Vorwort
Bibliodrama begegnete mir persönlich das allererste Mal vor ca. 10 Jahren bei einem Seminar für Pflegekräfte zum Thema "Heil und Heilung" in der Communität Lindenhof in Geislingen/Steige. Ich ar- beitete damals in einem kleinen Pflegeheim und war somit täglich damit beschäftigt, daß andere Menschen mitunter auch durch mich Heilsames erleben, wieder beweglich werden, ihre Selbständigkeit und ein Stück ihrer Gesundheit zurückgewinnen. Eigene Bedürftig- keit war mir kaum im Blick; ich war stark und oft mußte ich dies auch sein. Die Arbeit war körperlich und psychisch sehr anstrengend und ging manchmal über die Grenzen meiner Belastbarkeit.
Im Mittelpunkt des erwähnten Seminars standen verschiedene Hei- lungsgeschichten, eine davon war die "Heilung der verkrümmten Frau am Sabbat" in Lukas 13, 10-17. Wir gingen mit dieser Hei- lungsgeschichte bibliodramatisch um, spielten diese nach und erleb- ten sie so ganz konkret. Mich beeindruckte sehr, daß ich die Ge- schichte so leibhaftig erlebte, so daß sie plötzlich Teil meiner eige- nen Geschichte war. Ich erkannte meine eigenen Verkrümmungen und erfuhr ein Stück Befreiung. Eine andere, weniger erfahrungsori- entierte Bearbeitung des Textes hätte mich wesentlich mehr in der Distanz zum Text gelassen. Bevor ich an mich gedacht hätte, wären mir andere Menschen im Blick gewesen, so wie ich es damals ge- wöhnt war.
Immer wieder begegnete mir dann diese Methode des Umgangs mit biblischen Texten, und jedes Mal war es für mich als Teilnehmerin eine positive Erfahrung. Die vielfältigen Entdeckungen in einem Text, das gemeinsame Spiel mit aller Heiterkeit und aber auch mit al- ler Ernsthaftigkeit, waren für mich, die ich bisher mit starrer Fröm- migkeit vertraut war, immer wieder beeindruckend.
Vorwort
Im Lauf meiner Ausbildung zur Religionspädagogin habe ich nun auch selbst immer wieder mit erfahrungsorientierten Methoden gear- beitet. Vor allem im Religionsunterricht, aber auch in anderen Zu- sammenhängen, probierte ich häufig, mit spielerischen und erfah- rungsorientierten Elementen einem Text näher zu kommen. Mir selbst macht diese Art, mit einem Text umzugehen viel Spaß, und darin liegt auch die erste Motivation für diese Arbeit. Ich möchte mehr über kreative, erfahrungsorientierte und spielerische Methoden wissen, und so werde ich mich in dieser Arbeit mit den Grundlagen der Bibliodramaarbeit vertraut machen. Im Zusammenhang damit werde ich auch einen praktischen Versuch durchführen. Die Er- kenntnisse aus dieser Anwendung werden vor allem im Kapitel 5 Eingang in diese Arbeit finden.
Was es vor 30 Jahren dem Namen nach noch nicht einmal gab, ist in- zwischen fast ein Boom. Es gibt Fort- und Weiterbildungen für Bibli- odrama, und man findet es in Programmen der Erwachsenenbildung. Für viele ist es inzwischen ein guter Zugang zu biblischen Texten. Immer wieder ist Bibliodrama aber auch der Kritik ausgesetzt. Ich möchte in dieser Arbeit für mich selbst einen klaren Standpunkt finden. Folgenden Fragen sollen mich dabei leiten:
Wo liegen die Stärken und Schwächen dieser religionspädagogi- schen Methode?
Für welchen Personenkreis ist es geeignet?
Wann ist es geeignet?
Vorwort
Zur Sprachregelung möchte ich folgenden Hinweis geben:
Für mich gehört es zur Gleichstellung von Mann und Frau, sowohl männliche als auch weibliche Sprachformen zu benutzen. Für diese Arbeit habe ich mich jedoch entschlossen, nur die männliche Sprach- form zu benutzen, da es im Blick auf die verwendeten Zitate, die meist eben immer noch nur die männliche Form benutzen, am güns- tigsten ist. Die Arbeit ist somit auch leichter lesbar. Ich hoffe, daß sich beide Geschlechter dennoch angesprochen fühlen.
Ich möchte denjenigen, die mich während dieser Arbeit mit Rat und Tat begleitet und unterstützt haben, herzlich danken. Danke für die Literaturtips, die Unterstützung am Computer und für das Korrekturlesen. Danken möchte ich auch den Perso- nen, die sich mit mir auf einen bibliodramatischen Prozeß einge- lassen haben.
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
1.1 Bibliodrama Beschreibung einer Methode 1
1.2 Eingrenzung des Themas 2
1.3 Verwandte Auslegungsmethoden des Bibliodramas 3
1.3.1 Lateinamerikanische Auslegung (Relectura) 4
1.3.2 Feministische Bibelauslegung 4
1.3.3 Tiefenpsychologische Bibelauslegung 5
1.3.4 Narrative Bibelauslegung 6
1.3.5 Bibelauslegung durch Kunst und Musik 6
1.4 Vorstellung der Arbeit 7
2 Geschichte des Bibliodramas 9
2.1 Erfahrungen mit der Bibel gestern und heute 9
2.2 Entstehung von Bibliodrama 10
2.2.1 Der zeitgeschichtliche Rahmen 10
2.2.2 Weitere Impulse für das Bibliodrama 13
3 Verschiedene Bibliodrama-Ansätze 15
3.1 Zwei Hauptrichtungen der Bibliodramabewegung und ihre
Intention 15
3.1.1 Bibliodrama als Seelsorge 16
3.1.2 Mimetisches Bibliodrama 17
3.1.3 Textzentriertes Bibliodrama 18
3.1.4 Spiel und theaterpädagogisch inspiriertes Bibliodrama 21
3.2 Zusammenfassung 25
Inhaltsverzeichnis
4 Exkurs: Bibliodrama und historisch-kritische Exegese 26
4.1 Die Historisch-Kritische Auslegung 26
4.2 Chancen und Grenzen der historisch-kritischen Auslegung 29
4.2.1 Argumente für die historisch-kritische Methode 30
4.2.2 Kritische Rückfragen 32
4.2.3 Resümee 33
4.3 Bibliodrama als Ergänzung der historisch-kritischen Methode35
4.3.1 Argumente für das Bibliodrama 35
4.4 Zusammenfassung 39
5 Zur Planung und Durchführung eines Bibliodramas 40
5.1 Didaktische Gesichtspunkte 40
5.1.1 Rahmenbedingungen 40
5.1.1.1 Überlegungen zum zeitlichen Rahmen 41
5.1.1.2 Raumgestaltung 41
5.1.1.3 Die Gruppe 42
5.2 Methodische Überlegungen 43
5.2.1 Schritte eines Bibliodramaprozesses 43
5.2.2 Methoden 45
5.2.3 Materialien 54
5.3 Leitung eines Bibliodramas 55
5.3.1 Die Vorbereitungen der Leitung 55
5.3.2 Aufgaben der Leitung im bibliodramatischen Prozeß 56
6 Psalmen im Bibliodrama 58
6.1 Die Psalmen 58
6.2 Bibliodramatische Bearbeitung von Psalmen 59
6.2.1 Grundsätzliche Überlegungen 59
6.2.2 Methodische Überlegungen 60
6.2.3 Ein Beispiel aus der Praxis 61
Inhaltsverzeichnis
7 Bibliodrama zu Psalm 139 62
7.1 Psalm 139 Gott der Allwissende und Allgegenwärtige 62
7.2 Exegese zu Psalm 139 64
7.2.1 Zur Gattung 64
7.2.2 Zur Auslegungsgeschichte 65
7.3 Entwurf für einen Sonntagnachmittag 69
7.3.1 Beschreibung der Gruppe 69
7.3.2 Äußere Bedingungen 69
7.3.3 Planung des gesamten Nachmittags 70
7.3.3.1 Beginn des Nachmittags 70
7.3.3.2 Zum weiteren Verlauf des Nachmittags 70
7.4 Reflexion 76
7.4.1 Rückblick auf das Gruppengeschehen 76
7.4.2 Inhaltlicher Rückblick 76
7.4.3 Weitere Überlegungen 79
8 Zusammenfassung 79
8.1 Stärken und Schwächen dieser Methode 80
8.2 Für welchen Personenkreis ist Bibliodrama geeignet 82
8.3 Wann ist es geeignet 82
8.4 Nachwort 82
9 Eidesstattliche Erklärung 85
10 Literaturverzeichnis A
11 Anhang I
11.1 Schematische Einordnung verschiedener Bibliodrama
Ansätze I
11.2 Bibeltexte II
Inhaltsverzeichnis
11.2.1 Die Heilung eines Mannes am Sabbat II
11.2.2 Die Stillung des Sturms II
11.2.3 Psalm 16 Das schöne Erbteil III
11.3 Szenarium mit Requisiten als Einstieg IV
11.4 Tänze IV
11.4.1 Kalimera Gruß an die Sonne IV
11.4.2 Enas Mithos V
11.4.3 Shalom chaverim V
Einleitung
1 Einleitung
1.1 Bibliodrama - Beschreibung einer Methode
Bibliodrama, was ist das? Diese Frage läßt sich nicht in einem Satz beantworten. Das Bibliodrama gibt es nicht, es ist kein "Markenna- me", eher ein Sammelbegriff.
Taucht dieses Wort "Bibliodrama" in den Prospekten von Fortbil- dungsveranstaltungen auf, dann signalisiert es: "Hier geht es um bib- lische Texte und um Spiel und Theater - also um kreative, körperna- he Arbeitsformen; hier geht es um so etwas wie Psychodrama oder Soziodrama - also um Erfahrungen mit sich selbst und einem Bibel- text und einer Gruppe." 1 Bibliodrama sucht Anschluß bei den Menschen, die heute leben und beginnt dort, wo sie sind. Ihr Denken, Fühlen, Glauben oder Nicht- glauben, so wie ihr Handeln sind Ausgangspunkt. Alle konkreten Er- fahrungen, die ein Mensch mitbringt und "sich in Leib und Seele ver- dichtet haben" 2 , sind wichtig und dürfen zu Wort kommen. 3 "Eigene Erfahrungen sollen in Kontakt kommen mit den Erfahrungen, die in den Geschichten, Situationen, Personen, aber auch in Gebets-, und Lehrtexten der Bibel lebendig, möglicherweise auch verzerrt und verschüttet sind. Es geht in diesem Prozeß (Hervorhebung durch die Verfasserin) gleichermaßen um das Bewußtmachen von Irritationen,
1 Warns, Else Natalie; Bibliodrama - Spielprozesse zu biblischen Texten. In: Der evangelische Erzieher, 35. Jhg., 1983, S. 286
2 Warns, Else Natalie und Fallner, Heinrich; Bibliodrama als Prozeß, Luther- Ver- lag Bielefeld 1994, S.85
3 vgl. Andriessen, Herman und Derksen, Nicolaas; Lebendige Glaubensvermitt- lung im Bibliodrama: eine Einführung, Matthias-Grünewald-Verlag, 1989, S. 20-24
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Einleitung
Projektionen, Blockierungen in und gegenüber biblischen Texten, wie um die Entdeckung von deren befreiendem lebensfreundlichen Potential." 4 In der Auseinandersetzung mit dem Text geht es um Verstehen desselben im umfassenden Sinne. "Verstehen im weiteren Sinne bedeutet aber personales Verstehen, nicht vorwiegend rationa- les und instrumentelles Verstehen." 5 , man könnte also auch sagen: subjektives Verstehen oder die persönliche Aneignung eines Textes.
1.2 Eingrenzung des Themas
Innerhalb der Bibliodramabewegung kann man zwei Hauptrichtun- gen unterscheiden: Bibliodrama, das diversen psychotherapeuti- schen Schulen verpflichtet ist, und Bibliodrama, das sich an der Körper-, Spiel- und Theaterpädagogik orientiert. Es wird nicht möglich sein, die gesamte Bewegung innerhalb dieser Arbeit zu be- handeln, so daß ich mich vor allem auf die Formen des Bibliodrama, die sich an der Körper-, Spiel- und Theaterpädagogik orientieren, konzentrieren werde. Dafür habe ich innerhalb meiner bisherigen Ausbildung das nötige "Handwerkszeug" erworben. Es ist im Blick auf den naheliegenden Praxisversuch und im Blick auf meine spätere Berufspraxis eine für mich geeignete und durchführbare Methode. Psychotherapeutisch orientiertes Bibliodrama erfordert meines Er- achtens eine Ausbildung in diesem Bereich und sollte nicht einfach so praktiziert werden. Die Durchführung desselben würde ich ohne entsprechende Kompetenz im therapeutischen Bereich für verant- wortungslos halten.
4 Martin, G. M.; Sachbuch Bibliodrama: Praxis und Theorie, Kohlhammer 1995, S.9 5 Kollmann, Roland; Bibliodrama - drei didaktische Grundformen am Bsp. Der Maria und Martha Perikope. In: Katechetische Blätter 119. Jhg., 1994, S. 510
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Einleitung
Gewisse strukturelle Ähnlichkeiten zum Bibliodrama hat das Bibel- theater. Beide sind prozeßorientiert. Bibeltheater hat sich aus dem Bibliodrama entwickelt. Wie das Wort Bibeltheater schon deutlich macht, wird vor einem Publikum etwas aufgeführt. Die Erfahrungen, die eine Gruppe mit einem Text machte, werden weitergegeben. Ein wesentlicher Unterschied zum Bibliodrama liegt also in der Produkt- orientierung des Bibeltheaters; es werden Spielstücke zu biblischen Texten zur Aufführung gebracht, so daß nach der ersten erfahrungs- orientierten Phase bewußt an der Gestaltung des Stückes gearbeitet wird. 6 Ich werde das Bibeltheater trotz seiner Verwandtschaft zu Bi- bliodrama in dieser Arbeit überhaupt nicht bearbeiten.
1.3 Verwandte Auslegungsmethoden des Bibliodramas
Bibliodrama ist mit einigen anderen Auslegungsmethoden von Bibel- texten verwandt. Von der Theologie der Befreiung wurde und wird es beeinflußt. Eine Affinität besteht auch zu folgenden Auslegungs- methoden: Feministische Auslegung, Narrative Bibelauslegung, Tie- fenpsychologische Auslegung und Auslegung biblischer Texte durch Musik und Kunst. Auch diese beeinflußten das Bibliodrama. Die meisten genannten Methoden entwickelten sich, genau wie das Bibliodrama, in den letzten dreißig Jahren. Nur die Theologie der Befreiung hat schon ein klein wenig früher ihren Anfang genommen. Die Auslegung durch Kunst und Musik ist wesentlich älter. Da im Verlauf der weiteren Arbeit kein Raum besteht, diese verwandten Methoden genauer zu erklären, werde ich diese im folgenden kurz darstellen.
6 Vgl. Bobrowski, Jürgen; Bibliodrama-Praxis: biblische Symbole im Spiel erfah- ren, EB-Verlag Rissen, 1991, S. 24-29
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Einleitung
1.3.1 Lateinamerikanische Auslegung (Relectura)
Die Lateinamerikanische Bibelauslegung geht von den Unterdrü- ckungs- und Leidenserfahrungen der Campensinos Lateinamerikas aus. In den Basisgemeinden treffen sich die Armen und lesen die Bi- bel vom Standort ihrer Praxis aus. Sie verstehen sie ganz existen- tiell: Die Überlieferung als ihre Geschichte, in der von Unterdrü- ckung und Befreiung berichtet wird und die zum Leben inspiriert. Die Armen nehmen die Bibel als Buch der Befreiung in Gebrauch, lassen sich von ihr anstiften zu Aktionen, die zur Verbesserung ihrer Lebensumstände dienen. 7
1.3.2 Feministische Bibelauslegung
Die Feministische Theologie ist eine Befreiungstheologie. Aus- gangspunkt ist die Erfahrung jahrelanger Unterdrückung und Mi- ßachtung von Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft. Feministi- sche Theologie ergreift Partei für die Frauen. Zunächst versucht sie hauptsächlich durch wissenschaftlich-reflektierte Methoden, die bib- lische Tradition von patriarchalen Überlagerungen zu befreien und sie neu zu interpretieren. Auch der Mißbrauch von bestimmten Bi- belstellen, oft herangezogen für diskriminierende und unterdrücken- de Verhaltensweisen, wird entlarvt. Frauen der Bibel, die stark wa- ren, werden in den Blick genommen und dienen als Identifikationsfi- guren. Jahrelang wurde übersehen, daß wir auch Mütter im Glauben haben. Feministische Theologie betont auch die weiblichen Züge Gottes.
Neben den wissenschaftlich-reflektierten Methoden arbeitet Feminis- tische Theologie auch mit unmittelbar erfahrungsbezogenen Ansät-
7 Vgl. Berg, Horst Klaus; Ein Wort wie Feuer. Wege lebendiger Bibelauslegung; Kösel Verlag München und Calwer Verlag Stuttgart 1991, S. 464
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Einleitung
zen. Vor allem in Frauenkreisen werden Bibeltexte so ganz neu ver- standen, und Frauen werden ermutigt aufzustehen und Gefühle des Unwerts hinter sich zu lassen. Sie erhalten ein Stück ihrer Würde wieder zurück. 8
1.3.3 Tiefenpsychologische Bibelauslegung
Die Tiefenpsychologie befaßte sich schon immer mit der Religion. Insbesondere Sigmund Freud und Carl Gustav Jung beschäftigten sich auch mit biblischen Texten. Seitdem die Theologie die Bedeu- tung der Humanwissenschaften vor allem für die Seelsorge erkannte, entstand auf der Grundlage der Gedanken und Methoden Carl Gustav Jungs die "Tiefenpsychologische Bibelauslegung", die einen lebens- bezogenen Dialog zwischen der Überlieferung und dem heutigen Menschen will. "Der hörende Mensch" soll im existentiellen Sinne ein "Gleichzeitiger" sein, die historische Distanz zwischen dem Ge- schehen von damals und der Existenz des Menschen heute soll über- brückt werden.
Charakteristisch ist, daß biblische Gestalten symbolisch verstanden werden. Bibeltexte, aber auch Mythen und Märchen spiegeln die in- nere Wirklichkeit des Menschen wieder.
Die Auslegung soll also nicht von den Gefühlen der Menschen abge- trennt sein, nicht isoliert vom Subjekt. Bibelauslegung hat so zu ge- schehen, daß Menschen angeregt werden, in die Tiefenschichten ih- rer Seele hinabzusteigen und damit "Grunderfahrungen des Religiö- sen" zu machen. 9
8 Vgl. ders., S. 463
9 Vgl. Arnoldshainer Konferenz; Das Buch Gottes: elf Zugänge zur Bibel; Ein Vo- tum des theologischen Ausschusses der Arnoldshainer Konferenz - Neukirchen- Vluyn: Neukirchener Verlag, 1992, S. 25-33
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Einleitung
1.3.4 Narrative Bibelauslegung
Bei der Weitergabe des biblischen Zeugnisses wurde schon immer erzählt: in der Familie, im Religionsunterricht, im Kindergottes- dienst, usw. In den zurückliegenden Jahren kamen immer mehr auch erzählende Predigten in den Blick. Diese Art der Bibelauslegung be- ruft sich darauf, daß die erste christliche Gemeinde vornehmlich eine Erzählgemeinschaft war. Auch die Jünger Jesu hörten Geschichten, die sie dann ihrerseits wieder weitererzählten. Narrative Exegese ist erzählende Weitergabe des Glaubens, Texte werden nach- und neu- erzählt. Der Erzähler taucht in den Text ein, setzt diesen in Szene und lädt so die Hörenden ein zur Identifikation mit den Personen der Erzählung. 10
1.3.5 Bibelauslegung durch Kunst und Musik
Bibelauslegung durch Kunst und Musik hat eine lange Geschichte. In kirchenmusikalischen Stücken, wie z. B. Kantaten, Oratorien oder Passionen, werden biblische Texte interpretiert. Auch Bilder und Skulpturen deuten die biblischen Überlieferungen. Die Formen der Auslegung durch Kunst und Musik haben sich in den letzten Jahren weiterentwickelt. Ausdruckstanz und liturgischer Tanz, Pantomime und Performance sind dazugekommen. Immer mehr setzt sich die Erkenntnis, daß das biblische Zeugnis nicht nur mit Worten weiter- gesagt werden kann, durch. In der Schlußansprache auf dem Deut- schen Evangelischen Kirchentag 1991 sagte Erhard Eppler: "Wir ler- nen in der Begegnung mit der Kunst Formen der Verkündigung, die der Kirche des Wortes bislang fremd waren. Daß die Bibel im Mit- telpunkt der Kirchentage steht, heißt nicht, daß sie uns nur mit Wor-
10 Vgl. ebd. S. 120-125 und Kiehn, Antje u. a.; Bibliodrama; 1. Auflage Stuttgart: Kreuz Verlag, 1987, S. 117f
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Einleitung
ten nähergebracht und ausgelegt werden kann." 11 Hier und da ist die- se Einsicht auch in örtlichen Kirchengemeinden vorhanden. Neues wird probiert. Eine Kirchentänzerin berichtete mir neulich, wie sie dann und wann in Gottesdiensten die Predigt tanzt, also die Botschaft körpersprachlich vermittelt.
1.4 Vorstellung der Arbeit
Im Vorwort habe ich mein Interesse für diese Arbeit beschrieben: Ich möchte mir ein Bild von Bibliodrama machen. Dazu muß ich die Methode genauer erforschen. Hierfür und um die Fragen aus dem Vorwort zu beantworten, habe ich für meine Ausarbeitung folgende Gliederung gewählt.
• Kapitel 2: Geschichte des Bibliodramas Hier möchte ich die Entstehungsgeschichte von Bibliodrama darstel- len. In welcher Zeit ist es entstanden und wie hat es sich entwickelt?
• Kapitel 3: Verschiedene Ansätze des Bibliodramas In diesem Kapitel sollen einige Ansätze des Bibliodramas näher be- schrieben werden.
• Kapitel 4: Exkurs: Bibliodrama und historisch-kritische Exe- gese Immer wieder muß sich das Bibliodrama vor der historisch- kritischen Exegese verantworten. Ich möchte in diesem Kapitel über das Verhältnis dieser beiden Methoden nachdenken. Beide sollen auch auf ihre jeweiligen Stärken und Schwächen überprüft werden.
11 Eppler, E.; in: epd-Dokumentation 26/1991, S. 20 (zitiert nach Arnoldshainer Konferenz; Das Buch Gottes: elf Zugänge zur Bibel; Ein Votum des theologi- schen Ausschusses der Arnoldshainer Konferenz - Neukirchen-Vluyn: Neukir- chener Verlag, 1992, S. 144
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Einleitung
• Kapitel 5: Zur Planung und Durchführung eines Bibliodra- mas In diesem Kapitel geht es um methodisch-didaktische Überlegungen. Was ist bei den Vorbereitungen und bei der Durchführung eines Bi- bliodramas zu bedenken?
• Kapitel 6: Psalmen im Bibliodrama Bei dem von mir durchgeführten Bibliodrama liegt ein Psalm zugrunde, deshalb möchte ich in diesem Kapitel über die Besonder- heit von Psalmen im Blick auf ihre Bibliodramatische Bearbeitung nachdenken.
• Kapitel 7: Bibliodrama zu Psalm 139 Zur Planung eines Bibliodramas gehört auch die Auseinandersetzung mit dem gewählten Text, deshalb steht am Beginn des Kapitels eine Exegese zum ausgewählten Psalm. Dann folgt der Entwurf für das Bibliodrama und am Schluß eine Reflexion darüber.
• Kapitel 8: Resümee In diesem letzten Kapitel möchte ich die Erkenntnisse aus der bishe- rigen Erarbeitung noch einmal zusammentragen und daraus ein Er- gebnis formulieren.
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Geschichte des Bibliodramas
2 Geschichte des Bibliodramas
2.1 Erfahrungen mit der Bibel gestern und heute
"Sola scriptura", "Allein die Schrift" - das war einer der tragenden Grundsätze der Reformation. Diese umfassende Bewegung zur Er- neuerung der Kirche war nicht zuletzt durch Martin Luther eine Bi- belbewegung. Allen Reformatoren war gemeinsam, daß sie die Bibel aus der "Babylonischen Gefangenschaft" der Kirchen befreien woll- ten. Die verkündigende Auslegung der Heiligen Schrift sollte wieder in den Mittelpunkt des Gottesdienstes gestellt werden. Und außer- dem sollte jeder Laie die Bibel lesen können, was Martin Luther ve- ranlaßte, zuerst das Neue Testament und danach auch das Alte Tes- tament ins Deutsche zu übersetzen.
Jahrhundertelang war die Bibel dann wichtigstes Buch. Die Kinder lernten in ihr lesen und wurden so mit den Geschichten vertraut. Auch die Erwachsenen lasen in diesem Buch, und für viele war es der einzigste Lesestoff. Für viele Leser war sie geradezu "Lebensmit- tel", sie enthielt Lebensworte, von denen eine große Kraft ausging. 12 Die Lebensumstände haben sich geändert, und der heutige Mensch lebt anders als damals. Man hört hier und dort noch Redewendungen, welche ihren Ursprung in biblischen Texten haben - "das Kind schläft wie in Abrahams Schoß", man bringt jemand anders eine "Hiobsbotschaft" oder es herrschen irgendwo Zustände, "die zum Himmel schreien." Viele wissen aber nicht mehr, wer Hiob oder Ab- raham waren. Die Bibel spielt im Bewußtsein vieler Menschen kaum
12 Vgl. Arnoldshainer Konferenz; Das Buch Gottes: elf Zugänge zur Bibel; Ein Votum des theologischen Ausschusses der Arnoldshainer Konferenz - Neukir- chen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1992, S. 13ff
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Geschichte des Bibliodramas
noch eine Rolle, für deren Lebenspraxis hat sie keine Bedeutung. Horst Klaus Berg redet hier von einem "Relevanzverlust" 13 . Für vie- le ist die Bibel nicht mehr überzeugend, weil sie nicht mehr unmit- telbar einleuchtet. Menschen von heute glauben, daß sie bestimmte Erfahrungen, welche biblische Texte voraussetzen, entbehren. Nicht zuletzt erscheint die Bibel vielen sehr realitätsfremd. Glaube begeg- net ihnen als Forderung, Vorstellungen und Ereignisse für wahr zu halten, welche sich in eine neuzeitliche Weltsicht nicht integrieren lassen. Wenn man glauben soll, daß eine Frau als Jungfrau ein Kind zur Welt bringt oder die Welt in sieben Tagen erschaffen worden ist, dann ist dies wirklich realitätsfremd. Doch auch Menschen, denen die Bibel durchaus wichtig ist, wissen mit der alten Botschaft oft we- nig anzufangen. Es gibt so viele andere packendere Nachrichten, die aufrütteln. 14 Die Bibel weckt kaum noch jemand "aus dem Schlaf der Sicherheit": Weder die, die sie lesen, noch die, die sie wie ein "klei- nes Museum" im Bücherregal stehen haben. Eine neue Bibelpraxis, ein neuer - vor allem erfahrungsorientierter Umgang mit der bibli- schen Botschaft - soll sie entstauben und wieder lebendige Kraft werden lassen. Eine dieser Methoden ist das Bibliodrama.
2.2 Entstehung von Bibliodrama
2.2.1 Der zeitgeschichtliche Rahmen
Die Sechzigerjahre gelten als Jahrzehnt des Optimismus, des Auf- bruchwillens, der Euphorie der Gefühle und der sexuellen Befreiung. Emanzipation aus den Zwängen der Tradition, Selbstverantwortlich-
13 Berg, Horst Klaus; Ein Wort wie Feuer: Wege lebendiger Bibelauslegung, Kösel Verlag München und Calwer Verlag Stuttgart, 1991, S. 16
14 Vgl. ders. S. 17-19
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Geschichte des Bibliodramas
keit und die Suche nach neuen, nicht traditionell fest geschriebenen Lebensentwürfen, waren wichtige Themen. 15 Fast symbolisch für die gesamten Sechzigerjahre steht das Jahr 1968 mit seinen Studentenre- volten, die nicht nur politischer Art waren. Kommunikation auf allen Ebenen war wichtig, man suchte in Familie und in anderen Bezie- hungen nach neuen Lebensformen. "Theorie und Praxis der antiauto- ritären Erziehung", so lautete der 1969 erschienene Titel von Ale- xander Neill, welcher durch sein Schulexperiment "Summerhill" be- kannt war und dessen Schriften interessiert gelesen wurden. Er und andere sorgten für eine Befreiung der Schulen von repressiver Straf- pädagogik. Es entstanden Kinderläden, in denen Kinder antiautoritär erzogen wurden. Kommunikationswissenschaften und verschiedene Schulrichtungen der Gruppendynamik sollten das, was der Gesell- schaftskritik verfiel, neu beleben.
Das Theater suchte nach neuen Formen. Klassiker sollten so darge- stellt werden, daß es auch die gegenwärtig Lebenden etwas angeht. Gesellschafts- und Religionskritik machte natürlich vor den Toren der Theologie nicht Halt. Nichts war mehr selbstverständlich, alles mußte neu bedacht werden. Alle Institutionen wurden kritisiert, so auch die Kirche. Gerhard Marcel Martin, der in den frühen Siebzi- gerjahren seine Bibliodramaarbeit begann, schildert die Veränderun- gen in der Theologie, wie er sie persönlich erlebte:
Seit Ende der 50er Jahre, jedoch spätestens seit Ende der 60er Jahre waren die Bewegungen in Kirche und Theologie erstarrt. Theodor W. Adorno sprach von "neutralisierter Religion" und davon spürte man auch etwas an den theologischen Fakultäten. Jürgen Moltmann setzte mit seiner "Theologie der Hoffnung" (1964) aber einen neuen Im-
15 Kulturspiegel des 20. Jahrhunderts - 1900 bis heute; Georg Westermann - Ver- lag GmbH, Braunschweig 1984; 1987 überarbeitete und ergänzte Lizenzausgabe für den Unipart - Verlag GmbH, Remseck bei Stuttgart, 1987
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Geschichte des Bibliodramas
puls, der sich in den Jahren danach konkretisierte und verwandelte. Die Theologie öffnete sich mehr, wurde politischer, Gesellschafts- themen und Ökumene, sowie Weltgeschichte waren mehr und mehr im Blick. Der christlich - marxistische Dialog war auf seinem Höhe- punkt. Man diskutierte heiß, die "Theologie der Revolution", ein neues Konzept einer politischen Theologie war im Gespräch. 1968 entwickelte sich auch das politische Nachtgebet, das die Untrennbar- keit von Glaube und Politik beschwor.
Die Themen der 68er beeinflußten die Theologie noch einmal neu. Die Fragen der Ästhetik spielten auch innerhalb der Theologie eine Rolle. In der Theologie Amerikas gab es 1969 von Harvey Cox ein Zeichen, "Das Fest der Narren". 1965 hatte derselbe in seinem Buch "Stadt ohne Gott?" die soziologischen Phänomene der Säkularisie- rung und der Verstädterung menschlichen Lebens untersucht und gab diesen eine theologische Deutung. Er warb für christlich- gesellschaftspolitisches Engagement. In seinem Buch "Das Fest der Narren" nimmt er den Auftrag zum gesellschaftlichen und politi- schen Engagement nicht zurück, aber er betont, daß auch Feierlich- keit und Phantasie gesellschaftlich wichtige Größen sind und zutiefst zu unserem Menschsein gehören.
In Deutschland war es wieder Jürgen Moltmann, der mit seinem Titel "Die ersten Freigelassenen der Schöpfung. Versuche über die Freude und das Wohlgefallen am Spiel" ein deutliches Signal gab. In diesem Buch findet man ein Plädoyer für die notwendige Wiederentdeckung ästhetischer und religiöser Dimensionen in Kirche und Gesellschaft. Die bisherigen Themen sind immer noch wichtig, aber eine Kurskor- rektur ist von Nöten. Nicht mehr die einseitige Theologie der Arbeit, nicht mehr nur ethisches und politisches Engagement, sondern Fest- lichkeit und Freude, Spiel und Phantasie sollten Raum gewinnen. Man war auf der Suche nach einem politischen und persönlichen Le-
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Geschichte des Bibliodramas
bensstil, in dem Subjektivität, Phantasie, Kreativität und Festlichkeit wesentliche Faktoren sind. 16 Der Kirchentag in Düsseldorf 1973 mit seiner Feier einer "liturgischen Nacht" 17 war ein deutliches Beispiel, wie dieses aussehen kann.
2.2.2 Weitere Impulse für das Bibliodrama
Wichtige Impulse für die gesamte Bibliodramaarbeit kamen von Kat- ja Delakova 18 und Professor Dr. Moshe Budmor. 19 Beide beeinfluß- ten die mitteleuropäische Szene von Körperarbeit, Spielpädagogik und Bibliodrama in den vergangenen zwanzig Jahren.
G. M. Martin brachte eine Zeit in Amerika bei Katja Delakova zu. Er beschreibt, wie er während seines Studienaufenthalts in Amerika in Katja Delakovas Bewegungsschule seinen Körper radikal neu ken- nenlernte; er spricht sogar von einer leibhaftigen Wiedergeburt. Er lernte, in seinem Körper zu Hause zu sein, verlernte Erstarrungen
16 Vgl. Martin, G. M.; Sachbuch Bibliodrama: Praxis und Theorie, Kohlhammer 1995, S. 13- 15
17 Diese "Liturgische Nacht" wurde veranstaltet von der "Arbeitsgemeinschaft für Gottesdienst und Kommunikation" Frankfurt, ein Experiment, das damals seines- gleichen suchte. Stundenlang waren die Teilnehmer dieser Großgruppenliturgie zusammen und feierten in ständigem Wechsel zwischen Aktion und Stille.
18 Katja Delakova leitete in Amerika eine eigene Schule "Kunst der Bewegung". Sie hatte diese Kunst der Bewegung aus ihren Erkenntnissen, die sie zunächst aus dem Wienerballett, aber auch aus dem Ausdruckstanz und aus der israelischen und jugoslawischen Folklore, Aikido und Tai Chi so wie Feldenkraisarbeit ge- wonnen hatte, entwickelt. Immer wieder kam Katja Delakova auch nach Europa und führte Workshops zu ihrer Bewegungskunst durch.
19 Professor Dr. Moshe Budmor ist Komponist, Dirigent und Musikwissenschaftler und führte mit seiner Frau Katja Delakova auch in Mitteleuropa immer wieder Workshops durch. Von ihm stammen viele Ideen für eine "Verklanglichung" von Texten.
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Arbeit zitieren:
Ute Fassel, 1998, Bibliodrama - eine religionspädagogische Methode in der Arbeit mit Erwachsenen, München, GRIN Verlag GmbH
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Exegetische Methoden - Das Bibliodrama als Methode der Bibelauslegung
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Ute Fassel hat den Text Bibliodrama - eine religionspädagogische Methode in der Arbeit mit Erwachsenen veröffentlicht
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