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Der Bismarck-Mythos in der politischen Kultur des wilhelminischen Kaiserreichs

Die kultische Verehrung des „Reichsgründers“ durch die Parteien und Verbände des nationalen Lagers 1890-1914
Examensarbeit,  2002, 113 Seiten
Preis: 34,90 EUR (E-Book), 59,90 EUR (Buch)
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Details zum Text

Beschreibung

Archivnummer:
V25818
ISBN (E-Book):
978-3-638-28338-0
ISBN (Buch):
978-3-638-70221-8
DOI:
10.3239/9783638283380
Dateigröße:
1993 KB

Kategorie:
Examensarbeit
Jahr:
2002
Seiten:
113
Note:
1,0
Sprache:
Deutsch

Anmerkungen :
Die Arbeit behandelt die kultische Verehrung des "Reichsgründers" Bismarck im wilhelminischen Kaiserreich vorrangig durch die Parteien, Vereine und Verbände des nationalen Lagers. Im Mittelpunkt steht die Politisierung des Kultes in Denkmalsbau und Festen, d.h. die Ausrichtung von Rhetorik und Symbolik auf die Opposition gegen die Politik des "Neuen Kurses" und den Kampf gegen die "inneren Reichsfeinde".
Schlagworte:

Zusammenfassung / Abstract

Die Arbeit behandelt die kultische Verehrung des "Reichsgründers" Bismarck im wilhelminischen Kaiserreich vorrangig durch die Parteien, Vereine und Verbände des nationalen Lagers. Im Mittelpunkt steht die Politisierung des Kultes in Denkmalsbau und Festen, d.h. die Ausrichtung von Rhetorik und Symbolik auf die Opposition gegen die Politik des "Neuen Kurses" und den Kampf gegen die "inneren Reichsfeinde".

Textauszug (computergeneriert)

Universität Bielefeld
Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie
Abteilung Geschichte

Schriftliche Hausarbeit 
vorgelegt im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt für
die Sekundarstufe II in Geschichte

Der Bismarck- Mythos in der politischen Kultur 
des wilhelminischen Kaiserreichs

Die kultische Verehrung des „Reichsgründers“ durch die Parteien 
und Verbände des nationalen Lagers 1890-1914.

von

Thomas Gräfe

Mai 2002

 

Inhaltsverzeichnis


Tabellenverzeichnis ii
Abkürzungen iii

I. Bismarck- Mythos, Bismarck- Kult und "Bismärcker" 1

II. Bismarck- Verehrung und politische Kultur 7
a) Begriffsdefinitionen und Erkenntnisinteresse 7
b) Quellen und Untersuchungszeitraum 11

III. Anfänge und Ausbreitung des Bismarck- Kultes 1890- 1898 12
a) Die "nationale Opposition" und die "Bismarckfonde" gegen den "Neuen Kurs" 15
b) Huldigungsfahrten 20

IV. Die Bewegung zum Bau von Bismarck- Türmen und -Säulen 24
a) Typen von Bismarck- Denkmälern und die Tendenz zur Monumentalisierung 24
b) Der Aufruf der deutschen Studentenschaft zum Bau von Bismarck- Säulen 1898/99 27
c) Initiatoren und Träger von Bismarck- Turm und -Säulenprojekten und ihre Motive 30
d) Die Verbreitung von Bismarck- Türmen und -Säulen und politische Widerstände  40

V. "Nach Canossa gehen wir nicht!": Bismarck- Kult und Kulturkampfagitation 46

VI. "Die Wacht an Weichsel und Warthe": Der Bismarck- Kult des Ostmarkenvereins 61

VII. Bismarck- Kult und völkischer Nationalismus 71
a) Der Alldeutsche Verband und andere völkische Gruppen 71
b) Die österreichischen Deutschnationalen 82

VIII. Fazit 89

IX. Abbildungen und Anhang 96

X. Quellen- und Literaturverzeichnis 100

Tabellenverzeichnis
Tab.1 Bismarck- Türme und -Säulen in den preußischen Provinzen (Stand 1914) 40
Tab.2 Bismarck- Türme und -Säulen außerhalb Preußens (Stand 1914) 41
Tab.3 Bismarck- Türme und -Säulen in den bayrischen Regierungsbezirken 44

Anhang

 

I. Bismarck- Mythos, Bismarck- Kult und „Bismärcker“

„Laß nicht den Bismarck sterben in Dir!
Gib es nicht her das errung’ne Panier,
Laß in Vergessens Erbärmlichkeit
Nicht versinken die heilige Zeit (...)
In Deiner Seele, die sich erhebt,
Steht er Dir auf, kommt wieder und lebt,
Kommt und ist da,
Allgegenwärtig und nah,
Deutschland, Dein Bismarck, er lebt!“
1

Ernst von Wildenbruch, Unser Bismarck, 1898.

Bismarck blieb in der kollektiven Erinnerung der Deutschen länger und intensiver präsent als alle anderen Politiker des 19. Jahrhunderts. Generationen von Historikern bemühten sich um eine Deutung seiner Persönlichkeit und Politik.2 Diese Arbeit beabsichtigt nicht, eine weitere Studie hinzuzufügen, sondern sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, „Bismarcks zweites Leben“, seine Existenz als Gegenstand einer kultischen Verehrung, die zum integralen Bestandteil der politischen Kultur des wilhelminischen Kaiserreichs wurde, nachzuvollziehen.3

Sieht man Zeitungs- oder Zeitschriftenberichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts durch, in denen über Bismarck und die Verehrung seiner Person berichtet wurde, stößt man auf drei grundlegende Feststellungen. Bismarck sei im öffentlichen Bewusstsein zu einer Mythengestalt gewachsen (Bismarck- Mythos), es existiere ein Bismarck- Kult und unterschiedliche Gruppen sogenannter „Bismärcker“ (d.h. Bismarck- Verehrer) hätten sich die Förderung des Kultes um ihr Idol zu eigen gemacht. Unter dem Begriff Bismarck- Mythos lässt sich die Zuschreibung übermenschlicher Leistungen und außeralltäglicher Qualitäten auf Bismarck subsumieren. Durch sie wurde der „Eiserne Kanzler“ bereits zu Lebzeiten in den Rang einer ahistorischen Identifikationsfigur erhoben. Die Charakterisierung und, nach seinem Tod, die Erinnerung an Person und Politik Bismarcks wurde häufig aus der konkreten historischen Situation herausgelöst. Bismarcks Vermächtnis glaubte man nur würdigen zu können, wenn man es in Beziehung zu anderen mythischen (z.B. Siegfried, Hagen) und historischen Gestalten (z.B. Arminius, Luther, Goethe) setzte, oder es mit politischen Forderungen verknüpfte, in deren Erfüllung man die Fortsetzung Bismarckscher Politik erblickte.4 Zu finden ist die Mythisierung Bismarcks nicht nur in unzähligen Biographien und anderen Schriften über Person und Politik des „Reichsgründers“, sondern in einem sehr breiten Spektrum von Quellen. In Zeitschriften- und Zeitungsberichten, Gedichten, Liedern und Festreden wurde der Bismarck- Mythos weit über die Leserschaft von Biographien und anderer geschichtswissenschaftlicher Literatur hinausgetragen. Drei Beispiele aus der Fülle des Materials sollen einen ersten Eindruck von der Erhebung der historischen Persönlichkeit Bismarcks zur mythischen Figur geben: In seiner Rede auf einem Berliner Festkommers anlässlich Bismarcks 80. Geburtstages stellte Otto Pfleiderer, der Rektor der Friedrich- Wilhelm Universität, den „Reichsgründer“ in eine Linie mit Siegfried, Arminius und Barbarossa und zog folgendes Fazit:


„An ihnen hat sich das Volk begeistert, sie sind ein Einigungsband geworden für die sonst auseinanderstrebenden Geister. Ich preise es als ein schönes Geschenk der Vorsehung, dass sie uns in Bismarck einen Mann gegeben hat, der dies Einigungsband um alle deutschen Stämme geschlungen hat.“5

Die Berliner Nationalzeitung bediente sich anlässlich Bismarcks Tod ebenfalls der germanischen Mythologie zur Charakterisierung des Verstorbenen und verglich ihn mit dem germanischen Gott Thor. Die Schlussfolgerung lautete, dass Bismarck in der mythenbildenden Phantasie der Nachwelt zu einer neuen Verkörperung der „germanischen Urkraft“ heranwachsen werde.6 Mit der Distanz von 17 Jahren zu Bismarcks Tod glaubte der Schriftsteller Bruno Garlepp in einer neuen Auflage seines Monumentalwerkes über den 80. Geburtstag des „Eisernen Kanzlers“ sagen zu können, dass sein Idol mittlerweile in übermenschliche Sphären entrückt sei: „Je weiter wir uns zeitlich von den Jahren seines Wandelns unter uns entfernen, desto mehr erscheint es dem staunenden Schilderer seiner Taten, als habe ein Halbgott unter uns gelebt.“7 Die zunehmende Tendenz zur heroischen Entrückung hinderte die Bismarck- Verehrer allerdings nicht daran, ihr Idol gleichzeitig zu verbürgerlichen. Bismarck wurde in Literatur und Festreden auch als liebender Familienvater, gläubiger Christ und politischer Ratgeber gefeiert.8

Es kann kaum verwundern, dass bereits im Kaiserreich selbst viele Kritiker die Bismarck- Verehrung unter den Rubriken „Personenkult“ und „patriotischer Kitsch“verbuchten. So führte der Soziologe Max Weber den Bismarck- Kult im wilhelminischen Kaiserreich auf die obrigkeitsstaatliche Hinterlassenschaft der Bismarckära zurück, die insbesondere auf das Bürgertum abgefärbt habe.


„Er (Bismarck T.G.) hinterließ eine Nation ohne alle und jede politische Erziehung, tief unter dem Niveau, welches sie in dieser Hinsicht zwanzig Jahre vorher bereits erreicht hatte. Und vor allem eine Nation ohne allen und jeden politischen Willen, gewöhnt, dass der große Staatsmann an ihrer Spitze für sie die Politik schon besorgen werde.“9

Zutreffend ist, dass sich in der Mythisierung Bismarcks das Vertrauen in die historische und politische Wirkungsmacht eines autoritären und dennoch volksnahen Führers, eines charismatischen Herrschers (Weber), spiegelt. Auf „Bismarckliteratur für den Weihnachtstisch des Spießbürgers“ und „eine völlig unpolitische Art der Heldenverehrung“10 beschränkte sich der Bismarck- Mythos aber keineswegs.

[....]


1 Karl Leopold Mayer (Hg.), Bismarck in deutscher Dichtung, Berlin 1914, S. 219f.
2 Einen Überblick über Bismarckbiographien von den 1870er bis in die späten 1990er Jahre liefern: Karina Urbach, Between Saviour and Villain. 100 Years of Bismarck Biographies, in: The Historical Journal 41 (1998), S. 1141- 1160; Hans Fenske, Das Bismarckbild der Deutschen, in: Historische Mitteilungen 13 (2000), S. 94- 141.
3 Bismarck als Gegenstand des kollektiven Gedächtnisses und historisch- politischer Kontroversen: Vgl. Jürgen Kocka, Bismarcks zweites Leben. Sichtweisen seit 1890, in: Marcus Grässner/ Christian Lammert/ Söhnke Schreyer (Hg.), Staat, Nation, Demokratie. Traditionen moderner Gesellschaften. Festschrift für Hans- Jürgen Puhle, Göttingen 2001, S. 53- 59; Christoph Studt, Das Bismarckbild der deutschen Öffentlichkeit 1898- 1998 (Friedrichsruher Beiträge Bd.6), Friedrichsruh 1999; Gerd Fesser, Bismarck und die politische Kultur in Deutschland. Wissenschaftliches Kolloquium in Bad Kissingen vom 27. bis 29. Juli 1998, in: ZfG 46 (1998), S. 1109- 1112; Michael Stürmer, Bismarck- Mythos und Historie, in: APZG B3 (1971), S. 3- 30; Hans- Günter Zmarzlik, Das Bismarckbild der Deutschen gestern und heute, Freiburg 1965.
4 Vgl. Wolfgang Hardtwig, Geschichtsinteresse, Geschichtsbilder und politische Symbole in der Reichsgründungsära und im Kaiserreich, in: Ekkehard Mai/ Stephan Waetzoldt, Kunstverwaltung, Bau- und Denkmal- Politik im Kaiserreich (Kunst, Kultur und Politik im Deutschen Kaiserreich Bd.1), Berlin 1981, S. 67f; Rudolf Parr, „Zwei Seelen wohnen, ach! In meiner Brust“. Strukturen und Funktionen der Mythisierung Bismarcks (1860-1918), München 1992.
5 Karl Wippermann (Hg.), Fürst Bismarcks 80. Geburtstag. Ein Gedenkbuch, München 1895, S. 56.
6 Vgl. Nationalzeitung 31.7.1898.
7 Bruno Garlepp, Bismarck- Denkmal für das deutsche Volk. Jubiläumsausgabe zum 100. Geburtstage des großen Kanzlers, Berlin 1915, S. 500.
8 Diesbezüglich sei auf die unzähligen „Homestories“unter der von spezialisierten Autoren wie Heinrich von Poschiner oder Max Bewer verfassten Bismarck- Literatur verwiesen. Einen Überblick bieten: Arthur Singer, Bismarck in der Literatur, Wien (2.Aufl.) 1912; Neues Bismarck- Jahrbuch 1 (1911), S. 340- 349.
9 Max Weber, Gesammelte politische Schriften, hrsg. von JohannesWinckelmann, Tübingen (2.Aufl.) 1958, S. 307.
10 Ebd.

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