II
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I N H A L T S V E R Z E I C H N I
TABELLENVERZEICHNIS
ABK ÜRZUNGSVERZEICHNIS
EINLEITUNG 1
1. Die deutsche Gesellschaft und das deutsche Theater in
St. Petersburg im 18. Jahrhundert. 9
1.1. Die deutsche Gesellschaft St. Petersburgs im 18. Jahrhundert 9
1.1.1. Deutsche Siedlungsstruktur in St. Petersburg 13
1.2. Das deutsche Theater im 18. Jahrhundert. 15
1.2.1. Das deut sche Hoftheater 1706-1740 19
1.2.2. Das deutsche Theater 1740-1773: Zwischen der Hof- und
Privatb ühne 35
1.2.3. Die Rigaische Truppe 1775-1777 und Karl Knipper 1777-1781:
Das private deutsche Theater. 37
1.2.4. Das deutsche Hoftheater unter der kaiserlichen Direktion 1782-1791 41
1.2.5. Das deutsche Privattheater 1792-1800: Tilly, Rundthaler, Mirè. 47
1.3. Zusammenfassung des 18. Jahrhunderts 50
2. Die deutsche Gesellschaft und das deutsche Theater
von 1800-1890. 55
2.1. Die deutsche Gesellschaft im 19. Jahrhundert 55
2.2. Das deutsche Theater unter der Direktion der kaiserlichen Theater
1800-1890............................................................................................................. 60
2.2.1. Die deutsche Privat- und Hoftruppe und die endgültige
Entscheidung zugunsten der letzteren 1800-1812 60
III
- II -
2.2.2. Das Deutsche Theater von 1812 bis 1830 69
2.2.2.1. Die soziale Lage der Schauspieler. 76
2.2.3. Erinnerungen von Karoline Bauer über das deutsche kaiserliche
Theater 1828 und 1831-1834. 84
2.2.4. Das deutsche Theater von 1834 bis 1890 89
2.2.4.1. Das Ensemble 92
2.2.4.2. Das Publikum 100
2.2.4.3. Die Gastspiele der ausländischen Künstler 102
3. Die Gastspiele der Schauspielgesellschaft von P. Bock (1890-1914) 107
4. Das kulturelle Leben der deutschen Gesellschaft 1870-1914 110
Z U S A M M E N F A S S U N G. 114
ZEITTAFEL 116
TABELLEN 119
LITERATURVERZEICHNIS 127
Tabellen
Tabelle 1: Die deutschen Gemeinden von St. Petersburg 1786-1788 Tabelle 2: Durchschnittszahl der deutschen Gemeindemitglieder 1786-1788 Tabelle 3: Die Truppe des Deutschen Theaters im Jahre 1786 Tabelle 4: Anzahl der Schauspiele nach den Spielarten von 1810 bis 1819 Tabelle 5: Erlöse und Zuschaueranzahl von 1811 bis 1819- IV -
V
A B K Ü R Z U N G S V E R Z E I C H N I S
ADIT - Archiv direkcii impeartorskich teatrov
BE - Brokgauz-Efron d. - Delo (Aktenstück) f. - Fond (Bestand)
GIOP - Gosudarstvennaja inspekcija ochrany pamjatnikov (Staatliche Denkmalschutzkomission)
GPB - Gosudarstvennaja public naja biblioteka (Staatliche öffentliche Bibliothek zu St. Petersburg) L. - Leningrad li. - Liste (list) M. - Moskau op. - Register (opis')
OR - Otdel rukopisej (Handschriftenabteilung) in GPB PSZR - Polnoe Sobranie Zakonov Rossijskoj imperii (Vollständige Sammlung der Gesetze des russischen Reiches)
RGADA - Rossijskij gosudarstvennyj archiv drevnich aktov (Rußländisches staatliches Archiv Altertumsakten von Moskau), früher CGADA. RGIA - Rossijskij gosudarstvennyj istoriceskij archiv (Rußländisches staatliches historisches Archiv von St. Petersburg), früher CGIA SPb. - St. Petersburg t. - Teil (cast')
1
EINLEITUNG
Diese Studie ist dem deutschen Theater und der deutschen Gesellschaft in St. Petersburg gewidmet. Ihre Geschichte beginnt nahezu mit der Gründung der Stadt am 29. Mai 1703 und endet 1914 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. 1 Den Worten von Gerhard Giesemann folgend, gab es 1975 noch keine "neuere Darstellung der Geschichte des deutschen Theaters in St. Petersburg [...], wie überhaupt grundlegende Untersuchungen" fehlten. 2 Nach 25 Jahren änderte sich die Situation etwas zum Besseren. So erforschte Christiane Hartter in ihrer Magisterarbeit allgemeine Quellenlage zur Geschichte des Deutschen Theaters in Rußland. 3 An diese Arbeit schließt sich hier vorgelegte Studie unmittelbar an. Hier wird vor allem versucht, eine allgemeine Übersicht der beinahe 200jähriger Geschichte des Deutschen Theaters in St. Petersburg darzustellen, um deren Gegegebenheiten in ihrem Zusammenhang zu verdeutlichen und ihre Entwicklungstendenzen interprätieren zu können. Die Fragen, die vor allem geklärt werden sollen, sind: Welchen Platz besaß das deutsche Theater St. Petersburgs im gesamten Netz der deutschen Theater? Wessen Bedürfnissen und Wünschen kam es nach bzw. welche soziale Trägerschichten des Theaters gab es? Welches soziale Spektrum war im Publikum vertreten? Inwieweit kamen die Aufführungen den Wünschen des Publikums nach? Welche Art Aufführungen: Komödie, Drama, Tragödie, Oper oder Ba llett, besaß die höchste Popularität?
Die Geschichte des Theaters wird vor allem unter dem historischen Aspekt betrachtet, wobei das Zusammenwirken zwischen darstellendem Schauspieler und aufnehmendem Zuschauer, 4 im weiteren Sinne das Zusammenspiel zwischen dem Künstler, dem Publikum und der Gesellschaft als Ganzes, 5 wiedergespiegelt werden soll.
1 Vgl. N.V. Juchnëva, Die Deutschen in einer polyethnischen Stadt. Petersburg vom Beginn des 18.Jahr-hunderts bis 1914, in: Nordost-Archiv 3 (1994) Nr. 1, S. 11; Erik Amburger, Ingermanland. Eine junge Provinz Rußlands im Wirkungsbereich der Residenz- und Weltstadt St. Petersburg-Leningrad. Bd. 1-2, Köln/Wien 1980.
2 Gerhard Giesemann, Zur Geschichte des deutschen Theaters in St. Petersburg, in: Festschrift für Alfred Rammelmeyer, hrsg. H.-B. Harder. München 1975, S. 55.
3 Hartter, Christiane: Quellen zur Geschichte des deutschen Theaters in Rußland des 18. Jahrhunderts (Magisterarbeit). Köln 1994.
4 Karl Friedrich Fromm, Die Stellung des Autors im Theater früher und heute, in: Kleine Schriften der Gesellschaft für Theatergeschichte, Heft 18. Berlin 1962, S. 3.
5 Herta Schmid, Das Theater als gesellschaftliche Institution im Rußland des 19. Jahrhunderts, in: 4 Duisburger Akzente. Rußlands große Realisten (1980), S. 37.
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Als Ergebnis der Arbeit soll eine allgemeine Periodisierung der Geschichte des deutschen Theaters in St. Petersburg mit einer Zeittafel erarbeitet werden. In dieser Studie wird ein Thema nicht angesprochen, das die Theaterwissenschaft erforscht, nämlich die Wechselwirkungen zwischen dem deutschen und dem russischen Theater, zum Beispiel die Aufführung des "Demetrius" von A.v. Kotzebue 1782 und die ins Deutschen übersetzten russischen patriotischen Stücke, zum Beispiel die Tragödie "Požarskij, ili Osvoboždënnaja Moskva" von M.V. Krjukovskij u.a. Das Repertoire an sich wird ebenfalls nicht behandelt, das heißt die inhaltliche bzw. literarische Qualität der einzelnen Stücke, sowie mögliche Einflüsse seitens der russischen Bühnenkunst auf die deutsche und der deutschen auf die russische. Das Repertoire wird jedoch zwischen 1810 und 1819 im weiteren Verlauf der Arbeit in Form einer Statistik dargestellt, um die Veränderungen der ästhetischen Bedürfnisse des deutschen Publikums in diesen Jahren zu verdeutlichen. Es soll angenommen werden, daß die überwiegende Mehrheit der Zuschauer der städtischen deutschen Bevölkerung angehörte. 6 Die Geschichte des deutschen Theaters soll im Zusammenhang mit der Entwicklung der deutschen Gesellschaft in St. Petersburg betrachtet werden, damit besser nachvollzogen werden kann, warum das deutsche Theater entstand und wie es sich entwickelte. Aus der Primärliteratur wurden Briefe, Erinnerungen und Rezensionen über deutsche Vorstellungen und historische Skizzen über das deutsche Theater in Theaterzeitschriften, Zeitungen oder speziellen Ausgaben des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts herangezogen. 7 Des weiteren wurden die Dokumente der Theaterdirektion der kaiserlichen Theater für das 19. Jahrhundert aus RGIA benutzt. 8 Diese Archivmaterialien über das Theater im 19. Jahrhundert sind sehr aufschlußreich
6 Vgl. Friedrich v. Schubert, Unter dem Doppeladler: Erinnerungen eines Deutschen in russischem Offizierdienst 1789-1914, hrsg. Erik Amburger, Stuttgart 1962, S. 79 f; Filipp Filippovic Wiegel, Zapiski, T. 3. M. 1892, S. 123 f; F.V. Bulgarin, Panoramnyj vzgljad, in: Repertuar russkogo teatra 1, Buch 3 (1840), S. 14 f.
7 Fedor Koni, Istorija teatra i muzyki (Die Geschichte des Theaters und der Musik), in: Russkaja scena Nr. 2, 1864; Fedor Tumanskij, Opyt povestvovanija o (...) St. Peterburgskoj gubernii (...) (Ein Versuch der Darstellung des St. Petersburger Gouvernements). SPb. 1789/90, in: GPB OR, Eremitage 558; Teatral. Karmannaja kniga dlja ljubitelej teatra (Der Theaterliebhaber. Das Taschenbuch der Freunde des Theaters). SPb. 1853, S. 21, 66-79; Carlo v. Kügelgen, Das deutsche Theater, in: Deutsches Leben im alten Petersburg. Ein Buch der Er innerung, hrsg. v. Heinrich Pantenius (u. Oskar Grosberg). Riga 1930, S. 146-157; Georg Malkowsky, Das deutsche Theater in St. Petersburg, in: Bühne und Welt 1957, S. 177-185; Schubert, Doppeladler, S. 79 f.; Stepan Petrovic Žicharev, Zapiski sovremennika Bd. 2. L. 1989, S. 308 ff.; Vigel', Zapiski, T. 4, S. 166; T. 6, S. 54, 71.
8 Rossijskij Gosudarstvennyj Istoriceskij Archiv (RGIA), f. 497: Fond Direkcii Impeartorskich Teatrov (FDIT).
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und erlauben es sowohl der Alltagsgeschichte der Schauspieler und ihrer sozialen Stellung nachzugehen, als auch die Innenverhältnisse im Theater, das, was sich "hinter den Kulissen" ereignete, zu erleuchten.
Unter den ersten ist in der Sekundärliteratur ein Aufsatz von Gerhard Giesemann aus dem Jahre 1975 mit dem Titel "Zur Geschichte des deutschen Theaters in St. Petersburg" zu erwähnen. 9 In dem Aufsatz wird die Zeitspanne von 1798 bis 1812 behandelt. Die Untersuchung fängt mit der Ankunft des Fecht meisters und Entrepreneurs der deutschen Truppe, Joseph Miré, in St. Petersburg an und endet mit dem Anfang des Vaterländischen Krieges. Das ist der erste wissenschaftliche Aufsatz, der nur dem deutschen Theater in St. Petersburg gewidmet ist, das innerhalb eines abgeschlossenen Zeitraums kontinuierlich und gründlich erforscht wurde. Teilweise g ing G. Gie semann schon früher in seiner Dissertation über A.F.F. v. Kotzebue in Rußland auf dieses Thema ein. 10 Giesemann stellt die Geschichte des deutschen Theaters in der Periode von 1781, als Kotzebue zum ersten Mal nach St. Petersburg kam und inoffiziell die Leitung der deutschen Truppe übernahm, bis etwa 1820 dar. Das Hauptthema Giesemanns ist dabei die Rezeption Kotzebues in Rußland. Nur nebenbei verfolgt der Autor auch die Gründung einer stehenden deutschen Bühne in St. Petersburg und die Zusammenhänge zwischen der letzteren und denen in Deutschland und im Baltikum. Eine ergänzende Studie zur Geschichte des Deutschen Thetares am Anfang des 19. Jahrhunderts folgte 1996 von Svetlana Mel'nikova. 11 Die fundierte achtbändige Arbeit Heinz Kindermanns über die "Theatergeschichte Europas" 12 beinhaltet vieles über das russische und auch über das deutsche Theater in Rußland, da sich besonders im letzten Drittel des 17. und zur Zeit des ganzen 18. Jahrhunderts, während der Entstehung des russischen Theaters, vie lseitige und intensive Wechselwirkungen mit dem deutschen Theater in Moskau und Petersburg ergeben haben. 13
9 Giesemann, Geschichte, S. 55-85.
10 Gerhard Giesemann, Kotzebue in Rußland. Materialien zu einer Wirkungsgeschichte. Frankfurt/M 1971 (Frankfurter Abhandlungen zur Slavistik Bd. 14 Reihe III), S. 23 ff, 169 ff.
11 Svetlana Mel'nikova: Das Deutsche Theater in St. Petersburg am Anfang des 19. Jahrhunderts, in: Jahrbuch für Geschichte Osteuropas 44 (1996), Nr. 4, S. 523-536.
12 Heinz Kindermann, Theatergeschichte Europas Bd. 3 und 5. Salzburg 1967.
13 Über die Anfänge der russischen und deutschen Theatervorstellungen vgl. Erik Amburger, Die
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Entsprechend der allgemein- geschichtlichen Spezifik in Kindermanns Werk können wir vielfältige Zusammenhänge zu den europäischen Theatern feststellen. Was das Deutsche Theater in St. Petersburg betrifft, beschreibt der Autor besonders ausführlich die Periode zwischen den 1740er und 1770er Jahren: die Zeitspanne des Werdegangs der ständigen russischen, aber auch der deutschen Schaubühne in St. Petersburg, die mit den Namen der Gebrüder Johann Peter und Franz Hilferding, J.Ch. Sigmund, E.K. Ackermann, J.S. Scolari, J.F. Mende, J. Neuhoff, Karl Knipper u.a. verbunden ist. Es ist bemerkenswert, daß gerade im letzten Drittel des 17. und das ganze 18. Jahrhundert hindurch die Geschichte des russischen Theaters häufig mit deutschen Schauspielern im Zusammenhang steht. Dies läßt sich leicht dadurch erklären, daß sich zu dieser Zeit der Prozeß des Lernens des russischen Theaters von den ausländischen Wandertruppen vollzog, was uns der Fall des Gründers des ständigen russischen Theaters, Fëdor Volkov, am besten zeigt. 14 Zur Zeit der schöpferischen Entfaltung des russischen Theaters im 19. Jahrhundert ändert sich die Situation schlagartig und es wird ausschließlich nur noch über das russische Theater berichtet, obwohl die französische und die deutsche Hoftruppen fast bis zum Ende dieses Jahrhunderts existierten.
Ocerki istorii Leningrada, Bd. 1. M.-L. 1955, S. 240; M. Bystroreckij, Pis'ma, in: Repertuar russkogo teatra 1 (1841) 10, S. 8 ff; R.M. Zotov, I moi vospominanija o teatre (Meine Erinnerungen über das Theater 1 (1840) 4, S. 2; Wiegel, Zapiski, T. 3, S. 130 f; N.A. Polevoj, Vospominanija o russkom Teatre. Pis'mo k V.F. Bulgarinu (Die Erinnerungen an das Theater. Das Brief an V.F. Bulgarin), in: Repertuar russkogo teatra 1 (1840) 2, S. 4 f.; A. Veselovskij, Zapadnoe vlijanie v novoj russkoj literature. Istoriko-sravnitel'nye ocerki, 2te Ausgabe. M. 1896, S. 60 f.
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In Bezug auf das deutsche Theater in den Ostseeprovinzen erwähnt Heinrich Bosse mehrmals das deutsche Theater in St. Petersburg, 15 da viele Schauspieler und Schauspielerinnen häufig aus den baltischen Städten dorthin zu Gastspielen kamen. Bosse bezeugt enge Zusammenhänge zwischen dem baltischen Kulturraum und St. Petersburg, als auch die Rolle des Baltikums als Bindeglied zwischen Deutschland und St. Petersburg, als "Umschlagplatz der kulturellen Güter" aus Deutschland. 16
Der erste deutsche Historiker, der seine Arbeiten der Erforschung der deutschen Gesellschaft St. Petersburgs wiedmete, ist Erik Amburger. 17 Er berichtete auch kurz über das deutsche Theater in seiner Arbeit "Deutsche in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Rußlands". Ingeborg Fleischhauer erwähnt in ihrer Arbeit 18 die Deutschen in St. Petersburg in einem speziellen Kapitel, in dem aber eigentlich wenig über die Deutschen der Hauptstadt, sondern über allgemeine Fragen der russischen Geschichte gesprochen wird.
Das erste Heft des Nordost-Archivs für 1994 enthält weitere Aufsätze über die Deutschen in St. Petersburg. 19 N.V. Juchnëva behandelt im allgemeinen die demographische Situation der Deutschen in der Hauptstadt und einiger beruflicher
15 Heinrich Bosse, Die Etablierung des deutschen Theaters in den russischen Ostseeprovinzen um 1800, in: Unerkannt und (un)bekannt. Deutsche Literatur in Mittel- und Ost-Europa, hrsg. Carola L. Hotzmann. Tübingen 1991 (Beiträge zur deutschen und vergleichenden Literaturwissenschaft 5, hrsg. v. Joseph P. Strelka).
16 Ebenda, S. 82: "Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts bilden sich zwischen St. Petersburg und Königsberg in den Städten Riga, Reval/Tallin, Mitau/Jelgava mehr oder weniger stabile Bühnen heraus, ja vorübergehend sogar ein Theater auf der Insel Ösel/Saarema (...) In dieser Region wechseln einzelne Schauspieler oder Schauspielerfamilien ihre Engagements, ganze Gesellschaften ziehen ihre Strasse, wobei sich ihre traditionelle Unsässigkeit langsam im Rythmus der Gastspielreisen aufhebt. Stabilisierend wirken dabei das feste Theatergebäude, die finanzielle Organisation der Zuschauer durch Abonements und vor allem die Integration der Schauspieler in die gute Gesellschaft des Ortes".
17 Erik Amburger, Das Deutschtum in St. Petersburg in der Vergangenheit, in: Zeitschrift für die Kulrtur und Wirtschaft der Deutschen in Rußland (12) 1934, S. 28 f; ders., Beiträge zur Geschichte der deutsch-russischen kulturellen Beziehungen. Gießen 1961; ders., Deutsche in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Rußlands. Die Familie Amburger in St. Petersburg 1770-1920. Wiesbaden 1986; ders., Fremde und Einheimische im Wirtschafts - und Kulturleben des neuzeitlichen Rußlands. Wiesbaden 1982 (Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa Bd.XVII); ders., Mischehen im städtischen Deutschtum Rußlands, in: Auslandsdeutsche Volksforschung 1937; ders., Die deutsche Kaufmannschaft in St. Petersburg um 1914. o.O. o.J., o.S.; ders., Ingermanland.
18 Ingeborg Fleischhauer, Die Deutschen im Zarenreich. Zwei Jahrhunderte deutsch-russische Kulturgemeinschaft. Stuttgart 1986.
19 S. Natalija V. Juchnëva, Die Deutschen in einer polyethnischen Stadt. Petersburg vom Beginn des 18. Jahrhundert bis 1914, in: Nordost-Archiv Bd.3 (1994) Nr.1, S. 7-27; Ralf Tuchtenhagen, Bildung als Auftrag und Aufgabe. Deutsche Schulen in St. Petersburg 1704-1934, ebenda, S. 63-87; Margarete Busch, Das deutsche Vereinswesen in St. Petersburg vom 18. Jahrhundert bis zum Beginn des ersten Weltkrieges, ebenda, S. 29-61.
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Gruppen innerhalb dieser Minderheit. 20 Ralf Tuchtenhagen erläutert die Geschichte der deutschen Schulen in St. Petersburg im 18. und 19. Jahrhundert 21 und Margarete Busch beschäftigt sich in ihrem Aufsatz mit verschiedenen deutschen Vereinen der Stadt. 22 Zu der Erschließung der Geschichte der Deutschen in St. Petersburg trug die Veröffentlichung zahlreicher Artikel und selbständiger Studien in den 1990er Jahren wesentlich bei. Unter den letzteren können vor allem die von Margarete Busch, Robert Leinonen und Erika Voigt genannt werden. 23
Bevor zu dem eigentlichen Thema dieser Studie übergegangen wird, ist es hier der Begriff der nationalen Zugehörigkeit zu klären. Schon die russischen Autoren im 19. Jahrhundert haben versucht zu definieren, "wen man als russischen Menschen ansehen darf?". 24 E.N. Karnovic rechnete Söhne, Enkel u.a. Nachkommen der Einwanderer zum russischen Volk (1886). V.O. Michnevic äußerte sich schon 1874 ähnlich. Das heißt, daß bereits die zweite Generation zu den Russen gezählt wurde. Einen solchen Standpunkt nimmt auch E. Amburger ein. 25
N.V. Juchnëva zählt die Einwanderer in der ersten Generation in Rußland zu den Deutschen, fügt aber noch eine Übergangsgruppe dazu, die ein bis zwei Generationen umfaßt. 26 Als einziges sicheres Kennzeichen für einen Fall vollendeter Assimilation betrachtet sie ein Zusammentreffen von russischer Sprache und orthodoxem Bekenntnis. 27
Dittmar Dahlmann betrachtet als deutsche Unternehmer in Rußland diejenigen, "die in einem Teilstaat des deutschen Bundes geboren worden waren, der nach 1871 zum
20 Juchnëva, Deutschen, S. 7-27; s. auch: Dies., Etniceskij sostav i etnosocial'naja struktura naselenija Peterburga. L. 1984, S. 22 f., 28, 62 f., 71 ff., 181-191.
21 Tuchtenhagen, Bildung , S. 63-87.
22 Margarete Busch, Vereinswesen, S. 29-61; s. auch über die Deutschen in St. Petersburg: Dies., Die Deutschen in St. Petersburg 1881-1914: Identität und Integration. Unveröff. Staatsarbeit, Köln 1989 (Manuskript im Besitz der Forschungsstelle für Geschichte und Kultur der Deutschen in Rußland, Freiburg).
inozemcev s russkimi (Familiennamen und Titel in Rußland und Mischehen zwischen Ausländern und Russen). SPb. 1886.
25 Ebenda.
26 N.V. Juchnëva, Peterburg - mnogonacional'naja stolica, in: Staryj Peterburg. Istoriko-etnograficeskie issledovanija. Red. N.V. Juchnëva. L. 1982, S. 7-51 (Die Deutschen S. 25-30), aus: Ebenda, S. 194.
27 Ebenda, S. 195.
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Deutschen Kaiserreich gehörte, und deren Muttersprache Deutsch war". 28 Sie sollten aber mindestens in zweiter Generation in Rußland ansässig sein. Das heißt, daß die Unternehmer auch in der dritten, vierten usw. Generation als deutsche Unternehmer betrachtet werden können. Dabei ist es unerheblich, welche Staatsangehörigkeit sie besaßen. 29 Wichtig ist, daß D. Dahlmann solch eine wichtige Institution wie die Familie in Betracht zieht. Im Zusammenhang mit der nationalen Zugehörigkeit und in Assimilationsfragen war die Familie in wichtiger Bezugspunkt; da sie ein erstrangiger Faktor für "Immunität" gegenüber Assimilationsprozessen war. Diese kleinste soziale Gemeinschaft bestimmte die Erziehung, also auch, die Muttersprache und das Selbstbewußtsein in der Frage der nationalen Zugehörigkeit, die dann im Laufe des ganzen Lebens eine entscheidende Rolle in Identitätsfragen spielte. Eckard Hübner zeigt die Komplexität der Frage der Nationalzugehörigkeit, indem er fünf Merkmale unterscheidet: Staat, Land, Volk, Sprache und Kultur. 30 Dabei bezieht er sich auf Marc Raeff. 31 Im gleichen Band verwendet Marc Raeff den Terminus "deutsch" für alle Träger und Überbringer der deutschsprachigen Kultur. 32 Die obengenannten Autoren Karnovic und Michnevic zählen zu den Russen schon die erste in Rußland geborene Generation. Eine solche extreme Haltung in Bezug auf eingewanderte Personen, die so schnell zu Russen geworden sind, ist einerseits dem nationalistischen Zeitgeist zuzuschreiben, andererseits ist es typisch für die damalige rechtsgeschichtliche Schule. Von den russischen Gesetzen her gesehen, ist so etwas berechtigt, da in derselben Weise schon im Reglement vom 5. April 1722 festgelegt wurde, wer Russe und wer Ausländer war: "Ausländer sind diejenigen, die aus anderen Ländern gekommen und in den russischen Dienst eingetreten sind. Als Russen werden
28 Dittmar Dahlmann, Lebenswelt und Lebensweise deutscher Unternehmer in Moskau vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, in: Nordost-Archiv 3 (1994) 1., S. 134.
29 S. auch Amburger, Deutsche in Staat, S. 192.
30 . Eckard Hübner, Peter der Große: Auch Deutschland lag im Westen, in: Deutsche und Deutschland aus russischer Sicht 18. Jahrhundert: Aufklärung (West-östliche Spiegelungen Reihe B Nr. 2), hrsg. Dagmar Herrmann. München 1992, S. 77-99.
31 Marc Raeff, The Enlightenment in Russia and Russian Thought in the Enlightenment, in: The Eighteenth Century, hrsg. J.G. Garrard. Oxford 1973, S. 25-47.
32 Marc Raeff, Legenden und Vorurteile, in: Deutsche und Deutschland aus russischer Sicht, 18. Jahrhundert: Aufklärung (West-östliche Spiegelungen Reihe B Bd. 2), hrsg. Dagmar Herrmann. München 1992, S. 53-73, hier S. 54.
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diejenigen bezeichnet, die in Rußland geboren und quasi in den russischen Dienst eingetreten sind". 33
E. Amburger und N.V. Juchnëva 34 betrachten als Deutsche die erste aus Deutschland gekommene und die zweite in Rußland geborene Generation. N.V. Juchneva zählt je nachdem auch die dritte dazu. D. Dahlmann richtet sich in der Zuordnung von Einwanderern in Rußland zu Deutschen oder zu Russen nicht so sehr danach, in welcher Generation sie in Ruß land lebten, sondern schließt je nach Stärke des Assimilationsprozesses innerhalb der Familie auch nicht aus, Einwanderer in den nachfolgenden Generationen weiterhin zu den Deutschen zu zählen. 35 E. Hübner und M. Raeff betrachten diese Frage mehr allgemein und orientieren sich an der Nationalzugehörigkeit ohne Generationenbegriff. 36
1866 unterschied in der Zeitschrift "Daheim" ein Autor die St. Petersburger Deutsche von anderen Deutschen in der übrigen Welt und wies seine spezifische Züge hin: Es lebte "ein anderer Deutscher in Stockholm, ein anderer in London, ein anderer in Paris und Rom und Konstantinopel; gemeinsame Züge lassen sich wohl entdecken, aber in besonderen Schattierungen hat sie die Fremde nur allzuoft unkenntlich entstellt (...)". 37 Darüberhinaus war selbst die deutsche Gesellschaft von St. Petersburg nicht homogen gestaltet. Historische Gegebenheiten in verschiedenen Perioden der russischen Geschichte haben sie geprägt. Unter den Deutschen der Hauptstadt sind drei Gruppen zu unterscheiden: Deutschbalten, Reichsdeutsche und Petersburger Deutsche oder Alt-Petersburger selbst. 38
Die Wiedergabe russischer Begriffe, Zitate, Ortsnamen etc. in dieser Arbeit folgt konsequent der Transliteration der gängigen deutschen Bibliothekstransliteration. Entsprechend sind auch alle Eigennamen russischer Personen durchgängig nach der originalen russischen Namensform wiedergegeben. Bei Ausländern hingegen bleibtsoweit möglich - die Namensform in den jeweiligen Muttersprachen bestehen.
33 Reglament ob upravlenii Admiraltejstvom i verf'ju (Reglement über die Führung der Admiralität und Stapelwerk), in: PSZ, Bd.6, Nr.3937 (1722, 5.April) Punkt 61, Seite 535.
34 Amburger, Deutsche im Staat, S. 194; Juchnëva, Peterburg (wie Anm. 24).
35 Dahlmann, Lebenswelt, S. 134.
36 Hübner, Peter, S. 77-99; Raeff, Enlightment, S. 25-47.
37 Ein Bild des deutschen Leben in Petersburg, in: Daheim 12, 1866, S. 168.
38 C. Walter, Die evangelische Kirche in St. Petersburg, in: Leben im alten St. Petersburg, S. 34 f.; Amburger, Deutsche in Staat, S. 193; Juchnëva, N.V. Peterburg - mnogonacional'naja stolica, in: Staryj Peterburg. Istoriko-etnograficeskie issledovanija, Red. N.V. Juchnëva. L. 1983, S. 7-51.
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1. Die deutsche Gesellschaft und das deutsche Theater in St. Petersburg im 18. Jahrhundert
1.1. Die deutsche Gesellschaft St. Petersburgs im 18. Jahrhundert
Am 16. (27.) Mai 1703 gründete Peter der Große auf dem sumpfigen Boden des Newaufers die befestigte Hafenstadt St. Petersburg, die einige Jahre danach zur Hofresidenz (1708) und später (1712) zur Hauptstadt Rußlands wurde. 41 Gleichzeitig mit der Gründung der Stadt entstand auch eine große deutsche Kolonie, deren Mitglieder die Vertreter des Militärs, der Handwerker, Künstler, Ärzte, Wissenschaftler, Geistlichen, Adligen u.a. waren. Die zahlreichen Mitglieder der Kolonie repräsentierten praktisch alle sozialen Schichten. Die Deutschen kamen teils aus Moskau, Archangel'sk und anderen russischen Städten, teils aus dem Ausland, vor allem aus den Ostsee-Provinzen und Nord-Deutschland. Besonders intensiv war die Einwanderung nach dem Erlaß von 1702. 42 Der Strom der Ausländer in die neue Hauptstadt war während der ersten 25 Jahre nach der Gründung St. Petersburgs ebenso
39 H. Pantenius, Die völkische Empfinden der St. Petersburger Deutschen, in: Deutsches Leben, S. 20.
40 Friedrich Christian Weber, Das veränderte Rußland, 2te Teil. Hannover 1738, S. 8.
41 Lina Tarasova, St. Petersburg - in meiner Seele bist nur du!, in: St. Petersburg um 1800. Ein goldenes Zeitalter des russischen Zarenreiches. Recklinghausen 1990, S. 5.
42 Polnoe Sobranie Zakonov Rossijskoj imperii (Vollständige Sammlung der Gesetze des russischen Reiches) PSZ, 1-oe Sobranie (1. Sammlung), Bd. 4 Nr. 1910. St. Petersburg 1830, S. 192-195: Manifest o vyzove inostrancev (Manifest über die Berufung der Ausländer) vom 16. April 1702.
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groß wie der der Russen, 43 wodurch das Bild der Stadt stark von den ausländischen Vorstädten und Straßennamen geprägt wurde. 1844 schr ieb K. Nistrem in seinem Kalender:
"1705, ungeachtet der Störungen und Gefahren von seiten Schwedens für die Petersburger Bewohner, erhöhte sich die Anzahl der Einwanderer ständig. Die Finnen, Esten, Livländer und selbst die Schweden, die ihre Wohnungen während des Krieges verloren haben, kamen in die neugegründete Stadt (...) Tataren und Kalmycken, die für die Bauarbeiten berufen wurden, blieben freiwillig in St. Petersburg". 44
Der Zustrom war so groß, daß die Stadt elf Jahre nach der Gründung 1714 schon 34.550 45 Einwohner zählte.
Die Regierungsanstalten, Kollegien (1718), die Akademie der Wissenschaften mit der Universität (1725) und das deutschsprachige Chirurgische Institut wurden zur Voraussetzung für einen großen Anteil Beamten, Militärs, Ärtzte und Freiberufler in der deutschen Gesellschaft. Unter den 111 Mitgliedern der Akademie in St. Petersburg zählt E. Amburger 68 Mitglieder, die Deutsch als Muttersprache sprachen. 46 Der Präsident der neugegründeten Akademie der Wissenschaften, Laurentius Blumentrost selbst, spielte 1672 im Geburtsjahr von Peter I. bei den ersten Theateraufführungen des Pastors Gregori unter den Schauspielern mit. Auch an dem Akademischen Gymnasium in den Jahren 1726-1750 war der Anteil der deutschen Schüler sehr groß: Von 325 Schülern waren 238 Deutsche. 47
Kocin gab die Zahl der Einwohner St. Petersburgs ohne Kinder für 1750 mit 74.283 48 an, unter denen 5735 Ausländer waren. 49 Rechnet man die Kinder, die im Schnitt 25-30 % der Bevölkerung ausmachten, hinzu, so kommt man auf eine
43 V.A. Taubert, Cerkov' sv. Petra na Nevskom prospekte. L. 1938, in: GIOP (Gosudarstvennaja inspekcija ochrany pamjatnikov, Nr. H-51/1, S. 6.
44 Karl Nistrem, Adres-Kalendar' St. Peterburgskich žitelej (Adreß-Kalender der Bewohner St. Petersburgs. Bd. 1. Ukazatel' goroda St. Peterburga (Verzeichnis der Stadt St. Petersburg). SPb. 1844, S. 70.
45 Ebenda, S. 136. Bei Nistrem steht statt "Bewohner" "Häuser". Vermutlich ging ein Fehler des Autors im Originaltext ein, weil eine so große Anzahl in damaligen St. Petersburg nur für Bewohner, nicht für Häuser stehen kann.
46 Ebenda, S. 46-52.
47 E. Amburger, Die Nichtrussischen Schüler des Akademischen Gymnasiums in St. Petersburg in den Jahren 1726-1750, in: Beiträge zur Geschichte der deutsch-russischen kulturellen Beziehungen. Gießen 1961, S. 186.
48 CGADA. F. 16, D. 459, Li. 11 (1750), aus: Kocin, Naselenie Peterburga do 60ch godov 18 veka (Die Bevölkerung Petersburgs bis zu den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts), in: Ocerki istorii Leningrada (Die Geschichtsskizzen von Leningrad), Bd. 1. M.-L. 1955, S. 102 f.
49 CGADA, F. 16 (1750), D. 459, Li. 11, aus: Kocin, Naselenie, 102 f.
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Gesamtbevölkerungszahl von ca. 95.000, von denen mehr als 8.000 (ca. 8%) Ausländer waren. Im 19. Jahrhundert betrug der Anteil der Deutschen unter den Ausländern ca. 60 %. Das heißt, daß es 1750 unter den Ausländern mindestens 4.800 Deutsche gab. Der wirtschaftliche Aufstieg der Privatunternehmen in St. Petersburg, unter denen auch die deutschen mitinbegriffen sind, begann besonders intensiv ab 1762 im Zusammenhang mit dem Regierungsantritt Katharina II., die das Monopolsystem im Wirtschaftsleben abschaffte. In St. Petersburg erwuchsen bedeutende deutsche Handels-und Bankfirmen. 50 Die deutsche Bürgergesellschaft war nach der Städtereform 1785 auch im allgemeinen Stadtrat (Gradskaja obšcjaja duma) vertreten. Dort saßen Abgeordnete (gewählte Mitglieder der örtlichen Selbstverwaltung) von ausländischen deutschen Kaufleuten und deutschen Handwerkerzünften. 51 1789 war die Zahl der ausländischen Handwerksmeister im Vergleich zu den 1720er Jahren beträchtlich angewachsen und betrug 1.477. 52 Am Ende des 18. Jahrhunderts waren die deutschen Handwerker, von denen viele zu großen Fabrikanten, wie die Stoffdrucker Iermann und Scheidemann, 53 aufstiegen, Kaufleute und Bankiers, wie der Hesse Alexander Rall, 54 der 1798 zum Hofbankier wurde, ein starker Wirtschaftsfaktor im ökonomischen Leben St. Petersburgs. Das breite soziale Spektrum der hauptstädtischen deutschen Gesellschaft wurde durch die Künstler oder Freiberufler ergänzt: Architekten, Maler, Bildhauer, Musiker, Sänger, Schauspieler, Instrumentalisten, Komponisten und Kapellmeister. Es bildeten sich ganze Künstlerfamilien und wahre Künstlerdynastien heraus, was durch den Umstand erleichtert wurde, daß häufig der Sohn dem Beruf des Vaters folgte. 55
Das gesellschaftliche Leben entfaltete sich seit dem Anfang der 1770er Jahre. Zu dieser Zeit entstanden sowohl der deutsche, als auch der russische bürgerliche Klub, wobei in letzterem auch viele Deutsche vertreten waren. Die ersten Klubs erscheinen in der
50 E. Amburger, Der fremde Unternehmer in Rußland bis zum Oktoberrevolution im Jahre 1917, in: , S. 103.
51 Fedor Tumanskij, Opyt povestvovanija o (...) St. Peterburgskoj gubernii (...). SPb. 1789-1790, in: GPB OR, Eremitage 558, S. 101.
52 V.I. Makarov, Ekonomiceskaja žizn' Peterburga 60-90ch godov 18 veka (Das ökonomische Leben Petersburgs von 60er bis 90er Jahren des 18. Jahrhunderts), in: Ocerki, S. 280.
53 Erik Amburger, Der fremde Unternehmer in Rußland bis zur Oktoberrevolution im Jahre 1917, in: Fremde und Einheimische im Wirtschafts - und Kulturleben des neuzeitlichen Rußland, hrsg. Klaus Zernack. Wiesbaden 1982, S. 106.
54 Ebenda, S. 103.
55 E. Amburger, Künstlerfamilien ausländischer Herkunft in Rußland. Ein Beitrag zur Wanderungsforschung, in: Fremde und Einheimische, S. 116.
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Hauptstadt auf Initiative von Ausländern: 1772 wurde ein "Englischer Klub" und gleichzeitig mit ihm von dem deutschen Kaufmann Schuster ein Klub gegründet, der sich seit dem 1. Februar dieses Jahres in einer großen Wohnung befand und seitdem "Großer Bürgerklub" oder "Schuster-Klub", 56 im 19. Jahrhundert "St. Petersburger erste öffentliche Versammlung" oder "Deutscher Klub" hieß. 1785 wurde der Tanz-Klub des Sargmachers Ulengut gegründet. 57 Schon von Anfang an dominierten in den Klubs die Beamten, Künstler, die reichen russischen und deutschen Kaufleute und wohlhabende Handwerker. Dieser Klub verteilte beträchtliche Mittel für wohltätige Zwecke und unterhielt 150 Pensionäre. 58 Außerdem veranstalteten jeden Winter deutsche Kaufleute Tanzabende, die im Hause Naryškins, später Demidov-Haus, an der Mojka beim Baron Vangur stattfanden. 59 Am Ende der Regierungszeit Katharina II. befanden sich unter 20l.000 Bewohnern St. Peterburgs 25.000 Ausländer. 60
Für die Jahre 1786 bis 1788 ist es mit Hilfe der Statistiken von Fëdor Tumanskij möglich, eine Durchschnittszahl der Deutschen in den vier deutschen Kirchengemeinden auszurechnen. Aus der Berechnung ergibt sich, daß in St. Petersburg zu dieser Zeit mindestens 16.000 Deutsche lebten. 61 Diese Zahl bestätigt indirekt auch E. Amburger, der von 17.660 in der Stadt lebenden Deutschen im Jahre 1790 spricht. 62 Zu denen sind noch etwa 2000 Ausländer hinzuzurechnen, die durch St. Petersburg ins innere Rußland reisten und teilweise in St. Petersburg blieben. 63 Am Ende des 18. Jahrhunderts stieg die Antzahl der Deutschen in der Stadt bis auf ca. 19.000, was eine wichtige Voraussetzung für die Existenz des deutschen Theaters war. Daß in St. Petersburg ein öffentliches und ein höfisches Deutsches Theater nach- oder miteinander bestand, entsprach einem Grundbedürfnis seitens der deutschen Bevölkerung und war an sich nicht etwas exotisches oder ungewöhnliches. Das Theater war zusammen mit den deutschen Kirchen, Schulen und Klubs ein organischer und untrennbarer Teil des gesamten Systems der deutschen Gesellschaft in der Hauptstadt.
56 Pyljaev, Peterburg, S. 436; Enciklopediceskij slovar' Bd. 29, hrsg. F.A. Brockhaus, I.A. Efron. SPb. 1895, S. 426; s. dazu: Peterburgskoe nemeckoe sobranie. Ustav St. Peterburgskogo nemeckogo sobranija 1772 (St. Petersburger Deutsche Gesellschaft. Statut der St. Petersburger Deutschen Gesellschaft von 1772). SPb. 1906.
57 Ebenda, S. 228.
58 Enciklopediceskij slovar', Bd. 29, hrsg. F.A. Brochhaus und I.A. Efron, S. 426.
59 Pyljaev, Petersburg, S. 436.
60 Enciklopediceskij slovar' Bd. 56, hrsg. F.A. Brochhaus und I.A. Efron. SPb. 1900, S. 296.
61 Siehe Tabelle 1. und Tabelle 2.
62 Amburger, Deutsche in Staat, S. 194.
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Heinrich Bosse stellt die Frage, warum das Theater in Mitau Fuß fassen konnte und beantwortet sie auf folgende Weise: "Schließlich handelte es sich - bis 1795 - um eine Residenz, die mehr Einwohner zählte als beispielweise Karlsruhe (3.800), Weimar (6.500), Dessau (7.000) oder Darmstadt (9.000)". 64 In St. Petersburg war die Zahl der deutschen Bevölkerung noch wesentlich größer. 65 Daraus und aus der Tatsache, daß die Deutschen in der Hauptstadt einen gewissen Wohlstand erreicht hatten, ist zu ersehen, daß in St. Petersburg die Rahmenbedingungen sehr günstig waren.
1.1.1. Deutsche Siedlungsstruktur in St. Petersburg
Gleich nach der Gründung der Stadt wurden große Bauprojekte begonnen, z.B. die Admiralität am linken Ufer der Newa, die Peter und Pauls-Festung auf der Hasen-Insel (Zajacij ostrov), der Stückhof im Litejnaja-Viertel. In der Umgebung dieser Objekte siedelten die Handwerker und Arbeiter, die ihrer beruflichen und nationalen Zugehörigkeit nach verschiedene Vorstädte bildeten. 1703 w urde durch die Administration des Zaren auf der Vasilij- Insel die französische Vorstadt für ankommende ausländische Handwerker gebaut, deren Mitglieder - es waren 166 - in eine Zunft eingegliedert wurden. 66 Hier siedelten sich die deutschen Kaufleute und die Akademiemitglieder an.
Das Admiralitätsviertel 67 am linken Ufer der Newa wurde von Handwerkern und Arbeitern, die bei der Admiralität meistens im Schiffbauwesen tätig waren, bewohnt. 68 Von der Admiralität flußabwärts entlang des linken Ufers befand sich die deutsche
63 Tumanskij, Opyt, S. 212.
64 Bosse, Etablierung, S. 95.
65 Mit diesen 19.000 sind die Deutschen gemeint, die zur evangelisch-lutherischen oder römischkatholischen Kirche gehörten und als Muttersprache Deutsch sprachen, was für ihre kulturelle und nationale Zugehörigkeit entscheidend war.
66 G. Bogdanov, Opisanie St. Peterburga, hrsg. Vasilij Ruban. SPb. 1779, S. 165.
67 Nach F.Ch. Weber wurde die ganze Admiralitätsinsel und nicht nur der Teil nördlich vom Palastplatz als die Deutsche Sloboda genannt: "Nun komme ich an die vornehmste Sloboda am Strom, und heißt eigentlich dieselbe die Admiralitätsinsel, wird aber gemeingentlich die Deutsche Sloboda genennt, weil die meisten Deutschen in diesem Teil der Stadt wohnen (...) Rechter Hand wohnen allerhand Leute (Winterhaus des Zaren), Russen und Deutsche und ist absonderlich zu mercken, daß um seine Zarische Majestät herum, und zwar in den nächsten Gassen, mehr Deutsche als Russen wohnen, insonderheit daß die lutherische Kirche (...) ihnen am allernächsten und von ihrem Winterhause nicht über dreihundert Schritt gelegen ist (Zwischen der Admiralität und dem Wirtshaus des Fürst Mensikov, A.K.); in: Ders., Rußland, Teil 1., Fr./M. 1721, S. 454.
68 Bogdanov, Opisanie, S. 161.
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Vorstadtstraße (Ulica nemeckoj slobody), 69 die später in Galeerenstraße (Galernaja ulica) umbenannt wurde. Weiter vom Ufer entfernt lagen auch die Große und die Kleine Marinestraße (Bol'šaja und Malaja Morskaja), in denen sich später das deutsche Theater befand. 70 Entlang der Großen Deutschen Straße, 71 die sich flußaufwärts von der Admiralität befand, ließen sich prominente Ausländer und reiche Händler nieder. 72 Hier befanden sich die deutsche Botschaft und lutherische, katholische und finnische Kirchen. Hinter der Paradeseite der Straße befand sich bis zum Flußufer der Mojka ein gedrängt bebautes Viertel, das in jenen Zeiten die "griechische Vorstadt" genannt wurde, da dort viele griechische Seeleuten wohnten. 73 Am Ufer der Mojka befand sich auch die Finnische Vorstadt. 74
1714 wurden an der Petersburger Insel gegenüber des Kronwerks sieben Häuser für die Kollegienangestellten angelegt, später jedoch abgerissen und wieder aufgebaut; hier wohnten ab 1736 ausländische Handwerker. 75 In den ersten zwei Jahrzehnten siedelten hier auch Deutsche, da an dieser Seite die Häuser des Zaren und der Adligen, das Kollegiengebäude, die große "Austeria", eine Gastwirtschaft, in der die deutschen Musiker spielten und die erste deutsche evangelisch- lutherische Kirche standen. Die letztere wurde innerhalb der Peter-und-Pauls-Festung auf Befehl des Zaren für die dort wohnhaften Lutheraner gebaut.
Am Ende der 20-er und in den 30-er Jahren des 18. Jahrhunderts stabilisierte sich das Leben der Ausländer und der Deutschen. Es w ird eine mehr oder weniger gut funktionierende Infrastruktur aufgebaut: Die Kirchen, Friedhöfe, Schenken, Gaststätten und Hotels waren in der Mehrzahl. In der Stadt bildeten sich drei evangelischlutherischen Gemeinden, die die meisten Deutschen vereinigten: Die "Admiralitäts-Gemeinde" mit der evangelisch- lutherischen St. Petri-Kirche (1710) am Hof des
69 "(...) in der deutschen Sloboda linker Hand des Werffts", aus: Weber, Rußland, Teil 1, S. 448.
70 "Die Gasse hinten von oben an (Es ist die Große Marinen-Straße gemeint, A.K.) bis wo der große Platz Lit. C. (Es ist der Admiralitätsplatz wird gemeint, A.K.) zur linken Hand aufhört, wird von Russen und Deutschen durcheinander, doch meißt Deutschen, was aber noch mehr linker Hand des großen Platzes ist, von lauter Rußen bewohnt", aus: Weber, Rußland, Teil 1, S. 455.
71 Diese Straße hieß van Anfang an eine kurze Zeit auch Troickaja (Dreifaltigkeits-Straße), s. M.I. Pyljaev, Staryj Peterburg (Reprintausgabe), M. 1990, S. 212.
72 Ebenda. Diese Straße hieß seit ca. 30-er Jahren des 18. Jahrhunderts Millionenstraße (Millionnaja): "Wo heute Millionenstraße ist, befand sich gut bebautes Viertel, wo aber nur die Ausländer wohnten".
73 Ebenda.
74 Nistrem, Adres-Kalendar', S. 192.
75 Bogdanov, Opisanie, S. 150.
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Vizeadmirals Cornelius Cruys (Kreus), die 1730 auf die Newskij-Perspektive verlegt wurde; die Gemeinde der alten St. Petri- (1719) bzw. Annen-Kirche (seit 1740) am "Stückhof" unter der Führung des Generalfeldzeugmeisters Grafen Bruce, dessen Mitglieder sich aus Beamten und Handwerkern des Gießhauses zusammensetzten und die Gemeinde auf der Vasilijinsel. Sie baute 1728 eine eigene Kirche, die seit 1771 Katharinen-Kirche hieß. 76
Im weiteren werden wir sehen, daß sich der Standort des deutschen Theaters immer in den am dichtesten von den Deutschen und den Ausländern bewohnten Vierteln befand, nämlich in den drei Admiralitätsvierteln und auf der Vasilij-Insel.
1.2. Das deutsche Theater im 18. Jahrhundert
Die Öffnungspolitik Peters des Großen gewährte den Ausländern, unter denen deutsche Kaufleute, Militärs und Wissenschaftler waren, viele Privilegien, und ermöglichte so die Entstehung des deutschen Theaters in St. Petersburg.
In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts war die Existenz des deutschen Theaters in der Hauptstadt völlig vom Willen des Zaren abhängig. Dank der Initiative Peters I. wurden zuerst n ach Moskau und dann nach St. Petersburg die deutschen Schauspielgesellschaften eingeladen, die ihre Vorstellungen am Zarenhof oder in dafür speziell erbauten Gebäuden gaben. Dabei sollten sie gleichzeitig Nachwuchsförderung für das nationale russische Scha uspiel betreiben: Unter ihnen waren Johann Kunst, Otto Fürst und sein Sohn Hermann. Die deutschen Vorstellungen sollten zuallererst den sozialen und politischen Auftrag des Zaren erfüllen: er förderte die Aufführungen, die in Einklang mit den aktuellen politischen und militärischen Ereignissen standen, 77 obgleich Peter selbst "an dergleichen Schauspielen, so wenig als an der Jagd ein Belieben" 78 fand. Im allgemeinen sollte das Theater die von Peter I. angestrebten
76 Über die deutsche Evangelische Kirche in St. Petersburg: Erik Amburger, Geschichte des Protestantismus in Rußland. Stuttgart 1961; C. Walter, Die evangelische Kirche in St. Petersburg, in: Leben, hrsg. H. Pantenius; Die evangelisch-lutherischen Geme inden in Rußland. Eine historischstatistische Darstellung Bd.2., SPb. 1911; Materialien zur Geschichte und Statistik des Kirchen- und Schulwesens der evangelisch-lutherischen Gemeinden in Rußland, hrsg. E.H. Busch. SPb. 1862; Erik Amburger, Geschichte des Protestantismus in Rußland. Stuttgart 1961.
77 Vgl. Enciklopediceskij slovar' Bd. 64, hrsg. F.A. Brockhaus und I.A. Efron. SPb. 1901, S. 738; Kindermann, Bd. 5, S. 522; Vsevolodskij-Gerngross, Russkij teatr, S. 123 f., 126, 141, 147.
78 Weber, Das veränderte Rußland, S. 227.
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Neuerungen in Gesellschaft und Staat propagieren. 79 Andererseits war es aber das deutsche Publikum Petersburgs, das deutsche Schauspielgesellschaften heranzog. Das Verlangen der mittleren deutschen Bürgerschichten nach Zerstreuung wurde durch die niedere dramaturgische Gattung jener Zeit, die Stegreifspiele und die Haupt- und Staatsaktionen, befriedigt. Es waren die Truppen der Prinzipalin 80 V.K. Mann und der Prinzipalen J.C. v. Eckenberg, C.L. Hoffmann und J.C. Wilcke. Später kamen J.P. Hilferding, J.C. Siegmund und J.S. Scolari.
1.2.1. Das deutsche Hoftheater 1706 - 1740
Die Gründung des deutschen Theaters bzw. die Ankunft der deutschen Truppe in St. Petersburg wird unterschiedlich datiert. H. Kindermann nennt das Jahr 1706, E. Sommer das Jahr 1709, Fëdor Koni das Jahr 1717 und Fëdor Tumanskij das Jahr 1739. 81
Die erste deutsche Truppe in Moskau wurde 1702 von einem der besten damaligen deutschen Schauspieler, Johann Christian Kunst aus Danzig, geleitet. 82 Damals waren es sieben Männer und zwei Frauen, die sich für 5.000 Taler bereit erklärten, nach Moskau zu gehen, um dort im Theater zu spielen. 83 Für sie wurde auf dem Roten Platz ein hölzernes Komödienhaus errichtet. Nach dem Tod von J.C. Kunst 1703, wurde er durch den Moskauer Goldschmied Otto Fürst, 84 dessen Sohn Hermann die deutsche Truppe in St. Petersburg später leitete, ersetzt. Unter seiner Leitung wurde das Repertoire des Theaters durch italienisches, französisches und deutsches Barockdramengut ergänzt. 85
79 Erich Donnert, Peter der Grosse. Wien 1989, S. 238.
80 Das aus dem Französischen übernommene Wort "Prinzipal" bezeichnete in Deutschland des 18. Jahrhunderts den Leiter der Berufsschauspieltruppen. Er war zugleich Inhaber der nötigen Privilegien, Besitzer des Theatereigentums (Kostüm und Dekorationsfundus), regelte die gesamte Tätigkeit der Truppe und war nicht selten zur gleichen Zeit der erste Schauspieler - er wurde daher auch Komödiantenmeister genannt, in: Theaterlexikon: Begriffe und Epochen, Bühnen und Ensemble, hrsg. von Manfred Brauneck, Gérard Schnelin. 3-e Ausgabe. Hamburg 1992, S. 754.
81 Heinz Kindermann, Theatergeschichte Europas: Das Theater der Barockzeit Bd. 3. Salzburg 1967, S. 625 f. (1706); Erich Franz Sommer. Deutschen, S. 243 (1709); Fedor Koni, Istorija, S. 16 (1717); Fedor Tumanskij, Opyt (1739).
82 Sommer, Deutschen, S. 243; Vsevolodskij-Gerngross, Russkij teatr, S. 145.
83 Ebenda; vgl. Eike Pies, Prinzipale. Zur Genealogie des deutschsprachigen Berufstheaters vom 17. bis 19. Jahrhundert. Düsseldorf 1973, S. 211.
84 Vsevolodskij Gerngross, Russkij teatr, S. 146.
85 Don-Juan-Komödie nach Gilibertis Vorlage, "Alexanders Liebessieg" nach Cicognini und sein Schauspiel "Der ehrliche Verräter oder Friderichus von Popley und Aloise, seine Gemahlin",
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Einige Jahre später schickte die Prinzessin Natalija Alekseevna Hermann Fürst ins Ausland, um dort deutsche Schauspieler anzuwerben. 86 Er brachte zwölf Schauspieler mit sich. Laut H. Kindermann 87 wurde diese Truppe 1706 nach St. Petersburg gebracht. Eine indirekte Auskunft gibt uns der Fall von Frau Pagenkampf, die in Moskau von 1701 bis 1707 lebte. 88 Nachdem ihr Mann gestorben war, ging sie als Schauspielerin zum deutschen Theater. Die Tatsache kann aber nicht als endgültiger Beweis dafür dienen, daß die deutsche Truppe, zu der Frau Pagenkampf ging, tatsächlich in St. Petersburg spielte. Gesichert ist dagegen, daß die Truppe von Otto Fürst in Moskau spielte. Zu dieser konnte unter Umständen Frau Pagenkampf gegangen und mit dieser Truppe zusammen dann nach St. Petersburg gekommen sein. Es könnte aber auch die Periode zwischen 1712,- in diesem Jahr siedelte der kaiserliche Hof von Moskau nach St. Petersburg über und es wurde zur Hauptstadt Rußlands erklärt 89 - und 1717, als Hermann Fürst, Sohn des Direktors der deutschen Truppe in Moskau Otto Fürst, nach St. Petersburg kam, in Frage kommen. 90 Praktisch jedes Jahr kann als erstes für die deutschen Vorstellungen angesetzt werden. Das erste Theaterge bäude wurde, laut J.V. Predtecenskij und M.P. Trojanskij, 91 1714 auf Befehl des Zaren gebaut, dort aber spielten, wie Weber bezeugt, 92 geborene Russen, die niemals im Ausland waren. Das Theater befand sich an der Kreuzung der Sergiev- (Sergievskaja ulica, später ulica Cajkovskogo) und Auferstehungsstraße (Voznesenskaja ulica, später ulica Cernyševskogo). Es hatte die Hausnummer 26, wie auf dem Plan St. Petersburgs von 1725 verzeichnet ist. 93 Etwa 200 Meter davon entfernt stand die evangelisch- lutherische Annen-Kirche. Das Theater wurde aus Holz gebaut und wurde wahrscheinlich, wie
Gryphius "Papinianus", Molière -Komödien "Amphitryon", "Médecin malgré lui", "Les Précieuses redicules", eine Komedie von Corneilles mit verändertem Titel "Prinz Pickelhering oder Jodelet als sein eigener Gefängniswächter" u.a., in: Kindermann, Theatergeschichte Bd. 3., S. 625 f.; vgl. Vsevolodskij-Gerngross, Russkij teatr, S. 148.
86 Koni, Istorija, S. 17.
87 Die deutsche Truppe wurde mit der Übersiedlung des Hofes 1706 auch nach St. Petersburg mitgebracht, in: Kindermann, Theatergeschichte Bd. 5, Von der Aufklärung zur Romantik, S. 520.
88 E.P. Karnovic, Rodovye prozvanija. SPb. 1886; Vgl. Vsevolodskij-Gerngross, Russkij teatr, S. 146.
89 "Nach Übersiedlung (...) 1712 (...) erhielt auch das russische Theater an der Newa eine neue Wirkungstätte.", in: Erich Donnert, Peter der Grosse. Wien 1989, S. 239.
90 Koni, Istorija, S. 16. Auch hier: "Es gibt die Anweisungen, daß in den Gemachen der Prinzessin Natalija Alekseevna in Moskau und in St. Petersburg nur russische Schauspieler auftraten". Dazu s. auch: F.Ch. Weber, Das veränderte Rußland. Frankfurt/M. 1721, S. 228. Diese Tatsache weist uns darauf hin, daß die deutsche Truppe in anderem Gebäude spielte und zwar auf der Petrograder Insel.
91 J.V. Predtecenskij und M.P. Trojanskij, Teatr, in: O?erki istorii Leningrada, Bd. 1 (1703 - 1861). M.-L. 1955, S. 236.
92 Weber, Rußland, S. 228.
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viele andere Häuser, ein Opfer des Feuers. Fëdor Koni seinerseits teilt uns mit, daß das Theater in St. Petersburg erst am 1. Mai 1716 auf der Petersburger Insel in der Nikol'skaja Straße in einem großen hölzernen Haus eröffnet wurde. 94 F. Koni sagt auch, daß die deutsche Truppe unter der Leitung Hermann Fürsts 95 1717 nach St. Petersburg gebracht wurde. Es waren zwölf Schauspieler, zu denen in St. Petersburg noch zwei Frauen dazukamen: Es waren die Gemahlin des Doktors Pagenkampf 96 und Fräulein von Willich. Die erste erhielt 300 und die zweite 150 Rubel Gage pro Jahr. 97 Es zeigte sich, daß diese Truppe vom Zarenhof bezahlt wurde und folglich auch als Hoftruppe bezeichnet werden kann. Die Schauspieler führten laut F. Koni russische und deutsche Stücke auf. Möglicherweise gingen einige Schauspieler dieser Truppe 1723 zu J.K. von Eckenberg und spielten mit ihm in dem Gebäude an der Mojka. 98 Es ist wichtig zu bemerken, daß alle obengenannten Schauspielgesellschaften nach ihrem Ankunft mit den russischen Schauspielern zusammengebracht wurden. Diese Gesellschaften spielten auch die ins Russisch übersetzten Stücke. Diese ersten Theaterversuche gehören ganz allgemein zur Anfangsgeschichte des russischen Theaters. 99
93 Arapov, Letopis', S. 35.
94 Koni, Istorija , S. 14.
95 Nach F. Koni wird Hermann Fürst auch als "der Ausländer Mann" genannt. Wie er erklärt, kam es durch die manchmal willkürliche Bildung der ausländischen Namen im damaligen Rußland zustande: der Vorname Hermann wurde abgekürzt und der Rest "Mann" wurde als Familienname verwendet. Vgl. Koni, Istorija, S. 16. Diese Behauptung ist aber falsch, da es sich hier um die Schauspielerin und Prinzipalin aus Königsberg Viktoria Klara Mann handelt.
96 Chirurg Pagenkampf hat ein hölzernes Haus an der Großen Stallstraße (Bol'saja Konjusennaja) in der Nähe vom Stallhof gehabt, das 1741 abgerissen wurde, in: RGIA, F. 1601, O. 1, D. 135, Li. 5. Frau Pagenkampf wurde im Russischen Pagankova nach dem ähnlichen Lautklang genannt, was eine ganz andere Bedeutung im Russisch hat und zwar "Giftpilz". Vgl. über die Bildung der ausländischen Namen in: Karnovic, Rodovye prozvanija.
97 Koni, Istorija, S. 17.
98 Ebenda.
99 Vgl. D.V. Cvetaev, Pervye nemeckie školy v Moskve i osnovanie pridvornogo teatra (Die ersten deutschen Schauspieler in Moskau und die Gründung des Hoftheaters). Warschau 1889; P.O. Morozov, Svedenija ob ispolnenii v Moskve p'esy I. Gregori "Judif'" v 1673 godu (Bericht über die Aufführung des Stückes "Judiph" von J. Gregori in Moskau 1673) (SPb. 1888), in: GPB OR, F. 550, D. 558, Li. 97; P.P. Pekarskij, Aktëry v Rossii pri Petre Velikom (Schauspieler in Rußland zur Zeit Peters des Großen), in: Sovremennik Nr. 2 (1858), S. 185-198; N.A. Popov, Materialy dlja istorii teatra. Vyezžie komedianty pri Petre (Materialien zur Geschichte des Theaters. Ausländische Komödianten zur Zeit Peters des Großen), in: Bibliografi?eskie zapiski Bd. 3 (1861); D.D. Šamraj, Inistrannye artisty v Rossii i russkom teatre, teatr 18. veka (Ausländische Schauspieler in Rußland und im russischen Theater), in: GPB OR, F. 1105, D. 240; V.V. Stasov, Russkie i inostrannye opery, ispolnjavšiesja na imperatorskich teatrach v Rossii v konce 18 i 19 stoletijach (Russische und ausländische Opern, die in den kaiserlichen Theatern im 18. und 19. Jahrhundert aufgeführt wurden), in: Russkaja muzykal'naja gazeta Nr. 1 (1898), Spalte 4-14; Nr. 2, Spalte 121-133; Nr. 3, Spalte 276.284; P.N. Stolpjanskij, Materialy po istorii russkogo teatra (Materialien zur Geschichte des russischen Theaters), in: GPB OR, F. 263, D. 385, 386; A.I. Sulukadzev, Opyt kratkogo izloženija o teatre v Rossii s nacala onogo (1819) (Versuch einer kurzen historischen Darstellung des Theaters in
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Als erste vollkommen deutsche Truppe kann die von Johann Karl von Eckenberg (1684-1748) genannt werden, 100 der unter dem Rufnamen "der starke Mann" auftrat, er vereinigte seine Truppe 1719 mit der Schauspielergesellschaft von J.H. Mann 101 und seiner Frau Viktoria Klara Mann in Königsberg und kam mit insgesamt 40 Schauspielern nach Riga. 102 Mit Sicherheit kann man sagen, daß er in diesem Jahr auch nach St. Petersburg kam: Livland gehörte schon seit 1710 zum Rußländischen Imperium und die Schauspieler mußten ein Privileg erhalten, um in St. Petersburg, Riga und Reval spielen zu können. Außerdem lag dieses Gebiet schon im Wirkungsbereich der nördlichen Metropole St. Petersburg, von der eine starke Anziehungskraft auf Schauspielgesellschaften ausging. Außerdem war das Privileg für den Prinzipal, in St. Petersburg spielen zu können, ein und dasselbe, das auch in den baltischen Städten galt. 1723/24 kam J.C.v. Eckenberg 103 erneut nach St. Petersburg,- jetzt aus Prag. Seine Truppe bestand aus zwölf Personen, von denen vier mangelhaftes Tschechisch sprachen. 104 Zur Zeit des zweiten Aufenthalts Eckenbergs in St. Petersburg war er schon ein angesehener Schauspieler und Adelsmann. 105 J.K.v. Eckenberg imponierte dem
Rußland von seiner Entstehung), in: GPB OR, F. 328, D. 526; Vsevolodskij-Gerngross, Istorija teatral'nogo obrazovanija v Rossii (Geschichte der Ausbildung zur Schauspielkunst in Rußland) Bd. 1. SPb. 1913; ders., Russkij teatr ot istokov do serediny 18. veka. M. 1957; ders. (Hrsg.), Istorija russkogo dramaticeskogo teatra Bd. 1-7. M. 1977; P.N. Stolpjanskij, Materialy po istorii russkogo teatra (1910), in: GPB OR, F. 263, D. 385, 386; N.S. Tichonravov, Na?alo russkogo teatra (Anfänge des russischen Theaters), in: Letopisi russkoj literatury i drevnosti Bd. 3 Buch 5. M. 1861; ders., Pervoe pjatidesjatiletie russkogo teatra (Die ersten 50 Jahre des russischen Theaters). M. 1873.
100 J.K. Eckenberg hieß eigentlich Eckenberger und wird erstmals 1715 als Carl Eggenberg von Halberstadt, genannt "Samson der Unüberwindliche", zu Bern als Athlet nachgewiesen. 1718 zog er nach Rußland und erhielt dort von Peter I. am 16. April 1719 ein ehrenvolles Testamonium, in: Gallerie von deutschen Schauspielern der ältern und neuern Zeit (Schriften der Gesellschaft für Theatergeschichte, 13), 2-e Ausgabe. Berlin 1910, S. 184 f. Laut Rigaer Lexikon war er 1754 gestorben, in: Rigaer Theater- und Tonkünstler-Lexikon, hrsg. Moriz Rudolph. Riga 1890, S. 50.
101 J.K. Eckenberg war mit Johann Heinrich Mann und dessen Frau Viktoria Klara, geb. Benecke, außer St. Petersburg 1720 in Danzig und kam dann wieder 1723/24 nach St. Petersburg, in: Gallerie, S. 285; vgl. V. Vsevolodskij-Gerngross, Komediant Mann, in: E?egodnik impeartorskich teatrov 7 (1912).
102 Pies, Prinzipale, S. 109 f.; Stählin berichtet über einen "Erhalter des Theaters Deutschen namens Mann", der seine Vorstellungen einige Jahre vor 1723 gab, in: Letopis' v. Arapov, S. 34.
103 S. dazu: Johannes Bolte, "Der starke Mann" J.C. Eckenberg, in: Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte Bd. 2. Leipzig 1889; Rigaer Lexikon, S. 50; Vsevolodskij-Gerngross, Russkij teatr, S. 154.
104 Die deutsche Truppe unter der Direktion Johann Eckenbergs, der als "starke Mann" genannt wurde, spielte in St. Petersburg in 1719 und 1723-24, in: Arapov, Letopis', S. 35; vgl. Vsevolodskij-Gerngross, Russkij teatr, S. 154.
105 1717 erhielt er in Berlin das Adelsprädikat und am 24. Juni das preußische Privileg. Später im Jahre 1733 kündigte er sich als "Königlich Präußische und Churfürstisch Brandenburgische privilegierte Große Engell-Holländische und Italienische Seil-Tänzer, Voltigierer und Luftspringer-Companie" an, in: Eike Pies, Prinzipale. Zur Genealogie des deutschsprachigen Berufstheaters vom 17. bis 19. Jahrhundert. Düsseldorf 1973, S. 109 f.
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Zaren durch seine "ungemeine Stärke und Geschicklichkeit", 106 der für J.C.v. Eckenberg das Theater baute. Dieser "Gaukler" 107 verbog Hufeisen, sprengte dicke Ketten, stemmte lebende Pferde. Seine Vorstellungen genossen große Popularität, nicht nur unter der Bevölkerung, sondern auch bei Zarenhofe. 108 Jakob von Stählin weist uns, ohne seinen Namen zu nennen, auf J.C. v. Eckenberg hin:
"Schon zu Peters I. Zeiten stellte sich eine Bande deutscher Komödianten, unter
einem Meister, Mann 109 genannt, in Petersburg ein, die eine Schaubühne an der Mojka hielte, und mit ihren ziemlich elenden Schauspielen dennoch guten Zulauf hatte". 110
Die negative Einstellung J.v. Stählins zum Niveau der Aufführungen dieser Truppe ist dem aufklärerischen Zeitgeist mit gehobenen Ansprüchen an die Theatervorstellungen zuzuschreiben. Dieser Zeitgeist ließ Staatsaktionen und Harlekinaden nicht zu. Für die damalige Zeit und das bürgerliche Publikum war das dagegen eine unterhaltsame Erscheinung, was der gute Zulauf des Publikums beweist. Die erste Aufführung wurde am 18. August 1723 geplant, fand aber wegen des Todes der Zarin Praskov'ja Fëdorovna nicht statt. 111 Unter den Vorstellungen im Jahre 1724 wird die Komödie "Von der armen Jungen oder Georges Dandin" von Moliere erwähnt, an der unter anderen auch der Schauspieler Mundkoch teilnahm. 112 Nach Legband spielte dort auch Johann Siegfried Scolari (? - 1779), der 1724 auch als "starker Mann" und Prinzipal mit J.D. Schönrock nachweislich in Riga tätig war. 113 Man kann ziemlich genau den Standort dieses Theatergebäudes nachweisen. Es stand am Mojkas Ufer neben der Grünen oder Polizeibrücke und wurde als "prekrasnyj i
106 Er war derjenige, der das erste feste Theatergebäude in Berlin baute, in: Hans Erman, Wo man baute, wo man spielte...(Kleine Schriften der Gesellschaft für Theatergeschichte 12. Berlin 1954), S. 3.
107 Ein Sammelbegriff für umherziehenden Artisten (Seiltänzer, Dompteure, Jongleure usw. Später ein Jahrmarkt-Possenreißer. Im 18. und 19. Jahrhundert im Variete und Circus, in: Theaterlexikon, Henning Rieschbieter (Hrsg.). Zürich und Schwäbisch Hall 1983, S. 494.
108 Die in Petersburg befindlichen deutschen Schauspieler sollten an jenem Tag vor der Zarenfamilie spielen. Die Aufführung wurde aber verschoben, was für den Herzog von Holstein unangenehm war, weil er sich über die Möglichkeit freute, sich mit den Prinzessinen Anna und Esilaveta Petrovna zu unterhalten, s. Arapov, Letopis', S. 34.
109 Haigold verwechselt, wie auch F. Koni, J.C. v. Eckenberg, der tatsächlich 1723/24 in Petersburg spielte, mit der Schauspielerin V.K. Mann.
110 Jakob, Theater, Tanz und Musik in Rußland: Beilagen zum neuveränderten Rußland, Teil 1. Riga/Mitau 1769, S. 400.
111 Haigold, S. 35.
112 Ebenda.
113 Pies, Prinzipale, S. 301.
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prostornyj so vsemi udobstvami dlja zritelej" (Ein schönes und geräumiges Theater mit allen Bequemlichkeiten für die Zuschauer) charakterisiert. 114 Eine erste Beschreibung sagt, das Gebäude stand dort, "wo die Polizeikanzlei stand" 115 und die zweite: "Am Platz, wo der Hofspital jetzt steht". 116 Diese Aussagen sind mit den Archivmaterialien zu belegen. Heute befindet sich auf diesem Platz ein Haus unter der Nummer 42. 117 Dieses Theater wurde 1733 auf Befehl Anna Ioannovnas wegen der Abtragung des Ufers durch die Flut und dem dadurch schlechten Zustands des Fundaments abgebrochen. 118
Nach dem Tode Peters I. wurden die deutschen Vorstellungen wegen der krisenhaften Situation bei Hofe und dessen schwieriger finanzieller Lage unterbrochen. Eine leere Staatskasse, übermäßige Ausgaben für eine Armee von 240.000 Mann und eine Flotte von 28.000 Mann trugen dazu bei. Für die deutsche Truppe konnte man nicht, wie zur Zeit Peters I., ein Gebäude errichten lassen. Die unmittelbaren Nachfolger Peters, Katharina I (1725-1727) und Peter II. (1727-1730) waren dazu nicht besonders theaterfreundlich. Der minderjährige Peter II., der im Alter von 15 Jahren starb, kam unter den Einfluß der alten Adelsfamilien Dolgorukijs und Golicyns und brachte den Hof nach Moskau zurück. Die Stadtverwaltung verhinderte jedoch nicht die deutschen Vorstellungen und verhielt sich denen gegenüber neutral. Es ist wichtig zu bemerken, daß die neue Kaiserin Katharina I. nichts an der "ambitionierten Heiratspolitik" 119 Peters I. änderte. Sie setzte sich noch vehementer für die Ansprüche ihres Schwiegersohnes Karl Friedrich ein. Ihre Tochter, Großfürstin Anna Petrovna, wurde mit dem Herzog von Holstein- Gottorf, Karl Friedrich (1702-1739) und ihre Schwester, die Großfürstin Elisaveta Petrovna, mit dem holsteinischen Herzog Karl verlobt und nur der plötzliche Tod des letzteren (1727) hatte ihre Heirat verhindert. 120 Auch nach der ausgeprägt deutschfreundlichen Periode Peters I. blieb also
114 Vsevolodskij-Gerngross, Russkij teatr, S. 154.
115 Bogdanov, Opisanie, S. 137.
116 Nistrem, Adres-Kalendar', S. 192.
117 Dom glavnoj policmejsterskoj kanceljarii meždu rekoj Mojkoj und Bol'šoj Konjušennoj ulicej v Admiraltejskoj casti (1776), in: RGIA, F. 1601, O. 1, D. 132, Li. 20; Dela o pridvornom gospitale, in: ders., F. 485, O. 2, D. 590, Li. 1; D. 591-595; F. 470, O. 1, D. 27; F. 805, O. 1, D. 420. Die Adresse Mojka 37, später Nr. 42.
118 Ocerki, Bd. 1, S. 237.
119 Eckhard Hübner, Staatspolitik und Familieninteresse. Die gottorfische Frage in der russischen Außenpolitik 1741-1773. Neumünster 1984, S. 17.
120 Hübner, Staatspolitik, S. 31
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ein günstiges politisches Klima für den Aufenthalt der deutschen Truppen in St. Petersburg bestehen.
Die privaten Schauspieler sollten auf eigenes Risiko ihr Glück versuchen. 1725 kam unter der Leitung des Tenors J.C. Wilcke ein fünfgliedriges deutsches Sänger-Ensemble aus Hamburg für fünf Jahre nach Moskau 121 . Ebenfalls 1725 löste der Hamburger Prinzipal und Schauspieler Carl Ludwig Hoffmann (?-1731) seine Truppe auf, zog nach Petersburg und schloß sich der dortigen Truppe an. 122 Die Vorstellungen dieser Truppe unterschieden sich nicht besonders von den Eckenbergschen. Gottsched, mit dem Hoffmann in diesem Jahr in Kontakt kam, schrieb 1725: "Lauter Staatsaktionen, lauter unnatürliche Romanstreiche und Liebeswirrungen, lauter pöbelhafte Fratzen und Zoten waren dasjenige, so man daselbst zu sehen bekam". 123 Später kehrte Hoffmann zur Neuorientierung nach Deutschland zurück und erschien 1730 mit einer neuen Schauspielgesellschaft in Kiel, wo er vom dortigen Herzog insgesamt 550 Reichstahler erhielt. 124 Ein Theaterliebhaber in der Zeitschrift "Russische Bibliothek" charakterisierte 1777 trefflich diese Epoche:
"Die vorigen deutschen Schauspielgesellschaften in St. Petersburg hatten das gewöhnliche Schicksal ihrer ausländischen Schwestern, daß sie sich nicht immer erhalten konnten. Der Beifall war sehr abwechselnd, und die aufgeführten Stücke höchst verschieden. Bald sahe man den besten Trauerspielen zu; bald erschien wieder der Mann mit dem bunten Wamms, der hier, so wie aller Orten, sich nicht leicht verdrängen ließ, und den man für nöthig hielt, um gewisse Liebhaber der Schauspiele nicht abwendig zu
machen". 125
Ständige Theateraufführungen beim russischen Hofe gab es erst in der Regierungszeit Anna Ivanovnas. Schon 1730 wurden französische und italienische Truppen eingeladen, 126 die abwechselnd im Winterpalast spielten. Die italienische Schauspieltruppe wurde zum Anlaß der Krönungsfestivitäten Anna Ivanovnas vom König August II. von Polen geschickt und spielte bei Hofe italienische Intermezzi. Unter den italienischen Schauspielern und im Orchester befanden sich auch viele
121 Kindermann, Theatergeschichte, S. 523.
122 Eike Pies, Das Theater in Schleswig 1618-1839. Kiel 1970, S. 39; dies. Prinzipale, S. 168 f.
123 Pies., Prinzipale, S. 168.
124 Dies., Theater, S. 39.
125 Russische Bibliothek: Zur Kenntniß des gegenwärtigen Zustandes der Literatur in Rußland, hrsg. v. Hartw. Ludw. Christi. Bacmeister, Bd. 4. SPb., Riga und Leipzig 1777, S. 485 f.
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Deutsche, so z.B. die Tochter des berühmten Kaiser, eines Hamburgischen Kapellmeisters, die sang und der "Hautboist und Traversist Mr. Töpert" aus Berlin. 127 Der obengenannte Kapellmeister Kaiser war auch in Petersburg und "empfing Gelder vom Hofe, um außer Landes Virtuosen anzuwerben, blieb aber mit Sack und Pack aus". 128 1736 spielt die Truppe des "Berliner Pantalons" und selbstständigen Prinzipals Johann Peter Hilferding (auch Hilverding) (1690-1768) 129 mit dem Beinamen Pantalon de Bisognosi 130 in Königsberg, der "aus der Tradition des Wiener Stegreifspiels kam". 131 Nach einem Jahr seiner Betätigung entschloß er sich 1737 nach St. Petersburg zu gehen. Er schloß sich mit Johann Christoph Siegmund 132 (1705-1747) und Johann Siegfried Scolari (? -1776) zusammen. 133 C.S. Siegmund, der zwölf Jahre seiner Jugend in Rußland verbrachte und J.S. Scolari, der bei Eckenberg in St. Petersburg 1723/24 spielte, erscheinen hier nicht zufällig. Ihre Namen begleiten die Geschichte des deutschen Theaters in St. Petersburg bis zum späten 18. Jahrhundert. Sie spielten diesmal bis 1740 und begaben sich dann zu weiteren Gastspielen nach Königsberg. 134 Ihre Spiele fanden wahrscheinlich im 1736 neuerbauten hölzernen Theater am Caricyn lug, später Marsfeld, statt, das 1770 wegen seiner Baufälligkeit an den französischen
126 L. Starikova, Snova o Fëdore Volkove, Teatr 2 (1989), S. 85.
127 Stählin, Theater, S. 400 f.
128 Ebenda.
129 Ab 1733 spielte Hilferding bei Eckenberg als Pantalone di Bisognosi, in: Pies, Prinzipale, S. 164.
130 Peter Hilferding war der Sohn eines Italieners, dessen eigentlicher Name de Bisognosi war. Er war auf der Wiener Bühne um 1706 als Pantalone berühmt. In Wien begann P.H. sein Theaterlaufbahn, in: Rigaer Lexikon, S. 97.
131 Bosse, Etablierung, S. 81. Stegreifspiel ist ein improvisiertes Theaterspiel. Der Handlungsablauf ist durch ein skizziertes Szenarium vorgegeben, ebenso Figuren und allgemeine Verhaltensweisen in bestimmten Situationen, in: Theater-Lexikon, hrsg. Rischbieter, S. 1222.
132 Das Schicksal des Schauspielers und Prinzipals J.Ch. Siegmund ist beispielhaft. Er war ein Produkt eigener Neugier und der Petrinischen Reformen. Er wurde als Sohn eines Drechslers 1705 in Königsberg geboren. 1715, als 10jähriger Knabe besuchte er die russische Schiffe und wurde angeblich, wie auch immer, von russischen Matrosen mit nach St. Petersburg genommen. Dort wurde er durch die Großfürstin Elisabeth gefördert, die sich um ihn sorgte und ihn in allem, wozu er Lust hatte, unter-richten ließ. So erhielt er seine Bildung. 1727 kehrte er zurück nach Deutschland zurück und begab sich 1734 zur Eckenbergschen Truppe. 1737 schloß er sich Hilverding und Scolari an; vgl. Rigaer Theater- und Tonkünstler-Lexikon, hrsg. von Moriz Rudolph. Riga 1890, S. 230; S. auch Pies, Prinzipale, S. 313; Deutsches Theater-Lexikon. Biographisches und Bibliographisches Handbuch Bd. 3, hrsg. Ingrid Bigler-Marschall, begründet v. Wilhelm Koch. Bern 1992, S. 2197.
133 Scolari spielte bis 1721 in Wien, wo er als Komiker sehr geschätzt wurde. Um diese Zeit ging er zur Mannschen Gesellschaft nach Königsberg, darauf zu Eckenberg nach Berlin. Um 1737 schloß er sich der Hilferdings Gesellschaft an, s. Rudolf Moriz (Hrsg.), Rigaer Theater- und Tonkünstler-Lexikon. Riga 1890, S. 224; s. Pies, Prinzipale, S. 301.
134 Pies, Prinzipale, S. 301.
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Andreas Keller, 1995, Das Deutsche Theater und die Entwicklung der deutschen Gesellschaft in St. Petersburg im 18. und 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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