortet werden:
• Welchen Einfluss haben migrationsbedingte Sprachprobleme auf den Schulerfolg, und welches sind die weiteren Faktoren für den Schulerfolg und einer geglückten Integration in gesellschaftliche Strukturen?
• Wie gestaltet sich der Prozess der Integration von der Ausreise aus dem Heimat-land bis hin zum Zweitspracherwerb?
• Inwieweit unterstützen dabei bestehende Förderungsmaßnahmen die Integration von Migranten, und weisen diese Maßnahmen evtl. Schwachstellen auf? Im Anschluss an die Problemstellung führt die Arbeit in die theoretischen Grund lagen ein. Dabei bedarf es zunächst einer begrifflichen Abgrenzung von E rziehung und Sozialisation sowie einer Klärung der Positionierung der Migrationsforschung innerhalb der erziehungswissenschaftlichen Forschung. A nschließend werden in Kap. 3 die geschichtlichen Hintergründe der Migration sowie der Migrationsforschung skizziert und um aktuelle demoskopische Daten ergänzt. Kap. 4 widmet sich dem Versuch, ein umfassendes sozioökologisches Modell zur Erfassung von Schulerfolgsdeterminanten in Migrantenschullaufbahnen darzustellen. Dabei wird eine Klassifizierung der Determinanten in Determinanten des Exo-, Meso- und Mikrosystems vorgenommen und die jeweilige Bedeutung der Sprachsituation herausgearbeitet. Anknüpfend an dieses Modell sollen in Kap. 5 die zuvor ermittelten Faktoren unter besonderer Berücksichtigung der Bilingualität bzw. Zweisprachigkeit im Prozess des Zweitspracherwerbs und der Integration betrachtet werden. Im Anschluss daran erfolgt eine Kennzeichnung der vielfältigen Förderungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Nach einer beispielhaften Darstellung einer positiven Migrationsbiographie wird abschließend ein Resümee zur Spracherwerbsproblematik als Determinante der Integration gezogen.
- 4 - 2Erziehungs- und sozialisationstheoretische Überlegungen
2.1 Abgrenzung der Begriffe Erziehung und Sozialisation
Pädagogische Begriffsbildung ist traditionsgemäß schwierig, da pädagogische Theoriebildung aus Sichtweise verschiedener wissenschaftstheoretischer Ansätze mit oftmals voneinander abweichenden Methoden betrieben wird und das metatheoretische Regelsystem der betreffenden Richtungen zumindest teilweise unterschiedlich ist (vgl. WEBER 1972, S. 37). Dies erschwert den Versuch, einen Konsens zu erzielen, der die Entwicklung einer einheitlichen Terminologie ermöglichen würde. Soll jedoch die Eigenständigkeit der Pädagogik als Wissenschaft betont werden, ist eine gewisse fehlende Trennschärfe zu beobachten. Eine „realistische Pädagogik“ kann sich daher nach GLÖCKEL nicht nur auf eine erziehungswissenschaftliche Theorie zurückziehen, deren begrifflicher Bezugsrahmen die Erkenntnisse der pädagogischen Bezugswissenschaften ausspart (vgl. GLÖCKEL 1981, S. 7). Gerade bei den Humanwissenschaften sind eine Fülle von Interdependenzen festzustellen, die bestimmten terminologischen Festlegungen nicht eindeutig zugeordnet werden können (vgl. GLUMPLER 1985, S. 27).
Die soziologisch orientierten Erziehungstheoretiker FISCHER und KRIECK trennten den Bereich der Erziehung in einen intentionalen und einen funktionalen. Für die vorliegende Arbeit wird diese Unterscheidung aufgegriffen und unter intentionaler Erziehung die methodische und zielgerichtete Einwirkung des Erziehers auf den Zögling verstanden. Die funktionale Erziehung umfasst dage gen jede Art prägender und formender Einwirkung, die für die Einstellungen und das Verhalten des Erziehenden relevant und vom Erzieher nicht ausdrücklich geplant und beabsichtigt ist (vgl. ebenda 1985, S. 27).
Diese Definition der intentionalen Erziehung orientiert sich an dem Erziehungsbegriff, den KOB in seiner „Soziologischen Theorie der Erziehung“ beschreibt. Dabei bezeichnet er als Erziehung die bewusst auf stabile Beeinflussung von Personen gerichteten Handlungen des Pädagogen, in denen es zu einer geplanten Abfolge spezifischer Handlungsschritte kommt, mit dem Ziel, in Personen bestimmte Verhaltens- dispositionen zu entwickeln bzw. vorhandene zu verändern. Unter Sozialisation ver-
- 5 -steht er jeden Vorgang, in dem es durch Interaktionen zur Entwicklung relativ stabi-ler Verhaltensdispositionen im einzelnen Menschen kommt. Sozialisation bezieht demnach die intentionale Erziehung in ihre Untersuchungen mit ein (vgl. KOB 1976, S. 5 f. und S. 25).
BREZINKA betont bei seinem Definitionsversuch der Erziehung insbesondere den dauerha ften Charakter derselben und definiert Erziehung als „soziale Handlungen [...], durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Disposition anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvo ll beurteilten Komponenten zu erhalten“ (BREZINKA 1974, S. 95). Daraus abgeleitet kann unter Erziehungshandeln ein Sonderfall im Gesamtzusammenhang des Sozialisationsgeschehens und unter Erziehung eine spezielle Variante von Sozialisation verstanden werden (vgl. GLUMPLER 1985, S. 27). Es kann auch festgestellt werden, dass die Bemühungen der Erziehungswissenschaft über diejenigen der Soziali-sationsforschung hinaus gehen können. So beschreiben bspw. manche Richtungen der Sozialwissenschaften „nur“ aktuelle Gegebenheiten oder reproduzieren bestehende Verhältnisse, wohingegen sich erziehungswissenschaftliche Zielsetzungen nicht mit dem faktisch Gegebenen und Vorfindbaren begnügen, sondern vielmehr eine Weiterentwicklung und Verbesserung der bestehenden Realität über die Abbildung realer Gegebenheiten hinaus anstreben (vgl. SILLER 1983, S. 33 f.).
2.2 Migrationsforschung in der erziehungswissenschaftlichen Fo rschung
Der Begriff der Migration stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Wandern, Wegziehen bzw. Wanderung. Er ist in den letzten Jahren, beeinflusst durch das weltweit in Verwendung geratene englische Wort „migration“, sowohl in der deutschen Alltagssprache als auch in der Begriffssprache der Sozialwissenschaften he imisch geworden. In den Sozialwissenschaften werden unter der Migration allgemein solche Bewegungen von Personen verstanden, die einen dauerhaften Wohnortwechsel bedingen. Seit 1960 wird dieser Wechsel als Migration erfasst, sobald er länger als fünf Jahre andauert. In Deutschland wird das Kriterium der Dauerhaftigkeit
- 6 -schon als erfüllt angesehen, wenn die Migration mit einem tatsächlichen Wohnsitz-wechsel von Gemeinde A in Gemeinde B verbunden ist (vgl. HAN 2000, S. 7 f.). WAXMANN definiert Migration als „eine längerfristige, räumliche Verlagerung des Lebensschwerpunktes über eine größere Distanz, bei der der bisherige soziale Akti-onsraum verlassen wird“ (WENNING 1993, S. 19). Diese Bedeutung von Migration ist vergleichbar mit dem Gebrauch des englischen Begriffes (vgl. FRANZ 1984, S. 31) und betont sowohl die Dauerhaftigkeit, die räumliche Bewegung als auch den Verlust der sozialen Verbindungen und soll in diesem Sinne in dieser Arbeit ver-wendet werden 2 .
Eine Theorie der Migration sollte in der Lage sein, den Umfang, die Richtung und die Zusammensetzung einer Migrantengruppe ebenso zu erklären, wie die Gründe für die Entscheidung zur Migration, die Wahl des Zielgebietes, die Form der sozialen Integration in das Aufnahmeland sowie die weiteren Entwicklungen inklusive Rückwanderungen (vgl. RICHMOND 1988, S. 7). Eine solch umfassende Theorie gibt es bis heute allerdings nicht, und es spricht wenig dafür, dass es sie in absehbarer Zeit geben wird. Zu vielschichtig sind die Einflussfaktoren und zu abweichend die dive rsen Interessen der beteiligten Forschungsrichtungen. Außerdem müssten sich aufgrund der großen Reichweite einer solchen Theorie der Migration sehr viele verschiedene Wissenschaften beteiligen. Dies würde von der Bevölkerungswissenschaft über die Geographie, Geschichte bis hin zur Ökonomie und von der Psychologie und Soziologie über die Anthropologie bis hin zur Erziehungswissenschaft reichen. Dennoch lässt sich ein Aspekt nennen, in dem sich alle beteiligten Forscher einig sind: Es handelt sich bei der Migration um ein komplexes Thema, an dem sehr viele verschiedene Wissenschaften beteiligt sind (vgl. FRANZ 1984, S. 88 ff. und WENNING 1996, S. 16).
Für die Migrationsforschung der achtziger und neunziger Jahre führte das vorwiegend sozialwissenschaftlich geprägte Erkenntnisinteresse zu einem Untersuchungsschwerpunkt im Bereich der Sozialisationsfo rschung. SCHMIDTKE bezeichnete während dieser Zeit als Aufgabe zukünftiger Ausländerpädagogik, das Stadium ver- 2 Darüberhinaus wird der Fokus auf die Verlagerung eines Wohnsitzes von einem Land in ein ande-
res verstanden, sofern sich aus dem Wortlaut der Arbeit nicht etwas anderes ergibt.
- 7 -allgemeinernder Aussagen zu überwinden und die Entwicklung eines konkreten Kindes in einer konkreten, durch Migration in einer multikulturelle Gesellschaft bestimmten Erziehungssituation in das Zentrum ihrer Untersuchungen zu stellen (vgl. SCHMIDTKE 1984, S. 80). Damit hat SCHMIDTKE zum einen die Notwen-digkeit einer Verlagerung des Erkenntnisinteresses von den Aspekten funktionaler Erziehung auf den Bereich der intentionalen angesprochen und zum anderen auf die Bedeutung von Fallanalysen hingewiesen, die während der damaligen Zeit weitge-hend vernachlä ssigt worden sind (vgl. GLUMPLER 1985, S. 28). Gleichzeitig verdeutlichte er, dass aus ausländerpädagogischer Sichtweise ein ande-res Verständnis vom Migrantenkind als „Untersuchungsgegenstand“ vorausgesetzt werden muss. Während es für die Sozialisationsforschung in erster Linie ein Objekt ungünstige r Sozialisationseinflüsse ist, versucht die erziehungswissenschaftliche Forschung herauszustellen, dass das Kind für seine eigene Entwicklung von Bedeu-tung ist, d.h. in seinem Vermögen, auf jeweils individuelle Situationen im Rahmen der Fähigkeiten zu reagieren und sie zugleich auch zu beeinflussen (vgl. ebenda, 1985 S. 28). Die vorliegende Arbeit versteht sich daher als Beitrag einer Ausländer-pädagogik im Rahmen der allgemeinen erziehungswissenschaftlichen Forschung in dem von SCHMIDTKE angesprochenen Sinn.
Ein erziehungstheoretisches Modell, welches eine Systematisierung der Faktoren ermöglichen soll, die Einfluss auf den Schulerfolg des einze lnen Schülers nehmen, wird in Kap. 4 vorgestellt. Zunächst erfolgt jedoch im folgenden Kapitel eine Darstellung der Rahmenbedingungen der Migration sowohl unter historischem als auch unter aktuellem Aspekt.
- 8 - 3Migration in Deutschland
3.1 Geschichtliche Anmerkungen
3.1.1 Europas wandernde Arbeiter
Der Grund der großräumigen Arbeitsmigration wird oftmals als Folge neuzeitlicher Wirtschaftsentwicklungen verstanden. Durch die Industrialisierung kam es zur Ab-wanderung der Landbevölkerung in die Städte und zur Emigration, der Auswanderung in andere Länder. Eine Triebfeder ist dabei die Suche nach besseren Lebens-und Arbeitsbedingungen. Allein zwischen 1861 und 1929 wanderten dreißig Millionen Menschen, zumeist Europäer, in die USA aus (vgl. CASTLES 1991, S. 132). Durch die spätere nationalsozialistische Kriegswirtschaft wurden weitere zwölf Millionen Menschen als Arbeitskräfte zwangsverschleppt, die meisten davon von Ostnach Westeuropa. Politisch motivierte Migrationsbewegungen folgten in den anschließenden Jahrzehnten: 1956 aus Ungarn, 1968 aus der CSSR, 1981 aus Polen, 1989 aus Rumänien sowie der ehemaligen DDR und seit 1991 kommen Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien sowie anderen Kriegsgebieten. Die staatlich geförderte Arbeitsmigration begann Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Industriegebiete im Nordwesten Europas benötigten Arbeitskräfte, um den Wirtschaftsaufschwung vorantreiben zu können. Dieser Bedarf wurde - getreu dem damaligen Motto „Kohle gegen Menschen“ - größtenteils aus Europas bzw. aus dem Südwesten Europas gedeckt. So wurden 1954 italienische und spanische „Gast“bzw. „Fremdarbeiter“ in belgischen und nordfranzösischen Produktionsbereichen wie Bergbau- und Stahlgebiete eingesetzt, die bei den einheimischen Arbeitern wenig beliebt waren (vgl. VIEHBÖCK/BRATIC 1994, S. 13).
Beide jeweils teilnehmenden Länder profitierten dabei von dieser Art der Kooperation: Das entsendende Land erhoffte sich einen „Export“ von Arbeitslosen und über den Rücktransfer von Devisen eine positive Bilanzierung der Auslandsverschuldung. Für das Aufnahmeland war der „Gastarbeiter“ als „Arbeiter auf Zeit“ ein willkommener Konjunkturpuffer, und den Arbeiter selbst lockten höhere Verdienstmö g- lichkeiten.
- 9 -In den darauf folgenden Jahren stieg die Zahl der Arbeitsmigranten in zunehmendem Maße an. Das Gewicht der klassischen Entsendeländer verschob sich auf das ehema-lige Jugoslawien, die Türkei und Portugal. Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die Schweiz wurden zu neuen Aufnahmeländern (vgl. ebenda, S. 13 f.). Mit der Ölkrise 1973 und der beginnenden Rezession änderte sich auch die politische Ein-stellung. Die Aufnahmeländer verhängten ohne Konsultationen mit den Entsende-ländern einen generellen Anwerberstopp, und arbeitslose Fremdarbeiter wurden in ihre Herkunftsländer zurück geschickt. In Europa jedoch stieg die Anzahl der mitt-lerweile für viele Wirtschaftsbereiche unverzichtbar gewordenen ausländischen Ar-beitskräfte bis 1980 noch auf insgesamt 13,3 Millionen an. Ab den achtziger Jahren zeichnete sich eine Veränderung der Migrationsrichtung ab. Für die „etablierten“ „Gastarbeiter“ wurden bulgarische, polnische, rumänische, slowakische, tschechische und ungarische Arbeitssuchende zu Billiglohnkonkurren-ten und vermehrten das Angebot des „grauen“ Arbeitsmarktes. In den neunziger Jahren lebten ca. 20 Millionen Menschen, die Migranten oder Migrantenkinder sind, in Europa. In Großbritannien, Frankreich und Deutschland hielten sich jeweils über vier Millionen Personen unterschiedlicher Herkunft auf, von denen vierzig bis fünf-zig Prozent aus außereuropäischen Lä ndern stammen (vgl. CASTLES 1991, S. 134). Mitte der neunziger Jahre lebten knapp dreißig Prozent der Zugewanderten schon zwanzig Jahre und länger in Deutschland. Heute werden diejenigen, die bis zum Anwerberstopp 1973 in die Bundesrepublik Deutschland kamen, als erste Generati-on bezeichnet. Dieser Begriff, der zu dem des „Gastarbeiters“ in eklatantem Wider-spruch steht (da dieser sich eigentlich nur vorübergehend hier aufhält und verschie-dene Generationen sich nie überschneiden würden), wurde aufgegriffen, als sich herausstellte, dass die Migranten Familienangehörige nachholten, hier eine Familie gründeten und andere private Beziehungen aufbauten. Die in den Aufnahmegesell-schaften geborenen Gastarbeiterkinder bzw. -kindeskinder wurden und werden seit- her als zweite bzw. dritte Generation bezeichnet (vgl. TREIBEL 1999, S. 129).
- 10 - 3.1.2Von fremden Arbeitern zu Migranten
Als „Gastarbeiter“ gefragt waren insbesondere junge, körperlich und seelisch gesunde, anspruchslose, ausdauernde und fügsame Männer, die in Zeiten schlechter Konjunkturlage jederzeit zurücksendbar sein sollten. Dabei wurde das als Rotation bezeichnete Prinzip als Regulativ am Arbeitsmarkt wirksam; der zeitlich begrenzt gedachte Aufenthalt sollte eine maximale Ausschöpfung der Produktivität garantieren und soziale Kosten der Qualifizierung jüngerer oder der Versorgung älterer Auslä nder gering ha lten (vgl. KREISKY 1986, S. 410).
Mitte der siebziger Jahre trat aufgrund der Unverzichtbarkeit der „Fremdarbeiter“ die Frage nach einer „Integration“ der mittlerweile schon seit Jahrzehnten in der Bundesrepublik Deutschland lebenden bzw. in diesem Land geborenen oder aufgewachsenen Migranten in den Vordergrund. Es zeigte sich, dass für einen Großteil von ihnen aus einem „Provisorium auf Zeit“ ein „Aufenthalt auf Dauer“ geworden war. Die „Gastarbeiter“ wurden zu „ausländischen Arbeitnehmern“ und diese zu Arbeitsmigranten. Während sich der Migrationsprozess als unumkehrbar erwies, wurde in zunehmenden Maße die Frage der Assimilation oder Integration der Migranten gestellt. In diesem Zusammenhang wurde unter Assimilation die bedingungslose Ein- bzw. Anpassung verstanden (vgl. LÜTTINGER 1986, S. 20, VIEH-BÖCK/BRATIC 1994, S. 17 und WENNING 1996, S. 19).
Die Ausländerpolitik bestimmte die Diskussion um die Migration. Existierte in den neunziger Jahre noch eine Förderung der Rückkehr aus lä ndischer Arbeitnehmer in das Herkunftsland, so spricht heute kaum noch jemand davon, die Anzahl z.B. der Türken in Deutschland zu reduzieren (vgl. MEIER-BRAUN 1995, S. 19 f.). Diese kurze Erläuterung soll exemplarisch verdeutlichen, wie unsystematisch und teilweise zugespitzt die Diskussion um die Migration war und ist. Ziel des folgenden Kapitels ist es, die Komplexität des Phänomens Migration sowie deren mögliche Gründe, Folgen und Funktionen genauer zu untersuchen sowie die Auswirkungen auf das Gesellschaftssystem und die Migration im Laufe eines Men- schenlebens aus individueller Sichtweise darzustellen.
- 11 - 3.2Migrationsforschung
Nicht alle Forschungsansätze zur Beschreibung und Erklärung von Migration können als Theorien im eigentlichen Sinne verstanden werden. Versuche, die Vielfalt der Phänomene der Migration nach Merkmalen zu ordnen, existieren reichlich. ES-SER beschreibt bspw. als Klassifizierungsmerkmale vier wichtige Dimensionen: Die Freiwilligkeit der Migration, die relative Machtposition der Migranten, die Absicht der Migranten in Bezug auf ihre Lebensweise und die Anzahl der mitwandernden Personen (vgl. ESSER 1980, S. 25). Den wohl bekanntesten Versuch zur Unterscheidung der Migranten des ehemaligen Großbritannien stellt das vor über 100 Jahren entwickelte Wanderungsmodell von RAVENSTEIN dar. Kurz gefasst sagen die „Wanderungsgesetze“ von Ravenstein folgendes aus: 1. Der Großteil der Wanderer legt nur eine kurze Strecke zurück. 2. Die Bewegungsrichtung zielt dabei auf Handels- und Industriezentren ab. 3. Je weiter eine Region von einer anderen Region entfernt ist, desto weniger direkte Wanderer gibt es zwischen den Regionen. 4. Jeder große Wanderungsstrom erzeugt auch einen Gegenstrom. 5. Fernwanderer gehen im Allgemeinen in Industriegebiete. 6. In der Stadt Geborene sind weniger mobil als auf dem Land Geborene. 7. Frauen sind mobiler als Männer.
8. Die Anzahl der Wanderungen hängt von der wirtschaftlichen Entwicklung ab (vgl. RA-VENSTEIN 1885, S. 51 f.).
Die obigen Aussagen sind stark geprägt vom Entwicklungsstand der Gesellschaft im ehemaligen Vereinten Königreich. So schlägt sich in den Aussagen 2 und 6 die damalige vorherrschende Land-Stadt-Wanderung nieder, und Aussage 7 erklärt sich durch die häufigen Arbeitsplatzwechsel der in erster Linie als Haushaltshilfen und Industriearbeiterinnen tätigen Frauen. Die anderen Regelmäßigkeiten behalten hingegen bis heute ihre Gültigkeit (vgl. WENNING 1996, S. 22). Aus diesen Aussagen entwickelte Modelle, wie bspw. die Distanz- und Gravitationsmodelle, die sog. Push-Pull-Konzepte sowie Modelle, welche ökonomische Fak-toren in den Vordergrund stellen, bleiben meist mit ihrer Aussagekraft hinter dem selbstgestellten Anspruch zurück. Dennoch werden sie zum Teil heute noch unhin-
- 12 -terfragt als Erklärung für Migration herangezogen (vgl. BÖS 1997 S. 58, TREIBEL, 1999 S. 39 f. und WENNING 1996, S. 23). Migrationstheorien, welche den indivi-duellen Entscheidungsprozess der beteiligten Einzelpersonen bzw. Familien zur Grundlage machen, versuchen diesem Sachverhalt zu entgehen.
3.2.1 Individualistische Sichtweise
Aus individualistischer Sichtweise wird kritisch hinterfragt, warum Menschen ihr Land verlassen und welche Konsequenzen das für sie selbst hat. Dabei wird frei nach ESSER zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Migration differenziert. Jeder freiwilligen Migration geht demnach ein individueller Entscheidungsprozess voraus, bei welchem Vor- und Nachteile abgewogen, materielle und immaterielle Kosten und Nutzen verrechnet werden, am Ende ein Entschluss gefasst und daraus resultierend der Wohnsitz verlegt wird. Im Anschluss daran sind Änderungen z.B. im Personalausweis, beim Autokennzeichen oder beim Einwohnermeldeamt vorzune hmen, die jedoch nur kurze Zeit in Anspruch nehmen. Weitaus länger gestaltet sich hingegen der Prozess, die Infrastruktur, Einkaufsmöglichkeiten und kulturellen Angebote kennen zu lernen sowie neue Sozialbeziehungen aufzubauen. Bei einer unfreiwilligen Migration ist dieser Entscheidungsprozess hingegen nur bedingt vorhanden. Bei Naturkatastrophen, wie bspw. der Überschwemmungen an der Oder im Jahr 2002, bleibt ebenso wenig kaum eine Wahl wie bei Verschleppungen von Zwangsarbeitern, Vertreibungen oder bspw. der Flucht der Kurden in Ric htung Türkei. Oftmals führen hohe Geburtenraten in Verbindung mit Bodenverknappung zu einer verstärkten Abwanderung der Landbevölkerung in die städtischen Zentren. Da der einsetzende Verstädterungsprozess nicht mit einer entsprechenden Verbesserung der Infrastruktur einhergeht und die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten zunimmt, erweist sich die Landflucht vielfach nur als eine Zwischenstation im Migrationsgeschehen (vgl. MEIER-BRAUN/KILGUS 1998, S. 33 und WEN-NING 1996, S. 25 f.).
Eine Grenzziehung zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Migration ist allerdings schwierig. Wenn z.B. am Herkunftsort keine Erwerbstätigkeit vorhanden ist oder
- 13 -nur für einen geringen Lohn gearbeitet werden kann, am Zielort jedoch eine besser bezahlte Beschäftigung möglich ist, ist dies dann eine freiwillige oder eine unfrei-willige Migration? Generell lässt sich sagen, dass das Motiv für eine Migration die Vorstellung ist, an einem anderen Ort - und das kann auch in einer anderen Gesell-schaft sein - „besser“ leben oder überleben zu können (vgl. WENNING 1996, S. 26).
Eine bereits Ende der siebziger Jahre groß angelegte Befragung ergab drei Gründe für Migrationen: Die Wohnung, der Arbeitsplatz bzw. Beruf und der Partner; dabei sind der Arbeitsplatz bzw. der Beruf das mit Abstand wichtigste Motiv der Migration (vgl. GENOSKO 1977, S. 199). Spätere Untersuchungen kamen zu ähnlichen Ergebnissen, jedoch konnte ein Teil der berufsbedingten Migrationen auf andere Faktoren (wie bspw. ein sicherer Arbeitplatz oder auch bessere Aufstiegsmöglichkeiten) als die Verdienstunterschiede zurück geführt werden (vgl. GENOSKO 1977, S. 215, KILLISCH 1979, S. 29 sowie MAREL 1980, S. 141).
Die Folgen, die sich für den einzelnen Migranten aus der Migration ergeben, werden in diesen Untersuchungen zumeist nur kurz genannt. Gemäß FRANZ gehören zu diesen Folgen u.a. Anomie, Ehescheidung, Kriminalität, Kulturschock, politische Einstellungen, Spracherwerb sowie Veränderung der Familiengrößen, des Einkommens und der Beschäftigungschancen (vgl. FRANZ 1984, S. 90). Es darf dabei nicht vernachlässigt werden, dass der Migrant nach seiner Wanderung vor der Aufgabe steht, seine soziale Einbindung in die neue Gesellschaft und seine gesamte sozialpsychische Orientierung zu erneuern. Er wird versuchen, sich den Kenntnissen und Fähigkeiten der dort schon lebenden Menschen anzugleichen und schließlich mit dem neue n Lebensbereich zu identifizieren. So scheint es verständlich, dass er anfälliger für Desorientierung ist und dass sein mitgebrachtes Wissen, seine Einstellung, Fähigkeiten und Kenntnisse zur Bewältigung des normalen Alltags in der neuen Umgebung oftmals nicht mehr ausreichend sind. Stellt sich der Migrant bewusst seiner neuen Situation und setzt er sich mit ihr auseinander, ist dies der erste Schritt hin zu einem „reflektierten“ Individuum, welches für die Entwicklung und Erha ltung moderner, multikultureller Gesellschaften wichtig ist (vgl. ESSER 1980, S. 16 ff.).
- 14 - 3.2.2Systemische Sichtweise
Die Migration von Menschen von einem Herkunftsland in ein Aufnahmeland hat jedoch nicht nur Gründe und Folgen für die jeweiligen Migranten selbst, sondern hat auch Konsequenzen für das Aufnahme- und Herkunftsland: Die dortigen Gesellschaftssysteme verändern sich, und es wird durch die Migration „zwangsweise“ eine Beziehung zwischen beiden Systemen hergestellt. Im folgenden werden daher beide Systeme gemeinsam betrachtet und nicht nach Gründen und Folgen g etrennt. Es wird exemplarisch eine der wichtigsten Funktionen von Migration für diese Systeme angesprochen 3 : Die Lösung eines Grundproblems moderner Gesellschaften (vgl. WENNING 1996, S. 30). ESSER sieht dieses Grundproblem darin, dass sich soziale Systeme zunehmend ausdifferenzieren und eine Ausweitung ihrer Kapazitäten vornehmen müssen bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Stabilität ihres Systems. Er versuchte 1980 nachzuweisen, dass Migration eine Möglichkeit darstellt, dieses Grundproblem zu lösen (vgl. ESSER 1980, S. 107) und betrachtet Migration als positiven Beitrag zur Lösung desselben: Die an der Migration beteiligten Familien erhalten ein Einkommen, welches sie sonst nicht verdienen könnten. Falls dieses in Form von Devisen in die Herkunftsländer zurückfließt, verbessert es dort die negative Zahlungsbilanz, führt zu einer binnenwirtschaftlichen Nachfragesteigerung und könnte auf diese Weise den Industrialisierungsprozess fördern. Nach BELLERS reduziert eine Migration ins Ausland auch die Arbeitslosigkeit und verringert soziale Spannungen. Nach Rückkehr der Migranten könnten diese - möglicherweise höherqualifiziert als zuvor - ihre Qualifikation für die Entwicklung des Herkunft slandes zur Verfügung stellen (vgl. BELLERS 1989, S. 113).
Diesen positiven Auswirkungen stehen Untersuchungen zu Folge jedoch auch negative gegenüber: So wird in der Literatur aufgeführt, dass die Probleme der Entsendeländer nicht gelöst, sondern lediglich in das Aufnahmeland exportiert werden und aufgrund der Migration auch innovative und qualifizierte Arbeitskräfte dem heimischen Arbeitsmarkt entzogen werden. Oftmals ließ sich nachweisen, dass nach Rückkehr der Migranten diese ihre Innovationskraft im Ausland zurück gelassen
3 weitere Funktionen sind der Spannungsausgleich zwischen den Systemen, eine Optimierung des
Faktoreinsatzes oder auch die Stabilisierung von Ungleichheiten. Vgl. hierzu WENNING, 1996, S.
32 ff.
- 15 -haben und sich künftig „von den Früchten ihrer Arbeit [...] ernähren möchten“ (e-benda 1989, S. 114). Auch der Devisentransfer zeigt nicht unbedingt den gewünsch-ten Effekt, da die Devisen in erster Linie einen Konsumeffekt nach sich ziehen und nur zu einem geringen Anteil zur Kapitalbildung verwendet werden. Dies kann zu Lohn-Preis-Steigerungen führen, welche eine destabilisierende Wirkung auf die Konjunktur ausüben würden. So könnte die gesamte Wirtschaft des Landes g e-schwächt werden (vgl. HARBACH 1976, S. 138 f.).
Für das Aufnahmeland sieht die Bilanz der Vor- und Nachteile einer Migration besser aus: Die zugewanderten Arbeitskräfte erhalten in der Regel niedrigere Löhne als die heimischen Arbeiter und erlauben es, einen hohen Produktionsumfang aufrecht zu erhalten und das Produktionspotenzial auszulasten. Dies kann sowohl zur Ankurbelung krisenha fter Wirtschaftszweige als auch zu Produktivitätssteigerungen und den Ausbau der industriellen und sozialen Infrastruktur genutzt werden. Im internationalen System kann dadurch auch die Stellung des Landes gestärkt werden. Dennoch wird auch hier, im Aufnahmeland, die Zuwanderung nicht nur positiv betrachtet. Gewerkschaften sehen in ausländischen Arbeitskräften eine Konkurrenz für ihre Mitglieder, weil durch eine Erhöhung des Arbeitskräfteangebotes die Löhne tendenziell gesenkt werden könnten und unter Umständen unrentable Unternehmen und Branchen länger am Leben erha lten werden würden. Auf diesem Wege werden die für die Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt notwendigen Rationalisierungsmaßnahmen und Strukturveränderungen behindert oder verschoben und damit evtl. längerfristig sogar eine ökonomische Schwächung des Aufnahmelandes riskiert (vgl. BELLERS 1989, S. 113).
Insgesamt ist zu berücksichtigen, dass diese dargestellten Prozesse in den Herkunfts-und Aufnahmeländern in einem allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungsprozess stattfinden, der sich auch ohne den Einfluss der Migration ereignen könnte. Deshalb ist es schwierig, den genauen Beitrag der Migration zu diesen g esellscha ftlichen Veränderungen bestimmen zu können, und die heutige Migrationsforschung ist noch weit davon entfernt, ein geschlossenes Theoriegebäude vorweisen zu können (vgl. WENNING 1996, S. 35).
- 16 -Die Gründe und Konsequenzen der Migration für die einzelnen Migr anten weisen eine große Bandbreite auf, die von den Randbedingungen abhä ngig ist, in denen die Migration stattfindet. Die Bedeutung der Migration für die Herkunfts- und Aufna h-megesellschaft zeigt, dass sie in der Herkunftsgesellschaft kurzfristig zur Lösung verschiedener Probleme beitragen kann, langfristig aber fast ausschließlich negative Konsequenzen zu erwarten sind. Die Aufnahmegesellschaft profitiert in ähnlicher Weise sofort und ermöglicht sich auf längere Sicht eine weitergehende Modernisie-rung. Allerdings kann die Zuwanderung Muster bisherigen Selbstverständnisses in der Aufnahmegesellschaft in Frage stellen, wie etwa die Vorstellung einer monokul- turellen Gesellschaft (vgl. ebenda 1996, S. 35).
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Joachim Barth, 2003, Spracherwerbsproblematik als Determinante der Integration von Migranten, München, GRIN Verlag GmbH
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