Vergleichende Darstellung der Kriegsstrategien der 2. und 3. OHL am
Beispiel der Schlacht von Verdun 1916 und der Frühjahrsoffensive 1918
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
1. 1
2. Zur Konzeption der Strategien und deren Abhängigkeit von der Kriegslage 4
2.1. Die Kriegslage 1915 4
2.2. Die Ermattungsstrategie Erich von Falkenhayns 6
2.3. Die Kriegssituation im Jahre 1917 11
2.4. Die Vernichtungsstrategie der 3. OHL 14
2.4. 14
3. Zur Umsetzung der Operationspläne bei Verdun und im Frühjahr 1918 20
3.1. Die Bewährungsprobe der beiden Strategietypen 20
3.1.1. Die Verdun-Schlacht von 1916 20
3.1.2. Die Frühjahrsoffensive von 1918 25
3.2. Die Verdun-Schlacht und die Frühjahrsoffensive im direkten Vergleich 30
3.2.1. Die Ergebnisse 30
3.2.2. Der direkte Strategievergleich 33
4. Zusammenfassung 36
5. Anhang 39
6. Quellenverzeichnis 48
6.1. Literaturverzeichnis 49
6.2. Bild- und Kartenverzeichnis 51
6.3. Internetressourcen 51
6.3. 51
1. Einleitung
Der Erste Weltkrieg brachte viele Veränderungen in der Art, wie die Konfliktparteien ihre Kampfhandlungen bestritten. „Materialschlacht“ und „Stellungskrieg“ sind die militärhistorisch relevanten Termini für die Zeit von 1914 bis 1918. Sie stehen exemplarisch für die massenhafte Vernichtung von Menschenleben durch technische Neuerungen im Kriegswesen. Die Armeeführung des Deutschen Reiches musste 1914 - nach dem Scheitern des Schlieffen-Plans - die Entscheidung treffen, ob sie den Krieg offensiv und kräftezehrend oder defensiv und mit möglichst großer Schonung der eigenen Ressourcen weiterführen sollte. Die Be-fürworter eines Ausgleichsfriedens ohne Sieger und Besiegte standen den Annexionisten gegenüber, die einen klaren, militärisch erzwungenen Sieg für das beste Mittel hielten, den Krieg zu beenden. Dieser Gegensatz manifestiert sich in Erich von Falkenhayn auf der einen und in Paul von Hindenburg bzw. Erich Ludendorff auf der anderen Seite. Dabei sind nicht nur ihre Friedenskonzepte, sondern auch ihre Strategien zur Fortführung des Kampfes zwischen den Mittelmächten und den Alliierten vom Grundgedanken her verschieden, weshalb der Vergleich dieser beiden Kriegskonzeptionen den Schwerpunkt dieses Werkes bildet. Der Zeitrahmen umfasst die Jahre 1915 bis 1918, wobei die vorliegende Arbeit in zwei große Themenkomplexe untergliedert ist. Zum einen werden die Kriegsstrategien der 2. und 3. Obersten Heeresleitung (OHL) auf theoretischer Ebene vorgestellt, die bestimmten Rahmenbedingungen, wie Kriegslage und Ressourcenmangel, unterlagen, welche auf die Planungen Falkenhayns und Hindenburgs/Ludendorffs eine Wechselwirkung ausübten. Zum anderen werden die praktischen Aspekte der Strategien dargelegt, d.h. inwiefern die Dispositionen der militärischen Spitze des Deutschen Reiches in der Schlacht von Verdun und der Frühjahrsoffensive umgesetzt wurden. Zudem wird ein Strategievergleich aufgestellt, der die konkreten Auswirkungen beider militärischer Operationen gegenüberstellt und die politischen sowie taktischen Überlegungen in Relation zueinander setzt.
Der Hauptkomplex der Arbeit widmet sich anfangs der Kriegslage des Jahres 1915 um zu sehen, unter welchen Voraussetzungen die Falkenhaynsche Zermürbungsstrategie entstand, die sich an die militärischen Gegebenheiten anpasste und eine darauf basierende Kriegsführung entwickelte. Dem folgt die Offensivstrategie der 3. OHL, wobei auch hier die militärische Situation vor dem Operationsbeginn Berücksichtigung findet. Damit wird die theoretische Ebene der zu vergleichenden Kriegsstrategien abgeschlossen, um anschließend die Pra- 1 | S ei t e
xistauglichkeit der Kriegskonzepte zu untersuchen. Deshalb werden die Prämissen und Ziele der Ermattungsstrategie anhand der Beschreibung der Kampfhandlungen vor Verdun wiedergegeben. Die gleiche analytische Vorgehensweise wird auch bei der Vernichtungsstrategie Ludendorffs, der die Frühjahrsoffensive selbst entwarf, angewandt. Die genaue Untersuchung der zu vergleichenden strategischen Entwürfe und deren militärisch-politische Folgen werden am Ende dargelegt.
Darauffolgend soll dargestellt werden, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten die Theorie und die Umsetzung der Ermattungs- und der Vernichtungsstrategie auszeichnen. Dieser Vergleich wird an den konkreten Beispielen der Schlacht von Verdun des Jahres 1916 und den deutschen Offensiven im Frühjahr 1918 erläutert. Beide Konzepte mussten sich den neuen militärischen Gegebenheiten anpassen. Der Stellungskrieg an der Westfront verlangte nach modernen Strategien, die diesen entweder durch Ermattung auszunutzen oder durch Vernichtung, d.h. Bewegungskrieg, zu überwinden versuchten, wodurch sich neue Formen der Kriegsführung entwickelten.
Der aktuelle Forschungsstand in Bezug auf Verdun und die Persönlichkeit Falkenhayns wird sehr fundiert und detailliert in den Werken von Holger Afflerbach („Die militärische Planung des Deutschen Reiches“ und „Falkenhayn. Politisches Denken und Handeln im Kaiserreich“) reflektiert. Er schildert anschaulich die Umstände, die zur Entstehung der Ermattungsstrategie führten und hinterfragt kritisch den Quellenwert der Schriften der 2. OHL. Aber auch die Arbeiten aus dem englischsprachigen Raum, insbesondere von David Mason („Verdun“) und Roger Chickering („Imperial Germany and the Great War, 1914-1918“ und „Great War, Total War. Combat and Mobilization on the Western Front, 1914-1918“) leisten einen wertvollen Beitrag zur Verdun-Thematik. Eine bemerkenswerte Sammlung von Primärquellen, die die Erlebnisse von deutschen und französischen Kriegskombattanten schildert, die an der Schlacht teilnahmen, liefert das Buch von Jacques-Henri Lefebvre („Die Hölle von Verdun. Nach den Berichten von Frontkämpfern“).
Eine besonders genaue und umfassende Darstellung der Frühjahrsoffensive bietet das Werk von Hermann von Kuhl („Entstehung, Durchführung und Zusammenbruch der Offensive von 1918“). Jedoch versucht die Schrift die Leistungen der deutschen Soldaten im Weltkrieg zu überhöhen und die Fehlentscheidungen der 3. OHL zu kaschieren, was der präzisen Schilderung der Kampfhandlungen aber nicht wesentlich schadet. Eine sehr ausführliche und detaillierte Arbeit („Ludendorff. Legende und Wirklichkeit“) wurde von Wolfgang Venohr verfasst. Dieser war zwar früher Mitglied der Waffen-SS, seine Arbeit besitzt jedoch keinen
2 | S e i t e
politisch eingefärbten Charakter und beeindruckt durch ihre große Sachkenntnis. In ihr werden die Vorbereitungen, die Durchführung und die Ergebnisse der Frühjahrsoffensive breit dargelegt. Des Weiteren besticht das Werk von Martin Middlebrook („Der 21. März 1918. Die Kaiserschlacht“), das speziell den Beginn der Operation „Michael“ untersucht und insbesondere auf die Ausrüstungs- und Ausbildungslage der Soldaten eingeht. Außerdem vermittelt das Buch von Martin Kitchen („The German Offensives of 1918“) eine gelungene Gesamtdarstellung, wobei das darin befindliche Kartenmaterial dem Leser die Truppenbewegungen des deutschen Heeres gut nachvollziehen lässt.
Zudem warf der Artikel von Burkhard Köster („Ermattungs- oder Vernichtungsstrategie? Die Kriegführung der 2. und 3. Obersten Heeresleitung“) in der Zeitschrift „Militärgeschichte“ interessante Fragestellungen auf, lieferte eine sehr hilfreiche Grundlage zur direkten Analyse der Strategien und inspirierte den Autor zum Verfassen dieser Arbeit. Während der Recherche fiel dem Verfasser besonders der Mangel an ausführlichen Publikationen von Seiten der deutschen Historiografie zur Thematik auf. Im englischsprachigen Raum wurde die Schlacht von Verdun und die Frühjahrsoffensive viel stärker thematisiert und erforscht. Eine mögliche Erklärung könnte die bisherige Vernachlässigung der Militärge-schichtsforschung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland sein. Zukünftig muss sich die deutsche Geschichtsschreibung stärker mit den Möglichkeiten und Erfolgschancen der Frühjahrsoffensive auseinandersetzen. Oftmals wird die strategische und taktische Sinnlosigkeit dieses Unternehmens akzentuiert (z.B. bei Gunther Mai: „Das Ende des Kaiserreichs. Politik und Kriegführung im Ersten Weltkrieg“), was aber die Umstände und Zwänge, denen die Akteure unterworfen waren, nicht berücksichtigt.
Die in der Arbeit verwendeten Zitate wurden sämtlich in ihrer ursprünglichen Form belassen, d.h., dass die Rechtschreibung nicht verändert wurde, wobei die zitierten Quellen durch die kursive Schriftweise hervorgehoben sind.
Das im Anhang befindliche Karten- und Bildmaterial dient der Vergegenwärtigung von Truppenbewegungen, geografischen Rahmenbedingungen und Kampfsituationen der Schlacht von Verdun und der deutschen Frühjahrsoffensive von 1918. Zudem werden einige Fotografien verwendet, die dem Leser den Zugang zu den Kampfbedingungen der einfachen Soldaten und den Schilderungen im Text erleichtern sollen.
3 | S e i t e
2. Zur Konzeption der Theorien und deren Abhängigkeit von der Kriegslage
2.1. Die Kriegslage 1915
Das Jahr 1915 brachte keine wesentlichen Entscheidungen für den Ausgang des Ersten Weltkriegs, war jedoch das erfolgreichste der Mittelmächte. Die Angriffe der Triple-Entente (Großbritannien, Frankreich oder Russland) konnten erfolgreich abgewehrt werden, wobei an der Ostfront beachtliche Raumgewinne erzielt wurden. 1
Briten und Franzosen versuchten im Frühjahr erfolglos einen Durchbruch in der Champagne (16. Februar bis 20. März 1915), um ihren russischen Bündnispartner zu entlasten. Dieser erlitt in der Winterschlacht in den Masuren durch die deutsche Armee eine empfindliche Niederlage, bei der der östliche Kriegsgegner des Deutschen Reiches aus Ostpreußen verdrängt wurde und 100.000 seiner Soldaten nicht rechtzeitig zurückziehen konnte, sodass diese in deutsche Gefangenschaft gerieten. 2 Einen weiteren militärischen Erfolg erreichten die Mittelmächte in der Durchbruchsschlacht von Gorlice-Tarnów (1. bis 3. Mai 1915). Das russische Verteidigungssystem hielt den gegnerischen Angriffen nicht stand, weshalb sich die Truppen des Zaren auf breiter Front zurückziehen mussten, was einen 100 km weiten Vormarsch der Deutschen ermöglichte. Die OHL war bestrebt, mit militärischen Siegen ihren österreichischungarischen Bundesgenossen zu unterstützen und Italien von einem Kriegseintritt auf Seiten der Entente abzuhalten. 3 Dennoch gelang Falkenhayn dieses Unterfangen nicht, sodass eine neue Südfront entstand, welche aber wie im Westen schnell erstarrte und nur einen Stellungskrieg zuließ. 4
Das Kriegsgeschehen konzentrierte sich in der zweiten Jahreshälfte auf dem Balkan, wo Bulgarien dem Bündnis der Mittelmächte beigetreten war. Bis Ende 1915 wurden Serbien, Montenegro und Albanien erobert, was eine wichtige direkte Landverbindung zum Osmanischen Reich schuf. Die Reaktion der Entente-Mächte bestand in der Besetzung des neutralen Staates Griechenland und der dortigen Aufnahme der restlichen serbischen Truppen. 5
1 Vgl. Köster, Burkhard: Ermattungs‐ oder Vernichtungsstrategie? Die Kriegführung der 2. und 3. Obersten Hee‐ resleitung (OHL). In: Militärgeschichte. Zeitschrift für historische Bildung. 2/2008, S. 12.
2 Vgl. Wichmann, Manfred: Winterschlacht in den Masuren (7. Februar bis 25. Februar 1915). [http:// www.dhm.de/lemo/html/wk1/kriegsverlauf/masuren/index.html, Zugriff 02.05.09].
3 Vgl. Wichmann, Manfred: Durchbruchsschlacht von Gorlice‐Tarnów (1. bis 3. Mai 1915). [http://www.dhm.de/ lemo/html/wk1/kriegsverlauf/gorlice/index.html, Zugriff 02.05.09].
4 Vgl. Asmuss, Burkhard; Wichmann, Manfred: Kriegsverlauf. [http://www.dhm.de/lemo/html/wk1/kriegsver‐ lauf/index.html, Zugriff 02.05.09].
5 Vgl. Asmuss, Burkhard; Wichmann, Manfred: Kriegsverlauf. [http://www.dhm.de/lemo/html/wk1/kriegsver‐ lauf/index.html, Zugriff 02.05.09].
4 | S e i t e
Erstmals wurde im Westen bei der deutschen Ypern-Offensive in Belgien, die zwischen dem 22. April und 25. Mai 1915 stattfand, Giftgas eingesetzt. Trotz der hohen Verluste der Alliierten von 70.000 Mann gelang es den Truppen Kaiser Wilhelms II. nicht, einen entscheidenden Durchbruch in den Linien der Entente zu erzielen, wodurch keine Bewegung in die starre Front kam und der Stellungskrieg sich fortsetzte. 6
In der Herbstschlacht in der Champagne (22. September bis 6. November 1915) tobte die erste große Materialschlacht der Geschichte. Hierbei gerieten die deutschen Stellungen unter großen Druck der Briten und Franzosen, sodass sich die 2. OHL genötigt sah, Reserven von der Ostfront abzuziehen und nach Westen zu verlegen.
Die Offensive der Alliierten konnte nur unter einem hohen Blutzoll der deutschen Truppen gestoppt werden. Die Verluste beider Seiten beliefen sich insgesamt auf 400.000 Mann, was aber für den weiteren Kriegsverlauf keinen entscheidenden Einfluss hatte. 7 Die verlustreichen Angriffe der Entente hatten Falkenhayn gezeigt, dass im Stellungskrieg der Verteidiger durch die neuen Waffensysteme, wie z.B. das Maschinengewehr, taktisch überlegen war, weshalb in ihm die Idee reifte, die eigenen Kräfte maximal zu schonen und möglichst große Verluste beim Gegner zu erzeugen, d.h. dass seine Zermürbungsstrategie den einfachen Notwendigkeiten des modernen Krieges entsprang. Das Neuartige daran war die bewusste Bildung eines Brennpunktes, der den Gegner zum Einsatz von riesigen Truppenkontingenten zwingen und sie quasi in einem großen Schmelztiegel - in dem Feldherrenkunst belanglos wurde - aufreiben sollte.
Da sich die Lage an der Ostfront 1916 stabilisierte und kein größerer Angriff des Zarenreiches zu Beginn dieses Jahres von Falkenhayn erwartet wurde, lenkte dieser seine Aufmerksamkeit auf die Westfront, wo Briten und Franzosen im Zuge der Winterschlacht in der Champagne Druck auf die Truppen im Westen ausgeübt hatten. Das Deutsche Reich befand sich in einer Defensivlage, die es ihm nur erlaubte, auf Angriffe der Entente zu reagieren. Daher war die OHL bestrebt, die operative Handlungsfreiheit wieder für sich zu gewinnen. 8 Dabei kam für Falkenhayn keine Großoffensive im Osten infrage, weil eine realistische
6 Vgl. Wichmann, Manfred: Ypern‐Offensive (22. April bis 25. Mai 1915). [http://www.dhm.de/lemo/html/ wk1/kriegsverlauf/ypern/index.html, Zugriff 10.05.09].
7 Vgl. Wichmann, Manfred: Herbstschlacht in der Champagne (22. September bis 6. November 1915). [http:// www.dhm.de/lemo/html/wk1/kriegsverlauf/champagne2/index.html, Zugriff 10.05.09].
8 Vgl. Kraft, Heinz: Staatsräson und Kriegführung im kaiserlichen Deutschland 1914‐1916. Der Gegensatz zwi‐ schen dem Generalstabschef von Falkenhayn und dem Oberbefehlshaber Ost im Rahmen des Bündniskrieges der Mittelmächte. Göttingen 1980, S. 167. 5 | S e i t e
Chance bestand, mit Russland eine Verständigung zu erzielen, wohingegen die Westmächte auf einen klaren Sieg-frieden drängten. 9
2.2. Die Ermattungsstrategie Erich von Falkenhayns
Falkenhayns Strategie der Ermattung 10 bzw. Zermürbung ging davon aus, dass das Deutsche Reich den Krieg aus eigener Kraft nicht mehr gewinnen konnte. Daher konnte nur eine Erschöpfung des Gegners die Voraussetzung für einen Frieden zwischen der Entente und den Mittelmächten sein.
Nachdem der Schlieffen-Plan 11 , im Herbst 1914 gescheitert war, sah Falkenhayn nur noch eine politische Lösung des Krieges als aussichtsreich an. Er strebte einen Separatfrieden mit mindestens einem der Staaten der Triple-Entente an, indem er versuchte, Italien von einem Kriegseintritt gegen die Mittelmächte abzuhalten und Friedensverhandlungen mit dem Zarenreich einzuleiten.
Da beide Unternehmungen fehlgeschlagen waren, entwickelte der Generalstabschef seine Ermattungsstrategie, die den Angriff auf Verdun und das „Verbluten“ der französischen Armee dort vorsah. Durch eine für den Gegner demoralisierende, zermürbende Kriegsführung wollte er die begrenzten Ressourcen des Deutschen Reiches effektiv ausnutzen. Die letzte Phase seiner Amtszeit als Chef des Generalstabs erstreckte sich von Ende Juli 1916, dem Beginn der für die Alliierten erfolglosen und verlustreichen Somme-Offensive (24. Juni bis 26. November 1916) bis zum Kriegseintritt Rumäniens (27. August 1916) auf Seiten der Entente. Diese beiden Ereignisse kosteten ihn sein Amt und ebneten den Weg für die 3. OHL unter Hindenburg 12 und Ludendorff. 13
9 Vgl. Kraft, a.a.O., S. 168.
10 Falkenhayn war ein Verfechter der friderizianischen Ermattungsstrategie. Er glaubte, das Beispiel Friedrichs des Großen im Siebenjährigen Krieg auf den Weltkrieg übertragen zu können. Damals, von 1756 bis 1763, stand der preußische König auch einer zahlenmäßig weit überlegenen Koalition gegenüber, die durch den Vorteil der Bewegung auf den inneren Linien und einer hinhaltenden Taktik, trotz aller Unwahrscheinlichkeit, besiegt wur‐ de (vgl. ebd.).
11 Der Schlieffen‐Plan sah die Umklammerung der französischen Verbände zu Beginn des Krieges vor, die in einer Zangenbewegung aufgerieben werden sollten. Damit sollte eine schnelle Entscheidung im Westen her‐ beigeführt werden, die es erlaubt hätte, sich danach vollständig nach Osten zu wenden (vgl. Asmuss, Burkhard: Der Schlieffen‐Plan. [http://www.dhm.de/lemo/html/wk1/kriegsverlauf/ schlieff/index.html, Zugriff 10.05.09]).
12 Hindenburg stand der Strategie Falkenhayns bei Verdun sehr kritisch gegenüber, was er in seinen Memoiren deutlich macht: „Die Verhältnisse an der Westfront waren nicht ohne Bedenken. Verdun war nicht in unsere Hände gefallen, auch die Hoffnung auf Zerreibung der französischen Heereskraft in dem gewaltigen Feuerbo‐ gen, der sich um die Nord‐ und Nordostfront der Festung gebildet hatte, war nicht verwirklicht. Ein Erfolg unse‐ res dortigen Angriffs war immer aussichtsloser geworden, aber das Unternehmen war noch nicht aufgegeben. 6 | S e i t e
In Falkenhayns „Weihnachtsdenkschrift“ 14 werden die grundlegenden Gedanken für den Feldzug im Jahr 1916 dargelegt. Laut Falkenhayn soll es sich dabei um Notizen für einen La-gevortrag handeln, den er im Winter 1915 vor dem Kaiser gehalten haben soll, und behandelt die Absichten, welche die 2. OHL in ihren Kriegsplanungen beeinflussten. Unklar ist, ob die Denkschrift Ende Dezember 1915 verfasst und/oder erst 1919 retuschiert wurde und somit als Dokument der Rechtfertigung des eigenen Handelns dient. Die innere Glaubwürdigkeit dieser Quelle führte dazu, dass die ältere Geschichtsschreibung sie kritiklos verwendete. Die moderne Historiografie (u.a. Holger Afflerbach) zweifelt jedoch stark die Authentizität dieses Schriftstücks an. 15
Die Überlegungen der 2. OHL beinhalteten eine offensive Angriffsführung. 16 In Falkenhayns Strategie war England der Hauptgegner. Er unterstellte dieser Nation einen absoluten Vernichtungswillen gegen Deutschland. Insbesondere durch den unbeschränkten U-Bootkrieg sollte der englische Gegner im Handelskrieg stark geschwächt und von seinen Kolonien abgeschnitten werden. 17 Diesem Unterfangen stand jedoch der Reichskanzler Bethmann Hollweg (1909 bis 1917) im Weg, der ein vehementer Gegner dieser Form der Seekriegsführung war. Aus diesem Grund wurde von Januar bis Mai 1916 im Armeehauptquartier um die Wiedereröffnung 18 des U-Bootkrieges gestritten. Der Chef des Großen Generalstabs vertrat in Bezug auf den Seekrieg folgende Standpunkte:
„1. Militärische Gründe gegen die Wiederaufnahme des Ubootkrieges bestehen nicht. 2. Ein ohne alle Einschränkungen geführter Ubootkrieg wird England bis Ende 1916 derart schädigen, daß es zum Frieden geneigt sein wird.
3. Der Ubootkrieg kann mit ausreichenden Mitteln und Aussicht auf vollen Erfolg Anfang März einsetzen.“ 19
Falkenhayn überzeugte Kaiser Wilhelm II. nicht von dieser Art der Kriegsführung, wodurch ein wichtiger Bestandteil seiner strategischen Planungen nicht zur Ausführung
An der Somme raste das Ringen nunmehr seit fast zwei Monaten. Wir kamen dort von einer Krisis in die andere. Unsere Linien standen andauernd im Zustand äußerster Zerreißprobe.“ (Hindenburg, Paul von: Aus meinem Leben. Leipzig 1934, S. 124).
13 Vgl. Afflerbach, Holger: Falkenhayn. Politisches Denken und Handeln im Kaiserreich. München 1994, S. 451f.
14 Falkenhayn zitiert Kraft, a.a.O., S. 297‐302.
15 Vgl. Afflerbach, Falkenhayn…, a.a.O., S. 353.
16 Vgl. ebd.
17 Vgl. Mason, David: Verdun. Gloucestershire 2000, S. 22.
18 Vgl. Afflerbach, Holger: Kaiser Wilhelm II. als Oberster Kriegsherr im Ersten Weltkrieg. Quellen aus der militä‐ rischen Umgebung des Kaisers 1914‐1918. München 2005, S. 23.
19 Afflerbach, Falkenhayn..., a.a.O., S. 381. 7 | S e i t e
kommen konnte, da Großbritannien militärisch und auch wirtschaftlich stark geschwächt werden sollte. 20
Die im Verlauf des Weltkriegs immer knapper werdenden Ressourcen und der Rückgang des personellen Nachschubs für das Deutsche Reich sollte durch eine Zermürbungsstrategie und deren psychologische Effekte auf den Kriegsgegner kompensiert werden, denn ein unerträglicher militärischer Druck sollte das nicht in seiner Existenz bedrohte England zur Aufgabe bzw. zum Nachgeben zwingen. 21 Um den englischen Rückzug vom europäischen Festland zu erreichen, plante der General der Infanterie Falkenhayn, Frankreich von seinem englischen Verbündeten zu trennen. 22
Das Konzept der 2. OHL sah vor, dass das durch die Zermürbungsstrategie bei Verdun geschwächte Frankreich aus dem Krieg ausscheiden würde, da seine Kampfmoral gebrochen wäre. Dadurch sollte der Zusammenbruch der Entente ausgelöst und Großbritannien zu Frie-densverhandlungen gezwungen werden. Demzufolge war der Kampf um Verdun als Entscheidungsschlacht konzipiert, die einen langen Ermattungskrieg, den die Briten favorisierten, zu verhindern suchte. Dabei trug Falkenhayn den Erfahrungen aussichtsloser Großoffensiven, die auf einen Massendurchbruch abzielten, zu starken Verlusten und geringen Raumgewinnen führten, Rechnung. 23
Der Krieg wäre für den Generalstabschef dann schon gewonnen gewesen, wenn er nicht verloren werden würde, da die Alliierten mittel- bis langfristig den Waffengang durch ihre personelle und wirtschaftliche Überlegenheit für sich entscheiden würden. 24 Das Konzept der Ermattung sah eine „politisch-militärische Kriegsführung mit beschränkten Zielen und dem Gebot der äußersten Sparsamkeit“ 25 vor, das „einen Frieden ohne Sieger und Besiegte“ 26 als Ziel hatte.
Die englische Armee befand sich 1915 in einer Umstrukturierungsphase, da erstmalig die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde. Somit besaß diese noch keine volle Einsatzbereitschaft. Der deutsche Generalstabschef plante deshalb die Verzögerung dieser Umbildungsmaßnahmen Großbritanniens durch den Zermürbungsangriff an der Westfront. Seine Erwar-
20 Vgl. Afflerbach, Kaiser Wilhelm II..., a.a.O., S. 23f.
21 Vgl. ebd.
22 Vgl. Afflerbach, Falkenhayn..., a.a.O., S. 358f.
23 Vgl. Krech, Hans: Verteidigung im 21. Jahrhundert. Analyse bedeutender Verteidigungslinien (1916‐1991) und operativ‐taktische Schlußfolgerungen für die zukünftige Verteidigungsplanung. Ein Handbuch. In: Bewaffnete Konflikte nach dem Ende des Ost‐West‐Konfliktes. Band 7. Berlin 2000, S. 21.
24 Vgl. Köster, a.a.O., S. 11.
25 Kraft, a.a.O., S. 252.
26 Ebd. 8 | S e i t e
tung bestand darin, dass die Briten einen überhasteten Entlastungsgriff mit seiner unvorbereiteten Armee für den bedrängten französischen Bündnispartner führe, bevor dieser aus dem Krieg ausscheiden würde. 27
Als Angriffsorte wurden Belfort oder Verdun erwogen. Die Einnahme eines dieser Orte hätte einen großen symbolischen Wert 28 und einen demotivierenden Effekt auf die Kampfmoral bzw. den französischen Durchhaltewillen gehabt. Letztlich entschied sich Falkenhayn am 8. Dezember 1915 zum Angriff auf Verdun, da Belfort aufgrund taktischer Bedenken als Ziel fallengelassen worden war und nur ein sehr schwerer möglicher Angriff prognostiziert wurde. 29
Die Festung Verdun besaß eine bedeutende Sperrfunktion und war der Angelpunkt der Ostverteidigung Frankreichs. Die Festungswerke waren im späten 19. Jahrhundert aufgebaut worden. Sie sollten einen weiteren direkten Vormarsch deutscher Truppen auf die französische Hauptstadt, wie 1870 geschehen, verhindern. Aus diesem Grund wurde fünf Jahre nach der für Frankreich schmachvollen Gründung des Deutschen Kaiserreiches in Versailles mit dem Bau eines massiven Befestigungsgürtels um Verdun begonnen. Nach der Fertigstellung bestand dieser aus 20 Forts und 40 Zwischenwerken, wobei der äußere Verteidigungsring ca. 40 km lang war. 30
Einige wichtige taktische Vorteile bot das deutsche Angriffsziel. Die Stadt war zwar einerseits durch einen doppelten Festungsgürtel gesichert und zugleich das stärkste französische Bollwerk, andererseits umschloss die deutsche Frontlinie die Festungsanlagen in einem spitzen Winkel, sodass die Möglichkeit einer artilleristischen Umfassung des Gebietes bestand und somit ein effektiver Beschuss Verduns von drei Seiten möglich wurde. 31 Außerdem existierten drei weitere taktische Gründe für die Wahl dieses Angriffsziels. Die französischen Linien bildeten nördlich der Stadt einen Frontvorsprung, der nur durch eine
27 Vgl. Afflerbach, Falkenhayn..., a.a.O., S. 359.
28 Durch die schnelle Einnahme der belgischen Festung Lüttich 1914 war die Bedeutung von Festungsanlagen stark gesunken, da schweres Artilleriefeuer jede Befestigungsanlage der damaligen Zeit sturmreif schießen konnte. Deshalb wurde der Großteil der Festungsartillerie und des Personals von Verdun an aktiveren Frontab‐ schnitten eingesetzt (vgl. Chickering, Roger: Imperial Germany and the Great War, 1914‐1918. Cambridge 2004, S. 67). Zuständig dafür war General Auguste Dubail, Kommandeur der Ersten französischen Heeresgruppe. Im September gab er den Befehl: „Verdun spielt heute keine Rolle mehr, um seiner selbst willen verteidigt zu wer‐ den. Der Platz Verdun wird zum befestigten Lager erklärt. Die Truppen des Platzes Verdun gelten von heute ab nicht mehr als Festungstruppen, sondern als bewegliche Feldeinheiten, die sich eng an die Fronttruppen anzu‐ lehnen haben. Alle Verteidigungsmittel, Waffen und Lebensmittel der Festung Verdun bleiben zur Verfügung des Obersten Befehlshabers.“ (Dubail zitiert nach Krech, a.a.O., S. 9).
29 Vgl. Kraft, a.a.O., S. 176.
30 Vgl. Krech, a.a.O., S. 7f.
31 Vgl. Afflerbach, Falkenhayn..., a.a.O., S. 362ff. 9 | S e i t e
Arbeit zitieren:
Stefan Rudolf, 2010, Vergleichende Darstellung der Kriegsstrategien der 2. und 3. OHL, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus: Vergleichende Darstellung der Kriegsstrategien der 2. und 3. OHL ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus: neuer Titel erschienen: Vergleichende Darstellung der Kriegsstrategien der 2. und 3. OHL
Stefan Rudolf hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare