I. Einleitung 1
II. Theoretische Grundlagen. 7
2.1 Das Bild vom anderen Land in der Wissenschaft. 7
2.1.1 Interdisziplinarität und Forschungsgegenstände in der komparatistischen Imagologie7
2.1.2 Konstanz oder Variabilität ? - Stereotype, Vorurteile, Images, Klischees 10
2.1.3 Die Interdependenz von Selbst- und Fremdbild 13
2.1.4 Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität 14
2.2 Englisches Selbstbild und englische Fremdbilder. 16
2.2.1 Englishness - zwischen Empire und Cool Britain’ 16
2.2.2 Amerikabilder - zwischen Verehrung und Ablehnung 19
2.2.3 Deutschlandbilder - zwischen häßlichen Deutschen’ und Wirtschaftswunder. 22
2.3 Relevante narrative Analysekriterien. 27
III. Out of the Shelter 29
3.1 Der „Blitz“ als individuelle und kollektive Traumatisierung. 30
3.2 Abschied und Reise als Vorzeichen der Revidierung nationaler Vorurteile 33
3.3 Die Grenzüberschreitung als Grenzerfahrung - Reaktivierung nationaler Vorurteile. 35
3.4 Semantisierung des Raumes und Kulturvergleich als Möglichkeiten der narrativen
Inszenierung von Selbst- und Fremdbildern 37
3.5 Kontrast- und Korrespondenzrelationen: Die Projektion nationaler Selbst- und
Fremdbilder auf das Personal. 40
3.6 Die Interferenz von nationalem Selbst- und Fremdbild 44
3.7 Zusammenfassung 45
IV. Changing Places: A Tale of Two Campuses. 47
4.1 Das Personal: Figuren als Vertreter ihrer Nationen 48
4.2 Die Bedeutung von Raum- und Zeitdarstellung für den Nationenvergleich. 53
4.3 Die Universitätsthematik als Metonymie für die Gesellschaft 56
4.4 Die Form als zusätzliche Bedeutungsebene: Implizite Orchestrierung von nationalen
Selbst - und Fremdbildern. 57
4.5 Multiperspektivität als Mittel der Kontrastierung von Nationen 60
99
4.6 Explizite Inszenierung der Interferenz zwischen nationalem Selbst- und Fremdbild. 63
4.7 Zusammenfassung 64
V. England, England 66
5.1 Formale Kriterien: Die Darstellung individueller Erlebnisse in Form der
Historiographie 66
5.2 Das Personal - zwischen kritischer Hinterfragung und unreflektiertem Patriotismus 68
5.3 Die explizite Thematisierung von Englishness anhand der The Fifty Quintessences of
Englishness ’ 74
5.4 Dekonstruktion englischer Landschaft, Institutionen und Mythen 76
5.5 „Baby, your tits have dropped“ - die Kommerzialisierung und Personifizierung
Englands 80
5.6 Die Interferenz zwischen nationalem Selbst- und Fremdbild. 83
5.7 Zusammenfassung 86
6. Schlußbetrachtung und Ausblick 88
Literatur 92
Prim ärliteratur. 92
Sekund ärliteratur 92
Fernsehserien , Spielfilme und andere audiovisuelle Medien 98
Zeitungsartikel 98
Internetquellen 98
100
I. Einleitung
Im Herbst 1973 beschwerte sich der deutsche Botschafter in London bei einem Presseempfang inoffiziell über die Masse an alten Kriegsfilmen und die damit verbundene Darstellung der Deutschen im britischen Fernsehen (vgl. Wocker 1976: 3). In Deutschland herrschte zu dieser Zeit eine rege Diskussion über die Wahrnehmung der Bundesrepublik in den britischen Medien. „Die BBC hält sich die Nazis warm“ (zitiert nach Wocker 1976: 5) titelte damals Die Welt. Bemängelt wurde vor allem, daß BBC und ITV neben diesen „Zweckproduktionen der 40er Jahre […], die sich über die Propagandastücke der Nazis kaum merklich erhoben“ (ebd. 1976: 9) auch noch Eigenproduktionen herstellten, die das Dritte Reich zum Thema hatten. In den Nachrichtenredaktionen der Sender hingegen erschienen nur verhältnismäßig wenige Berichte über Westdeutsch-land. Obwohl sich Teile der deutschen Öffentlichkeit schon in den 1970er Jahren über die Darstellung ihrer Nation in den britischen Medien erregten, hat sich bis zum heutigen Tag an der Art der Darstellung nicht viel geändert. Die Häufigkeit, mit der alte Kriegsfilme aus den 1940er Jahren gezeigt werden, dürfte abgenommen haben, die Zahl der Eigenproduktionen, in denen der „häßliche Deutsche“ dargestellt wird oder zumindest Anspielungen auf die NS-Zeit gemacht werden, hat eher zugenommen.
Die Darstellung des Deutschlandbildes in den Printmedien weist ähnliche Tendenzen auf. Auch wenn es sehr wohl differenzierte Berichterstattung gibt, wird auch hier auf Bilder aus der Zeit der kriegerischen Auseinandersetzung der beiden Länder gerne zurückgegriffen. Als die deutsche Wiedervereinigung auf politischer Ebene diskutiert wurde, bediente sich die britische Presse erneut verstärkt einer Metaphorik, die von der Zeit des Zweiten Weltkrieges geprägt war (vgl. Moritz 1998: 56). Dies mag einerseits die Angst der Engländer vor einem Wiedererstarken der Deutschen auf dem Kontinent reflektieren (vielleicht weniger als militärische Hegemonialmacht, sehr wohl aber als Wirtschaftsmacht); andererseits erfreut sich dieses Bild des häßlichen Deutschen auch in trivialeren Zusammenhängen der Alltagskultur gerade in der Boulevardpresse einer besonderen Beliebtheit: Als Beispiel sei hier die Fußball-Europameisterschaft 1996 genannt; anläßlich des Spiels England gegen Deutschland titelte der Daily Mirror „Achtung! Surrender“ (vgl. ohne Autor, 24.6.1996) und konfrontierte seine Leser mit Kampfparolen aus dem Zweiten
1
Weltkrieg (vgl. Moritz 1998: 15). Neben den tabloids bedienen sich aber auch angesehenere Blätter gern des Dritten Reiches als Aufmacher. „[Nazithemen] sind der Pornographieersatz der seriösen Blätter“, schrieb Gina Thomas (1992), die Großbritannienkorrespondentin der FAZ.
Sicherlich sind nicht nur die ‚Krauts’, die Deutschen, beliebte Objekte des Spottes in der britischen Öffentlichkeit - auch die ‚Frogs’, ‚Dagos’ oder ‚Whops’ - also Franzosen, Spanier oder Schwarze werden nicht gerade zimperlich behandelt. Dennoch nehmen die Deutschen in diesem Zusammenhang eine Sonderstellung ein. ‚Krautbashing’ ist fast schon ein Volkssport in Großbritannien (vgl. Krönig 1999: 49). Während das britisch-deutsche Verhältnis, wie demoskopische Untersuchungen zeigen, sich bis in die achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts sowohl auf politischer als auch auf gesellschaftlicher Ebene stabilisiert hatte, weisen Umfrageergebnisse aus dem Jahre 1995 auf eine gestiegene Angst vor einer Renaissance des Nationalsozialismus hin (vgl. ebd. 49).
Neben dem Deutschlandbild ist in der vorliegenden Arbeit auch das englische Amerikabild relevant. Im Vergleich zu dem mit negativen Konnotationen belasteten Bild von Deutschland erscheint dieses jedoch geradezu farblos. Die USA werden häufig als Land des Kommerzes betrachtet; dementsprechend erscheinen die Amerikaner in der Regel als erfolgreiche, manchmal auch zwielichtige Geschäftsleute. Ihnen wird Effizienz und Effektivität nachgesagt, aber auch ein Mangel an ‚hoher’ Kultur. Wenn Amerika im Verhältnis zu Großbritannien betrachtet wird, erscheint es wie der große, mächtige Bruder Gerade in den 1980er Jahren wurde die Unterlegenheit, aber auch eine gewisse Unterwürfigkeit im englischen Fernsehen gerne satirisch überspitzt dargestellt. Ein Beispiel hierfür ist die Fernsehserie Spitting Image. So wird zum Beispiel Margaret Thatcher in dem Sketch „One Man and His Bitch“ als „trusty poodle Maggy“ dargestellt, der sich einem Gehorsamstest unterziehen muß; in einem anderen Sketch schenkt sie Ronald Reagan Großbritannien zu seinem 75. Geburtstag (vgl. Bee 1986: Track 11 und 12). Hier zeigt sich, daß die Kontrastierung mit einem nationalen Fremdbild zur Kritik an der eigenen
Nation genutzt werden kann. 1
1 Die vermutlich häufiger verwandte Variante ist jedoch die Selbsterhöhung der eigenen Nation bei gleichzeitiger Abwertung der Fremden.
2
In der englischen Literatur weist die Darstellung fremder Nationen eine lange Tradition auf: Schon im Drama des 18. Jahrhunderts wurden typenhaft gezeichneten Figuren anderer Nationalität häufig eingesetzt. „Wenn […] ein Autor eine seiner Figuren zum Ausländer machte, hatte er den Charakter der Figur bereits in groben Zügen umrissen.“ (Stanzel 1974: 67) Ein Ausländer war, aufgrund der Vorstellungen, die mit ausländischen Figuren bestimmter Nationalität verbunden waren, schon mit einem feststehenden Merkmalssatz bezüglich seiner Grundeigenschaften charakterisiert (vgl. ebd.). Dies äußerte sich schon allein anhand von sprechenden Namen. Susanna Centlivre nannte in ihrem Drama A Bold Stroke for a Wife (1718) den Franzosen ‚Modelove’, den Holländer ‚Tradelove’, während der Engländer gemäß dem englischen Freiheitsideal den Namen ‚Freeman’ trug; der Charakter einer Figur war somit im wesentlichen auf eine dominante, als nationaltypisch angesehene Eigenschaft beschränkt.
Daß diese stereotype Art der Darstellung von Ausländern sich auch heute noch größter Beliebtheit erfreut, beweist die große Anzahl von Sitcoms, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen. Ein Paradebeispiel für die Darstel-lung von Ausländern stellt die Serie Fawlty Towers 2 (1975-1979) dar, die bereits Kultcharakter aufweist. Da die Handlung der Serie sich in einem Hotel abspielt, mangelt es nicht an Fremdbegegnungen. Eine wichtige Rolle für die Wirkungsweise dieser Sitcom spielt dementsprechend das Auftreten von Figuren verschiedenster Nationalität. Stellvertretend genannt werden sollen der wohlhabende amerikanische Geschäftsmann, „throwing about British ‚Mickey Mouse Money’“ (Viol 1999: 113), die sexbesessenen Französin, die es auf ein Stelldichein mit dem Hotelbesitzer Basil Fawlty anlegt sowie der halb-debile spanische Kellner Manuel.
Insbesondere hinsichtlich nationaler Fremdbilder existieren bei den Rezipienten schon gewisse Erwartungen an die Figuren anderer Nationalität. Diesen kommt in Hinblick auf die spezifische Gattung, also die Form der Fernsehserie, eine besondere Bedeutung zu:
2 Von dieser BBC-Serie existieren 2 Staffeln mit jeweils 6 Folgen. Die erste Staffel wurde ab September 1975 wöchentlich ausgestrahlt, die zweite Staffel ab Februar 1979. Die Serie ist mittlerweile als DVD erhältlich. Das komplette Skript der Serie wurde in Buchform veröffentlicht: Cleese, John und Connie Booth. 1988. The Complete Fawlty Towers. New York: Pantheon Books.
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The physical restraints of the genre - especially the short time limits and the transitoriness of the broadcast - indeed call for characters conforming to patterns of behaviour that are easily recognized and understood. While stereotyping thus guarantees a rapid and successful communication with the audience, it also provides a labour- and thought-saving device for the time-pressed television author. (Viol 1999: 114)
Schon allein aufgrund zeitlicher Restriktionen der Autor nicht die Möglichkeit einer ausführlichen Figurencharakterisierung hat, dient die Stereotypisierung als Mittel der Vereinfachung der Kommunikation zwischen Autor und Rezipienten; es wird auf bekannte Muster zurückgegriffen, die ohne lange Erklärung verstanden werden, auf Vorstellungen, die sich im kollektiven Gedächtnis der Gruppe bzw. der Kulturgemeinschaft, an die sich das Werk richtet, befinden. Stereotypisierung dient also als narrative Strategie, um auf ein Weltwissen der Leser zurückzugreifen.
Grund für die Bekanntheit der Serie dürfte die Folge „The Germans“ sein, die hinsichtlich englischer Vorstellungen vom ‚häßliche Deutschen’ sehr aufschlußreich ist. Das vage Unbehagen über den deutschen Besuch zieht sich durch die gesamte Folge. Um Peinlichkeiten zu vermeiden ermahnt Basil Fawlty das Personal beständig: „Don’t mention the war!“ Trotz allem kulminiert das Geschehen in einer mittlerweile legendären Hitler-Parodie, in der Fawlty - mit dem Zeigefinger unter der Nase den Bart Hitlers imitierend - im Stechschritt durch das Restaurant schreitet. Diese Szene zeigt, wie stark das negative Deutschlandbild im kollektiven Gedächtnis der Engländer verankert ist Obwohl in dieser Arbeit der Roman im Mittelpunkt der Analyse steht, verdeutlichen diese Beispiele, daß die imagologische Untersuchung anderer Gattungen, aber auch intermediale Untersuchungen, hinsichtlich des sich daraus ergebenden immensen Fundus von nationalen Selbst- und Fremdbildern, überaus ergiebig sein dürften. Ansgar Nünning (1995: 192) weist darauf hin, daß „[f]ür die Untersuchung nationaler Selbst- und Fremdbilder nicht nur literarische Werke relevant [sind], sondern auch Bildquellen wie satirische Drucke oder Cartoons.“ Dies kann ergänzt werden durch Formate wie Fernsehserien sowie Fernseh- und Kinofilme.
Die Zeitspanne, in der die zu analysierenden Romane erschienen sind, umfaßt eine Spanne von 28 Jahren. David Lodges Roman Out of the Shelter (1970) bildet den chronologischen Anfangspunkt in der Betrachtung. Relevant sind hier Deutschlandbilder und Amerikabilder. Changing Places (1975), eben-
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falls von Lodge, hat seinen Fokus auf englischen Amerikabildern. Als letzter in der Chronologie steht Julian Barnes’ England, England (1998), welcher sich thematisch eher auf das englische Selbstbild konzentriert. Die Auswahl von Deutschlandbildern und Amerikabildern paßt insofern gut zusammen, als daß beide aufgrund der Alliierten Besatzungszeit in Out of the Shelter vorzufinden sind. Zudem wird das englische Deutschlandbild, wie oben angedeutet, durch die Geschehnisse während und nach dem Zweiten Weltkrieg dominiert. Deutschland- und Amerikabilder stehen somit auch thematisch in einem Zusammenhang. Um Selbst- und Fremdbilder nicht ausschließlich vor einem Kriegshintergrund zu betrachten, wurde zudem mit Changing Places ein Werk ausgewählt, das nicht in Zusammenhang mit der NS-Zeit oder ihrer Folgen steht.
In dieser Untersuchung steht nicht die Frage im Vordergrund, ob sich in
literarischen Texten Vorurteile oder Stereotypen der Autoren niederschlagen, 3 was in früheren Untersuchungen oft Merkmal zur Beurteilung der Qualität ei-nes Werkes war. 4 Unter der Annahme eines neutralen Stereotypenbegriffs (vgl. Kapitel 2.1.2) wird davon ausgegangen, daß die Autoren nationale Stereotype und Images bewußt einsetzen.
Im Blickpunkt steht also die Art und Weise, wie diese Bilder vom anderen Land im Text funktionalisiert und inszeniert werden. Zunächst stellt sich die Frage nach der Form, in der diese im Text - insbesondere auf die Besonderheiten der Gattung Roman bezogen, die als Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit zugrunde liegt - ersichtlich werden. Anhand gewisser relevanter Ka-tegorien der Erzähltextanalyse (vgl. Kapitel 2.3) soll untersucht werden, mit welchen Mitteln nationale Selbst- und Fremdbilder in Romanen inszeniert werden. Um festzustellen, inwiefern der Autor auf überzeitliche nationale Stereotypen zurückgreift, die im kollektiven Gedächtnis einer Nation verankert sind, werden in Kapitel 2.2 gängige Bilder anderer Länder kurz dargestellt, zusammen mit einem Blick auf das gegenwärtige englische Selbstbild. Neben der werkimmanenten Funktion stellt sich auch die Frage nach der außertextuellen Funktion des Bildes vom anderen Land. Auf die jeweiligen
3 O’Sullivan (1989: 59f.) spricht diesbezüglich von der „nicht immer ganz freiwilligen Verwendung von nationalen Stereotypen“.
4 Dies beruhte auf der negativen Bewertung des Stereotypenbegriffs und der Gleichsetzung mit dem Begriff ‚Vorurteil’.
5
Werke bezogen soll die Frage erörtert werden, was der Autor mit stereotypen Darstellungen anderer Nationen, in diesem Fall vorwiegend denen der Deutschen und der Amerikaner, bezwecken will: Setzt er sie affirmativ, mit der Intention der Bestätigung dieser Bilder ein, oder dekonstruiert und revidiert er stereotypisierte Vorstellungen und Vorurteile?
Relevant ist weiterhin die Frage nach der Interferenz nationaler Selbst-und Fremdbilder. Daß zwischen beiden ein Zusammenhang besteht, ist mittlerweile auch in der Wissenschaft anerkannt; Pfister (1977: 253) geht darauf in seinem Kapitel zur Figurencharakterisierung im Drama ein; er betont, daß jede explizite Fremdcharakterisierung zugleich eine implizite Selbstcharakterisierung darstellt. In bezug auf die vorliegende Arbeit stellt sich somit also die Frage, welche Schlüsse man aus der Darstellung der Deutschen und der Amerikaner in Hinblick auf das englische Selbstbild ziehen kann (vgl. Kapitel 2.1.3).
6
II. Theoretische Grundlagen
2.1 Das Bild vom anderen Land in der Wissenschaft
2.1.1 Interdisziplinarität und Forschungsgegenstände in der komparatistischen Imagologie
Die Erforschung der Bilder vom anderen Lande in einer wissenschaftlichen Disziplin wie der Literatur-Komparatistik, die den Vergleich zweier oder mehrerer Werke aus verschiedenen Sprachbereichen zum Gegenstand hat, weist Berührungspunkte mit Forschungsbereichen anderer wissenschaftlicher Disziplinen auf. Die in literarischer Kommunikation wiedergegebenen Bilder können nur schwer von der Alltagswirklichkeit des Landes, in dem sie entstehen, getrennt werden; sie stellen „eine komplizierte Verbindung literarischer und gleicherweise nicht-literarischer Kräfte dar“ (Boerner 1975: 316). Gerade der Anspruch der Interdisziplinarität jedoch hat die Entwicklung der komparatistischen Imagologie, dem Zweig der Komparatistik, der sich mit der Erforschung nationaler Selbst- und Fremdbilder beschäftigt, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend gehemmt.
In den 1950er Jahren ging von Frankreich ein „literatursoziologisch, ideengeschichtlich und völkerpsychologisch ausgerichtetes Programm“ aus, das die Literaturwissenschaft zu einem „integrierten Bestandteil der Humanwissenschaften“ (Fischer 1987: 59f.) machen sollte. Dieser Ansatz wurde jedoch von René Wellek scharf kritisiert. Damit löste er eine Krise in der Komparatistik aus, die letztlich dazu führte, daß die Forschungsansätze in diesem Wissenschaftsbereich zunächst zu einem Stillstand kamen (vgl. Dyserinck 1988: 17). Wellek sprach sich gegen die „überhandnehmende Berücksichtigung nichtliterarischer Elemente innerhalb der Literaturwissenschaft“ (Boerner 1975: 314) sowie gegen die sich damals abzeichnenden Intentionen, die Komparatistik in eine neue Wissenschaft, die „vergleichende Völkerpsychologie“ (psychologie comparée des peuples), einmünden zu lassen (vgl. Fischer 1987: 59 f.), aus. Da Wellek in der Literaturwissenschaft eine immense Autorität besaß, bewirkten seine „Bannsprüche“ (Fischer 1987: 59) tatsächlich das vorläu-
7
fige ‚Aus’ für die weitere Entwicklung der komparatistischen Imagologie als Forschungsdisziplin.
Einzig der belgische Komparatist Hugo von Dyserinck machte innerhalb des folgenden Jahrzehntes den Versuch, die komparatistische Imagologie als legitime wissenschaftliche Disziplin herauszustellen (vgl. Boerner 1975: 314). Zwar kritisierte Dyserinck die fehlende theoretische und methodologische Untermauerung der komparatistischen Imagologie durch die französische Komparatistenschule als Kapitulation vor der „politischen Dimension und Reichweite des Faches“ (Dyserick 1988:17); er verteidigte jedoch deren Berechtigung und postulierte sogar die Notwendigkeit derselben als wissenschaftlicher Disziplin (vgl. ebd.: 20). Während sich Wellek strikt für eine werkimmanente Betrachtung von Literatur aussprach, betonte Dyserick in seinem gleichnamigen Artikel die „politische Tragweite einer europäischen Wissenschaft von der Literatur“ - er plädierte für den Beitrag der Literaturwissen-schaft zur Völkerverständigung. 5
Gerade deutsche Wissenschaftler haben sich im Sinne der Ideologie des NS-Systems mit dem ‚Wesen’ anderer Völker auseinandergesetzt (vgl. Moritz 1998: 66). Die Erforschung des Bildes vom anderen Land in einer Disziplin namens Völkerpsychologie zu erforschen trug zudem dazu bei, daß viele Wissenschaftler einer solchen Forschungsrichtung ablehnend gegenüberstanden: Dyserick (1988: 21) betont jedoch,
daß es bei der Imagologie sogar um ein Verfahren [geht], das den genauen Gegenpol zu den Verirrungen einer an ‚Volksseelen’, ‚Nationalcharakteren’ und dergleichen glaubenden und von der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts schließlich zurecht ins Reich der Ideologie verwiesenen sogenannten ‚Völkerpsychologie’ darstellt.
Praktisch heißt das, daß man die Existenz nationaler Eigenheiten zwar einräumt, diese jedoch nicht auf genetischer, sondern auf kultureller Vorprägung beruhen. „Es gibt lediglich nationale Charakteristika, die aufgrund wirtschaftlicher und organisatorischer Gegebenheiten unterscheidbar werden können und keine psychologischen Ursachen haben, wohl aber kollektivpsychologische
Wirkung zeitigen können.“ (Fischer 1987, 57) 6 Aber auch wenn Vorbehalte dieser Art durch die Negierung der Existenz eines gewissermaßen genetisch verankerten Nationalcharakters entkräftet
5 vgl. auch Bleicher 1980: 12.
6 vgl. hierzu Kapitel 2.1.4
8
werden, divergieren hinsichtlich des Forschungsbereiches die Meinungen. Manche Forscher, so zum Beispiel Peter Boerner (1975: 315), sind der Ansicht, „daß die Bilder anderer Länder nicht nur textexegetische Bedeutung haben, sondern verdienen, um ihrer selbst willen behandelt zu werden.“ Andere, wie Manfred S. Fischer (1979: 30f.) sprechen sich zwar für die Zusammenarbeit benachbarter Wissenschaftsdisziplinen aus, fordern aber stets eine „Rückkopplung der Ergebnisse zum literarischen Bereich“ (ebd. 1987:67). Fischer prägte die Metapher der „komparatistischen Imagologie am Scheideweg“: Einer der Wege führe zu den „reizvollen Gestaden der Mentalitätsgeschichte, der Kulturwissenschaft, der Kulturanthropologie“, der andere bedeute das Verharren auf dem „Heimatboden“ der Literaturwissenschaft (ebd. 1987: 66). Ansgar Nünning (1995: 180) spricht sich hingegen dafür aus, in einer anglistischen Kulturwissenschaft „neben Texten auch Sinnkonstruktionen, Vorstellungen, Ideen und Werte“ zu berücksichtigen, betont jedoch, daß die Zielsetzungen und Methoden der Kulturwissenschaft nicht mit denen der Mentalitätsgeschichte identisch seien (ebd. 1995: 184). Eine mentalitätsgeschichtlich orientierte interdisziplinäre Ausprägung der Untersuchung des Bildes vom anderen Land wird heute nicht mehr prinzipiell abgelehnt; sie „ist aber nur sinnvoll, wenn sich die Komparatisten auf ihre lit[eratur]wissenschaftlichen Kompetenzen besinnen“ (Schwarze 2001: 276).
Der permanente Rechtfertigungsdruck der komparatistischen Imagologie scheint sich mit der wachsenden Bedeutung der Globalisierung und der damit in gesteigertem Maße notwendig gewordenen interkulturellen Kommunikation und der damit verbundenen zunehmenden Bedeutung des Fremdverstehens abgeschwächt zu haben. „Die Annäherung von Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft“, welche „sich in erster Linie als eine Öffnung und Erweiterung der Wissenschaft von Sprache und Literatur gegenüber den kulturwissenschaftlichen Nachbardisziplinen [vollzieht]“ ( Voßkamp 2003: 73), dürfte dazu beitragen, daß sich die Forschung des Bildes vom anderen Lande im Rahmen einer literaturwissenschaftlich orientierten Kulturwissenschaft etablieren wird.
Wissenschaftliche Disziplinen, deren Forschungsbereiche sich mit denen der komparatistischen Imagologie überschneiden, sind vor allem die Ste-reotypenforschung, und die Vorurteilsforschung, die mittlerweile in beinahe al-
9
len Humanwissenschaften betrieben wird (vgl. Schwarze 2001: 275) sowie die noch junge Forschungsrichtung der Xenologie, der interkulturell und interdisziplinär ausgerichteten Fremdheitsforschung (vgl. Wierlacher/Albrecht 2003: 280f.).
Als Forschungsaufgaben der komparatistischen Imagologie nennt Fischer (1987: 56) die „Untersuchung nationenbezogener Auto- und Hetero-Images in der Literatur selbst und in allen Bereichen der Literaturwissenschaft und -kritik.“ Weiterhin sollen „Genese und Wirkung dieser Images im literarischen und […] im extraliterarischen Bereich“ erforscht werden (vgl. ebd.: 56). Der Wahrheitsgehalt solcher Bilder (der ohnehin schwer nachzuweisen ist) nimmt bei der Untersuchung dieser Auto- und Heteroimages keine Bedeutung ein (vgl. Fischer 1987: 56). Es geht darum, „das Wie und Warum seines Funktionierens im Rahmen literarischer und transliterarischer Kommunikationsprozesse und Bedingungen“ (ebd. 1987: 56f.) zu untersuchen. Gerade hinsichtlich der Ähnlichkeit des Begriffes ‚Selbstbild’ zu dem Begriff Stereotyp auf nationaler Ebene stellt sich nicht die Frage ob Stereotypisierungen in einem Text vorkommen (bei einer Voraussetzung eines neutralen Stereotypenbegriffs ist dies zwangsläufig der Fall), sondern vor allem, welche Funktion diese Stereotypen und Bilder haben. O’Sullivan (1989: 7) spricht in diesem Zusammenhang von dem „ästhetischen Potential“ nationaler Stereotypen.
2.1.2 Konstanz oder Variabilität ? - Stereotype, Vorurteile, Images, Klischees
Die Abgrenzung zwischen zentralen Begriffen der Terminologie, die bei der Erforschung des Bildes vom anderen Lande im Vordergrund steht, ist häufig unzureichend. Probleme bereiten hier insbesondere die Begriffe ‚Stereotyp’, ‚Vorurteil’, ‚Image’ und ‚Klischee’, die in der Literaturwissenschaft oft synonym verwendet werden (vgl. O’Sullivan 1989: 23). Während der Begriff ‚Kli-
schee’ überwiegend sprachliche Phänomene 7 bezeichnet und sich somit deutlich von den anderen abgrenzen läßt, bedarf es hinsichtlich der drei anderen Begriffe einer näheren Erklärung:
7 Vgl. Zijderfeld 1987:28.
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Der Begriff ‚Stereotyp’ wurde geprägt von dem Journalisten Walter Lippmann. Grundlage hierfür bildet sein einflußreiches Buch Public Opinion (1922), das „die von den Massenmedien konstruierten Bilder für die öffentliche Meinung“ (A. Nünning 2001: 602) behandelt. Der Begriff selbst stammt aus dem Druckwesen und bedeutet „mit feststehenden Typen gedruckt“ (ebd.). Auch wenn der Begriff meist pejorative Konnotationen ausweist, wird er in der Stereotypenforschung mittlerweile auch unter neutralen Gesichtspunkten betrachtet (vgl. O’Sullivan 20). Stereotype sind „eine Art schematischer Denk-und Wahrnehmungshilfen“ (ebd.: 17) - sie stellen eine „(zumeist unbewußte) kognitive Strategie der selektiven Wahrnehmung und Komplexitätsreduktion“ (A. Nünning 2001: 602) dar. Dies ist notwendig, „da wir weder Zeit noch Gelegenheit haben, uns intensiv mit Details aus anderen Teilen der Welt ausein-anderzusetzen“ (Kleinsteuber 1991: 62). Neben dieser Form der Bildung von Heterostereotypen, also Vorstellungen, die gesellschaftliche Gruppen oder Nationen von anderen Gruppen (oder Nationen) haben, sind auch die Autostereotype, als die Selbstbilder dieser Gruppen von Bedeutung (vgl. auch Kapitel 2.1.3). „Auch neuere Forschungsergebnisse unterstreichen, daß Stereotype sich durch Konstanz und Universalität auszeichnen. Sie sind schwer beeinflußbar und veränderbar und durchziehen alle Lebens- und Themenbereiche“ (Klein-
steuber 1991: 63). 8
Nationenbezogene ‚Images’ verweisen „auf eine mit Historizität belegte, strukturierte Gesamtheit von Einzel- und Kollektivaussagen, auf ein äußerst komplexes Zusammenwirken von Vorstellungen über Andersnationales“ (Fischer 1987: 57).
Das Bild oder Image eines Landes in der Literatur kann […] u.a. durch Stereotype bestimmt sein, zum Bild oder Image können aber darüberhinaus auch lediglich individuell gültige Zuschreibungen und Erkenntnisse von einzelnen Autoren gehören und/oder Elemente, die nur zu einer bestimmten Zeit Gültigkeit hatten. (O’Sullivan 1989: 43)
Images zeichnen sich - ebenso wie Stereotype - zumindest punktuell durch einen Realitätsbezug aus. Wie O’Sullivan betont, ist das Image ein weiter gefaßtes Konzept als der Stereotyp; aus (individuellen) Images, wenn diese trotz hi- 8 DieLanglebigkeit literarischer Stereotype wird auch in Günther Blaichers Monographie Das Deutschlandbild in der englischen Literatur (1992) ersichtlich, in der er unter anderem die Entwicklung überzeitlicher Deutschlandstereotype in der englischen Literatur darstellt (13f.). In dieser Arbeit werden diese in Kapitel 2.2.3 vorgestellt.
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storischer Veränderung über einen langen Zeitraum konstant geblieben sind, können jedoch auch Stereotype werden (vgl. Bleicher 1980: 15). Im Unterschied zu Stereotypen sind Images variabel und veränderbar (vgl. Kleinsteuber 1991: 63). Dies wird dadurch verdeutlicht, daß die Wurzeln des Begriffs ‚Image’ im Bereich der Werbepsychologie und der Public Relations zu suchen sind (vgl. ebd. 1991: 64). Ähnlich wie bei den Stereotypen unterscheidet man zwischen Auto-Image (Selbstbild) und Hetero-Image (Fremdbild). Vorurteile sind oft unmittelbar mit sozialpsychologischen Faktoren wie Frustration, Haß, Aggression, ungelöster Sexualität verbunden (vgl. Kleinsteuber 1991: 66); das Vorurteil „immunisiert gegen die Realität“, indem es „bestimmten Bevölkerungsgruppen spezifische Eigenschaften zuspricht, die mit der Wirklichkeit nichts mehr gemein haben, ja sie verdrehen müssen“ (ebd.: 65). O’Sullivan (1989: 22) sieht den Unterschied zwischen Stereotyp und Vorurteil darin,
daß letzteres viel weiter gefaßt ist und affektive und konative Komponenten einschließt, während das Stereotyp heute als eine eher kognitive Entität gesehen wird, die auf eine von der Vorurteilsforschung überlagerte Vergangenheit zurückblicken kann. 9
Sie ist weiterhin der Überzeugung, daß das Vorurteil eine persönlichkeitsbezogene Kategorie ist, die zwar in Literatur thematisiert werden kann, aber nicht Bestandteil des Textes ist (vgl. ebd.: 25).
Die Unterscheidung dieser Begriffe ist in sofern von Bedeutung, als daß der Begriff Stereotyp (wohl auch durch die Gleichsetzung mit dem Begriff ‚Vorurteil’) lange Zeit negative Konnotationen mit sich brachte und in der Literatur als ästhetischer Mangel eines Werkes gesehen wurde. Mittlerweile geht man davon aus, daß Stereotype in der Literatur bewußt verwendet werden (vgl. O’Sullivan 1989: 26) und eine ästhetische Funktion übernehmen. Das Vorurteil zeichnet sich durch einen fehlenden Realitätsbezug aus, während sich bei Stereotypen und Images in der Regel ein gewisser Realitätsbezug feststellen läßt. Prinzipiell ist in dieser Arbeit die Rede von Fremd- und Selbstbildern; nur wenn eindeutig erkennbar ist, daß es sich bei geschilderten Phänomen tatsächlich um nationale Auto- und Heterostereotypen handelt, also Phänomene, die sich im britischen kollektiven Gedächtnis manifestiert haben (was bei einer Analyse der englischen Literatur durch einen Deutschen aus der Außenper- 9 ZumVerhältnis der Stereotypenforschung zur Vorurteilsforschung vgl. Six 1989: 50f.
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spektive nicht immer eindeutig zu beantworten sein könnte), werden diese im Text auch so bezeichnet.
2.1.3 Die Interdependenz von Selbst- und Fremdbild
Neben der Abgrenzung verschiedener Begriffe aus Zwecken der terminologischen Präzision muß auch auf den Zusammenhang zwischen (nationalem) Selbst- und Fremdbild eingegangen werden. Uffe Østergård (1991: 145) bringt beschreibt dies kurz und bündig: „Wenn man über andere spricht, spricht man in Wirklichkeit nur über sich selbst“. Diese Erkenntnis, die in der Sozialpsychologie allgemein anerkannt ist (vgl. Six 1987: 49f.), verdeutlicht einen Punkt, der bei der Betrachtung des Bildes vom anderen Land besondere Beachtung verdient. Eine Analyse nationaler Fremdbilder allein auf deren Wahrheitsgehalt hin dürfte kaum ergiebig sein: Weil die Bilder vielfach auf grober Vereinfachung beruhen, lassen sich lediglich punktuelle Wirklichkeitsüberschneidungen nachweisen lassen. Da jedoch „Selbst- und Fremdbilder von Nationen unausweichlich miteinander verknüpft sind, […] ist jede explizite Fremdcharakterisierung einer anderen Nation immer auch eine implizite (oftmals unbewußte) Selbstcharakterisierung der eigenen“ (A. Nünning 1999: 326).
Die Berücksichtigung der Interferenz nationaler Selbst- und Fremdbilder ist in der komparatistischen Imagologie als relevantes Kriterium bei der Analyse von Texten allgemein anerkannt (vgl. Moritz 1998: 65). Wenn man also die Möglichkeiten der ästhetischen Funktionalisierung, die sich aus dieser Verschränkung nationaler Selbst- und Fremdbilder ergibt, berücksichtigt, so ergeben sich daraus folgende Grundkonstellationen:
[E]ntweder stellt man ein Eigenideal auf und setzt ihm die Fremdkritik entgegen, oder man geht von der Kritik am Eigenen aus und sucht das Ideal im Fremden. Doch sind auch negative und positive Parallelen zwischen Eigenbild und Fremdbild möglich (Bleicher 1980:18)
Auch wenn prinzipiell die implizite Eigenkritik durch die Möglichkeit der Fremderhöhung gegeben ist, geht die Darstellung von nationalen Fremdbildern in der Regel „damit einher, die eigene Nation durchaus positiv darzustellen“ (A. Nünning 1999: 326). Aus diesem Zusammenhang ergibt sich auch der Schluß, „daß die Eigenbilder eines Volkes und die Bilder, die von ihm im Bewußtsein anderer Völker existieren, gewöhnlich nicht nur voneinander ver-
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schieden sind, sondern sich sogar widersprechen“ (Boerner 1975: 317). Ansgar Nünning (1999: 326) nennt als wichtigste Funktionen, die sich aus dem Wechselverhältnis von Selbst- und Fremdbild ergeben, „die Bewußtmachung vermeintlicher kultureller Eigentümlichkeiten und Verschiedenheiten, die Abgrenzung von anderen Nationen“ sowie die daraus resultierende nationale Identitätsstabilisierung.
2.1.4 Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität
Die Langlebigkeit von nationalen Stereotypen läßt sich schon allein anhand der verschiedenen Ausprägungen überzeitlicher Stereotypen von Deutschland und den Deutschen in der englischen Literatur belegen (vgl. Kapitel 2.2.3). Neben dem Vorkommen in der Literatur sind solche Bilder aber auch im Bewußtsein der verschiedenen Individuen einer Gesellschaft präsent. Dieses Phänomen läßt sich mit dem Modell des ‚kulturellen Gedächtnisses’ erfassen, das Jan Assmann (1988: 9ff.) aus den Ansätzen von dem Soziologen Maurice Halbwachs und dem Kunsthistoriker Aby Warburg und aufgegriffen und weiterentwickelt hat. Prinzipiell unterscheidet er zwischen dem kommunikativen Gedächtnis und dem ‚kulturellen Gedächtnis’. Das kommunikative Gedächtnis (oder Alltagsgedächtnis), in welchem „jene Spielarten des kollektiven Gedächtnisses zusammen[gefaßt werden], die ausschließlich auf Alltagskommunikation beruhen“ (Assmann 1988: 10), zeichnet sich „durch ein hohes Maß an Unspezialisiertheit, Rollenreziprozität, thematische Ungefestigtheit und Unorganisiertheit“ (ebd.) aus, zudem ist es sich auf einen Horizont von ungefähr drei bis vier Generationen beschränkt; dieser Horizont wandert mit dem gegenwärtigen Zeitpunkt mit (vgl. ebd.: 11).
Während sich das kommunikative Gedächtnis durch seine Alltagsnähe auszeichnet, ist für das kulturelle Gedächtnis eine Alltagsferne (hinsichtlich des Zeithorizontes) charakteristisch (vgl. ebd.: 12). Konstitutive Merkmale (nach Assmann 1988: 13ff.) sind folgende:
• ‚Identitätskonkretheit’ oder ‚Gruppenbezogenheit’: Im kulturellen Gedächtnis wird der Wissensvorrat einer Gruppe bewahrt, der zur Identitätsfestigung im positiven („das sind wir“) und zur Abgrenzung von anderen Gruppen im negativen Sinne („das ist unser Gegenteil“) dient (vgl. ebd.: 13).
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• ‚Rekonstruktivität’: Die Vergangenheit wird nicht wie auf einem Speichermedium bewahrt. „Das kulturelle Gedächtnis verfährt rekonstruktiv, d.h. es bezieht sein Wissen immer auf eine aktuell gegenwärtige Situation“ (ebd.: 13). A. Nünning (1995: 186) faßt dies folgendermaßen zusammen: „[D]ie Gesellschaft [konstruiert] von ihrer jeweils gegenwärtigen Situation aus ihre Geschichte(n) unter wechselnden Bezugsrahmen neu.“
• ‚Geformtheit’: Die Inhalte des kulturellen Gedächtnisses manifestieren sich in Form von Schriften, Bildern und Riten (vgl. Assmann 1988: 14), „um kulturell überliefert zu werden“ (A. Nünning 1999: 328).
• ‚Organisiertheit’: steht a) „für die institutionelle Absicherung von Kommunikation“ sowie b) „für die Spezialisierung der Träger des kulturellen Gedächtnisses“ (Assmann 1988: 14). Im Gegensatz zum kommunikativen Gedächtnis, bei dem „Verteilung und Partizipationsstruktur [diffus] sind“ ist das kulturelle Gedächtnis durch die Autorität gewisser Institutionen „auf eine Art ‚Pflege’ angewiesen“ (ebd.: 14).
• ‚Verbindlichkeit’ - Das kulturelle Gedächtnis „etabliert eine klare Werthierarchie“ (Sommer 2003: 137), „welche den kulturellen Wis-sensvorrat und Symbolhaushalt strukturiert“ (Assmann 1988: 14).
• ‚Reflexivität’: Die Reflexivität des kulturellen Gedächtnisses macht sich in drei Ausprägungen bemerkbar: Durch seine ‚Praxisreflexivität’ deutet es die gängige Praxis in Form von Sprichwörtern, Lebensregeln und Riten; durch seine ‚Selbstreflexivität’, mit der es im Sinne der Auslegung, Ausgrenzung, Umdeutung, Kritik etc. aus sich selbst Bezug nimmt. Weiterhin ist es „Selbstbild-reflexiv“, denn es reflektiert das Selbstbild der jeweiligen Gruppe (vgl. Assmann 1988:15). Das kollektive Gedächtnis übernimmt also eine wesentliche Funktion bei der Ausbildung einer Gruppenidentität; es stellt „ein kollektiv geteiltes Wissen vorzugsweise (aber nicht ausschließlich) über die Vergangenheit, auf das eine Gruppe ihr Bewußtsein von Einheit und Eigenheit stützt“ (Assmann 1988: 15). Die Erkenntnisse hinsichtlich des kollektiven Gedächtnisses sind vor allem für die Analyse des Romans England, England (Kapitel 5) relevant, da hier die Möglichkeiten des kollektiven Erinnerns einer Nation explizit thematisiert werden; auf die anderen Romane kann das Prinzip jedoch auch angewandt
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werden, da nationale Auto- und Heterostereotype in einer unmittelbaren Verbindung mit dem Konzept des kollektiven Gedächtnisses stehen: Aufgrund ihrer direkten Bezogenheit auf ein kollektives Selbstbild können [sie] als zentrale Bestandteile des kulturellen Gedächtnisses konzeptualisiert werden. Dies läßt sich […] funktional begründen, denn ebenso wie das kulturelle Gedächtnis als Ganzes tragen Nationalstereotypen maßgeblich zur Ausbildung eines Nationalbewußtseins bei.“(A. Nünning 1999: 329)
2.2 Englisches Selbstbild und englische Fremdbilder
2.2.1 Englishness - zwischen Empire und ‚Cool Britain’
Once upon a time the English knew who they were. There was such a ready list of adjectives at hand. They were polite, unexcitable, reserved and had hotwater bottles instead of a sex life: how they reproduced was one of the mysteries of the western world. They were doers rather than thinkers, writers rather than painters, gardeners rather than cooks. They were class-bound, hidebound and incapable of expressing their emotions. They did their duty. (Paxman 1998: 1)
Jeremy Paxmans Beschreibung der Engländer bezieht sich auf eine Vergangenheit, in der das englische Selbstbild so selbstverständlich definiert war, daß kaum jemand auf den Gedanken gekommen wäre, dieses zu hinterfragen. Gerade in der Zeit des britischen Empires war die Weltmachtstellung Eng-lands ein integraler Teil des nationalen Selbstbildes (vgl. Nünning/Nünning 1996: 13). Eine zentrale Rolle spielte diesbezüglich die Literatur; einerseits bezog sie sich thematisch auf das Empire und spiegelte somit die politische und gesellschaftliche Realität der damaligen Zeit wieder; andererseits leistete sie einen wesentlichen Beitrag zur Konstruktion und Propagierung dieser Bilder (vgl. ebd.: 11f.).
Die Auswirkungen des britischen Weltreiches sind bis heute in der englischen Gesellschaft zu spüren. „[C]olonialism and imperialism have left behind many social and political problems, and many of the values, preconceptions and cultural stereotypes associated with the imperial world-view have been bequeathed to us” (ebd.: 7). Das britische Empire ist in das kulturelle Gedächtnis Englands eingegangen und wirkt dort weit über dessen Zusammenbruch hinaus im englischen Selbstbild fort. Im England der 1970er Jahre (aus dieser Dekade stammen zwei der in dieser Arbeit analysierten Romane) sind die Auswirkungen des Kolonialismus noch stärker zu spüren als heute. Bill
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Bryson (1995: 11ff.) beschreibt im Prolog seines Reiseberichts seine erste Begegnung mit England im Jahre 1973, die nicht von Gastfreundschaft und Weltoffenheit, sondern von der Dominanz antiquiert wirkender Werte und Normen der Kolonialzeit gekennzeichnet war. - der berühmt-berüchtigte englische Verhaltenskodex, die stiff upper lip sowie eine gewisse Selbstfixiertheit, die in Zusammenhang mit der britischen Inselmentalität gesehen werden muß, dominieren seine Eindrücke.
In der Zeitspanne zwischen 1970 und 1998 die zwischen dem ersten und dem letzten der hier analysierten Romanen liegt, haben sich gesellschaftliche Vorzeichen in Großbritannien entscheidend verändert. Die Thatcher- Jahre verwandelten das Vereinigte Königreich in eine konsumorientierte Gesellschaft, und auch die bei Erscheinen von England, England noch junge Labour-Regierung bemühte sich - u.a. mit ihrer ‚Cool Britain’-Kampage - um eine Umdeutung dieses alten Images; sie wollte das Bild eines dynamischen, modernen und zukunftsorientierten Großbritannien evozieren. Trotz der Inversion wirtschaftlicher Koordinaten und den mannigfaltigen modernen Aspekten der englischen Gesellschaft sind jedoch die Anzeichen der sprichwörtlichen Insel-mentalität noch ersichtlich: 10 Der Beschluß der Beibehaltung der englischen Währung ebenso wie die Entscheidung, dem Schengener Abkommen nicht beizutreten, waren wohl zumindest teilweise das Ergebnis der Angst vor der Aufgabe der nationalen Souveränität. Insgesamt macht sich in England gegen Ende des 20. Jahrhunderts eine Europhobie bemerkbar, für die oft mit Deutschland verbundene Nationalstereotype funktionalisiert wurden (vgl. Nünning/Nünning 2003: 135).
Auch innerhalb des Vereinigten Königreiches macht sich die Heterogenität des Konstruktes Großbritanniens bemerkbar: Der Prozeß der devolution, der durch die Labour-Regierung der späten 1990er Jahre entscheidend voran-
getrieben wurde, verursacht Ängste vor einem inneren Zerfall. 11 England, wel-
10 Paxman(1998:29) zitiert die berühmte Überschrift aus der Times: „FOG IN CHANNEL -CONTINENT CUT OFF“, die er als bezeichnend ist für das Verhältnis der Engländer zu Europa ansieht.
11 In England, England (1998: 38) wird dieses Problem auch explizit thematisiert: „[W]ould England ever lose her strong and unique individuality established over so many centuries if [...] Wales and Scotland and Northern Ireland decided to bugger off?”
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Arbeit zitieren:
Wolfgang Scholz, 2004, Formen und Funktionen der narrativen Inszenierung nationaler Selbst- und Fremdbilder in zeitgenössischen englischen Romanen, München, GRIN Verlag GmbH
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