WESTFÄLISCHE WILHELMS-UNIVERSITÄT MÜNSTER
Fachbereich 6
Erziehungswissenschaft und Sozialwissenschaft
Diplomarbeit
zur Erlangung des akademischen Grades
einer Diplom-Pädagogin/eines Diplom-Pädagogen
Offene Ganztagsgrundschule -
Kooperation von Jugendhilfe und Schule
vorgelegt von:
Müller Volker
Inhalt
Einleitung ... 3
1 Die offene Ganztagsgrundschule in Nordrhein-Westfalen ... 6
1.1 Das Konzept der offenen Ganztagsgrundschule ... 6
1.2 Rechtsgrundlagen und Finanzierung der Offenen Ganztagsgrundschule ... 8
1.3 Hintergründe für die erneute Diskussion über Ganztagsschulen ... 11
1.4 Schulmodelle und Praxiskonzepte für die Ganztagsschule ... 14
1.5 Formen der Ganztagsschule ... 17
1.6 Kritik an der offenen Ganztagsschule ... 21
2 Verbesserte Bildungsqualität durch die Kooperation von Jugendhilfe und Schule
2.1 Ursprung der Trennung von Jugendhilfe und Schule ... 30
2.2 Entwicklungen und Geschichte der Schulsozialarbeit ... 32
2.3 Lebensweltorientierung und Kinder- und Jugendhilfegesetz ... 44
2.4 Veränderte Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen ... 47
2.5 Grenzen und Defizite des Schulsystems ... 57
2.6 Bildungspotentiale in der Kinder- und Jugendhilfe ... 72
3 Praktische Umsetzung der Kooperation von Jugendhilfe und Schule ... 89
3.1 Aufgaben und Arbeitsfelder der Jugendhilfe in der Kooperation ... 89
3.2 Probleme bei der Kooperation von Jugendhilfe und Schule ... 92
3.3 Hemmende und fördernde Faktoren für die Kooperation ... 95
3.4 Modelle für die Umsetzung der offenen Ganztagsgrundschule ... 101
3.5 Gestaltung einer bildungsorientierten Kooperation ... 102
3.6 Standards für eine bildungsorientierte Kooperation ... 106
3.7 Erste Formen und Beispiele offener Ganztagsgrundschulen ... 112
Schlussbetrachtung ... 114
Literaturverzeichnis ... 117
Einleitung
Ganztagsschulen sind - wieder - ein aktuelles Thema. Nachdem sich die Halbtagsschule gegen Ende des 19. Jahrhunderts schrittweise durchzusetzen begann und den bis dahin üblichen Unterricht bis 16 Uhr um 1920 fast völlig verdrängt hatte, entflammten schon seit der Zeit der Weimarer Republik immer wieder Diskussionen um die Wiedereinführung der ganztägigen Schulform. Zuletzt wurde das Thema Ende der achtziger Jahre im Zuge der Diskussion um die veränderten Aufwachsbedingungen von Kindern und Jugendlichen zum Politikum. Nachdem es zwischenzeitlich wieder etwas mehr in den Hintergrund getreten war, rückte es in jüngster Zeit wieder verstärkt in den Mittelpunkt des Interesses. Einer der Auslöser für diese erneute Aktualität des Themas ist das schlechte Abschneiden des deutschen Schulsystems bei den internationalen Vergleichsstudien TIMSS und PISA und die daraus resultierende öffentliche Diskussion um die Qualität deutscher Schulen. Zudem besteht ein erhöhter Bedarf an Betreuungsplätzen für Kinder und jüngere Jugendliche ab dem Grundschulalter, der seine Ursachen einerseits in den besagten veränderten Aufwachsbedingungen hat, die seit ihrer Beschreibung in den achtziger Jahren nach wie vor fortbestehen und andererseits in dem familien- und beschäftigungspolitischen Versprechen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Konkrete Gestalt findet die Idee der Ganztagsschule derzeit in Form der „offenen“ Ganztagsschule, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sie sich gegenüber ihrem Umfeld für neue Bildungsformen und externe Kooperationspartner öffnet und dass ihr Aufbau bundesweit mit finanziellen Mitteln gefördert wird. Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen konzentriert sich dabei auf den Primarstufenbereich. Die Ministerin für Schule, Jugend und Kinder in NRW, Ute Schäfer fasst die Leitidee dieses Konzeptes wie folgt zusammen:
„Die offene Ganztagsgrundschule ist eine zeitgemäße Antwort auf die familien-, sozial- und bildungspolitischen Herausforderungen unserer Zeit. Sie verändert den Alltag in unseren Schulen positiv und sie entlastet Familien - und dabei insbesondere junge Frauen -, für die es möglich wird, Beruf und Kinder besser miteinander zu verbinden als bisher.“(MSJK 2004c)
An anderer Stelle stellt die Ministerin klar, dass es bei der Verwirklichung dieses Programms nicht allein um beschäftigungspolitische Aspekte geht, sondern dass ein völlig neuer Schultypus auf den Weg gebracht werden soll: „Die offene Ganztagsgrundschule sichert mehr als Betreuung den ganzen Tag. Sie ist ein Weg zu einer neuen Schule. Auf diesen Weg wollen wir viele mitnehmen.“ sagte die Ministerin dieses Jahr im Rahmen der Regionaltagungen „offene Ganztagsgrundschule“ (MSJK 2004d). Insbesondere sind damit die Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen angesprochen, die als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe aufgefordert sind, den herkömmlichen Grundschulbetrieb zu ergänzen und zu verändern und sich – neben den Lehren und Lehrerinnen – als neue Akteure einzubringen, um dadurch der Maßgabe des Ministeriums zu entsprechen, mithin „für Kinder mehr Bildungsqualität und Chancengleichheit“ (MSJK 2004e) sicherzustellen. Die Jugendhilfe soll Grundschulkinder also nicht einfach nur betreuen, sondern auch dabei helfen, die Lernbedingungen für alle Schülerinnen und Schüler zu optimieren. Zunehmend versteht sie sich selbst als Bildungsinstanz, und so ist es auch nicht verwunderlich, dass einer der vier Themenschwerpunkte auf dem 12. Deutschen Jugendhilfetag (02.-04. Juni 2004 in Osnabrück) „Bildung als Lebensaufgabe“ lautete. In diesem Zusammenhang wurde dort auch das Konzept der offenen Ganztagsschule als Gegenstand der Sozialpädagogik debattiert. Unter Berücksichtigung des neuen Schulkonzeptes versucht die Jugendhilfe zunehmend, sich mit den neuen bildungspolitischen Realitäten auseinanderzusetzen und die Chancen und Grenzen neuer Handlungsmöglichkeiten auszuloten. Auch die Medien haben sich bereits in die Diskussion eingeschaltet. Beispielsweise findet sich auf der Webseite des Westdeutschen Rundfunks (WDR) ein Diskussionsforum zu diesem Thema, in der Einleitung der Redaktion heißt es:
„10.000 neue Ganztagsschulen will der Bund deutschlandweit erschaffen. Das erklärte Ziel: Den Bildungsauftrag der Schule mit dem der Kinder- und Jugendhilfe zu verbinden. Das heißt, nachmittags sollen Förderkurse, Sportkurse und Arbeitsgemeinschaften angeboten werden. Was halten Sie von Ganztagsschulen? Chance auf eine bessere Bildung oder nur Verwahrungsanstalt1?“ (WDR 2004a)
Die offene Ganztagsgrundschule wird von ihren Gegnern als „Verwahranstalt“ bezeichnet. Sie kritisieren, dass nur die „gebundene Ganztagsschule“ die Lehrer gestaltet wird und keine Kooperation mit der Jugendhilfe oder anderen außerschulischen Partnern vorsieht. Diese Sichtweise ist Ausdruck einer Tendenz in der aktuellen Bildungsdebatte, das Thema Bildung unangemessen nur unter Einbeziehung von schulischen Themen und Sichtweisen zu diskutieren. Wenn Bildung jedoch ganzheitlich und umfassend erfasst und analysiert werden soll, müssen die Bildungsbedingungen außerhalb der Schule ebenso miteinbezogen werden wie die Wirkung der schulischen Strukturen selbst. Deshalb wird im folgenden die offene Ganztagsgrundschule unter dem Aspekt der Kooperation von Jugendhilfe und Schule behandelt. Dabei soll gezeigt werden, so die Kernthese der vorliegenden Arbeit, dass die Zusammenarbeit der beiden Sozialisationsinstanzen die Bildungsqualität an Schulen verbessern kann.
Dazu wird im ersten Teil inhaltlich in die Thematik eingeführt. Das Konzept der offenen Ganztagsgrundschule wird dabei ausführlich vorgestellt und im Zusammenhang mit anderen Ganztagsschulformen und -konzepten kritisch bewertet.
Im zweiten Teil wird dann theoretisch begründet, warum diese Kooperation die Bildungsqualität für Kinder und Jugendliche verbessern kann. Nach einer historischen Betrachtung und kritischen Beleuchtung der Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule im Kontext der Schulsozialarbeit wird verdeutlicht, warum die beiden Sozialisationsinstanzen unter heutigen Bedingungen zusammenarbeiten sollten. Dazu werden veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Grenzen und Defizite des Schulsystem sowie neue Bildungsanforderungen behandelt. Abschließend werden die Bildungspotentiale aufgezeigt, die die Jugendhilfe in die offenen Ganztagsschulen einbringen kann. Die praktische Umsetzung der Kooperation wird abschließend im dritten Teil behandelt. Dabei werden Möglichkeiten, Probleme und Standards bei der Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule vorgestellt und im Zusammenhang mit einer Verbesserung der Bildungsqualität diskutiert.
[....]
1 Eigentlich verwenden die Kritiker das Wort „Verwahranstalt“
Arbeit zitieren:
Diplom Pädagoge Volker Müller, 2004, Offene Ganztagsgrundschule - Kooperation von Jugendhilfe und Schule, München, GRIN Verlag GmbH
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Volker Müller's Text Offene Ganztagsgrundschule - Kooperation von Jugendhilfe und Schule ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Volker Müller hat den Text Offene Ganztagsgrundschule - Kooperation von Jugendhilfe und Schule veröffentlicht
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