Uni Hamburg
Institut für Griechische und Lateinische Philologie
Magisterarbeit
Zur Rezeption griechischer Epigramme bei Catull
von
Cornelius Hartz
5. 8. 2001
Inhalt
1. Einleitung ... 1
2. Das Selbstverständnis der poetae novi ... 5
3. Das hellenistische Kunstprinzip in Rom vor Catull ... 9
3.1 Entwicklung der hellenistischen Literatur ... 10
3.2 Das hellenistische Epigramm ... 11
3.2.1 Entwicklung des griechischen Epigramms bis zum ersten Jahrhundert v. Chr. ... 11
3.2.2 Stilistische Merkmale des hellenistischen Epigramms ... 14
3.2.3 Analyse von Kallimachos ep. 41 ... 17
3.3 Einfluss der hellenistischen Literatur in Rom ... 20
4. Einflüsse griechischer Literatur in Catull außerhalb der Epigramme ... 25
4.1 Vorbemerkung: Verschiedene Ansätze zur Unterteilung des Catulli liber ... 25
4.2 Lange Gedichte ... 27
4.3 Polymetra ... 35
5. Einflüsse hellenistischer Epigramme
in Catulls Epigrammen ... 41
5.1 Hellenistische Epigramme als direkte Vorbilder ... 44
5.1.1 Kallimachos ep. 25 und Catullus c. 70 ... 44
5.1.2 Kallimachos ep. 30 und Catull c. 80 ... 52
5.2 Allgemeine und indirekte Einflüsse hellenistischer Epigramme ... 57
5.2.1 Analyse von Catull c. 78 ... 58
5.2.2 Analyse von Catull c. 85 ... 62
5.2.3 Analyse von Catull c. 77 ... 71
6. Catulls dichterisches Selbstverständnis
im Kontext der Epigramm-Rezeption ... 74
7. Literaturverzeichnis ... 82
1. Einleitung
Die Gedichte des C. Valerius Catullus nehmen in der römischen Lyrik eine Sonderstellung ein. Sie werden in der Forschung meist als Beginn einer neuen Epoche in der römischen Literatur angesehen, der Entwicklung einer Lyrik, die persönliche Gefühle ausdrückt. Im Zuge dessen wird oft Catulls ,,Unmittelbarkeit"1 herausgestellt, allerdings oft mit der Einschränkung, sein Werk zerfalle ,,in ,spontane′ kleine Gedichte und schwer zugängliche alexandrinische Kunstgedichte".2 Die ,,spontanen" Gedichte haben sogar dazu geführt, in Catulls Dichtung eine Parallele zur Entwicklung der Lyrik im 20. Jahrhundert zu sehen, wie Quinn es in ,,The Catullan Revolution" getan hat.3 Darüber hinaus hat die singuläre Stellung, die Catull in seiner Epoche in der römischen Dichtung inne zu haben scheint, oft einen Genie-Gedanken genährt, wie beispielsweise Havelock ihn in ,,The Lyric Genius of Catullus" programmatisch vertritt.4
Mit solchen Analogien und Bewertungen Catulls ist jedoch vorsichtig umzugehen. Es gibt keinen Dichter der Antike, der einen ähnlichen Bekanntheitsgrad genießt, über den aber gleichzeitig so wenig biographische Fakten überliefert sind und dessen Werk in vergleichbar schlechter Weise überliefert ist. Die gesamte moderne Überlieferung Catulls entstammt einem einzigen Codex aus dem 13. Jh.,5 und von den wenigen überlieferten Lebensdaten sind einige widersprüchlich oder ohne sichere Autorität.
Zur Biographie Catulls sind drei antike Textstellen erhalten, die direkt auf seine Lebensumstände Bezug nehmen,6 und diese geben uns die folgenden Informationen:
Catull war ein lyrischer Dichter, im Jahre 87 v. Chr. in Verona geboren, im Alter von 30 Jahren in Rom gestorben (Hieronymus, zit. in Suet. de poet. inlustr.). Schon in jungen Jahren starb er als geehrter Dichter (Ovid am. 3,9,62); im Jahre 35 war er auf jeden Fall tot (Nep. Att. 12,4).
Selbst bei diesen knappen Angaben, die kaum etwas von Bedeutung über Catulls Lebensumstände nennen, treten Schwierigkeiten auf: Das als Todesjahr angegebene Jahr 57 v. Chr. steht im Widerspruch zu bestimmten Textstellen in Catull, die historisch eingeordnet werden können und aus denen hervorgeht, dass er im Jahre 55 v. Chr. noch gelebt hat.7
Zur scheinbar singulären Stellung Catulls in der römischen Literatur seiner Epoche ist anzumerken, dass Catull dem Kreis der Neoteriker oder poetae novi angehörte, die sich einige der für Catulls Dichtung konstituierenden Elemente programmatisch zu eigen gemacht hatten; nur ist Catull der einzige dieser frühen Neoteriker, dessen Gedichte bis heute mehr als fragmentarisch erhalten sind. Auch hier kann also kein eindeutiges Urteil bezüglich seiner Stellung und seines Ansehens unter den Zeitgenossen gefällt werden.
Wiseman hat zur erwähnten ,,Unmittelbarkeit" der Dichtung Catulls eine klare Gegenposition bezogen.8 Er weist mit Recht darauf hin, dass die Antike allgemein und die antike Dichtung im Besonderen dem heutigen Rezipienten in erster Linie fremd ist und ihm trotz intensiver Beschäftigung mit ihr ein gewisser Grad an Vertrautheit verwehrt bleibt:
,,Studying ancient Rome should be like visiting some teeming capital in a dangerous and ill-governed foreign country; nothing can be relied on, most of what you see is squalid, sinister or unintelligible, and you are disproportionately grateful when you find something you can recognise as familiar."9
Lässt man sich auf diese Sichtweise ein, dann kann es auch leichter fallen, einen Dichter und dessen Werk allein aus dem Beweisbaren heraus zu beurteilen. Eine vordergründige Vertrautheit mit einem Dichter führt eher zu Sympathie oder Antipathie als zu einem objektiven Bild seiner Dichtung. Bestimmte Annahmen über Leben und Person Catulls können so stärker hinterfragt werden, als dies bisher in der Literatur der Fall ist. So ist z. B. die Anteilnahme Catulls, ,,gleich weit von zwei Gravitationszentren [Sulla und Caesar] entfernt",10 an den politischen Ereignissen seiner Zeit, vor allem der catilinarischen Verschwörung und den Siegen Caesars und Pompeius′ nicht erwiesen. Schließlich war der Übergang von Republik zu Prinzipat für die Sozialgeschichte wesentlich weniger signifikant als für politische.11
Der Teilbereich der römischen Gesellschaft, in dem Catull seine Gedichte ansiedelt, muss nicht derselbe gewesen sein wie der, dem Cicero entstammt, wenn er über diese Ereignisse berichtet. Letztlich kann Cicero kein authentisches Bild des Privatlebens und der pleasures der patrizischen Claudier abgeben:
,,The ,Ciceronian′ age would look very different through the eyes of a Petronius or Martial",12 und möglicherweise auch eines Catull.
Häufig sind biographische Versuche unternommen worden, um das heutige Verständnis von Catulls Dichtung zu verbessern,13 am aufwendigsten wohl durch Stoessl, der jedes einzelne Catull-Gedicht in eine nur aus dem eigenen literarischen Kontext Catulls erstellte Biographie eingeordnet hat.14 Die meisten solcher erschlossener biographischer Daten bleiben aber in jedem Fall fiktiv und unbeweisbar; daher können sie auch nichts zum Verständnis der Dichtung Catulls beitragen.
In der vorliegenden Arbeit soll versucht werden, soweit wie möglich von Beweisbarem auszugehen. Dabei ist es nötig, vom Kreis der poetae novi ausgehend zu einem Verständnis des künstlerischen Selbstbildes Catulls zu gelangen. Es wird gezeigt werden, dass dieses zu einem nicht geringen Teil mit der hellenistischen Dichtung verbunden ist. Über den Weg einer allgemeinen Charakterisierung des griechischen, speziell des hellenistischen Epigramms, soll herausgearbeitet werden, inwieweit bei Catull eine Rezeption griechischer Epigramme auszumachen ist, und wie sich diese auf seine Dichtung auswirkt.
Dabei empfiehlt sich ein stärkerer Focus auf die Epigramme15 Catulls nicht zuletzt deshalb, weil sie in der Forschungsliteratur relativ geringe Beachtung gefunden haben16 und im Vergleich zu den anderen Gedichten im Catulli liber überwiegend negativ beurteilt worden sind.
2. Das Selbstverständnis der poetae novi
Zwischen der Dichtung Catulls und der römischen Literaturtradition besteht ein Spannungsverhältnis. Dieses zeigt sich vor allem in der Beziehung zwischen Dichter und Publikum, an der sich das Neue an Catulls Dichtung festmachen lässt. Bis zur Zeit Catulls war das Kunstwerk in Rom ein Dienst an der Gemeinschaft und musste ständig deren Zustimmung suchen. Dahinter trat die „individuelle Persönlichkeit des Dichters fast ganz zurück.“17
Die Neuerungen in der Literatur, die im Zusammenhang mit den poetae novi auszumachen sind, zeigen sich vor allem in einer Abwendung des Dichters von der Publikumserwartung. Diese Haltung ist allerdings nicht notwendigerweise so oppositionell, wie es zunächst scheint. Viele der Veränderungen, die mit dem gesellschaftlichen Status der Dichter zu tun haben, lagen zu Catulls Zeit „in der Luft“: Wachsender materieller Wohlstand und ein wachsendes nationales Selbstbewusstsein hatten zumindest bei der intellektuellen Elite Roms wohl eine größere Bereitschaft mit sich gebracht, den Dichter als eigenständigen Künstler ernst zu nehmen.18
Bis zu dieser Zeit waren die Dichter in Rom größtenteils von niedrigem gesellschaftlichen Rang19 und nicht viel mehr als handwerkliche Protegés von Adligen. Nun begannen sie entweder finanziell unabhängig zu sein, wie Catull, oder sie forderten von ihren Gönnern einen hohen Grad an künstlerischer Unabhängigkeit, wie Properz oder Horaz.20 Catull war sehr wohlhabend. Das brachte ein hohes Maß an künstlerischer Autonomie mit sich, da er nicht auf den Geschmack eines Geldgebers oder eines zahlenden Publikums angewiesen war und in seiner literarischen Produktion auf niemandes Vorlieben oder Interessen Rücksicht nehmen musste.21
Die Abkehr von der Publikumserwartung war hierbei nur das Symptom einer grundlegenden Veränderung im Selbstverständnis der römischen Dichter. Diese zeigt sich bei Catull in einem persönlichen Wertewandel: Die Geliebte tritt „an die Stelle der Familie“, und „der Freundeskreis“ tritt „an die Stelle der Republik“.22 Und in letzter Konsequenz braucht ein Dichter, der nur für seinen Freundeskreis schreibt, kein anderes Publikum mehr.21
Ähnlich wie es für Horaz bezeugt ist, ist anzunehmen, dass Catull seine Gedichte im Kreis der Freunde vorgetragen hat, nicht aber vor einer breiteren Öffentlichkeit. Belege dafür finden sich in den Gedichten selbst: Catull bezieht sich nirgendwo auf den öffentlichen Vortrag seiner Gedichte oder auf ein breites Publikum, wie z.B. Martial es tut (Mart. VII 97, 10ff):
o quae gloria! quam frequens amator!
te convivia, te forum sonabit,
aedes, compita, porticus, tabernae.
uni mitteris, omnibus legeris.
Bei Catull finden sich nur Hinweise auf Niedergeschriebenes: pugillaria (c. 42, 5), codicillos(c. 42, 11ff), tabellis (c. 50, 2) und am häufigsten liber und libellus (c. 1, 1; c. 14, 12; c. 22, 6; c. 44, 23). Es ist auch anzunehmen, dass Catull einige seiner Gedichte als informelle Korrespondenz verschickt hat. So könnte auch der Hinweis an Aurelius und Furius zu verstehen sein: quod milie multa basiorum/legistis (c. 16, 12f), der sich offenbar auf eine private Lektüre der „Basia- Gedichte“ (c. 5, c. 7) bezieht.24
Es ist nicht sicher, wie viele von Catulls Gedichten zu Lebzeiten überhaupt veröffentlicht worden sind. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Catull zu Lebzeiten ein bekannter Dichter war und dass seine Gedichte auch über diesen Freundeskreis hinaus bekannt waren. Dies beweist z. B. die Auseinandersetzung mit Caesar: Obwohl Caesar vielen Anfeindungen ausgesetzt war, nahm er ein Gedicht Catulls gegen Mamurra offenbar besonders ernst (möglicherweise c.57, eine Invektive gegen Mamurra und Caesar selbst).
Das lässt sich aus einer Bemerkung Suetons über das Verhältnis Caesars zu Catull erschließen (Suet. Iul. 73):
Valerium Catullum, a quo sibi versiculis de Mamurra perpetua stigmata
imposita non dissimulaverat, satis facientem eadem die adhibuit cenae
hospitioque patris eius, sicut consuerat, uti perseverauit.
Wichtiger als sein tatsächlicher Bekanntheitsgrad und der seiner Gedichte sind in diesem Zusammenhang Catulls Anspruch als Dichter und seine ablehnende Haltung zum breiten Publikum,25 weil dies beides etwas Neues darstellte.
Die Abkehr vom breiten Publikum und dessen Erwartungen an Dichtung und Dichter gab den Neoterikern die Berechtigung, in der Dichtung neue Formen auszuprobieren und sich einem Ideal des „l’art pour l’art“ zu widmen.26 Dies bedeutete gleichzeitig eine Abkehr von der römischen Literaturtradition. An deren Stelle trat die Beschäftigung mit den Alexandrinern, vor allem mit Kallimachos, und die Übernahme dessen Kunstideals.27
[...]
1 M. v. Albrecht, Catull. Dichter der Liebe und Gestalt seiner Epoche, in: AU 35,2 (1992), S. 4; vgl. K. Quinn, The Catullan Revolution, Melbourne 31999, S. 3 und S. Martindale, in: Quinn (1999), S. xii
2 Albrecht (1992), S. 4
3 vgl. Quinn (1999), S. 3
4 vgl. E. A. Havelock, The Lyric Genius of Catullus, Oxford 1939
5 vgl. K. Büchner, Überlieferungsgeschichte der lateinischen Literatur des Altertums, in: H. Hunger u. a., Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel, München 1975, S. 390
6 Von anderen Stellen, die Catull nennen, aber keinen direkten Bezug zu seiner Biographie haben, wird hier abgesehen; vgl. W. Kroll, C. Valerius Catullus, Stuttgart 51968, S. V
7 vgl. Kroll, S. V
8 vgl. T. P. Wiseman, Catullus and his World - a Reappraisal, Cambridge 1985
9 Wiseman, S. 4
10 Albrecht (1992), S. 5
11 vgl. Wiseman, S. 3
12 ebd., S. 4
13 vgl. z. B. A. L. Wheeler, Catullus and the Tradition of Ancient Poetry, Berkeley 21964, S. 91
14 vgl. F. Stoessl, C. Valerius Catullus. Mensch, Leben, Dichtung, Meisenheim 1977
15 Zur Abgrenzung des Begriffes ,,Epigramm" bei Catull s. Kap. 4.1
16 vgl. D. Gall, Catulls Attis-Gedicht im Licht der Quellen, in: Würzburger Jahrbücher 23 (1999), S. 92
17 U. Knoche, Erlebnis und dichterischer Ausdruck in der Poesie, in: Gymnasium 65 (1958), S. 150
18 vgl. K. Quinn, The Catullan Revolution, Melbourne 31999, S. 85
19 vgl. H. P. Syndikus, Catull. Eine Interpretation, Darmstadt 1987, Bd. 1, S. 11; eine wichtige Ausnahme stellt Lucilius dar (s. u., Kap. 6.)
20 vgl. Quinn (1999), S. 24f
21 vgl. Syndikus, Bd. 1, S. 11 ; Quinn (1999), S. 25
22 M. v. Albrecht, Catull. Dichter der Liebe und Gestalt seiner Epoche, in: AU 35,2 (1992), S. 16
23 Quinn schreibt, Catulls Dichtung „does not come into being, primarily, for its ultimate audience”, (1999), S. 88
24 vgl. T. P. Wiseman, Catullus and his World – a Reappraisal, Cambridge 1985, S. 126f
25 vgl. c. 95, 9f: parva mei mihi sint cordi monumenta sodalis: at populus timudo gaudeat Antimacho.
26 vgl. E. Burck, Catull, carmen VIII, in: AU 26, 3 (1983), S. 6
27 vgl. W. Kroll, C. Valerius Catullus, Stuttgart 51968, S. VII
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Cornelius Hartz, 2001, Zur Rezeption griechischer Epigramme bei Catull, München, GRIN Verlag GmbH
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