Vorwort
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VORWORT
„Jugendgewalt“ ist ein Thema, das in regelmäßigen Abständen medienwirksam in Szene gesetzt wird. Bislang standen meist männliche Gewalttäter im Mittelpunkt der Diskussionen. Neu in der Debatte ist nun, dass Jugendgewalt zunehmend auch als Mädchengewalt thematisiert wird. Parallel zu der Zunahme weiblicher Gewaltkrimi- nalität, wie sie die Kriminalitätsstatistiken nachweisen, mehren sich Schilderungen von Pädagogen und Pädagoginnen aus der Praxis, die sich in ihrer Arbeit vermehrt mit gewalttätigen Mädchen konfrontiert sehen.
Im Rahmen einer Tagung des Staatlichen Schulamts Wetzlar zum Thema „Gewalt an Schulen“ im September 2000 wurde ich zum ersten Mal auf diese Problematik auf- merksam. In den Berichten der Pädagogen stand immer wieder die eigene Hilflosig- keit und Handlungsunsicherheit im Vordergrund. Sie schilderten verschiedene Fälle aus dem Schulalltag, die das Bild der „friedfertigen Frau“ nachhaltig in Frage stellen. Die Palette an gewaltförmigen Handlungen zog sich von Intrigen und Mobbing über verbale Anfeindungen bis hin zu brutalen körperlichen Schlägereien. Mit ihren Aus- führungen strebten die anwesenden Pädagogen vor allem nach Aufklärung eines Ausschnitts mädchenspezifischer Realität, damit Mädchengewalt nicht länger tabui- siert oder ignoriert wird.
Nachdem mir der Bedarf an Klärung zum Gewaltpotenzial der Mädchen so sichtbar vor Augen geführt wurde stand für mich fest, dieses „Phänomen“ näher zu beleuch- ten. Der anfängliche Ergeiz wurde jäh gebremst, da ich bei der Auswertung der Ge- walt- und Aggressionsliteratur feststellen musste, dass Mädchen meist nur in einem Satz erwähnt werden: „Sie neigen eher dazu psychische Gewalt auszuüben“. Bei der Suche im Internet hatte ich jedoch größeren Erfolg und konnte verschieden Wissen- schaftlerinnen ausfindig machen, die sich bereits mit geschlechtsspezifischen Aspek- ten der Gewalt beschäftigten. Mein besonderer Dank gilt somit Kirsten Bruhns vom Deutschen Jugendinstitut sowie Mechthild Schäfer vom Lehrstuhl für Psychologie in München, die mich mit reichlich Literatur versorgten.
Inhaltsverzeichnis
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INHALTSVERZEICHNIS
VORWORT II
1 Einleitung 1
2 Aggression und Formen von Gewalt - Begriffsklärung 3
2.1 Arten der Aggression 3
2.2 Verschiedene Formen der Gewalt 8
3 Geschlecht als soziale Kategorie 13
3.1 Konstruktion von Weiblichkeit und Männlichkeit im
Geschlechterverhältnis 13
3.2 Aspekte der Geschlechtersozialisation und der weiblichen und
männlichen Identitätsbildung 25
3.3 Hindernisse und Möglichkeiten im Leben weiblicher und
männlicher Jugendlicher 36
4 Soziale Determinanten und ihr Einfluss auf die
Entwicklung gewaltförmigen Verhaltens 46
4.1 Gewalterfahrung in erster Instanz die Familie 46
4.2 Schule - Szenerie der Gewalt 52
4.3 Effekte des Konsums - Die Medien als Sozialisatoren 59
4.4 Im Bann der Gleichaltrigengruppe 65
Inhaltsverzeichnis
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5 Erklärungsansätze zum abweichenden Verhalten von
weiblichen und männlichen Jugendlichen 70
5.1 Aspekte weiblicher Kriminalität und ihre Deutungsversuche 71
5.2 Weibliche Gewalt kurios befremdlich widernatürlich 82
5.3 Gewalt als Schattenseite der Individualisierung 88
5.4 Geschlechtstypische Unterschiede gleiches
Aggressionspotenzial der Geschlechter 92
5.5 Wechselwirkung von Gewalt und der Konstruktion des
Geschlechts 99
6 Zusammenfassung 108
LITERATURVERZEICHNIS V
Einleitung
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1 Einleitung
Gewalt unter geschlechtsspezifischen Aspekten zu betrachten ist nach wie vor eher die Ausnahme. In vielen Untersuchungen zur „Jugendgewalt“ wird einseitig vom Phänomen der „Jungengewalt“ gesprochen – aggressives Verhalten von Mädchen findet dagegen kaum Berücksichtigung. Das zentrale Anliegen meiner Arbeit besteht darin das Gewalthandeln des weiblichen Geschlechts näher zu beleuchten, ge- schlechtstypische Unterschiede aufzuzeigen und mögliche Erklärungen zum gewalt- förmigen Verhalten der Geschlechter darzustellen.
Im Folgenden soll nun ein kurzer Überblick über den Aufbau der Arbeit erfolgen. Im ersten Kapitel werden die Begriffe „Aggression“ und „Gewalt“ näher erläutert, um dann zu einer - für diese Arbeit - gültigen Begriffsklärung zu kommen.
Im Anschluss wird ein sozialkonstruktivistisches Verständnis von Geschlecht vorge- stellt und Geschlecht als soziale Strukturkategorie in einem hierarchischen Ge- schlechterverhältnis beschrieben. Ansätze zur Erklärung der weiblichen und männli- chen Identitätsbildung sowie Ergebnisse der geschlechtsspezifischen Sozialisations- forschung sollen vor diesem theoretischen Hintergrund näher erläutert werden. In- zwischen wird ein Wandel des Geschlechterverhältnisses konstatiert, der allerdings an strukturellen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern wenig geändert hat. Daher wird an dieser Stelle ebenso auf Individualisierungsprozesse und daraus resul- tierende Probleme im Jugendalter eingegangen. Der Aspekt der geschlechtstypischen Lebensbewältigung unter dem Zwang zur Individualisierung soll dabei ebenfalls nä- her zur Sprache kommen.
Im folgenden Kapitel der Arbeit wird die Bedeutung verschiedener Sozialisationsin- stanzen in Hinblick auf Gewaltphänomene Jugendlicher näher betrachtet. Beispiels- weise wird, wenn es um die Erklärung der Entwicklung zur Gewaltbereitschaft bei
Einleitung
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Jugendlichen geht, die Bedeutung der Familie immer wieder hervorgehoben. Als weitere wichtige Sozialisationsbereiche, die die Entwicklung gewaltbereiter Orientie- rungen begünstigen können, werden die Gleichaltrigengruppe, die Medien sowie die Schule näher beleuchtet.
Im nächsten Abschnitt werden zunächst einige traditionellere Erklärungen zur „Frauenkriminalität“ vorgestellt, sowie neuere feministische Erklärungsansätze der kritischen Kriminologie zu diesem Thema. Einige der älteren Ansätze finden sich in theoretischen Darstellungen zur „weiblichen“ und „männlichen“ Aggression wieder, die z.B. geschlechtsrollentypisches Verhalten als eine Erklärung für das geringere Maß an (physischem) gewalttätigem Verhalten von Frauen heranziehen. Sanktions- und Reaktionsweisen auf abweichendes und delinquentes Verhalten sind ebenso in eine geschlechtstypische Struktur eingebunden. Anschließend wird sowohl auf die moralische Verurteilung „weiblicher Gewalt“ als auch auf Konstruktionsprozesse „abweichender“ und „normaler Weiblichkeit“ näher eingegangen. Frauen werden in der Öffentlichkeit als das friedliche Geschlecht gesehen, davon abweichendes Ver- halten wird meist als anormal verurteilt.
Danach werden verschiedene theoretische Ansätze vorgestellt, die sich auf Jugend- gewalt beziehen und die Kategorie Geschlecht berücksichtigen. Darauf folgend wer- den theoretische Ansätze erläutert, die von einem gleichen Aggressionspotenzial der Geschlechter ausgehen, aber geschlechtstypische Äußerungsformen berücksichtigen. Zur Erklärung wird in diesen Ansätzen häufig auf geschlechtstypische Sozialisati- onsprozesse verwiesen. Die Bedeutung geschlechtstypischer sozialer Repräsentatio- nen von Aggression und Gewalt wird in diesem Zusammenhang ebenfalls näher er- läutert. Zuletzt wird ein Erklärungsansatz der Aspekte des „doing gender“ im Hin- blick auf Gewalt betrachtet. Am Beispiel von Jugendlichen in gewaltbereiten Cliquen lassen sich u.a. vielfältige Entwürfe von Weiblichkeit und Männlichkeit finden, die vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Verhältnisse interpretiert und als situative Bewerkstelligung von Geschlecht begriffen werden können.
Aggression und Formen von Gewalt - Begriffsklärung
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2 Aggression und Formen von Gewalt - Begriffsklärung
Das Thema Gewalt und vorrangig das gewalttätige Handeln Jugendlicher spielt in dieser Arbeit eine zentrale Rolle, daher erscheint es mir wichtig, einige allgemeine Überlegungen zu den Begriffen Aggression und Gewalt näher zu erläutern. Eine sol- che Begriffsklärung ist notwendig, da es sehr unterschiedlich gerichtete Definitionen und Schwerpunktsetzungen in der sozialwissenschaftlichen Literatur gibt. Im weite- ren Verlauf wird ebenso deutlich, welches Verständnis von Gewalt, dieser Arbeit zu Grunde liegt.
2.1 Arten der Aggression
Der Begriff Aggression ist zum Teil sehr weit gefasst, wodurch eine Verständigung über den Phänomenbereich erschwert wird. Weder im Alltagsverständnis noch in der Psychologie gibt es einen allgemein akzeptierten Aggressionsbegriff, denn auch die Grenze zwischen aggressiven und nicht-aggressiven Verhaltensweisen ist fließend. Doch kann zunächst festgehalten werden, dass Aggression ein Begriff ist, welcher einem anthropologisch-psychologischen Kontext entstammt und dort vornehmlich Verwendung findet.
In Definitionen wird häufig der lateinische Ursprung des Wortes aggredi (= herange- hen) verwendet, vor allem in solchen, in denen Aggression äußerst weit gefasst wird. Die gerichtete Aktivität wird hier zunächst nicht negativ bewertet, sondern als positi- ve und notwendige Lebensäußerung betrachtet. Nach LEHNER (1992) sind Wut oder Aggression universale menschliche Reaktionen, die verbunden sind mit Wärme und Lebhaftigkeit, daher zeigen diese stets eine Handlungsbereitschaft an. Dieser
Aggression und Formen von Gewalt - Begriffsklärung
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Definitionstyp findet meist in der triebtheoretisch ausgerichteten Literatur seine Verwendung. An dieser Stelle muss jedoch kritisch angemerkt werden, dass Aggres- sion in dieser weiten Definition im Wesentlichen dasselbe wie Tatkraft meint und demnach jegliches Verhalten aggressiv zu nennen wäre. Zur Präzisierung und um das Thema abzugrenzen soll Aggression hier nicht in diesem allgemeinen Sinne verstan- den werden, sondern eingegrenzt werden.
Ein Verhalten wird dann als Aggression eingestuft, wenn ein gerichtetes
Austeilen schädigender Reize erkannt wird; eine Aggression kann offen
(körperlich, verbal) oder verdeckt (phantasiert), sie kann positiv (von der
Kultur gebilligt) oder negativ (mißbilligt) sein. (LÖSEL, SELG,
SCHNEIDER, MÜLLER-LUCKMANN, 1990, S. 10, Herv. i. Org.)
Man unterscheidet die Arten der Aggression weiterhin nach der Art der ihr zu Grun- de liegenden Motivation, d.h. nach der Art des Zieles bzw. der angestrebten Befrie- digung. Als reaktive Formen gelten dabei beispielsweise die Vergeltungsaggression und ärgerliche bzw. ängstliche Abwehr-Aggression, wohingegen die Erlangungsag- gression und spontane Aggression als aktive Formen bezeichnet werden. Dabei han- delt es sich allerdings um eine idealtypische Einteilung, da faktisch auch Mischfor- men vorkommen (NOLTING 1999). Eine weitere Differenzierung ist die in individu- elle und kollektive Aggression. Nach NOLTING (1993) sind diese Formen auf der psychologischen Ebene nicht gleichzusetzen, „weil bei kollektiver Aggression der Einzelne ganz anderen situativen Einflüssen ausgesetzt ist, nämlich dem stimulieren- den Verhalten anderer Personen“ (S. 94, Herv. i. Org.). Durch diese Einflüsse wird es möglich, dass Menschen Dinge tun, die sie vermutlich als Einzelne niemals tun wür- den.
Ein Kriterium zur Bewertung eines Verhaltens als aggressiv ist häufig die intendierte Schädigung, womit Verletzungen ausgeschlossen werden, die nicht beabsichtigt wa- ren (SELG, MEES, BERG 1997; NOLTING 1993). Diese Schädigung kann sich gegen Menschen oder Sachen richten. Dabei kann sowohl normgetreues als auch abweichendes Verhalten als Aggression gelten. Hier wird bereits die Komplexität deutlich, ein Verhalten als aggressiv zu bewerten, da das Ausmachen desselben als
Aggression und Formen von Gewalt - Begriffsklärung
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gerichtet bzw. nicht-gerichtet sehr schwer ist. Die Deutung einer Handlung als ag- gressiv bzw. gewalttätig hängt dabei von der jeweiligen Sichtweise der Betroffenen sowie den situativen und normativen Kriterien der Angemessenheit ab. Im Rahmen der Klärung des Gewaltbegriffs wird auf die Interpretationsschwierigkeiten noch näher Bezug genommen (vgl. Kap. 2.2).
Aus der Definition von LÖSEL et al. (1990) geht hervor, dass Aggression ein Ver- halten meint und keinen Affekt wie z.B. Ärger, Wut oder Hass. Menschen, die von sich sagen, sie „hätten Aggressionen in sich“, meinen damit ihre Gefühle, Impulse oder Bedürfnisse, was sich aber nicht zwangsläufig in aggressiven Handlungen nie- derschlagen muss. Ärger kann beispielsweise unterdrückt werden und stellt somit keine aggressive Verhaltensweise dar. Mit anderen Worten, es müssen einer aggres- siven Handlung, die z.B. auf einen Befehl hin ausgeführt wurde, nicht zwangsläufig aggressive Gefühle zu Grunde liegen. Demnach muss darauf geachtet werden, ob man sich auf das Verhalten oder auf Gefühlszustände bezieht, wenn von Aggression die Rede ist (NOLTING 1993).
Es gibt verschiedene Arten aggressiver Gefühle, Stimmungen u. Ä. und die Über- gänge zwischen den Emotionen zu nichtaggressiven Gefühlen sind fließend (NOLTING 1999). Aggressive Emotionen zielen auf Verletzung, Herabsetzung usw. und finden darin ihre Befriedigung. Wegen der Verwechslung der beiden Ebenen schlägt NOLTING (1999) vor, dass es am besten wäre, „den Terminus Aggression ganz zu streichen und stets von aggressivem Verhalten/Handeln einerseits und ag- gressiven Emotionen, Bedürfnissen, Impulsen usw. andererseits zu sprechen“ (S. 30f.).
NOLTING (1999) wendet sich z.B. gegen die Auffassung, dass es möglich sei Ag-
gressionen „abzureagieren“, um so einen gefährlichen „Stau“ zu vermeiden, wie es in verschiedenen Versionen der Katharsis-Hypothese formuliert wird (S. 197ff.). Er weist die Annahme zurück, dass Sport und starke körperliche Aktivität „Aggressio- nen abbauen“ können. Manche Menschen fühlen sich zwar nach verbalen Angriffen,
Aggression und Formen von Gewalt - Begriffsklärung
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dem so genannten „Dampfablassen“, wesentlich besser, aber ihre Aggressionen nehmen dadurch keineswegs ab (ebd., S. 211). Daher ist es ratsam, einen Menschen nicht prinzipiell als aggressiv zu bezeichnen. Wesentlich sinnvoller ist es, danach zu fragen, in welchen Formen sich die Aggressivität äußert, bei welchen Anlässen, mit welchen vermuteten Zielen und gegen wen sie sich richtet (ebd., S. 183).
Sichtbare Aggressivitätsunterschiede zwischen Menschen resultieren aus der Akti- vierbarkeit einer Aggressionstendenz sowie aus einer Hemmungstendenz. Demnach könnte geringe Aggressivität sowohl auf einer geringen Aggressionstendenz als auch auf starken Hemmungen beruhen. Allerdings können allzu starke Aggressionshem- mungen letztlich doch zu Gewalt führen. Es gibt einen Typ extremer Gewalttäter mit übermäßigen Aggressionshemmungen, die plötzlich explodieren können:
Solche Menschen vermeiden auch schwächere Formen der Aggression,
die sie unter Umständen für ihre Selbstdurchsetzung und Verteidigung benötigen würden. Schließlich geraten sie in so extrem demütigende Si- tuationen, dass sie plötzlich »explodieren« und, zum ersten Mal in ihrem Leben, gewalttätig werden – und zwar in einer geradezu maßlosen Wei- se. Für eine gesunde psychische Entwicklung ist es also unerlässlich, dass neben inneren Normen gegen Aggression zugleich alternative Ver- haltensweisen für das Ausdrücken von Gefühlen und das Verfolgen eige- ner Ziele erlernt werden. (NOLTING 1999, S. 266)
Unter den Begriff Aggression wird häufig offene Aggressivität, die sich durch kör- perliche oder verbale Angriffe zeigt, gefasst. Doch auch indirekte Strategien, um andere Menschen zu verletzen, werden zum Teil ebenso als Aggression bezeichnet. Dazu zählen etwa indirektere und passivere Formen destruktiver Aggression. Diese führen gerade in empirischen Untersuchungen, welche sich lediglich auf physische Aggressionen beziehen, auch zu verzerrten Aussagen. Wenn es beispielsweise in diesen Untersuchungen heißt, Frauen zeigen ein geringeres Ausmaß an Aggressionen im Vergleich zu Männern, so kann dieser Befund nur etwas über das gezeigte Ver- halten aussagen, nichts hingegen über das Potenzial an Aggression. Indem diese Un- tersuchungen sich ausschließlich auf eine Aggressionsform beschränken, tragen sie
Aggression und Formen von Gewalt - Begriffsklärung
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nicht zur Klärung der Frage bei, ob Frauen tendenziell andere Formen destruktiver Gewalt ausleben (HEYNE 1993).
Die Konzentration auf offen aggressives Verhalten hat dazu geführt, dass wenig über aggressive und viktimisierte Mädchen bekannt ist. Der Begriff der Aggression wurde von einer Reihe amerikanischer Wissenschaftler erweitert, um dem systematischen Geschlechtsunterschied in der Aggressionsliteratur Rechnung zu tragen. Man spricht nun von Beziehungsaggression oder relationaler Aggression, die für das Verhalten von Mädchen typischer sei (WERNER, BIGBEE, CRICK 1999, S. 153). In einem Projekt zur Erforschung „der weiblichen Aggression“ definieren WERNER et al. (1999) die relationale Aggression als ein Verhalten, dass „die Beziehungen einer Person zu Gleichaltrigen oder die Gefühle der sozialen Zugehörigkeit und Akzeptanz beschädigt. Hierzu gehört auch die Androhung einer solchen Schädigung“ (S. 154). Soziale Beziehungen werden demnach dazu benutzt, um gleichaltrigen Kindern, z.B. durch das Verbreiten von Gerüchten, durch Ausschluss aus der Gruppe oder durch ignorantes Verhalten, zu schaden (vgl. Kap. 4.2). Dieser Aspekt steht im Vorder- grund dieses Ansatzes und kennzeichnet den Unterschied zur indirekten Aggression, die vorliegt, wenn ohne direkte Konfrontation mit dem Opfer eine Schädigung er- reicht wird (WERNER et al. 1999).
Es gibt viele Ansätze, in denen davon ausgegangen wird, dass beide Geschlechter über ein gleich großes Aggressionspotenzial verfügen, jedoch hinsichtlich der Art und Weise der Äußerung dieser Aggression Unterschiede bestehen, was auf ver- schiedenartig Ursachen des aggressiven Verhaltens zurückgeführt werden kann (vgl. Kap. 5.4).
Aggression und Formen von Gewalt - Begriffsklärung
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2.2 Verschiedene Formen der Gewalt
Der Begriff Gewalt ist sehr vielschichtig und überschneidet sich in einzelnen Teilen mit dem der Aggression. Dies lässt sich vor allem daran zeigen, dass sich einige Kri- terien beiden Begriffen zuordnen lassen. Der Gewaltbegriff wird allerdings eher in soziologischen, rechtlichen und politischen Kontexten verwendet. Gemeinhin lassen sich zwei Richtungen in der Diskussion um den Gewaltbegriff aufzeigen. Zum einen wird auf eine weite Fassung des Begriffs plädiert, man spricht in diesem Zusammen- hang auch von „struktureller Gewalt“ (GALTUNG 1975). Zum anderen will man den Gewaltbegriff ausdrücklich eingeschränkter definieren (LÖSEL et al. 1990;
SCHNEIDER 1994).
Zu Beginn der 70er Jahre entwickelte GALTUNG (1975) im Rahmen der Friedens- und Konfliktforschung eine erweiterte Definition von Gewalt. In dieser benennt er auch die Folgen aus ungleichen gesellschaftlichen Machtstrukturen und Zwangsver- hältnissen als eine Form der Gewalt. GALTUNG (1975) umschreibt den Begriff der strukturellen Gewalt folgendermaßen:
Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre po- tentielle Verwirklichung. … Gewalt ist das, was den Abstand zwischen dem Potentiellen und dem Aktuellen vergrößert oder die Verringerung dieses Abstandes erschwert. (GALTUNG 1975, S. 9; Herv. i. Org.)
In diese Definition fließt auch psychische Gewalt mit ein, welche sich in Form von „Indoktrination, Lügen und Gehirnwäsche“ (ebd., S. 11) durch bestimmte Ideologien äußern kann und der zufolge die geistigen Möglichkeiten eines Menschen einge- schränkt werden. Eine Besonderheit bei dieser Form von Gewalt ist, dass keine kon- kreten Akteure erkennbar sind, demnach wirkt die Gewalt auf indirekte Weise. Sie äußert sich in Chancenungleichheiten, die durch ungerecht verteilte Ressourcen und Machtverhältnisse entstehen, was den Individuen allerdings nicht bewusst sein muss. Demzufolge ist strukturelle Gewalt nicht unmittelbar beobachtbar, wohl aber über die in einer Gesellschaft bestehenden Hierarchien und Rollenzuweisungen erschließ-
Aggression und Formen von Gewalt - Begriffsklärung
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bar, die die ungleichen Herrschafts- und Machtverhältnisse in einem gesellschaftli- chen System widerspiegeln (THEUNERT 1996).
An dieser Stelle sollte jedoch kritisch angemerkt werden, dass eine solche umfassen- de Definition von Gewalt zu einer starken Ausweitung des Gewaltbegriffs und letzt- lich zu Unklarheiten führt. Ebenso bezeichnet diese Auslegung eher die möglichen Ursachen von Gewalt (SCHNEIDER 1994, S. 15; SELG et al. 1997, S. 8).
Im Gegensatz zur strukturellen Gewalt sieht GALTUNG (1975) die personale oder auch direkte Gewalt. Man spricht von personaler Gewalt, wenn sich bei ihrer Aus- übung ein Akteur oder eine Akteurin eindeutig identifizieren lässt, eine Person also direkt Gewalt ausübt. KUNCZIK (1994) bestimmt personale Gewalt wie folgt: „Un- ter personaler Gewalt (Aggression) wird die … beabsichtigte physische und/oder psychische Schädigung einer Person, von Lebewesen und Sachen durch eine andere Person verstanden“ (S. 18).
In dieser Definition wurde bereits eine weitere Unterteilung der personalen Gewalt in eine physische und eine psychische Ausprägung vorgenommen. Je nachdem mit wel- chen Mitteln diese Form der Gewalt ausgeübt wird, spricht man von psychischer Gewalt, wenn eine geistige oder seelische Verletzung vorliegt, wie etwa Erniedri- gung, Bedrohung, Nötigung, Demütigung oder Isolierung. Hingegen meint physisch, alle Formen körperlicher Verletzung, also direkter, tätlicher Gewalt, aber auch die Drohung mit ihr, ebenso Vergewaltigung und Zudringlichkeit. Im Gegensatz zu phy- sischer ist psychische Gewalt sehr viel schwieriger wahrzunehmen und zu beschrei- ben, da sie auf einer sehr viel subtileren Ebene ausgeübt wird. Psychische Gewalt kann nicht nur auf der verbalen, sondern auch auf der non-verbalen Ebene (u.a. über Körpersprache) ihren Ausdruck finden. (THEUNERT 1996).
In der Regel wird Gewalt als intendiertes Schädigen oder Beeinträchtigen verstan- den, um unbeabsichtigte Schädigungen auszuschließen. Hierzu führt NOLTING (1993) aus: „von Gewalt sprechen wir meist nur bei schweren, insbesondere körper-
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lichen Aggressionen, doch beispielsweise nicht bei Beschimpfungen oder bösen Bli- cken. Insoweit ist Gewalt eine Unterform von Aggression.“ (S. 92, Herv. i. Org.). Gewalt oder gewalttätiges Verhalten wird dabei nicht als „Eigenschaft“ oder fest gefügtes Wesensmerkmal betrachtet, sondern vielmehr den Interaktionen zwischen Personen zugesprochen. Gewalt spiegelt demnach die Endphase aggressiver Interak- tionen dar, die sich nach und nach als Prozess entwickelt haben.
Die legale Gewalt, die zur Aufrechterhaltung des Gesellschaftssystems dient, ist vom Gesetz her sowohl erlaubt als auch vorgesehen. Gewalt wird, von Seiten der Instan- zen der sozialen Kontrolle, z.B. der Polizei oder dem Justizvollzug repräsentiert. Demzufolge wird diese Form der Gewalt als notwendig und richtig erachtet und soll zum Schutz der Gesellschaft dienen. Wird Gewalt als Notwehr angewandt oder aus Gründen eines „rechtfertigenden“ oder „entschuldigenden Notstandes“, wird sie e- benfalls nicht sanktioniert und gilt somit als legal (BÖTTGER & LIANG 1996, S. 318). Legale Gewalt wird auch in bestimmten Arten des Sports ausgeübt, ja sogar durch Regeln vorgeschrieben; jedoch zielt hier die Gewalt nicht darauf ab, Machtan- sprüche geltend zu machen.
Illegale Gewalt kann einerseits zur Durchsetzung von Macht eingesetzt werden, wie z.B. bei einer Erpressung. Andererseits kann sie kollektiv angewandt werden, etwa um der Sicherung eines Machtstatus einer Gruppe, z.B. einer „Gang“ oder einer „Clique“, zu dienen. Ein Bankraub wäre illegale Gewalt, würde aber nicht der Siche- rung einer Machtposition dienen, sondern allein der materiellen Bereicherung; hier handelt es sich um „rein situative illegale Gewalt“ (BÖTTGER & LIANG 1996, S. 316f.).
Bei der Beurteilung einer Gewalthandlung spielt die Unterscheidung in spontane und reaktive Gewalt bzw. „nicht-provozierte“ und „provozierte“ Gewalt eine große Rolle, da z.B. reaktive Gewalthandlungen, sofern sie als Notwehr gelten, straffrei bleiben können. Bei reaktiven Gewalthandlungen steht die Gewalt im Vordergrund, welche auf Grund von Provokationen erfolgt und/oder um sich und andere vor Gewalt zu
Aggression und Formen von Gewalt - Begriffsklärung
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schützen. Wohingegen bei der spontanen Gewalt kein sofort erkennbarer Anlass für dieses Verhalten zu identifizieren ist. (SELG et al. 1997, S. 14)
Mit expressiver Gewalt werden Gefühlszustände wie Ärger, Wut, Zorn, aber auch Furcht und andere verwandte Gefühle, ausgedrückt. Nicht selten folgen diesen Ge- fühlszuständen Wutausbrüche, welche eine Befreiung von aktuellen Spannungen herbeiführen sollen, demnach gilt die expressive Gewalt als affektbedingt und af- fektbegleitet. HEITMEYER (1994) spricht von „reflexiver Gewalt“, die sich aller- dings „in expressiven Formen [vollzieht]; der Agierende ist also ganz dem Gefühl ausgeliefert“ (S. 37, Herv. i. Org.). Seinem Erachten zufolge lässt sich auf diese Wei- se auch ein Zugang zu „sinnlos“ erscheinender Gewalt finden.
Im Gegensatz dazu kann Gewalt, wenn es um das Erreichen eines rationalen Ziels geht auch instrumentell angewendet werden, z.B. wenn eine bestimmte Problemlö- sung angestrebt wird. Die negative Beeinträchtigung eines Opfers wird dabei in Kauf genommen, ist aber nicht die Intention der Gewalthandlung. Gewalt dient dann als Strategie zur Problemlösung, wenn andere Lösungsversuche nicht zum Ziel führen oder andere Wege gar nicht erst gesehen werden (SCHNEIDER 1994).
Bei der hostilen bzw. feindseligen Gewalt besteht hingegen die Intention darin, ei- nem Opfer zu schaden und/oder ihm Schmerzen zuzufügen: sie kann als eine Ag- gression der Aggression willen gelten, die in manchen Fällen mit Lust am aggressi- ven Verhalten einhergeht (SELG et al. 1997).
In Bezug auf geschlechtstypische Arten von Gewaltausübung spielt die Unterschei- dung in expressive versus instrumentelle Gewalt bei CAMPBELL (1995) eine ent- scheidende Rolle. Instrumentelle Gewalt geht ihr zufolge eher von Männern aus. Dagegen kann Gewalttätigkeit von Frauen tendenziell als expressiv eingestuft wer- den. Vereinfacht gesagt, versuchen Männer durch instrumentelle Aggression Kon- trolle über andere zu erlangen, Frauen dagegen erleben bei aggressiven Handlungen einen Verlust an Kontrolle (vgl. Kap. 5.4).
Aggression und Formen von Gewalt - Begriffsklärung
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Wie im vorigen Kapitel bereits erwähnt wurde, ist die Beurteilung eines Verhaltens als aggressiv oder gewalttätig von situativen und normativen Kriterien abhängig so- wie vom so genannten „Bezugssystem“ der Betrachter. So sieht das Opfer die gleiche Situation anders als der Täter bzw. Täterin oder Beobachtende 1 . Häufig wird eigenes Verhalten lediglich als Reaktion auf vorausgegangene vermeintliche Ungerechtigkei- ten bzw. Normverletzungen des Opponenten gesehen (MUMMENDEY 1992, S. 304).
In diesem Kapitel wurde dargestellt, dass es viele Facetten von Gewalttätigkeiten und Aggressionen gibt. Von jeder Person, ob Täter, Opfer, Teil der „schweigenden Mehrheit“ oder den Wissenschaftlern werden Gewalt und Aggression unterschiedlich empfunden, aufgefasst und dementsprechend variantenreich definiert. Die Darstel- lung der verschiedenen Auslegungsmöglichkeiten sollte vor allem dazu beitragen, Gewalt und Aggression nicht nur in einer Weise zu sehen, sondern den Blick auch auf andere Formen auszuweiten.
1 Einer Untersuchung von Mummendey, Linneweber und Löschper (1984) zufolge, in der von männ- lichen Schülern auf Video aufgezeichnete aggressive Auseinandersetzungen zwischen zwei Schülern einmal aus Sicht des Täters und einmal aus Sicht des Opfers bewertet werden sollten, wurde eigenes Verhalten stets als weniger aggressiv eingestuft (MUMMENDEY 1992).
Geschlecht als soziale Kategorie
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3 Geschlecht als soziale Kategorie
Im Folgenden wird ein sozialkonstruktivistisches Verständnis von Geschlecht vorge- stellt, mit welchem es möglich wird, den Blick auf die Differenzierungen innerhalb einer Geschlechtergruppe zu richten, d.h., die Vielfalt unterschiedlicher „Weiblich- keiten“ und „Männlichkeiten“ zu beleuchten. Betrachtet man soziales Geschlecht als etwas, was in sozialen Interaktionen innerhalb eines gegebenen gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisses „hergestellt“ wird, kann auch gewalttätiges Verhalten Ju- gendlicher unter dieser Perspektive interpretiert werden. Nach WALDMANN, STEINMANN, GRELL (1999) sind Geschlechter gesellschaftlich konstruierte Phä- nomene und als „diskursiv-interaktive, historisch sich wandelnde, gesellschaftlich- kulturelle Konstruktionen zu begreifen“ (S. 114). Verlassen wird mit dieser Sicht- weise der Bezugsrahmen, der sich ausschließlich auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern richtet und deren vielfältige Orientierungen und Verhaltensweisen unterschlägt.
3.1 Konstruktion von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ im Ge-
schlechterverhältnis
In diesem Kapitel soll aufgezeigt werden, dass Geschlecht mehr als nur einen anato- mischen Unterschied meint. Vielmehr umfasst Geschlecht verschiedene Bedeutun- gen auf unterschiedlichen Ebenen. Eine zentrale Annahme in einem sozialkonstruk- tivistischen Ansatz ist nach BILDEN (1991), „dass wir unsere Wirklichkeit andau- ernd in sozialen Praktiken produzieren. … Mit sozialen Praktiken sind symbolische Interaktionen und gegenständliche Tätigkeiten in ihrer Verstärkung gemeint“ (S. 280, Herv. i. Org.). Hier wird in Anlehnung an diskurstheoretische Ansätze davon ausge-
Geschlecht als soziale Kategorie
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gangen, dass Bedeutungen durch sprachliche Konstrukte und Diskurse produziert werden. Geschlecht wird dabei durchgängig als eine Kategorie sozialer Strukturen bzw. als ein duales System von Symbolisierungen verstanden. Wie noch zu zeigen sein wird, können diese Bedeutungen in Interaktion ausgehandelt werden, dies je- doch in Abhängigkeit von Macht und materiellen Ressourcen (BILDEN 1991).
Das Geschlecht ist in der sozialkonstruktivistischen Theorie keine Eigenschaft von Menschen, keine Rolle oder etwas, was man innehat, sondern etwas, was man ein Leben lang in Interaktionen mit anderen herstellt. Allein die Tatsache ein Geschlecht zu haben genügt nicht, vielmehr muss die Geschlechtszugehörigkeit nach außen dar- gestellt werden. Die Art und Weise, wie man Männlichkeit bzw. Weiblichkeit kon- struiert, also sein Geschlecht darstellt, wird auch als „doing gender“ beschrieben. Dies sind Prozesse der Vergesellschaftung, die produktiv und reproduktiv sowohl auf der symbolischen Ebene wie auf der sozialstrukturellen Ebene ablaufen. Das kultu- relle Symbolsystem (Sprache, Bilder, Metaphern, Symbole) ist mit Polaritäten durch- setzt, die Weiblichkeit und Männlichkeit zugeordnet werden.
In der von HAGEMANN-WHITE (1984) entwickelten Theorie des „symbolischen Systems der Zweigeschlechtlichkeit“ wird weiterhin davon ausgegangen, dass Zwei- geschlechtlichkeit selbst sozial konstruiert ist und die Kategorien „Mann“ und „Frau“ selbst Symbole in einem sozialen Sinnsystem sind. In unserer Gesellschaft herrscht die zweigeschlechtliche Alltagstheorie vor, in welcher, ohne zu hinterfragen, davon ausgegangen wird, dass jeder Mensch nur einem Geschlecht angehören kann. Wie KRÜLL (1992) ausführt, sind jedoch in unserer Gesellschaft Zwischenformen von subjektiv erlebter Geschlechtszugehörigkeit vorhanden, doch gelten diese häufig als abweichend.
Nach biologischen Erkenntnissen, ist es keineswegs selbstverständlich, dass der Mensch naturgegeben entweder als weiblich oder männlich zu klassifizieren ist. Morphologisch existiert ein Kontinuum zwischen weiblicher und männlicher Gestalt, was auch die Genitalien einschließt (HAGEMANN-WHITE 1984; BILDEN 1991).
Geschlecht als soziale Kategorie
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Weitere Aufschlüsse zur kulturellen Setzung der Zweigeschlechtlichkeit haben eth- nologisch-kulturvergleichende Studien gebracht. Es wurde nachgewiesen, dass Kul- turen existieren, in denen es die Möglichkeit mehrerer Geschlechtszugehörigkeiten gibt und in denen man sein Geschlecht wechseln kann, „ohne daß die Genitalien ein Hindernis wären“ (HAGEMANN-WHITE 1984, S. 79).
Unsere Lebenswelt ist jedoch zweigeschlechtlich strukturiert, dies stellt sich gewis- sermaßen als unveränderbare Realität dar, der man sich nicht entziehen kann. Außer- halb dieser Geschlechtskategorisierung gibt es ansonsten keinen Identitätserwerb. Das eigene Handeln und das anderen gegenüber ist stets geschlechtsbezogen. Hier spielen Stereotype, Erwartungen und Überzeugungen eine große Rolle. Nach HAGEMANN-WHITE (1984) wird einem Menschen das Geschlecht nicht zugewie- sen, weil er oder sie entsprechend handelt, sondern das Handeln wird auf der Grund- lage der Geschlechterzuordnung eingeschätzt. Indem sich Individuen als Frauen oder Männer darstellen und von anderen entsprechend wahrgenommen werden, kann ge- sagt werden, dass zwei Geschlechter existieren und nur einem darf man angehören. „Dabei treten natürlich immer wieder auch Ausnahmen, Ungereimtheiten und Brü- che auf – ohne sie wären ja Veränderungen nicht erklärbar“ (FAULSTICH-
WIELAND 1999, S. 62)
In älteren feministischen Konzeptionen wurde die Fremdbestimmung hervorgeho- ben, die Differenzierungen innerhalb der Geschlechter wurden vernachlässigt und Geschlechterunterschiede betont. Es wurde angenommen, dass ein kausaler Zusam- menhang zwischen Sozialisationseinflüssen und der Internalisierung bestimmter Ge- schlechterrollen existiert. Dagegen wird in der neueren feministischen Sozialfor- schung die Eigentätigkeit des Subjekts bei der Aneignung der Geschlechtsidentität in der Interaktion mit mehreren sozialen Umwelten betont. Ein zentraler Punkt der Be- trachtung ist nunmehr der aktive Umgang der betreffenden Subjekte mit Erwartun- gen, die an ihr Geschlecht gerichtet sind.
Geschlecht als soziale Kategorie
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Kritisch am Sozialisationskonzept ist die mit ihm verbundene Frage nach ge- schlechtsspezifischer Sozialisation und die Frage nach Geschlechterunterschieden sowie nach „typischen“ geschlechtsdifferierenden Sozialisationsbedingungen. Ange- sichts der vielfältigen Differenzierungen der Geschlechter stellt sich „die Suche nach den typischen Sozialisationsprozessen und Sozialcharakteren von Männern und Frauen“ (BILDEN 1991, S. 280, Herv. i. Org.) eher als fragwürdig dar. Daher wird die Geschlechtsrollentheorie inzwischen zunehmend als unzureichend kritisiert. Mit ihr wird es kaum möglich, die Komplexität innerhalb der Kategorien Männlichkeit und Weiblichkeit zu erfassen, auch ermöglicht sie nur sehr eingeschränkte Verände- rungsstrategien. Dies ist von Interesse, da in Erklärungen abweichenden Verhaltens von Frauen und Männern häufig auf Rollen- und sozialisationstheoretische Ansätze Bezug genommen wird (vgl. Kap. 5.1; 5.4).
Das Konzept der „Geschlechtsrolle“ missachtet einerseits die Widersprüchlichkeit von Verhaltenserwartungen und andererseits die Vielfalt tatsächlicher Verhaltens- muster. Im Ansatz der Geschlechtsrolle wird Geschlecht als Dualismus begriffen, in dem in jeder Kategorie voneinander unterscheidbare, in der Sozialisation erlernte Rollenmuster für das Verhalten von Männern und Frauen existieren. Hinter dem Begriff Geschlechtsrolle steht das Verhalten, welches normativ vom jeweiligen Ge- schlecht erwartet wird. Dies findet sich dann auch in Geschlechterstereotypen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ wieder:
Dies führt zu eine Fehlinterpretation der sozialen Realität, die Unter- schiede zwischen Männern und Frauen werden übertrieben wahrgenom- men, während man Strukturen anderer Art, wie Rasse, Klasse oder Sexu- alität, vernachlässigt. Es ist bezeichnend, dass man, wenn es um die „Männerrolle“ geht, kaum von schwulen Männern spricht und auch Ras- senaspekte weitgehend unberücksichtigt bleiben. (CONNELL 1999, S. 46)
Daneben beinhaltet auch die Unterscheidung von „sex“ (biologisches Geschlecht) und „gender“ (soziales Geschlecht) nach wie vor die Trennung zwischen einem un- veränderlichen Geschlechtskörper und einer veränderbaren Geschlechtsdarstellung,
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der Geschlechtsrolle. Die dekonstruktivistische Forschung zur Kategorie Geschlecht hat jedoch gezeigt, dass diese Unterscheidung problematisch und die Trennung so nicht aufrechtzuerhalten sei, da auch das, was unter „sex“ gemeinhin verstanden wird, gesellschaftlich konstituiert ist (WALDMANN et. al. 1999).
Die skizzierten theoretischen Probleme der Rollentheorie führten u.a. zur Entwick- lung einer relationalen Analyse von Geschlecht, welche „die Struktur gesellschaftli- cher Verhältnisse berücksichtigt“ (CONNELL 1995, S. 63). Für CONNELL (1995) lässt sich das, was als die „Männerrolle“ bezeichnet wurde, „als das kulturell maß- gebliche, autoritative oder hegemoniale Muster von Männlichkeit“ verstehen (S. 68, Herv. i. Org.). Des Weiteren werden gleichzeitig andere Formen von Männlichkeit produziert beispielsweise „untergeordnete Männlichkeiten“ oder auch „marginali- sierte Formen von Männlichkeit“ (ebd., S. 68f., Herv. i. Org.).
Ebenso kritisiert KERSTEN (1999) die Annahmen von „Geschlechterrollen“ und der Existenz von nur einer männlichen und weiblichen Geschlechtsidentität, die letztlich in eine erkenntnistheoretische Sackgasse führen würden. Als richtungweisend be- zeichnet er Ansätze der englischsprachigen Literatur (u.a. CONNELL 1987, 1995;
MESSERSCHMIDT 1993), die diese Vorstellungen in Frage stellen und Geschlecht
nicht statisch begreifen, sondern dynamisch als interaktive und situative Bewerkstel- ligung (KERSTEN 1999).
In den Annahmen der frühen feministischen Forschung wurde auch unterschlagen, dass diese sich implizit nur auf Frauen bezog, die weiß, privilegiert, westlich und heterosexuell sind. Vernachlässigt wurden ebenso Differenzen zwischen Frauengene- rationen. Frauen haben nicht qua Geschlecht eine geteilte Lebenswirklichkeit. Frau- sein ist keine einheitliche Kategorie, wenngleich eine „einigende Kategorie“ auf Grund geschlechtsbezogener Festlegungen existiert. Angesichts der strukturell be- dingten Widersprüche im weiblichen Lebenszusammenhang liegt das den Frauen Gemeinsame damit eher auf der Ebene der Struktur von Erfahrungen und Erfah-
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rungskontexten anstatt in identischen Eigenschaften des weiblichen Sozialcharakters (BILDEN 1991).
Historisch betrachtet kam es während der Entwicklung der bürgerlich- kapitalistischen Gesellschaft zur Herausbildung des Begriffs der Geschlechtscharak- tere. Frauen und Männer wurden durch die Trennung der Gesellschaft in einen priva- ten und einen öffentlichen Bereich jeweils einem, auf ihre Wesensmerkmale bzw. natürlichen Fähigkeiten passenden, zugewiesen. Durch die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung wurden Frauen „in die Schranken ihrer Natur“ verwiesen, um ihnen einen gleichrangigen Platz in der Kultur vorzuenthalten (OSTERLAND 1992, S. 59; vgl. Kap. 5.2). Die kulturelle Konstruktion der Geschlechterdifferenz, d.h. kulturelle Konstruktionen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ können als das ideologische Fundament des hierarchischen Geschlechterverhältnisses verstanden werden. Bei der Analyse des Geschlechterverhältnisses sind demnach die Prozesse der historisch- kulturellen Konstruktion von Geschlechterdifferenz von besonderer Bedeutung. Da- mit bilden die Geschlechterverhältnisse eine der wichtigsten Strukturen von Gesell- schaften.
Das soziale Geschlecht ist eine Art und Weise, in der soziale Praxis ge- ordnet ist. … Die soziale Praxis ist kreativ und erfinderisch, aber nicht ursprünglich. Sie reagiert auf bestimmte Situationen und entsteht inner- halb fester Strukturen von sozialen Beziehungen. … Praxis, die sich auf diese Strukturen bezieht, besteht nicht aus isolierten Handlungen, son- dern entstand in der Auseinandersetzung von Menschen und Gruppen mit ihrer historischen Situation. (CONNELL 1999, S. 92)
Einem bestimmten Geschlecht anzugehören bedeutet auch, dass damit bestimmte soziale Chancen zugewiesen werden. Dieser Aspekt führt dazu, dass das Geschlecht als soziale Strukturkategorie verstanden werden kann, die auf kulturellen Konstrukti- onen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“, „Frau“ und „Mann“ aufbaut und mit anderen sozialen Strukturkategorien wie „Klasse, Ethnie, Nationalität und globalen Positionskämpfen“ interagiert (CONNELL 1995, S. 67). „Einem bestimmten Ge- schlecht zuzugehören heißt, einen bestimmten sozialen Ort zugewiesen zu bekom-
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men: oben/unten, in der Familie/in der Außenwelt, in der Genealogie, in der Arbeits- verteilung und in den kultisch-religiösen Räumen“ (BECKER-SCHMIDT 1999, S. 195).
Unabhängig von weiteren Strukturkategorien unterliegen alle Frauen diesem Unter- drückungszusammenhang. Frauen und Männer werden in gesellschaftlichen, ökono- mischen und zwischenmenschlichen Verhältnissen unterschiedlich hierarchisch posi- tioniert. Somit kann von einem hierarchisch strukturierten Geschlechterverhältnis gesprochen werden. Der Dualismus zwischen den Geschlechtern wird durch die wechselseitigen geschlechtstypischen Verhaltenserwartungen sowie durch unsere Selbstdarstellungen als Frauen und Männer aufrechterhalten und ständig neu repro- duziert, wodurch die Geschlechterhierarchie erhalten bleibt.
Die Basis der strukturellen Unterdrückung von Frauen liegt in der geschlechtspezifi- schen Arbeitsteilung und in der Aufrechterhaltung des asymmetrischen Geschlech- terverhältnisses. Das Theorem der doppelten Vergesellschaftung von Frauen (BECKER-SCHMIDT) verdeutlicht, dass „weibliche Sozialisation“ als doppelte So- zialisation zu betrachten sei. Frauen werden für den privaten, häuslichen Arbeitsbe- reich und für die Erwerbsphäre sozialisiert und sind in der Regel auch in beiden Be- reichen tätig. Der weibliche Lebensbereich ist durch gesellschaftliche Widersprüche geprägt. Frauen müssen subjektiv das vereinbaren, was objektiv unvereinbar scheint (OSTERLAND 1992). Durch diese strukturell angelegten Widersprüche sind Frauen durchgängiger als Männer gezwungen, mit Ambivalenzkonflikten umzugehen. Frau- en sehen sich damit konfrontiert, die Arbeit im „Privaten“, als Mutter und Hausfrau zu leisten und gleichzeitig fleißig, flexibel und mobil in der Erwerbsarbeit zu sein. Dies kann zu Double-Bind-Situationen führen, d.h. Frauen werden als unweiblich diskriminiert, wenn sie im Beruf „ihren Mann stehen“ und verhalten sie sich dagegen im Rahmen des „weiblichen Rollenverhaltens“, sind ihnen berufliche Chancen ver- wehrt (OSTERLAND 1992).
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Nicht nur Frauen, sondern auch Männer unterliegen Prozessen der Deklassierung und Benachteiligung, diese sind jedoch eher an sozialstrukturelle Kategorien wie Klasse und Ethnie gebunden und weniger an ihre Geschlechtszugehörigkeit (KNAPP 1990). An die Stelle eines Modells, welches die Eigentätigkeit der Subjekte und die Diffe- renzen innerhalb einer Geschlechtergruppe unterschlägt sowie einseitig Frauen als Unterdrückte, Männer als Unterdrücker begreift, tritt ein Entwurf, welcher neben Machtrelationen auch die Unterschiede im männlichen Lebenszusammenhang be- rücksichtigt. Das von CONNELL, CARRAGAN und LEE (1985) entworfene Modell der „hegemonialen Männlichkeit“ stellt sich demnach gegen eine enge Sichtweise des Geschlechterverhältnisses, welche „voll von Widersprüchen und Brüchen“ (BILDEN 1991, S. 293) sei. In ihren Ausführungen zur geschlechtsspezifischen So- zialisation lobt BILDEN (1991) das theoretische Konzept von CONNELL et al. (1985):
Besser als mit dem Geschlechtsrollenkonzept kann mit dem Ansatz die wechselseitige Verschränkung von Männlichkeit und Weiblichkeit als gesellschaftlicher Prozess statt als Gegebenheit verstanden werden. Han- deln, Interaktionen, objektivierende Tätigkeit von Frauen und Männern, Mädchen und Jungen sind konstitutiver Teil soziokultureller Praktiken. In diesen Praktiken werden gleichzeitig Männlichkeiten und Weiblich- keiten produziert und modifiziert und männliche und weibliche Subjekte (Individuen) gebildet. (BILDEN 1991, S. 293)
CONNELL (1999) weist bereits mit dem Terminus der „hegemonialen Männlich-
keit“ darauf hin, dass die Vielfalt unterschiedlicher Männlichkeitsentwürfe, die sich neben Pluralisierungs- und Individualisierungsprozessen durch Schicht/Klasse, Alter, Ethnie, sexuelle Orientierung und Geschlecht ergibt, zu beachten sei. Hegemoniale Männlichkeit meint die Auseinandersetzung zwischen Männlichkeiten um gesell- schaftliche Vormachtstellung. Demnach stellt das Konzept der „hegemonialen Männ- lichkeit“ einen Versuch dar,
Machtanwendung und -unterworfenheit entlang der Kategorien Schicht/Klasse (Status/soziale Herkunft), Geschlecht, Alter, Ethnie (Min- derheits-/Mehrheitskultur) zu bestimmen. …
Arbeit zitieren:
Christine Töltsch, 2002, Aggression und Gewalt unter geschlechtsspezifischem Aspekt, München, GRIN Verlag GmbH
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