ORT DES LEBENS 2
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung 24
2 Die Ikonografie des Taufortes in der Antike 27
2.1 Der Taufort im frühen Christentum 7
2.2 Das Taufhaus von Kal’at Sim’ân in Zentralsyrien 7
2.3 Frühchristliche Dokumente zur Feiergestalt der Taufe 13
3 Die Typologie des Taufortes /-gerätes in der Geschichte
bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts 20
3.1 Der geschichtliche Befund 20
3.2 Zusammenschau 23
4 Die Entwicklung der Ausgestaltung des Taufortes nach
dem II. Vatikanischen Konzil 25
4.1 Das erneuerte Verständnis der Taufe nach dem Konzil 25
4.2 Problemanalyse 30
5 Die Typologie nachkonziliarer Tauforte 32
5.1 Die architektonische Dimension des Rituals 32
5.2 Der Taufort der St. Christophorus Pfarrei in Westerland /Sylt 35
5.3 Der Taufort der St. Hedwig Pfarrei in Paderborn - Auf der Lieth 38
5.4 Der Taufort der St. Bruno Pfarrei in Düsseldorf-Unterrath 40
5.5 Gestaltungsprobleme des Taufortes 44
5.6 Exkurs: Die Gestaltung ausgewählter Tauforte in den USA 49
5.7 Zusammenfassung 52
6 Möglichkeiten der zeitgemäßen Gestaltung des Taufortes
in einem bestehenden Kirchenraum 54
6.1 Die Pfarrkirche St. Joseph in Stadtlohn - Ist-Zustand 54
6.2 Die Pfarrkirche St. Joseph in Stadtlohn - Kann-Zustand 57
6.3 Optionen für die Feiergestalt der Kinder- und Erwachsenentaufe 61
Marius Stelzer
ORT DES LEBENS 3
7 Zukünftige Aufgaben der neuen Tauforte 66
7.1 Taufgedächtnis im Sonntagsgottesdienst 68
7.2 Krankensalbung 70
7.3 Begräbnisliturgie und Friedhofsgestaltung 71
7.4 Schlusswort 75
8 Anhang 76
8.1 Materialien 77
8.2 Abkürzungsverzeichnis 93
8.3 Literaturverzeichnis 94
Schriftart: Arial Schriftgröße: 12 cpi.
Diese Arbeit berücksichtigt die Regeln der neuen Rechtschreibung.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird davon abgesehen, die Funktions-
und Rollenbezeichnungen jeweils in der weiblichen und der männlichen Form
aufzuführen. Alle entsprechenden Subjekte in dieser Arbeit werden daher
ausschließlich in der männlichen Form aufgeführt.
Die Durchsicht der Manuskripte auf Rechtschreib- und Grammatikfehler
übernahm Frau S. , Ahaus. Herr Dipl. theol.
Diözesanpräses in Münster, untersuchte die Inhalte auf sachlogische Stringenz.
Beiden gebührt ein herzlicher Dank
Marius Stelzer
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1 Einführung
Das kirchliche Leben der Weltkirche, der Ortskirche als auch der einzelnen Gemeinden drückt sich am dichtesten im liturgi-
schen Tun, in gottesdienstlichen Feiern aus. Die Grundsätze des II. Vatikanischen Konzils über die Feier der Liturgie bezeichnen dieses Feiern als „Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich als Quelle, aus der all ihre Kraft strömt“ (SC 10). Dies gilt in besonderer Hinsicht für die Feier der Eucharistie, aber auch für die anderen gottesdienstlichen Versammlungen. Liturgische Handlung ist also zutiefst „heilige Handlung, deren Wirksamkeit kein anderes Tun der Kirche an Rang und Maß erreicht“ (SC 7), da Gott selber durch Christus mittels Zeichen an und mit uns han- delt. Schriftlesung und Zeichenhandlung bestimmen daher in be- sonderem Maße den Ablauf einer gottesdienstlichen Feier. Insbesondere die Feier der Sakramente bilden Schwerpunkte im liturgischen Feiern der Christen, denn als Sakramente des Glaubens sind sie „Lebens-mittel“ des Menschen. Grundlegendes Sakrament ist die Feier der Eingliederung in die Kirche, welche sich in Taufe, Firmung und Ersteucharistie ausdrückt. Auch hier spielen Schriftlesung und Zeichenhandlung zentrale Rollen, denn Wort und Zeichen verdichten sich im Ritual und be-treffen den Menschen zutiefst: Im Ritual wird der Mensch anfanghaft in das
Paschamysterium hineingenommen. Anhand symbolischer Dar-
kehrt, denn „wenn Menschen etwas bewegt, tief berührt, beeindruckt, dann drängt dieses Innen nach einem Außen. [...] es will gesagt und erzählt, gemalt und geschrieben, in Stein gehauen und in Klang umgesetzt sein. Das, was sich da „äußert“, ist Widerspiegelung dessen, was „innert“, was in mir ist“ 1 beschreibt die Theologin Andrea SCHWARZ diese Sehnsucht des Menschen, Gedan-
1 AUSTEN, Wandel /
Texten von Andrea SCHWARZ, Paderborn 1999, S. 5.
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ken und Empfindungen greifbar werden zu lassen, um so Zeugnis davon zu geben. Dies gilt bevorzugt für die Geschichte des Kirchenbaus und die konkreten baulichen Ausformungen. Aber auch die Gestaltung des Taufortes in der 2000jährigen Tradition des Christentums ist „in Stein gehauener“ Ausdruck, ist Äußerung dessen, was - um in der Terminologie SCHWARZ‘ zu bleiben - Innerung der Christen ist: Anhand der Typographie des Taufortes lässt sich ablesen, wie Initiation theologisch gesehen und im Ritual praktiziert wurde.
Dieser Dreischritt bildet das Untersuchungsschema der vorliegenden Arbeit: Ausgewählte Tauforte werden in ihrer Typographie, ihrer Ausgestaltung, näher untersucht, um daraus Rückschlüsse auf die Theologie und Praxis der Taufe zu ziehen. Da sich Liturgiewissenschaft dem interdisziplinären Fragen verpflichtet fühlt und so vor allem den Dialog mit der Kirchen- und Kunstgeschichte sucht, ergibt sich folgende Struktur: Im ersten Teil wird der Taufort im frühen Christentum untersucht. Unterstützend werden altkirchliche Dokumente zu Fragen der Taufpraxis und Ausgestaltung der Tauforte hinzugezogen. Die weitere Entwicklung des Taufortes in der Geschichte bis zum II. Vatikanischen Konzil wird in einem geschichtlichen Abriss verdeutlicht. Hier soll nur ein roter Faden gesponnen werden, um daraufhin den Kern der Problemanzeige dieser Arbeit zu formulieren.
Der zweite Teil der Arbeit befasst sich mit der Gestaltung des Taufortes in heutiger Zeit. Es wird das erneuerte Verständnis der Initiationsliturgie nach dem II. Vatikanischen Konzil anhand einschlägiger Texte und Dokumente erörtert. Hierzu zählen auch die gängigen Arbeitshilfen und Ritualbücher, um die wesentlichen Punkte einer gewünschten Praxis der Initiationsliturgie zu dokumentieren. Die tatsächliche Taufpraxis wird ablesbar in der Gestaltung ausgewählter Tauforte, wie sie anschließend gesichtet und bewertet werden. Daraufhin wird auf der Basis der bis dahin fest-
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gehaltenen Ergebnisse in einem vorhandenen Kirchenbau ein Taufort gestaltet, der sowohl den (kunst-) historischen, theologischen als auch den pastoralliturgischen Ansprüchen und im wesentlichen dem Menschen gerecht werden soll: „Die Sakramente sind hingeordnet auf die Heiligung des Menschen“ (SC 59) ist ein Grundsatz der Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils und sollte vor allem in der Gestaltung des Taufortes sichtbar werden. Dabei werden in dieser Arbeit besonders die Aspekte Kindertaufe und Erwachsenentaufe beachtet, denn die Feier der Kindertaufe wird auch in Zukunft eine gewichtige Rolle spielen; die Feier der Erwachsenentaufe bildet gerade in der jüngsten Zeit eine besondere Herausforderung, da sich viele Erwachsene entgegen jedem Trend zum Christsein entscheiden (hier erhalten wir
besonders aus den USA wertvolle Impulse). Abschließend werden Optionen hinsichtlich der Feier der Tauferinnerung untersucht. Die Tauferinnerung /-erneuerung kann vor allem eine Alternative zum Problempunkt „Schuldbekenntnis / Kyrie“ im Gottesdienst sein und soll dementsprechend dargestellt werden. Ebenso kann der Tau- fort als Ort des Lebens gerade in den liturgischen Feiern am Le- bensende, der Krankensalbung und Begräbnisliturgie eine beson- dere Rolle einnehmen.
Grundsätzlich wird in dieser Arbeit exemplarisch gearbeitet. Das bietet die Chance, die Sachverhalte im Wesentlichen zu bestimmen und auf konkretes Anschauungsmaterial anzuwenden. Aus der Vielzahl bedeutender Tauforte wird daher nur eine Auswahl getroffen und bearbeitet. Auch wird aus dem umfangreichen Ritual „Taufe“ den Einzelelementen „Wasserritus“ und „Geistsendung/Handauflegung“ besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Das Anschauungsmaterial - insbesondere Zeichnungen und Abbildungen - befindet sich im Anhang der Arbeit; dort werden auch die Fundorte belegt. Ein Klammervermerk [z. B.: (M7)] an
entsprechender Stelle weist auf das dazugehörige Material hin.
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2 Die Ikonografie des Taufortes in der Antike
2.1 Der Taufort im frühen Christentum
Der Normalfall einer Taufe im frühen Christentum war die Erwachseneninitiation, also eine Tauffeier verbunden mit Geistsendung („Firmung“) und Ersteucharistie mit der Gemeinde. Der „Normalfall“ Erwachseneninitiation wurde im Laufe der Geschichte
- darauf werde ich noch genauer eingehen - durch die Säuglingstaufe abgelöst. Betrachtet man aber die aktuellen Taufstatistiken deutscher Bistümer, so ist heute - neben stagnierenden Zahlen der Säuglings- bzw. Kindertaufe - ein vermehrtes Aufkommen der Erwachsenentaufe einschließlich katechumenaler Vor- und Nachbereitung in den letzten zehn Jahren zu erkennen 2 . Dieser Befund führt zu der Fragestellung, wie ein Taufort, an dem bisher durchweg Säuglinge getauft wurden, dementsprechend praxisgerecht gestaltet werden kann. Die Praxis der frühen Kirche kann hier durchaus Anregungen für eine angemessene Gestaltung bringen.
2.2 Das Taufhaus von Kal’at Sim’ân in Zentralsyrien
Gesamtkomplex: Die Pilgerstätte Kal’at Sim’ân (M1) liegt heute ca. 30 km nordwestlich der syrischen Stadt Aleppo und wurde gegen Ende des 5. Jh. in der Nähe des damaligen Antiochien erbaut. Der Komplex besteht aus zwei Teilen: die Hauptkirche ist ein großer, kreuzförmiger Bau, in dessen Mitte die Säule stand, auf welcher der Asket und Heilige SIMEON DER STYLIT lebte und den Pilgern predigte 3 . Ca. 200 m weiter südlich befindet sich ein im Vergleich zur Hauptkirche eher unscheinbarer Baptisterien-
2 Im
Taufe; Tendenz: zwar leicht steigend, aber die Gesamtzahl der Taufen nimmt hingegen
stetig ab (Statistische Zahlen des Bistums vom 9. Juli 2000).
3 SIMEON DER STYLIT war ein Wüstenheiliger im 5. Jh., der durch seine streng asketische
Lebensform auffiel. Schon zu Lebzeiten war die Säule auf dem nach ihm benannten
Berg, auf der er lebte, Ziel vieler Pilger aus dem gesamten vorderen Orient.
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komplex. Er besteht aus dem eigentlichen Baptisterium 4 und einer
- später - angebauten basilikalen Kapelle. Aufgrund der räumlichen Entfernung zischen Hauptkirche und Baptisterium schien es wohl sinnvoll gewesen zu sein, einen eigenen Kirchenraum anzu-
bauen. 5
Baptisterium: Der Grundriss (M2) des Taufhauses ist quadratisch; drei Portale (Nord, Ost, West) führen in die korridorartigen Vorräume. Das Portal nach Süden hinaus stellt den Zugang zur Basilika her. Aufgrund der differenzierteren Ausgestaltung scheint der westliche Eingang das Hauptportal zu sein. Den Innenraum des Taufhauses bildet ein quadratisch ummanteltes, zentrales Oktogon, welches in den acht Seitenwänden drei mal apsidial und fünf mal rechteckig eingenischt ist. Die oktogonale Form des Innenraums gibt eine Achsensymmetrie vor, die sich im gesamten baulichen Kontext fortsetzt 6 . So führen drei Durchgänge (jeweils Nord, Süd und West) in den Innenraum; an der Ostseite befindet sich an entsprechender Stelle eine Apsis mit der eigentlichen Taufstelle, der Piscina 7 . Die Diagonalnischen links und rechts der Piscinenapsis sind ebenfalls apsidial, während die gegenüberliegenden rechteckig genischt sind.
Apsispiscina: Die Symmetrie eines solchen Zentralbaus lässt eigentlich darauf schließen, dass der sich Taufort ebenfalls im Zentrum der Anlage befindet. Das Baptisterium von Kal’at Sim’ân ist eine Besonderheit unter den frühchristlichen Baptisterien, da hier der Taufort eine Piscina in der recht großzügig angelegten Ostapsis ist. Die Piscina kann von einem Vorraum aus über vier herabführende Stufen in einem stollenartigen Gang (M3) betreten
4 Der Terminus „Baptisterium“ wird in dieser Arbeit ausschließlich für das Taufgebäude
verwendet.
5 Vgl. RISTOW, S., Frühchristliche Baptisterien, Münster 1998 (JAC Erg. Bd. 26), S. 17, S.
58 (zitiert: RISTOW, Baptisterien).
6 Das Oktogon misst ca. 10m x 10m, die umliegenden Räume sind ca. 5m breit. Weitere
Zahlen sind zu finden in: EMMINGHAUS, J.H., Das Taufhaus von Kal’at Sim’ân in Zentral- in: Tortulae. Studien u altchristlichen und byzantinischen Monumenten, Hg. von
W.N. SCHUMACHER, Rom 1966 (RQ. Suppl.H. 30), S. 82-109 (zitiert: EMMINGHAUS, Tauf-
7 Mit „Piscina“ ist in dieser Arbeit das im Boden eingelassene Wasserbassin gemeint.
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und ebenso über vier heraufführende Stufen auf der anderen Seite der Piscina wieder verlassen werden 8 . In der ersten Phase war die Piscina zunächst rund gestaltet, ca. 70 cm tief und mit weißgründigen Mosaiken versehen. In einer Umbauphase wurde sie mit einer Marmorinkrustation ausgestattet, wodurch die Wassertiefe um 20 cm reduziert wurde. 9 Die Apsis ragt in den östlichen Vorraum hinein und ist rechteckig ummantelt. Vorräume: Der Zentralraum ist umgeben von einem Umgang, welcher durch Säulen und anderen Gliederungselementen mehrfach unterteilt ist, so dass sich weitere Raumpartien ergeben (auch hier wird die o.g. Achsensymmetrie gewahrt). Nord- und Südkorridor scheinen lediglich Verkehrsflächen zu sein, während die rechteckigen Räume im Westen und Osten architektonischfunktionale Besonderheiten aufweisen: Im Zusammenhang mit dem Hauptportal wird der westliche Raum der Funktion eines Vorraumes im Sinne eines Narthex gerecht. Der Ostraum ist stark eingeengt durch die Piscinenapsis, er scheint aber der unmittelbaren Vorbereitung des Taufrituals zu dienen. Das Innenoktogon findet seine vertikale bauliche Fortsetzung in einem 20 m hohen, achteckigen Turm mit Fensteröffnungen in jeder Turmwand (M4). Ein achtseitiges Zeltdach schließt den Turm ab. Ebenso werden die Umgänge zeltartig überdacht. Die später angebaute Basilika wird durch einen kolonnadenartigen Säulenumgang optisch an das Baptisterium zu einem Komplex angebunden.
Interpretation: Anhand dieser - stark vereinfacht dargestellten -Baubeschreibung soll im folgenden nun versucht werden, insbesondere den Wasserritus und den Ritus der Geistsendung als zentrale Taufelemente zu rekonstruieren:
8 Ähnlich gestaltet ist die Apsispiscina der Theodorkirche in Gerasa (vgl. KRETSCHMAR,
Die Geschichte des Taufgottesdienstes in der alten Kirche, Kassel 1970 [Leiturgia Bd. 5,
S. 1-349] S. 208, Fig. 4) (zitiert: KRETSCHMAR, Taufgottesdienst).
9 Vgl. RISTOW, Baptisterien, S. 239.
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Für das Verständnis wichtig erscheint mir zunächst die geographische Komponente, wie sie in der gängigen Literatur beschrieben wird, zu interpretieren: Als Wallfahrtsort war Kal’at Sim’ân schon vor dem Tod des Säulenasketen Simeon eine bedeutende religiöse Hochburg, die eine enorme Anziehungskraft auf die Menschen ausstrahlte. Egon FÄRBER stellt fest, dass insbesondere syrische Baptisterien an „charismatisch begabte(n) Orte(n)“ errichtet wurden. 10 Die Tatsache, dass sich Kal’at Sim’ân mitten in der syrischen Wüste auf einem Hügel befindet, verstärkt m. E. den charismatischen Charakter dieses Ortes: Gerade im Altertum war die Wüste ein Ort der Suche nach Gott und der Erkenntnis. Dass dem Element Wasser hier eine ganz besondere Bedeutung zukommt, versteht sich von selbst.
Die Lage des Baptisteriums zur Hauptkirche spielt eigentlich keine Rolle; hier sind die Anordnungen vielfältig. 11 Wasserritus: Ort des Wasserritus ist die Piscina in der Ostapsis des Taufhauses. Der Täufling steigt über vier Stufen durch einen Stollengang in die Piscina hinein, wird getauft und steigt durch einen weiteren Gang vier Stufen wieder hinauf. Eindeutig kommt hier die Taufsymbolik zum Tragen, wie sie in Röm 6,3ff beschrieben wird: Es geht um das Begrabenwerden und Auferstehen mit Jesus Christus, also eine symbolhafte Hineinnahme in das Heilsmysterium. Der Täufling wird Jesus in seinem Tod gleich durch das Hinabsteigen durch den Stollen in die Piscina und ist mit ihm in seiner Auferstehung vereinigt durch das Hinaufsteigen durch den weiteren Stollengang aus dem Taufbad heraus. Hier werden mehrere Motive deutlich:
10 Vgl. FÄRBER, E., Der Ort der Taufspendung, Regensburg 1972 (ALW Bd. 13) S. 44,
Anm. 41. (zitiert: FÄRBER, Taufspendung).
11 Vgl. Grafik in: RISTOW, Baptisterien, S. 16 oben, und die umfassenden Ausführungen
E. FÄRBERs in: FÄRBER, Taufspendung, S. 50ff..
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Die Bewegungsdimension des „Hindurchschreitens durch das
Wasser“ steht analog zum Exodusgeschehen, also zum Durchzug des Volkes Israel durch das Rote Meer (Ex 13,17- 14,31).
Die oktogonale Form des Innenraums bezeichnet den achten
Schöpfungstag, d.h. die mit der Auferstehung Christi (am achten Tage) beginnende neue Schöpfung, in die der Täufling mit hineingenommen wird. Ambrosius von Mailand bezeugt in der berühmten Inschrift des Taufhauses der Theklakirche in Mailand die Acht als die bedeutsame Zahl für die Taufe schlechthin, da hier die Vollendung des Menschen grundgelegt wird. 12 Eindeutig klingt hier das Motiv der antiken Grablegung an: Das
Grab war zumeist eine unterirdische Felsenhöhle, in die man durch einen Stollengang hinabsteigt. 13 Das Grabmotiv wird in der Gesamtgestaltung des Baptisteri- dadurch verstärkt, da Einflüsse der Sepulkralarchitektur klar erkennbar sind: die pyramidale Dachkonstruktion ist eine Weiterentwicklung des orientalischen Pyramidendachkammergrabes; das Konzept des römischen Mausoleumsoktogons mit Kuppeldach liegt dem Füllnischenoktogon zugrunde. 14 „Diese Bautypen sind in der Tat geeignet, dass Sterben und Auferstehen mit Christus anzudeuten, das sich im Taufgeschehen ereignet“ 15 , bringt FÄRBER die Erkenntnisse EMMINGHAUS‘ auf den Punkt, denn „Begräbnis und Taufe sind Bewegungen in die Tiefe: Der Tote wird in den Schoß der Erde gesenkt [...] und das hohe Licht (der Kuppel) verheißt die Auferstehung“ 16 . Christologie und Eschatologie werden hier auf das engste miteinander verknüpft.
12 Vgl. DÖLGER, F.- J., Zur Symbolik des altchristlichen Taufhauses, Münster 1934
(AuC Bd. 4), S. 155ff..
13 Vgl. KEEL, O., Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament,
Zürich 1972, S. 53, Abb. 65 mit EMMINGHAUS, Taufhaus Tafel 26d.
14 Vgl. EMMINGHAUS, Taufhaus, S.91, vgl. ebd. die Abbildungen Tafel 25f..
15 FÄRBER, Taufspendung, S. 47.
16 SCHWARZ, R., Vom Bau der Kirche, Heidelberg 1947, S. 76 (zitiert: SCHWARZ, Bau der
Kirche).
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Die Tiefe der Piscina betrug zunächst 70 cm. Zwar geht G. KRETSCHMAR davon aus, dass in Kal’at Sim’ân durch Submersion (Untertauchen) getauft wurde 17 , aber die Piscinentiefe scheint wohl „nur“ eine Immersion (Eintauchen) zuzulassen. Handauflegung: Der zentrale Wasserritus wird sicherlich von prä- und postbaptismalen Riten, insbesondere Salbungen gerahmt worden sein. Dazu bedarf es spezieller Räume, um diese Riten zu vollziehen. Aus Gründen der größtmöglichen Dezenz ist es fast unumgehbar, entsprechende Raumanordnungen im Taufhaus zu konzipieren. Es scheint, dass der Eingangsraum im Westen, der Narthex, der Raum für die Apotaxis und Abbrenuntiation ist. Präbzw. postbaptismale Salbungen mit begleitenden Gebeten (insbesondere Exorzismen) - vollzogen durch Presbyter und Diakone (bei weiblichen Täuflingen: Diakonissen) - finden vor bzw. nach Durchschreiten der Taufpiscina statt. In der Basilika wird dann vielleicht die erste Eucharistie mit der Gemeinde gefeiert worden sein, oder es hat dort die postbaptismale Salbung mit Handauflegung (Firmung) stattgefunden und die Ersteucharistie wurde dann in der Hauptkirche gefeiert. Hier gilt es, die altkirchlichen Dokumente näher zu befragen.
Rekonstruktion (anhand der Architektur!): Apotaxis, Exorzismen und präbaptismale Salbungen finden im westlichen Narthex bzw. im Nordkorridor statt. Im östlichen Apsisraum wird wohl die Syntaxis und anschließend der Wasserritus in der Taufpiscine durch einen Bischof vollzogen worden sein. Im Südkorridor und/oder in der Basilika werden die postbaptismalen Riten, insbesondere die Firmung zelebriert, evtl. findet dort auch die Ersteucharistie statt. Deutlich wird hier, dass es sich hier- egal welche Feinheiten in den Ritualen differieren - um eine Wegfeier handelt, die geprägt ist von intensiven Zeichenhandlungen und symbolträchtigen Bewegungselementen.
17 Vgl. KRETSCHMAR, Taufgottesdienst, S. 174, Anm. 96.
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2.3 Frühchristliche Dokumente zur Feiergestalt der Taufe
In der Geschichte der Liturgie hat es zu jeder Zeit Schriftwerke gegeben, die bestimmte Regeln zur Feiergestalt, Impulse zu rituellen Ausformungen etc. (vor-)gegeben haben. Im Folgenden werden zwei Texte vorgestellt, die die Taufliturgie vor der Konstantinischen Wende (313) im römischen Raum und nach der Konstantinischen Wende im byzantinisch-syrischen Raum geprägt haben. Ob diese Dokumente Auswirkungen auf die Ausgestaltung der Baptisterien hatten oder die Tauftradition die Formulierungen dieser Schriften beeinflusst haben, sei hier noch offen gehalten. Traditio Apostolica (TA): Über die TA gibt es in der aktuellen Forschung nur spekulative Forschungsergebnisse, gerade was die Charakterisierung dieser bisher immer als wichtig bewerteten Quelle betrifft. Insbesondere die Dokumente des II. Vatikanischen Konzils verweisen auf sie. Die Überlegungen C. MARKSCHIES‘ gipfeln sogar in der These, dass die TA als selbständige Quelle für historische und theologische Argumentationen ausscheidet. 18 W. GEERLINGS hingegen beschreibt die TA als historische Quelle von einzigartigem Rang, die den Blick in die Anfänge der frühen Großkirche erlaubt. 19 Die Forscher stimmen lediglich darin überein, dass die TA eine anonyme Kirchenordnung mit unbekanntem Titel sei. 20 B. STEIMER verfolgt folgende, einfache Charakterisierung: Die TA ist gegen Ende des 2. Jh entstanden; die Verfasserschaft Hippolyts von Rom ist hypothetisch 21 . Der Adressat ist die universale Kirche als Gemeinschaft der Getauften. Inhaltlich gliedert sich der Text der TA in drei Teile:
18 Vgl. MARKSCHIES, C., Wer schrieb die sogenannte „Traditio Apostolica“, in. KINZIG, W.
u.a., Tauffragen und Bekenntnis. Studien zur sogenannten „Traditio Apostolica“, zu den
„Interrogationes de fide“ und zum „Römischen Glaubensbekenntnis“, Berlin 1999,
S. 1-74, hier: S. 39.
19 Vgl. GEERLINGS, W., Traditio Apostolica, Freiburg 1991 (FC Bd. 1) S. 114.
20 Die Forschungsgeschichte ist durchaus komplex; Antworten auf die drängenden Fra- werden nur in unbefriedigendem Maße gegeben, so z.B. der (eher trivial anmuten- Titelvorschlag „Dokument X“.
21 „Hippolyt“ kann aber als stellvertretende Autorenbezeichnung benutzt werden.
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a) Verfassungs- und Ämterfragen, b) Pastorale Hinweise zu Taufe und Eucharistie, c) Weitere Anweisungen. Ein Prolog bzw.
Epilog rahmen diesen Inhalt. 22
Testamentum Domini Nostri Jesu Christi (TD): Das TD ist mit einer Entstehungszeit von Mitte bis Ende des 5. Jh. die späteste Kirchenordnung überhaupt. Der griechische Text wurde im syrischen Raum verfasst und wurde später dem Oktateuch des Clemens als erstes Buch vorangestellt. Im ersten Teil (I 2-14) beinhaltet das TD einen apokalyptischen Text. Die eigentliche Kirchenordnung (I 15-27) umfasst Anweisungen zum Kirchenbau und seiner Einrichtung 23 , zur Ordination, pastoral-liturgische Hinweise sowie Anweisungen zum christlichen Leben. Beide locker aneinandergefügte Teile sind eingebettet in einer als Epiphaniegeschichte gestaltete Rahmenerzählung: der auferstandene Christus erscheint den Aposteln und drei Frauen und formuliert diesen sein Testament. 24
Obwohl beide Dokumente in verschiedensten religiösen Zeiten und Milieus entstanden sind, gibt es doch auffällig viele inhaltliche Gemeinsamkeiten: Beide „Gemeinden“ sind offensichtlich stark im antiken Dämonenglauben verhaftet; eine Vielzahl an ausgeprägten Exorzismusriten beweist dies. Aufgrund dessen wird in beiden Schriften der Taufe und ihren liturgischen Feiergestalten besondere Bedeutung zugemessen. Die zentralen Taufriten werden im Folgenden synoptisch nebeneinandergestellt, um dann Rückschlüsse auf die notwendigen räumlichen Bedingungen hinsichtlich Wasserritus und Geistsendung zu ziehen.
22 Vgl. STEIMER, B., Art. „Traditio Apostolica“, LACL S. 610 und DERS., Vertex Traditionis.
Die Gattung der altchristlichen Kirchenordnungen, Berlin 1992, S. 95ff..
23 Für die Thematik dieser Arbeit interessant ist der kirchenbauliche Hinweis, dass „in- (...) des Vorhofes (...)das Baptisterium sein (soll).“ Das Baptisterium soll also ein
Annexraum an (oder vor) der eigentlichen Hauptkirche sein. Das TD schreibt ebenso
genaue Maßzahlen vor: 21 Ellen Länge und 12 Ellen Breite; dies entspricht bei 1 Elle
0,5m ungefähr 11m x 6m. Das Taufhaus von Kal’at Sim’ân kommt demnach den Vorga- des TD mit einer Wandlänge von 10m verblüffend nahe! Ferner wird beschrieben,
dass das Baptisterium - wie der Altar - mit einem vorhangartigen Stoff verhüllt sein soll.
(Vgl. VÖÖBUS, A., The Testament of our Lord, in: The Synodicon in the West Syrian Tra- [CSCO Bd. 368] S. 34).
24 Vgl. STEIMER, B., Art. „Testament unseres Herrn Jesus Christus“, LACL S. 587.
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Interpretation: Auf dem ersten Blick scheinen beide Taufriten in ihrem Aufbau kongruent zu sein: In beiden Schriften werden zunächst die benötigten Substanzen, also Öle und Taufwasser, konsekriert; der zentrale Wasserritus wird gerahmt von Salbungen mit entsprechenden Salbungsformeln. Die Taufe wird abgeschlossen mit einer 3. Salbung als Geistsendung und der Ersteucharistie mit der Gemeinde.
Unterschiede liegen darin, dass im TD die Exorzismusriten ausgeprägter sind (z. B. die Anrufung Gottes zu Beginn der Taufe) bzw. diesen mehr Wert entgegengebracht wird als in der TA. Wo im TD der Bischof für die exorzistischen Elemente zuständig ist und ein Presbyter der Taufmittler ist, scheint es in der TA umgekehrt: Hier tauft i. d. Regel der Bischof, während die Presbyter die apotaktischen Riten regeln. Vielleicht ist aus o.g. Grund eine Syntaxis mit ausdrücklichem Hinweis auf die Sprechrichtung (nämlich nach Osten hin) vorgesehen. Diese unterschiedlichen Details können sich aber im Laufe der Zeit entwickelt haben. Der Ablauf der Taufe ist in den wesentlichen Elementen gleich. Rückschlüsse auf die räumliche Ausgestaltung sind durchaus möglich: Die 1. Salbung im TD ist engstens mit der Apotaxis bzw. Syntaxis verbunden, sie bildet praktisch eine Einheit als präbaptismaler Ritus und wird deswegen wohl in einem Raum stattgefunden haben. Zwar fehlt in der TA die Syntaxis, aber selbiges dürfte auch hier gelten. Der Wasserritus ist in beiden Schriften identisch; die Ordnungen schreiben ein Hinabsteigen in bzw. ein Aufsteigen aus dem „Wasser“ vor, also scheint es sich jeweils um ein Becken zu handeln, welches man wirklich (durch Treppen) betreten kann. Der übrige Ablauf (postbaptismale Salbung, Firmsalbung) ist ebenso praktisch identisch. Es ist davon auszugehen, dass die postbaptismale Salbung und das Anziehen des Taufkleides in einem eigenen Raum stattfindet und die Firmsalbung allen Täuflingen in einem Kirchenraum gespendet wird. In
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dem TD ist schon jetzt das Volk anwesend, in der TA wird erst zur abschließenden Taufeucharistie das Volk erwähnt. Gesamtrekonstruktion des Taufrituals: Aufgrund dieser Ergebnisse scheint mir EMMINGHAUS‘ Rekonstruktion des Taufrituals in Kal’at Sim’ân 25 nicht konsequent genug, da er zweifellos die postbaptismale Salbung einfach übergeht, bzw. dieser keinen Raum zuweist. Seine Darstellungen in einem früher verfassten Aufsatz 26 sind eher nachvollziehbar. Meines Erachtens findet im westlichen Narthex Kal’at Sim’âns die Anrufung Gottes (großer Exorzismus) statt. Die Apotaxis könnte (aufgrund der Himmelsrichtung) schon hier stattgefunden haben; es spricht aber mehr dafür, dass die präbaptismalen Riten (Apotaxis, 1. Salbung, Syntaxis) in der nördlichen Seitenkammer begangen wurden. Die eigentliche Taufe wird in der Piscina begangen; der Täufling steigt von Norden hinein und verlässt die Piscina nach Süden wieder, so dass in der südlichen Seitenkammer die postbaptismale Salbung vollzogen und das Taufkleid angezogen wird. Durch Velen konnten diese Seitenkammern besser abgetrennt werden, so dass die Dezenz gewahrt wurde. Die dritte Salbung (Firmsalbung) findet in der Basilika statt; danach ziehen die Täuflinge zur Hauptkirche hinauf, um mit dem gläubigen Volk gemeinsam die Taufeucharistie zu feiern.
Diese Rekonstruktion ist insofern stimmig, da die Raumdisposition hinsichtlich Dezenzgründe, vor allem aber bezüglich der Symbolik und des Wegcharakters der Initiationsliturgie optimal genutzt wird. Allen drei Hauptelementen wird ein eigener Raum zugewiesen. Die kultische Würde wird so bewahrt. Kal’at Sim’ân könnte daher durchaus große Auswirkung auf die Praxis und die Theorie (also auf die Edition des TD) gehabt haben.
25 Vgl. EMMINGHAUS, Taufhaus, S. 89.
26 Vgl. DERS., Die Taufanlage Ad Sellam Petri Confessionis, in: RQ 57 (1962), S.100f..In
Anm. 77 wird der Widerspruch zu seinen Ausführungen in Taufhaus, S. 89 besonders
deutlich.
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Für die Ausgestaltung des Wasserritus ist für die damalige Zeit - und erst recht für die heutige Zeit - ein besonderes Dokument wichtig, welches die Qualität des Taufwassers bestimmt: die Zwölf - Apostel Lehre, besser bekannt als Didache (Did): Die Did ist eine Kompilation eines unbekannten Verfassers. Weitgehender Konsens besteht in der Forschung über Zeit und Ort der Abfassung: sie scheint um 100 n. Chr. wahrscheinlich in Syrien oder Palästina verfasst worden zu sein. Literarisch ist sie wohl als Kirchenordnung einzustufen, jedenfalls stellt sie eine der wichtigsten Dokumentationsquellen über Leben und Glauben des frühen Christentums dar 27 . Der Inhalt kann in drei locker miteinander verwobenen Hauptteile gegliedert werden: a) ethische Unterweisung in Form einer Zwei-Wege-Lehre (cc 1-6), b) Liturgische Unterweisung (cc 7-10), und c) Kirchenordnung (cc 11-15). Eine eschatologische Unterweisung (c 16) schließt die Kompilation ab. 28 Für die Frage nach dem Wasserritus ist die Passage 7.1-3 besonders wichtig: „(...) tauft auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes in lebendigem Wasser. (...)“ definiert die Beschaffenheit des Taufwassers und die Taufformel. Die trinitarische Taufformel ist angelehnt an den matthäischen Taufauftrag in Mt 28,19 und findet bis in die heutige Zeit Verwendung in der Taufliturgie.
Das Taufwasser hat „lebendig“ zu sein; dies ist die primäre Qualität, die das Wasser vorzuweisen hat (andere Qualitäten sind zwar zugelassen, aber nicht vorzuziehen). Was ist also „lebendiges“ Wasser? Wenn man das Gegenteil betrachtet, nämlich das „tote“ Brackwasser aus Zisternen und Grabhöhlen, wird schnell klar, worum es sich bei „lebendigem“ Wasser handeln muss: Es soll klar rein und fließend sein. Diese Eigenschaften treffen insbe-
27 Vgl. „Didache“ in
28 Vgl. SCHMID, J., Art. „Didache“ in RAC, Sp. 1009ff..
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sondere auf Quell- und Flusswasser zu. 29 Es ist daher davon auszugehen, dass im frühen Christentum wenigstens eine Taufe durch Infusion (Übergießen) stattgefunden hat. Viele bildliche Darstellung der Taufe Jesu im Jordan nehmen dieses Motiv auf. Das Taufhaus von Kal’at Sim’ân kann m. E. dem Kriterium des „Fließens“ 30 lediglich in der Infusionstaufe nachkommen, denn die Einrichtung für Zu- und Abflüsse (wie z. T. in anderen Baptisterien üblich) sind dort aufgrund der Lage auf einem Berg technisch eher schwierig.
Resümee: Dem Initiationsritus wurde im frühen Christentum
eine überaus hohe Bedeutung zugeschrieben, denn
Taufe ist eine Wegfeier: Die einzelnen Elemente Taufe, Fir- Ersteucharistie sind in Kal’at Sim’ân auf drei entsprechend kultisch würdige Räume verteilt. So wird symbolisch eine Eingliederung in die Gemeinschaft der Gläubigen raumzeitlich erfahrbar, der Täufling be-geht die Initiation regelrecht. Taufe ist eine erfahrungsorientierte Feier: Gerade die Anlage
der Taufpiscina erlaubt dem Täufling ein ganzheitliches, bewusstes zeichenhaftes Sterben und Auferstehen mit Christus. Die Hineinnahme in das Paschamysterium wird am eigenen Leib überaus intensiv erfahrbar.
Taufe ist eine Gemeindefeier: Die Initiationsfeiern sind geprägt
von einer regen Teilnahme der Gläubigen und Katechumenen in der Osternacht.
Die Ausstattung der Taufanlagen repräsentiert eindeutig, dass die Eingliederung in die Kirche im zeichenhaften Nachahmen des Paschamysteriums die Vollendung des gläubigen Menschen bei Gott grundlegt und daher höchsten Stellenwert besitzt.
29 Vgl. KLAUSER, Th., Taufet in lebendigem Wasser. Zum religions- und kulturgeschichtli- Verständnis von Didache 7,1-3, in: Pisciculi. Studien zur Religion und Kultur des
Altertums [FS. F.- J. DÖLGER] hg. von Th. KLAUSER u. A. RÜCKER.
Münster 1939 (AuC Erg.-bd. 1) S. 157-164.
30 „...the water shall be pure and flowing“ berichtet auch das TD (s. VÖÖBUS, CSCO 368,
S. 54)!
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3 Die Typologie des Taufortes / -gerätes in der Geschichte bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts
3.1 Der geschichtlicher Befund
Gegen Ende des 5. Jh. zerfällt das weströmische Kaiserreich und damit zerfallen auch die antiken Kulturen mit ihrem philosophischen Gedankengut. Mit dem Niedergang dieser geistesgeschichtlichen Blütezeit geht ein Umbruch im religiösen Denken und eine tief greifende Reduktion des christlichen Erbes einher: In allen Lebensbereichen verkümmert das Gedankegut. Die antike Aufklärung weicht einer „Abklärung“, Rituale werden verzaubert und mystifiziert. Gegen ein zeichenhaftes Verständnis der Sakramente setzt sich ein materialistisches Verständnis durch. Teufels-und Dämonenglaube wirken sich auch auf die Taufliturgie aus, denn den exorzistischen Riten wird mehr und mehr Bedeutung zugemessen. 31 AUGUSTINUS († 430) formuliert seine Lehre von der Weitergabe der Erbsünde in der Zeugung eines Kindes. Dies führt zu einem vermehrten Aufkommen der Säuglingstaufe. Die Institutionalisierung der Kirche nach der Konstantinischen Wende führt zu Vereinheitlichungstendenzen in der Liturgie. Im Laufe des Mittelalters entsprechen zwar wesentliche Teile der Rituale dem im Osten verbreiteten Taufverständis, aber mit der Zeit löst sich das komplexe Ritengefüge aus folgenden Gründen auf:
Die Kindertaufe setzt sich aufgrund des augustinischen Gna- vermehrt durch. Das hat zur Folge, dass öfter getauft wird und nicht immer ein Bischof taufen kann. Die bischöflichen Riten (Handauflegung, Firmsalbung) lösen sich vom Kern der Taufe (Wasserritus und postbaptismale Hand-lungen). Unter Karl dem Großen wird der Taufritus ve-
31 Vgl.
und die TD.
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Arbeit zitieren:
Marius Stelzer, 2000, Ort des Lebens - Der Taufort als Paradigma für die Initiationliturgie und -pastoral in der Pfarrei, München, GRIN Verlag GmbH
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